Zadie Smith: White Teeth

White Teeth war Zadie Smiths erster Roman und verschaffte ihr quasi über Nacht einen festen Platz unter den Größen der britischen Literatur. Der Roman ist recht umfangreich, sowohl was die Seitenzahl als auch die Fülle der Themen anbelangt. Glaube, Religion, Fundamentalismus, Extremismus, Feminismus, Liebe, Coming of Age, Kolonialismus, Herkunft und Identität werden allesamt in diesem Roman behandelt, und dann habe ich sicher noch einige Themen vergessen.

ZadieSmith_WhiteTeeth

Kern der ganzen Geschichte sind die Familien Jones und Iqbal, deren Väter vor Jahrzehnten mal im gleichen Krieg zufällig im gleichen Panzer saßen. Der eine kommt aus Großbritannien, der andere aus Bangladesh. Nun leben beide, verheiratet und mit Kindern, nicht weit voneinander entfernt in London. Samad Iqbal leidet sehr unter seiner Situation als Einwanderer. Er fühlt sich nie wirklich willkommen und hofft, dass seine beiden Söhne nicht von der britischen Kultur assimiliert werden. Für ihn kann das Leben in England nie mehr als ein vorübergehender Zustand sein und seine Söhne sollen unter gar keinen Umständen ihre Wurzeln vergessen. Archie Jones heiratet nach einem Suizidversuch die deutlich jüngere Clara, Tochter jamaikanischer Einwanderer und bis vor kurzem überzeugte Zeugin Jehovas.

„and certainly we could argue this out in the street, but I think, in the end, your past is not my past and your truth is not my truth and your solution – it is not my solution.“

Das Familienleben beider Männer ist von diversen Krisen gezeichnet. Vor allem für Samad spielt die Frage der Identität und der Herkunft eine große Rolle. Er leidet sehr darunter, dass er, der in Bangladesh eine Universität besucht hat, nun in einem zweitklassigen indischen Restaurant arbeiten muss. Seine Religion spielt eine immer größer werdende Rolle, denn ständig sieht er sich als Muslim Angriffen der westlichen Kultur ausgesetzt. Zuviel Unterhaltung, Pornographie, Alkohol, Frauen. Er schafft es nicht, diesen Versuchungen zu widerstehen und gemäß seinen eigenen Maßstäben zu leben, was ihn umso erbitterter (und sinnloser) dagegen kämpfen lässt. Für seine Söhne Magid und Millat sieht er die einzige Hoffnung in einer Rückkehr nach Bangladesh. Dass seine Söhne in einem anderen Land geboren wurden als er, dass sie andere Wurzeln haben, sieht er nicht.

Eine andere Form religiösen Fanatismus erlebt Clara in ihrer Familie. Als Teenagerin muss sie jeden Sonntag von Tür zu Tür gehen und Faltblätter der Zeugen Jehovas verteilen. Mit 19 wagt sie einen so plötzlichen wie radikalen Wechsel in ihrem Leben, was ihr aber die lebenslange Verachtung ihrer Mutter einbringt, die weiter unter den Auserwählten bleiben will, wenn schon bald die Welt untergeht.

Im Personal von White Teeth ist nahezu jede denkbare Konfiguration, jede Identitätskrise, jede Abweichung von der britischen Mehrheitsgesellschaft vertreten. Muslime, Juden, Jamaikaner, Homosexuelle, fanatische Tierschützer, verrückte Wissenschaftler. Bemerkenswerterweise wirkt das bei Zadie Smith kaum bemüht, sondern passt sehr gut zusammen. Naja, fast, die homosexuelle Nichte wirkt ein bisschen reingeflickt und die dazugehörige Freundin verschwindet auch sang- und klanglos wieder von der Bildfläche, nachdem sie ihre Funktion erfüllt und ein Abendessen hat peinlich werden lassen.

Dieses peinliche Abendessen findet übrigens statt bei den Chalfens, einer relativ wohlhabenden jüdischen Familie, die zumindest optisch Teil der Mehrheitsgesellschaft ist. Vor allem Mutter Chalfen ist wahnsinnig interessiert an anderen Kulturen und auch wirklich sehr aufgeschlossen, aber was man über arabische Männer liest… Da muss man sich nicht wundern, wenn die alle Extremisten werden. Sie ist, kurz gesagt, ein wunderbares Beispiel von Personen, die gerne helfen wollen und dabei nicht merken, dass sowohl ihre Hilfe an sich als auch die Intention dahinter eigentlich auch nur Rassismus sind.

Zadie Smith baut ein gigantisches Panorama der britischen Gesellschaft auf. Alles ist da, alles ist irgendwie abgebildet, es ist ein wirklich großer Roman. Dabei bleiben leider einige Längen nicht aus. Ich zumindest fand nicht alle Passagen des Romans gleich packend und die Affäre Samads mit der Lehrerin seiner Söhne hat mich sogar wahnsinnig gelangweilt. Das aber ändert nichts daran, dass White Teeth ein selten überzeugendes und umfassendes Gesellschaftsporträt ist, das sehr diverse Biographien über Jahrzehnte zu einem großen Ganzen verwebt, in dem kein einzelner Faden mehr fehlen kann.

Die Themen des Romans sind groß und entbehren nicht einer gewissen Brisanz. Aber auch wenn die Figuren und ihre Biographien zum Teil tragisch sind, wird die Geschichte mit viel Humor erzählt, der aber immer auch die Ernsthaftigkeit durchblicken lässt, mit der die Autorin an die Themen herantritt.


Zadie Smith: White Teeth. Gelesen in der Ausgabe Penguin 2001. Erste Ausgabe Hamish Hamilton 2000. Auf deutsch lieferbar unter dem Titel Zähne zeigen bei KiWi in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Das Zitat stammt von S. 179

Der Roman ist vielfach ausgezeichnet worden und stand 2000 auf der Shortlist des Orange Broadband Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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5 Gedanken zu “Zadie Smith: White Teeth

  1. letteratura 6. Juni 2017 / 19:22

    Ich fand den Roman sehr gut, habe aber beim Lesen Deiner Besprechung gemerkt, dass ich mal wieder an nichts mehr erinnere. Auch ein Kandidat zum Wiederlesen. Erstmal aber lese ich den neuen, der ja bald in deutscher Übersetzung rauskommt, bin sehr gespannt. Viele Grüße!

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    • Marion 6. Juni 2017 / 23:03

      Gerade bei diesem Roman finde ich es auch jetzt schon schwierig, ihn zusammenzufassen. Vielleicht liegt es an der Menge der Themen. Ein erneutes Lesen dürfte sich aber lohnen.

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  2. literaturreich 6. Juni 2017 / 20:46

    Berücksichtigt man, dass das ein Erstling war, dann komme ich aus den Lobeshymnen gar nicht mehr heraus (und habe die eventuellen Längen gänzlich verdrängt ;)). Viele Grüße, Petra

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  3. herbstblatt101 9. Juni 2017 / 18:06

    So wunderschön geschrieben, liebe Marion. Ich habe ja nun auch schon die wunderbaren Besprechungen von „Literaturreich“ gelesen, seither ist Zadie Smith mir ein Begriff und ich möchte ihre Werke unbedingt kennenlernen.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und sende liebe Grüße.

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