Barbara Kingsolver: The Poisonwood Bible

In den späten 1950ern verpflichtet sich der Baptisten-Prediger Nathan Price als Missionar nach Belgisch Kongo zu gehen. Die Missionsleitung rät ab, zu unsicher ist die politische Situation im Kolonialstaat. Doch unbeirrt packt Reverend Price seine Frau Orleanna und die Töchter Rachel, Leah, Adah und Ruth May in ein Flugzeug gen Afrika. Ziel der Reise ist Kilanga, ein kleines Dorf mitten im Dschungel. Und dort ist alles ganz anders als erwartet.

kingsolver_poisonwoodbibleDie einheimische Bevölkerung ist nämlich gar nicht so begeistert von der versprochenen Erlösung und die absurde Idee, sich im Fluss taufen zu lassen, stößt auf blankes Entsetzen. Der mühsam angepflanzte Garten, der ein Schaustück für Gottes Schöpfung werden sollte, geht jämmerlich ein. Und am Ende stellt sich heraus, dass die wenigen Gemeindemitglieder, die jeden Sonntag kommen, nicht etwa bekehrt sind, sondern schlicht keine andere Wahl mehr sehen. Es sind die Aussätzigen, die Mörder und alle anderen Verdammten, von denen die richtigen Götter und auch das Dorf nichts mehr wissen wollen. Doch all das kann Nathan Price nicht aufhalten, der nun einmal den Ruf des Herrn vernommen hat. Seine Familie verzweifelt derweil an den Umständen und wünscht sich nichts sehnlicher als den Heimflug.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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Karan Mahajan: The Association of Small Bombs

1996 explodiert eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi. Es ist eine kleine Bombe, es werden nur 13 Personen getötet und 30 weitere verletzt. Verantwortlich zeigt sich eine islamische Organisation, die vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts handelt. Der Konflikt zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit in Delhi ist für die Bewohner der Stadt nichts Ungewöhnliches, auch Sprengstoffattentate sind keine Seltenheit.

„And you know what happens when a bomb goes off? The truth about people comes out.“

Aber für das Ehepaar Khurana ändert sich mit dieser Explosion alles. Sie verlieren ihre beiden Teenager-Söhne Tushar und Nakul. Mansoor, ein enger Freund der beiden Jungen, wird schwer verletzt. Der Vorfall stellt das Verhältnis der Khuranas und den Eltern Mansoors auf eine harte Probe, denn Mansoor ist Moslem.

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Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Das Buch der Unruhe, so steht es auf dem Cover, ist „Ein Jahrhundertbuch“. Ich musste es trotzdem kurz vor Ende, auf Seite 471 von 556 abbrechen, es ging einfach nicht mehr. Nach dem Ende des eigentlichen Texts gibt es in der Fischer-Ausgabe noch weitere Texte und Briefe, die Pessoa ursprünglich möglicherweise in diesem Buch verarbeiten wollte, dann aber Abstand davon genommen hat. Dann können sie nicht so wichtig sein, habe ich beschlossen.

„Ich habe wahre Tränen vergossen über diesem Roman, weil ich nicht in jener Zeit gelebt habe, mit jenen Menschen, wirklichen Menschen.“

Das Manuskript zu diesem Buch, so erzählt es Pessoa in der Einleitung, wurde ihm übergeben von Bernardo Soares, einem Hilfsbuchhalter im Lissabon der 1930er. Es ist eine Art Tagebuch dieses Mannes, der ein einfaches und zurückgezogenes Leben führt und vor allem, so zumindest meine Empfindung, ein gänzlich trostloses.

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Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

Shylock Is My Name ist der zweite Teil der Hogarth Shakespeare-Reihe und zugleich ein Zitat Shylocks aus dem Stück „The Merchant of Venice“, auf deutsch „Der Kaufmann von Venedig“. Das Stück wird oft für seinen ziemlich unverhohlenen Antisemitismus kritisiert und sehr unterschiedlich interpretiert. Einige Interpreten unterstreichen, dass auch der Jude im Stück ein gleichberechtigter Mensch sei, andere sind der Ansicht, Shylock habe einfach die Rolle des Bösewichts, des „Vice“, seine Boshaftigkeit habe also gar nichts mit dem Judentum zu tun. Wieder andere finden, Shylock sei nicht grausamer Täter sondern vielmehr das Opfer in der ganzen Angelegenheit. Aber worum geht es denn eigentlich? Grob zusammengefasst ist das hier die Story:

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Joseph Roth: Hiob

hiob„Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet werden?“

 Mendel Singer ist gläubiger Jude, zu Beginn der Erzählung in den 1910ern gerade dreißig Jahre alt und lebt in Russland. Seinen Lebensunterhalt verdient er mehr schlecht als recht als Lehrer. Von dem Gehalt müssen seine Frau Deborah leben sowie die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam und Menuchim.

Deborah ist ständig unzufrieden mit dem wenigen, was die Familie hat, doch eigentlich ist es ganz gut um sie bestellt. Bis zur Geburt Menuchims, der schwer krank ist. Seine Gliedmaßen sind nicht vollständig entwickelt, er kann nicht laufen und lernt das sprechen fast gar nicht. Nur das Wort „Mama“ lernt er spät und wiederholt es von da an unablässig. Eine Strafe Gottes, vermuten die Eltern, auch wenn sie nicht wissen wofür. Der konsultierte Rabbi verspricht eine Genesung des Jungen, wenn die Eltern nur Geduld haben und ihn nicht verlassen. Die älteren Geschwistern ärgern und quälen Menuchim, weil sie seinetwegen Nachteile haben und gehänselt werden.

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Szilárd Borbély: Die Mittellosen

diemittellosen„Ihr wisst, dass man uns im Dorf verachtet. In diesem Dorf werden wird gehasst. In jedem Dorf hasst man uns.“

In Die Mittellosen erzählt der ungarische Autor Szilárd Borbély die Geschichte eines Jungen, der in den 60er-Jahren in äußerster Armut in einem Dorf in Ungarn, nahe der rumänischen Grenze aufwächst. Er lässt den Jungen selbst zur Sprache kommen, was eine sehr unmittelbare Perspektive schafft.

Das Haus der Familie ist aus Lehm gebaut, der Boden besteht aus gestampfter Erde, mit Teerpappe vor Feuchtigkeit geschützt. Der junge Erzähler teilt sich mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern einen Raum mit zwei Betten darin. Außer ein paar Hühnern und Schweinen besitzt die Familie fast nichts. In der Dorfgemeinschaft werden sie ausgegrenzt. Der Vater bekommt keine Arbeit, nicht einmal in der LPG, in den Geschäften werden sie betrogen. Der Grund dafür wird nicht ganz klar. Einige behaupten, der Vater des Jungen sei ein Jude, zumindest ein Halbjude, allerdings feiert die Familie christliche Feste, was ebenfalls auf Ablehnung stößt. Ein Weggang aus dem Dorf wird zwar immer wieder ins Auge gefasst, dann aber aus verschiedenen Gründen verworfen. Am meisten hasst die Mutter das Dorf, glaubt aber nicht daran, dass es woanders besser werden könnte.

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Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht

dunkelfastnacht„So eine Art Schauerroman. Schloss Fürstenstein, Fürstin Daisy und andere Wałbrzycher Geschichten. Ein Teil spielt in der Kriegszeit, aber das meiste heute. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart.“

Ich hatte es ja schon befürchtet – meine Erwatungshaltung gegenüber Bators neuem Roman war fast unerreichbar hoch, nachdem ich Sandberg und Wolkenfern so geliebt hatte. Wie auch ihre anderen Romane spielt Dunkel, fast Nacht im polnischen Wałbrzych, rund 60 Kilometer von Wrocław gelegen. Wałbrzych hieß mal Waldenburg und die bewegte deutsch-polnische Vergangenheit sitzt der Stadt und ihren Einwohnern noch immer in den Knochen.

Alicja Tabor ist dort aufgewachsen, lebt aber seit Jahren als Journalistin in Warschau. Nach Wałbrzych zieht sie nichts mehr, ihre Eltern und ihre Schwester sind schon vor Jahren gestorben und ihr bleibt dort nichts als ein verfallendes Haus. Dorthin kehrt sie nun aber im Auftrag ihrer Zeitung zurück, denn drei Kinder sind spurlos verschwunden und sie soll mit den Angehörigen sprechen. Sobald sie in das Haus zurückkehrt, finden die Geister ihrer Kindheit sie wieder. Ihr Vater war Historiker und davon besessen, in Schloss Fürstenstein mit seinem riesigen, unterirdischen Gängesystem einen sagenumwobenen Schatz zu finden. Ihre Schwester Ewa, jung verstorben, glaubte an den Geist der letzten Fürstin Daisy, die ihr Lichtsignale aus dem Schloss sendet. Und durch den Boden des Badezimmers hört man nachts die Geister der Juden klopfen, die in Groß-Rosen ermordert wurden. Aber auch die erwachsene Alicja sieht sich Bedrohungen ausgesetzt. Jemand versteckt sich nachts in ihrem Garten und erhängt wenig subtil eine Katze im Apfelbaum.

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