Deirdre Purcell: Love Like Hate Adore

Angela Devine lebt in Dublin unter nicht ganz leichten Umständen. Ihre Mutter ist sehr früh an den Folgen ihrer Drogensucht gestorben und hat die achtzehnjährige Angela mit ihrem damals zwei Monate alten Halbbruder James zurückgelassen. Das ist mittlerweile 19 Jahre her. James hat, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, als Kurierfahrer ins Berufsleben gefunden, und Angela jongliert mit vier Jobs um die laufenden Kosten decken zu können. Aber die beiden kommen schon irgendwie über die Runden.

LoveLikeHateAdore

Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht und James sprechen will. Eine Frau hat Anzeige gegen ihn erstattet, weil er sie vergewaltigt haben soll. Angelas Welt bricht zusammen. Denn wie viele Fehler ihr Bruder auch haben mag, die Faulheit, die Trinkerei, die Verschlossenheit – ein Vergewaltiger könnte er nicht sein. Aber was, wenn doch?

„I don’t know what to make of the whole incident, to tell you the truth, I’ve told you as he told me and as honestly as I can. Is that rape or is it not?“

Deirdre Purcell schildert den inneren Kampf einer Frau, die ihren Bruder nicht aufgeben will, ihm helfen will, zugleich aber auch seine Tat nicht kleinreden will. Denn James hat nun eben wirklich eine Frau vergewaltigt. Er hat sie nicht in einem dunklen Park überfallen, aber er hat doch erkennbar gegen ihren Willen gehandelt. Date Rape würde man das heute nennen. Angela macht sich selbst Vorwürfe, einen Vergewaltiger großgezogen zu haben, hat aber auch ihre Schwierigkeiten, die ganze Tat als Vergewaltigung anzuerkennen. Auch die Traumatisierung des Opfers kann sie nicht völlig akzeptieren.

Der Roman ist nicht einfach zu lesen. Das liegt natürlich zum einen am Thema, aber auch an der Erzählstimme. Angela hat kaum eine Schulbildung erlangt, sie holt ihren Abschluss erst jetzt mit Mitte 30 in der Abendschule nach. Ihre Geschichte erzählt sie in einer sehr einfachen Sprache, eben so, als würde sie es einer Freundin erzählen. Manchmal liest sich das auch etwas bemüht.  Zudem mäandert die Erzählung dadurch ziemlich vor sich hin, springt vor und zurück und gerät manchmal ins Stocken. Zudem macht Purcell noch zwei weitere große Fässer für ihre Protagonistin auf. Erstens verliebt Angela sich. Ihre letzte Beziehung liegt fast zwei Jahrzehnte zurück und die aktuelle persönliche Situation macht es ihr nicht leichter, sich zu öffnen. Zweitens weckt die große Belastung in Angela den Wunsch nach familiärer Unterstützung und sie macht sich endlich auf die Suche nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat und dessen Namen sie noch nicht einmal kennt. Beide Erzählstränge sind zwar in sich schlüssig, aber sehr ausführlich und so weit entfernt vom eigentlichen Thema des Romans, dass sie das ganze doch ziemlich aufblasen.

Trotz des interessanten und sehr kontroversen Themas hat der Roman also etliche Längen. Ich verstehe, dass Ms Purcell ihrer Protagonistin eine persönliche Entwicklung vor dem Hintergrund einer großen Katastrophe ermöglichen will, es hätte dem Roman aber gut getan, wenn das ganze etwas kompakter über die Bühne gegangen wäre.

Der Titel Love Like Hate Adore ist nicht nur eine Beschreibung Angelas wechselhafter Gefühle ihrem Bruder gegenüber, sondern kommt von einem Abzählspiel, bei dem man seinen eigenen Namen und den des Schwarms aufschreibt, die gemeinsamen Buchstaben ausstreicht und zählt, was bleibt: Love, Like, Hate, Adore, Kiss, Court, Marry.


Deirdre Purcell: Love Like Hate Adore. Macmillan 1998. 483 Seiten. Originalausgabe Macmillan 1997. Das Buch wurde nicht ins Deutsche übersetzt und ist derzeit auch im englischen Original nicht lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 143.

1998 war Purcell mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Broadband Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Women’s Prize for Fiction.

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Nicole Krauss: The History of Love

Ich weiß nicht, ob Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer zu viel oder zu wenig über ihre jeweiligen Bücher gesprochen haben, aber 2005 haben sie den gleichen Roman veröffentlicht. Ein Kind, dessen Vater früh verstorben ist, fährt kreuz und quer durch New York auf der Suche nach Hinweisen, die ihm bei der Lösung eines Rätsels helfen können. Eine Schtetl-Geschichte kommt vor und natürlich geht es um die ganz große Liebe. Zwischendurch gibt es formale Extravaganzen wie Seiten, auf denen nur ein einziger Satz steht.

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Was bei Extremely Loud and Incredibly Close Oskar Schell war, ist in The History of Love Alma Singer. Almas Vater ist früh an einer Krankheit gestorben und sie lebt nun mit ihre Mutter und ihrem Bruder Bird in New York. Bird glaubt, einer der 36 Gerechten zu sein, baut eine Arche für die bevorstehende Flut und muss einmal wöchentlich mit einem Psychologen darüber sprechen. Alma hält die Erinnerung an ihren Vater aufrecht, indem sie alles über essbare Pflanzen in der Wildnis lernt und in einem Daunenschlafsack schläft, so wie ihr Vater es angeblich einst getan hat.

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Linda Grant: When I Lived in Modern Times

Kurz nach Kriegsende ist Evelyn Sert auf einmal Waise. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, ihre Mutter, die in einem Friseursalon gearbeitet und ihr das Handwerk beigebracht hat, verstirbt plötzlich. Sie ist Jüdin und das eröffnet ihr nun plötzlich die Perspektive, ins neue gelobte Land Palästina auszuwandern, damals noch Britisches Mandat.

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Doch der erhoffte begeisterte Empfang bleibt aus. Sie kann nichts, was im neuen Land gebraucht wird und landet erstmal im Kibbuz. Mühsam versucht sie, sich in die ungewohnte Gemeinschaft einzugliedern, und begreift schnell, dass sie weitaus mehr Britin als Jüdin ist. Zwischen Feldarbeit unter sengender Sonne, Latrinenreinigung und einer unerwiderten Schwärmerei wächst ihre Frustration zusehends. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit packt sie ihre Sachen und reist nach Tel Aviv, der gerade neu entstehenden weißen Stadt am Meer, in der sich ein Bauhaus-Gebäude ans nächste reiht und es bis in die Nacht so warm ist, dass die Leute es nur draußen in den Cafés aushalten. Schnell tut sich aber ein neues Problem auf – Evelyn ist unter falschem Namen und nur als Touristin eingereist. Mit blondierten Haaren und gezupften Brauen wird sie schnell Priscilla Jones, eine Britin, deren Mann als Polizist in Tiberias stationiert ist. Die nötigen Papiere sind mit den richtigen Kontakten kein Problem.

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Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

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Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

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Margaret Atwood: Payback

Seitdem ich vor ungefähr zwei Jahren Thomas Piketty gelesen habe, bilde ich mir ein, etwas von Wirtschaft zu verstehen. Das ist so nicht richtig. Ich verstehe nicht mehr nichts von Wirtschaft, aber nun ja… Ich dachte, wie so oft könnte Atwood helfen und habe mir Payback gekauft, in dem es, wie der Untertitel verspricht, um „Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“ gehen soll. Geht es auch, aber Wirtschaft kommt halt quasi nicht vor. Viel mehr betrachtet Atwood das ganze Dilemma aus einer kulturhistorischen Perspektive, was es nicht weniger interessant macht. Wie man es erwartet, ist ihr Text natürlich sowohl sehr fundiert und informativ, aber auch sehr unterhaltsam.

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Sie beginnt ganz vorne. Aufzeichnungen über Schulden sind so alt wie die Schrift, Schulden offenbar noch viel älter. Es scheint keine Gesellschaft gegeben zu haben, in der niemals jemand Schulden gemacht hat, der Umgang damit war und ist aber sehr unterschiedlich. Vor allem in der Frage, was eigentlich passiert, wenn man seine Schulden wirklich nicht mehr in Geld zurückzahlen kann. Kann man sich selbst als Lohnsklave anbieten? Seine Frau, seine Kinder? Kann man, etwa wenn man bei einem Gott in der Schuld steht, etwas anderes opfern, einen Stier oder einen Menschen? Konnte man und kann man. Nicht immer kann man Schulden mit materiellen Mitteln ausgleichen. Atwood führt den „Paten“ als Beispiel an – ein Gefallen kann nur mit einem Gefallen ausgeglichen werden, so unschön das auch werden mag.

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Haruki Murakami: Kafka am Strand

Mit Kafka am Strand habe ich es schon mal versucht, das ist zehn Jahre her und ich habe es auf Englisch gelesen und, fürchte ich, nur die Hälfte verstanden. Nun also ein zweiter Anlauf.

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Murakami erzählt die Geschichte des 15-jährigen Kafka Tamura, der eigentlich anders heißt, sich aber diesen Namen gegeben hat, der übersetzt Krähe bedeutet. „Krähe“ ist dann auch so ein Art Alter Ego für ihn, der an wichtigen Punkten der Geschichte auftaucht, Ratschläge gibt und Kafkas Verhalten kritisch hinterfragt. IN GROSSBUCHSTABEN. Kafka hofft, der stärkste Fünfzehnjährige der Welt zu werden, denn er kämpft hart gegen eine ödipale Prophezeiung, die sein Vater ihm gemacht hat – er wird seinen eigenen Vater töten und sich mit Mutter und Schwester vereinigen. Letzteres wird dadurch verkompliziert, dass Kafkas Mutter mit seiner Schwester abgehauen ist, als Kafka noch klein war. Er hat an keine der beiden eine Erinnerung und nur von seiner damals noch sehr jungen Schwester kennt er ein Foto.

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Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Das Erscheinen von Ein wenig Leben auf dem deutschen Markt wurde begleitet von einer umfangreichen Blogger-Aktion, weshalb gefühlt auch schon in jedem Blog was darüber stand. Jetzt also auch hier.

Der Roman kreist um die vier Freunde Willem, Jude, JB (Jean-Baptiste) und Malcolm, die alle in New York leben. Sie stammen fast alle aus anderen Städten, haben zusammen das College besucht, und nach und nach hat es sie alle in die Metropole verschlagen. Jeder von ihnen ist unter völlig unterschiedlichen Bedingungen gestartet, jeder steuert auf ein völlig anderes Ziel zu. Was sie gemeinsam haben, ist ihre unvergängliche Freundschaft.

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Recht schnell konzentriert die Aufmerksamkeit der Autorin sich aber vor allem auf einen Charakter, auf Jude St. Francis. Er ist der verschlossenste der vier, was auf seine äußerst brutale Kindheit zurückzuführen ist. Jude schämt sich für seinen von Narben gezeichneten Körper und noch mehr schämt er sich für das, was er als Junge tun musste. Mühsam gibt er vor, normal zu sein, eine normale Kindheit und Jugend gehabt zu haben, so ereignislos, dass es sich kaum lohnt, davon zu erzählen. Er fürchtet, dass sich seine Freunde voller Abscheu von ihm abwenden werden, wenn sie seine Geschichte kennen. Als Leser weiß man immer mehr als Judes Freunde und erlebt mit, wie schwer es für diesen Mann ist, jeden Tag aufs Neue eine Normalität vorzutäuschen, die maximal weit entfernt ist. So positiv die Erzählung der Freundschaft und Zuneigung ist, so bedrückend ist dann doch die Stimmung in diesem Roman.

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Zadie Smith: White Teeth

White Teeth war Zadie Smiths erster Roman und verschaffte ihr quasi über Nacht einen festen Platz unter den Größen der britischen Literatur. Der Roman ist recht umfangreich, sowohl was die Seitenzahl als auch die Fülle der Themen anbelangt. Glaube, Religion, Fundamentalismus, Extremismus, Feminismus, Liebe, Coming of Age, Kolonialismus, Herkunft und Identität werden allesamt in diesem Roman behandelt, und dann habe ich sicher noch einige Themen vergessen.

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Kern der ganzen Geschichte sind die Familien Jones und Iqbal, deren Väter vor Jahrzehnten mal im gleichen Krieg zufällig im gleichen Panzer saßen. Der eine kommt aus Großbritannien, der andere aus Bangladesh. Nun leben beide, verheiratet und mit Kindern, nicht weit voneinander entfernt in London. Samad Iqbal leidet sehr unter seiner Situation als Einwanderer. Er fühlt sich nie wirklich willkommen und hofft, dass seine beiden Söhne nicht von der britischen Kultur assimiliert werden. Für ihn kann das Leben in England nie mehr als ein vorübergehender Zustand sein und seine Söhne sollen unter gar keinen Umständen ihre Wurzeln vergessen. Archie Jones heiratet nach einem Suizidversuch die deutlich jüngere Clara, Tochter jamaikanischer Einwanderer und bis vor kurzem überzeugte Zeugin Jehovas.

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Barbara Kingsolver: The Poisonwood Bible

In den späten 1950ern verpflichtet sich der Baptisten-Prediger Nathan Price als Missionar nach Belgisch Kongo zu gehen. Die Missionsleitung rät ab, zu unsicher ist die politische Situation im Kolonialstaat. Doch unbeirrt packt Reverend Price seine Frau Orleanna und die Töchter Rachel, Leah, Adah und Ruth May in ein Flugzeug gen Afrika. Ziel der Reise ist Kilanga, ein kleines Dorf mitten im Dschungel. Und dort ist alles ganz anders als erwartet.

kingsolver_poisonwoodbibleDie einheimische Bevölkerung ist nämlich gar nicht so begeistert von der versprochenen Erlösung und die absurde Idee, sich im Fluss taufen zu lassen, stößt auf blankes Entsetzen. Der mühsam angepflanzte Garten, der ein Schaustück für Gottes Schöpfung werden sollte, geht jämmerlich ein. Und am Ende stellt sich heraus, dass die wenigen Gemeindemitglieder, die jeden Sonntag kommen, nicht etwa bekehrt sind, sondern schlicht keine andere Wahl mehr sehen. Es sind die Aussätzigen, die Mörder und alle anderen Verdammten, von denen die richtigen Götter und auch das Dorf nichts mehr wissen wollen. Doch all das kann Nathan Price nicht aufhalten, der nun einmal den Ruf des Herrn vernommen hat. Seine Familie verzweifelt derweil an den Umständen und wünscht sich nichts sehnlicher als den Heimflug.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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