Thomas Mann: Buddenbrooks

Ach ja, die Buddenbrooks. Sie waren vor guten zehn Jahren das erste Buch, das ich von Thomas Mann gelesen habe und damit der Grundstein einer großen Liebe. Ich hatte damals gehörigen Respekt vor diesem Großmeister der deuschen Literatur mit seinen legendären Bandwurmsätzen. Ich weiß nicht, warum das so oft das erste ist, was Menschen zu Thomas Mann einfällt, so lang sind seine Sätze nun wirklich nicht, da gibt es weitaus schlimmere (ich meine dich, Augusto Roa Bastos!).

Ich hatte das Buch dabei, als ich in einem Sommer mit drei Freundinnen nach Fehmarn gefahren bin, darunter zwei weitere Mann-Fans. Natürlich mussten wir nach Lübeck ins Thomas Mann-Haus und natürlich mussten wir in Travemünde die Vorderreihe entlang spazieren. In den Fotos dieses Urlaubs habe ich noch ein Bild von einem Haus gefunden, das wir als Residenz des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf auserkoren hatten. Ohne jede Grundlage, versteht sich. Mortons „auf den Steinen sitzen“ schaffte es sogar für einige Zeit in unseren aktiven Wortschatz.

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Eine Zusammenfassung der Handlung kann man sich ja eigentlich fast sparen. Die Geschichte beginnt, als der alte Johann Buddenbrook noch lebt und man gerade in das neue Haus mit Landschaftszimmer in der Mengstraße gezogen ist und sie endet, als der jüngste Johann Buddenbrook nicht mehr lebt und das repräsentable Haus schon lange verkauft ist. Und dazwischen? Dazwischen strotzt der Roman von Humor und Tragik, von Triumphen und Niederlagen und von jeder Menge Figuren, die einem über die knapp 760 Seiten ganz schön ans Herz wachsen.

Die Buddenbrooks halten noch etwas auf sich, allen voran Antonie. Man achtet peinlichst darauf, dass die Traditionen der Familie eingehalten werden, vor allem, dass man seinen Namen als Kaufmann nicht ruiniert. Denn auch wenn über der Haustür das Motto „Deus providebit“ prangt, ist der wahre Leitsatz der Familie doch „sey mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“. Über die Jahrzehnte, denen man der Familie folgt, ändert sich die Welt um die Buddenbrooks herum rapide. Lange, bevor der junge Hanno Buddenbrook sich mit Pavor Nocturnus quält, ist es mit der erholsamen Nachtruhe für die meisten Familienmitglieder schon vorbei.

„Schließe die Haustür! Mach‘ Alles zu! Es ist das Volk…“

Emporkömmlinge sind auf einmal die erste Familie in der Stadt und skrupellosere Kaufleute als die Buddenbrooks es sind, machen die weitaus besseren Geschäfte. Zu allem Überfluss gibt es plötzlich Revolten und neumodische Ideen, nach denen das gemeine Volk mehr Rechte haben sollte. Niemand kann über diese Umstände so empört sein wie Antonie Buddenbrook/Grünlich/Permaneder. Nach einer ersten gescheiterten Ehe hat sie das Leben gesehen und ist keine dumme Gans mehr und weiß sehr genau, wer sie auf der Straße zuerst  zu grüßen hat.

Tony war für mich, als ich die Buddenbrooks das erste mal las, eine tragische, bemitleidenswerte Figur. Und zwar nur. Ihre Unerträglichkeiten sind mir erst beim zweiten Mal so richtig aufgefallen. Sie will so gerne etwas für die Familie tun, schießt aber ständig über das Ziel hinaus und trifft mehr als ein mal die falschen Entscheidungen, während sie sich selbst auch furchtbar wichtig nimmt. Aber so richtig vorwerfen kann man ihr das trotzdem fast nicht, Tony kann nun einmal nicht aus ihrer Haut. Mit inbrünstiger Verehrung muss sie ihre Familie lieben und verehren und ihr ganzes Dasein in den Dienst der Buddenbrooks stellen.

Christian hingegen fand ich beim ersten mal nur lächerlich und anstrengend, mit zehn Jahren Abstand sehe ich aber auch durchaus sein tragisches Potenzial. Es liegt nicht in seiner Natur, den Ansprüchen seiner Familie Genüge zu tun, er muss in ihren Augen scheitern. Verständnis kann er dafür nicht erwarten, zu sehr sind seine Geschwister und Eltern in der Tradition verhaftet, in der Ausreißer schlicht nicht vorgesehen sind. Wie tragisch es für ihn endet, hatte ich in der Zwischenzeit schon vergessen. Ich hätte es ihm anders gewünscht.

Ach und Hanno. Der arme Hanno. Er selbst zieht einen Strich unter seinen Namen in der in Ehren gehaltenen Familienchronik und schließt sie damit vorzeit ab. „Ich glaubte… es käme nichts mehr“ rechtfertig er sich unbeholfen seinem Vater Thomas gegenüber. Und es kommt auch nichts mehr. Hanno passt nicht in diese Familie in der Zahlen und Haltung über alles gehen. Zu sehr ähnelt er seiner ätherischen Mutter Gerda, zu zärtlich liebt er seinen einzigen Freund, den verwahrlosten Kai Graf Mölln. Hanno erkrankt an Typhus und gegen den, so lernt man, hat man nur eine Chance, wenn man noch leben will. Hanno wird nicht einmal volljährig.

Ich finde die Buddenbrooks ein wirklich brillantes Buch. Die Charaktere sind in sich schlüssig, manchmal ironisch überzeichnet. Während alle Mitglieder der Familie eifrig bemüht sind, eine Fassade aufrecht zu erhalten, die mindestens so würdevoll ist wie die in der Mengstraße, blickt man beim Lesen weit dahinter und wird Zeuge der inneren Kämpfe und erfährt wie sehr jeder einzelne darunter leidet, nicht wirklich das erträumte Leben zu haben. Aber ein Bruch mit den familiären Konventionen scheint undenkbar. Die wenigen Randfiguren, die dies wagen, werden mit ewiger Verachtung gestraft. Vielleicht liegt es auch an dieser Starrheit, an diesem Festhalten an antiquierten Traditionen, dass die Familie untergehen muss. Sie passen einfach nicht mehr in die neuen Zeiten, sie sind und werden überholt.

Bei all der Tragik kommt aber auch Humor nicht zu kurz. Wie witzig Thomas Mann ist, habe ich erst beim zweiten Lesen gemerkt. Vielleicht war meine Ehrfurcht vor dem großen Meister beim ersten mal so groß, dass ich nicht auf Humor zu hoffen gewagt habe. Es gibt, das sei euch ans Herz gelegt, eine CD, auf der Loriot Texte von Thomas Mann vorliest. Ich glaube, man kann die nur noch als Download bekommen, aber sie heißt „Das Eisenbahnunglück“ und hat mir beim Verstehen des Mannschen Humor sehr, sehr geholfen.

Ich behaupte nicht, dass man die Buddenbrooks gelesen haben muss, man kann auch ohne diesen Roman ein langes und erfülltes Leben haben. Mich aber haben sie seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen und werden mich auch sicher noch viele Jahre begleiten und ich kann sicher nie wieder Scheibenhonig sehen, ohne an Morten Schwarzkopf zu denken. In meinen Augen gilt dieser Roman völlig zurecht als einer der ganz, ganz großen Klassiker.


Thomas Mann: Buddenbrooks. Fischer 2004. 758 Seiten, € 9,95. Neu durchgesehen anhand der Erstausgabe Fischer 1901.

Das Zitat stammt von S. 178

Jean-Paul Sartre: Der Ekel

Der Ekel, 1938 erschienen, ist Sartres erster Roman. Heute gilt er als eines der Standardwerke des Existenzialismus. Das klingt groß und kompliziert und sperrig – ist es aber nicht. Tatsächlich ist es ein sehr lesbarer, geradliniger und über lange Strecken sogar sehr unterhaltsamer Roman, den ich in nur wenigen Tagen gelesen habe.

„Ich fragte mich für einen Augenblick, ob ich die Menschen nicht lieben könnte.“

Der Roman handelt von Antoine Roquentin, der nach langen Reisen in die (fiktive) französische Stadt Bouville gekommen ist, um dort an seinem Buch über den Marquis de Rollebon zu arbeiten. Er lebt einsam und zurückgezogen, worunter er manchmal leidet. Allerdings ist es ihm auch fast nicht möglich, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen. Er fühlt sich nicht als Teil der Masse und empfindet oft sogar Ekel, wenn er in Gesellschaft ist. Allerdings weniger vor den Menschen selbst als vor der Existenz an sich und der Existenz die diese Menschen führen, so wie er selbst auch.

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Die reine Existenz von Dingen, die er berührt verursacht in ihm einen Ekel, der ihn lähmt. Es quält ihn, dass er nichts gegen seine eigene Existenz unternehmen kann, denn selbst nach dem Tod wäre er da, in Form von totem Fleisch und Knochen. Die Grundlosigkeit aller Existenz ist für ihn nicht zu verkraften. Über Tage kann Roquentin ohne diesen Ekel leben, aber die nächste Welle ist unvermeidbar.

Damit ist eines der Grundkonzepte des Existenzialimus schon mal angerissen. Auch das „Nichts“, das Sartre fünf Jahre später in Das sein und das Nichts ausführt, hat einen kurzen Auftritt. Der Fokus des Romans ist tatsächlich auf den philosophischen Konzepten, auf dem Gefühl des Ekels. Viel Handlung gibt es nicht. Der Ekel ist in Form eines Tagebuchs verfasst, das vor allem die Gedanken des Protagonisten bewahrt. Roquentin erlebt nicht viel, er geht in die Bibliothek um zu schreiben und manchmal geht er spazieren. Sein einziger Kontakt ist ein Mann, den er „der Autodidakt“ nennt und der ebenfalls täglich in der Bibliothek ist. Zwei mal treffen die beiden Männer sich auch privat, wobei das zweite Treffen zu Roquentins erster großer Krise und einem Wendepunkt im Roman führt.

Das düstere, einsame Umherstreifen und die teils bewusst gewählte Einsamkeit haben mich an Pessoas Hilfsbuchhalter Soares erinnert. Roquentins Aufzeichnungen aber sind reduzierter, präziser und zielgerichteter. Auch in seinen theoretischen und philosophischen Texten fand ich Sartre meistens sehr straight und lesbar – was nicht heißt, dass ich immer alles verstanden hätte. Ich finde Sartre oft auch wirklich witzig und weiß nicht, ob das seine Intention war. Das schwierige an diesem Text ist nicht, ihn auf einer sprachlichen Eben zu verstehen, sondern die Konzepte dahinter zu erfassen. Ich bin nicht sicher, ob mir das lückenlos gelungen ist, ich glaube aber eigentlich nicht.

Der Ekel ist kein Buch, das man beim ersten Lesen einfach so versteht. Aber das macht auch nichts, es ist nämlich gut genug um es irgendwann nochmal zu lesen. Bis dahin kann man ein paar der Ideen im Hinterkopf ablegen und sehen, ob sie sich vielleicht entwickeln.


Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Übersetzt von Uli Aumüller. 346 Seiten, € 9,99. 58. Auflage 2016. Erstveröffentlichung rowohlt 1982. Titel der Originalausgabe: La Nausée. Gallimard 1938.

Das Zitat stammt von S. 88.

Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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In einer völlig anderen Welt lebt Eugenes Schwester Ifeoma. Sie ist eine verwitwete Universitätsdozentin und hält sich und ihre Kinder gerade so über Wasser. Doch auch wenn es kein Gas zum Kochen gibt, ist ihr Haus voller Lachen und Freude. Ein paar Tage können Kambili und ihr Bruder Jaja dort leben und sehen, wie es auch sein kann, wenn nicht jeder Schritt strengsten Regeln unterworfen ist.

„That night, I dreamed that I was laughing, but it did not sound like my laughter, although I was not sure what my laughter sounded like.“

Mit 15 Jahren trägt Kambili dort das erste mal Hosen, hört nicht-christliche Musik, isst an einem Tisch mit Heiden und lacht, unglaublicherweise, das erste mal in ihrem Leben. Doch die Kontrolle durch den Vater ist übermächtig. Auch wenn viele Kilometer zwischen ihm und den Kindern liegen, können sie seinen Einfluss nicht abschütteln. Dennoch hilft die Zeit bei ihrer Tante den Kindern, sich in kleinen Schritten zu emanzipieren und die Entscheidungen des Vaters vorsichtig und langsam zu hinterfragen. Bei Jaja führt dies so weit, dass er an einem Palmsonntag nicht mehr mit in die Messe geht – dies führt zu einer Eskalation, die den Ausgangspunkt des Romans bildet.

Die Torturen, die Kambili und ihre gesamte Familie durchstehen müssen, sind enorm. Nicht nur wird der Vater regelmäßig gewalttätig gegen seine Familie, den Kindern ist es auch nicht möglich, normal aufzuwachsen. Die strenge Erziehung bewirkt, dass Kambili sich kaum etwas traut und vor Fremden kein Wort herausbringt. In der Schule gilt sie als eingebildeter Snob, der mit niemandem redet. Make-up, Hosen, Musik und Fernsehen sind verboten, was sie zu einer völligen Außenseiterin macht. Umso erstaunlicher und erschütternder ist es, wie ungebrochen Kambilis Liebe ist, wie sie immer zu ihrem Vater hält und darauf vertraut, dass er die richtigen Entscheidungen für sie treffen wird. Er wird entscheiden ob und was sie studiert und wen sie heiraten wird. Für Kambili ist das völlig klar. Die Geschichte ist aus ihrer Perspektive erzählt und in keinem Satz klagt sie über die Gewalttaten ihres Vaters. Nur manchmal fürchtet sie die Schmerzen, die sie in den nächsten Tagen zu erwarten hat. Aber wenn ihr Vater die Strafe für angemessen hält, dann wird es wohl so sein.

Während Eugene von seinen Kindern absoluten Gehorsam erwartet, weil er eben der Vater ist, verweigert er seinem eigenen Vater, Papa-Nnukwu, jeden Respekt. So lange er nicht von seinen heidnischen Göttern ablässt, darf er das Haus seines Sohnes nicht betreten und bekommt nur dann und wann ein paar Scheine von Eugenes Chauffeur zugesteckt. Auch Kambili und Jaja dürfen erst nach Intervention des Dorfes den Großvater für ein paar Minuten besuchen, dürfen ihn aber nicht berühren und in seinem heidnischen Haus nichts essen.

Diese grausame Familiengeschichte spielt sich ab vor dem Hintergrund der nigerianischen Militärdiktatur in den 90er Jahren. Nahezu jede Person im Roman ist von den Folgen des Regierungswechsels betroffen. Auch Kambilis Vater ist, trotz seiner beträchtlichen wirtschaftlichen Macht, Repressionen ausgesetzt, nachdem eine ihm gehörende Zeitung regierungskritische Texte veröffentlicht hat. Tante Ifeoma träumt davon, nach Amerika auszuwandern, wie so viele ihrer Kolleginnen es getan haben, nachdem die Universität sie schon seit Monaten nicht mehr bezahlt hat. Sie fürchtet, dass alle klugen Köpfe gehen werden und das Land denen überlassen, die die Militärdiktatur stützen.

Mit Purple Hibiscus hat Adichie einen beeindruckenden Roman geschaffen. Die Brutalität von Kambilis Situation findet ihren Ausdruck vor allem in der Subtilität, mit der sie geschildert wird. Ohne große Worte und ohne Pathos gelingt es der Autorin, einen kraftvollen und intensiven Text zu konstruieren, der unter die Haut geht. Es ist ein Roman über Fanatismus und über Nigeria und es ist auch ein Coming of Age-Roman inklusive ein bisschen erster Liebe. Und vor allem ist es ein sehr, sehr guter Roman.


Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus. Fourth Estate 2013. 307 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe GB Fourth Estate 2004. Deutsche Übersetzung unter dem Titel Blauer Hibiskus lieferbar bei Fischer Taschenbuch. 334 Seiten, € 10,99.

Das Zitat stammt von S. 88

Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy

In Black Mamba Boy erzählt Nadifa Mohamed die Geschichte ihres Vaters. Jama wächst in Somaliland auf, sein Vater verlässt die Familie früh um im Sudan als Fahrer Geld zu verdienen. Als er nicht zurückkehrt, geht seine Mutter mit Jama nach Aden, um dort Arbeit zu finden.

„the place where you are born is not always the best place for you, boy.“

Sie stirbt jung und Jama, nun völlig auf sich allein gestellt, macht sich auf den beschwerlichen Weg in den Sudan, von dem er nicht genau weiß, wo er überhaupt ist, um seinen Vater zu finden. Das alles passiert in den 1930ern, als Abessinien gerade von italienischen Truppen angegriffen wurde. Jamas Weg in den Sudan führt mitten durch das umkämpfte Gebiet. Auch er arbeitet für die italienischen Besatzer und wird Teil ihrer Armee. Der Umgang der Europäer mit den Afrikanern, die für sie und an ihrer Seite kämpfen, widert ihn zunehmend an. Auch er selbst erfährt Erniedrigungen und Demütigungen durch Vorgesetzte, findet aber nicht den Mut, zu fliehen. Erst als er mit eigenen Augen das Opfer eines sinnlosen Gewaltexzesses sieht, desertiert er und gelangt nach Eritrea, wo er sesshaft zu werden scheint. Doch getreu seinem Motto „Das einzige, was ein ruhender Mann findet, ist der Tod“, findet er auch dort auf Dauer keine Ruhe und setzt seinen Weg fort.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

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Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road To High Saffron

Bernard Marx and the Amazing Technicolour Dreamcoat könnt der Untertitel dieser Dystopie sein. In der Welt, in der Fforde seine Geschichte ansiedelt, wird die soziale Hierarchie ausschließlich nach der Farbwahrnehmung der Bewohner festgelegt. Ganz oben stehen diejenigen, die rot und blau sehen können, ganz unten die Grauen. Letztere verrichten alle Arbeit für die „oberen“ und haben nahezu keine Chance, aufzusteigen. Ehen werden nicht nach Sympathie sondern nach Farbe und wünschenswerten Mischverhältnissen geschlossen. Die Anklänge an vor allem Brave New World aber auch 1984 sind dabei nicht zu übersehen.

„Munsell tells us over and over again that inquisitiveness is simply the first step on a rocky road that leads to disharmony and ruin“

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Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

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Margaret Atwood: Lady Oracle

Joans Mutter wünscht sich eine hübsche, grazile Tochter, die zum Ballett geht, bei den Pfadfinderinnen beliebt ist und reizende Kleider tragen kann. Joan ist dick, hat keine Freundinnen und ihr Part bei der Ballettaufführung wird in letzter Minute gestrichen. Ihr Körper ist der Hauptschauplatz der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die es nicht schafft, wirkungsvoll einzugreifen, weder mit Bestechungen noch mit untergeschummelten Abführmitteln. Ihr Gewicht ist Joans Weg der Mutter zu zeigen, dass sie sie hasst und die wirkliche Machtposition innehat indem sie sich schlicht weigert, das repräsentable Töchterchen zu sein.

atwood_ladyoracleIhre einzige Freundin und Verbündete ist ihre Tante Louise, mit der sie eine Vorliebe für Liebesschnulzen und Essen teilt. Als Louise stirbt, hinterlässt sie Joan einen Großteil ihres Vermögens und eine zweite Identität – Joan unterschlägt die Geburtsurkunde und hat bald einen Pass, ein Konto und einen Autorenvertrag unter dem Namen Louise K. Delacourt. Zufällig hat Joan nämlich entdeckt, dass sie ein schriftstellerisches Talent für Kostümromanzen hat und davon ganz gut leben kann. Eher zufällig produziert sie dabei auch einen Gedichtband mit dem Namen Lady Oracle, das einzige Buch, das jemals unter ihrem richtigen Namen erscheint.

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Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Erzählt wird Meine geniale Freundin von Elena, genannt Lenù, die mittlerweile erwachsen ist und deren lebenslange Freundin Lila plötzlich verschwunden ist. Sie glaubt, dass sie durch das Aufschreiben der gemeinsamen Geschichte eine Spur finden kann, die sie zu Lila führt.

ferrante_meinegenialefreundin„So war unsere Welt, voller Wörter, die töteten: Krupp, Tetanus, Flecktyphus, Gas, Krieg, Drehbank, Trümmer, Arbeit, Luftangriff, Bombe, Tuberkulose, Vereiterung.“

Lenù und Lila wachsen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einem ärmlichen Viertel Neapels auf. Ihre Kindheit ist geprägt von Gewalt und derbem Umgang untereinander, Verletzungen und Todesfälle sind nicht erschreckend sondern Normalität. Das Leben der Kinder spielt sich ausschließlich innerhalb des Viertels, des Riones ab. Keine der beiden war jemals am Meer oder hat die anderen Gegenden Neapels gesehen. Erst als Jugendliche erleben sie die reicheren Ecken der Stadt und haben dann oft Ärger wegen der ungehobelten Umgangsformen ihrer Freunde.

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Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Das Buch der Unruhe, so steht es auf dem Cover, ist „Ein Jahrhundertbuch“. Ich musste es trotzdem kurz vor Ende, auf Seite 471 von 556 abbrechen, es ging einfach nicht mehr. Nach dem Ende des eigentlichen Texts gibt es in der Fischer-Ausgabe noch weitere Texte und Briefe, die Pessoa ursprünglich möglicherweise in diesem Buch verarbeiten wollte, dann aber Abstand davon genommen hat. Dann können sie nicht so wichtig sein, habe ich beschlossen.

„Ich habe wahre Tränen vergossen über diesem Roman, weil ich nicht in jener Zeit gelebt habe, mit jenen Menschen, wirklichen Menschen.“

Das Manuskript zu diesem Buch, so erzählt es Pessoa in der Einleitung, wurde ihm übergeben von Bernardo Soares, einem Hilfsbuchhalter im Lissabon der 1930er. Es ist eine Art Tagebuch dieses Mannes, der ein einfaches und zurückgezogenes Leben führt und vor allem, so zumindest meine Empfindung, ein gänzlich trostloses.

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