Mit den Augen einer Außerirdischen – „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata

Natsuki hat einen großen Auftrag auf dieser Erde. Von ihrem Freund Pyut, der für alle anderen wie ein normales Stofftier wirkt, weiß sie, dass sie von einem fremden Planeten namens Pohapipinpopopia stammt und als „Magical Girl“ die Erde retten muss. Der einzige, der ihr Anliegen versteht, ist ihr Cousin Yu, ebenfalls ein Außerirdischer. Leider sehen die beiden sich aber nur einmal jährlich, wenn sie zum Ahnenfest Obon bei der Großmutter sind. Doch dort schließen sie einen Pakt: in einer Art Eheversprechen geloben sie einander, immer bis zum nächsten Jahr zu überleben. Das allein hält Natsuki am Leben.

„Der Eid, den Yu und ich uns geschworen hatten, hatte sich mir tief eingeprägt. Ich musste so lange wie möglich überleben. Ob wir irgendwann einfach sein könnten, ohne immerzu ums Überleben zu kämpfen?“

Denn zu Hause hat sie es alles andere als leicht. Von ihrer Familie wird sie abgelehnt, und insbesondere von ihrer Mutter und Schwester erfährt sie körperliche wie psychische Gewalt. Freundliche Zuwendung findet sie fast ausschließlich bei einem Lehrer, doch die Aufmerksamkeit wird ihr schnell unangenehm, als sie immer mehr zu ungewollter körperlicher Nähe wird. Als Natsuki allen Mut zusammennimmt und sich ihrer Mutter offenbart, glaubt sie ihr nicht. Schließlich vergewaltigt der Lehrer Natsuki, deren Körper darauf mit dem völligen Verlust ihres Geschmackssinns reagiert.

In Natsuki verfestigt sich immer mehr der Gedanke, dass sie mit dieser merkwürdigen, grausamen Welt eigentlich nichts zu tun hat. Auch als Erwachsene fühlt sie sich dem Planeten Pohapipinpopopia verbundener als der Erde. Die japanische Gesellschaft nimmt sie als Fabrik wahr, deren Arbeiter*innen ihre eigenen Organe zur Verfügung stellen müssen, um immer neue Menschen zu produzieren. Sie weigert sich, ein Teil davon zu sein und findet schließlich über eine Internetplattform Tomoobi, dem es ähnlich geht. Die beiden heiraten, um keine unangenehmen Fragen mehr beantworten zu müssen, vermeiden aber jeden körperlichen Kontakt und leben als WG zusammen. Sie fürchten die Abgesandten der Fabrik, die in ihr Privatleben eindringen und fragen, wann es denn endlich Nachwuchs gibt und warum es im Beruf nicht besser läuft.

Schließlich fliehen die beiden in die Berge bei Nagano, wo das Haus von Natsukis Großmutter steht. Dort lebt übergangsweise auch ihr Cousin Yu, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hat. Auch er ist ein Aussteiger und versteckt sich im abgelegen Ort vor dem langen Arm der Fabrik. Die drei leben so lange Zeit gemeinsam im Haus, dass die Fabrik ganz nervös wird und immer mehr Abgesandte schickt um sie zurückzuholen und die Gehirnwäsche zu Ende zu bringen. Doch sie bleiben stur, schotten sich von der Außenwelt ab und ziehen sich zurück ins Seidenraupenzimmer, das seinen Namen behalten hat, obwohl dort schon lange keine Raupen mehr gezüchtet werden. Statt der Raupen leben dort nun drei Außerirdische, eingewickelt in mehrere Lagen Tatami und sehen hoffnungsfroh ihrem zukünftigen Dasein auf Pohapipinpopopia entgegen. Dabei wünscht sich Natsuki seit ihrer Kindheit eigentlich nichts sehnlicher als eine komplette Gehirnwäsche, die es ihr ermöglicht, ruhig und friedlich als Teil der Fabrik zu leben.

Muratas Roman ist eine stetige Gratwanderung zwischen Realismus und Phantasie. Natsuki entrückt immer weiter von der Welt, hinein in ihre Realität, in der sie eine Außerirdische ist. An Pyuts Fähigkeit zu sprechen hat sie keinerlei Zweifel und zuweilen scheint sie Aussetzer zu haben, in denen sich ihre Wahrnehmung verändert und an die sie später keine Erinnerung mehr hat. Die Menschen der Fabrik haben darauf natürlich einen anderen Blick. Andere Erlebnisse, wie die Vergewaltigung durch den Lehrer, sind unbestreitbar real und, das sei mal zur Warnung gesagt, im Roman auch recht plastisch geschildert. Murata bricht, ebenso wie ihre Figuren, mit etlichen Tabus, zu denen auch Inzucht und Kannibalismus zählen.

Das Hörbuch wird gelesen von Vera Teltz, die Natsuki eine zarte Stimme gibt, die gut zu ihrer Verletzlichkeit und ihrer Außenseiterrolle als Kind passt. Später, als Natsuki älter wird und immer radikaler in ihren Ansichten, entsteht eine gewisse Diskrepanz zwischen dieser ruhigen Stimme und den gar nicht mehr ruhigen Figuren. Die Autorin stellt Natsukis Perspektive mit keinem Satz in Frage. Sie ist ganz klar eine Pohapipinpopopianerin, die Fabrik ihr mächtiger Gegner. Die Abgeschiedenheit des Hauses in den Bergen wird zu einer alternativen, aber lebenswerten Realität und scheint überhaupt nicht unvernünftig und abgedreht zu sein. Und wenn man zwischendrin doch mal denkt, dass die drei ja schon einen gewaltigen Schatten haben, wird schnell wieder die Perspektive gerade gerückt: das denkt nur, wer Teil der Fabrik ist.


tl;dr: Das Seidenraupenzimmer ist ein stellenweise brutaler Roman über eine Frau, die überzeugt ist, nicht von diesem Planeten zu sein und sich dem geltenden System nicht unterordnen kann.


Sayaka Murata: Das Seidenraupenzimmer. Übersetzt von Ursula Gräfe. Aufbau Verlag 2020. 256 Seiten. Gehört in der Ausgabe Aufbau Audio, gelesen von Vera Teltz. Spieldauer ca. 5,5 Stunden.

Das Foto zeigt einen Mann bei der Verarbeitung von Seidenraupen-Kokons; es ist gemeinfrei, der Urheber ist unbekannt und es ist heute im Argentinischen Archivo General de la Nación. 

Das Zitat stammt aus Teil 24 des Hörbuchs.

Zwischen Freiheit und Verzweiflung – „Wir verlassenen Kinder“ von Lucia Leidenfrost

Nach und nach verlassen die Erwachsenen das Dorf irgendwo im äußersten Osten Europas. Selbst der Lehrer und der Pfarrer sind schon weg. Sie gehen in andere Städte, in andere Länder, in denen sich Geld verdienen lässt. Ihre Kinder können sie dabei nicht mitnehmen. Sie bleiben zurück, Großeltern und Nachbarn sollen künftig auf sie aufpassen. Von den Eltern kommen regelmäßig Briefe, Geschenke und vor allem das nicht einlösbare Versprechen, bald wieder da zu sein. Doch nach und nach verschwinden auch die Nachbarn, und die Großeltern werden immer gebrechlicher. Sie sind kaum noch in der Lage, auf die eigenen Enkelkinder aufzupassen, vom Rest der Meute ganz zu schweigen. Noch dazu droht ein Krieg. Immer öfter beobachten die Kinder „blecherne Vögel“, die donnernd über das Dorf fliegen und zum Glück erst an anderer Stelle angreifen.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, wobei „wir“ und Mila besonders viel Raum einnehmen. Mila ist die älteste Tochter des Bürgermeisters, einem der letzten Erwachsenen im Dorf, und als einziges Kind nicht Teil von „wir“. Als einzige hat sie auch einen Schlüssel zur Schule, den sie ihrem Vater gestohlen hat und den sie hütet wie einen Schatz. Stundenlang kann sie sich dort in der Bibliothek verstecken. Aber sie schreckt auch nicht davor zurück, sich ohne Schlüssel Zugang zu verlassenen Häusern zu verschaffen und die aufgegebenen Schränke und Schubladen nach Brauchbarem zu durchsuchen. „Wir“, das ist der Rest der Kinder, darunter auch Milas Schwestern, die als unzertrennliche Meute durch das Dorf und seine Umgebung ziehen. Sie haben eigene Regeln aufgestellt und erlassen mitunter drakonische Strafen, wenn diese gebrochen werden. Wer einem von ihnen schadet, schadet allen. Sie begreifen sich als einen großen Organismus und sprechen auch als solcher. Nur selten kommen auch andere zu Wort. Erwachsene, die vor sich selbst versuchen zu rechtfertigen, dass sie ihre Kinder im Stich gelassen haben, die sich sorgen und sich fragen, warum auf ihre Briefe kaum eine Antwort kommt.

„Wir waren einmal echte Kinder. Jetzt stapeln wir Holz in unsere Öfen, suchen nach kleinen Holzstücken und Papier.“

Die Stimmung in Wir verlassenen Kinder ist so düster, wie der Titel es eigentlich schon vermuten lässt. Den ganzen Roman über herrscht ein Gefühl der Unsicherheit. Auf vieles, was passiert, können die Kinder sich nicht so recht einen Reim machen. So bleibt einiges völlig unklar, wie beispielsweise die Frage nach dem kriegerischen Konflikt, der irgendwo in der Nähe eskaliert. Wie real und nah diese Bedrohung ist, kann man kaum beurteilen. Die Kinder fühlen sich von ihren Eltern im Stich gelassen. Dass diese selbst genauso unter der Situation leiden, wissen ihre Kinder nicht und können es sich auch nicht vorstellen. Mila, die als einzige noch einen Vater im Dorf hat, fürchtet seine Launen und seine Ausbrüche. Seit dem Tod der Mutter sieht sie eine Spinne in seinem Nacken sitzen, die wächst, und nach ihm greift und seine Stimmung gefährlich werden lässt. Zuspruch erfährt sie selten von ihrem Vater, auch wenn er offenbar genau weiß, was er an seiner ältesten Tochter hat, die sich früh auch um die mutterlosen Schwestern gekümmert hat. Der Umgang der Kinder miteinander ist meistens rau und lieblos. Das „wir“ zählt mehr als individuelle Freundschaften und Loyalitäten und so werden diese immer seltener.

Stilistisch ist der Roman recht einfach gehalten, in klaren, unverschnörkelten Sätzen. Das Besondere an Wir verlassenen Kinder sind die wechselnden Perspektiven und eben auch die kindliche Sichtweise, die einiges einfacher und anderes völlig unverständlich erscheinen lässt. Nicht bei allen Episoden kann man sich sofort sicher sein, ob sie real sind oder einer überbordenden kindlichen Fantasie entsprungen sind.

Zerrissene Familien, in denen die Eltern im Ausland arbeiten müssen und die Kinder bei anderen Verwandten unterbringen, sind in einigen Teilen Europas leider ein verbreitetes Phänomen. Leidenfrost treibt diesen Umstand in ihrem Debüt-Roman auf die Spitze und streicht auch noch die letzten Kontroll-Instanzen aus dem sozialen Konstrukt. So sehr die Kinder auch an Macht gewinnen und so grausam sie dabei werden, so bleiben sie dabei doch immer vor allem Opfer ihrer Haltlosigkeit. Ein gelungenes und spannend zu lesendes Gedankenexperiment.


tl;dr: In Leidenfrosts Debüt-Roman verlassen nach und nach alle Erwachsenen ein kleines Dorf, darauf bauend, dass sich schon irgendjemand um ihre Kinder kümmern wird. Schnell bröckelt das soziale Konstrukt und die Kinder gründen ihre eigene Gesellschaft mit ganz eigenen Regeln.


Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder. Kremayr & Scheriau 2020. 192 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 8.

Leidenfrost steht mit diesem Roman auf der Shortlist für den Blogger*innen-Preis Das Debüt 2020.

Den Vorhang auf! – „Schatten über den Brettern“ von David Misch

Leicht macht der Erzähler in David Mischs Debüt-Roman einem den Einstieg in den Text nicht. Es gibt einen ER, einen dunklen Schatten, ein ich und ein „mein liebes Kind“. Wer das alles ist, und wie diese Personen zueinander in Beziehung stehen, das muss man sich erst mühsam erschließen. Dabei ist die Rahmenhandlung eigentlich ganz einfach: ein alter Mann sitzt auf einer Parkbank, sieht dem Treiben um einen Weiher herum zu und schreibt dabei seine Erinnerungen auf. Ab und an leistet ihm eine jüngere Frau Gesellschaft, an deren Arm gestützt er hin und wieder ein paar Schritte gehen kann. 

Es dauert ein wenig, bis man sich die Biographie des Alten aus den Versatzstücken seines Lebens zusammenreimen kann. Er erzählt, das kündigt er auch an, nicht chronologisch. Wie sich aus seinen Aufzeichnungen langsam herausschält, ist er früher offenbar als Schauspieler tätig gewesen, allerdings nicht auf großen und bedeutenden Bühnen, sondern in einem kleine Mitmach-Theater, in dem er seine Rollen nicht nur spielte, sondern auch gemeinsam mit dem Leiter des Theaters erdachte. Zum Hauptberuf reicht das nicht, tagsüber verbringt er seine Zeit in einer Folien-Fabrik, wobei man seine Tätigkeit dort immer weniger als Arbeit bezeichnen kann. Seinen Figuren ist er so nah, dass er mit ihnen lebt und sie Teil seiner Persönlichkeit werden.

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Die Staubgeborene – „Streulicht“ von Deniz Ohde

Ohdes Protagonistin hat einen Namen für drinnen und einen für draußen, der weniger türkisch klingt. Keinen von beiden erfährt man in diesem Roman. Sie wächst auf in einem Randbezirk von Frankfurt, weit weg von den hohen Bankentürmen. Ihre Skyline ist der Industriepark Höchst, ihre Chancen im Leben gering. Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt von interfamiliären Konflikten. Der Vater ist Deutscher und hat seine türkische Frau bei einem Konzert in Frankfurt kennengelernt. Als er sie das erste Mal mit nach Hause bringt, hat der Großvater im Treppenhaus kaum ein Nicken für sie übrig. Die Mutter beißt sich durch. Sie erträgt die Ablehnung von Familie und Nachbarn, hilft, wo sie kann und nimmt lange hin, dass ihr alkoholkranker Mann regelmäßig ausrastet und die Wohnung zertrümmert. Irgendwann geht sie dann doch, nur mit einer kleinen Reisetasche, und lässt die Tochter beim Vater. Viel später wird sie noch einmal und endgültig, nach langer Krankheit gehen.

Ihre Tochter kämpft sich durch. Von der Grundschule an hat sie es nicht leicht. Die Lehrkräfte trauen ihr wenig zu, sie sich noch viel weniger und beim Eckenrechnen bleibt sie immer in der ersten Ecke stehen, weil sie sich nicht traut, die Lösung in den Raum zu rufen. Wenn sie die freiwilligen Extra-Hausaufgaben machen will, tadelt ihr Vater sie. Man solle sich nicht mehr Mühe geben, als man unbedingt müsse. Ihre Freundin Sophia hat es da leichter. Erstens, weil sie Sophia heißt, zweitens, weil sie nicht in einem Block aufwächst, sondern in einem Einfamilienhaus und ihre Mutter einen Bildungsplan für sie hat, in dem nicht nur gute Noten, sondern auch Voltigieren vorkommt.Der Traum, mit Sophia und ihrem Freund Pikka zusammen die Oberstufe zu besuchen, erfüllt sich für die Erzählerin nicht. Ohne Abschluss muss sie die Schule aufgrund schlechter Leistungen verlassen und hängt monatelang in der Luft und vor dem Fernseher, bevor sie sich schließlich aufraffen kann, eine Abend-Realschule zu besuchen. Und dann läuft es plötzlich doch: sie macht ihr Abitur, sie studiert, sie macht ihren Abschluss. Das Gefühl aber, fehl am Platz zu sein und allen etwas vorzumachen, bleibt.

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Auf die Füße kommen – „Hawaii“ von Cihan Acar

Hawaii ist in Cihan Acars Debütroman kein Urlaubsparadies, sondern eine Siedlung am Rande Heilbronns, die lange als Problemviertel galt und noch immer alles andere als eine bevorzugte Wohngegend ist. Es sind vor allem Migrant*innen und ihre Familien, viele türkischer Herkunft, die hier leben und ihre Cafés, Läden und Spielhallen betreiben. Auch Kemal ist hier aufgewachsen, konnte den tristen Wohnblocks aber dank seines Sporttalents entkommen. Noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag ist er in der Türkei zum hochbezahlten Fußball-Star aufgestiegen, Promi-Status und dicker Porsche inklusive. Doch ein Unfall hat seiner Karriere ein plötzliches Ende gesetzt. Nun ist Kemal wieder in Heilbronn, lebt im Haus eines Onkels und trauert seiner Jugendliebe Sina hinterher, die er leichtfertig in den Wind geschossen hat, als die Welt ihm noch zu Füßen lag.

Hawaii folgt dem Orientierungslosen drei Tage und Nächte lang durch die Stadt. Kemal besucht seine Eltern in Hawaii, trifft alte Freunde zum Poker und verliert sein letztes Geld bei einer angeblich todsicheren Sportwette. Die ganze Zeit bleibt er so rat- wie rastlos. Ohne Ausbildung weiß er nichts mit sich anzufangen, seine Ex-Freundin ist inzwischen neu verliebt und das Girokonto bewegt sich immer weiter ins Minus. Um ihn herum radikalisiert sich derweil seine Heimatstadt. In den drückend heißen Tagen des Sommers stehen sich die rechtsgerichtete HWA (Heilbronn wach auf) und die Mitglieder der vor allem türkischstämmigen Kankas gegenüber. Kemal interessiert sich für keine der beiden Gruppierungen besonders, schließlich hat er genug mit sich selber zu tun. Aber auch er kann nicht umhin zu bemerken, wie um ihn herum immer mehr Shirts und Kutten der einen oder anderen Gruppierung im Stadtbild zu sehen sind. Der Konflikt entlädt sich schließlich in einer brutalen Straßenschlacht.

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Die Unzertrennlichen – „Als hätten sie Land betreten“ von Claudia Sammer

In ihrer Kindheit und Jugend sind Veza und Lotti unzertrennlich. Sie verbringen jeden Tag miteinander, schreiben sich lange Briefe und es ist beiden klar, dass ihre Freundschaft ewig dauern wird. Doch mit dem Erstarken der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren muss die jüdische Veza bald erkennen, dass ihr Leben anders verlaufen wird, als erhofft. Sie versucht sich mit einer Konvertierung zum Christentum zu retten und tritt sogar in ein Kloster der Karmeliterinnen ein, sehr zum Ärger ihrer Familie und dem Unverständnis ihrer Freundin Lotti. Die Flucht gelingt Veza nicht. Lotti aber vergisst die Freundin ihr Leben lang nicht. 

„Im unmittelbaren Spüren war die innere Ordnung intakt, sie hatten festen Boden unter den Füßen, es war, als hätten sie Land betreten. Sie würden im Gleichschritt gehen, sie würde studieren, lesen und lernen, sie würden arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen.“

Diese Freundschaft nimmt Claudia Sammer in ihrem Roman als Ausgangspunkt um über das Leben von sechs Frauen zu schreiben, die meisten davon aus Lottis Familie und Vertreterinnen ganz unterschiedlicher Generationen. Ihre Leben werden nicht strikt chronologisch behandelt, sondern episodenhaft beleuchtet, wobei bei allen die Frage von Abhängigkeiten und Selbstbestimmung zentral ist. 

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Wanderung mit schwerem Gepäck – „Elijas Lied“ von Amanda Lasker-Berlin

Es sind drei ungleiche Schwestern, die an einem kühlen Morgen aus dem Bus am Rande des Moors steigen, um noch einmal den Weg gemeinsam zu gehen, den sie früher schon gemeinsam mit den Eltern erkundet haben. Durch das Moor, durch den toten Wald und hinauf auf einen hohen Berg, von dem aus man die ganze Umgebung sehen kann. Elija, die älteste, wurde mit einem Gendefekt geboren und lebt nun in einer WG in Berlin, wo sie als Schauspielerin arbeitet, zuletzt sogar mit einem Solo-Stück, auf das sie sehr stolz ist. Noa arbeitet vormittags in einer seelenlosen Firmenkantine und am Nachmittag als Sexualbegleiterin für pflegebedürftige Menschen. Und Loth, die jüngste der drei, lebt offen rechtsradikal in einem patriotischen Wohnprojekt und ist, schön wie sie ist, ein Internet-Star der Szene. 

Das Verhältnis zwischen den Schwestern ist deutlich abgekühlt, seit Loth aus dem Elternhaus ausgezogen ist. In ihrer Jugend war sie noch als Punk unterwegs, hat seitdem aber eine Kehrtwende in Richtung Faschismus hingelegt. Ihre Familie ist überfordert von ihrer zunehmenden Radikalisierung und reduziert den Kontakt auf ein Minimum. Doch es war Loths Idee, die Schwestern noch einmal zusammen zu holen um alte Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Nach langem Zögern lassen Noa und Elija sich endlich auf den Vorschlag ein, aber schon bald bereut Loth ihren Plan. Die Schwestern nerven sie und bremsen sie aus auf dem Weg zum Gipfel. Vor allem Elija ist ihr ein ständiger Klotz am Bein mit ihrer Träumerei und den schlecht gebundenen Wanderschuhen. Während die Schwestern durchs Moor stapfen, erfährt man in kurzen Episoden mehr über ihre Leben, die sonst kaum einen Berührungspunkt haben. 

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Die schlecht bezahlte Autorität – „Professor Unrat“ von Heinrich Mann

Die Geschichte des Professor Raat ist sicher vielen bekannt, nicht zuletzt durch die Verfilmung unter dem Titel „Der blaue Engel“. Seine Autorität baut dieses Erzbild des verstockten Gymnasiallehrers einzig auf seinen Titel und sieht sich umso mehr bedroht von subversiven Schülern, die ihm den Namen „Unrat“ anhängen. Dieser wenig schmeichelhafte Name hängt ihm nun schon seit Jahrzehnten nach und in seiner kleinen Heimatstadt sieht er sich umzingelt von Feinden, stets besorgt, irgendwo auf der Straße mit dem verhassten Spitznamen angesprochen zu werden. Der hat sich inzwischen fest etabliert, auch bei jenen, die schon lange nicht mehr zur Schule gehen. Dass viele ehemalige Schüler ihm durchaus nostalgische Wertschätzung entgegenbringen und ganz gerne an die Tage in seiner Klasse zurückdenken, merkt er nicht. Er nimmt den kleinsten Angriff auf seine Autorität so persönlich, dass er auf nicht weniger als Vernichtung sinnt und viel Energie darauf verwendet, verhassten Schülern den zukünftigen Lebensweg zu erschweren.

„Unrat, der sich von den Schülern hinterrücks angefeindet, betrogen und gehaßt wußte, behandelte sie seinerseits als Erbfeinde, von denen man nicht genug ‚hineinlegen‘ und vom ‚Ziel der Klasse‘ zurückhalten konnte.“

Anlass zum Ärger geben ihm im aktuellen Jahrgang vor allem die Schüler Ertzum, Kieselack und Lohmann, die er allein schon deswegen hasst, weil sie ein leichteres Leben haben als er. Zu allem Überfluss pflegen sie auch Umgang mit einer fragwürdigen Künstlerin, der schönen „Barfußtänzerin“ Rosa Fröhlich. Sie gastiert gerade in einem der wenigen feinen Theater der Stadt. Um Aufklärung bemüht sucht Unrat die Künstlerin mit einigem Aufwand auf, will ihr die Leviten lesen und verfällt ihr an nur einem Abend. Sein Untergang ist damit besiegelt.

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Ein literarisches Ausnahmetalent – „Vondenloh“ von Frank Witzel

Der Ich-Erzähler in Vondenloh lebt in der süddeutschen Kleinstadt Leinheim, wo er gemeinsam mit Helga Dahmel aufwuchs, die nun als Bettine Vondenloh literarische Erfolge feiert. Der Erzähler ist stolz darauf, dass er es war, dem Helga einst im Jugendzimmer schüchtern ihre ersten literarischen Versuche zeigte und nach seiner Meinung fragte. Nun ist ist sie eine feste Größe, nicht nur die Klatschzeitschriften reißen sich um sie, auch ganze Kongresse befassen sich nur mit ihrem Leben und Werk. In Jugendjahren glaubte der Erzähler, er sei eigentlich begabter als Helga. Doch unverständlicherweise gelang es nur ihr, eine Erzählung in der Gratis-Zeitschrift „Bäckerblume“ unterzubringen, während seine Einsendungen an die Redaktion unbeantwortet blieben.

Jahrzehnte später ist der Erzähler noch immer besessen von ihr. Als Bettine noch unter ihrem Geburtsnamen die Heimatstadt verließ, war noch kein einziger Roman geschrieben und doch glaubt er, niemand kenne und verstehe Vondenlohs Werk so gut wie er. Schließlich war er es, der sie mit den Romanen des österreichischen Schriftstellers Stieger vertraut machte, deren Spuren sich nun ganz eindeutig in ihrem Oeuvre finden lassen. Selbst ein Libretto hat er zu ihren Ehren geschrieben, zu dem bisher aber leider kein Komponist die Musik liefern wollte. Nun also hofft der Erzähler, in einer Talkshow Gelegenheit zu erhalten über die Schriftstellerin zu sprechen und schreibt in Vorbereitung einer entsprechenden Einladung schonmal alles auf. Bei seiner Suche nach Bettine, auf deren Heimkehr nach Leinheim er nun schon so lange vergeblich hofft, entdeckt er einige Wahrheiten über die Schriftstellerin, die ihre ganze Person in Frage zu stellen scheinen.

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Die Bürden vergangener Leben – „The Hundred Secret Senses“ von Amy Tan

Olivia Laguni wächst als Tochter eines chinesischen Immimgranten und einer US-Amerikanerin in den USA auf. Über ihre halb-chinesische Herkunft macht sie sich wenig Gedanken und sie beeinflusst ihren Alltag kaum. Doch als ihr Vater jung auf dem Sterbebett liegt, gesteht er seiner Frau, in China bereits eine Tochter zu haben. Und diese will er nun unbedingt in den USA wissen. Er stirbt, bevor dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, doch seine Frau setzt trotzdem alles daran, Kwan aufzutreiben und zu ihr zu holen. Olivia ist nicht begeistert von der neuen und deutlich älteren Schwester, mit der sie das Zimmer teilen muss und die wegen ihrer fremden Art und Sprache ausgelacht und gehänselt wird. Doch Kwan überschüttet Olivia mit Liebe und Fürsorge. Und hält sie zu ihrem Ärger abends mit Geistergeschichten wach. Denn Kwan ist überzeugt, „Yin-Augen“ zu haben, mit denen sie Geister sehen kann und sie ist auch sicher, sich an ein altes Leben zu erinnern, in dem sie und Olivia sich ebenfalls kannten.

Another wife? A daughter in China? We were a modern American family. We spoke English. Sure, we ate Chinese food, but take-out, like everyone else.“

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