Mit Hoffnung an Bord: „Boat People“ von Sharon Bala

Als das Frachtschiff aus Sri Lanka im kanadischen Hafen anlegt, ist die Erleichterung an Bord groß. Auf dem überladenen Schiff befinden sich asylsuchende Tamilen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in der seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Sie alle haben Verfolgung erfahren, Bombardements überlebt und Morde mitangesehen. Aber sie stehen auch unter dem Verdacht, selbst schuldig geworden zu sein. Jeder Passagier ist ein potenzielles Mitglied der Tamil Tigers und damit des Terrorismus verdächtig. Männer und Frauen werden getrennt in Gefängnissen untergebracht, bis über ihr weiteres Schicksal entschieden wird. Ihnen zur Seite stehen Jurist*innen, die der tamilische Bund organisiert. Unter ihn ist unter anderem die Jura-Studentin Priya, deren Eltern selbst aus Sri Lanka stammen, die aber nur wenig Kenntnis der Kultur hat und kaum Tamil spricht. Lieber würde sie ohnehin im Körperschaftsrecht arbeiten, statt sich durch finstere Einzelschicksale zu arbeiten. Die Entscheidung über Abschiebung oder Bleiberecht liegt unter anderem in den Händen von Grace, einer Richterin, deren Großeltern aus Japan nach Kanada gekommen sind.

Mit ihr und ihrer Familie kommt ein weiteres Kapitel kanadischer Einwanderungsgeschichte in den Roman. Nachdem Kanada Japan 1942 den Krieg erklärt hatte, wurden rund 90% der japanisch-stämmigen Bevölkerung British Columbias in Lagern inhaftiert. Ihr Besitz wurde zu großen Teilen gepfändet, ihre Unternehmen aufgelöst. Unter den Betrffenen ist im Roman auch Graces Mutter, die als Kind im Lager Slocan leben musste und erlebte, wie ihrer Familie Besitz und Lebensgrundlage entzogen wurde. Im Alter und mit einer fortschreitenden Demenz-Erkrankung kommt vieles davon wieder hoch und sie kämpft so verzweifelt wie aussichtslos um das Haus, das ihrer Familie gehörte. Sie ist eine der lautesten Stimmen für die Asylsuchenden weil sie nicht mitansehen kann, wie nun eine neue Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft als verdächtig gilt, so wie es einst ihr widerfahren ist.

„Bestimmte Leute fühlten sich zu sicher, zu bequem. Für die war es selbstverständlich, dass sie es mehr als wir verdient hatten, hier zu sein. Sie meinten, sie hätten einen höheren Anspruch auf dieses Land, und das hat ihre Herzen verschlossen.“

Zwischen allen Beteiligten entspinnt sich, in und zwischen den Zeilen, das ganze Spannungsfeld des Asylrechts. Es umfasst die, die gerne alle mit offenen Armen empfangen würden und jene, denen die Grenzen gar nicht dicht genug sein können. Und natürlich umfasst es auch die, deren Wohl und Zukunft davon abhängt, ob Kanada sich gastfreundlich zeigt oder nicht. Diese Menschen werden im Roman repräsentiert von Mahindan, der, jung verwitwet, mit seinem Sohn auf ein besseres Leben fern der Heimat hofft. Die Autorin versucht, alle diese Stimmen zu gewichten und die Beweggründe deutlich zu machen, die Sympathie ist dabei aber klar bei den Schwachen und Verwundbaren. Wie schwierig die Thematik ist, und dass es nicht nur richtig und falsch geben kann, wird vor allem am Beispiel von Mahindans Geschichte deutlich, die nach und nach in Rückblenden erzählt wird. Für seinen Weg in die vermeintliche Freiheit hat er einiges auf sich genommen. Nicht alles davon lässt ihn in einem gut Licht erscheinen.

Boat People, Balas Debütroman, ist stark inspiriert von realen Ereignissen. 2009 und 2010 landeten zwei aus Sri Lanka kommende Schiffe in Kanada und brachten insgesamt fast 550 Menschen mit sich. Vieles von dem, was in diesem Roman erzählt wird, hat Bala aus realen Verfahren und Geschehnissen adaptiert. Ihr Ehrgeiz, den Schicksalen gerecht zu werden, ist spürbar. Auch ihre Liebe zum Detail steckt in jeder Seite. In ihrem Bemühen allerdings, Szenen lebendig wirken zu lassen, geht sie manchmal ein bisschen zu weit. So gibt es beispielsweise eine Szene, in der vier Menschen sich bei Tisch unterhalten und in jeder dritten Zeile (ich übertreibe nicht!) beschrieben wird, dass jemand ein Stück Brot abreißt, eine Gabel zum Mund führt oder nach dem Glas greift. Auch dass sie durchgehend auf Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede verzichtet, trägt nicht unbedingt zur Lesbarkeit bei. Noch dazu fehlt es der deutschen Übersetzung besonders zu Beginn ein wenig an Schwung und Eleganz und einige Begriffe klingen, als seien sie nicht ganz passend übersetzt. Durch die vielen verschiedenen Perspektiven, die alle eingeführt werden wollen, braucht der Roman etwas, bis er in Gang kommt, was dann aber in der zweiten Hälfte ganz gut gelingt. Doch so interessant und relevant die zugrundeliegende Geschichte auch ist – ganz rund wird der Roman bis zum Ende nicht.


tl;dr: Bala hat einen hohen Anspruch an die Geschichte ihres Debütromans, kann stilistisch aber nicht immer mithalten.


Sharon Bala: Boat People. Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Arend. Mitteldeutscher Verlag 2020. 478 Seiten. Originalausgabe: The Boat People. McClelland & Stewart 2018.

Das Zitat stammt von S. 332

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Drückend enges Gilead – „Home“ von Marilynne Robinson

Der fiktive Ort Gilead, Iowa ist geografisches Zentrum eines ganzen Erzählzyklus von Marilynne Robinson, zu dem auch Home zählt. In diesem Roman kehrt Glory Boughton in den beschaulichen Ort ihrer Kindheit zurück. Gerade hat sie eine kurz vor dem Altar gescheiterte Beziehung hinter sich und pflegt nun ihre rapide alternden Vater, den ehemaligen Reverend Boughton. Das Leben der beiden plätschert ereignislos dahin, als plötzlich Jack vor der Tür steht, älterer Bruder von Glory und verlorener Sohn des Reverend, der sich trotz anderslautender Versprechungen seit mehr als 20 Jahren nicht hat blicken lassen. Nach vielen harten Jahren gelobt er nun Besserung und versucht wieder Fuß zu fassen in der Kleinstadt, die ihm niemals verzeihen wird, dass er als Jugendlicher geklaut hat und fast nie in der Kirche war. Mit ihm kämpft Glory, die verzweifelt darum bemüht ist, dem Vater in seinen letzten Tagen auf dieser Welt eine große Enttäuschung zu ersparen.

Home spielt zeitgleich mit Robinsons Roman Gilead. Während in letzterem Ames, Reverend Boughtons bester Freund, eine tragende Rolle spielt, ist er in Home nur hin und wieder zu Besuch und gefragter Gesprächspartner. Als moralische Instanz aber ist er eine feste Größe, besonders in der Beurteilung von Jack und seiner ehemaligen wie gegenwärtigen Missetaten. Wie auch Reverend Boughton ist Ames Geistlicher und die theologischen Diskussionen der beiden Männer können schon recht detailliert und weitschweifig werden.

Und damit sind wir auch schon beim Knackpunkt des Romans: es passiert nicht besonders viel. Gilead ist eine gänzlich ereignislose Kleinstadt, in der einem Jugendsünden noch Jahrzehnte später nachhängen. Man muss schon wirklich Lust auf das ausschließlich Zwischenmenschliche haben, um Freude an diesem Roman finden zu können. Home kreist um den äußerst begrenzten Personenkreis zweier Kernfamilien, die beide auf die Bedürfnisse alter und teils bettlägeriger Männer konzentriert sind. Und auch wenn sie das nicht wären – viel ist nicht zu holen in Gilead. Nun kann man das natürlich auch sehr positiv werten und Robinson zugute halten, wie sehr sie sich auf die Charaktere konzentriert und wie einfühlsam sie ihre fragilen Beziehungen zeichnet – denn das tut sie. Stilistisch einwandfrei schildert sie den Eiertanz, den die beiden Geschwister Glory und Jack nach jahrzehntelanger Funkstille aufführen, stets auf das peinlichste bemüht, die unsichtbaren Grenzen des jeweils anderen nicht zu berühren.

„So she prayed, Lord, give me patience. She knew that was not an honest prayer, and she did not linger over it. The right prayer would have been, Lord, my brother treats me like a hostile stranger, my father seems to have put me aside, I feel I have no place here in what I thought would be my refuge, I am miserable and bitter at heart, and old fears are rising up in me so that everything I do makes everything worse.“

Es ist fast schmerzhaft, den beiden dabei zuzusehen, wie sie um jede noch so kleine Offenheit kämpfen, wie sie sehen, dass der andere verletzt ist und es doch nicht schaffen, nachzufragen oder Unterstützung anzubieten. Die findet nur in Gesten statt: ein gejätetes Beet hier, ein gebügeltes Hemd da. Da ist Robinson offenbar ganz in ihrem Element. Als leiser, zurückhaltender Familienroman funktioniert Home ganz hervorragend.


tl;dr: Guter, stilistisch eingängiger und solide strukturierter Familienroman, in dem außer Familie aber nur Theologie passiert.


Marilynne Robinson: Home. Virago 2009. 339 Seiten. Erstausgabe Farrar, Straus and Giroux, 2008. Eine deutsche Übersetzung von Uda Strätling ist unter dem Titel Zuhause bei S. Fischer lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 71-72.

2009 gewann Robinson mit diesem Roman den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

An der kargen Küste Neufundlands – „Die Unschuldigen“ von Michael Crummey

Die Unschuldigen in Michael Crummeys Roman von der kanadischen Ostküste sind wirklich völlig unschuldig an ihrem Leid. Die Geschwister Evered und Ada wachsen im späten 18. Jahrhundert als Kinder von Fischern auf, die aus den kalten Gewässern gerade genug holen, um die Familie zu ernähren. Im Herbst verkaufen sie ihre Produktion an Bord der Hope, immer in der Furcht, dass die im Gegenzug erworbenen Lebensmittel nicht reichen werden um die Familie über den Winter zu bringen. Ein drittes Kind, eine Tochter, stirbt im Alter von wenigen Monaten. Als Evered noch nicht ganz zwölf ist und Ada gerade neun, sterben die Eltern kurz nacheinander an einer schweren Krankheit. Die Kinder kennen nichts als das Leben in der Bucht, selbst den in der Nähe liegenden kleinen Ort Mockbeggar kennen sie nur dem Namen nach.

Sie machen also da weiter, wo die Eltern aufgehört haben. Evered fährt mit dem Boot hinaus, fängt Kapelan und Kabeljau, Ada bestellt die Felder und sammelt Beeren. Als im Herbst endlich die Hope am Horizont auftaucht, ist die Ernüchterung groß: die Ausbeute aus der Arbeit der beiden Kinder ist so gering, dass sie kaum etwas dafür bekommen. Noch dazu hat der Vater ihnen Schulden hinterlassen. Aber die beiden sind so stur wie verzweifelt. Sie sind nicht bereit, ihre Bucht zu verlassen. Über die Jahre gelingt es ihnen, dem kargen Land genug für den eigenen Lebensunterhalt abzutrotzen. Mehr wird es nie, sie leben immer am absoluten Minimum. Aber da sie genau so aufgewachsen sind, fehlt ihnen auch nichts. Außer vielleicht ein paar Nährstoffen – nach einem besonders harten Winter verliert Evered einige Zähne.

„Wenn’s Gott und dem Wetter gefällt.“

Die Unschuldigen begleitet die Geschwister über etliche Jahre, in denen sich auch ihre Beziehung grundlegend verändert und mit fortschreitendem Alter auf ganz neue Probleme stößt. Ihre übrigen Sozialkontakte sind ausgesprochen rar und fast ausschließlich geschäftlicher Natur. Damit bietet das Romanpersonal nur sehr wenig Abwechslung und auch die Tätigkeiten von Evered und Ada wiederholen sich stets im Jahreslauf. An einigen Stellen hat der Roman dann auch größere Schwierigkeiten, die Spannung zu halten. Das aber fängt der Autor auf mit atmosphärischen Schilderungen der Bucht und ihrer Bewohner. Der Grundton des Romans ist durchgehend drückend, fast bedrückend, und finster, teilweise durchsetzt mit brutalen Szenen, vor allem, wo es um das Jagen geht. Das ärmliche Leben bietet nur sehr wenig Raum für Freude und Unbeschwertheit, die größte Freude bleibt eine reiche Beerenernte. Der Erfahrungshorizont der Geschwister bleibt dabei der sehr begrenzt und umfasst beinahe nur das, was in der Bucht von Relevanz ist.

Dem Autor gelingt es, das entbehrungsreiche Leben der Geschwister und ihre bedingungslose Hingabe an ihr Dasein glaubhaft und lebendig zu schildern. So sehr man den beiden einen leichteren Weg wünscht, weiß man doch von Beginn an, dass sie ihn nicht gehen würden.


tl;dr: Guter, manchmal brutaler Roman. Gut zu lesen, wenn es einen nicht stört, dass er fast immer von den gleichen beiden Personen in der gleichen Bucht handelt.


Michael Crummey: Die Unschuldigen. Eichborn 2020, 346 Seiten. Aus dem Englischen von Ute Leibmann. Originalausgabe: The Innocents. Doubleday Canada 2019.

Das Zitat stammt von S. 47.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Ein hölzerner Hauptdarsteller – „Great House“ von Nicole Krauss

Nicole Krauss‘ dritter Roman Great House handelt von vier sehr verschiedenen Personen, die jeweils für sich ihre Geschichte erzählen, alle verknüpft durch einen Schreibtisch mit 19 Schubladen unterschiedlicher Größe. Es ist ein riesiges und dunkles Möbelstück, gemacht für ein beeindruckendes Arbeitszimmer, das in den kleinen Wohnungen späterer Nutzer*innen fehl am Platz und manchmal fast bedrohlich wirkt.

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Die erste Besitzerin, die man kennenlernt ist Autorin Nadia, die nur vorübergehend auf den Schreibtisch aufpassen soll, während sein Eigentümer Daniel Varsky sich in Chile aufhält. Doch dort gerät er in die Fänge des Pinochet-Regimes und verschwindet spurlos. Erst 25 Jahre später steht eine Frau vor der Tür, die behauptet, Varskys Tochter zu sein und den Schreibtisch für sich beansprucht. Damit beginnt ein Roman, der die Biographien von Menschen in den USA, Israel und Großbritannien verknüpft, deren Leben auf die eine oder andere Art von diesem Schreibtisch berührt wurden. Damit einher geht eine Geschichte Europas, die stark von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust geprägt ist.

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Der schwere Weg ins neue Leben – „The Road Home“ von Rose Tremain

Lev ist knapp über 40 als er beschließt, seine osteuropäische Heimat zu verlassen und sein Glück in England zu suchen. Seine Frau ist jung gestorben, nun lebt er mit Mutter Ina und Tochter Maya in einem kleinen Dorf, in dem es seit der Schließung des Sägewerks keine Arbeit mehr für ihn oder irgendwen gibt. Er lässt die beiden zurück in der Hoffnung, dass 20 £ wirklich für eine Woche in London reichen und er bald genug verdient, um den Überschuss in die Heimat zu schicken.

„My daughter Maya needs clothes, shoes, books, toys, everything. England is my hope.“

Bei seiner Ankunft in London sind Levs Pläne vage und ohne große Ambitionen. Hauptsache irgendeine Arbeit. Er landet schnell in der Gastronomie, wo er sich vom Tellerwäscher immerhin zum Beikoch hocharbeitet und genug verdient, um etwas Geld nach Hause zu schicken. Er lebt sparsam in einem Kinderzimmer, das noch komplett mit Kaufmannsladen und Etagenbett eingerichtet ist. Aber immerhin ist der Vermieter nett und gesprächig und mit £ 90 Miete pro Woche ist Lev noch ganz gut dabei. Es dauert nicht lange, bis er sich Hals über Kopf in eine Kollegin im Restaurant verliebt. Doch die kulturellen Unterschiede sind zu groß und mit der Beziehung endet auch seine Karriere. Als er dann auch noch von einem Landsmann erfährt, dass sein Heimatdorf einem Staudamm weichen soll, will er schnellstmöglich zurück. Aber mit leeren Händen kann er natürlich nicht nach Hause kommen.

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Alpine Biographien – „Im Schatten der Drei Schwestern“ von Rosina Lippi

Bei den Drei Schwestern, die diesem Roman Kulisse und Titel liefern, handelt es sich um eine Gebirgsformation im Westen Österreichs. Zu den Füßen und an den Hängen der Berge erstrecken sich einige winzige Dörfer und Höfe, auf denen vor allem Milch und ein wenig Gemüse erwirtschaftet wird. Die Menschen leben abgeschieden und bekommen kaum etwas von der Außenwelt mit. Sie ist ihnen auch egal. Was zählt ist das Vieh und wie man es über den Winter bringt. Die trockene „Buchsprache“ ist den meisten suspekt. Nur wenige wagen den Weg heraus aus dem Tal um woanders zur Schule zu gehen oder gar zu studieren. Die meisten streben danach, auf einem der Höfe unterzukommen, wenn sie nicht gleich einen erben.

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Im Schatten der Drei Schwestern erzählt Geschichten aus dem Dorf Rosenau, allesamt aus der Perspektive von Frauen geschildert. Die Autorin Rosina Lippi lebte einige Jahre in Österreich im Bregenzerwald, wo sie mit der Erforschung regionaler Dialekte befasst war. Die Dörfer, die sie dort kennengelernt hat und die Geschichten, die sie gehört hat, verarbeitet sie in diesem Roman. Von 1909 bis 1977 erstreckt sich diese Chronik des fiktiven Dorfes Rosenau und seiner Bewohnerinnen. Und die hat es in sich. Obwohl der Roman recht schmal ist, gibt es im Anhang gleich drei Stammbäume, die helfen, beim Wechsel von Bengat-Hof zu Ellenbogen-Hof zu Wagenschmied-Sippe den Überblick zu behalten. Erschwerend hinzu kommt, dass die Namenspraxis es beinahe mit russischen Romanen aufnehmen kann. Jede Figur hat mindestens drei Rufnamen, die aber alle aus einem äußerst begrenzten Pool möglicher Namen stammen. So beginnt der Roman mit einer Versammlung aller Frauen im Dorf, die Anna Fink heißen oder hießen und die klären müssen, an welche der anwesenden Annas eine unklar adressierte Postkarte gerichtet ist. Es sind mindestens sechs Frauen im Raum, die Situation ist verwirrend, um das mindeste zu sagen und erfordert erhöhte Aufmerksamkeit. Obwohl die zwölf erzählten Episoden in sich nicht besonders komplex sind, muss man konzentriert dabei bleiben, um nicht die Orientierung im dicht verzweigten Sozialgefüge zu verlieren.

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Revolution geht durch den Magen – „Die rote Köchin“

Die Geschichte der roten Köchin Hannah R. ist eine höchst rätselhafte. Ihr Familienname wird nie ganz genannt, ihre Herkunft ist genauso ungewiss wie ihr Verbleib nach Ende ihrer Aufzeichnungen. Dass wir sie überhaupt zu hören kriegen, verdanken wir einer anonym bleibenden Person, die in Ascona im Auftrag eines Freunds ein Bild von Paul Klee erwirbt. Die verkaufende Galeristin trennt sich nicht ohne Geschichte von diesem Bild, denn Klee persönlich hat es einst ihrer Großmutter geschenkt, eben dieser Hannah R.

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Hannah R. war am Weimarer Bauhaus eingeschrieben, wo sie unter Gropius, Klee, Kandinsky und anderen Größen der modernen Kunst studierte. Sie war aber auch Köchin und Mitglied einer spartakistischen Zelle, die organisiert und militant gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus vorging. Als Spartakistin machte sie Schießübungen und organisierte die Arbeiterschaft, als Köchin verdiente sie Geld an den zahlungskräftigen Restaurant-Besucher*innen, finanzierte davon die Aktivitäten der Gruppe und verköstigte in Volksküchen die werktätige Bevölkerung. So zumindest will es die Legende, denn keine Person in diesem autobiographisch erscheinenden Roman wird beim vollen Namen genannt und so ist auch nichts nachprüfbar. Dass Hannah und ihre spartakistische Zelle in keinem Bauhaus-Archiv zu finden sind, wird plausibel erklärt. Einziger Anhaltspunkt bleibt die Freundschaft mit Klee und ein von Hannah entworfenes Feuerzeug. Der im Buch abgedruckte Ausweis von Hannah jedenfalls lässt sich problemlos als der einer anderen identifizieren.

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Rassismus und Familienbande – „The White Family“ von Maggie Gee

Alfred White ist Parkaufseher in London Hillesden. Früher hatte er noch fünf Kollegen, doch nach etlichen Sparmaßnahmen ist er der letzte, der dort noch weit nach Renteneintrittsalter treu seine Runden dreht. Nicht einen Tag hat er gefehlt. Umso schockierter sind alle, als er während des Dienstes bewusstlos zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

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Der plötzliche Fall des Vaters bringt die gesamte Familie am Krankenbett zusammen. Seine Frau May steht ihm ohnehin zur Seite, ebenso sein Sohn Dirk, der auch im Erwachsenenalter noch zu Hause wohnt. Aber auch Tochter Shirley, die sich mit dem Vater vor Jahren zerstritten hat und sogar Darren, der als erfolgreicher Journalist in den USA lebt und für Familie nur wenig Zeit findet.

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Blasse Welt N’Terra – „A Conspiracy of Stars“ von Olivia A. Cole

Olivia English wächst auf in N’Terra, einer menschlichen Kolonie auf dem Planeten Faloiv. Das Leben dort ist noch sehr beschwerlich, es ist aber auch erst 40 Jahre her, dass Olivias Eltern und Großeltern mit der Vagantur vom „alten Planeten“ kamen, von dem man mutmaßen kann, dass damit die Erde gemeint ist. Die Menschen bewegen sich fast nur unter riesigen Glaskuppeln, tragen spezielle Anzüge und versuchen, die Tiere und Pflanzen der neuen Heimat zu erforschen und sich so besser an ihre neue Umgebung anzupassen. Die gesellschaftliche Elite bilden folgerichtig die „whitecoats“, die hochdekorierten Wissenschaftler*innen, die an der Erforschung der faloivschen Flora und Fauna beteiligt sind. Olivias Eltern gehören dazu und es ist klar, dass auch Olivia in ihre Fußstapfen treten soll.

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Noch aber ist sie ein „greencoat“, eine Wissenschaftlerin in Ausbildung. Über ein neues Praktikumsprogramm allerdings kommt sie schneller in den Genuss praktischer Erfahrung, als ihr lieb ist. Obwohl sie keine Säugetiere erforschen will, landet sie unter der Obhut ihrer Eltern in der entsprechenden Abteilung. Zusammen mit Freundin Alma und Instant-Crush Rondo schnüffelt sie in den Laboren herum und stellt schnell fest, dass hinter der blitzsauberen Oberfläche einiges im Argen liegt. Vor allem der Regierungsvorsitzende Dr. Albatur scheint eine Menge Dreck am Stecken zu haben. Doch auch Olivias eigener Vater weiß offenbar mehr, als er zugeben möchte und wird für seine eigene Tochter zur Gefahr.

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Das Schönste in ganz Pennsylvania – „Das Holländerhaus“ von Ann Patchett

Cyril Conway steht gerade erst am Anfang seiner Immobilien-Karriere, da entdeckt er schon das schönste Haus in ganz Pennsylvania. Es ist der aufgegebene Besitz der niederländisch-stämmigen Familie VanHoebeek, die ihr Vermögen mit Zigaretten aufgebaut hat und nun komplett von der Bildfläche verschwunden ist. Es bleibt eine beeindruckende Villa mit Ballsaal, tiefen Fensterbänken und Delfter Kacheln am Kamin. Das Haus ist ein Vermögen wert und weit über dem, was Cyril sich eigentlich leisten kann. Dennoch schenkt er es seiner Frau und wohnt bald mit Köchin, Kindermädchen und den Kindern Danny und Maeve in dem prachtvollen Bau. Seine Frau allerdings bleibt nicht mehr lange. Sie fühlt sich schlecht in dem ganzen Luxus und beschließt, die Familie zu verlassen, um den Armen in Indien zu helfen.

Ihre Kinder leiden sehr unter dem plötzlichen Verlust der Mutter und auch die innige Beziehung zum Hauspersonal kann das natürlich nicht wett machen. Der Vater bleibt indessen distanziert und fremd, mit Danny verbringt er fast nur Zeit, wenn die beiden am Samstag zusammen ihre Runden drehen, um die Miete aus Cyrils Wohnungen zu kassieren. An all das erinnert sich Danny jetzt, mehrere Jahrzehnte später, während er von seiner Kindheit und Jugend erzählt, die durchgehend vom prächtigen Heim der Familie geprägt bleibt.

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