Die Bürden vergangener Leben – „The Hundred Secret Senses“ von Amy Tan

Olivia Laguni wächst als Tochter eines chinesischen Immimgranten und einer US-Amerikanerin in den USA auf. Über ihre halb-chinesische Herkunft macht sie sich wenig Gedanken und sie beeinflusst ihren Alltag kaum. Doch als ihr Vater jung auf dem Sterbebett liegt, gesteht er seiner Frau, in China bereits eine Tochter zu haben. Und diese will er nun unbedingt in den USA wissen. Er stirbt, bevor dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, doch seine Frau setzt trotzdem alles daran, Kwan aufzutreiben und zu ihr zu holen. Olivia ist nicht begeistert von der neuen und deutlich älteren Schwester, mit der sie das Zimmer teilen muss und die wegen ihrer fremden Art und Sprache ausgelacht und gehänselt wird. Doch Kwan überschüttet Olivia mit Liebe und Fürsorge. Und hält sie zu ihrem Ärger abends mit Geistergeschichten wach. Denn Kwan ist überzeugt, „Yin-Augen“ zu haben, mit denen sie Geister sehen kann und sie ist auch sicher, sich an ein altes Leben zu erinnern, in dem sie und Olivia sich ebenfalls kannten.

Another wife? A daughter in China? We were a modern American family. We spoke English. Sure, we ate Chinese food, but take-out, like everyone else.“

Dabei helfen ihr hundert geheime Sinne, Wahrnehmungen die weit über das hinausgehen, was man gemeinhin als die fünf zur Verfügung stehenden Sinne ansieht. Dazu zählen die feinen Haare der Blumen, die empfindlichen Zungen der Schlangen, die lautlosen Flügel der Fledermäuse – glaubt man Kwan, kann man all diese Sinne nutzen, wenn man es nur zulässt. Und das nicht nur, um mit den Toten zu sprechen, sondern auch mit abwesenden Menschen, die man liebt. Olivia hält ihre Halbschwester für reichlich bescheuert, kann sich ihren Geschichten aber auch nicht ganz entziehen. Sie ist oft genervt von Kwan und vor allem von ihrer Einmischung in ihre desolate Ehe. Doch sie kann auch nicht vergessen, wie oft Kwan ihre selbstlose Liebe für die jüngere Schwester unter Beweis gestellt hat. Bei einer gemeinsamen Reise in Kwans Heimatdorf hat Olivia nach Jahrzehnten die Gelegenheit, die wilden Geschichten mit der Realität zu vergleichen.

Gut die Hälfte von The Hundred Secret Senses spielt im späten 18. Jahrhundert. Aus dieser Zeit erzählt Kwan ihre alte Lebensgeschichte. Damals lebte sie in China im Haus christlicher Missionare, die sie als Dienerin angestellt hatten. Eine von ihnen, da ist sich Kwan sicher, ist nun als ihre Schwester Olivia wiedergeboren worden und Kwan hat endlich die Gelegenheit, altes Unrecht wiedergutzumachen. Die andere Hälfte des Romans spielt in den frühen 90er-Jahren in den USA, wo Olivia und ihre Mann Simon versuchen, ihre Beziehung und ihre Firma zu retten.

Die chaotische Familie Languni-Li schildert Amy Tan mit viel Humor und Einfühlungsvermögen. Die meisten Charaktere, allen voran Olivia und Kwan, sind ausgesprochen sympathisch und liebenswert. The Hundred Secret Senses geht aber weit über einen klassischen Familienroman hinaus und verwebt historische Elemente mit magischem Realismus. Was Kwan wirklich sieht und was ihrer Einbildung entspringt, können weder Olivia noch die Lesenden beurteilen. Oft genug aber finden sich in der Realität Beweise für ihre Behauptungen. Gerade zum Ende hin ist die Autorin aber ein bisschen zu sehr auf einen harmonischen Ausgleich bedacht, was zu Lasten der Handlung geht. Gerade, als es spannend wird, gewinnen Versöhnungsszenen und klärende Gespräche die Oberhand. Damit mag vielleicht das kosmische Gleichgewicht wiederhergestellt werden, auf das Kwan immer so bedacht ist. Der Roman aber gewinnt dadurch nicht. Dafür aber gelingt Olivia doch noch der Weg zu ihren eigenen chinesischen Wurzeln.


tl;dr: The Hundred Secret Senses ist ein Roman über zwei ungleiche Schwestern, von denen eine nicht nur mit Geistern sprechen kann, sondern sich auch hervorragend an alte Leben erinnert. Über weite Teile spannende Idee, am Ende aber zu harmoniebedürftig.


Amy Tan: The Hundred Secret Senses. Vintage Books 1998. 358 Seiten. Erstausgabe Putnam 1995. Aktuell lieferbar bei Penguin. Eine deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann ist unter dem Titel Die hundert verborgenen Sinne bei Goldmann erschienen. Diese Ausgabe gibt es nur noch antiquarisch.

Das Zitat stammt von S. 6.

Mit diesem Roman  Tan 1996 auf der ersten Shortlist des Orange Broadband Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Die Welt nach dem Virus – „The Year of the Flood“ von Margaret Atwood

Die „wasserlose Flut“ in Margaret Atwoods dystopischer Welt der Maddaddam-Trilogie wurde von vielen erwartet und doch hat sie kaum jemand überlebt. Die so bezeichnete Seuche und ihre verheerenden Folgen kennt man schon aus Oryx & Crake. Während es im ersten Teil noch so aussah, als sei Snowman der einzige Überlebende, lernt man in The Year of the Flood die Angehörigen einer religiösen Gruppe kennen, die sich „The Gardeners“ nennt. Schon lange vor der Flut haben diese Menschen zusammengefunden, um in einer Gemeinschaft zu leben, in der die als zerstörerisch empfundenen Praktiken ihrer Zeit abgelehnt und bekämpft werden. So essen sie kein Fleisch, nehmen keine Medizin, die von den großen Firmen produziert wird, kaufen keine neue Bekleidung und duschen nur sehr selten, um Wasser zu sparen. Und sie legen aufwändige Vorräte an, denn sie sind sicher, dass der Tag naht, an dem die Welt, wie man sie kennt, zusammenbrechen wird. Das wird zumindest einigen von ihnen noch das Leben retten.

„For the Waterless Flood is coming, in which all buying and selling will cease, and we will find ourselves thrown back upon our own resources, in the midst of God’s bounteous garden.“

Dass Protagonistin Toby zu ihnen findet, ist reiner Zufall. Sie interessiert sich weder besonders für Veganismus noch für Nachhaltigkeit und arbeitet in einem miesen Burgerladen, um sich über Wasser zu halten. Als sie aber vor ihrem Boss fliehen und untertauchen muss, sind die Gardeners ihre beste Möglichkeit. Schnell lernt sie die verschrobene Gemeinschaft schätzen, auch wenn sie etliche spirituelle Handlungen mit gehörigem Argwohn betrachtet. Die Gardener sind gottgläubige Umwelt-Verehrer. Jeder Tag in ihrem Kalender ist einem Menschen gewidmet, der sich in besonderer Weise für die Umwelt eingesetzt hat. Ihre Heiligen haben Menschenaffen erforscht, Insekten benannt und sich gegen Staudammprojekte gestellt. Der Roman ist durchsetzt von Gesängen der Gardeners zu Ehren der Elemente, Pflanzen und Tiere. Aufgeschrieben davon ist allerdings nicht, denn sie fürchten die Schrift und den Schaden, der entstehen kann, wenn Geschriebenes in die falschen Hände gerät. Alles was sie wissen, wird von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, besonders durch ihre spirituellen AnführerInnen, die sogenannten Adams und Eves.

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Von ihren Taten zu singen – „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Mit Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber eine außergewöhnliche Hommage geschrieben, für die sie in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Anne Weber lernte Anne Beaumanoir, genannt Annette, vor wenigen Jahren bei einer Podiumsdiskussion kennen. Im Anschluss hatten die beiden Gelegenheit, sich näher kennenzulernen und Weber war beeindruckt von dem, was die inzwischen über 90jährige zu berichten hatte. So beeindruckt, dass sie beschloss, ein Buch darüber zu schreiben und nicht nur ein Buch, sondern gleich ein Heldinnenepos. Denn Weber sah in Beaumanoir nicht weniger als eine der ganz seltenen Gelegenheiten, eine echte Heldin kennenzulernen.

Annette Beaumanoir wurde 1923 in der Bretagne geboren, wo sie in recht einfachen aber glücklichen Verhältnissen aufwuchs. Nach der Schule begann sie eine Medizinstudium, zugleich aber ihre politische Karriere. In dieser Zeit wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei und mehr oder weniger zufällig Teil der Résistance. Den Widerstand stellte sie nie in Frage und betrachtete ihn als ihre Pflicht, auch später, als die Nazi-Okkupation beendet war. Im Auftrag der kommunistischen Partei, aber auch in eigener Mission half sie anderen Menschen im Untergrund, organisierte Fluchtwege und Unterkünfte und rettete jüdische Menschen vor dem sicheren Tod. Für letzteres wurde sie, gemeinsam mit ihren Eltern, in späteren Jahren als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien ihr Leben etwas ruhiger zu werden. Sie beendete ihr Studium, wurde Neurologin, heiratete und bekam drei Kinder. Doch das Unrecht nagte weiter an ihr und so engagierte sie sich für die Front de Libération, die für eine Unabhängigkeit Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft kämpfte. Eine Verurteilung zu zehn Jahren Haft war die eine Folge, eine Flucht nach Algerien und jahrelange Trennung von ihren Kindern eine andere. Mittlerweile fast hundert Jahre alt, ist Beaumanoir noch immer als Rednerin und Zeitzeugin unterwegs und bemüht, ihre Überzeugungen weiterzutragen.

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Post-Sowjetische Trostlosigkeit – „Das Birnenfeld“ von Nana Ekvtimishvili

Das Birkenfeld liegt am Rande der georgischen Hauptstadt Tbilissi, in einem heruntergekommenen Außenbezirk, in dem die Straßen keine Namen, sondern Nummern haben. Direkt neben dem Feld liegt ein Internat für geistig beeinträchtigte Kinder, noch zu Sowjetzeiten errichtet und gemeinhin als Debilenschule bezeichnet. Eine der ehemaligen Schülerinnen ist die Protagonistin Lela, die mittlerweile zwar 18 ist, das Internat aus Mangel an Alternativen aber noch immer nicht verlassen hat. Es macht sich auch niemand die Mühe, sie bei der Suche nach Alternativen zu unterstützten oder auch nur hinauszuwerfen. So also bleibt sie, hält eine schützende Hand über ihre Lieblings-Kinder und schmiedet Mordpläne gegen Wano, ihren alten Geschichtslehrer, der sie als Kind über Monate missbraucht hat, was im Roman sehr explizit geschildert wird.

Besonders eng ist Lelas Verhältnis zum neunjährigen Irakli, den sie oft zu einer Nachbarin begleitet, von wo aus er seine Mutter anrufen kann. Die verspricht ihm wieder und wieder, ihn am nächsten Wochenende besuchen zu kommen und lässt sich dann doch nicht blicken. Für Irakli scheint es dennoch einen Weg aus dem Internat und dem Elend zu geben, als sich ein amerikanisches Paar für seine Adoption interessiert. Mit einer Emigration in die USA wäre er der erste Schüler, der es wirklich zu was gebracht hat im Leben.

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Diplomatische Mission im ewigen Eis – „Die linke Hand der Dunkelheit“ von Ursula K. Le Guin

Genly Ai, Gesandter einer interplanetaren Ökumene, wird zu einem entlegenen Planeten gesandt, dessen Länder er als Teil eben dieser Ökumene gewinnen soll. Der Planet, in der Sprache seiner Bewohner*innen Gethen genannt, ist für Ai ausgesprochen lebensunfreundlich. Es ist eigentlich immer kalt und es fallen unglaubliche Mengen Schnee. Für den Winter gibt es gesonderte Eingänge, drei Meter über dem Boden, denn so hoch liegt dann der dicht gepackte Schnee und die normalen Haustüren werden nutzlos. Große Teile des Planeten sind von einem ewigen Gletscher bedeckt. Die Nahrung ist karg und wenig abwechslungsreich.

Die Bewohner*innen des Planeten sind den Menschen des Planeten Erde sehr ähnlich, ihre Regungen und Bedürfnisse entsprechen im Kern jenen des Botschafters Ai. Doch einen ganz entscheidenden Unterschied gibt es doch: sie haben keine zwei biologischen Geschlechter. Ihr Geschlecht interessiert sie auch gar nicht, abgesehen von wenigen Tagen im Monat, der sogenannten Kemmer. In dieser Zeit nehmen sie ein Geschlecht an, das aber jedes mal ein anderes sein kann. So können alle Bewohner*innen Kinder zeugen und gebären, monogame Beziehungen sind bekannt, aber ausgesprochen selten. Ai, immer männlich und immer im Kemmer-Zustand, wird ausgesprochen argwöhnisch beäugt und gilt einigen als pervers. Seine Überforderung mit der ambivalenten Geschlechtlichkeit der Gethen-Bevölkerung ist allerdings auch deutlich spürbar. Er weiß nicht, wie er sie bezeichnen soll und legt sich schließlich aufs generische Maskulinum fest, stellt aber ständig auch „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften fest, wo keine sein können. Als der König von Karhide schwanger wird, ist es ganz um seine Kategorisierung geschehen. Für die Lesenden ist es natürlich auch nicht ganz leicht, mit dieser Sprache aus den bekannten Bildern auszubrechen. Wird eine Person immer als „er“ bezeichnet, hat man natürlich auch einen „er“ vor Augen, auch wenn hin und wieder darauf hingewiesen wird, dass es eben keine ständigen Geschlechter gibt, weder biologisch noch gesellschaftlich.

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Die Staatsfeindin, die ich liebte – „Home Fire“ von Kamila Shamsie

Isma, Aneeka und Parvaiz Pasha sind noch jung, als ihre Mutter stirbt. Ihren Vater haben sie kaum gekannt. Er war Jiihadist, hat lange im Ausland gekämpft und ist schließlich auf dem Weg nach Guantanamo gestorben. Also ist es an Isma, die jüngeren Geschwister großzuziehen. Die Zwillinge Aneeka und Parvaiz sind von ihrer Kindheit an unzertrennlich und kaum eine Minute getrennt. Trotzdem merkt Aneeka zu spät, dass ihr Bruder drauf und dran ist, den gleichen gefährlichen Weg einzuschlagen wie sein Vater.

Die zweite wichtige Familie im Roman ist die des britischen Innenministers Karamat Lone. Selbst Moslem, führt er eine harten Kampf gegen religiöse Hardliner und fordert von den britischen Muslimen, möglichst angepasst zu leben. Damit spielt er auch eine große Rolle im Leben der Familie Pasha. Er weigert sich, Untersuchungen anstellen zu lassen, was mit dem Vater der Familie passiert ist, obwohl er britischer Staatsbürger war. Und er entzieht, wo immer möglich, jedem die Staatsbürgerschaft, der sich des Terrorismus verdächtig macht. Das trifft Parvaiz und seine Schwestern hart. Denn Parvaiz, der von einer Karriere in der Tontechnik träumt, lässt sich tatsächlich bequatschen, als Teil eines vermeintlich harmlosen „Medienteams“ nach Ar-Raqqa zu gehen. Die Schwestern, und besonders Aneeka, haben aber einen ganz eigenen Weg gefunden, den Innenminister unter Druck zu setzen. Und dieser Weg geht über seinen Sohn Eamonn.

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Beengte Verhältnisse – „The Weight of Water“ von Anita Shreve

Anita Shreves Roman The Weight of Water beruht auf einer wahren Begebenheit: Im Winter 1873 wurden auf Smuttynose, einer winzigen Insel vor der Küste New Hampshires, die norwegischen Immigrantinnen Karen und Anethe Christensen im Schlaf überrascht und ermordet. Maren Hontvedt konnte fliehen, versteckt sich die ganze Nacht über hinter einem Felsen und rettet so gerade noch ihr Leben. Später gab sie an, ihr ehemaliger Untermieter Louis habe gewusst, dass die Ehemänner der Frauen in dieser Nacht nicht da seien und sei in das Haus eingedrungen, um Geld zu stehlen. Vom Widerstand der Frauen überrascht, habe er die Nerven verloren. Louis Wagner wurde für schuldig befunden und gehängt.

Im Roman kommt nun mehr als hundert Jahre später die Fotojournalistin Jean auf die Insel, um Bilder für eine Reportage zu machen. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas und ihrer Tochter Billie unternimmt sie dafür eine Bootstour zu der Inselgruppe, begleitet von Thomas Bruder und seiner neuen Lebensgefährtin. Zwischen eben dieser Lebensgefährtin und Thomas nimmt Jean bald ein deutliches Kribbeln wahr, das alle Alarmglocken bei ihr schrillen lässt. Hat sich ihr Mann so schnell in die jüngere, attraktivere Frau verguckt, die zu allem Überfluss seine Arbeit als Dichter verehrt? Jean traut sich kaum noch, die beiden alleine in einem Raum zu lassen. Das muss sie nun aber zumindest gelegentlich machen, denn ihre Arbeit erfordert vollen Einsatz. In einem Archiv in Portsmouth hat sie Unterlagen entdeckt, die ein ganz neues Licht auf den Fall werfen und die offizielle Version der Mordnacht schon nach wenigen Seiten hochgradig fragwürdig erscheinen lassen.

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Ein standhafter Eigenbrötler – „Sweetland“ von Michael Crummey

Auf Sweetland, einer kleinen Insel vor der Küste Neufundlands, leben die Menschen seit zwölf Generationen. Unter den Begründern der Gemeinschaft waren auch die Vorfahren von Moses Sweetland, der heute noch auf der Insel lebt. Doch die Insel ist nicht mehr, was sie einmal war. Vom Fischfang kann kaum noch jemand leben, das Geld wartet auf dem Festland und auf den Ölbohrinseln. Die Jungen gehen weg und nehmen die beschwerliche Heimreise nur im äußersten Notfall auf sich. Es sind nur noch wenige, die ausharren, aus Sentimentalität oder weil sie woanders auch keine Chancen haben. Da kommt das Angebot der Regierung gerade recht: 100.000 Dollar Starthilfe sollen alle bekommen, die freiwillig gehen. Allerdings nur, wenn wirklich alle gehen. Die Lokalregierung hat kein Interesse mehr daran, die kostspielige Infrastruktur der Insel inklusive Strom, Internet und Fähre aufrechterhalten zu müssen. Die meisten Familien springen sofort darauf an, nur einige wenige zögern und wollen ihre Heimat nicht verlassen. Der sturste unter ihnen bleibt der siebzigjährige ehemalige Leuchtturmwärter Moses Sweetland. Er kann sich nicht vorstellen, seinen Lebensabend woanders zu verbringen und lässt sich auch von den anonymen Drohungen nicht schrecken, die ihn am Ende beinahe täglich erreichen.

„Es sind nicht die Sechzigerjahre, Mr Sweetland. Dieser Schritt wird dem Ort nicht aufgezwungen. Wir zahlen für die Umsiedlung der Bewohner, wie es von uns verlangt wurde. Doch wir werden nicht die Verantwortung für einen Verrückten mitten im Atlantik übernehmen, wenn alle anderen weg sind.“

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Navigation in einer zerstörten Welt – „The Great Fire“ von Shirley Hazzard

Der Zweite Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei, als Alfred Leith als Gast das Haus des Australiers Driscoll im japanischen Kure betritt. Leith hat auf britischer Seite gekämpft, hat Freunde sterben sehen und wurde selbst schwer verwundet. Davon allerdings hat er sich beinahe komplett erholt, als er nun, mit Orden behangen und mit Ehrerbietungen bedacht, seine Reise durch Asien antritt, wo er ein Buch beenden will. In Kure lernt er Helen und Ben kennen, die Kinder seiner Gastgeber. In ihrer Isolation sind die beiden stark aufeinander fixiert. Ben ist an Friedreich-Ataxie erkrankt, seine elfengleiche Schwester ist seine größte Stütze in seinem stetigen Niedergang. Auch das Herz von Leith erobert sie im Sturm, obwohl sie gerade erst 17 ist, 15 Jahre jünger als der ehemalige Soldat. Die Zuneigung besteht allerdings auf beiden Seiten. Helen vermutet nicht weniger als einen kosmischen Plan hinter der Reise ihrer Familie um den halben Planeten, die nun in Kure endet, wo sie Aldred kennenlernen muss.

Ergänzend zu Aldreds Geschichte wird die von Peter Exley erzählt, einem jungen Mann, der mit ihm im Krieg war. Auch er bereist nun Asien, allerdings ist er mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen befasst. Die beiden Männer treffen sich in Hongkong, beide in der Überzeugung, dass China bald für die Welt verloren sein wird und die ihre letzte Chance auf eine Reise durch das Land wahrnehmen wollen. Exley ist der etwas gröbere Gegenpart von Aldred, nicht weniger tapfer, aber weniger feinfühlig und musisch, weniger agil.

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Mit Hoffnung an Bord: „Boat People“ von Sharon Bala

Als das Frachtschiff aus Sri Lanka im kanadischen Hafen anlegt, ist die Erleichterung an Bord groß. Auf dem überladenen Schiff befinden sich asylsuchende Tamilen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in der seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Sie alle haben Verfolgung erfahren, Bombardements überlebt und Morde mitangesehen. Aber sie stehen auch unter dem Verdacht, selbst schuldig geworden zu sein. Jeder Passagier ist ein potenzielles Mitglied der Tamil Tigers und damit des Terrorismus verdächtig. Männer und Frauen werden getrennt in Gefängnissen untergebracht, bis über ihr weiteres Schicksal entschieden wird. Ihnen zur Seite stehen Jurist*innen, die der tamilische Bund organisiert. Unter ihn ist unter anderem die Jura-Studentin Priya, deren Eltern selbst aus Sri Lanka stammen, die aber nur wenig Kenntnis der Kultur hat und kaum Tamil spricht. Lieber würde sie ohnehin im Körperschaftsrecht arbeiten, statt sich durch finstere Einzelschicksale zu arbeiten. Die Entscheidung über Abschiebung oder Bleiberecht liegt unter anderem in den Händen von Grace, einer Richterin, deren Großeltern aus Japan nach Kanada gekommen sind.

Mit ihr und ihrer Familie kommt ein weiteres Kapitel kanadischer Einwanderungsgeschichte in den Roman. Nachdem Kanada Japan 1942 den Krieg erklärt hatte, wurden rund 90% der japanisch-stämmigen Bevölkerung British Columbias in Lagern inhaftiert. Ihr Besitz wurde zu großen Teilen gepfändet, ihre Unternehmen aufgelöst. Unter den Betrffenen ist im Roman auch Graces Mutter, die als Kind im Lager Slocan leben musste und erlebte, wie ihrer Familie Besitz und Lebensgrundlage entzogen wurde. Im Alter und mit einer fortschreitenden Demenz-Erkrankung kommt vieles davon wieder hoch und sie kämpft so verzweifelt wie aussichtslos um das Haus, das ihrer Familie gehörte. Sie ist eine der lautesten Stimmen für die Asylsuchenden weil sie nicht mitansehen kann, wie nun eine neue Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft als verdächtig gilt, so wie es einst ihr widerfahren ist.

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