Esi Edugyan: Half Blood Blues

Hieronimus Falk, genannt Hiero, ein Musiker deutsch-sengalesischer Herkunft, ist gerade zwanzig, als er 1940 in Paris ohne Papiere aufgegriffen und verhaftet wird. Sein Ruf als bester Jazz-Trompeter seiner Zeit ist da aber schon legendär. Seine Freunde Sid und Chip, die mit ihm in einer Band waren, erfahren nur, dass er in Mauthausen inhaftiert gewesen sein soll und kurz nach seiner Entlassung verstorben ist. Viele Jahre nach seinem Tod stehen seine wenigen Aufnahmen wieder hoch im Kurs und 1992 wird ein Festival zu seinen Ehren veranstaltet. Dazu sind auch Sid und Chip, beide mittlerweile jenseits der 80, eingeladen. Kurz vor der Abreise erhält Chip einen Brief aus Stettin, dessen Absender niemand geringerer sein soll als Hiero Falk. Er bittet um einen Besuch.

Edugyan_HalfBloodBlues

Also reisen die beiden nach Europa, erst nach Berlin zum Festival, und dann nach Polen. Und hier hängt es leider gewaltig. Erstmal fliegen die beiden von Berlin nach Stettin. Das sind so runde 150 km. Jetzt spielt das 1992 und ich bin mit den damaligen Reisemodalitäten nur bedingt vertraut, aber ein Direktflug von Berlin nach Stettin erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Vor allem schlagen die beiden spontan am Flughafen auf und nehmen dann den nächsten Flug, den es halt gibt. In der Zeit hätte man wahrscheinlich nach Stettin radeln können. In Stettin müssen sie einen Bus nehmen, der sie in 12 Stunden ans Ziel bringen wird. 12 Stunden! Freunde, wo wollt ihr hin? So groß ist doch ganz Polen nicht! Und wenn euer Ziel so maximal weit von Stettin entfernt ist, sagen wir, ihr wolltet eigentlich an die slowakische Grenze, warum fliegt ihr dann ausgerechnet nach Stettin, um alles in der Welt? Ja okay, die Busreise wird für ein Gespräch gebraucht, aber so viel quatschen die beiden auch nicht, dass es die sinnloseste Reiseverbindung aller Zeiten rechtfertigen würde. Sie sind auch alt und schlafen viel. Ich fürchte, da hat die Kanadierin Edugyan unterschätzt, wie klein Europa ist.

Ansonsten ist Half Blood Blues wirklich ein gutes Buch. Es handelt von der Situation schwarzer Jazz-Musiker im zunehmend gefährlich werdenden Europa der 30er Jahre. Wie der Titel des Buchs schon andeutet, geht es hier vor allem um Menschen gemischter Herkunft. Sid beispielsweise ist so hellhäutig, dass ihn auf den ersten Blick kaum jemand als nicht-Weiß identifiziert. Nach den Gesetzen der Zeit und auch in seiner eigenen Definition von sich selbst ist er aber Schwarz. Hiero hingegen, Sohn einer Deutschen und eines Sengalesen, ist sehr dunkelhäutig und im Alltag offensichtlicher und häufiger Diskriminierung ausgesetzt. Seine Freunde haben immerhin amerikanische Pässe und sind in Europa relativ sicher, Hiero aber ist Deutscher, als Bastard definiert und damit in ständiger Gefahr. Die Flucht nach Frankreich mit gefälschten Papieren kann nur eine Notlösung für einige Monate sein.

Ain’t no man can outrun his fate. Sometimes when I looked out through the curtains, staring into the emptiness of Rue de Veron, I’d seen our Berlin, I’d see that night when all the glass on our street shattered.

Jazz ist die Musik der Zeit. In London, Berlin und Paris beherrscht er die Bühnen und Cafés, der Swing füllt die Tanzlokale. Vor allem amerikanische Musiker sind in Europa gefragt, verleihen sie doch einer Jazz-Combo erst die nötige Authentizität. Für die deutschen Musiker, die Jazzaufnahmen vom Band transkribieren und dann vom Blatt spielen, haben sie nur ein müdes Lächeln übrig. Jazz ist nicht einfach nur eine Musik, es ist ein ganzer Lifestyle. Diese Atmosphäre fängt Edugyan gut ein. Schwieriger nachzuvollziehen fand ich manchmal die Handlungsweisen der Charaktere, die nicht immer logisch waren. Also jetzt mal abgesehen von dieser völlig irren Polenreise fand ich die Freundschaft zwischen Sid und Chip nicht immer nachvollziehbar, nachdem sich vor allem Chip an etlichen Stellen wie ein ziemliches Arschloch verhält. Auch Hiero bleibt, obwohl Held des Romans, ziemlich platt und farblos. Er ist das verschüchterte Wunderkind und das sehr überzeugend, aber mehr Charakterzüge sind an ihm nur selten erkennbar. Auch die schöne Delilah, die die Männer erst nach Paris geholt hat, erfüllt ihre Rolle als gefährliche Schönheit sehr gut, bleibt darüber hinaus aber doch recht platt.

Der Roman springt zwischen den Zeitebenen und spielt abwechselnd in den späten 1930er-Jahren und den frühen 1990er-Jahren. Das komplette Bild von Hieros Verhaftung, der Geschichte der Band und der Aufnahme des legendären „Half Blood Blues“ setzt sich erst nach und nach zusammen. Einige Passagen, wie die ersten Tage der Besetzung Paris, fand ich ein wenig langatmig, durch den ständigen Wechseln zwischen den Zeiten bleibt das Buch aber trotzdem spannend. Der Roman wird aus der Sicht von Sid erzählt und das auch in seiner Sprache. Auf den ersten Seiten fand ich das beinahe abschreckend. Er spricht mitunter einen relativ starken Slang und mit einigen Ausdrücken, besonders aus dem musikalischen Kontext, hatte ich echt zu kämpfen. Man gewöhnt sich aber recht schnell daran und merkt es nach ein paar Seiten kaum noch.

Half Blood Blues hat zweifellos einige Schwächen, nicht nur die Routenplanung betreffend. Dennoch fand ich den Roman sehr gelungen und gut lesbar. Nicht zuletzt fand ich auch das Thema interessant, dem Edugyan sich hier widmet und das sonst eher selten in der Literatur zu finden ist.


Esi Edugyan: Half Blood Blues. Serpent’s Tail 2011. Eine deutsche Übersetzung von Peter Knecht ist unter dem Titel Spiel’s noch einmal bei insel taschenbuch erschienen, ist aber nur noch antiquarisch oder als eBook zu kriegen.

Das Zitat stammt von S. 10.

2012 war Edugyan mit diese Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Madeline Miller: The Song of Achilles

Griechische Mythologie hat mich noch nie gekriegt, das muss ich zugeben. Früher hatte ich mal ein Buch mit griechischen Sagen, von dem ich noch weiß, dass irgendjemand mit einem glühenden Pflock einer Kreaturen die Augen ausgebrannt hat – ich glaube, es war Odysseus und das Opfer ein Zyklop, womit er nur ein Auge hätte ausbrennen müssen, aber auch das war schockierend genug, so dass ich danach lieber wieder die Pferde-Internat-Sammelbände aus dem Club Bertelsmann gelesen habe. Ungefähr auf dem Level bin ich geblieben, außerdem kann ich mir die ganzen Namen immer nicht merken und gerate durcheinander und, ich glaube das habe ich schon mal gesagt, ich bin schlecht mit Schlachten. Das ist nun wirklich eine denkbar schlechte Voraussetzung für griechische Heldensagen.

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Nun, dank Women’s Prize for Fiction-Sieg landete nun The Song of Achilles auf meiner Leseliste. Ich hatte noch die Hoffnung, das hätte irgendeine metaphorische Bedeutung, aber nein. Es geht wirklich um Troja, um Achilles und um seinen Gefährten Patroclus. Die Beziehung der beiden ist je nach Quelle unterschiedlicher Natur – in einigen Versionen (Homer) verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, in anderen eine Liebesbeziehung (Aischylos). Miller hat sich in ihrer Variante für letzteres entschieden. Also auf geht’s – verwirrende Namen und Speerwerferei.

Achilles wächst als Prinz auf, er ist der Sohn des Königs Peleus und der Meernymphe Thetis, und der beste aller Griechen. Schon von Kindheit an hat er unglaubliche Fähigkeiten in ungefähr allem, was er anfasst. Vor allem ist er ein herausragender Kämpfer. Zeitgleich mit ihm wächst in einem anderen Königreich Patroclus auf, der seinen Vater in allem enttäuscht und schließlich versehentlich einen anderen Jungen umbringt. Die Strafe lautet Exil und so landet er als Zögling ebenfalls am Hof des Peleus, wo er zur Verwunderung aller der Favorit und engster Gefährte von Achilles wird. Von da an verbindet die beiden eine tiefe Liebe. Vor allem für Patroclus, der die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, ist ein Leben ohne Achilles bald undenkbar. Wenn die Prophezeiung sich erfüllt und Achilles in der Schlacht stirbt, wird auch Patroclus nicht mehr weiterleben können.

„The sorrow was so large it threatened to tear through my skin. When he died, all things swift and beautiful and bright would be buried with him.“

Miller bleibt in ihrer Erzählung der Geschichte eng an der klassischen Vorlage,  deswegen gibt es für die Plotline keine Punkte. Sie konzentriert sich in ihrer Version aber sehr auf die Beziehung der beiden Männer, die beide nicht besonders aufregend charakterisiert werden. Während Achilles der unangefochtene und strahlende Held ist, bleibt Patroclus seltsam farblos und ist mir in seiner unbedingten Anhänglichkeit manchmal schon auf die Nerven gegangen. Er tut sich vor allem dadurch hervor, dass er in jeder Disziplin der gemeinsamen Ausbildung (Kämpfen, Reiten, Lyra spielen) signifikant schlechter ist als Achilles. Einzig die Heilkunde liegt ihm. Als die beiden schließlich doch in die Schlacht um Troja ziehen, bleibt Patroclus meistens im Lager, kruscht im Zelt herum und kommt um vor Sorge, bis Achilles endlich wieder da ist. Über lange Strecken ist er ein nervöser Hausmann, der ohne Achilles nicht weiß, was werden soll. Es ist mir das ganze Buch über sehr schwergefallen zu sehen, was Achilles an Patroclus so anziehend fand und offenbar auch über lange Zeit anziehend findet. Es ist ja nicht, als hätte der größte aller Griechen keine anderen Angebote. Vor allem seine Mutter Thetis ist ständig bemüht, den in ihren Augen unwürdigen Exilanten durch was besseres zu ersetzen. Aber von außen sind Beziehungen ja oft nur schwer zu beurteilen.

Mein Eindruck des Romans war sehr durchwachsen. Einige Episoden habe ich gerne gelesen, andere fand ich wirklich schleppend. Manchmal ist es fast rührend, wie Patroclus glaubt, nicht mehr ohne Achilles leben zu können, an anderen Stellen ist es nur ermüdend, wie er die Schönheit seines Gefährten ein weiteres Mal bewundert und den goldenen Glanz seiner Haare lobt. Es ist eben nicht das ideale Buch, wenn man weder auf griechische Mythologie noch Liebesgeschichten steht, das muss ich auch zugeben. Wenn man das aber tut, ist man hier ganz gut bedient, denn zumindest stilistisch ist The Song of Achilles solide gemacht und gut lesbar. Und bei den Schlachten kann man auch mal quer lesen, man weiß ja, wie es mit Troja endet.


Madeline Miller: The Song of Achilles. Bloomsbury 2012. 352 Seiten. Originalausgabe beim gleichen Verlag 2011. Der Roman wurde durch Michael Windgassen übersetzt und ist unter dem Titel Das Lied des Achill beim Berlin Verlag lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 158.

2012 wurde dieser Roman mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Sokrates im Gulag – Lewan Berdsenischwilis „Heiliges Dunkel“

Drei Jahre lang, von 1984 bis 1987, war der Georgier Lewan Berdsenischwili im Gulag inhaftiert, verurteilt wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda. Er hatte in Georgien eine republikanische Partei mitbegründet. Der Zeit seiner Inhaftierung widmet er den Roman Heiliges Dunkel – Die letzten Tage des Gulag. Anders als man das aus anderen Gulag-Romanen kennt, schildert er diese Zeit allerdings nicht als schreckliches Erlebnis, sondern konzentriert sich ausschließlich auf die Menschen, die er dort kennen lernte und mit denen er auch lange Jahre nach der gemeinsamen Haft in Kontakt stand.

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Seine Haftbedingungen waren relativ erträglich, was mit am späten Zeitpunkt seiner Festnahme lag. Zu den Zeiten von Glasnost und Perestroika waren die Strafgefangenenlager schon lange nicht mehr das, was man sich, mit Iwan Denissowitsch im Hinterkopf, unter einem Gulag vorstellt. Zwar berichtet Berdsenischwili von willkürlichen Schikanen durch die Angestellten und Wärter, im Großen und Ganzen geht es aber ganz zivilisiert zu in der Zone der politischen Gefangenen. Mit Grauen erzählt man sich dort, unter der intellektuellen Elite der Sowjetunion, wie furchtbar es zugehen muss in den anderen Zonen, wo Mörder und Diebe ihre Haftstrafe verbüßen. Unter den politischen Gefangenen hat man es ganz nett. Man trifft viele Gleichgesinnte und kann über Literatur, Musik und Sprache reden, Schach spielen oder sich zur Scharade treffen. Zwischendrin müssen Handschuhe genäht werden, eine Arbeit, die eintönig aber körperlich nicht besonders schwer ist. Traumatisierend ist die Erfahrung für Berdsenischwili trotzdem, daran lässt er nie einen Zweifel. Vor allem die Trennung von seiner Frau und seiner Tochter fällt ihm sehr schwer.

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Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

An einem Abend im Frühling treffen sich die beiden Schriftsteller Berlioz und Besdomny an den Moskauer Patriarchenteichen, wo sie ein wenig spazieren gehen und sich über Literatur unterhalten. Dort treffen sie auf den Ausländer Voland, der sich sehr merkwürdig benimmt, nur kryptisch auf Fragen zu seiner Person antwortet und Berlioz einen frühen Tod voraussagt, verursacht durch das Abtrennen seines Kopfes. Nur Minuten später kommt es tatsächlich zu einer unschönen Begegnung des Autors mit einer Straßenbahn. Und das ist erst der Beginn einer Reihe höchst seltsamer Vorkommnisse in der Stadt.

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Gemeinsam mit seinen Begleitern, unter anderem einem riesigen Kater namens Behemoth, bezieht der mysteriöse Ausländer Quartier in der Sadowaja 302b, Wohnung 50. Von dort aus verdingt er sich als Künstler vor ausverkauftem Haus, stiftet allerhand Verwirrung und sorgt dafür, dass die Nervenheilanstalt der Stadt einige Patienten mehr bekommt. Dass der geheimnisvolle Fremde nichts Gutes im Schilde führt, ist schnell klar. Dass er der Teufel höchstselbst ist, will aber niemand wahrhaben, obwohl viele, die ihm begegnet sind, genau das beschwören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht man, die Geschehnisse um den dunklen Magier mit Massenhypnose zu erklären. Volands Methoden sind hinterhältig und grausam, scheinen aber so treffsicher immer die Richtigen zu erwischen, dass man kaum an seinen Taten zweifeln kann.

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Austen im Funkloch – Val McDermids „Northanger Abbey“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Austen-Zitate sich größter Beliebtheit erfreuen, gerne auch als ganzer Roman. Pride and Prejudice and Zombies habe ich vor einiger Zeit mit großer Freude gelesen und mich nun auch an einen Teil des Austen-Projekts gewagt. Im Rahmen dieses Projekts wurden Austens Romane neu erzählt und dabei auch in die moderne Zeit verlegt. Ich habe bisher keines der Bücher gelesen, weil ich sehr skeptisch war – wenn man aus Austen die Empire-Kleider, die komplexen gesellschaftlichen Regeln und jedes „most ardently“, „ever so slightly“ und „oh but you must forgive me“ streicht, was bleibt denn dann? Im besten Fall „Clueless“, im schlimmsten Fall eine ziemlich dünne Story.

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Nun gab es aber beim von mir abonnierten Streaming-Dienst die Hörbuch-Version von Val McDermids Nacherzählung von Northanger Abbey. Vor mir lag eine lange und langweilige Zugfahrt und da erschien mir diese Geschichte, die ich als ganz witzig und spannend in Erinnerung hatte, als gute Option. Und die Krimiautorin Val McDermid konnte ich mir auch als gute Neuerzählerin vorstellen.

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Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

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Sarah Waters: The Night Watch

London, 1947. Der Zweite Weltkrieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern auch viele der BewohnerInnen rat- und hilflos zurückgelassen. Fünf von ihnen stehen im Mittelpunkt dieses Romans von Sarah Waters. Viv, die seit Jahren eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat und ihr Bruder Duncan, der den gesamten Krieg im Gefängnis verbracht hat. Das Liebespaar Julia und Helen, oft an ihre Grenzen getrieben von Helens Eifersucht, und Kay, die alleine lebt und noch nicht verwunden hat, was sie im Krieg als Sanitäterin gesehen hat.

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Zadie Smith: The Autograph Man

Alex-Li Tandem, halb chinesischer, halb jüdischer Herkunft, wächst in einem Vorort in der Einflugschneise von Heathrow auf und entdeckt früh seine Liebe zu Autogrammen. Die Liebe ist so groß, dass er als Erwachsener vom Handel mit Autogrammen leben kann und ein ausgewiesener Experte ist, wenn es um die Authentizität der teuren Unterschriften geht. In seinem Privatleben geht es nicht sehr aufregend zu. Er ist immer in der gleichen Nachbarschaft wohnen geblieben und hat immer noch die Freunde aus Kindertagen. Auch in seiner Beziehung, ebenfalls noch aus der Schulzeit, läuft es eher so mittelprächtig. Alex ist gelegentlichem Drogenkonsum nicht abgeneigt, übertreibt es in einer Nacht aber völlig. Als er zwei Tage später wieder völlig zu sich kommt, ist sein Auto Schrott, seine Freundin spricht kein Wort mehr mit ihm und in seiner Wohnung liegt ein Autogramm von Kitty Alexander. Kitty Alexander! Der von ihm angebeteten Schauspielerin schreibt er seit seiner Jugend jede Woche einen Brief und bittet um ein Autogramm, bisher aber ohne Erfolg. In Alex-Li keimt ein furchtbarer Verdacht: hat er in seiner Verzweiflung im Drogenrausch das Autogramm gefälscht? Er kennt Kittys Unterschrift so gut, dass er es könnte. Aber wen soll er fragen, ohne sich wahnsinnig zu blamieren? Zum Glück hat er – ebenfalls im Drogenrausch – einen Flug zu einer Autogramm-Messe in New York gebucht, wo Mrs. Alexander wohnt.

„This is the description of a struggle. Judge it accordingly.“

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Ernst Haffner: Blutsbrüder

In den frühen 1930ern, als die wirtschaftliche wie soziale Lage in Deutschland nicht sehr rosig war, berichtete Ernst Haffner erstmals von den Blutsbrüdern, einer Clique, wie es sie in Berlin zu dieser Zeit massenhaft gab. Die Gruppe besteht aus jungen Männern und Jungen, zum Teil nicht älter als 15 Jahre, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern leben und sich, so gut es eben geht, auf der Straße durchschlagen. Sie betteln, prostituieren sich und stehlen, schlafen in billigen Herbergen und vertrödeln die Zeit in warmen Kneipen.

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Die Blutsbrüder bilden einen festen und solidarischen Verbund, teilen was sie haben und schützen die anderen. An die Zukunft denkt man nicht. Wenn einer mal dreißig, vierzig Mark hat, werden die noch am gleichen Abend versoffen, auch wenn man von dem Geld einen ganzen Monat lang eine billige Miete zahlen könnte. Sie alle wissen, dass ihre Zukunft ohnehin nicht viel zu bieten hat. Nach der verkorksten Jugend mit Strafanzeigen, Ausbrüchen aus Fürsorgeanstalten und Gefängnisaufenthalten glaubt keiner mehr, noch groß was erreichen zu können. Nach außen verhalten die Jungen sich gleichgültig bis skrupellos und können auch recht brutal werden.

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Takiji Kobayashi: Das Fabrikschiff

Voller Hoffnung sind die Männer, die zu Beginn dieses Romans an Bord eines japanischen Krabbenfangboots gehen. Von den anwerbenden Büros der Fischereigesellschaft wurden ihnen gute Löhne bei freier Unterkunft versprochen. Bisher arbeiteten sie unter furchtbaren Bedingungen in der Industrie oder im Bergbau auf der Insel Hokkaido. Schlimmer kann es für sie kaum werden. Doch schnell müssen sie erkennen, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen sind. Der Inspektor des Schiffs verlangt enorme Arbeitsleistungen und droht bei Zuwiderhandlungen mit drakonischen Strafen bis hin zum Erschießen. Das Arbeiten vor der Küste Kamtschatkas verlangt den Männern alles ab. Die kleinen Fangboote sind unberechenbaren Stürmen ausgesetzt, kalte Winde lassen das Deck vereisen und die Verpflegung besteht oft nur aus einer Schüssel Reis. Nur zwei mal im Monat ist es den Arbeitern erlaubt, sich zu waschen. Etliche der Männer erkranken an Beriberi, arbeiten aber trotzdem weiter bis die Beine endgültig den Dienst versagen und nur noch das Krankenbett im „Jauchefass“ bleibt, der stickigen, ungezieferverseuchten Gemeinschaftsunterkunft der Saisonarbeiter. Hier sitzen die erschöpften Männer abends beisammen und beratschlagen, was getan werden kann gegen die grauenhaften Umstände, in denen sie vegetieren müssen. Als sie den ersten Toten im eiskalten Meer versenken, erkennen sie, dass nur sie selbst sich helfen können und planen einen Aufstand.

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