Nicole Krauss: The History of Love

Ich weiß nicht, ob Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer zu viel oder zu wenig über ihre jeweiligen Bücher gesprochen haben, aber 2005 haben sie den gleichen Roman veröffentlicht. Ein Kind, dessen Vater früh verstorben ist, fährt kreuz und quer durch New York auf der Suche nach Hinweisen, die ihm bei der Lösung eines Rätsels helfen können. Eine Schtetl-Geschichte kommt vor und natürlich geht es um die ganz große Liebe. Zwischendurch gibt es formale Extravaganzen wie Seiten, auf denen nur ein einziger Satz steht.

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Was bei Extremely Loud and Incredibly Close Oskar Schell war, ist in The History of Love Alma Singer. Almas Vater ist früh an einer Krankheit gestorben und sie lebt nun mit ihre Mutter und ihrem Bruder Bird in New York. Bird glaubt, einer der 36 Gerechten zu sein, baut eine Arche für die bevorstehende Flut und muss einmal wöchentlich mit einem Psychologen darüber sprechen. Alma hält die Erinnerung an ihren Vater aufrecht, indem sie alles über essbare Pflanzen in der Wildnis lernt und in einem Daunenschlafsack schläft, so wie ihr Vater es angeblich einst getan hat.

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Linda Grant: When I Lived in Modern Times

Kurz nach Kriegsende ist Evelyn Sert auf einmal Waise. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, ihre Mutter, die in einem Friseursalon gearbeitet und ihr das Handwerk beigebracht hat, verstirbt plötzlich. Sie ist Jüdin und das eröffnet ihr nun plötzlich die Perspektive, ins neue gelobte Land Palästina auszuwandern, damals noch Britisches Mandat.

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Doch der erhoffte begeisterte Empfang bleibt aus. Sie kann nichts, was im neuen Land gebraucht wird und landet erstmal im Kibbuz. Mühsam versucht sie, sich in die ungewohnte Gemeinschaft einzugliedern, und begreift schnell, dass sie weitaus mehr Britin als Jüdin ist. Zwischen Feldarbeit unter sengender Sonne, Latrinenreinigung und einer unerwiderten Schwärmerei wächst ihre Frustration zusehends. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit packt sie ihre Sachen und reist nach Tel Aviv, der gerade neu entstehenden weißen Stadt am Meer, in der sich ein Bauhaus-Gebäude ans nächste reiht und es bis in die Nacht so warm ist, dass die Leute es nur draußen in den Cafés aushalten. Schnell tut sich aber ein neues Problem auf – Evelyn ist unter falschem Namen und nur als Touristin eingereist. Mit blondierten Haaren und gezupften Brauen wird sie schnell Priscilla Jones, eine Britin, deren Mann als Polizist in Tiberias stationiert ist. Die nötigen Papiere sind mit den richtigen Kontakten kein Problem.

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Kate Atkinson: Life After Life

Ursula Todd wird 1910 geboren, die Nabelschnur um ihren Hals, und schafft es nicht mal zum ersten Atemzug.

Ursula Todd wird 1910 geboren, der gerade rechtzeitig eintreffende Arzt kann ihr Leben retten, sie ertrinkt beim Baden mit der Schwester.

Ursula Todd wird 1910 geboren, wird am Strand von einem zufällig anwesenden Maler gerettet und rutscht, als sie versucht, ihre Puppe zu retten, vom Dach.

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Und so geht es immer weiter, denn Ursula kann vieles, nur nicht liegen bleiben. Ihr Leben beginnt immer wieder von neuem, immer wieder bekommt sie die Chance, Dinge zu ändern und zu sehen, wie ihre Zukunft davon beeinflusst wird. Zumindest glaubt Ursula das, ihre Mutter Sylvie hingegen ist besorgt um ihre Tochter und ihre starken Déjà-vus, die sie manchmal sogar gewalttätig werden lassen. Auch ihr Psychiater glaubt eher nicht an Ursulas ständige Wiedergeburt. Allerdings lässt auch Atkinson da eine kleine Hintertür offen. Ursula beginnt in jungen Jahren, an starken und häufigen Kopfschmerzen zu leiden, die mit den Jahren immer schlimmer werden, deren Ursache aber niemals abschließend geklärt werden kann. Auch Atkinson klärt nicht darüber auf, was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass es für Ursula Todd tatsächlich nur ein einziges Leben gab, begleitet von einer sich langsam entwickelnden Gehirnerkrankung, die starke Déjà-vus auslöst. Wobei diese Erklärung neue Logikfehler mit sich bringen würde, die man sich genauer ansehen müsste. Hab ich nicht gemacht, dazu kam mir die Idee zu spät.

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Zadie Smith: White Teeth

White Teeth war Zadie Smiths erster Roman und verschaffte ihr quasi über Nacht einen festen Platz unter den Größen der britischen Literatur. Der Roman ist recht umfangreich, sowohl was die Seitenzahl als auch die Fülle der Themen anbelangt. Glaube, Religion, Fundamentalismus, Extremismus, Feminismus, Liebe, Coming of Age, Kolonialismus, Herkunft und Identität werden allesamt in diesem Roman behandelt, und dann habe ich sicher noch einige Themen vergessen.

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Kern der ganzen Geschichte sind die Familien Jones und Iqbal, deren Väter vor Jahrzehnten mal im gleichen Krieg zufällig im gleichen Panzer saßen. Der eine kommt aus Großbritannien, der andere aus Bangladesh. Nun leben beide, verheiratet und mit Kindern, nicht weit voneinander entfernt in London. Samad Iqbal leidet sehr unter seiner Situation als Einwanderer. Er fühlt sich nie wirklich willkommen und hofft, dass seine beiden Söhne nicht von der britischen Kultur assimiliert werden. Für ihn kann das Leben in England nie mehr als ein vorübergehender Zustand sein und seine Söhne sollen unter gar keinen Umständen ihre Wurzeln vergessen. Archie Jones heiratet nach einem Suizidversuch die deutlich jüngere Clara, Tochter jamaikanischer Einwanderer und bis vor kurzem überzeugte Zeugin Jehovas.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

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John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Wenn ihr erwartet, dass Menschen verantwortlich sind für ihre Kinder, dann müsst ihr ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht.“

Homer Wells bekommt seinen Namen von Schwester Angela, als er im Waisenhaus St. Cloud’s geboren wird. Seine Mutter ist eine von vielen Frauen, die das Haus aufsuchen, um Kinder zu bekommen, die sie nie wollten. Andere kommen früher und bitten um eine Abtreibung, die ihnen gewährt wird, auch wenn es, der Roman spielt in den 1930ern – 50ern, illegal ist. Das Waisenhaus liegt irgendwo in Maine, in einer Kleinstadt in der es außer dem Bahnhof und einem verlassenen Sägewerk fast nichts gibt.

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Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht

dunkelfastnacht„So eine Art Schauerroman. Schloss Fürstenstein, Fürstin Daisy und andere Wałbrzycher Geschichten. Ein Teil spielt in der Kriegszeit, aber das meiste heute. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart.“

Ich hatte es ja schon befürchtet – meine Erwatungshaltung gegenüber Bators neuem Roman war fast unerreichbar hoch, nachdem ich Sandberg und Wolkenfern so geliebt hatte. Wie auch ihre anderen Romane spielt Dunkel, fast Nacht im polnischen Wałbrzych, rund 60 Kilometer von Wrocław gelegen. Wałbrzych hieß mal Waldenburg und die bewegte deutsch-polnische Vergangenheit sitzt der Stadt und ihren Einwohnern noch immer in den Knochen.

Alicja Tabor ist dort aufgewachsen, lebt aber seit Jahren als Journalistin in Warschau. Nach Wałbrzych zieht sie nichts mehr, ihre Eltern und ihre Schwester sind schon vor Jahren gestorben und ihr bleibt dort nichts als ein verfallendes Haus. Dorthin kehrt sie nun aber im Auftrag ihrer Zeitung zurück, denn drei Kinder sind spurlos verschwunden und sie soll mit den Angehörigen sprechen. Sobald sie in das Haus zurückkehrt, finden die Geister ihrer Kindheit sie wieder. Ihr Vater war Historiker und davon besessen, in Schloss Fürstenstein mit seinem riesigen, unterirdischen Gängesystem einen sagenumwobenen Schatz zu finden. Ihre Schwester Ewa, jung verstorben, glaubte an den Geist der letzten Fürstin Daisy, die ihr Lichtsignale aus dem Schloss sendet. Und durch den Boden des Badezimmers hört man nachts die Geister der Juden klopfen, die in Groß-Rosen ermordert wurden. Aber auch die erwachsene Alicja sieht sich Bedrohungen ausgesetzt. Jemand versteckt sich nachts in ihrem Garten und erhängt wenig subtil eine Katze im Apfelbaum.

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TaraShea Nesbit: Was wir nicht wussten

was_wir_nicht_wussten„Wir waren mehr als nur Ich, wir waren Wir. Wir waren Wir, obwohl wir uns Einzigartigkeit wünschten.“

1942 wurde in den USA das Manhattan Project ins Leben gerufen, das dazu dienen sollte, eine Atombombe zu entwickeln. Zu diesem Zweck wurde die Site Y errichtet, ein riesiger Laborkomplex in der Nähe von Los Alamos, New Mexico. Die Forschenden, vor allem Männer, lebten ab 1943 im schnell aus dem Boden gestampften Los Alamos, zusammen mit ihren Frauen und Kindern. Die Frauen gaben ihr gewohntes Leben auf, ihr soziales Umfeld und ihre Arbeit, um ihren Männern in die karge Wüste New Mexicos zu folgen. Außer den engsten Familienangehörigen und einigen Haushaltshilfen aus den umliegenden Dörfern hatte niemand Zutritt zu dem Ort, wer verreisen wollte, musste einen Antrag stellen.

Trotz aller Unbequemlichkeiten, mangelhafter Wasserversorgung und frustrierender Lebensmittelrationierung erleben die Frauen ihr neues, beinahe surreales Umfeld zunächst wie ein Ferienlager. Sie nennen die Stadt ihr Shangri-La, sind erleichtert, dass sie nicht mehr den steifen Universitätsdirektor zum Abendessen einladen müssen, feiern ausgelassene Partys und freuen sich über die Sicherheit, welche die abgeriegelte Stadt ihren Kindern bietet.

Doch über all dem hängt ein Schatten der Ungewissheit. Ihre Männer dürfen nicht verraten, woran sie im Labor arbeiten. Einige wissen mehr als andere, hin und wieder verplappert sich jemand, aber Gewissheit hat keine der Frauen, nicht einmal diejenigen unter ihnen, die in der Verwaltung arbeiten. Die Männer arbeiten an „The Gadget“, so nennen sie das Projekt und mehr verraten sie nicht. Erst als einige der Männer immer öfter angespannt und nervös oder gar nicht von der Arbeit kommen, beginnen die Frauen zu ahnen, dass hinter den hohen Mauern große Gefahr droht. Einige von ihnen werden sich später fragen, ob sie nicht mehr gewusst haben, als sie sich selbst gegenüber zugeben wollten.

Die Explosion von Trinity, die Generalprobe für Hiroshima, sehen sie kichernd und angetrunken von einer Veranda aus. Was sie gesehen haben, begreifen sie wenige Wochen später, als die Bilder aus Japan ihre Fernsehbildschirme erreichen. Mit dem Atombombenabwurf beginnt der Riss in der Sommercamp-Gemeinschaft. Aus Shangri-La wird „Lost Almost“, „Alas“. Die Frauen sind froh, als das Projekt beendet wird und sie zurückkehren können in die Städte, die sie vorher kannten oder wenigstens in irgendeine normale Stadt, die sie ohne Passierschein betreten können. Nur wenige bleiben.

Nesbit erzählt den gesamten Roman im Plural. Es spricht nie eine Frau für sich allein, es ist immer die Gemeinschaft der Frauen, die in Los Alamos leben. Tatsächlich haben sie viel gemeinsam, es trennt sie aber auch vieles. Angefangen bei der Frage, zu welchem Anlass Seidenhandschuhe angemessen sind, bis zur moralischen Haltung zu Atomwaffen. Dadurch wird die Gemeinschaft betont, die erzwungenen Verbindungen und auch, wie das „Außen“ zunehmend an Bedeutung verliert und die Frauen in Los Alamos die neuen besten Freundinnen werden. Konflikte und Reibungen, aber auch Freundschaften und Allianzen werden deutlich in der Gegenüberstellung der verschiedenen Frauen, ohne dass diese offen ausgesprochen werden müssen. Sie alle fangen bei Null an, es gibt kein soziales Gefüge, an das sie sich anpassen müssen, sie selbst bauen alles auf. Sie werden ein wir, eine eingeschworene Gemeinschaft, obwohl sie eigentlich so unterschiedlich sind.

Der Roman lebt vor allem vom Kontrast zwischen den beiden Welten, der forschenden Gemeinschaft im Laboratorium und der etwas aus der Welt gefallenen Gruppe von Frauen, die nicht so richtig wissen, warum es ausgerechnet New Mexico sein musste, die dort niemals richtig heimisch werden und es immer nur als eine Zwischenstation begreifen. Die Erzählperspektive, die Nesbit gewählt hat, lässt einen von einer Frau zur nächsten, von einer Küche in die andere springen. Man erfährt nicht, wer die Mutter des Mädchens ist, das sich, versteckt in einem Kofferraum, aus der Stadt schleicht und man erfährt nicht, wessen Bruder in den letzten Kriegstagen gefallen ist. Welche von ihnen ihren Mann für einen Mörder hält und welche stolz ist. Es scheint nicht relevant zu sein, in diesem Leben, in dem alles vorherige egal ist und die Zukunft völlig unklar ist. Es ist eine von ihnen, es ist jede von ihnen, es sind wir.


 TaraShea Nesbit: Was wir nicht wussten. Übersetzt von Barbara Schaden. DuMont 2016. 252 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe: DuMont 2014. Originalausgabe: The Wives of Los Alamos. Bloomsbury 2014.

Das Zitat stammt von S. 143 der deutschen TB-Ausgabe.

Irmgard Keun: Kind aller Länder

kindallerländer„Wir sind in die allgemeine Freiheit gewandert. Nach Deutschland gehen wir nie mehr zurück. Das brauchen wir nicht, denn die Welt ist sehr groß.“

Irmgard Keun ist wieder da! Mich freut das sehr und ich weiß, dass es einige von euch auch sehr freuen wird. Kind aller Länder ist (unverständlicherweise) eines der wenigen von Keuns Büchern, das überhaupt mehrfach neu aufgelegt wurde, die letzte Ausgabe ist aber auch schon wieder 10 Jahre alt und inzwischen vergriffen.

Es ist die Geschichte von Kully, Tochter eines Schriftstellers, der sehr an Keuns Sommerliebe Joseph Roth erinnert, den sie 1936 im Ostender Exil kennengelernt hatte. Wegen seiner regimekritischen Äußerungen muss der Schriftsteller samt Frau und Kind Deutschland verlassen und findet Exil in Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Überall hofft er, Unterstützung zu finden, Verleger, die etwas für ihn tun können, Geldgeber für Zeitschriftenprojekte. Doch immer wieder werden seine Hoffnungen zerschlagen, niemand weiß, wie die Hotelzimmer bezahlt werden sollen oder die Rechnungen im Restaurant und das Visum ist auch nicht mehr lange gültig.

Erzählt wird die Geschichte von Kully, die dem Roman mit ihrer kindlichen Erzählweise den Charme verleiht. Ihr Alter wird, soweit ich weiß, nie genannt, sie müsste aber irgendwas zwischen sieben und zehn sein. Anders als ihre Eltern erlebt sie das Exil nicht als stressige und existenzbedrohende Außnahmesituation, sondern als ein großes Abenteuer. Sie freut sich, so viele Kinder zu treffen und verschiedene Sprachen zu lernen. Die Fehltritte ihres Vaters, die ständige Unzuverlässigkeit und die Affären, nimmt sie nicht als Fehler wahr oder verzeiht sie schnell. Nur die Traurigkeit und Wut ihrer Mutter, die aus deren Hilflosigkeit und ständiger Sorge erwächst, bedrücken sie manchmal. Sie sorgt sich um sie, wenn sie vor lauter Sorgen wieder einmal nicht schlafen kann. In ihrem jungen Alter hat Kully schon in Deutschland, Polen,  Österreich, Frankreich, Belgien und den Niederlanden gelebt, hat Italien gesehen und soll sogar noch nach Amerika. Als sie gefragt wird, ob sie manchmal Heimweh habe, weiß sie nicht, was dieses Gefühl ist. Nur manchmal sehnt sie sich nach einem besonders schönen Strand oder einer Wiese, an deren Blumen sie sich erinnert. Als Heimat begreift sie ihre Familie, nicht einen bestimmten Ort.

Mit der Stimme von Kully führt Keun eine interessante Perspektive in die Exilliteratur ein. Sonst sind vor allem Erchwachsene die Protagonisten, die das Exil primär als Notsituation erleben. Das Leben im Ausland ist kein Wunsch sondern eine Notwendigkeit und ein Zustand, der mit vielen Entbehrungen und großer Unsicherheit verbunden ist. Das Kind, das diesen Roman erzählt, ist hingegen fasziniert von den Möglichkeiten die sich ihm bieten, wenn es eben nicht immer an einen Ort gebunden ist. Die kindliche Erzählperspektive ist keine einfache und in vielen Romanen schlägt sie ins süßlich-kitschige oder unerträglich naive um. Keun aber gelingt es, den Ton glaubwürdig zu halten und hat einen sehr lesenswerten, liebenswerten Exilroman geschrieben, dessen Traurigkeit und Melancholie gerade über die Unwissenheit der Erzählerin transportiert wird.


Irmgard Keun: Kind aller Länder. Kiepenheuer & Witsch 2016. 214 Seiten, € 17,99. Erstauflage: Querido 1938.

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag

guenassiapragJosef Kaplan wird 1910 in Prag als Mitglied einer jüdischen Familie geboren. Seine geliebte Mutter stirbt früh an einer Lungenentzündung, das Leben mit dem hilflosen Vater Eduard, einem Arzt, der aber auch den Tod seiner Frau nicht verhindern konnte, gestaltet sich recht kühl und schwierig. Wie es von ihm erwartet wird, schreibt Josef sich an der medizinischen Fakultät ein. Seine wahre Liebe gilt aber nicht der Wissenschaft sondern dem Sozialismus. Schnell gerät er durch seine Forderungen nach einer besseren, gerechteren Gesellschaft in Konflikt mit seinen Professoren und der Vater fürchtet Ärger in der jüdischen Gemeinde. Unter dem Vorwand, dass dort eine bessere Ausbildung möglich sei, schickt er seinen Sohn nach Paris.

Dort geht sein Leben erst richtig los. Er entdeckt den Tango für sich, besonders Gardel hat es ihm angetan. Josef entpuppt sich als begnadeter Tänzer und die Mädchen in den Tanzlokalen liegen ihm zu Füßen. Dauerhaft interessiert ist er nicht an ihnen und noch dazu kann er sich Gesichter furchtbar schlecht merken, so dass er eine Spur gebrochener Herzen durchs Pariser Nachtleben zieht. Als der Zweite Weltkrieg drohend seine Schatten vorauswirft, erhält er das Angebot, in Algier am Institut Pasteur zu forschen. Er will lieber zurück zu seinem Vater reisen, um den er sich in diesen gefährlichen Zeiten sorgt. Doch Eduard rät ihm zur Reise nach Nordafrika, die Situation in Europa sei letzlich halb so wild und werde sich schnell wieder beruhigen.

Dort lernt er Maurice kennen und seine es-ist-kompliziert-Freundin Christine, eine Schauspielerin, sowie deren Kollegin Nelly, mit der er bald ebenfalls eine Beziehung eingeht. Anfang der 40er wird es für ihn als Juden auch in Algerien gefährlich und sein Vorgesetzter schickt ihn in die tiefste Provinz, wo er gegen die Ausbreitung der Malaria kämpfen soll. Zeit zum Abschied nehmen ist nicht mehr, von jetzt auf gleich muss er die Stadt verlassen.

Als er Jahre später nach Algier zurückkehrt, erfährt er ohne jeden Groll, dass Nelly nicht auf ihn gewartet hat. Er ist nun ohnehin viel mehr an Christine interessiert, mit der nach Kriegsende nach Europa zurückkehren will. Die beiden gehen nach Prag, wo das Glück perfekt scheint, leider aber nur von kurzer Dauer ist.

Nach etlichen turbulenten Jahren wird Josef leitender Arzt in einer abgelegenen Klinik, in der eines Tages ein mysteriöser Patient auftaucht, für den größte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Es ist Ernesto Guevara, der nicht nur Josef als Arzt auf Trab hält sondern auch seine mittlerweile erwachsene Tochter.

Und ab da wird das ganze echt merkwürdig. Bis zum Auftauchen des mysteriösen Fremden ist das eine sehr gute, sich schlüssig entwickelnde Geschichte, wenn auch ohne ganz große Höhepunkte, aber eine gute Geschichte von Freundschaft und Liebe vor dem Panorama eines halben Jahrhunderts. Doch dann kam Che und ich war raus – was macht der da? Braucht diese Geschichte ihn? Kann er nicht wieder gehen und wir machen weiter wo wir waren? Leider geht er nicht, nicht die letzten 160 Seiten. Und diese Che-Geschichte ist nicht mal per se schlecht, wenn auch ein bisschen konstruiert. Aber sie passt halt so gar nicht zum Rest, was leider den Gesamteindruck des Romans massiv stört.


Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag. Insel 2015. 509 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe Insel 2014. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Originalausgabe: La vie revee D’Ernesto G. Albin Michel 2012.