Wohin die Magnete uns führen – „Visible Worlds“ von Marilyn Bowering

Albrecht und Gerhard, Söhne einer deutschen Mutter und eines kanadischen Vaters, wachsen in Kanada auf, bis die Familie beschließt, dass Gerhard nach Deutschland gehen soll, um die musikalische Ausbildung des begabten Sohnes auszubauen. Die Zeit ist denkbar schlecht gewählt – Gerhard kommt in den späten 30er-Jahren nach Deutschland, der für ihn vorgesehene Lehrer wird als Kommunist verhaftet und Gerhard landet in der Hitlerjugend. Währenddessen bleibt Albrecht zu Hause beim Vater und hadert mit seinem Schicksal, der weniger geliebte und begabte Sohn zu sein. Der Vater ist Mitglied des Ordens der Odd Fellows und widmet gesamte Zeit der Erforschung des „persönlichen Magnetismus“. Er ist überzeugt, dass Menschen stark vom Magnetismus beeinflusst sind und dass dies der wahre Grund ist, warum man sich zu Menschen und Orten angezogen fühlt oder eben nicht.

We are all part of magnetism’s great net, says my father, attracted and repelled to and from each other according to our inborn polarities.

S. 210

Auch sonst ist der Roman, der von Albrecht erzählt wird, reich an skurrilen Charakteren: die Nachbarin der Familie ist ein Medium, Freund Nathan hört die Stimme seiner toten Schwester als unsichtbare Ratgeberin, Nathans Vater tourt als Bärendompteur durch die Welt und verliert dabei seinen Arm. Außerdem gibt es eine vergessene Tochter, ein ausgesetztes Kind und eine Frau auf großer Polar-Expedition. Diese ganzen Erzählstränge versucht Bowering in ihrem Roman zu verweben. Sie wählt dafür eine ganz interessante, aber auch leicht verwirrende Erzählart mit großen und abrupten Zeitsprüngen. Eben war man noch im Kriegsgefangenenlager, jetzt auf einer Hochzeit und alles, was dazwischen passiert ist, wird in drei Sätzen skizziert und den Rest muss man sich dann eben denken. Menschen verschwinden und tauchen wieder auf, es gibt Trennungen, Versöhnungen und Todesfälle und vieles davon zwischen den Kapiteln, off-stage gewissermaßen. Das, was man von den Visible Worlds bei Bowering zu sehen kriegt ist also viel weniger als das, was man eben nicht zu sehen kriegt und schemenhaft unter der Oberfläche liegt.

Weiterlesen

Ein Sommer im Tessin, ein Leben fürs Schreiben – „Was wir scheinen“ von Hildegard Keller

In den letzten Monaten ihres Lebens, im Sommer 1975, reiste Hannah Arendt noch einmal ins Tessin. Diesen Sommer verbrachte sie in Tegna, besuchte von dort aus Freunde und selbstverständlich schrieb sie auch. Diese Reise nimmt Hildegard Keller als Ausgangspunkt, um die große politische Theoretikerin auf ihr Leben zurückblicken zu lassen, auf ihre Flucht in die USA, ihr Freundschaften mit den intellektuellen Größen ihrer Zeit und den Eichmann-Prozess, der ihr nicht immer willkommenen Ruhm einbrachte.

Keller wagt sich mit Was wir scheinen an eine der Großen des 20. Jahrhunderts und an eine Frau, die mit ihrem Werk und ihren Aussagen sehr polarisiert hat. Besonders ihr bekanntestes Werk Eichmann in Jerusalem sorgte für lang anhaltende Kontroversen und führt noch immer dazu. Bis heute werden immer wieder kritische Stimmen laut, die sich nicht selten auch am Untertitel Ein Bericht von der Banalität des Bösen stoßen. Von der Kritik blieb auch Arendts Privatleben nicht unberührt, aber auch ihr weiteres Schreiben nahm eine andere Wendung. Einige Freundschaften zerbrachen, oder wurden zumindest arg strapaziert. Zugleich aber bedeutete der Eichmann-Prozess großen Ruhm für die Theoretikerin, die sich einige Zeit vor Interview-Anfragen kaum retten konnte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Gespräch mit Günter Gaus, aus dem im Roman großzügig zitiert wird. Aber auch darüber hinaus kann Keller sich in ihrer Charakterisierung Arendts auf einen großen Fundus stützen. 

Weiterlesen

Der lange Atem Leningrads – „Ice Road“ von Gillian Slovo

Slovos Roman über Leningrad und seine bewegte Geschichte findet seinen Anfang im ewigen Eis. Dorthin hat es Irina Davydovna verschlagen als Teil einer Expedition an Bord der Cheliuskin, die im driftenden Eis zerquetscht wird. Irina gehört zu den Überlebenden und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Leningrad, von wo aus sie den Rest der Geschichte erzählt. 

This is my city: the city that I love. In my lifetime I have left its borders only twice, the first time into peril and the second to Moscow and deception. Twice is enough for me. I have lived through Leningrad’s darkest times. I have seen its pain and I have also seen its heroism. I am part of it.

An der Seite ihrer Freundin Natascha, Tochter des hochrangigen Partei-Funktionärs Boris Aleksandrovich, erlebt sie Leningrad in seiner Schönheit und seinem Elend. Die Stadt ist gerade im Umbruch, als Irina von ihrer Arktis-Expedition zurückkehrt. Die Revolution ist geglückt, nun ist es an den ehemaligen Revolutionären zu Funktionären zu werden und den Erhalt ihrer Macht zu sichern. Und das mit allen Mitteln. Irina hat zwar nie hohe Funktionen inne, ist bei ihrer Tätigkeit als Reinigungskraft und Haushälterin den Großen und Mächtigen aber oft ganz nah. Ihre Erzählung beginnt 1934, umfasst die Stalinschen Säuberungen, in denen Natascha ihren geliebten Ehemann verliert, und endet während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Die titelgebende Ice Road spielt dabei nur über eine relativ kurze Zeit eine Rolle. Die auch als „Straße des Lebens“ bekannte Route führte ab dem Winter 1941 über den zugefrorenen Ladogasee und wurde von der Roten Armee genutzt, um die Belagerten mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Die Lage Leningrads war dennoch prekär. Im Roman spielt diese titelgebende Versorgungsstraße natürlich ihre Rolle als Lebensader für die Belagerten, findet aber kaum Erwähnung.

Weiterlesen

Navigation in einer zerstörten Welt – „The Great Fire“ von Shirley Hazzard

Der Zweite Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei, als Alfred Leith als Gast das Haus des Australiers Driscoll im japanischen Kure betritt. Leith hat auf britischer Seite gekämpft, hat Freunde sterben sehen und wurde selbst schwer verwundet. Davon allerdings hat er sich beinahe komplett erholt, als er nun, mit Orden behangen und mit Ehrerbietungen bedacht, seine Reise durch Asien antritt, wo er ein Buch beenden will. In Kure lernt er Helen und Ben kennen, die Kinder seiner Gastgeber. In ihrer Isolation sind die beiden stark aufeinander fixiert. Ben ist an Friedreich-Ataxie erkrankt, seine elfengleiche Schwester ist seine größte Stütze in seinem stetigen Niedergang. Auch das Herz von Leith erobert sie im Sturm, obwohl sie gerade erst 17 ist, 15 Jahre jünger als der ehemalige Soldat. Die Zuneigung besteht allerdings auf beiden Seiten. Helen vermutet nicht weniger als einen kosmischen Plan hinter der Reise ihrer Familie um den halben Planeten, die nun in Kure endet, wo sie Aldred kennenlernen muss.

Ergänzend zu Aldreds Geschichte wird die von Peter Exley erzählt, einem jungen Mann, der mit ihm im Krieg war. Auch er bereist nun Asien, allerdings ist er mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen befasst. Die beiden Männer treffen sich in Hongkong, beide in der Überzeugung, dass China bald für die Welt verloren sein wird und die ihre letzte Chance auf eine Reise durch das Land wahrnehmen wollen. Exley ist der etwas gröbere Gegenpart von Aldred, nicht weniger tapfer, aber weniger feinfühlig und musisch, weniger agil.

Weiterlesen

Ein hölzerner Hauptdarsteller – „Great House“ von Nicole Krauss

Nicole Krauss‘ dritter Roman Great House handelt von vier sehr verschiedenen Personen, die jeweils für sich ihre Geschichte erzählen, alle verknüpft durch einen Schreibtisch mit 19 Schubladen unterschiedlicher Größe. Es ist ein riesiges und dunkles Möbelstück, gemacht für ein beeindruckendes Arbeitszimmer, das in den kleinen Wohnungen späterer Nutzer*innen fehl am Platz und manchmal fast bedrohlich wirkt.

wp-1595867975135.jpg

Die erste Besitzerin, die man kennenlernt ist Autorin Nadia, die nur vorübergehend auf den Schreibtisch aufpassen soll, während sein Eigentümer Daniel Varsky sich in Chile aufhält. Doch dort gerät er in die Fänge des Pinochet-Regimes und verschwindet spurlos. Erst 25 Jahre später steht eine Frau vor der Tür, die behauptet, Varskys Tochter zu sein und den Schreibtisch für sich beansprucht. Damit beginnt ein Roman, der die Biographien von Menschen in den USA, Israel und Großbritannien verknüpft, deren Leben auf die eine oder andere Art von diesem Schreibtisch berührt wurden. Damit einher geht eine Geschichte Europas, die stark von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust geprägt ist.

Weiterlesen

Gebrochene Herzen in der Landverschickung – „The Very Thought of You“ von Rosie Alison

1939 ist London von der Angst vor deutschen Bombenangriffen erfüllt. Eltern wird geraten, ihre Kinder auf dem Land in Sicherheit bringen. Und so entschließt sich auch Roberta schweren Herzens dazu, ihre achtjährige Tochter Anna auf eine Schule in Yorkshire zu schicken. Anna spielt im Rest des Romans nur noch die Rolle der kindlich-unschuldigen Beobachterin, eine Entwicklung über den Alterungsprozess hinaus gibt es nicht, deshalb muss sie nicht weiter erwähnt werden.

Alison_TheVeryThoughtOfYou.jpg

Die Schule in Yorkshire befindet sich im noblen Herrenhaus Ashton Park, das vom Ehepaar Elizabeth und Thomas Ashton großzügigerweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurde. Elizabeth macht das allerdings nur, weil sie selbst gerne ein Kind hätte und einfach nicht schwanger wird, mit wie vielen Männern sie auch schläft. Die Eröffnung der Schule ist ein verzweifelter Versuch, diese große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Ihr Mann Thomas sitzt seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl und hat jede Hoffnung auf wahre Liebe aufgegeben, bis die junge Lehrerin Ruth in Ashton Park auftaucht und sich als herzensgute Frau mit tiefen Augen entpuppt.

Weiterlesen

An der Grenze zur Realität – „If I Told You Once“ von Judy Budnitz

Es ist eine märchenhafte Welt, in der Ilana aufwächst, in einem abgelegenen Dorf inmitten verschneiter Wälder. Man kann erahnen, dass es irgendwo in Sibirien sein könnte. Schon in ihrer Kindheit erlebt sie Unglaubliches. Ihr Bruder Ari ist so groß und stark wie ein Bär, die Mutter hat heilende Kräfte und Menschen sind von Dibbukim besessen. Als Ilana es nicht mehr aushält in der Enge des Dorfes, macht sie sich auf zu einem Hafen, von dem sie gehört hat. Von dort sollen Schiffe in eine andere Welt fahren.

Budnitz_IfIToldYouOnce.jpg

Budnitz erzählt im Grunde eine Auswanderungsgeschichte, das aber in großen Teilen geprägt von Phantastik und magischem Realismus. Was wahr ist und was nicht, ist nicht immer leicht herauszufinden. Man kann sich aus den verschiedenen Geschichten allerdings erschließen, dass Ilana kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa ein Schiff besteigt, das sie und ihren Mann in die USA bringt, wahrscheinlich nach New York. Die Geschichte folgt Ilana und ihren weiblichen Nachkommen noch drei Generationen lang, bis zu ihrer Urgroßenkelin Naomie.

Weiterlesen

Damit ihr wißt, wie’s war – Gabriele Tergits „Effingers“

Mit ihrer Geschichte zweier jüdischer Familien, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert und ihrer fast vollständigen Auslöschung im Nationalsozialismus, hatte es Tergit nicht leicht. 1931 begann sie damit und arbeitete fast zwei Jahrzehnte daran. Als der Roman 1950 fertig war, fand sich lange kein Verlag, der sich an das Thema heranwagen wollte. Die Erinnerung an die Vernichtung der deutschen jüdischen Bevölkerung war zu frisch und unbequem. Der Markt gab den Befürchtungen recht. Es fanden sich kaum Abnehmer für das in der aktuellen Ausgabe über 900 Seiten starke Werk. Dass Schöffling dem Roman nun eine neue Chance gibt, ist dankenswert.

Tergit_Effingers.jpg

Effingers ist ein so vielseitiger Roman, dass man kaum weiß, wie man ihn lesen soll. Es ist ein Generationenroman, ein Gesellschaftsroman ein Berlinroman, ein Weltkriegsroman und natürlich auch ein jüdischer Roman. Die Zeitspanne, die der Roman abdeckt, ist lang und bewegter als die meisten anderen Epochen deutscher Geschichte. Zu seinem Beginn steht die sich anbahnende Krise, die durch die Industrialisierung ausgelöst wird. Maschinen gelten noch als neumodischer Trend, als die Brüder Karl und Paul Effinger nach Berlin aufbrechen um Schrauben zu produzieren. Sie legen den Grundstein für die Berliner Effingers, indem sie beide in die alteingesessene und sehr gut bürgerliche Familie Oppner einheiraten. Man legt Wert auf Garderobe, auf Empfänge und repräsentative Tischrunden, auf edles Geschirr und große Kunst. Und natürlich auf Etikette. Ein völlig harmloser Liebesbrief eines verknallten Teenagers reicht da schon, um einen großen Skandal auszulösen.

Weiterlesen

Großkatzen im Krisengebiet: Téa Obrehts „The Tiger’s Wife“

Natalia, eine junge Ärztin, ist auf Reisen, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Sie ist aufgewachsen in einem unbenannten Balkanstaat, von dem man ahnen kann, dass es Serbien ist. Nun reist sie in den ehemals verfeindeten Nachbarstaat, wo sie Waisenkinder medizinisch versorgen soll. Ihr Großvater ist vor wenigen Tagen ganz in der Nähe verstorben, in einem Dorf kurz hinter der Grenze. Von seiner Krebserkrankung wusste nur Natalia. Nun bekommt sie von der aufgebrachten Witwe den Auftrag, seine persönliche Habe aus dem fernen Krankenhaus zu holen, denn nur so kann seine Seele Frieden finden.

„The forty days of the soul begin on the morning after death. That first night, before the forty days begin, the soul lies still against sweated-on pillows and watches the living fold the hands and close the eyes, choke the room with smoke and silence to keep the new soul from the doors and the windows and the cracks in the floor so that it does not run out of the house like a river.“

Und das ist eigentlich auch schon die gesamte Rahmenhandlung des Romans. Obreht erzählt vor allem aber die Geschichte des Großvaters, die auch eine Geschichte Jugoslawiens und seiner Konflikte ist. Aufgewachsen ist der Großvater in einem kleinen Dorf am Rande eines Waldes, doch schon aus dieser Zeit kann er Geschichten erzählen, die man kaum glauben kann. Von einem Tiger, der eine Frau im Dorf gehabt haben soll und von einem Jäger, der selbst zum Bären wurde. Und auch einen engen Verwandten des Todes, den unsterblichen Gavran, hat der Großvater kennengelernt.

Weiterlesen

Die letzten Tage Nikola Teslas – „The Invention of Everything Else“ von Samantha Hunt

Völlig verarmt und enttäuscht von der Welt und seinen ehemaligen Wegbegleitern lebt Nikola Tesla am Ende seiner Tage in einem New Yorker Hotel, das er nicht bezahlen kann. Freundschaften pflegt er schon lange nicht mehr, Besucher empfängt er nie, bis eines Tages das Zimmermädchen Louisa Interesse an ihm und seinen unvollendeten Ideen findet. An verrückte Erfinder ist Louisa von Kindesbeinen an gewöhnt. Gerade erst ist ihr Nennonkel Azor nach zweijähriger unerklärlicher Abwesenheit wieder aufgetaucht und ist sich sicher, eine Zeitmaschine gebaut zu haben. Louisas Vater Walter ist ganz begeistert von der Idee und der verheißungsvollen Chance, seine geliebte, jung verstorbene Frau Freddie noch einmal sehen zu dürfen.

20190614_094846.jpg

Das New York, in dem Louisa lebt, ist trotz ihrer teils widrigen Lebensumstände geprägt von Schönheit, Möglichkeiten und Magie. Ihren Vater sieht sie nur wenig, weil er als Nachtwächter in der New Yorker Bibliothek arbeitet. Aber das gibt ihr zugleich die Chance, diesen ungeheuren Reichtum von Büchern und Gedanken fast für sich allein zu haben, wenn sie ihn bei seinen nächtlichen Wachgängen besucht. Auch ihre Arbeit als Zimmermädchen scheint sie nicht anstrengend zu finden. 18 Handtücher pro Tag für Herr Tesla? Kein Problem für Louisa. Zwischen all den Zimmern, die sie auf Etage 33 zu reinigen hat, bleibt auch immer noch Zeit für lange Gespräche und Spaziergänge in den Park. Warum Louisa nicht schon lange die erste Abmahnung von der Hotelleitung in der Post hatte, ist wohl nur mit dem gleichen magischen Realismus erklärbar, der auch Zeitreisen möglich macht.

Weiterlesen