T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

Delaney und seine Familie in der schicken Wohnsiedlung Arroyo Blanco plagen ganz andere Sorgen. Die Nachbarn berichten von Einbrüchen und Vandalismus, ein Tor soll die Siedlung nun vor Unbefugten schützen, dann gleich eine ganze Mauer. Delaney ist dagegen. Er will nicht hinter einer Mauer leben und findet auch nicht, dass die Bedrohung „von außen“ so groß ist. Doch dann tötet ein Kojote seinen Hund, an einem Haus tauchen beleidigende Schmierereien auf und im Canyon hinterlassen die illegal Campierenden unschönen Müll. Nach und nach wachsen Zweifel in ihm: sind die Mexikaner doch nicht so harmlos, wie er immer dachte?

„No offense, but it’s beginning to look like fucking Guadalajara or something down there.“

Boyle gelingt es hervorragend, die in der Siedlung vorherrschende vorgebliche Toleranz einzufangen. Man hat ja im Grunde gar nichts gegen Mexikaner. Aber dass sie auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt herumlungern und auf Arbeit warten, geht dann doch zu weit. Dennoch haben die wenigsten ein Problem damit, eben diese Mexikaner für ein paar Dollar die Stunde im Garten arbeiten zu lassen. Schließlich arbeiten sie hart und klagen nicht. Zahlen aber auch keine Steuern! Während am Anfang die meisten Bewohner noch strikt gegen ein Tor oder gar eine Mauer um die Siedlung sind, braucht es nur ein paar kleine Vorfälle, von den Befürwortern geschickt aufgebauscht, um die Stimmung zum Kippen zu bringen. Am Ende traut sich kaum noch jemand, gegen die Mauer zu sein, denn ihre Verfechter haben sich schnell auf die moralisch sichere Seite gebracht. Wer die Mauer nicht will, wünscht seinen Nachbarn Einbruch, Mord und stetige Angst. Diesen Stimmungsumschwung in der Siedlung stellt Boyle sehr treffend und mit schöner Ironie dar.

So gut getroffen und packend diese Entwicklung ist, so schleppend fand ich den Einstieg in den Roman. In der ersten Hälfte entwickelt sich der Konflikt in Arroyo Blanco nur schleppend und der Fokus der Erzählung ist bei Cándido und América. Und bei den beiden passiert in dieser Zeit nicht sehr viel. Der Alltag ist vom immer gleichen verzweifelten Kampf um ein paar Dollars, ein bisschen Essen im Topf geprägt. Das kann in dieser Geschichte auch anders gar nicht sein, dennoch habe ich das Lesen in diesen Abschnitten ein wenig mühsam gefunden, weil einfach so gar nichts neues passiert. Aber in der zweiten Hälfte nimmt der Roman dann Fahrt auf – sehr zu Cándidos Nachteil, der dadurch nur in noch schnellerer Folge von noch schwereren Unglücken getroffen wird.

Insgesamt ist Boyle mit Tortilla Curtain ein smarter, bissiger, ironischer und größtenteils sehr unterhaltsamer Roman gelungen, der exakt so statt 1997 auch 2017 hätte erscheinen können. Sicher mit ein Grund dafür, dass dieser Roman auch eine beliebte Schullektüre ist.


T. C. Boyle: Tortilla Curtain. Bloomsbury 1997. 355 Seiten. Erstausgabe Viking Press 1995. 1998 in deutscher Übersetzung von Werner Richter unter dem Titel América erschienen, derzeit lieferbar bei dtv.

Das Zitat stammt von S. 192

Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

Was diese beiden Geschichten außer dem Handlungsort verbindet, hat sich mir nicht erschlossen. Sie sind zwar gut und flüssig miteinander verknüpft, aber die eine braucht die andere nicht. Vor allem braucht der titelgebende Mammutkäse die Elflinge nicht – die Geschichte um Margaret und ihre Familie hätte schon alleine einen passablen Roman abgegeben. Keinen besonders aufregenden, zugegeben. Aber da rettet auch Manda mit ihren gelegentlichen Auftritten nicht mehr viel, auch wenn sie vielleicht die aufregendste Person in diesem Roman ist, was aber mit daran liegt, dass gerade ihr Innenleben nicht in aller Ausführlichkeit betrachtet wird. Manda ist die einzige größere Rolle, die nicht permanent über ihre Gefühle sprechen oder in Kontemplationen versunken spazieren gehen muss. Sie darf ihre Geheimnisse und ihre nicht hinterfragte Hillbilly-Biographie behalten. Manda darf in die Luft schießen und nicht darüber nachdenken.

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Für alle anderen Charaktere beherzigt Holman eisern die Regel „show, don’t tell“ und zeigt den Leserinnen alles und mehrfach. Augusts Mutter Evelyn beispielsweise ist nicht sehr angetan davon, dass August mit Anfang vierzig dann doch noch ausziehen will. Sie sagt das August, sie sagt das ihrem Mann, ihr Mann erzählt es Margaret und redet auch nochmal darüber mit August, bis wir uns alle ganz sicher sein können: Evelyn findet das nicht so gut. Tatsächlich hat der Roman so viele Redundanzen und nicht besonders relevante Szenen, dass man ihn schmerzlos um ein Viertel hätte kürzen können. Schmerzlos aber ist fast der gesamte Roman. Er ist ganz unterhaltsam, er liest sich leicht, es tut nicht weh. Außer dem Ende – das ist so kitschig-süß, dass einem die Plomben wehtun, aber das soll hier nicht verraten werden. The Mammoth Cheese ist eine nette Bauernhof-Dorf-Geschichte für zwischendrin, die, das muss man sagen, auch durchaus ihre Momente mit Tiefgang hat. Besonders Pollys Coming-of-Age-Geschichte ist gut und überzeugend geschildert, ihre Zerrissenheit zwischen der Loyalität zu ihrer Mutter und der Farm und dem Streben nach einem anderen, freieren Leben. Ebenso Mandas Krise, die ein großes emotionales Potenzial hat, aber an den entscheidenden Stellen gekappt wird. Der Roman ist auf gar keinen Fall blöd, aber Holman verliert sich im Gewirr ihrer Handlung und die Erzählung gerät dadurch häufiger aus dem Fokus. Das ist schade, denn an schriftstellerischem Können mangelt es ihr sicher nicht. Sie wagt keine großen Experimente, schreibt aber stilsicher und sehr lesbar. Durch die Vielfalt der Themen die in diesen Roman gestopft werden, wird der Mammutkäse allerdings am Ende eine ziemlich unrunde Angelegenheit.


Sheri Holman: The Mammoth Cheese. Virago Press 2004. Erstausgabe Atlantic Monthly Press 2003. 468 Seiten. Derzeit nicht lieferbar. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

Das Zitat stammt von S. 208.

The Mammoth Cheese war 2005 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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Einige Bemerkungen über Brot und Sauerteig sowie zwei Bücher darüber

Seit ziemlich exakt zwei Jahren wohnt in meiner Küche ein Sauerteig. Er heißt Ryen und ist mir ein völliges Rätsel. Ich gebe ihm Mehl und Wasser und er macht daraus, was immer ihm in den Sinn kommt. Manchmal ist er riesig und kriecht über den Rand seines Glases, manchmal ist er pelzig, manchmal riecht er nach alten Äpfeln und manchmal wie etwas, worüber man dringend mit einem Gynäkologen sprechen sollte. Wovon das abhängt – ich weiß es nicht. Ich schätze von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber die nehme ich offenbar anders wahr als Ryen. Aber egal, wie fies er gerade aussieht, er ist mir immer und zuverlässig eine große Hilfe beim Brotbacken. Auch das habe ich mit Ryens Entstehung vor zwei Jahren fast komplett selbst in die Hand genommen. Ich glaube, meine Brote sind nicht mal so besonders gut, aber wenn ich manchmal doch ein Brot kaufen muss, weil ich schlecht geplant habe, erinnert es mich immer wieder daran, wie gut es im Vergleich dann doch oft ist. (Sicher ist mein Brot schlechter als das eines Bäckers, der das seit Jahren macht und jeden Morgen im Steinofen frische Brote und so weiter – aber find das mal! Und bezahl das mal auf regelmäßiger Basis)

Es gibt ein Alltags-Standard-Brot, das ich sehr oft mache und das relativ viel zugesetzte Hefe enthält. Das macht es schnell und sicher. Manchmal, wenn ich die Zeit habe, Vorteige anzusetzen und abschätzen kann, ob ich in 14+3+2 Stunden Zeit haben werde, ein Brot zu backen, backe ich kompliziertere, die ohne zugesetzte Hefe auskommen und nur mit dem arbeiten, was ohnehin im Sauerteig-Ansatz ist. Ab da wird es dann spannend. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung, wie viel Hefe Ryen gerade hat (es sieht nach viel aus, aber das kann täuschen) und deshalb auch keine Ahnung, wie das Brot werden wird. Wie aus diesem traurigen, grauen Brei aus Mehl und Wasser und Salz und sonst nichts ein unfassbar leckeres 1,5 kg-Brot wird, das mich zuverlässig eine ganze Woche ernähren kann, erstaunt mich immer wieder. Außerdem ist es eine nette Übung in „wird schon werden“. Ich kann da nichts machen. Hefe mag es warm, ich kann den Teig also wärmer lagern, wenn ich finde, dass er zu langsam geht, aber sonst… Das wird ein nicht so tolles oder ein fantastisches Brot und mein Einfluss darauf ist begrenzt, das werde ich akzeptieren müssen. Diese Laissez-faire-Haltung vertreten bei weitem nicht alle Hobby-BäckerInnen und in vielen Foren liest man von Leuten, die extra Wärmeschränke haben, in denen sie den Sauerteig bei x Grad fallend auf y Grad mit Mengenangaben, die meine Waage noch gar nicht erfasst… Mal im Ernst, wer hat denn Zeit für sowas?

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Truman Capote: Summer Crossing

Als Truman Capote 1984 starb, gründete sein Ruhm weniger auf seinen Romanen als auf seiner spektakulären Selbstinszenierung. Sein großer Erfolg mit dem True Crime-Roman In Cold Blood war da schon fast zwanzig Jahre her und seinen letzten Roman Answered Prayers konnte er nicht mehr fertigstellen. Er wurde erst posthum veröffentlicht. Ebenfalls posthum veröffentlicht wurde sein eigentlich erster Roman Summer Crossing. Er schrieb ihn in den 40er-Jahren und vergrub das Manuskript in einer Schublade. Später behauptete er, er habe den Text zerstört, weil er ihm nicht mehr gefallen habe. In Wahrheit aber hatte er die Hefte einfach in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn zurückgelassen und der mit der Entrümpelung beauftragte Hausmeister bewahrte sie, zusammen mit anderen Erinnerungsstücken, auf. So tauchte das Romanmanuskript 2004 beim Auktionshaus Sotheby’s auf und konnte 2005 veröffentlicht werden.

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Charlotte Mendelson: When We Were Bad

An einem Wintertag hat sich die Familie Rubin mit zahlreichen Angehörigen und Freunden in der Synagoge versammelt. Sohn Leo heiratet seine Verlobte Naomi – oder auch nicht. Sekunden, bevor die Zeremonie beginnen soll, überlegt er es sich anders und brennt mit seiner Geliebten Helen durch. Für seine Mutter Claudia, die als Rabbinerin der Gemeinde als die perfekte Mutter und Familienvorsteherin gilt, ist das die totale Katastrophe. In wenigen Wochen soll ihr neues Buch erscheinen und die grandios inszenierte Hochzeit wäre die ideale Promotion gewesen. Fehltritte der Familienmitglieder sind im Moment einfach nicht drin, so viel Rücksicht darf sie erwarten.

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Das gilt auch für Tochter Frances, die in ihrer Ehe kreuzunglücklich und mit ihrer Mutterrolle überfordert ist und für Ehemann Norman, dessen Bücher immer weniger erfolgreich als die seiner Frau sein müssen. Nur die jüngeren Geschwister Simeon und Emily dürfen machen, was sie wollen, während die Familie zu akzeptieren hat, dass sie für normale Lohnarbeit und „das Leben da draußen“ einfach nicht gemacht sind. Bis ein rettender Einfall ihres Weges kommt, wohnen sie eben noch zu Hause. Während an allen Fronten Konflikte ausgefochten werden und neue Wege gefunden werden müssen, plant Claudia ein riesiges Seder-Essen zu Pessach, knapp vor Erscheinen ihres neuen Buchs, das ihren Status als vorbildliche Matriarchin und Gemeindevorsteherin zementieren soll. Dass sie währenddessen in großer Sorge um ihre eigene Gesundheit ist, darf niemand merken.

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Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

ScottsboroBoys
Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Jill Dawson: Fred & Edie

Im Oktober 1922 laufen die Eheleute Edith und Percy Thompson auf dem Rückweg vom Theater die Londoner Belgrave Road entlang, als ein Mann aus einem Gebüsch springt und Percy Thompson mit drei Messerstichen so schwer verwundet, dass er noch am Tatort stirbt. Der Täter wird nur wenig später gefasst. Es ist Frederick Bywaters, der Liebhaber von Edith Thompson. Nur wenig später stehen beide wegen gemeinschaftlich geplanten Mordes vor Gericht, worauf die Todesstrafe steht.

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Frederick Bywaters und das Ehepaar Thompson 1921. Foto aus dem Archiv der Associated Newspapers Press.

Jill Dawson hat sich dem Fall aus Ediths Sicht angenommen. Aus dem Gefängnis heraus schreibt sie Briefe an Fred, obwohl sie weiß, dass sie diese nicht wird abschicken dürfen. Sie schreibt über ihr Leben an der Seite von Percy und den Verletzungen, die damit einhergingen, über das erste Treffen mit Fred, damals noch der Freund ihrer Schwester, und der so vorsichtigen wie gefährlichen Affäre, die sich in der Folge entwickelte. Sie freut sich auf die Verhandlungstage, an denen sie die enge Zelle verlassen darf und vor allem auf das Wiedersehen mit Fred. Doch die Verhandlungen sind auch mühsam und beschämend, denn entgegen ihrer Bitte hat Fred ihre Briefe, die sie vor der Tat an ihn geschrieben hat, nicht vernichtet. Nun dienen sie als Beweismittel, denn neben intimen Details der Beziehung sind dort auch Pläne festgehalten, Percy mit Gift oder Glassplittern im Essen aus dem Weg zu räumen.

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Naomi Alderman: The Power

Überall auf der Welt entdecken pubertierende Mädchen auf einmal eine neuartige Kraft in ihrem Körper: mit einem Organ, das sich in etwa in Höhe der Schlüsselbeine befindet, können sie Elektrizität erzeugen und über ihre Hände abgeben. Einige entwickeln dabei eine solche Kraft, dass sie Menschen töten können, zumindest aber schwer verletzen. Die jungen Frauen geben ihre Kräfte an die älteren weiter und bald gibt es fast keine Frau mehr auf der Welt, die nicht in der Lage wäre, sich mit Stromstößen zu wehren oder andere anzugreifen. Für die Männer wird es gefährlich. Man rät ihnen, nachts nicht alleine auf der Straße zu sein und die Frauen nicht unnötig zu provozieren, etwa durch aufreizendes Verhalten. In einigen Gegenden auf der Welt kommt es zu Tumulten und Straßenschlachten. Die Frauen rächen sich an jenen, die sie über Jahrzehnte und Jahrhunderte brutal unterjocht haben. Viele vermuten eine göttliche Kraft dahinter und wenden sich an „Mother Eve“, die Anweisungen von Gott (weiblich) erhält. Mother Eve hieß mal Allie und hat den Vater ihrer Pflegefamilie getötet. Treu an ihrer Seite ist Roxy, eine der stärksten Frauen der Welt, die als Tochter eines Gangsterbosses mit recht wenig Skrupel aufgewachsen ist. An Frauen wie diesen ist es nun, eine neue Weltordnung aufzubauen.

„When the people change, the palace cannot hold.“

Eingebettet ist die Handlung in den Bericht eines Historikers. Alderman selbst tritt im Roman auch auf, allerdings nicht als Erzählerin, sondern als Leserin. Sie selbst hat den Text bekommen von eben diesem Historiker, einem Freund, der um ihre Meinung bittet. Sie beide leben in einer weit entfernten Zukunft, und der Historiker erläutert den rasanten und beinahe mystischen Aufstieg der Frauen. Staunend schreibt er von Anzeichen dafür, dass in einer grauen Vorzeit die Männer stärker und mächtiger waren als die Frauen. Allerdings sind die Beweise rar und die Theorie höchst gewagt.

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Sarah Bakewell: At the Existentialist Café

Existentialisten sind blasse, magere Gestalten, die den Tag in Cafés verbringen und kettenrauchend über das Dasein philosophieren. So zumindest die popkulturelle Darstellung. Tatsächlich haben viele der heute bekannten PhilosophInnen, die im Allgemeinen dieser Strömung zugerechnet werden, größere Teile ihrer Zeit in Cafés verbracht, darunter auch Sartre, Beauvoir und der weit weniger bekannte Raymond Aron, die Bakewell zusammen an einen Tisch setzt und Aprikosencocktails trinken lässt. Das dürfte in dieser Konstellation auch wirklich häufiger passiert sein, auch noch bevor der Begriff des Existentialismus geprägt wurde und alle noch von der Phänomenologie sprachen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland für akademisches Aufsehen sorgte.

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