Rachel Cusk: Outline

Die bis knapp vor Ende namenlose Protagonistin in diesem Roman ist Autorin und verbringt eine kurze Zeit im Sommer in Athen um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Sonst erfährt man beinahe nichts über sie, was stellenweise irritierend ist, denn der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Ihr Alter ist nur anhand der Eckdaten abschätzbar, sie lebt in London, hat Kinder und hat sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt. Finanziell sieht es nicht besonders gut aus für sie. Über ihre Interessen, ihr Aussehen, ihre Vergangenheit oder ihre Herkunft aber erfährt man darüber hinaus absolut nichts.  Nach der Trennung, die noch nicht sehr lange her sein kann, ist sie in der Schwebe, weiß nicht, wie es weitergeht, ob sie jemals wieder in einer Beziehung leben will. Charakterisiert wird sie, wo überhaupt, nur durch ihre Reaktion auf die Geschichten anderer Menschen.

„This anti-description, for want of a bett way of putting it, had made something clear to her by a reverse kind of exposition: while he talked she began to see herself as a shape, an outline, with all the detail filled in around it while the shape itself remained blank.“

Andere Menschen zum Erzählen zu bringen scheint eine ihrer Stärken zu sein. Es gehört nicht nur zu den Übungen, die sie ihre SchülerInnen im Schreibkurs machen lässt. Schon ihr Sitznachbar im Flugzeug nutzt die wenigen Stunden zwischen London und Athen um ihr von seinen beiden grandios gescheiterten Ehen zu erzählen. Die Erzählerin hat dabei einen sehr analytischen Blick auf das Erzählte und behandelt es, als sei es ein literarischer Text, den es zu kritisieren gilt. Sie kreidet an, wenn ihr Personen zu einseitig charakterisiert und zu platt erscheinen, verlangt Ergänzungen wo ihr die Geschichte lückenlos erscheint und zwingt so ihre GesprächspartnerInnen zu absolut erund schonungsloser Offenheit. Sich selbst in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, ist keine Option. Die Menschen, mit denen sie spricht sind ganz unterschiedlich. Ein älterer und sehr reicher Grieche, die SchülerInnen im Schreibkurs, Freundinnen und Freunde, die sie in Athen kennt und trifft. Doch fast alle erzählen von Situationen, in denen sie ihr Handeln nicht völlig selbst bestimmen konnten, in denen sie sich gedrängt oder genötigt sahen, ihr Tun den Erwartungen Anderer anzupassen und diese nicht zu enttäuschen. Situationen, in denen ihr Handeln eher Reaktion als Aktion war. Das Ergebnis ist eine Reihe von Erzählungen über unglückliche und gescheiterte Beziehungen in jeder denkbaren Konstellation. Es geht aber auch um das Freischwimmen aus dieser Art von Verbindungen, um Schlussstriche und Brüche, die oft Mut oder gar Grausamkeit erfordern, letztlich aber der einzige Ausweg sind. Die Art, wie die Erzählerin diese Art von Geschichten anzieht und beinahe schon sammelt, scheint einiges über sie zu sagen.

RachelCusk_Outline

Die Handlung des Romans ist absolut minimal und außer einem Flug und ein paar Freizeitaktivitäten in Athen passiert nahezu nichts. Man muss sich darauf einlassen können und wollen, dass in diesem Roman nur sehr viel erzählt und ein wenig geschwommen wird. Aber was will man im Hochsommer in Athen sonst auch tun. Die Charakterisierung der Hauptperson geschieht auf sehr außergewöhnlichem Weg, nämlich indem überhaupt nichts über sie gesagt wird. Stilistisch und technisch ist der Roman deshalb im Gegensatz zu seiner maximal reduzierten Handlung sehr interessant zu lesen. Viele der Erzählungen, die in Summe diesen Roman ergeben, sind zudem sehr gelungen und bieten einige sehr spannende Perspektiven.


Rachel Cusk: Outline. Gelesen in der Ausgabe Faber & Faber 2014. Die deutsche Übersetzung von Eva Bonné ist unter gleichem Titel bei Suhrkamp erschienen.

Das Zitat stammt von S. 239

Mit diesem Roman stand Rachel Cusk 2015 auf der Shortlist für den Baileys Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des „Women’s Prize for Fiction„-Leseprojekts.

Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

„And she, in spite of nature,
Of years, of country, credit, everything,
To fall in love with what she feared to look on?“

Zu einer Auseinandersetzung kommt es aber gar nicht mehr, weil die türkische Flotte in einem Sturm zerstört wird. Dennoch freut man sich auf Zypern über die Ankunft des sehr geschätzten Othello, wie der dortige Verwalter Montano nicht müde wird zu betonen. Cassio, der vor Othello ankommt, rühmt die Schönheit und Reinheit seiner jungen Frau Desdemona. Zumindest bis Iago auch ankommt und sich mit ein paar rassistischen und sexistischen Witzen endgültig ins Sympathie-Aus schießt. Er ist, wie er dem Publikum in einem aside anvertraut, der Überzeugung, dass Othello mit seiner Frau Emilia geschlafen habe. Einen Grund zu dieser Annahme hat er eigentlich nicht, aber es ist eben das, was Schwarze so machen. Also plant er Rache nach dem Motto „a wife for a wife“. Außerdem ist er auch einfach ein mieser Typ und will Othello eins auswischen.

Für seine Rache hat er sich einen feinen Plan ausgedacht: er will Cassio und Desdemona eine Affäre anhängen. Der immer noch in Desdemona verliebte Roderigo soll ihm dabei helfen. Bei einer Feier füllt er Cassio ab und versucht, ihm anzügliche Bemerkungen über Othellos Frau zu entlocken. Als ihm das nicht gelingt, bringt er Roderigo dazu, einen Streit mit Cassio zu provozieren. Als Montano schlichtend eingreifen will, sticht Cassio ihn nieder, woraufhin der entsetzte Othello ihn vom Dienst suspendiert. Iago kommt auch das natürlich sehr entgegen, damit ist sein Traumposten wieder frei. Cassio aber rät er, die Versöhnung mit Othello über Desdemona zu suchen.

Scan of a postcard
Henri Albers in der Rolle des superfiesen Iago. Möglicherweise Vorbild für Severus Snape.

Das Gespräch zwischen den beiden fädelt Iago so ein, dass Othello gerade noch sieht, wie Cassio sich von Desdemona entfernt, offenbar um Geheimhaltung bemüht. Iago fragt Othello hinterhältig, wie sicher er sich eigentlich sei, dass kein Grund zur Eifersucht bestünde. Außerdem bringt er ein Taschentuch von Desdemona in seinen Besitz, das er zwischen Cassios Hab und Gut versteckt. Das Taschentuch hat eine ganz besondere Bedeutung, denn es war das erste Geschenk, das Othello Desdemona jemals gemacht hat. Ein paar Sticheleien später ist Othello sicher, dass Cassio und Desdemona eine Affäre haben und fordert seinen Tod. Cassio findet inzwischen das Taschentuch, hat keine Ahnung woher es kommt und gibt es aus einer Laune heraus seiner Geliebten Bianca. Das wiederum bekommt nun Othello wieder mit, verliert endgültig die Nerven und will Desdemona hängen/vergiften/im Schlaf töten. Vorher quetscht er noch Desdemonas Zofe Emilia aus, die aber jede Möglichkeit einer Affäre vehement abstreitetet. Trotzdem konfrontiert Othello Desdemona auf sehr uncharmante Art mit seinen Vorwürfen und lässt sie völlig aufgelöst zurück.

Am gleichen Tag kommt ein venezianischer Bote nach Zypern, der Othello zurück beordert. Seinen Posten auf der Insel soll Cassio einnehmen. Das nimmt Iago zum Anlass, Roderigo nun dazu anzuspornen, Cassio zu töten. Dann würden Othello und Desdemona auf der Insel bleiben und Roderigo hätte eine neue Chance, Desdemonas Herz zu erobern. Othello ginge nämlich mitnichten zurück nach Venedig sondern mitsamt seiner Frau ins ferne Afrika. Roderigo ist tatsächlich blöd genug, Iago zu glauben. Und damit beginnt der große Showdown in Akt V:

In einer dunklen Gasse greift Roderigo wie besprochen Cassio an, verletzt ihn aber nicht tödlich. Im folgenden Kampf werden beide schwer verwundet. Iago kommt zum Ort des Geschehens und erdolcht Roderigo. Er behauptet, ihn in der Dunkelheit nicht erkannt und für einen Räuber gehalten zu haben. Mit Roderigo räumt Iago nicht nur einen Mitwisser sondern auch einen Gläubiger aus dem Weg. Er hat Rodergio viel Schmuck und Diamanten abgenommen und behauptet, sie Desdemona in seinem Namen zum Geschenk zu machen, was nie passiert ist. Währenddessen schleicht Othello sich in das Gemach seiner Gemahlin und erwürgt sie in ihrem Bett. Emilia wird Zeugin, schlägt Alarm und versichert ein letztes Mal, dass Desdemona sich nichts zu Schulden habe kommen lassen und im Gegenteil Iago ein mieser Lügner sei. Unter den herbeieilenden Männern ist auch Iago, der nun auch Emilia mit einem Messer angreift. Othello wirft sich noch dazwischen, kann aber nicht verhindern, dass sie tödlich verwundet wird. Inzwischen hat man beim toten Roderigo Briefe gefunden, die Iagos dunklen Plan verraten und auch der schwer verwundete Cassio schleppt sich noch einmal auf die Bühne, um Othello von seiner und Desdemonas Unschuld zu überzeugen. Othello erkennt seinen Fehler und die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Er ersticht sich selbst und stirbt auf Desdemonas Bett.

Drama genug? Dann geht es jetzt weiter mit Chevaliers Neuerzählung.

New Boy

Tracy Chevalier verlegt das Eifersuchtsdrama auf einen US-amerikanischen Schulhof in den 1970ern. Nur einen Monat bevor das Schuljahr endet, wird dort der ghanaische Diplomatensohn Osei eingeschult. Für Osei ist der Schulhof in Washington nun schon der vierte in sechs Jahren, davor war die Familie in London, Rom und New York beheimatet, und er weiß, dass es als „New Boy“ nie einfach ist. Für ihn ist es extra-schwer, weil er noch dazu schwarz ist. Das aber scheint seine Klassenkameradin Dee nicht zu stören. Sie ist von der ersten Sekunde an fasziniert vom neuen Mitschüler und seinen Geschichten aus fremden Städten. Mr. Brabant, der Klassenlehrer, betrachtet die Verbindung mit Skepsis und bereut schnell, Dee mit der Betreuung des neuen Schülers beauftragt zu haben. Zu spät – noch bevor die Frühstückspause endet, sind die beiden ein Paar.

TracyChevalier_NewBoy

Das missfällt auch dem fiesen Ian, der immer alle auf dem Schulhof um ihr Essensgeld erleichtert und Kinder von der Schaukel schubst. Ian kann sich selbst nicht helfen. Viel lieber wäre er fröhlich und beliebt wie der strahlende Casper. Als in der Mittagspause Osei an Caspers statt an seinem Tisch sitzen will, ist es für Ian mit der Freundschaft endgültig vorbei. Dem Neuen wird er schon zeigen, wer an der Schule wirklich das Sagen hat.

Über seine Freundin Mimi organisiert er sich ein Stiftemäppchen, dass Dee nur wenige Stunden früher von Osei bekommen hat. Dieses Mäppchen spielt er nun Caspers Freundin Blanca zu und macht Osei darauf aufmerksam, wie achtlos sein Geschenk weitergereicht wurde. Außerdem überredet er seinen Freund Rod dazu, Casper solange zu provozieren, bis dieser ihn schlägt. Osei beobachtet den Kampf und verliert nun nicht nur das Vertrauen in Dee sondern auch in Casper, den er bis dahin schon als neuen Freund gesehen hat.

„This school isn’t ready for a black boy.“

So weit, so Othello. Den Transport auf einen Schulhof überlebt das Eifersuchtsdrama aber nicht unbeschadet. Zum einen steht das Drama so oder so kurz vor seinem Ende. Das Schuljahr ist fast vorbei und die meisten Kinder werden nach dem Sommer eine andere Schule besuchen. Während das Drama für die Charaktere in Othello wirklich essenziell ist und die Konfrontation unvermeidbar, ist das Ende der verfahrenen Situation in New Boy für alle greifbar. Zum anderen wirkt der Streit aufgrund der Tatsache, dass alle Beteiligten in der sechsten Klasse sind, recht kindisch und irrelevant. Möglicherweise wollte Chevalier auch genau das damit aussagen. Und wer jemals in der sechsten Klasse war, wird sich erinnern, dass kein Streit kindisch und irrelevant war, sondern eine essentielle und nicht lösbare Konfliktsituation, die maximale diplomatische Anstrengungen aller Beteiligten und Nicht-Beteiligten erfordert. Auch Oseis Situation ist eine grundlegend andere als die von Othello. Osei ist neu und damit per se ein Außenseiter. Unabhängig von der Hautfarbe hat „der Neue“ an einer Schule nie einen leichten Stand und muss sich seine Position erst mühsam erarbeiten. Othello hat das eigentlich schon lange getan. Er ist ein anerkannter Feldheer, der seine erstaunlichen Fähigkeiten und seine Tapferkeit schon oft unter Beweis gestellt hat. Trotzdem ist er immer noch kein vollständig anerkanntes Mitglied der Gesellschaft und das nur aufgrund seiner Hautfarbe. Außerdem fehlt Othello im Gegensatz zu Osei der Rückhalt durch eine Familie. Osei kann sich immer darauf verlassen, dass er Unterstützung durch seine Eltern hat, wie furchtbar der Schultag auch gewesen sein mag. Othello hingegen ist völlig auf sich gestellt, seine einzige Hoffnung auf Unterstützung ist seine Frau Desdemona, weswegen der unterstellte Verrat umso schwerer wiegt. Zudem ist die Situation auf dem Schulhof überwacht und geregelt, was eine wirkliche Eskalation zwar nicht unmöglich aber sehr unwahrscheinlich macht. Zum einen sind Lehrkräfte anwesend, die steuernd und strafend eingreifen, zum anderen muss Fehlverhalten zu Hause den Eltern gebeichtet werden. Das reicht, um alle mehr oder weniger in Schach zu halten. Im Original fehlen diese Instanzen.

Trotz dieser deutlichen Abweichungen vom Stück gelingt Chevalier eine unterhaltsame und gut lesbare Neuerzählung. Viele Details des Stücks hat sie sinnvoll neu interpretiert wie etwa das Taschentuch, das durch ein Mäppchen ersetzt wurde. Die Charaktere des Romans bleiben ihren Rollen treu, allerdings bemüht sich Chevalier, die Handelnden mit etwas mehr Background auszustatten. Während beispielsweise Iago im Stück böse ist weil er es ist, wird Ians Verhalten mit ungünstigen familiären Voraussetzungen erklärt. Diese Charakterisierungen bleiben aber allesamt ziemlich an der Oberfläche. In ihren Handlungen und Reflektionen sind die Figuren nicht immer schlüssig. Für SechstklässlerInnen sind einige schon wirklich sehr weit entwickelt, vernünftig und sicher in ihrer Interpretation der Geschehnisse. Das wirkt an vielen Stellen nicht sehr authentisch. Interessant ist New Boy allerdings nur als Othello-Adaption. Ohne diesen Hintergrund ist es eine Erzählung über die komplizierten Verstrickungen in den Beziehungen von Prä-Pubertierenden und damit in etwa so aufregend wie der durchschnittliche Kuschelrock-Roman.


William Shakespeare: „Othello“. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 900-931.

Das Zitat stammt aus Akt I, Szene 3.

Das Bild von Iago ist um ca. 1903 in  „Hollansche Musici in den Vreemde“ in Den Haag erschienen. Es zeigt einen Darsteller aus der Verdi-Oper „Othello“. Der Urheber des Bildes ist unbekannt.

Tracy Chevalier: New Boy. Gelesen in der Ausgabe Vintage 2018. 188 Seiten. Erstausgabe Hogarth 2017. Deutsche Übersetzung von Sabine Schwenk unter dem Titel Der Neue 2018 bei Knaus erschienen.

Das Zitat stammt von S. 148.

Dieser Roman ist im Rahmen des Projekt Hogarth Shakespeare erschienen.

Carol Shields: Larry’s Party

Laurence Weller, genannt Larry, geboren 1952 als Sohn britischer Einwanderer, wächst im ruhigen Winnipeg auf. Er benimmt sich vernünftig, kleidet sich ordentlich und arbeitet als Florist. Florist ist er eher zufällig geworden, einer von nur zwei männlichen Schülern im entsprechenden Kurs am College. Als er Ende zwanzig ist, lernt er Dorrie kennen und heiratet sie noch bevor man die Schwangerschaft sieht. Die Hochzeitsreise allerdings, eine Gruppenreise durch England, stellt sein Leben auf den Kopf. Interessiert an Pflanzen aller Art ist er begeistert von der Vielzahl der Hecken, die es entlang der Route zu sehen gibt. Der Irrgarten in Hampton Court ist eine Offenbarung für ihn. Entgegen der Absprache mit der Gruppe trödelt er lange in den grünen Gängen herum, bekommt Ärger mit seiner jungen Frau, aber hat auch für alle Zeiten sein Herz an dieses Element der Gartenbaukunst verloren.

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Kaum ist die junge Familie Weller mit dem verdächtig bald geborenen Sohn in ihr kleines Heim in Winnipeg gezogen, beginnt Larry, das Haus in einem Irrgarten zu verstecken. Geld und Zeit investiert er sehr zum Ärger von Dorrie nicht in die Renovierung des Badezimmers, sondern in den stetigen Ausbau seines ersten Irrgartens. Ein später angestrebter Umzug in ein größeres, schöneres Haus scheitert daran, dass er sein Herzensprojekt nicht einfach umpflanzen kann. Nach wenigen Jahren wird Larrys erste Ehe geschieden und er beginnt ein neues Leben als Irrgarten-Bauer in Chicago. Als einer von wenigen Spezialisten weltweit bringt er es mit seiner Firma A/MAZING Inc. zu einigem Ruhm.

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Becky Chambers: The Long Way to a Small, Angry Planet

2014 stand Becky Chambers vor der Entscheidung: neuen Job suchen oder Roman schreiben? Mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion gelang es ihr, die joblose Zeit zu überbrücken und sich auf ihre schriftstellerische Tätigkeit zu konzentrieren. Das Ergebnis, die Geschichte der jungen Rosemary, die ihren ersten Job an Bord eines Raumschiffes bekommt, wurde zum Überraschungserfolg und wurde für jeden Preis in greifbarer Nähe nominiert. In diesem Sommer erscheint nun schon der dritte Roman von Chambers.

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Hier aber soll es um den ersten gehen, der an Bord des Raumschiffs Wayfarer spielt. Kapitän Ashby hat als Ergänzung für seiner chaotischen Crew die junge Rosemary angeheuert, deren undankbarer Job fortan die Organisation aller Bordangelegenheiten ist. Erst noch schüchtern taut sie doch schnell auf in Gesellschaft der sympathischen Crew, die aus den verschiedensten Ecken des Universums stammt. Längst nicht alle von ihnen sind humanoid und es braucht einiges diplomatisches Geschick und Geduld um so viele Bedürfnisse, Besonderheiten, Arme und Schuppen unter einen Hut zu bringen. Und gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass die Crew zusammenhält. Die Wayfarer ist ein Bohrschiff, das Wurmlöcher durchs Universum legt und so für schnelle und effiziente Verbindungen sorgt. Ashby hat nun einen besonders gut bezahlten, aber auch riskanten Job an Land gezogen: sie sollen einen neuen Tunnel bauen zum Planeten Hedra Ka, dem Hauptplaneten der aggressiven Toremi, die erst vor kurzem der Allianz der Galactic Common beigetreten sind. Der Weg ist lang und der Planet potentiell feindselig, aber die Wayfarer scheut die Herausforderung nicht.

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Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday

Wie es sich für einen Dubliner Roman gehört, spielt Molly Fox’s Birthday an einem einzigen Tag, dem 21.06. Diesen einen Tag verbringt eine namenlose Erzählerin, Theaterautorin, in Molly Fox’s Haus und versucht, an ihrem neuen Stück zu arbeiten. Molly Fox selbst taucht in diesem Roman ebenso wenig auf wie ihr Geburtstag, den die Schauspielerin lieber nicht feiert und stattdessen alleine in New York verbringt. Die Erzählerin fühlt sich trotzdem ständig von ihr umgeben, denn Mollys Haus ist randvoll mit Erinnerungen an Theatererfolge, Reisen und Freundschaften. Ständig in Gedanken bei der alten Freundin kommt die Erzählerin nicht dazu, auch nur einen Satz zu Papier zu bringen. Stattdessen hängt sie Erinnerungen an die gemeinsame Zeit nach, an die erste gemeinsame Produktion und die gemeinsamen Freunde. Vor allem Andrew, den sie seit Studienzeiten kennt, spielt eine große Rolle in ihren Erinnerungen, ebenso wie ihr Bruder Tom, der Priester geworden ist.

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Emma Henderson: Grace William Says it Loud

Grace wird 1946 als drittes Kind der Londoner Familie Williams geboren. Schnell wird ihrer Mutter klar, dass ihre jüngste Tochter sich anders und langsamer entwickelt als ihre älteren Geschwister. Sie wächst sehr langsam, lernt spät und nur mit Mühe laufen und kommt nie über Zwei-Wort-Sätze hinaus, die sie in die Welt schreit, trotz aller Therapiebemühungen kaum in der Lage, ihre Zunge zu beherrschen. In winzigen Schritten geht es voran, doch als Grace sechs Jahre alt ist erkrankt sie an Kinderlähmung. Nur knapp überlebt sie in einer Eisernen Lunge, einer ihrer Arme aber und ein Bein werden stark in Mitleidenschaft gezogen. Nelson nennt sie den jetzt beinahe nutzlosen Arm und hinkt fortan noch schiefer durchs Leben.

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Aussichtslos, sagt er Arzt. Grace werde niemals in der Lage sein, eine Schule zu besuchen oder ein eigenständiges Leben zu führen. Er empfiehlt, sie in eine spezielle Einrichtung zu schicken und so landet Grace im Alter von zehn Jahren in „The Briar“. Dem Zeitgeist entsprechend dient diese Einrichtung fast ausschließlich der Verwahrung von Menschen mit diversen Behinderungen. Sinnvolle Therapie- oder Beschäftigungsangebote gibt es kaum für die dort lebenden, dafür sind die Schikanen und Strafen des Personals umso ausgefeilter und brutaler. Ohne genau zu wissen warum, verbringt Grace Tage in dunklen „Strafräumen“, hungert und wird gezwungen, erniedrigende Arbeiten zu verrichten. Ihre einzige Stütze ist ihr Freund Daniel, Sohn eines halbseidenen aber angebeteten Antiquitätenhändlers, ein Epileptiker, der bei einem Unfall beide Arme verloren hat. Er zeigt Grace in den ersten Tagen alles nötige und wird später ihre erste und einzige große Liebe.

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Joolz Denby: Billie Morgan

Billie, eine auf die fünfzig zugehende Geschenkartikelladen-Besitzerin aus Bradford, lebt zurückgezogen in einem kleinen Häuschen, hat zwei Katzen und duscht mit Teebaumöl-Duschgel. Doch nicht immer verlief ihr Leben in so geordneten Bahnen. In ihrer Jugend ist sie Teil der Hippie-Bewegung, bis sie nach einem brutalen Vorfall ihren ehemaligen Freunden den Rücken kehrt und sich auf die Suche nach loyaleren Kreisen macht. Sie findet sie bei den „Devil’s Own“, einer Rockergang, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt, aber immerhin den Zusammenhalt groß schreibt. Dort lernt sie auch ihren späteren Mann Mickey kennen, mit dem zusammen sie eine furchtbare Gewalttat begeht. Der Mann, der dabei stirbt, ist ein kleinkrimineller Außenseiter, er ist aber auch der Freund von Jas, die von ihm schwanger ist, und die sich, nachdem sie jetzt alleine da steht, hilfesuchend an Billie klammert. Sie ahnt nicht, wen sie zur Patentante, zum Schutzengel für ihren Natty ernannt hat.

„It was just a fact, that violence was as much part of me as love, honour and pride. It had given me iron strength of will over the years, but sometimes it demanded a price for that daily control.“

Billie ist von Jas Hilflosigkeit und ihrer Drogenabhängigkeit oft genervt und überfordert, ihre Schuldgefühle erlauben es ihr aber nicht, der Freundin und ihrem Sohn den Rücken zu kehren. Manchmal wünscht sie sich, sie hätte sich damals einfach der Polizei gestellt, dann wäre ihre Strafe jetzt abgesessen und vergolten. So plagen sie auch nach Jahren noch schlimme Alpträume und auch ihre Ehe ist kurz nach der Tat in die Brüche gegangen. Zu allem Überfluss startet nun noch eine Tageszeitung eine Reihe über Vermisstenfälle die nie aufgeklärt wurden und die Mutter des Toten will noch einen letzten Versuch starten, ihren Sohn zu finden. Billie gerät in Panik. Was, wenn jetzt doch noch alles ans Licht kommt?

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T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

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Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

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Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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