Essen aus Büchern: Tamale Pie aus E. Annie Proulx‘ „Accordion Crimes“

Autor*innen setzen Essen in Büchern höchst unterschiedlich ein. Bei vielen spielt es überhaupt keine Rolle, andere zählen ins Detail alles auf, was sie ihren Romanfiguren vorsetzen. Häufig wird es eingesetzt, um eine Klassen- oder Gruppenzugehörigkeit zu verdeutlichen. E. Annie Proulx geht damit in Accordion Crimes in die Vollen. Der Roman folgt einem Akkordeon, das durch die Hände vieler Menschen, vor allem Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den USA geht. Neben der Musik ist vor allem ihre traditionelle Küche ein heimatlicher Anker und jede Gruppe, die Proulx beschreibt hängt an ihren Küchenklassikern, die wieder und wieder aufgelistet werden, für die Polen, die Italiener, die Deutschen, die Mexikaner. Ob es ein Essen aus diesem Buch geben wird, war also gar nicht die Frage. Ich musste mich nur entscheiden. Meine Wahl ist auf Tamale Pie gefallen, zum einen, weil es ein sehr schönes Beispiel für eine Küche ist, die der neuen Heimat angepasst wird, zum anderen weil es eines der wenigen Gerichte ist, die nicht nur in einer Liste auftauchen. Der Tamale Pie hat einen ganzen eigenen Satz!

„Down the street stood a wreck of an old tamale stand, the remnant of a failed franchise from the 1920s in the shape of a giant tamale, the stucco sloughing off, faded signs drooping: HAMBURGERS AS YOU LIKE’EM. TAMALE PIE.“

Kurz nachdem er erwähnt wird, ist der Tamale-Imbiss auch schon Geschichte, ersetzt durch einen Friseur-Salon, der bald Teil einer ganzen Siedlung mexikanischer Migrant*innen wird. Darunter natürlich auch ein Akkordeonist. Auch wenn der Pie dem Imbiss am Straßenrand kein Glück gebracht hat, hab ich ihn mal ausprobiert. Und so geht’s:

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Porträt einer massakrierten Kultur – „There There“ von Tommy Orange

Kaum ein anderes Buch im englischsprachigen Raum wurde von Kritik und Medien im letzten Jahr so einhellig gefeiert wie Tommy Oranges Debütroman There There. Er beschreibt darin das Leben der Native Americans in Oakland, einer urbanen Minderheit, an die in Deutschland kaum jemand denkt, wenn es wieder mal um Rassismus in den USA geht. Dass es innerhalb dieser Gruppe massive Schwierigkeiten gibt, ist allerdings längst bekannt. Tommy Orange schreibt von Familien, die gezeichnet sind von Alkoholismus, Gewalt und enormen Suizidraten, denen die Behörden und Hilfseinrichtungen ratlos gegenüber stehen. Er erzählt von der strukturellen Gewalt, die seit der Ankunft der Pilgrim Fathers auf die bereits vorhandene Bevölkerung Nordamerikas ausgeübt wurde, von systematischen Massenmorden und der Einsicht, die bis heute fehlt. Der Titel There There bezieht sich auf ein Zitat von Gertrude Stein, die, gleich den Charakteren des Romans, ebenfalls eine Zeit ihres Lebens in Oakland verbrachte. Als sie nach Jahren der Abwesenheit zurückkehrte in die vermeintliche Heimat, fand sie ihr ehemaliges Wohnviertel völlig verändert vor und schrieb in ihrer Autobiographie, es gäbe kein „there there“ mehr für sie in dieser Stadt.

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In seinem Roman lässt Orange zwölf verschiedene Charaktere zu Wort kommen, die sehr verschieden mit ihrer Herkunft umgehen und ihre Stellung in der Gesellschaft unterschiedlich begreifen. Einige von ihnen sind sehr stolz auf ihr Erbe, anderen ist es kaum bewusst. Die Stimmen sind so unterschiedlich, dass der Roman zumindest im ersten Drittel eher wie eine Kurzgeschichtensammlung wirkt. Noch dazu wechseln auch die Erzählperspektiven permanent. Erste Person, zweite Person, dritte Person, auktorialer Erzähler – alles dabei. Erst nach und nach wird klar, dass die Personen mehr gemeinsam haben als ihre geographische Herkunft und dass sie alle an einem Punkt zuammentreffen werden: dem ersten großen Powwow in Oakland.

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Alte Jungfern auf der Walz – „Spinsters“ von Pagan Kennedy

1968 ist ein ereignisreiches Jahr. Bobby Kennedy und Martin Luther King werden ermordet, in Memphis sorgt der „sanitation strike“ für Aufregung, überall in den USA formiert sich Widerstand gegen den Vietnam-Krieg und Frannies Vater stirbt. Letzteres ist der Nation herzlich egal, zieht Frannie aber den Boden unter den Füßen weg, denn ihr Vater nimmt ihre Identität mit ins Grab. Mit Mitte dreißig definiert Frannie sich ausschließlich als seine Tochter, die ihn nach dem frühen Tod der Mutter und durch eine langsame, grausame Krankheit hindurch gepflegt hat. Nach seinem Tod kann sie nur noch Frannie sein, hat aber keine Ahnung, wie man das macht, was man darf, was man trägt. Hilfe findet sie bei ihrer Schwester Doris, die, ebenfalls unverheiratet, auch noch im Haushalt des Vaters lebt. Gemeinsam folgen sie der Einladung einer Tante, einer weiteren „alten Jungfer“, die ohne Mann in Virginia lebt. Frannie freut sich. Von der Tante kann sie lernen, wie man so lebt als unverheiratete Frau, als „spinster“.

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Doch Doris hat andere Pläne. Sie will mehr sehen von diesem großen Land und hält es nicht lange aus im eintönigen Leben ihrer Tante. Wohl oder übel schließt Frannie sich ihr an und gemeinsam fahren sie im Plymouth Valiant quer durch die USA. Sie verbringen Stunde um Stunde auf dem Highway, kommen in Motels unter, essen in austauschbaren Diners, kaufen neue Kleider, reden, reden und streiten. Doris fängt an zu rauchen. Frannie lässt sich versehentlich eine neue Frisur verpassen. Vor allem für Frannie bedeutet die neue Freiheit aber auch Unsicherheit. Sie fürchtet ständig, dass Doris jemand anderen finden könnte, einen Mann, eine neue Freundin, irgendjemand, mit dem sie weiter zieht und Frannie alleine zurücklässt. Sie kann sich nicht vorstellen, ihr Leben mit irgendjemand anderem als ihrer Schwester zu verbringen. Für sie war immer klar, dass die Reise nur eine Unterbrechung ist und sie am Ende wieder nach New Hampshire fahren werden, wo sie weiter unverheiratet zusammenleben werden. Mit alten Kleidern und gewohnter Frisur. Doch die vielen Kilometer Asphalt, die die beiden Schwestern hinter sich lassen, werden langsam zum unsichtbaren Hindernis.

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Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

„Das gebrochene Herz, vor dem er weggelaufen ist, hat ihn eingeholt. Endlich.“

Früh am Morgen bricht Kweku Sai im Garten seines Hauses in Accra zusammen und stirbt an einem Herzinfarkt. Kweku, gefeierter Chirurg, der die Symptome kannte und hätte erkennen können, sogar müssen. Tausende Kilometer entfernt in Boston versteht sein Sohn Olu nicht, wie das passieren konnte. Jetzt ist es an ihm, seine Geschwister Sadie, Taiwo und Kehinde zusammenzutrommeln, damit sie alle zur Beerdigung des Vaters reisen können, des Vaters, der die Familie vor langer Zeit verlassen hat. Er hat Frau und Kinder und eine Menge Schulden in Boston zurückgelassen und ist zurückgegangen nach Ghana, wo er mit einer neuen Frau lebte. Verstehen und verzeihen konnte das niemand.

Auch Mutter Fola lebt mittlerweile wieder in Ghana, wo sie ein Haus geerbt hat. Dort treffen sich nun die Kinder der Famile Sai, um ein weiteres Mal Abschied vom Vater zu nehmen. Schon die Verteilung der Schlafzimmer endet in einer Krise. Zu viele unausgesprochene Konflikte und Verletzungen stehen im Raum, alle sind vorsichtig darauf bedacht, niemandem auf die Füße zu treten und keine Grenzen zu übertreten. Was dann aber natürlich doch passiert.

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Ali Smith: The Accidental

Die Familie Smart macht Urlaub in Norfolk. Die Gegend ist langweilig, das Haus abgewohnt, aber es wurde mit einem Gartenhaus beworben, in dem Mutter Eve in Ruhe an einem ihrer historischen Bücher schreiben will. Leider ist das Gartenhaus nur ein Schuppen mit Fenstern, und das ist nur die erste Enttäuschung. Tochter Astrid steckt tief in der Pubertät und ihr Bruder Magnus in einer Depression, weil er sich als verantwortlich für den Selbstmord einer Mitschülerin sieht. Vater Michael langweilt sich zu Tode und sehnt sich nach seiner aktuellen Affäre, die er nur manchmal in London besuchen kann.

Auf einmal steht Amber vor der Tür. Sie entschuldigt sich für die Verspätung, ihr Wagen habe eine Panne gehabt. Michael nimmt an, Amber wolle Eve besuchen, möglicherweise ein Interview über ihre Bücher führen. Eve nimmt an, Amber sei eine der Studentinnen, mit denen ihr Mann permanent schläft. Dreist, sie ins familiäre Feriendomizil einzuladen, aber auch nicht sehr überraschend. Niemand spricht darüber, niemand weiß, wer Amber ist. Sie bleibt.

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Zadie Smith: White Teeth

White Teeth war Zadie Smiths erster Roman und verschaffte ihr quasi über Nacht einen festen Platz unter den Größen der britischen Literatur. Der Roman ist recht umfangreich, sowohl was die Seitenzahl als auch die Fülle der Themen anbelangt. Glaube, Religion, Fundamentalismus, Extremismus, Feminismus, Liebe, Coming of Age, Kolonialismus, Herkunft und Identität werden allesamt in diesem Roman behandelt, und dann habe ich sicher noch einige Themen vergessen.

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Kern der ganzen Geschichte sind die Familien Jones und Iqbal, deren Väter vor Jahrzehnten mal im gleichen Krieg zufällig im gleichen Panzer saßen. Der eine kommt aus Großbritannien, der andere aus Bangladesh. Nun leben beide, verheiratet und mit Kindern, nicht weit voneinander entfernt in London. Samad Iqbal leidet sehr unter seiner Situation als Einwanderer. Er fühlt sich nie wirklich willkommen und hofft, dass seine beiden Söhne nicht von der britischen Kultur assimiliert werden. Für ihn kann das Leben in England nie mehr als ein vorübergehender Zustand sein und seine Söhne sollen unter gar keinen Umständen ihre Wurzeln vergessen. Archie Jones heiratet nach einem Suizidversuch die deutlich jüngere Clara, Tochter jamaikanischer Einwanderer und bis vor kurzem überzeugte Zeugin Jehovas.

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Vendela Vida: Des Tauchers leere Kleider

tauchersleerekleider„Dein Reiseführer Marokko hatte recht: Das Erste, was man nach der Ankunft in Casablanca tun sollte, ist Casablanca zu verlassen.“

Einer alleinreisenden Frau wird im Hotel am ersten Urlaubstag in Casablanca der Rucksack mitsamt Pass, Kamera und Kreditkarten gestohlen. Die Zusammenarbeit mit Hotelpersonal und Polizei erweist sich als schwierig, nicht zuletzt aufgrund sprachlicher Barrieren. Letzten Endes händigt der Polizeipräsident persönlich ihr einen Rucksack aus, der Pass und Kreditkarten enthält – nur leider nicht ihre, sondern die der ihr vage ähnlich sehenden Sabine Alyse. Von der Situation völlig überfordert und nicht fähig, entsprechend zu reagieren, nimmt sie die Dokumente an und findet ihre neue Identität kurz darauf gar nicht mehr so schlecht. Zwar plagt sie ein schlechtes Gewissen gegenüber der ihr unbekannten Frau, deren Kreditkarten sie fortwährend belastet, andererseits verschafft ihr der Identitätswechsel auch eine Erleichterung. Zuhause in Florida hat sie gerade die Scheidung eingereicht, zudem sitzt ihr ein lange nicht ausgesprochener Konflikt mit ihrer Zwillingsschwester im Nacken. Die neue Identität wird eine Hilfe auf der Flucht vor ihrem alten Leben.

Den Namen Sabine Alyse behält sie nicht lange, da sie ständig ihre Entlarvung fürchtet. Als ein Filmteam sie als Lichtdouble für eine bekannte Schauspielerin entdeckt, arbeitet sie unter dem Namen Reeves Conway. Die Entfernung von ihrer eigenen Identität wird immer weiter und vertrackter. Nun spielt sie nicht mehr die Rolle der Sabine Alyse sondern die Rolle der Reeves Conway, die als Lichtdouble mit Perücke die Rolle der Maria in einem Film spielt und als Double auch Teil der Außenwahrnehmung der Schauspielerin wird, was unschöne Folgen für die Schauspielerin hat.

Je weiter die Protagonistin sich von ihrer eigenen Identität entfernt, umso schwieriger wird ihr Weg zurück. Beim ersten Versuch, in der amerikanischen Botschaft den Diebstahl ihres Passes zu melden, verstrickt sie sich derart in Widersprüche, dass sie das Gebäude fluchtartig verlässt und keine weiteren Anlauf wagt. Der Wechsel der Namen wirkt nicht spielerisch oder übermütig sondern als von Furcht getriebene Notwendigkeit, als sei Sabine/Reeves/Jane/Aretha auf der verzweifelten Flucht vor großer Gefahr. Zugleich fragt man sich als Leserin, wohin diese Flucht führen soll. Wie lange will sie unter falschem Namen und mit rund 300$ Filmgage in Marokko untertauchen? Muss sie nicht irgendwann mal nach Hause und sich um ihre Scheidung kümmern?

Der Titel des Buchs bezieht sich auf ein Gedicht des persischen Mystikers Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī, kurz Rumi. Er befasst sich in diesem Gedicht damit, dass das Sein einer Person immer mehrere Eigenschaften hat, dass man in der eigenen Körperlichkeit fest verwurzelt sein kann wie eine Pflanze, zugleich aber unstet wie der Wind sein kann. Dass man „des Tauchers leere Kleider“ sein kann, die am Strand zurückgelassen wurden und zugleich der Fisch, der im Ozean schwimmt*.

Wie auch das Gedicht ist der gesamte Roman in der zweiten Person geschrieben, was eine ungewohnte Erzählperspektive ist, an die man sich erst einmal gewöhnen muss. Das permanente „du“ (du sitzt im Flugzeug, du springst in den Pool, du nimmst den Rucksack entgegen) erweckt den Eindruck, als sei die Protagonistin ferngesteuert, als müsste ihr, wie unter Hypnose, permanent gesagt werden, was als nächstes zu tun ist und als wäre sie selbst nur eine Beobachterin, die nicht immer versteht, warum die Dinge geschehen. Das schafft eine Distanz zur Handlung, andererseits wird man aber auch selbst permanent angesprochen, wodurch man fast zwangsweise überlegt, ob man diese Handlungsanweisung genau so befolgen würde. Zugleich vermittelt es den Eindruck, dass die Protagonstin in der Schockstarre, in der sie die USA verlassen hat, gar nicht anders kann, als Anweisungen zu befolgen.

Von Anfang an wird klar, dass die Protagonistin vor etwas flüchtet, dass es Menschen gibt, die ihr Geheimnis kennen und sie nicht entdecken dürfen. Das weckt große Erwartungen, man nimmt an, sie habe sich etwas Gravierendes zu Schulden kommen lassen. Doch der große Knall bleibt den ganzen Roman über aus. Vielmehr entdeckt man langsam eine persönliche Tragödie, welche die Protagonistin so mitgenommen hat, dass sie scheinbar in Trance durch Marokko taumelt, im Versuch, das Geschehene zu verarbeiten. Ob ihr das gelingt, indem sie von Identität zu Identiät flüchtet, sei dahingestellt. Die Möglichkeit, eine neue Person zu werden, die alte Hülle hinter sich zu lassen, ist im Ansatz interessant, kann aber von dieser instabilen und verletzten Protagonistin nicht in letzter Konsequenz genutzt werden. Eigentlich muss man sie aufs Sofa setzen und ihr Heißgetränke bringen, bis sie wieder weiß, wo oben und unten ist. Das wäre aber auch kein sehr guter Roman.


 Vendela Vida: Des Tauchers leere Kleider. Übersetzt von Monika Baark. aufbau 2016. 252 Seiten, € 19,95. Originalausgabe: The Diver’s Clothes Lie Empty. HarperCollins 2015.

Das Zitat stammt von S. 90 der deutschen Ausgabe.

* Ich habe im Internet keine deutsche Übersetzung des Gedichts gefunden, eine englische gibt es unter anderem bei rumidays. Ihre „ungeliebten“ Kleider lässt die Protagonistin bei der Flucht aus ihrem Hotel tatsächlich und nicht nur metaphorisch zurück. Man fragt sich, warum sie mit einem Koffer voll ungeliebter Kleider verreist, aber möglicherweise waren gerade keine anderen zur Hand.