Mit dem Charme der Jahrhundertwende – „Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“ von James M. Barrie

Barries populärste Figur Peter Pan kennen alle, wenn auch die wenigsten den Roman gelesen haben dürften. Das weitere Werk des Schotten trifft es noch härter. Zumindest in Deutschland wird es bisher mit nahezu völliger Missachtung gestraft und es sind kaum Texte von ihm übersetzt worden.

Barrie: Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam

In Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam stellt der Herausgeber Michael Klein nun 15 kürzere Prosa-Stücke des Autors vor, die ursprünglich vor allem in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt wurden. Die Texte erscheinen erstmals in deutscher Übersetzung. Seine Auswahl charakterisiert Barrie als humorvollen und feinfühligen Autor, der fast immer den richtigen Ton zwischen heiter und ernsthaft trifft. Seine Erzählungen kreisen oft um das Leben als Autor und Journalist. Im ersten Text beispielsweise ärgert sich ein Biograph wahnsinnig darüber, dass der Gegenstand der von ihm verfassten Biographie einfach nicht sterben will und stattdessen auf Gesellschaften munter die besten Anekdoten seines Buchs ausplaudert.

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Ein englischer Zauberberg – „The Dark Circle“ von Linda Grant

Leonard Lynskey steht die Welt offen. Er lebt in der Metropole London, die Jahre nach dem Weltkrieg sind voller Entbehrungen, aber auch voller Möglichkeiten. Lenny ist entschlossen, sie zu nutzen. Er ist jung, gewitzt und hat einen Onkel, der Einfluss genug hat, seinen Neffen quasi überall unterzubringen. Bei einer Tauglichkeitsuntersuchung aber bekommt er einen jähen Dämpfer: bei ihm wird Tuberkulose diagnostiziert. Seine Schwester Miriam hat er bereits angesteckt. Nur wenig später sind die beiden auf dem Weg nach Kent, wo sie in einem Sanatorium behandelt werden sollen.

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Diesen vergleichsweise luxuriösen Aufenthalt haben sie dem neu gegründeten National Health Service zu verdanken. Die Geschwister aus dem East End gehören zu den ersten Patienten, die den Aufenthalt nicht aus eigener Tasche zahlen. Das übrige Klientel der Einrichtung ist nicht nur krank, sondern auch wohlhabend und kultiviert und auch hinreichend skurril um Leben in den Roman zu bringen. Das Sanatorium ist ein noch leidlich schicker, langgezogener Bau auf einer Anhöhe, alle Zimmer mit Balkonen, die ein bewaldetes Tal und das darin liegende Dorf überblicken. Miriam, die sich nur für Klatschzeitschriften, Make-Up und Frisuren interessiert, landet auf einem Zimmer mit der leidenden Literaturstudentin Valerie, während Lenny sich Zeit und Unterkunft mit Automobilverkäufer Colin teilt. Die Behandlungsmethoden im Sanatorium sind ineffizient, brutal oder beides. Miriam liegt tagelang neben Valerie auf dem Balkon und atmet vor sich hin, während man bei Lenny einen Lungenflügel künstlich kollabieren lässt in der Hoffnung, er möge sich dadurch erholen. Bei einigen werden gleich ganze Teile des Brustkorbs entfernt. Mögliche Hilfe verspricht das neue Antibiotikum Streptomycin, doch davon kann der NHS vorerst nur fünf Dosen auftreiben.

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Aufstieg und Stillstand – „NW“ von Zadie Smith

Leah und Keisha wachsen gemeinsam auf in Londons Nordwesten, in Wohnblöcken, die nach wichtigen Philosophen benannt sind: Bentham, Locke, Russel, Hobbes, Smithes heißen die Koordinaten ihrer Jugend. Dass sie dort nicht bleiben wollen, ist beiden schnell klar. Denn trotz der vielversprechenden Namen ist ihre Wohngegend so trost- wie chancenlos. Wer bleibt, endet oft genug in Drogenabhängigkeit und Kleinkriminalität. Leah und Keisha haben große Pläne, studieren und versuchen, das beste aus ihrer Herkunft zu machen. Keisha muss sich dabei immer mehr anstrengen als Leah. Als Schwarze kann sie sich die rebellischen Eskapaden ihrer rothaarigen Freundin nicht erlauben. Ihre Mutter war immer darauf bedacht, dass ihre Kinder unter dem Radar bleiben, nie auffallen, sich immer ein kleines bisschen besser benehmen, bloß nicht unangenehm auffallen. Schließlich ändert Keisha sogar ihren Namen und wird als Natalie eine erfolgreiche Anwältin. So erfolgreich, dass Leah, die es „nur“ zur Sachbearbeiterin beim Sozialamt gebracht hat, sich bei ihren Einladungen zwischen all den etablierten Jurist*innen oft fehl am Platz fühlt. Natalies Einladungen geben ihr, die immer noch im Nordwesten lebt, das Gefühl, nur noch Staffage aus alten Tagen zu sein.

„She had been asked to pass the entirety of herself through a hole that would accept only part.“

Die Freunde ihrer Kindheit und ihre Geschwister, die in den Wohnblocks bleiben, folgen dem Weg der ihnen qua Geburt vorherbestimmt scheint. Einige werden früh Eltern, viele werden drogenabhängig, ebenso viele halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser. Dabei machen sie auch vor Ihresgleichen nicht halt. Der Roman beginnt mit Shah, einer ehemaligen Schulkameradin Leahs, die ohne jede Skrupel mit einer rührseligen Geschichte 30 Pfund von Leah ergaunert. Und Nathan, in den Leah früher heimlich verschossen war, lebt mittlerweile auf der Straße. Felix, der ebenfalls im Viertel aufgewachsen ist, scheint es endlich geschafft zu haben, scheint einen Weg aus seiner Misere gefunden zu haben, als er überfallen und erstochen wird. Der Nordwesten lässt einen nicht so einfach gehen.

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Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

Arlington Park ist eine Vorstadtsiedlung, die ausnahmsweise nicht im US-amerikanischen Suburbia liegt, sondern im Dunstkreis von London. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere, die Männer arbeiten viel, die Kinder besuchen gute Schulen und die Frauen schmeißen den Haushalt. Der gesamte Roman spielt an nur einem einzigen regnerischen Tag und fokussiert sich dabei auf fünf Frauen, die unterschiedlich zufrieden sind mit dem Leben in der Vorstadt-Idylle.

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Es beginnt mit Juliet, die an diesem einen Tag, den der Roman ihr gibt, noch sauer ist auf den Vorabend, an dem ein Mann sie mal wieder nicht ernst genommen hat und sie sich nicht richtig gewehrt hat. Juliet ist im Grunde kreuzunglücklich in Arlington Park, wo sie mit ihrem Doktortitel an einer Schule unterrichtet, die sie einst mit großen Plänen verließ. Nun darf sie an einem Freitag im Monat den Literaturclub leiten und ihr Mann muss ausnahmsweise die Kinder von der Schule abholen. Eine logistische Meisterleitung, vor allem für Juliet. Sie ist sich sicher: Männer bringen Frauen in der Ehe um, Stück für Stück, Tag für Tag sterben die Frauen ein kleines bisschen mehr.

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An Bord der Nautilus – „Heligoland“ von Shena Mackay

Viele Jahrzehnte ist es her, dass Celeste Zylberstein und ihr Mann Arkadi den Traum von einem ganz besonderen Haus hatten. Der kreative Mittelpunkt der Nachbarschaft sollte es sein, Herberge und Atelier für Kreative und Schaffende. Im Süden Londons errichteten sie gemeinsam das „Nautilus“, ein architektonisch gewagtes Gebäude, das tatsächlich lange Zeit Ort legendärer Partys und Heimat großer Künstler war. Arkadi ist schon vor langer Zeit verstorben und Celeste und der Dichter Francis sind die einzigen beiden Bewohner, die sich noch an die großen Zeiten erinnern können. Nur Guss Crabs findet derzeit noch Unterschlupf bei ihnen. Der ist allerdings eher Antiquitätenhändler denn Künstler und kürzlich bei seiner Frau rausgeflogen. Auch am Gebäude sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen und die ein oder andere Renovierung ist dringend nötig. Erste Hilfe naht in Form von Rowena Snow, die ab sofort als Haushälterin mit im Haus lebt und zumindest für grundlegende Ordnung sorgt.

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Rowena, Kind einer pakistanischen Mutter und eines britischen Vaters, ist größtenteils ohne ihre Eltern im Internat aufgewachsen. So richtig Fuß fassen konnte sie danach nie. Ihre neue Stelle klingt für sie, die Lyrik immer geliebt hat, ausgesprochen verheißungsvoll. Immerhin lebt auch ein Dichter im Haus, in dessen Zirkel sie nun Zugang zu finden hofft.

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Gebrochene Herzen in der Landverschickung – „The Very Thought of You“ von Rosie Alison

1939 ist London von der Angst vor deutschen Bombenangriffen erfüllt. Eltern wird geraten, ihre Kinder auf dem Land in Sicherheit bringen. Und so entschließt sich auch Roberta schweren Herzens dazu, ihre achtjährige Tochter Anna auf eine Schule in Yorkshire zu schicken. Anna spielt im Rest des Romans nur noch die Rolle der kindlich-unschuldigen Beobachterin, eine Entwicklung über den Alterungsprozess hinaus gibt es nicht, deshalb muss sie nicht weiter erwähnt werden.

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Die Schule in Yorkshire befindet sich im noblen Herrenhaus Ashton Park, das vom Ehepaar Elizabeth und Thomas Ashton großzügigerweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurde. Elizabeth macht das allerdings nur, weil sie selbst gerne ein Kind hätte und einfach nicht schwanger wird, mit wie vielen Männern sie auch schläft. Die Eröffnung der Schule ist ein verzweifelter Versuch, diese große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Ihr Mann Thomas sitzt seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl und hat jede Hoffnung auf wahre Liebe aufgegeben, bis die junge Lehrerin Ruth in Ashton Park auftaucht und sich als herzensgute Frau mit tiefen Augen entpuppt.

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Zadie Smith: The Autograph Man

Alex-Li Tandem, halb chinesischer, halb jüdischer Herkunft, wächst in einem Vorort in der Einflugschneise von Heathrow auf und entdeckt früh seine Liebe zu Autogrammen. Die Liebe ist so groß, dass er als Erwachsener vom Handel mit Autogrammen leben kann und ein ausgewiesener Experte ist, wenn es um die Authentizität der teuren Unterschriften geht. In seinem Privatleben geht es nicht sehr aufregend zu. Er ist immer in der gleichen Nachbarschaft wohnen geblieben und hat immer noch die Freunde aus Kindertagen. Auch in seiner Beziehung, ebenfalls noch aus der Schulzeit, läuft es eher so mittelprächtig. Alex ist gelegentlichem Drogenkonsum nicht abgeneigt, übertreibt es in einer Nacht aber völlig. Als er zwei Tage später wieder völlig zu sich kommt, ist sein Auto Schrott, seine Freundin spricht kein Wort mehr mit ihm und in seiner Wohnung liegt ein Autogramm von Kitty Alexander. Kitty Alexander! Der von ihm angebeteten Schauspielerin schreibt er seit seiner Jugend jede Woche einen Brief und bittet um ein Autogramm, bisher aber ohne Erfolg. In Alex-Li keimt ein furchtbarer Verdacht: hat er in seiner Verzweiflung im Drogenrausch das Autogramm gefälscht? Er kennt Kittys Unterschrift so gut, dass er es könnte. Aber wen soll er fragen, ohne sich wahnsinnig zu blamieren? Zum Glück hat er – ebenfalls im Drogenrausch – einen Flug zu einer Autogramm-Messe in New York gebucht, wo Mrs. Alexander wohnt.

„This is the description of a struggle. Judge it accordingly.“

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Elif Shafak: Ehre

In Ehre befasst sich Elif Shafak mit einem Mord, der in einer kurdisch-türkischen Familie verübt wird, nachdem der älteste Sohn die Ehre seiner Familie in Gefahr sieht. Die Geschichte beginnt friedlich in einem entlegenen Dorf in der Türkei, in dem die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila aufwachsen, beide eine weitere Enttäuschung in einer Reihe von Kindern, die alle einfach kein Junge werden wollten. Viele Jahre später lebt Pembe mit ihrem Mann, der eigentlich Jamila heiraten wollte, in London und hat drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Jamila ist in der Heimat geblieben und lebt zurückgezogen als „jungfräuliche Hebamme“ und Heilerin in einer bescheidenen Hütte in den Bergen.

„Wir Topraks waren doch in dieser Stadt nur Statisten – eine halb türkische, halb kurdische Familie am falschen Ende von London.“

Das Leben in London ist für Pembe grau und freudlos, an den ewig grauen Himmel kann sie sich nie gewöhnen. Auch ihr Mann Adem kämpft mit seiner trostlosen und monotonen Arbeit in einer Fabrik, während er zusehends der Spielsucht verfällt. Der älteste Sohn Iskender, von seiner Mutter als Stammhalter und „Sultan“ verwöhnt und verzogen, verfällt immer mehr in patriarchale Rollenbilder und Vorstellungen. Jamila bleibt währenddessen in einer archaischen Umgebung, in der sich seit Jahrhunderten nichts verändert hat. Sie sammelt Kräuter, hilft bei riskanten Geburten und heilt Kranke, für die es in den kargen Bergen keine andere Hilfe mehr gibt.

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Emma Henderson: Grace William Says it Loud

Grace wird 1946 als drittes Kind der Londoner Familie Williams geboren. Schnell wird ihrer Mutter klar, dass ihre jüngste Tochter sich anders und langsamer entwickelt als ihre älteren Geschwister. Sie wächst sehr langsam, lernt spät und nur mit Mühe laufen und kommt nie über Zwei-Wort-Sätze hinaus, die sie in die Welt schreit, trotz aller Therapiebemühungen kaum in der Lage, ihre Zunge zu beherrschen. In winzigen Schritten geht es voran, doch als Grace sechs Jahre alt ist erkrankt sie an Kinderlähmung. Nur knapp überlebt sie in einer Eisernen Lunge, einer ihrer Arme aber und ein Bein werden stark in Mitleidenschaft gezogen. Nelson nennt sie den jetzt beinahe nutzlosen Arm und hinkt fortan noch schiefer durchs Leben.

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Aussichtslos, sagt er Arzt. Grace werde niemals in der Lage sein, eine Schule zu besuchen oder ein eigenständiges Leben zu führen. Er empfiehlt, sie in eine spezielle Einrichtung zu schicken und so landet Grace im Alter von zehn Jahren in „The Briar“. Dem Zeitgeist entsprechend dient diese Einrichtung fast ausschließlich der Verwahrung von Menschen mit diversen Behinderungen. Sinnvolle Therapie- oder Beschäftigungsangebote gibt es kaum für die dort lebenden, dafür sind die Schikanen und Strafen des Personals umso ausgefeilter und brutaler. Ohne genau zu wissen warum, verbringt Grace Tage in dunklen „Strafräumen“, hungert und wird gezwungen, erniedrigende Arbeiten zu verrichten. Ihre einzige Stütze ist ihr Freund Daniel, Sohn eines halbseidenen aber angebeteten Antiquitätenhändlers, ein Epileptiker, der bei einem Unfall beide Arme verloren hat. Er zeigt Grace in den ersten Tagen alles nötige und wird später ihre erste und einzige große Liebe.

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Charlotte Mendelson: When We Were Bad

An einem Wintertag hat sich die Familie Rubin mit zahlreichen Angehörigen und Freunden in der Synagoge versammelt. Sohn Leo heiratet seine Verlobte Naomi – oder auch nicht. Sekunden, bevor die Zeremonie beginnen soll, überlegt er es sich anders und brennt mit seiner Geliebten Helen durch. Für seine Mutter Claudia, die als Rabbinerin der Gemeinde als die perfekte Mutter und Familienvorsteherin gilt, ist das die totale Katastrophe. In wenigen Wochen soll ihr neues Buch erscheinen und die grandios inszenierte Hochzeit wäre die ideale Promotion gewesen. Fehltritte der Familienmitglieder sind im Moment einfach nicht drin, so viel Rücksicht darf sie erwarten.

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Das gilt auch für Tochter Frances, die in ihrer Ehe kreuzunglücklich und mit ihrer Mutterrolle überfordert ist und für Ehemann Norman, dessen Bücher immer weniger erfolgreich als die seiner Frau sein müssen. Nur die jüngeren Geschwister Simeon und Emily dürfen machen, was sie wollen, während die Familie zu akzeptieren hat, dass sie für normale Lohnarbeit und „das Leben da draußen“ einfach nicht gemacht sind. Bis ein rettender Einfall ihres Weges kommt, wohnen sie eben noch zu Hause. Während an allen Fronten Konflikte ausgefochten werden und neue Wege gefunden werden müssen, plant Claudia ein riesiges Seder-Essen zu Pessach, knapp vor Erscheinen ihres neuen Buchs, das ihren Status als vorbildliche Matriarchin und Gemeindevorsteherin zementieren soll. Dass sie währenddessen in großer Sorge um ihre eigene Gesundheit ist, darf niemand merken.

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