Bratkartoffeln und der Rhein – „Streifzüge durch Deutschland“ von Mary Wollestonecraft Shelley

Das erste Mal bereiste Mary Shelley Deutschland, als sie mit ihrem zukünftigen Mann Percey Shelley in Richtung Schweiz durchbrannte. Das war im Sommer 1814. Die Fahrt entlang des Rheins findet später ihren Niederschlag in der Reise, die Victor Frankenstein in umgekehrter Richtung von der Schweiz nach England unternimmt. Selbst sein Name stammt von einer Burg, die Shelley auf ihrer Reise besichtigte. Der Reisebericht dieser ersten Reise fällt allerdings ausgesprochen knapp aus. Das änderte sich, als sie Deutschland anlässlich zweier Italienreisen in den Jahren 1840 und 1842 erneut besuchte. Das eine Mal war das eigentliche Ziel der Comer See, das zweite Mal sollte es in die Toskana gehen.

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Mit dem Charme der Jahrhundertwende – „Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“ von James M. Barrie

Barries populärste Figur Peter Pan kennen alle, wenn auch die wenigsten den Roman gelesen haben dürften. Das weitere Werk des Schotten trifft es noch härter. Zumindest in Deutschland wird es bisher mit nahezu völliger Missachtung gestraft und es sind kaum Texte von ihm übersetzt worden.

Barrie: Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam

In Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam stellt der Herausgeber Michael Klein nun 15 kürzere Prosa-Stücke des Autors vor, die ursprünglich vor allem in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt wurden. Die Texte erscheinen erstmals in deutscher Übersetzung. Seine Auswahl charakterisiert Barrie als humorvollen und feinfühligen Autor, der fast immer den richtigen Ton zwischen heiter und ernsthaft trifft. Seine Erzählungen kreisen oft um das Leben als Autor und Journalist. Im ersten Text beispielsweise ärgert sich ein Biograph wahnsinnig darüber, dass der Gegenstand der von ihm verfassten Biographie einfach nicht sterben will und stattdessen auf Gesellschaften munter die besten Anekdoten seines Buchs ausplaudert.

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Die verstoßene Kreatur – „Frankenstein“ von Mary Wollstonecraft Shelley

1818 erstmals veröffentlicht, hat Frankenstein zweihundert Jahre später den Ruf, ein Meilenstein der Literaturgeschichte zu sein und eines der ersten Werke des Genres, das man heute als Science Fiction bezeichnet. Die Geschichte ist zu einem Inbegriff für Selbstüberschätzung und fehlende Verantwortung in der Wissenschaft geworden.

Erzählt wird der Roman von einem Kapitän, der mit seinem Schiff unweit des Nordpols von Eis eingeschlossen festsitzt. Eines Tages entdeckt die Mannschaft ein merkwürdiges, hünenhaftes Wesen, das auf einem Schlitten über das Eis rast, hunderte Kilometer von jeder Siedlung entfernt. Nur wenig später gabeln die Matrosen einen weiteren Mann auf, der in verzweifelter Lage auf einer Eisscholle dahin treibt. Er kommt, völlig am Ende seiner Kräfte, an Bord und berichtet, wie er in die missliche Lage kommen konnte.

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Essen aus Büchern: Bridge Rolls aus Naomi Aldermans „The Power“

In The Power erzählt Naomi Alderman von einer Gruppe Mädchen, die eine neue, elektrische Kraft in sich entdecken, die das Machtverhältnis auf dieser Welt von heute auf morgen umkehrt. Eine von ihnen ist Roxy. Sie stammt aus klein- bis groß-kriminellen Verhältnissen und schreckt auch selbst nicht vor Gewalttaten zurück. Ihre Mutter wurde umgebracht, als sie noch klein war. Es war eine Rache am Vater, der sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Jahre später erwischt es auch ihren Halbbruder Terry. Da ist es schon lange beschlossene Sache, dass Roxy die Familie verlassen soll, weil es für sie zu gefährlich wird. Terrys Beerdigung ist für sie der letzte Anlass, nochmal die ganze Familie zu sehen.

„They let her come to Terry’s funeral; it was a bit like Christmas. There was aunties and uncles, and booze and bridge rolls and hard-boiled eggs.“

Bridge Rolls sind kleine, längliche Brötchen und es scheint ein völlig absurder Gedanke zu sein, sie selbst zu machen. Ich habe exakt ein Rezept dafür gefunden, das auf verschiedenen Blogs wiederholt wird. Woher sie ihren Namen haben, ist nicht ganz klar. Sie tauchen das erste mal in den 1920ern auf und waren möglicherweise für hungrige Bridge-Runden gedacht. Vielleicht haben sie ihren Namen aber auch daher, dass sie beim Backen „Brücken“ bilden sollen, die man später wieder auseinander reißen muss. Gegessen werden sie offenbar bevorzugt mit Eiersalat. Aber erstmal muss man sie backen. Und zwar so:

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Der postmoderne Prometheus – „Frankissstein“ von Jeanette Winterson

Die Entstehungsgeschichte von Frankenstein ist fast so berühmt wie der Roman selbst: Mary damals noch Godwin, später erst Shelley, verbrachte unter anderem mit Lord Byron und ihrem späteren Mann Percy B. Shelley einen grauenhaft verregneten Sommer am Genfer See. Zum Zeitvertreib schrieben die Anwesenden Schauergeschichten und trugen sie den anderen vor. Mit diesen Szenen beginnt auch Wintersons Roman um die grauenhafte Kreatur, die sein Erschaffer aus Leichenteilen zusammengesetzt hat.

Jeanette Winterson Frankissstein

Doch Winterson geht noch viel weiter und transportiert das Thema in die Gegenwart. Mit den heutigen Methoden können Kreaturen ganz anderer Art erschaffen werden. Roboter, die fast wirken wie Menschen, Gehirne, die keine Körper mehr brauchen und natürlich Sexbots, die ganz basale Bedürfnisse befriedigen. All das existiert bereits oder klingt zumindest nicht mehr völlig abwegig. Weniger abwegig zumindest als ein laufender Flickenteppich aus Leichenteilen. Der ganz moderne Prometheus heißt Victor Stein und ist Experte für Roboter und künstliche Intelligenz. Unter den Straßen von Manhattan betreibt er ein riesiges Hightech-Labor, in dem er Großteile seiner Forschung vor der Öffentlichkeit verbergen kann. Sein Geliebter und Handlanger ist der Arzt Ry Shelley. Ry ist kurz für Mary, denn Ry ist als Mädchen sozialisiert worden und lebt erst seit einigen Jahren unter dem Namen Ry – ein Fakt, der im Roman breit und breiter getreten wird. Begleitet werden die beiden in ihren Experimenten vom leicht trotteligen Ron, begeisterter Sexbot-Konstrukteur aus Wales und seiner nicht sehr klugen aber sehr gläubigen Partnerin Claire.

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An Bord der Nautilus – „Heligoland“ von Shena Mackay

Viele Jahrzehnte ist es her, dass Celeste Zylberstein und ihr Mann Arkadi den Traum von einem ganz besonderen Haus hatten. Der kreative Mittelpunkt der Nachbarschaft sollte es sein, Herberge und Atelier für Kreative und Schaffende. Im Süden Londons errichteten sie gemeinsam das „Nautilus“, ein architektonisch gewagtes Gebäude, das tatsächlich lange Zeit Ort legendärer Partys und Heimat großer Künstler war. Arkadi ist schon vor langer Zeit verstorben und Celeste und der Dichter Francis sind die einzigen beiden Bewohner, die sich noch an die großen Zeiten erinnern können. Nur Guss Crabs findet derzeit noch Unterschlupf bei ihnen. Der ist allerdings eher Antiquitätenhändler denn Künstler und kürzlich bei seiner Frau rausgeflogen. Auch am Gebäude sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen und die ein oder andere Renovierung ist dringend nötig. Erste Hilfe naht in Form von Rowena Snow, die ab sofort als Haushälterin mit im Haus lebt und zumindest für grundlegende Ordnung sorgt.

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Rowena, Kind einer pakistanischen Mutter und eines britischen Vaters, ist größtenteils ohne ihre Eltern im Internat aufgewachsen. So richtig Fuß fassen konnte sie danach nie. Ihre neue Stelle klingt für sie, die Lyrik immer geliebt hat, ausgesprochen verheißungsvoll. Immerhin lebt auch ein Dichter im Haus, in dessen Zirkel sie nun Zugang zu finden hofft.

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Essen aus Büchern: Lancashire Hotpot aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party handelt von einem recht durchschnittlichen Mann mit einem außergewöhnlichen Beruf: Larry Weller ist Irrgartenplaner. Der Weg dorthin war selbst ein Labyrinth und hat ihn über etliche Umwege, andere Berufe und eine verkorkste Ehe ans Ziel gebracht.

Solange er keine Partnerin hat – und das sind etliche Jahre – feiert Larry seine Geburtstage feiert mit seiner Mutter Dot, einer ruhigen, angepassten, nervösen Frau, die den Umzug von England nach Kanada nie gänzlich verkraftet hat. Selbstverständlich hängt sie auch noch an den Rezepten, die sie aus ihrer Kindheit kennt. Eines davon ist Lancashire hotpot, glücklicherweise auch ein Lieblingsgericht ihres Sohnes:

„Larry’s crazy about Lancashire hotpot, or at least he pretends he is, for the sake of his sad and perpetually grieving and remembering mother.“

Das Rezept, das im Roman beschrieben wird, klingt wenig attraktiv. Dot schichtet Lammfleisch, Karotten und Kartoffeln abwechselnd in eine Auflaufform, gießt eine ordentliche Menge Brühe darüber und lässt das ganze im Ofen schmoren. Die Rezepte, die ich gefunden habe, verlangen zumindest, dass das Fleisch angebraten wird und dass die Kartoffeln obenauf gebräunt werden. Aus offensichtlichen Gründen habe ich mich für die zweite Variante entschieden, ohne Dot, die ein wirklich herzzerreißender Charakter ist, zu nahe treten zu wollen.

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Das Abenteuer der relativen Freiheit – Esi Edugyans „Washington Black“

1818 wird auf einer Zuckerrohrplantage in Barbados der junge Sklave George Washington Black geboren. Er weiß, dass er von seinem Leben nicht viel zu erwarten hat. Doch überraschend wird er von Titch, dem Bruder seines Besitzers ausgeliehen, der an einem fantastischen „Wolkenkutter“ arbeitet, einem Luftschiff, für dessen Fertigstellung er Hilfe benötigt. In dem jungen Washington entdeckt er ungeahnte Talente und macht ihn schließlich zu seinem Assistenten. Für Washington bedeutet das einen ungeheuren Aufstieg. Er wohnt nicht mehr in den menschenunwürdigen Baracken bei den übrigen Sklaven, sondern schläft im eigenen Bett, trägt englische Kleidung und lernt Lesen und Schreiben. Aber er traut sich nie, sich auf seinen neugewonnenen Privilegien auszuruhen. Ihm ist völlig klar, dass der Absturz jede Sekunde kommen kann, denn so viele Freiheiten er in seiner neuen Position auch haben mag, wirklich frei kann er nie sein.

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So unwahrscheinlich der Erfolg auch scheinen mag, brechen Titch und Washington doch eines Tages im Wolkenkutter auf, landen an einer fremden Küste und Washington hält es das erste mal in seinem Leben für möglich, dass er nie wieder Zuckerrohr schneiden muss. Die Hoffnung auf eine Heimat allerdings ist damit für immer verloren. Sein ganzes Leben lang wird Washington nicht nur aufgrund seiner Hautfarbe und seines sozialen Status das Gefühl haben, nicht dazuzugehören.

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Kindheit zwischen den Fronten – „No Bones“ von Anna Burns

Amelia Boyd Lovett wächst in Belfast auf. Als 1969 die bürgerkriegsähnlichen Unruhen beginnen, ist sie gerade fünf Jahre alt. In einer der ersten Szenen kauert sie unter einem Tisch, hinter vernagelten Fenstern, während draußen eine verfeindete Gruppe versucht, die Haustür aufzubrechen. Was passieren wird, wenn es ihnen gelingt, stellt Amelia sich gar nicht erst vor. Am nächsten Tag kratzt sie die Schrapnell-Reste aus der Haustür und legt sie zu ihrer Sammlung. Ihre Familie lebt in Ardoyne, einem Teil der Stadt, der traurige Berühmtheit für die besonders hohe Zahl tödlicher Zwischenfälle erlangte. Ihre gesamte Kindheit und Jugend über wird Gewalt für sie der Normalzustand sein. Die Angst, der gegnerischen Partei in die Arme zu laufen ist allgegenwärtig und in jeder Familie, in jeder Klasse gibt es jemanden, der bei einer Schießerei stirbt, plötzlich verschwindet oder von einer Autobombe getötet wird. Auch zu Hause kann Amelia nicht auf Ruhe und Frieden hoffen. In ihrer Familie werden Konflikte entweder gar nicht oder mit brutalen Auseinandersetzungen gelöst.

„It wasn’t that she’d anything against peace. It was just that she didn’t have anyting for it. What did she know? Who could she ask? Nobody. Nobody she knew knew anything about peace.“

Der Roman folgt Amelia weit über die Jugend hinaus, bis in den Sommer 1994. Sie schafft es, Nordirland und die alte Nachbarschaft hinter sich zu lassen. Doch die Erinnerungen ihrer Jugend verfolgen sie bis ins Erwachsenenalter hinein. In ihren Träumen tauchen Freundinnen von früher auf und fragen, wie sie tanzen gehen konnte, nachdem sie von ihrem Tod erfahren hat. Sie versucht, dagegen anzukommen, indem sie die Nahrung verweigert und zu viel trinkt. Dass das auf Dauer keine Lösung sein kann, versteht sich von selbst.

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2019

Am sehr frühen 04. März wurde die diesjährige Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht. Wie immer waren meine Tipps rar und dann auch noch falsch. Einzig bei Madeline Miller und Sally Rooney hatte ich auf’s richtige Pferd gesetzte. Letztere aber auch nicht, weil ich wüsste, was sie so macht, sondern weil dieses Jahr kein Preisweg der englischsprachigen Welt an ihr vorbei führt. Erst am 29.04. wird die Shortlist bekannt gegeben. Bis dahin ist das Rennen zwischen diesen Titeln unentschieden:

Barker, Pat: The Silence of the Girls.
Nachdem nun schon Madeline Miller wieder auf der Liste steht, darf Achilles nicht fehlen. In diesem Roman erzählt Barker die Geschichte von der Belagerung Trojas aus der Sicht von Briseis, die alle Miller-Leserinnen natürlich schon kennen. Für alle anderen: Briseis wurde von Achilles geraubt, lebte als seine Sklavin und wurde zum Pfand in einem Streit von Achilles und Agamemnon. In diesem Roman darf sie auch mal was sagen.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Battle-Felton, Yvonne: Remembered.
Spring sitzt im Krankenhaus am Totenbett ihres Sohnes – der letzte Ort an dem sie sein will, heimgesucht von ihren und fremden Geistern. Ihr Sohn hatte einen schweren Unfall, einige vermuten, dass es sogar ein Attentat war. So oder so bleibt ihr nicht mehr viel Zeit, um ihrem Sohn ihre Geschichte zu erzählen und ihm zu erklären, warum sie wurde, wer sie ist.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

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