Essen aus Büchern: Lemon Meringue Pie aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party, der Roman um den Irrgartenbauer Larry Weller, tauchte bei „Essen aus Büchern“ schon mit einem Lancashire Hotpot auf. Den hat er, wie auch das heutige Essen, seiner Mutter Dot zu verdanken, die für ihren Sohn keine Mühe scheut:

She’s a housewife, Larry’s mother, a maker of custard sauce, a knitter of scarves, a fervent keeper of baby pictures and family scrapbooks, but this is her real work: sorrowing, remembering.“

S. 45

An seinem dreißigsten Geburtstag steht Larry bei Dot in der Küche herum, hält sich an seinem Bier fest und versucht, das alles irgendwie durchzustehen. Natürlich hat seine Mutter ihm auch einen Kuchen gebacken. Aber nicht irgendeinen schnöden Rührkuchen, sondern eine Zitronen-Baiser-Tarte, den Lieblingskuchen ihres Sohns. Den bereitet sie natürlich nicht vor, sondern macht ihm frisch am gleichen Tag – seitdem sie ihre Schwiegermutter versehentlich mit verdorbenen Bohnen umgebracht hat, trägt sie ständige Angst um das Essen, das sie ihrer Familie serviert:

„Her anxietys about food are built into the Weller family chronicle – as is Larry’s passion for lemon meringue pie. Dot makes her son a big one every year on his birthday, with a circle of birthday candles poking up through the golden-tipped meringue. A sight to behold.“

S. 45

Tatsächlich ist lemon meringue pie voll Eier, die ja immer eine gewisse Gefahr bergen. Also sollte man ihn besser nicht tagelang im Kühlschrank stehen lassen, sondern einfach schnell essen. Aber erstmal muss man ihn machen. Und zwar so:

Lemon Meringue Pie

  • 175 g Mehl
  • 185 g Butter
  • 325 g Zucker
  • 4 Eigelb
  • 4 Eiweiß (Zimmertemperatur)
  • 1 Ei
  • 3 gestr. EL Maismehl
  • Zesten von 2 Zitronen
  • 125 ml Zitronensaft (entspr. ca. 3 – 4 Zitronen)
  • Saft einer kleinen Orange

Teig:

100 g kalte Butter in kleine Stücke schneiden. Mit 175 g Mehl, 25 g Zucker und 1 Eigelb zu einem glatten Teig vermengen. Vor dem Antrocknen geschützt mindestens 30 Minuten im Kühlschrank ruhen lassen. 

Den Ofen auf 180°C Umluft vorheizen.

Eine Spring- oder Tarteform leicht fetten. Die Arbeitsfläche mit etwas Mehl bestäuben und den Teig dünn ausrollen, bis er so groß ist, dass die Form damit ausgekleidet werden kann. Den Teig in die Form geben und Ränder hochziehen. Anschließend den Boden mehrfach mit einer Gabel einstechen und mit Erbsen o. ä. beschwert 20 Minuten blindbacken. Den fertigen Boden zur Seite stellen.

Füllung:

4 Eigelb mit einem ganzen Ei in einer Schüssel miteinander verrühren. 2 EL Maismehl, 100 g Zucker, Zesten und Zitronensaft in einem kleinen Topf vermischen. Den Saft der Orange mit Wasser auf 200 ml verlängern und ebenfalls in den Topf geben. Mit einem Schneebesen verrühren, so dass keine Klumpen entstehen, und aufkochen. Dann 85 g Butter zugeben und in der Creme schmelzen lassen. Anschließend etwas abkühlen lassen und die Eier unterrühren. Dabei ständig rühren und die Creme nicht mehr zum Kochen bringe, da das Ei sonst stockt. Wenn die Creme deutlich andickt, vom Herd nehmen und zur Seite stellen.

Baiser:

In einer großen Schüssel 4 Eigelb aufschlagen und dabei löffelweise 100 g Zucker zugeben. Das Eiweiß weiter schlagen und 1 EL Maismehl zugeben. Die übrigen 100 g Zucker ebenfalls löffelweise unterrühren.

Lemon Meringue Pie:

Den Ofen wieder auf 180°C vorheizen. Die Füllung noch einmal etwas erhitzen und dann in den vorgebackenen Boden geben. Die Baiser-Masse auf der Füllung verteilen. Dazu erst einen Ring am Rand ziehen und dann die restliche Masse in die Mitte geben. Von dort aus verteilen, bis alles mit Baiser bedeckt ist. Die Oberfläche kann dann noch mit einem Spiral- oder Wellenmuster verziert werden.

Bei 180°C ca. 20 Minuten backen, bis der Baiser gold-braun ist. Vor dem Anschneiden mindestens eine Stunde lang auskühlen lassen.

Die Füllung ist, trotz ziemlich viel Zucker, überraschend sauer. Die sehr süße Baiser-Masse bildet dazu einen schönen Kontrast. Davon abgesehen kommt der Kuchen mir vor, als sei direkt aus den 70er-Jahren gekommen, aber das denke ich über Baiser aus irgendeinem Grund immer. Also ja, kann man gut essen, aber ich halte mich dann doch an den Lancashire Hotpot, der macht Dot auch weniger nervös.


Alle Zitate im Text aus: Carol Shields: Larry’s Party. Random House Canada 1997, S. 45.

Das Rezept stammt von BBC good foods.

Mörderische Geheimnisse – „Heilige und andere Tote“ von Jess Kidd

Cathal Flood macht es sich und anderen nicht leicht. Ein Mann von beeindruckender Statur und – wenn er will – charmantem Auftreten war er einst ein begnadeter Künstler. Nun lebt er alleine in seinem großzügigen Anwesen Bridlemere im Westen Londons, das vor lauter Krempel aus allen Nähten platzt. Im Garten stapelt sich der Schrott, im Erdgeschoss kann man kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen und das Obergeschoss kann man gar nicht erst betreten, weil eine gigantische Wand alter National Geographic-Ausgaben den Zugang blockiert.

In dieses Chaos marschiert nun Maud. Sie ist damit beauftragt, den alten Mann und sein Haus auf Vordermann zu bringen. Keine ungefährliche Aufgabe – den letzten, der das versucht hat, hat Cathal mit einem Hurling-Schläger in die Flucht geschlagen. Doch Maud ist nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Und sie hat sich Unterstützung mitgebracht: Maud weiß sich in der Gesellschaft von Heiligen. Sie warten auf sie an der Bushaltestelle, sitzen mit am Küchentisch, haben immer die besten Ratschläge parat und warnen, wenn Gefahr droht. Maud kennt sie alle und hat so Unterstützung in jeder denkbaren Lebenslage. Und wo die Heiligen nicht helfen können, gibt es ihre Nachbarin und Freundin Renata. Die hat zwar seit etlichen Jahren das Haus nicht mehr verlassen, weiß sich und Maud aber trotzdem aus jeder Patsche zu helfen und hat dank jahrelangem Krimi-Konsum eine ausgeprägte Spürnase. Die wird sie auch brauchen, denn Maud beginnt schnell zu ahnen, dass sich hinter Cathals schroffer Fassade nicht etwa ein weicher Kern, sondern ein kaltblütiger Mörder verbirgt. Sie hat ihn im Verdacht, nicht nur seine Frau umgebracht zu haben, sondern auch ein Mädchen, das vor Jahrzehnten vermisst gemeldet wurde und nie wieder aufgetaucht ist.

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Essen aus Büchern: Rock Cakes aus Tracy Chevaliers „Remarkable Creatures“

Tracy Chevaliers Roman Remarkable Creatures befasst sich mit bemerkenswerten Geschöpfen in mehrfacher Hinsicht. Zum einen sind da Mary Anning und Elizabeth Philpot, zwei Frauen aus dem englischen Lyme Regis, die so gar nicht in ihre Zeit zu passen scheinen. Zum anderen sind da die Geschöpfe, denen sie ihre gesamte Zeit widmen: Plesiosaurier, Ichthyosaurier, Ammoniten und andere Wesen, deren reine Existenz ganze Weltbilder auf den Kopf stellte. Insbesondere Mary Anning war eine außergewöhnliche Fossilien-Sammlerin und häufte erstaunliches Fachwissen an, das für viele Museen und Wissenschaftler von großer Bedeutung war. Die Paläontologie war für sie mehr als reine Liebhaberei. Mit den seltenen Funden verdiente sie Geld, um ihre Familie zu ernähren. Ihre Freundin und Sammel-Begleiterin Elizabeth Philpot stand da auf etwas sichereren Füßen. Für Londoner Verhältnisse war auch sie nicht wohlhabend, da sie und ihre beiden ebenfalls unverheirateten Schwestern von einer kleinen Rente leben mussten. Die aber reicht immerhin für ein Cottage in Lyme Regis und eine Haushälterin.

Und eben diese Haushälterin taucht dank ihrer Backkünste auch im Roman auf:

„Bessy made to many rock cakes and thought you might like some, Mrs Anning.“

Das ist natürlich eine Notlüge der Schenkerin – Elizabeth Philpot war immer bemüht, die Familie Anning mit Lebensmitteln zu unterstützen, was diese aber immer erstmal ablehnten.

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Essen aus Büchern: Crumpets aus Daphne DuMauriers „Rebecca“

„Last night I dreamt I went to Manderley again“, so lautet der bekannte erste Satz des Schauerroman-Klassiker Rebecca. Als der Roman beginnt, existiert Manderley schon nicht mehr, ebenso wenig wie die titelgebende Rebecca. Ihr Nachfolgerin, die zweite, die neue Mrs de Winter hat es schwer, in ihre Fußstapfen zu treten. Jung, unerfahren und verschüchtert hat sie vor allem unter der gruseligen Haushälterin Mrs Danvers zu leiden, die keinen Hehl daraus macht, dass sie „die Neue“ für keine würdige Nachfolgerin hält. Wohl oder übel serviert sie aber auch der Erzählerin jeden Tag ihren Tee in der Bibliothek, bei dem Crumpets niemals fehlen dürfen. Auch als das Ehepaar de Winter fern der zerstörten Heimat leben müssen, kann die Erzählerin das tägliche Ritual dieser Mahlzeit nie vergessen:

„Here, on this clean balcony, white and impersonal with centuries of sun, I think of half-past four at Manderley, and the table drawn before the library fire. The door flung open, punctual to the minute, and the performance, never varying, of the laying of the tea, the silver tray, the kettle, the snowy cloth. While Jasper, his spaniel ears a-droop, feigns indifferene to the arrival of the cakes. That feast was laid before us always, and yet we ate so little.
Those dripping crumpets, I can see them now.“

Zu diesem Zeremoniell werden natürlich nicht nur Crumpets serviert, sondern auch Toast, Scones, Sandwiches, Angel Cake und eine Art Fruchtkuchen. Der Erzählerin behagt es nicht, dass tagtäglich so opulent aufgefahren wird und macht sich oft Gedanken, was wohl mit den vielen Resten passiert. Sie traut sich aber natürlich nicht, das gegenüber Mrs Danver zur Sprache zu bringen aus Sorge, von ihr böse angeguckt zu werden.

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Rassismus und Familienbande – „The White Family“ von Maggie Gee

Alfred White ist Parkaufseher in London Hillesden. Früher hatte er noch fünf Kollegen, doch nach etlichen Sparmaßnahmen ist er der letzte, der dort noch weit nach Renteneintrittsalter treu seine Runden dreht. Nicht einen Tag hat er gefehlt. Umso schockierter sind alle, als er während des Dienstes bewusstlos zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

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Der plötzliche Fall des Vaters bringt die gesamte Familie am Krankenbett zusammen. Seine Frau May steht ihm ohnehin zur Seite, ebenso sein Sohn Dirk, der auch im Erwachsenenalter noch zu Hause wohnt. Aber auch Tochter Shirley, die sich mit dem Vater vor Jahren zerstritten hat und sogar Darren, der als erfolgreicher Journalist in den USA lebt und für Familie nur wenig Zeit findet.

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Pestilenz und Phantasie – „Gemeinschaft der Aussätzigen“ von Julia Blackburn

1410 wird in einem kleinen Küstenort in England eine Meerjungfrau angespült. Ihr Finder glaubt sie tot und will sie beerdigen, doch als er mit Spaten und Hilfe zurückkehrt, ist von der sagenhaften Gestalt nur noch eine schwarze Locke übrig. Dennoch hebt man ein Grab am Strand aus und setzt die Haarsträhne bei. Von da an passieren wunderliche Dinge im Dorf. Ein Kind mit einem Fischkopf wird geboren, Blinde können wieder sehen und einige Einwohner haben plötzlich die Vision, nach Jerusalem reisen zu müssen.

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Erzählt wird das alles von einer Reflektorfigur, die von den Handelnden selbst gar nicht gesehen oder gehört wird. Nur eine Katze nimmt sie hin und wieder wahr. Diese Person lebt in der Gegenwart und nutzt das Dorf als Rückzugsort, wenn sie aus ihrem Leben fliehen will und es anders nicht kann. Es bleibt unklar, ob sie das Dorf als Ziel einer Phantasiereise nutzt, ob sie sich in Halluzinationen tatsächlich im tiefsten Mittelalter wähnt, oder ob die Reise in die Vergangenheit sogar eine Art Rückführung ist.

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Bratkartoffeln und der Rhein – „Streifzüge durch Deutschland“ von Mary Wollestonecraft Shelley

Das erste Mal bereiste Mary Shelley Deutschland, als sie mit ihrem zukünftigen Mann Percey Shelley in Richtung Schweiz durchbrannte. Das war im Sommer 1814. Die Fahrt entlang des Rheins findet später ihren Niederschlag in der Reise, die Victor Frankenstein in umgekehrter Richtung von der Schweiz nach England unternimmt. Selbst sein Name stammt von einer Burg, die Shelley auf ihrer Reise besichtigte. Der Reisebericht dieser ersten Reise fällt allerdings ausgesprochen knapp aus. Das änderte sich, als sie Deutschland anlässlich zweier Italienreisen in den Jahren 1840 und 1842 erneut besuchte. Das eine Mal war das eigentliche Ziel der Comer See, das zweite Mal sollte es in die Toskana gehen.

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Mit dem Charme der Jahrhundertwende – „Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“ von James M. Barrie

Barries populärste Figur Peter Pan kennen alle, wenn auch die wenigsten den Roman gelesen haben dürften. Das weitere Werk des Schotten trifft es noch härter. Zumindest in Deutschland wird es bisher mit nahezu völliger Missachtung gestraft und es sind kaum Texte von ihm übersetzt worden.

Barrie: Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam

In Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam stellt der Herausgeber Michael Klein nun 15 kürzere Prosa-Stücke des Autors vor, die ursprünglich vor allem in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt wurden. Die Texte erscheinen erstmals in deutscher Übersetzung. Seine Auswahl charakterisiert Barrie als humorvollen und feinfühligen Autor, der fast immer den richtigen Ton zwischen heiter und ernsthaft trifft. Seine Erzählungen kreisen oft um das Leben als Autor und Journalist. Im ersten Text beispielsweise ärgert sich ein Biograph wahnsinnig darüber, dass der Gegenstand der von ihm verfassten Biographie einfach nicht sterben will und stattdessen auf Gesellschaften munter die besten Anekdoten seines Buchs ausplaudert.

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Die verstoßene Kreatur – „Frankenstein“ von Mary Wollstonecraft Shelley

1818 erstmals veröffentlicht, hat Frankenstein zweihundert Jahre später den Ruf, ein Meilenstein der Literaturgeschichte zu sein und eines der ersten Werke des Genres, das man heute als Science Fiction bezeichnet. Die Geschichte ist zu einem Inbegriff für Selbstüberschätzung und fehlende Verantwortung in der Wissenschaft geworden.

Erzählt wird der Roman von einem Kapitän, der mit seinem Schiff unweit des Nordpols von Eis eingeschlossen festsitzt. Eines Tages entdeckt die Mannschaft ein merkwürdiges, hünenhaftes Wesen, das auf einem Schlitten über das Eis rast, hunderte Kilometer von jeder Siedlung entfernt. Nur wenig später gabeln die Matrosen einen weiteren Mann auf, der in verzweifelter Lage auf einer Eisscholle dahin treibt. Er kommt, völlig am Ende seiner Kräfte, an Bord und berichtet, wie er in die missliche Lage kommen konnte.

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Essen aus Büchern: Bridge Rolls aus Naomi Aldermans „The Power“

In The Power erzählt Naomi Alderman von einer Gruppe Mädchen, die eine neue, elektrische Kraft in sich entdecken, die das Machtverhältnis auf dieser Welt von heute auf morgen umkehrt. Eine von ihnen ist Roxy. Sie stammt aus klein- bis groß-kriminellen Verhältnissen und schreckt auch selbst nicht vor Gewalttaten zurück. Ihre Mutter wurde umgebracht, als sie noch klein war. Es war eine Rache am Vater, der sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Jahre später erwischt es auch ihren Halbbruder Terry. Da ist es schon lange beschlossene Sache, dass Roxy die Familie verlassen soll, weil es für sie zu gefährlich wird. Terrys Beerdigung ist für sie der letzte Anlass, nochmal die ganze Familie zu sehen.

„They let her come to Terry’s funeral; it was a bit like Christmas. There was aunties and uncles, and booze and bridge rolls and hard-boiled eggs.“

Bridge Rolls sind kleine, längliche Brötchen und es scheint ein völlig absurder Gedanke zu sein, sie selbst zu machen. Ich habe exakt ein Rezept dafür gefunden, das auf verschiedenen Blogs wiederholt wird. Woher sie ihren Namen haben, ist nicht ganz klar. Sie tauchen das erste mal in den 1920ern auf und waren möglicherweise für hungrige Bridge-Runden gedacht. Vielleicht haben sie ihren Namen aber auch daher, dass sie beim Backen „Brücken“ bilden sollen, die man später wieder auseinander reißen muss. Gegessen werden sie offenbar bevorzugt mit Eiersalat. Aber erstmal muss man sie backen. Und zwar so:

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