Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

Enright_TheForgottenWaltz.jpg

Der deutsche Titel Anatomie einer Affäre deutet schon an, dass es hier um das genaue Erforschen, eigentlich das Sezieren dieser Beziehung geht. Das ganze Buch ist als eine Art Innerer Monolog von Gina geschrieben und sie gibt nicht auf, bis sie jeden entscheidenden Moment zwischen sich und Seán gefunden hat. Obwohl das alles schrecklich und nach großer Tragödie klingt, gelingt es Enright mit ihrem einzigartigen Stil eine ganze Menge Humor in den Roman zu bringen. Niemand geht an gebrochenen Herzen zugrunde in dieser Geschichte, aber, und das ist auch ein echter Schicksalsschlag mitten in einer Immobilienkrise, es müssen diverse Häuser verkauft werden. Dennoch ist der Prozess natürlich für keine der beteiligten Personen einfach. Der Pragmatismus, mit dem die Situation des Romans geschildert wird, ist bemerkenswert und selten in Texten, die sich mit dem Scheitern der Liebe befassen. Umso angenehmer fand ich es.

The Forgotten Waltz war nach Rosaleens Fest mein zweiter Roman von Enright und schon beim ersten Versuch war ich sehr angetan von ihrem Stil, den ich aber nur in der Übersetzung kannte. Es lohnt sich – trotz gelungener Übersetzung – Enright im Original zu lesen. Sie schreibt sehr humorvoll und manchmal fast derb, ohne dass es jemals bemüht oder albern wirkt. Und auch, wenn die Geschichte im Grunde sehr deprimierend ist, hat es Spaß gemacht, sie zu lesen. Das hier war sicher nicht mein letztes Buch der Autorin.


Anne Enright: The Forgotten Waltz. Vintage 2012. Erstausgabe Jonathan Cape 2011. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Anatomie einer Affäre u. a. bei btb erschienen (übersetzt durch Hans-Christian Oeser und Petra Kindler)

Das Zitat stammt von S. 203.

Mit diesem Roman stand Enright 2012 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Sarah Waters: The Night Watch

London, 1947. Der Zweite Weltkrieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern auch viele der BewohnerInnen rat- und hilflos zurückgelassen. Fünf von ihnen stehen im Mittelpunkt dieses Romans von Sarah Waters. Viv, die seit Jahren eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat und ihr Bruder Duncan, der den gesamten Krieg im Gefängnis verbracht hat. Das Liebespaar Julia und Helen, oft an ihre Grenzen getrieben von Helens Eifersucht, und Kay, die alleine lebt und noch nicht verwunden hat, was sie im Krieg als Sanitäterin gesehen hat.

Waters_TheNightWatch

Alle fünf Charaktere sind miteinander verbunden, oft ohne, dass die anderen davon wissen. Geheime Verbindungen und Beziehungen sind ein Thema, das sich durch den ganzen Roman zieht. Vivian ist seit Jahren mit einem Mann liiert, mit dem sie nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden darf. Nur ihre beste Freundin und ihr Bruder wissen von ihrer Liebe. Auch Julia und Helens Beziehung darf nicht bekannt werden, gerade jetzt, wo Julias Autorenkarriere Fahrt aufnimmt. Gerne hätten die beiden eine Haushaltshilfe, aber die würde ja merken, dass das zweite Schlafzimmer nie genutzt wird. Zuneigungsbekundungen in der Öffentlichkeit müssen auf zufällig wirkende Berührungen der Hände beschränkt bleiben. Das andere große Thema ist die Traumatisierung durch den Krieg und wie sehr er jeden Bereich des Lebens auch über sein Ende hinaus beeinflusst.

„They had been patient, all this time. They’d lived in darkness. They’d lived without salt, without scent. They’d fed themselves little scraps of pleasure, like parings of cheese.“

Interessant ist der Aufbau des Romans, denn Waters erzählt ihn im Grunde rückwärts. Die Handlung beginnt im Jahr 1947 und endet 1941, aufgeteilt in drei große Etappen. Verwirrend wird die Geschichte dadurch allerdings keinesfalls, es ist ganz im Gegenteil eine spannende Art, Fragen zu beantworten. Die Handlungsorte sind ebenso divers wie die Charaktere des Romans. Von der tristen Gefängniszelle geht es in die romantische Abgeschiedenheit eines Hausboots, von der Leichenbergung nach einem Bombenangriff in die Stickigkeit eines schlecht belüfteten Großraumbüros. Waters schafft viel Atmosphäre in diesem Roman und baut die Szenen stimmig und detailliert auf – manchmal einen Tick zu detailliert. Besonders bei unangenehmen Szenen fand ich das zum Teil fast nervig, weil ich eigentlich gerne weg und weiter wollte. Wir können annehmen, dass das so gedacht war. Trotzdem hätte dem Buch ein wenig Kürze an der ein oder anderen Stelle nicht geschadet.

Die meisten zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Roman sind oder werden eine Katastrophe, und das waren die wirklich anstrengenden Szenen. Der Abtransport von Leichenteilen ist ein Witz gegen manche selbstzerfleischende Eifersuchtsszenen in diesem Buch. Durch das Rückwärts-Erzählen der Geschichte weiß man ja leider auch schon, dass eine 1945 noch wunderbar funktionierende Beziehung zwei Jahre später nicht mehr sein wird. Ich fand das fast unfair den Leuten gegenüber, denen man auch gleich hätte sagen können, dass es die Tränen nicht wert ist. Dennoch habe The Night Watch sehr gerne gelesen und fand es eine gelungene Mischung aus Kriegsgeschichte fern der Front und Liebesgeschichte mit sehr viel Drama.


Sarah Waters: The Night Watch. Virago Press 2006. 506 Seiten. Der Roman ist in einer Übersetzung durch Andrea Voss unter dem Titel Die Frauen von London bei aufbau erschienen, ist derzeit aber nur antiquarisch zu bekommen.

Das Zitat stammt von S. 344

2006 war Sarah Waters mit diesem Roman für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Zadie Smith: The Autograph Man

Alex-Li Tandem, halb chinesischer, halb jüdischer Herkunft, wächst in einem Vorort in der Einflugschneise von Heathrow auf und entdeckt früh seine Liebe zu Autogrammen. Die Liebe ist so groß, dass er als Erwachsener vom Handel mit Autogrammen leben kann und ein ausgewiesener Experte ist, wenn es um die Authentizität der teuren Unterschriften geht. In seinem Privatleben geht es nicht sehr aufregend zu. Er ist immer in der gleichen Nachbarschaft wohnen geblieben und hat immer noch die Freunde aus Kindertagen. Auch in seiner Beziehung, ebenfalls noch aus der Schulzeit, läuft es eher so mittelprächtig. Alex ist gelegentlichem Drogenkonsum nicht abgeneigt, übertreibt es in einer Nacht aber völlig. Als er zwei Tage später wieder völlig zu sich kommt, ist sein Auto Schrott, seine Freundin spricht kein Wort mehr mit ihm und in seiner Wohnung liegt ein Autogramm von Kitty Alexander. Kitty Alexander! Der von ihm angebeteten Schauspielerin schreibt er seit seiner Jugend jede Woche einen Brief und bittet um ein Autogramm, bisher aber ohne Erfolg. In Alex-Li keimt ein furchtbarer Verdacht: hat er in seiner Verzweiflung im Drogenrausch das Autogramm gefälscht? Er kennt Kittys Unterschrift so gut, dass er es könnte. Aber wen soll er fragen, ohne sich wahnsinnig zu blamieren? Zum Glück hat er – ebenfalls im Drogenrausch – einen Flug zu einer Autogramm-Messe in New York gebucht, wo Mrs. Alexander wohnt.

„This is the description of a struggle. Judge it accordingly.“

Die Szene der Autogrammjäger und -händler wird als enervierend schrulliger Haufen beschrieben. Natürlich hat Alex-Li Freunde in dieser Szene, oft genug geht es aber schlicht darum, den anderen minderwertigen Quatsch zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen. Die Jagd nach Dingen, die mit irgendeinem Promi im Zusammenhang stehen, dominiert das Leben der Männer, die es oft genug nicht schaffen, darüberhinaus ein ernsthaftes Sozialleben aufzubauen. Und das ist auch ein großes Thema des Romans: die Kritik, dass diese Männer großen Namen und Persönlichkeiten hinterherreisen, absolut alles über ihr Schaffen und ihr Privatleben wissen, sich selbst dabei aber überhaupt nicht entwickeln und selbst nicht interessantes an sich haben. Auch der Protagonist bildet da keine Ausnahme. Er lebt in einer sehr durchschnittlichen Wohnung in einem günstigen Vorort, leiht sich ständig die gleichen Filme aus, schreibt treu an Kitty Alexander und sitzt bekifft bei seinem Freund auf dem Sofa, wo er sich krude Theorien zur Kabbala anhört. Dazwischen versucht er mit mäßigem Ehrgeiz, ein Buch darüber zu schreiben, welche Dinge jüdisch und welche goi sind.

2018-11-24 17.12.04.jpg

Nachdem ich Zadie Smiths ersten Roman White Teeth sehr gerne und mit großer Begeisterung gelesen habe, hatte ich mit diesem Roman deutlich mehr zu kämpfen. Der Grundton hier ist ruhiger und ernsthafter und es werden weit weniger Themen verhandelt. Allerdings spielt die Frage nach der eigenen Identität wieder eine große Rolle. Wie oben bereits ausgeführt, ist Alex-Lis Leben arm an Höhepunkten und Spannung, entsprechendes darf man dann auch von einem Roman darüber erwarten. Zwar gelingt Smith eine treffende und sympathische Charakterisierung ihrer Figuren und auch ihr Stil ist souverän, mir ist aber über weite Teile des Romans nicht ganz klar geworden, warum sie mir diese Geschichte erzählt. Mit dem Flug nach New York kommt zwar ein bisschen mehr Action rein und auch der eine oder andere interessante Nebenfigur wird eingeführt, dauerhaft spannend aber wird es davon nicht.

Smith will, glaube ich zumindest, vermitteln, dass man nicht berühmten Leuten zu Füßen liegen soll, einfach weil sie berühmt sind. Sie will außerdem die Geschichte einer Lebenskrise erzählen. Beides gelingt ihr glaubhaft und der Roman hat durchaus seine Höhen, vor allem weil Smith auch oft sehr humorvoll schreibt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nicht alle Running Jokes des Romans witzig fand. The Autograph Man ist absolut kein schlechter Roman, aber eben auch keiner, der mich begeistern konnte.


Zadie Smith: The Autograph Man. Penguin 2003. 432 Seiten. Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel Der Autogrammhändler bei KiWi erschienen (übersetzt durch Klaus Timmermann).

Das Zitat stammt von S. 181.

2003 war Zadie Smith mit diesem Roman auf der Shortliste des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

 

 

Essen aus Büchern: Gougères aus Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“

Das neue Jahr in dieser Reihe beginnt, wie es für Jude St Francis in Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben endet. Nicht mit Drama, sondern mit Gougères. Das ist eines der Gerichte, die er für eine Silvesterfeier mit Freunden vorbereitet. Jude ist der engagierteste Koch im Freundeskreis und gibt keine Ruhe, ehe er nicht ein perfektes Abendessen serviert hat, auch wenn er als einziger ernsthaften Wert darauf legt. Völlig unnötig, finden seine Freunde, eine Pizza hätte es auch getan:

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst die verschissenen Gougères weglassen“, hörte er JB fröhlich sagen.“

In letzter Sekunde fällt ihm also am Vorabend ein, er müsse mehr Gougères machen und verliert plötzlich alle Nerven. Vielleicht liegt das daran, dass die Autorin ihn zwingt, eine Ausstechform zu benutzen. Eine Ausstechform, Hanya? Du kannst den armen Jude nicht mit einer Ausstechform und Brandteig arbeiten lassen, da ist es überhaupt kein Wunder, dass er die Nerven verliert. Nimm einen Spritzbeutel, Jude, nehmt einen Spritzbeutel liebe Lesende. Wenn ihr keinen habt und niemand euch einen leihen will, nehmt zwei Löffel, aber nehmt keine Ausstechform. Und los geht’s:

Weiterlesen

Ernst Haffner: Blutsbrüder

In den frühen 1930ern, als die wirtschaftliche wie soziale Lage in Deutschland nicht sehr rosig war, berichtete Ernst Haffner erstmals von den Blutsbrüdern, einer Clique, wie es sie in Berlin zu dieser Zeit massenhaft gab. Die Gruppe besteht aus jungen Männern und Jungen, zum Teil nicht älter als 15 Jahre, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern leben und sich, so gut es eben geht, auf der Straße durchschlagen. Sie betteln, prostituieren sich und stehlen, schlafen in billigen Herbergen und vertrödeln die Zeit in warmen Kneipen.

Haffner_Blutsbrueder

Die Blutsbrüder bilden einen festen und solidarischen Verbund, teilen was sie haben und schützen die anderen. An die Zukunft denkt man nicht. Wenn einer mal dreißig, vierzig Mark hat, werden die noch am gleichen Abend versoffen, auch wenn man von dem Geld einen ganzen Monat lang eine billige Miete zahlen könnte. Sie alle wissen, dass ihre Zukunft ohnehin nicht viel zu bieten hat. Nach der verkorksten Jugend mit Strafanzeigen, Ausbrüchen aus Fürsorgeanstalten und Gefängnisaufenthalten glaubt keiner mehr, noch groß was erreichen zu können. Nach außen verhalten die Jungen sich gleichgültig bis skrupellos und können auch recht brutal werden.

Weiterlesen

Die Frauenleserin-Blogparade und ein paar Wort zum Women’s Prize for Fiction

„Frauenleserin“ Kerstin Herbert ruft in diesem Jahr erstmals zu einer Blogparade auf. Dazu stellt sie einige Fragen, die man beantworten kann, aber nicht muss und die natürlich alle um das Thema „Literatur von Frauen“ kreisen. Ich wollte ja sowieso noch ein paar Worte zum „Women’s Prize for Fiction“-Leseprojekt verlieren und ich glaube, das kann man ganz gut verbinden. Also bitte:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich in diesem Jahr 60 Bücher (zugegeben – zwei hab ich noch nicht durch), 42 davon wurden von Frauen verfasst, 18 von Männern, in Quote also 70% zu 30%.  Grundsätzlich rezensiere ich eigentlich alles, was ich lese. Ohne jetzt nachgezählt zu haben, dürfte das Verhältnis da also gleich sein. Lediglich 20 der Bücher entfallen auf das wpf-Leseprojekt – bei meinem Jahresrückblick im vergangenen Jahr hatte ich noch gehofft, es auf 30 zu bringen. Aber auch schon damals hatte ich befürchtet, das nicht zu schaffen. Vor allem Mantels Schinken Wolf Hall, an dem ich wirklich zu knabbern hatte, hat mich da ausgebremst.

Stand der Dinge beim Leseprojekt ist nun, dass insgesamt 138 Bücher auf der Liste stehen, von denen ich bisher 54 gelesen habe. Mit dabei waren Bücher, die mich sehr beeindruckt haben, aber auch wieder andere, deren Preisverdächtigkeit sich mir nicht erschließt, obwohl auch kein totaler Ausreißer dabei war. Überhaupt nicht nachvollziehen konnte ich allerdings den Hype um Aldermans The Power. Besser als ganz okay konnte ich das nicht finden.

Weiterlesen

Takiji Kobayashi: Das Fabrikschiff

Voller Hoffnung sind die Männer, die zu Beginn dieses Romans an Bord eines japanischen Krabbenfangboots gehen. Von den anwerbenden Büros der Fischereigesellschaft wurden ihnen gute Löhne bei freier Unterkunft versprochen. Bisher arbeiteten sie unter furchtbaren Bedingungen in der Industrie oder im Bergbau auf der Insel Hokkaido. Schlimmer kann es für sie kaum werden. Doch schnell müssen sie erkennen, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen sind. Der Inspektor des Schiffs verlangt enorme Arbeitsleistungen und droht bei Zuwiderhandlungen mit drakonischen Strafen bis hin zum Erschießen. Das Arbeiten vor der Küste Kamtschatkas verlangt den Männern alles ab. Die kleinen Fangboote sind unberechenbaren Stürmen ausgesetzt, kalte Winde lassen das Deck vereisen und die Verpflegung besteht oft nur aus einer Schüssel Reis. Nur zwei mal im Monat ist es den Arbeitern erlaubt, sich zu waschen. Etliche der Männer erkranken an Beriberi, arbeiten aber trotzdem weiter bis die Beine endgültig den Dienst versagen und nur noch das Krankenbett im „Jauchefass“ bleibt, der stickigen, ungezieferverseuchten Gemeinschaftsunterkunft der Saisonarbeiter. Hier sitzen die erschöpften Männer abends beisammen und beratschlagen, was getan werden kann gegen die grauenhaften Umstände, in denen sie vegetieren müssen. Als sie den ersten Toten im eiskalten Meer versenken, erkennen sie, dass nur sie selbst sich helfen können und planen einen Aufstand.

20181124_165727-1.jpg

Weiterlesen

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

Der Bruder des Erzählers ist tot, damit beginnt der Roman. Der Erzähler, dessen Namen übrigens ebenso unbekannt bleibt wie der seines Bruders, erinnert sich an die letzte Nacht, in der die beiden sich gesehen haben. Neun Monate später stirbt der Bruder, ohne dass sie sich noch einmal gesehen haben. In dieser letzten Nacht stand der große Bruder auf einmal vor der Tür des kleinen, die ersten Biere schon hinter sich, diverse noch vor sich. Der kleine Bruder weiß, dass der große zu viel trinkt, oft genug hat er ihn mitten in der Nacht stockbetrunken angerufen. Trotzdem lässt er sich erweichen und folgt seinem Bruder in die kalte Nacht um eine Kneipe zu finden, in der sie noch weitertrinken können.

Diese eine Nacht nimmt einen beträchtlichen Teil des Romans ein und der große Bruder nutzt sie, um dem kleinen Bruder zu erklären, warum er sich so manisch mit Geschichte befasst, warum er kein Gräuel auslassen kann und jedes Detail wissen will. Nachdem er sich mit den NS-Verbrechen befasst hat, ist es nun Dutroux, von dessen Taten er alles wissen will und darum jedes Protokoll der Verhandlungen kennt. Ja, so fröhlich ist der Roman. Ich habe sehr gelitten mit dem Erzähler, der merkt, dass er schon lange ins Bett gehört, dass er viel zu viel getrunken hat und doch seinen Bruder reden lassen will, weil er merkt, dass er es muss und dass es wichtig ist für ihn. Die Kritik des Bruders an der Gesellschaft ist groß und umfassend und droht manchmal Theken-Style in bierseligen Pathos zu kippen, Helle schafft es aber, das Ruder immer noch kurz vorher herumzureißen.

„… aber das ist lange her, kleiner Bruder. Und jetzt gehen wir saufen.“

Weiterlesen

Henning Ahres: Lauf Jäger lauf

Zorrow reist mit dem Zug nach Nillberg, als er beim Blick aus dem Fenster einen Fuchs sieht. Einem Impuls folgend, stoppt er den Zug per Notbremse und rennt, sein Gepäck zurücklassend, dem Tier hinterher. Schnell verliert er sich in der eintönigen Landschaft und sein Plan, die Reise nur kurz zu unterbrechen, wird von einer Gruppe Widergänger vereitelt, die ihn gefangen nehmen und in das von ihnen bewohnte Gutshaus schleppen. Die Widergänger, von Zorrow einmal auch Wiedergänger genannt, verstecken sich hier vor ihrem Erzfeind Erk, der Flügel hat und mit Feuer schießen kann. Sie sind sich sicher, dass dieses Wesen sie töten will und vermuten in Zorrow einen Spitzel.

„Ein Trottel. Den Zug zu stoppen, um einem Fuchs hinterherzulaufen. Was führt er im Schilde?“

Gerettet wird er durch die Intervention des Malers, der Anführer der Gruppe ist. Er ist auch der einzige, der den mysteriösen Nebel in der Nähe des Hauses betreten kann und darf. Dafür, dass der Maler auf seiner Seite steht, muss Zorrow ihm in geborgten Frauenkleidern sexuell zu Diensten sein, was ihm sehr unangenehm ist, vor allem da häufig ein Revolver Anwendung findet und er schließlich einen Schneidezahn verliert. Die Existenz von Nillberg bestreiten die Widergänger vehement und das Ticket, das mal ein Beweis für Zorrows Vorhaben war, ist verbrannt. Vermutlich wäre es aber ohnehin nicht von Nutzen, denn Schriftstücke haben in diesem Roman die unangenehme Angewohnheit, sich unerklärlich zu verändern. Und nicht nur Schriftstücke können das. Sein Ziel, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, hat Zorrow aber jedenfalls umsetzen können.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Mince Pies aus Margaret Atwoods „Alias Grace“

Im Roman Alias Grace gibt es für die Protagonistin Grace Marks nur wenige positive Erinnerungen. Eine davon ist ein Weihnachtsfest, bei dem sie und die anderen Hausangestellten ein eigenes kleines Festmahl bekommen. Es ist ein großes und wohlhabendes Haus mit entsprechender Dienerschaft und Grace kann einen seltenen glücklichen, friedlichen Moment erleben:

„The snow had fallen heavily that day, and the people were out in their sleighs, with bells on the horses, and it sounded very pretty. And after the family had eaten their Christmas dinner the servants ate theirs, and had their own turkeys and mince pies, and we sang some carols together, and were glad.
This was the happiest Christmas that I ever spent, either before or after.“

Mincemeat ist ein sehr altes Rezept, das sich im Laufe der Zeit sehr verändert hat. Ursprünglich enthielt es tatsächlich gehacktes Fleisch, zu der Zeit in der Alias Grace spielt, allerdings schon nicht mehr. Seitdem wird es nur noch mit Trockenfrüchten, Äpfeln und Nüssen hergestellt. Traditionell sind die verwendeten Früchte Korinthen, Sultaninen und Rosinen, modernere Varianten tauschen die Trockenfrüchte mitunter auch gegen Aprikosen, Cranberries oder diverse andere aus. Geht alles.

Weiterlesen