Wie erleuchtet darf ein Familienvater sein? – „Einmal Buddha und zurück“ von Anne Donovan

Jimmy, Maler und Tapezierer aus Glasgow, entdeckt mit Ende dreißig den Buddhismus für sich. Statt abends mit seinem Bruder in den Pub zu gehen, meditiert er in seinem Zimmer und verbringt Wochenenden in buddhistischen Seminarzentren. Seine zwölfjährige Tochter Anne Marie reagiert ungläubig aber neugierig, seine Frau Liz ist bald einfach nur noch genervt. Sie glaubt, dass das alles nur eine Phase ist, kocht vegetarische Mahlzeiten und hofft, dass ihm die Idee mit der Enthaltsamkeit bald selbst blöd vorkommt.

„Ich versuchte, geduldig zu sein und ihm zuzuhören, aber wenn er diesen Blick hatte, kam man nicht mehr an ihn ran, alle anderen waren ihm egal. Und wie er darüber redete – als ob das alles neu wäre, als ob er den Quatsch höchstpersönlich erfunden hätte.“

Doch Jimmys Weg zur Erleuchtung wird ihm immer ernster und schließlich zerkracht das Ehepaar sich so sehr, dass er auszieht und fortan im Meditationsraum des buddhistischen Zentrums übernachtet. Nach dem ersten Schrecken beginnt Liz sich zu fragen, ob das nicht auch ganz gut so ist. Mit ihren 33 Jahren entdeckt sie, dass es auch ein Leben jenseits gibt von Jimmy, mit dem sie jetzt schon seit 17 Jahren zusammen ist.

Der Roman wird abwechselnd von Liz, Anne Marie und Jimmy erzählt, jeweils in der Ich-Perspektive. Immer wird in einem sehr umgangssprachlichen Ton erzählt, der im Original eine Wiedergabe des Glasgower Akzents ist, der sich auch im Originaltitel Buddha Da (Buddha Dad) wiederspiegelt. Zum Glück wurde dieser Dialekt in der Übersetzung nicht durch einen anderen ersetzt, sondern einfach in Umgangssprache übertragen (wer lesen will, wie der Text im Original klingt, hat bei der Barcelona Review die Gelegenheit dazu). Sicher geht mit dem Dialekt einiges an Charme verloren, trotzdem wirken die Charaktere authentisch und ungekünstelt.

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Dennoch konnte der Roman nicht so richtig überzeugen. Anne Donovan setzt vor allem auf Dialoge, um das Geschehen lebendig werden zu lassen, was im Kern ja eine gute Idee ist. Allerdings sind viele der Dialoge so alltäglich, dass sie völlig überflüssig sind. Das Ergebnis einer langatmigen Verabredung für den nächsten Tag ließe sich in einem Nebensatz hervorragend darstellen und Liz‘ ausführliche Erläuterung, wann und wie sie zuletzt eine auswaschbare Tönung benutzt hat, hat die Handlung nun auch nur bedingt weitergebracht. Jimmys Auseinandersetzung mit dem Buddhismus wirkt aufrichtig interessiert, die Erläuterungen und Ausführungen dazu sind aber oft mühsam und wirken vor allem da, wo sie in Dialogform dargestellt werden, doch recht gekünstelt. Liz scheint so festgefahren in ihrer Bahn zu sein, so verwurzelt in ihrem Leben als Bürokraft und Mutter, dass ich mir ständig aktiv ins Gedächtnis rufen musste, dass sie 33 ist und nicht 44.

Der Titel Einmal Buddha und zurück deutet es schon an: Jimmy findet im Laufe des Romans nicht zur Erleuchtung, dafür aber zurück zu seiner Familie. Dass seine Frau als Mittel zur Selbstfindung derweil eine Affäre mit einem Philosophie-Studenten gewählt hat, scheint ihn in seiner neu gefundenen Gelassenheit nicht weiter zu stören. Einmal Buddha und zurück ist ein Roman über eine Familie in der Krise, die ihren Auslöser im spirituellen Erwachen des Vaters findet. Wie in so vielen Familienromanen führt der Weg zur Erleuchtung am Ende aber doch nur wieder ins traute Eigenheim.


Anne Donovan: Einmal Buddha und zurück. Übersetzt von Eva Bonné. 350 Seiten. Luchterhand 2006. Lieferbar bei btb. Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel Buddha Da bei Conangate Books in Edinburgh.

Das Zitat stammt von S. 119.

2003 war Donovan mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Kopfüber ins Ungewisse – „Der Sprung“ von Simone Lappert

In Thalbach, einer recht verschlafenen Stadt in der Nähe von Freiburg, bahnt sich eines Sommertages ein Unglück an. Mitten im Zentrum steht eine junge Frau auf dem Dach eines Hauses. Die will springen, ist sich eine Anwohnerin sicher und verständigt die Polizei, die mit Aushilfs-Psychologe Felix und Verstärkung durch die Feuerwehr anrückt, um das Schlimmste zu verhindern. Schnell ist der Platz vor dem Haus dicht besiedelt von Schaulustigen, die Eis essen, Cola trinken, sich sonnen und neugierig abwarten, was wohl noch passieren wird.

Simone Lappert Der Sprung

Auch wenn sie nicht unbedingt zu den Gaffern gehören, sind doch etliche Menschen auf die eine oder andere Art von dem Ereignis betroffen. Felix, der nach nur einem Psychologie-Lehrgang die mögliche Suizidantin retten soll, Maren, die ihr Haus nicht betreten kann, weil eine Frau auf ihrem Dach steht, Winnie, die endlich eine Chance findet, in der Schule nicht mehr gemobbt zu werden. Sie und etliche andere werden von der Frau auf dem Dach berührt, werden an ihre Vergangenheit erinnert oder finden endlich den Mut, Dinge zu ändern. Während vor dem Haus alle gespannt abwarten, ob die junge Frau nun den einen entscheidenden Schritt in die Tiefe macht, sind am Boden einige schon viel weiter und stürzen sich – symbolisch – kopfüber ins Ungewisse.

„Als abgründigen Setzkasten sah er Thalbach vor sich, ein Sammelsurium an Wut und angestauten Ressentiments, lauter hilflose Erwachsene, in deren Gerippe sich das verletzte Kind verwachsen hatte, das sie einmal gewesen waren und das sich Bahn brach, wann immer Müdigkeit oder Überforderung es möglich machte.“

Am Anfang liest sich das Buch fast wie eine Sammlung von Kurzgeschichten. Erst einmal leben die Charaktere nebeneinander her, aber dann wird nach und nach klar, wie sie zusammenpassen, an welchen Stellen ihre Geschichten ineinander greifen. Nicht an allen Stellen überzeugt das gleichermaßen. Die mit Komplexen behaftete Schneiderin Maren beispielsweise ist sehr stimmig charakterisiert, vom ersten verzweifelten Versuch, ihre Beziehung zu retten, bis zur spontanen Flucht nach Paris mit einem Mann, der ihr scheinbar die ersehnte Aufmerksamkeit schenkt. Aber wie der weltberühmte Modeschöpfer Ernesto aus Mailand einen Hut in den Nachrichten entdeckt und nach Thalbach eilt, um ihn auf dem Kopf eines Obdachlosen zu entdecken, das ist märchenhafter als der Roman es sonst hergibt.

Das schadet dem Buch aber nicht wesentlich. Der Aufbau ist durchdacht und gelungen und es ist interessant, zu verfolgen, wie nach und nach die Geschichten ineinander greifen und langsam klar wird, das die meisten handelnden Personen auf die eine oder andere Art miteinander verbunden sind. Der Sprung spielt an nur drei Tagen, vom Tag vor dem Sprung bis zu dem danach, birgt aber aufgrund zahlreicher Rückblenden, Erinnerungen und biographischer Elemente deutlich mehr Handlung. Das Personal rekrutiert sich sämtlich aus dem bürgerlichen Kleinstadt-Milieu, dessen eine Ausbrecherin, die Frau, die sich dem normierten Leben bisher erfolgreich verweigerte, nun auf einem Dach steht und Ziegel hinunter wirft. Dieses Milieu charakterisiert Lappert treffend und sensibel.

Die Springerin auf dem Dach sieht unter sich ein Sprungtuch. Sie weiß, dass ein Sprung sie nicht töten würde, aber was dann kommen wird, ist dennoch unklar. Man wird sie mitnehmen, sie weiß nur nicht, wohin. Die Angst vor dem Sprung, das ist allen Personen in diesem Roman gemein, ist kleiner als die vor der Landung. Am Ende geht es für die meisten gut aus. Bleibt zu hoffen, dass es auch der Springerin so ergeht.


Simone Lappert: Der Sprung. Diogenes 2019. 333 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 60/61.

Gute Katholiken – „Liars and Saints“ von Maile Meloy

Mitten im Krieg heiraten Yvette Grenier und Teddy Santerre in Santa Barbara. Yvettes Familie wird ihr nie verzeihen, dass sie Kanada verlässt, um einen Amerikaner zu heiraten. Beide stammen aus streng katholischen Familien, beide meinen es ernst mit Heim und Ehe. Als Teddy seine Karriere als Flieger bei der Armee endlich hinter sich gebracht hat, steht dem jungen Glück inklusive zweier Töchter nichts mehr im Weg.

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Außer vielleicht besagte Töchter. Obwohl ihre Eltern alles für das Seelenheil von Margot und Clarissa geben, werden die beiden doch von den wilden 60er-Jahren mitgerissen. Margot wird schwanger vom Tanzlehrer, Clarissa verliebt sich einen Hippie und hört auf, BHs zu tragen. Um zumindest größeren Schaden abzuwenden, zieht Yvette Margots Sohn Jamie als ihren auf und tut, als sei er eben ein Nachzügler. Dass Jamie nicht ihr Sohn ist, hält sie sogar vor ihrem Mann lange geheim. Natürlich stürzt das die Familie auf lange Sicht in größere Schwierigkeiten.

Die Geschichte der Familie Santerre kreist um die Bedeutung von Moral und Schuld. Der Katholizismus spielt für fast alle in der Familie eine Rolle, ob sie nun so ernsthafte Kirchgängerinnen sind wie Mutter Yvette oder nicht. Das Erbe lässt sie nicht los. Die Schuld, die viele auf sich laden oder auf sich zu laden meinen, die Fehler die sie machen, geschehen in aller Regel nicht aus Rücksichtslosigkeit und Eigennutz, sondern im verzweifelten Bemühen, den moralischen Ansprüchen von Familie und Kirche gerecht zu werden. Die Geheimnisse der Familie verkomplizieren das alles immens, denn im moralischen Koordinatensystem sind wesentliche Punkte vertauscht, vor allem, wenn es um Verwandtschaftsgrade geht.

„She talked to her Lord, and told Him everything, and He listened, as He always did, and kept her in His love.“

Liars and Saints folgt der Familie Santerre-Grenier über drei Generationen. Die Themen, die diese Generationen umtreiben, wiederholen sich mit Variationen. Verbotene Liebe, vermeintlich verbotene Liebe, Ärger mit der Familie. Die Figuren sind rund und treffend charakterisiert, ihre Begegnungen und Konflikte werden überzeugend erzählt. Auffallend ist allerdings die Fruchtbarkeit der Frauen der Familie. Wer Sex hat, wird unweigerlich schwanger. Außer die arme Margot, die muss ihre Jugendsünde mit Kinderlosigkeit in der Ehe zahlen. Über die Familie hinaus wird der Roman aber nur an wenigen Stellen bedeutsam. Es gibt Ansätze, die Schicksale in der Familie mit den strikten Moralvorstellungen der Kirche in Verbindung zu bringen, konsequent umgesetzt wird das aber nicht. An vielen Stellen wird allerdings deutlich, dass es besser wäre, die Familienmitglieder würden ihre Ängste und Fehler einander und nicht im beim Priester beichten. Liars and Saints ist ein solide erzählter Familienroman, der meistens aber da aufhört, wo die Familie endet und selten Ambitionen zeigt, das Geschehen in einen größeren Kontext zu bringen.


Maile Meloy: Liars and Saints. John Murray 2004. 260 Seiten. Originalausgabe Scribner 2003. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Lügner und Heilige bei Kein & Aber erschienen.

Das Zitat stammt von S. 138.

2005 war Meloy mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize. Dieser Beirag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

 

Aufstieg und Stillstand – „NW“ von Zadie Smith

Leah und Keisha wachsen gemeinsam auf in Londons Nordwesten, in Wohnblöcken, die nach wichtigen Philosophen benannt sind: Bentham, Locke, Russel, Hobbes, Smithes heißen die Koordinaten ihrer Jugend. Dass sie dort nicht bleiben wollen, ist beiden schnell klar. Denn trotz der vielversprechenden Namen ist ihre Wohngegend so trost- wie chancenlos. Wer bleibt, endet oft genug in Drogenabhängigkeit und Kleinkriminalität. Leah und Keisha haben große Pläne, studieren und versuchen, das beste aus ihrer Herkunft zu machen. Keisha muss sich dabei immer mehr anstrengen als Leah. Als Schwarze kann sie sich die rebellischen Eskapaden ihrer rothaarigen Freundin nicht erlauben. Ihre Mutter war immer darauf bedacht, dass ihre Kinder unter dem Radar bleiben, nie auffallen, sich immer ein kleines bisschen besser benehmen, bloß nicht unangenehm auffallen. Schließlich ändert Keisha sogar ihren Namen und wird als Natalie eine erfolgreiche Anwältin. So erfolgreich, dass Leah, die es „nur“ zur Sachbearbeiterin beim Sozialamt gebracht hat, sich bei ihren Einladungen zwischen all den etablierten Jurist*innen oft fehl am Platz fühlt. Natalies Einladungen geben ihr, die immer noch im Nordwesten lebt, das Gefühl, nur noch Staffage aus alten Tagen zu sein.

„She had been asked to pass the entirety of herself through a hole that would accept only part.“

Die Freunde ihrer Kindheit und ihre Geschwister, die in den Wohnblocks bleiben, folgen dem Weg der ihnen qua Geburt vorherbestimmt scheint. Einige werden früh Eltern, viele werden drogenabhängig, ebenso viele halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser. Dabei machen sie auch vor Ihresgleichen nicht halt. Der Roman beginnt mit Shah, einer ehemaligen Schulkameradin Leahs, die ohne jede Skrupel mit einer rührseligen Geschichte 30 Pfund von Leah ergaunert. Und Nathan, in den Leah früher heimlich verschossen war, lebt mittlerweile auf der Straße. Felix, der ebenfalls im Viertel aufgewachsen ist, scheint es endlich geschafft zu haben, scheint einen Weg aus seiner Misere gefunden zu haben, als er überfallen und erstochen wird. Der Nordwesten lässt einen nicht so einfach gehen.

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Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

Arlington Park ist eine Vorstadtsiedlung, die ausnahmsweise nicht im US-amerikanischen Suburbia liegt, sondern im Dunstkreis von London. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere, die Männer arbeiten viel, die Kinder besuchen gute Schulen und die Frauen schmeißen den Haushalt. Der gesamte Roman spielt an nur einem einzigen regnerischen Tag und fokussiert sich dabei auf fünf Frauen, die unterschiedlich zufrieden sind mit dem Leben in der Vorstadt-Idylle.

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Es beginnt mit Juliet, die an diesem einen Tag, den der Roman ihr gibt, noch sauer ist auf den Vorabend, an dem ein Mann sie mal wieder nicht ernst genommen hat und sie sich nicht richtig gewehrt hat. Juliet ist im Grunde kreuzunglücklich in Arlington Park, wo sie mit ihrem Doktortitel an einer Schule unterrichtet, die sie einst mit großen Plänen verließ. Nun darf sie an einem Freitag im Monat den Literaturclub leiten und ihr Mann muss ausnahmsweise die Kinder von der Schule abholen. Eine logistische Meisterleitung, vor allem für Juliet. Sie ist sich sicher: Männer bringen Frauen in der Ehe um, Stück für Stück, Tag für Tag sterben die Frauen ein kleines bisschen mehr.

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Essen aus Büchern: Kümmelkuchen aus Charlotte Brontës „Jane Eyre“

Der englische Name dieses Kuchens, „seed-cake“, weckte in mir die Hoffnung, es könnte sich um einen Kuchen mit verschiedenen Saaten darin handeln, sagen wir Mohn oder Sesam. Aber nein, die Samen sind ausschließlich die des Kümmels. Und ich hasse Kümmel. Ich finde, es passt ganz gut zum Bild von Jane, dass sie vom Leben so wenig erwartet und erhofft, dass sie sich selbst über Kümmelkuchen freut.

„Having invited Helen and me to approach the table, and placed before each of us a cup of tea with one delicious but thin morsel of toast, she got up, unlocked a drawer, and taking from it a parcel wrapped in paper, disclosed presently to our eyes a good-sized seed-cake.“

Die Szene ist übrigens relativ früh im Buch, als Jane noch in Lowood lebt. Die freigiebige Dame in dieser Szene ist die Schulleiterin Miss Temple, zu der Jane vertrauen gefasst hat. Spät am Abend sucht Jane sie mit ihrer Freundin Helen auf und bekommt noch eine Kleinigkeit serviert, die im Vergleich zu dem, was man sonst auf Lowood bekommt, beinahe eine Festmahl ist. Und damit wir alle was anzubieten haben, wenn mal zwei verarmte Waisenmädchen vor der Tür steht, kommt hier das Rezept für Kümmelkuchen:

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Willkommen im gelobten Land – „Digging to America“ von Anne Tyler

Als Jin-Ho und Sooki im August 1997 das erste mal amerikanischen Boden betreten, werden sie von einer großen Gesellschaft in Empfang genommen. Bitsy und Brad Donaldson haben monatelang darum gekämpft, ein Kind aus Korea adoptieren zu können und haben die gesamte Familie samt Camcorder an den Flughafen verfrachtet, um den Moment der Ankunft von Jin-Ho erleben zu können. Bescheidener geht es zu bei Familie Yazdan, die fast unbemerkt Sookie in Empfang nimmt. Aber eben nur fast unbemerkt. Als die Donaldsons feststellen, dass eine andere Familie ihr Schicksal teilt, erklären sie die Yazdans fast schon zu ihren neuen besten Freunden.

Anne Tyler Digging to America

Über die Jahre entwickelt sich tatsächlich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Familien, auch wenn die Donaldsons es gelegentlich übertreiben. Vor allem Bitsy glaubt am weltbesten über Kindererziehung Bescheid zu wissen und verurteilt die Familie Yazdan dafür, dass Sooki jetzt Susan heißt und nicht in koreanischen Kleidern herumläuft. Jin-Ho würden sie nie auf diese Art ihres Erbes berauben. Jedes Jahr treffen die beiden Familien sich und feiern den „Tag der Ankunft“, jedes mal singen alle gemeinsam „She’ll be coming round the mountain“ und sehen das Video an, das die Familie Donaldson am Flughafen aufgenommen hat.

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Do Judge A Book By Its Cover – Deutschlands schönste Cover-Klischees

Es ist noch nicht so lange her, da demonstrierte @leesteffens auf twitter, dass es nur 10 Arten von Filmen gibt. Ohne wirklich viel Ahnung von Filmen zu haben – ich glaube, er hat recht. Wenn wir aber ehrlich sind, sieht es bei den Büchern nicht viel besser aus. Vor allem in meiner Zeit im Buchhandel ist mir immer wieder aufgefallen, wie viele Klischee-Cover es da draußen gibt, vor allem bei großen Publikumsverlagen. Also habe ich vor etwa zwei Wochen ebenfalls einen Thread veröffentlicht, der unerwartet viel Aufmerksamkeit fand. Viele Leser*innen hatten viel Spaß an diesem Thread und viele haben mich auf noch mehr ähnliche Cover hingewiesen, oft auch abseits der Genres, von denen ich irgendeine Ahnung habe. Grund genug, nochmal ein bisschen tiefer in die Materie zu waten. Heute kommen also ein paar der schönsten Klischee-Cover, die der deutsche Buchmarkt gerade so her gibt. Für keine der Sammlungen musste ich mir besonders viel Mühe geben, einmal quer durch ein paar Publikumsverlage klicken hat völlig gereicht, um ein paar wahre Schönheiten zu finden.

So einfallslos die ewig gleichen Cover auf den ersten Blick wirken – Zufall und Faulheit ist das alles sicher nicht. Die allererste Aufgabe eines Covers ist es ja nun, Aufmerksamkeit zu erregen. Zwischen den Neuheiten im Buchladen, auf der Bestsellerliste und auf dem Werbeplakat muss ein Cover hervorstechen und die begrenzte Aufmerksamkeit potentieller Käufer*innen auf sich ziehen. Dafür bleibt nur der kurze Moment im Vorbeigehen oder -scrollen. Dabei funktionieren nicht nur auffallende Farben und Muster, sondern auch Dinge, die man kennt und mag. Sie haben einen Wiedererkennungseffekt, der eine Einordnung des unbekannten Titels in bekannte Raster ermöglicht. Ähnliche Cover erleichtern die Orientierung im Bücherladen oder im Internet. Was man einmal mochte, mag man sicher nochmal.

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An Bord der Nautilus – „Heligoland“ von Shena Mackay

Viele Jahrzehnte ist es her, dass Celeste Zylberstein und ihr Mann Arkadi den Traum von einem ganz besonderen Haus hatten. Der kreative Mittelpunkt der Nachbarschaft sollte es sein, Herberge und Atelier für Kreative und Schaffende. Im Süden Londons errichteten sie gemeinsam das „Nautilus“, ein architektonisch gewagtes Gebäude, das tatsächlich lange Zeit Ort legendärer Partys und Heimat großer Künstler war. Arkadi ist schon vor langer Zeit verstorben und Celeste und der Dichter Francis sind die einzigen beiden Bewohner, die sich noch an die großen Zeiten erinnern können. Nur Guss Crabs findet derzeit noch Unterschlupf bei ihnen. Der ist allerdings eher Antiquitätenhändler denn Künstler und kürzlich bei seiner Frau rausgeflogen. Auch am Gebäude sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen und die ein oder andere Renovierung ist dringend nötig. Erste Hilfe naht in Form von Rowena Snow, die ab sofort als Haushälterin mit im Haus lebt und zumindest für grundlegende Ordnung sorgt.

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Rowena, Kind einer pakistanischen Mutter und eines britischen Vaters, ist größtenteils ohne ihre Eltern im Internat aufgewachsen. So richtig Fuß fassen konnte sie danach nie. Ihre neue Stelle klingt für sie, die Lyrik immer geliebt hat, ausgesprochen verheißungsvoll. Immerhin lebt auch ein Dichter im Haus, in dessen Zirkel sie nun Zugang zu finden hofft.

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Einsam in Shirley Falls – „Amy and Isabelle“ von Elizabeth Strout

Isabelle Goodrow lebt mit ihrer Tochter Amy in der Kleinstadt Shirley Falls. Vor Jahren ist sie dort hingekommen, in der Hoffnung, einen Ehemann zu finden, nachdem Amys Vater jung verstorben ist. Bisher hat sie keinen Erfolg. Trotzdem wohnt sie immer noch in dem kleinen Haus, das sie als erstes gemietet hat, und das nur eine Übergangslösung sein sollte, bis sie mit ihrem neuen Partner zusammenziehen würde. Sie verdient ihr Geld in der Verwaltung einer Schuhfabrik, die der größte Arbeitgeber in der Stadt ist und in der sie es inzwischen zur Chefsekretärin gebracht hat. In genau diesen Chef ist sie heimlich verliebt, er aber macht keinerlei Anstalten, seine Ehe zu beenden.

Elizabeth Strout - Amy and Isabelle

Mit Tochter Amy hat sie derweil eine Menge Ärger. Sie pubertiert, hat Freundinnen, die auf einmal schwanger sind und raucht heimlich im Wäldchen hinter der Schule. Und als wäre das nicht schlimm genug, verliebt sich auch noch in ihren Mathelehrer Mr. Robertson, der sie mit auswendig gelernten Gedichten um den Finger wickelt. Wenn das ans Licht kommt, ist Isabelles Status in Shirley Falls endgültig am Ende. Seit sie in der Stadt wohnt, ist sie verzweifelt bemüht, in die „besseren Kreise“ zu kommen, engagiert sich in der Kirche und versucht, durch angemessene Lektüre ihre Bildung zu verbessern. Sie träumt davon, eines Tages unterhaltsame Dinner-Parties geben zu können, statt alleine auf dem Sofa zu sitzen. Auf ihre Kolleginnen im Büro, die zuviel essen, zuviel rauchen, und überhaupt keinen Sinn für Kultur haben, schaut sie ein wenig herab, würde das aber niemals offen zeigen. Zum Glück, denn nach und nach zeigt sich, dass gerade in diesen Frauen eine Menge Charakter steckt.

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