Damit ihr wißt, wie’s war – Gabriele Tergits „Effingers“

Mit ihrer Geschichte zweier jüdischer Familien, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert und ihrer fast vollständigen Auslöschung im Nationalsozialismus, hatte es Tergit nicht leicht. 1931 begann sie damit und arbeitete fast zwei Jahrzehnte daran. Als der Roman 1950 fertig war, fand sich lange kein Verlag, der sich an das Thema heranwagen wollte. Die Erinnerung an die Vernichtung der deutschen jüdischen Bevölkerung war zu frisch und unbequem. Der Markt gab den Befürchtungen recht. Es fanden sich kaum Abnehmer für das in der aktuellen Ausgabe über 900 Seiten starke Werk. Dass Schöffling dem Roman nun eine neue Chance gibt, ist dankenswert.

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Effingers ist ein so vielseitiger Roman, dass man kaum weiß, wie man ihn lesen soll. Es ist ein Generationenroman, ein Gesellschaftsroman ein Berlinroman, ein Weltkriegsroman und natürlich auch ein jüdischer Roman. Die Zeitspanne, die der Roman abdeckt, ist lang und bewegter als die meisten anderen Epochen deutscher Geschichte. Zu seinem Beginn steht die sich anbahnende Krise, die durch die Industrialisierung ausgelöst wird. Maschinen gelten noch als neumodischer Trend, als die Brüder Karl und Paul Effinger nach Berlin aufbrechen um Schrauben zu produzieren. Sie legen den Grundstein für die Berliner Effingers, indem sie beide in die alteingesessene und sehr gut bürgerliche Familie Oppner einheiraten. Man legt Wert auf Garderobe, auf Empfänge und repräsentative Tischrunden, auf edles Geschirr und große Kunst. Und natürlich auf Etikette. Ein völlig harmloser Liebesbrief eines verknallten Teenagers reicht da schon, um einen großen Skandal auszulösen.

Man folgt den beiden Familien durch radikale gesellschaftliche Veränderungen, durch den Prunk der Gründerjahre, einen Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise, an deren Ende der Verfall nicht nur monetärer Werte steht. Die Gesellschaft wird für die jüdische Bevölkerung Deutschlands zusehends unangenehm. Schon lange bevor das politische Klima kippt, wird einigen Familienmitgliedern geraten, zum christlichen Glauben zu konvertieren. Für alle, die Karriere machen wollen, kann das nur von Vorteil sein. Doch die Familien Oppner und Effinger denken gar nicht daran. Dabei ist die Religion für fast niemanden in der Familie von Bedeutung. Man feiert die großen Feste gemeinsam, aber jeden Tag in die Synagoge geht nur noch der alte Uhrmacher Effinger. Und doch ist es wichtig für sie, dass sie Juden sind. Aber eben deutsche Juden. Die Großväter haben in der Revolution 1848 gekämpft, die Söhne ziehen ganz selbstverständlich in den Ersten Weltkrieg, um für das Vaterland zu kämpfen. Dass sie irgendwann nicht mehr zu Deutschland gehören sollen, ist für sie ganz undenkbar.

„Wir kommen hierher, müde Kinder dieses vergehenden Jahrhunderts. Wir geben uns Mühe, gute Söhne unserer starken Väter zu sein, ihre Fabriken und Bankgeschäfte und Staatsgeschäfte weiterzuführen.“

Der langsame Wandel des politischen Klimas wird extrem beklemmend geschildert. Erst sind es nur einige wenige, die gegen die Juden agitieren. So schildert Tergit beispielsweise den Auftritt eines Mannes im Zirkus Krone, der einer Satansbeschwörung gleicht, und in der die Juden für alles Unheil verantwortlich gemacht werden. Das ist 1920, der Mann gilt als „gefährlicher Verrückter“, aber als auf makabere Art unterhaltsam. Ein Jahr später hören über 6000 Menschen Hitler im Zirkus Krone sprechen. Zehn Jahre später ist es Stammtischwissen, dass das ganze Geld eben bei den Juden sei. Und dass sie auch in der Politik, in der Kunst, in der Kultur und überhaupt überall zu präsent seien. Die Umstände und Entwicklungen, die schließlich zum Dritten Reich führen sollen, schildert Tergit sachlich aber packend. Manchmal wird einem ein bisschen anders beim Lesen, wenn Vorkommnisse geschildert werden, die so oder sehr ähnlich auch gerade in der Zeitung hätten stehen können. Es sind einige.

Nun kann man einen Familienroman aber natürlich nicht auf die politische Ebene reduzieren. Tergit schildert das Leben dieser beiden großen Familien mit viel Wärme und Humor. Tatsächlich hat sie davon so viel, dass es den düsteren politischen Hintergrund beinahe aufwiegt. Auch wenn es Grund genug gäbe, wird dieser Roman nie fatalistisch und morbide. Die Unterhaltungen sind manchmal ausschweifend, oft knapp und eliptisch, die erzählte Handlung wird unterbrochen von Briefen und Zeitungsartikeln. Die Familienleben sind sehr komplex und der Stammbaum im hinteren Teil des Buchs ist eine unverzichtbare Hilfe. Im Romanpersonal finden sich sowohl sehr durchschnittliche Menschen, die nach nicht viel streben und zufrieden vor sich hin leben, als auch große Damen von Welt, die nicht weniger verlangen, als dass ihnen alle zu Füßen liegen. Ihre Verbindungen und Trennungen sind in sehr einfachem Stil und ohne jeden Pathos geschildert, aber gerade darin liegt die Größe. Ebenso gelingt es Tergit mit ihrem sehr klaren Stil, Atmosphären und Orte extrem treffend zu beschreiben.

Warum die Effingers erst jetzt wieder eine Chance kriegen, ist mir ein Rätsel. Dieser Roman ist so dicht und so vielfältig – ich würde schillernd sagen. Aber Tergit ist nun eben gerade nicht schillernd und auch deshalb so gut. Sie ist absolut straight und sicher in dem, was sie tut, in ihrem Stil. Hinzu kommt, dass der Roman in Teilen auf sehr gruselige Art aktuell ist, aber das kriegt Tergit ja zum Glück nicht mehr mit. Die Effingers haben eine weit größere Aufmerksamkeit verdient, als ihnen bisher zu Teil wurde. Sie werden oft als die „jüdischen Buddenbrooks“ bezeichnet, weil ja offenbar jeder Familienroman diese Referenz braucht. Aber auch wenn sie den Vergleich nicht scheuen müsste, hat Tergit ihn nicht nötig. Die Effingers sind ein eigenständiges und großes Werk, das sich an nichts und keine Tradition anlehnen muss. So anstrengend es manchmal ist – ich habe beinahe zwei Monate gebraucht – kann ich zu diesem Roman nur raten.


Gabriele Tergit: Effingers. Schöffling & Co. 2019. Gelesen als eBook mit 846 Seiten. Erstausgabe 1951. Lieferbar als Hardcover, eine Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2020 angekündigt.

Das Zitat stammt von S. 305/846.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Pioniergeist im Untergrund – Sebastian Guhrs „Die langen Arme“

Yvette ist eine äußerst begabte Synästhetin und kann Gerüche hören. Zusammen mit ihrer Schwester Antje hat sie eine Fleischblume gebaut. Dieses ganz besondere Instrument besteht unter anderem aus den Köpfen von dreißig toten Katzen und einem Akkordeon, mit dessen Hilfe den Katzenköpfen das entlockt wird, was die Schwestern als Melodie wahrnehmen. Bei den 1.-Mai-Feiern in der Kleinstadt Gangolfsömmern gibt es für die Neuinterpretation von Arbeiterliedern dann leider Ärger statt Beifall.

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Während Yvette verbissen weiter an ihrer synästhetischen Fähigkeiten arbeitet, entdeckt Antje beim Schlafwandeln einen unterirdischen Raum. Dieser Raum, so stellt sich bald heraus, führt zu einem weitverzweigten Tunnelsystem, das unter ganz Gangolfsömmern verläuft. Jedes Haus ist über Türen an dieses System angebunden und so ist es für Antje ein Leichtes, unbemerkt in fremde Häuser zu kommen und Gesprächen zu lauschen, die sie nichts angehen. Und natürlich sind die weitläufigen Räume unter der Erde auch ein hervorragender Proberaum für die Fleischblume und andere Apparate von gleicher Schönheit sowie für die ersten amourösen Versuche in Antjes Leben. Das Leben im Unterirdischen interessiert Antje weit mehr als das mit den Oberflächlichen. Dort hat sie es schwer, Anschluss zu finden und spricht fast nur mit Goran und seinem psychodynamischen Lesekreis.

Die Langen Arme ist ein ebenso kurzer wie absurder und unterhaltsamer Roman. So sehr viel will ich dazu gar nicht sagen, denn dann ist der knapp 170 Seiten lange Roman auch beinahe schon erzählt. Man muss sich einlassen können und wollen auf dieses Konstrukt, auf die Umöglichkeiten, die bestehen bleiben und mit keinem Wort als solche thematisiert oder entschärft werden. Wenn man das will und macht, findet man hier einen witzigen, klugen und überraschenden Roman.


Sebastian Guhr: Die langen Arme. Kein & Aber 2019. 172 Seiten.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar (und die Tafel Schokolade).

Das Abenteuer der relativen Freiheit – Esi Edugyans „Washington Black“

1818 wird auf einer Zuckerrohrplantage in Barbados der junge Sklave George Washington Black geboren. Er weiß, dass er von seinem Leben nicht viel zu erwarten hat. Doch überraschend wird er von Titch, dem Bruder seines Besitzers ausgeliehen, der an einem fantastischen „Wolkenkutter“ arbeitet, einem Luftschiff, für dessen Fertigstellung er Hilfe benötigt. In dem jungen Washington entdeckt er ungeahnte Talente und macht ihn schließlich zu seinem Assistenten. Für Washington bedeutet das einen ungeheuren Aufstieg. Er wohnt nicht mehr in den menschenunwürdigen Baracken bei den übrigen Sklaven, sondern schläft im eigenen Bett, trägt englische Kleidung und lernt Lesen und Schreiben. Aber er traut sich nie, sich auf seinen neugewonnenen Privilegien auszuruhen. Ihm ist völlig klar, dass der Absturz jede Sekunde kommen kann, denn so viele Freiheiten er in seiner neuen Position auch haben mag, wirklich frei kann er nie sein.

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So unwahrscheinlich der Erfolg auch scheinen mag, brechen Titch und Washington doch eines Tages im Wolkenkutter auf, landen an einer fremden Küste und Washington hält es das erste mal in seinem Leben für möglich, dass er nie wieder Zuckerrohr schneiden muss. Die Hoffnung auf eine Heimat allerdings ist damit für immer verloren. Sein ganzes Leben lang wird Washington nicht nur aufgrund seiner Hautfarbe und seines sozialen Status das Gefühl haben, nicht dazuzugehören.

Die Geschichte von Washington Black ist zu Beginn ein klassischer Abenteuerroman. Der junge Held wird in die Welt hinausgetragen und muss beweisen, dass er sich nicht nur alleine durchschlagen kann, sondern auch, dass er dabei stets seine Standards hält und seinem Herzen folgt. Dafür ist das Glück auf seiner Seite. Der glückliche Zufall trägt Washington immer genau dahin, wo er gerade sein muss: nach London, nach Amsterdam, nach Marrakesch. Zufällig trifft er auf die richtigen Menschen, findet Hilfe, stößt auf die entscheidenden Hinweise – an etlichen Stellen wird das doch arg überstrapaziert. Vor allem gegen Ende scheint das Glück ihm dann doch ein bisschen sehr hold zu sein.

„Er behandelte mich nie schlecht, tat mir mit alldem aber auch keinen Gefallen, denn ich würde eines Tages auf die Zuckerrohrfelder und zu all ihrer Grausamkeit zurückkehren müssen.“

Der interessante Unterbau der Geschichte ist natürlich Washingtons Status als Sklave bzw. als ausgegrenzter freier Mann in einer Gesellschaft, die ihn nicht teilhaben lassen will. Neben seiner Hautfarbe kommt erschwerend hinzu, dass sein Gesicht von einer Brandwunde stark vernarbt ist. Er selbst bezeichnet sich als entstellt, sieht sein Gesicht als entsetzliche Fratze. Sein Anblick erschreckt die Menschen, die nicht darauf vorbereitet sind und wo immer ihm unverhofft eine Tür geöffnet wird, schreckt sein Gegenüber erst einmal zurück. Für Washington bedeutet das natürlich enorme Einschränkungen. Begegnungen und Freundschaften auf Augenhöhe kennt er kaum. Selbst Titch, mit dem er lange Zeit lebt und durch die Welt zieht, kann niemals ein echter Freund sein, denn zu allererst ist er der Bruder des Masters und kann über ihn bestimmen. Für Titch ist das kaum verständlich. Er sieht einen Freund in Washington und ist blind für das enorme Machtgefälle, das der Sklave niemals vergessen darf.

Esi Edugyan hat bis zur Hälfte einen spannenden Abenteuerroman geschrieben, dann häufen sich leider die glücklichen Fügungen in einem manchmal nicht mehr glaubhaften Maß. Auch die bereits erwähnte Frage der Sklaverei ist mit Sicherheit eine interessante, vor allem die Frage, wie frei die Menschen wirklich wurden, als man ihnen die offensichtlichen Ketten endlich abnahm und die Sklaverei verbot. Allerdings gerät die Diskussion dieser Frage oft recht plakativ. Wo eine These auch nur im geringsten unklar sein könnte, schreitet nochmal jemand erklärend ein. In der deutschen Variante kommt hinzu, dass die Übersetzung den ein oder anderen Schnitzer hat, das allerdings in einem sehr überschaubaren Ausmaß. Washington Black ist ein unterhaltsamer Roman, der seinen Anfang in einer ausgefallenen und gut erzählten Geschichte findet. Leider wird er danach hin und wieder etwas seicht und verliert mitunter seine Glaubwürdigkeit. Dadurch baut der Roman in der zweiten Hälfte und besonders im letzten Drittel dann doch stark ab.


Esi Edugyan: Washington Black. Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Anabelle Assaf. Eichborn 2019. 508 Seiten. Originalausgabe unter gleichem Titel 2018 bei Harper Collins.

Das Zitat stammt von S. 61.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Essen aus Büchern: Tamale Pie aus E. Annie Proulx‘ „Accordion Crimes“

Autor*innen setzen Essen in Büchern höchst unterschiedlich ein. Bei vielen spielt es überhaupt keine Rolle, andere zählen ins Detail alles auf, was sie ihren Romanfiguren vorsetzen. Häufig wird es eingesetzt, um eine Klassen- oder Gruppenzugehörigkeit zu verdeutlichen. E. Annie Proulx geht damit in Accordion Crimes in die Vollen. Der Roman folgt einem Akkordeon, das durch die Hände vieler Menschen, vor allem Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den USA geht. Neben der Musik ist vor allem ihre traditionelle Küche ein heimatlicher Anker und jede Gruppe, die Proulx beschreibt hängt an ihren Küchenklassikern, die wieder und wieder aufgelistet werden, für die Polen, die Italiener, die Deutschen, die Mexikaner. Ob es ein Essen aus diesem Buch geben wird, war also gar nicht die Frage. Ich musste mich nur entscheiden. Meine Wahl ist auf Tamale Pie gefallen, zum einen, weil es ein sehr schönes Beispiel für eine Küche ist, die der neuen Heimat angepasst wird, zum anderen weil es eines der wenigen Gerichte ist, die nicht nur in einer Liste auftauchen. Der Tamale Pie hat einen ganzen eigenen Satz!

„Down the street stood a wreck of an old tamale stand, the remnant of a failed franchise from the 1920s in the shape of a giant tamale, the stucco sloughing off, faded signs drooping: HAMBURGERS AS YOU LIKE’EM. TAMALE PIE.“

Kurz nachdem er erwähnt wird, ist der Tamale-Imbiss auch schon Geschichte, ersetzt durch einen Friseur-Salon, der bald Teil einer ganzen Siedlung mexikanischer Migrant*innen wird. Darunter natürlich auch ein Akkordeonist. Auch wenn der Pie dem Imbiss am Straßenrand kein Glück gebracht hat, hab ich ihn mal ausprobiert. Und so geht’s:

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Unauffindbar in Seattle – Maria Semples „Where’d You Go, Bernadette“

Als Bee geboren wird, hängt ihr Leben am seidenen Faden. Sie ist so blau, dass ihre Mutter Bernadette beschließt, sie Bandakrishna zu nennen. Fünfzehn Jahre später findet sie die Idee so blöd, dass sie Wert darauf legt, dass ihre Tochter überall unter „Bee“ läuft, so auch bei der bevorstehenden Antarktis-Kreuzfahrt. Die ist ein besonderer Wunsch von Bee, der ihr anlässlich eines Schulabschlusses mit lauter Einsen im Zeugnis gewährt werden soll.

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Für Bernadette ist diese Kreuzfahrt der reinste Horror. Erstens wird sie leicht seekrank, zweitens hasst sie Menschen. Nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen, sondern auch in Seattle, der Heimat der Familie. In Bees Schule wird Wert darauf gelegt, dass auch die Eltern sich in den Alltag einbringen. Bernadette hat darauf so wenig Lust, dass sie sich schnell mit der gesamten Liga der vorbildhaften Mütter anlegt, die total gerne Schulausflüge begleiten. Die nun bevorstehende Kreuzfahrt klingt für sie so fürchterlich, dass sie laut überlegt, einfach zu verschwinden. Und tatsächlich – kurz bevor es losgehen soll, geht Bernadette nur kurz aufs Klo und wird danach nicht mehr gesehen. Where’d You Go, Bernadette ist der Versuch ihrer Tochter, die Spur aufzunehmen und mit Hilfe von Mails, Zeitungsausschnitten und anderen Schriftstücken herauszufinden, wo ihre Mutter jetzt sein könnte.

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Emily St John Mandels „Station Eleven“

Georgien scheint weit weg zu sein, als die Nachrichten einer dortigen Grippe-Welle die USA erreichen. Ein besonders aggressiver Erreger der Schweinegrippe ist mutiert und befällt nun auch Menschen. Wer die ersten Krankheits-Symptome zeigt, hat noch 24 bis 48 Stunden zu leben, eine Heilung gibt es nicht, auch keine Impung. Als die erste Maschine mit Infizierten aus Moskau eintrifft, ist es schon lange zu spät. Die Seuche breitet sich rasant über den ganzen Kontinent, die ganze Welt aus und tötet fast alle, die auf ihr leben.

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Die wenigen, die es schaffen, hoffen noch einige Wochen auf Rettung und beginnen dann, in der völlig veränderten Welt ein neues Leben aufzubauen. Einige von ihnen finden sich in einer Art Wanderzirkus zusammen. Sie tingeln durch Kanada und den Norden der USA, tauschen Shakespeare-Stücke und Symphonie-Konzerte gegen Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Doch ihre Wege sind voller Gefahren. Die neue Gesellschaft ist auch zwanzig Jahre später noch im Aufbau, neue Siedlungen entstehen, andere brechen zusammen und nicht alle wollen ihren Lebensunterhalt mit ehrlichen Mitteln bestreiten.

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Brutalos am Futterhaus – Andreas Tjernshaugens „Das verborgene Leben der Meisen“

Ich weiß überhaupt nicht, wie oft ich in den letzen Monaten über Sinn und Unsinn des Vogelfütterns diskutiert habe. Quintessenz ist meistens: nützt nichts, schadet aber auch nichts. Grund genug, eine Batterie Vogelfutter auf dem Balkon aufzufahren. Die ersten beiden Winter war die Futterstelle klar in Amsel-Hand. Strenggenommen war sie zumindest einen Winter lang in der Hand eines Amsel-Männchens, das den ganzen Tag seinen Futtervorrat verteidigte aber wenig fraß. Er wird, wie auch beinahe alle seine Bremer Artgenossen, der letztjährigen Usutu-Virus-Epidemie zum Opfer gefallen sein. Von jetzt auf gleich war mein Balkon amselfrei. Glück für die Meisen, die langsam und dann ziemlich aggressiv in diese Lücke drängten. Mittlerweile gehört der Balkon nebst allem darauf etwa zehn Kohl- und Blaumeisen, die in wenig friedvoller Ko-Existenz kiloweise Mehlwürmer fressen. Ich bin nicht sicher, ob sie nicht auch die Zebraspringspinnen-Kolonie auf dem Gewissen haben, die sich über Jahre erfolgreich auf dem Balkon breitgemacht hatte. Auf jeden Fall ist sie weg. Ich würde es ihnen nicht verdenken.

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Auch der Autor Andreas Tjernshaugen hat in seinem Garten nahe Oslo über lange Zeit Meisen und ihr Verhalten beobachtet. Das allerdings weitaus systematischer als ich. Die kleinen Vögel faszinierten ihn so sehr, dass er beschloss, mehr über sie zu lernen. Er besuchte Forscher in England und Norwegen, installierte ein Vogelhaus mit einer Kamera darin und stellte sich den Wecker auf halb fünf morgens, um das Balzverhalten seiner Gartenbewohner beobachten zu können.

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Krise in Radlerhosen – Juli Zehs „Neujahr“

Am Neujahrsmorgen quält Henning sich einen Steilanstieg auf Lanzarote hinauf. Das Fahrrad ist geliehen und schlecht geeignet, an Wasser hat er nicht gedacht und untrainiert ist er auch noch. Aber aufgeben will er auf gar keinen Fall. Überhaupt wollte er ja wieder mehr Fahrrad fahren, aber zu Hause kommt man ja nicht dazu. Der Job, die Frau, die Kinder. Henning und seine Frau haben beschlossen, die Kinder wirklich gleichberechtigt großzuziehen. Beide arbeiten Teilzeit, beide noch ein bisschen im Home Office. Sie erfolgreicher als er. Verzweifelt ist Henning bemüht, diese Verdienst-Diskrepanz über Leistung in Haushalt und Vatersein wett zu machen.

„Ein Mann, der stark ist, verantwortungsbewusst und liebevoll zu seiner Familie, trotzdem innerlich unabhängig und immer ganz bei sich selbst.“

Das alles stresst ihn so sehr, dass er seit einiger Zeit unter Panik-Attacken leidet. Tagsüber kann er das ganz gut überspielen, aber nachts leidet er Todesängste, wenn sein Herz sich verkrampft und er kaum mehr atmen kann. Der gemeinsame Urlaub auf den Kanaren sollte auch eine Flucht davor sein.

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Essen aus Büchern: Bubble and Squeak aus Zadie Smiths „White Teeth“

Zwei der Hauptfiguren in White Teeth, Archie und Samad, gehen zusammen in den gleichen Pub beinahe seitdem sie in London leben. Dieser wird von Abdul-Mickey betrieben, dessen Vater jeden seiner fünf Söhne Abdul genannt hat, ihnen aber noch einen englischen Namen gegeben hat, um ihnen das Leben leichter zu machen. In Abdul-Mickeys Pub gibt es auch Essen, das Archie und Samad sehr schätzen und das immer aus Pommes, Bohnen, Eiern, Pilzen, Tomaten und Toast in unterschiedlichen Kombinationen besteht. Doch eines Tages taucht ein neues Gericht auf der Karte auf:

„The Bubble and Squeak had been a revelation of sorts.“

Nicht weniger als eine Offenbarung ist es also für die Stammgäste im Pub, das man von den üblichen Grundzutaten abweicht. Aber man muss, das betont Abdul-Mickey immer wieder, auch mal offen für Neues sein. Man muss den Dingen eine Chance geben.

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Leben im totalitären Matriarchat – Laline Paulls „The Bees“

Der Beginn des Romans liest sich wie klassische Science Fiction: Lebewesen, die in einem Raumschiff leben, über Fühler kommunizieren, ihr Wissen in mythischen Tänzen weitergeben und sich mit den Füßen orientieren. Ein Volk, das in einer strengen Hierarchie lebt, in der jede ihren Platz hat, Widerstand zwecklos ist und der Kampf gegen andere Völker erbarmungslos ausgefochten wird.

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Allerdings ist das Raumschiff eine höchst irdische Angelegenheit. Es ist ein Bienenstock, der am Rande einer Wiese steht. In ihm wird Flora 717 geboren. Zu groß und zu hässlich weicht sie so sehr von der Norm ab, dass sie eigentlich sofort getötet werden soll. Doch dank ihrer erstaunlichen Fähigkeiten wird sie erfolgreicher Teil eines Experiments, lässt die angeborene Kaste der Reinigungsbiene hinter sich und gehört schließlich sogar zum engsten Kreis der Königin. Die Königin ist das wichtigste Wesen im Volk, Mutter aller und Mittelpunkt allen Handelns. Doch nicht nur ihre Rolle ist festgelegt. Jede einzelne Biene hat ihre Funktion, ihre Ermächtigungen und ihre Grenzen. In Spur gehalten wird das alles vom kollektiven Bewusstsein, dem „Hive Mind“. Wenn jemand abweicht oder gar Rebellion droht, wird erbarmungslos kurzer Prozess gemacht. Mit Selbstkritik-Sitzungen hält man sich in der totalitären Honig-Republik nicht auf. Wer nicht spurt, fliegt und zwar in mindestens zwei Teilen.

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