Castle Freeman: Männer mit Erfahrung

Mitten in den Wäldern von Vermont wohnt Lillian, seit kurzem allein. Ihr Freund Kevin ist abgehauen nachdem es Ärger mit dem Gesetz gab. Das Gesetz ist in dem verschlafenen Ort nicht zwingend die Polizei, sondern erstmal Blackway, ein Kleiderschrank von einem Mann, der vor nichts und niemand halt macht und es gewohnt ist, seinen Willen zu kriegen. Nun rückt er Lillian auf die Pelle. Er steht im Auto vor ihrem Haus und beobachtet sie, schlägt eine Scheibe ihres Wagens ein und bringt zu guter Letzt auch noch ihre Katze um. Lillian verliert die Nerven, stürmt mitten in der Nacht mit einem Obstmesser bewaffnet aus dem Haus und sucht Hilfe beim Sheriff des Ortes. Tja, sagt der, ohne Beweise können man halt nicht viel machen. Er rät ihr, sie solle halt abhauen. Lillian sieht das aber nicht ein, schließlich hat sie nichts falsch gemacht.  Schließlich verweist man sie an Whizzer, einen kauzigen alten Mann, der mit seinen Freunden den ganzen Tag in einer alten Fabrik die Zeit totschlägt. Die Hilfe, die Whizzer hat, ist auch nicht, was Lillian sich vorstellt: Nate, ein großer junger Mann, der klüger als ein Pferd aber dümmer als ein Traktor sein soll und Lester, der unschätzbaren Alters ist und nur noch schlecht zu Fuß. Aber das ist die Hilfe die eben gerade da ist und so heftet das merkwürdige Trio sich an Blackways Fersen.

„‚Tja‘, sagte Whizzer, ‚ich weiß nicht, ob sie dumm oder intelligent ist und ob es hier gefällt oder nicht – jedenfalls ist sie da. Und noch was sage ich euch: Mir scheint, diesmal ist Blackway an die Falsche geraten.'“

Der namenlose Ort scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Es überrascht einen fast, wenn Menschen plötzlich von Videorekordern spreche. Denn so, wie sie in ihrer aufgegeben Fabrik sitzen, Bier trinken und Poker spielen, hätten sie es auch vor hundert Jahren tun können. Der wichtigste Wirtschaftszweig der Region ist noch immer der Holzabbau, und auch wenn die Stämme nun nicht mehr von Pferden aus dem Wald gezogen werden, ist in den Wäldern von Vermont vor langer, langer Zeit die Uhr stehengeblieben zu sein. Fremden gegenüber ist man noch immer misstrauisch und unterstellt Menschen aus der Stadt grundsätzlich erstmal, sie hielten sich für etwas besseres.

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Aggressivität und Brutalität gehören zum Alltag der Männer. Große Kneipenschlägereien, gerne mit Knochenbrüchen und mehreren Bewusstlosen, zählen zu den wenigen aufregenden Ereignissen im Jahr und sind etwas, worüber man auch Monate später noch gerne spricht. Dementsprechend geizt auch das Buch nicht mit Szenen, in denen es etwas brutaler zugeht. Diese Gewalt ist aber ein so selbstverständlicher Teil der Geschichte, dass man sich darüber gar nicht groß wundert und schnell einsieht, dass es offenbar die einzige Lösung ist. Sogar Lillian sieht das bald ein, nachdem ihr bei der ersten Schlägerei, die ja quasi in ihrem Auftrag geschieht, doch ein wenig anders geworden ist. Abgemildert wird der recht raubeinige Umgang miteinander durch sehr viel Humor, der manchmal fast ins Absurde kippt. Während Lillian, Les und Nate versuchen Blackway zur Strecke zu bringen, bleiben die übrigen Männer in der Fabrik und führen wortkarge Gespräche, die sich immer im Kreis drehen, und die sie vermutlich auch schon das vierhundertste Mal führen, denn neue Themen sind rar. Also, wie war das das nochmal, als man Blackway bei dieser Kneipenschlägerei einen Stuhl übergezogen hat?

Männer mit Erfahrung ist ein smart konstruierter Roman, der eine ganz eigene Gesellschaft porträtiert, die tief im Wald verwurzelt ist und in die auch der Wald seine Wurzeln geschlagen hat. Nirgendwo anders könnte sie existieren, nirgendwo anders könnten ihre Gesetze gelten. Freeman gelingt es, überzeugend die Besonderheiten einer Siedlung einzufangen, die sich hinter dichten Baumreihen erfolgreich vor der Modernität versteckt.


Castle Freeman: Männer mit Erfahrung. Aus dem Englischen übersetzt von Dirk van Gunsteren. dtv 2018, 170 Seiten. Die Originalausgabe ist 2008 unter dem Titel Go With Me erschienen.

Das Zitat stammt von S. 60

Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Als kleines Kind hatte Juri einen schweren Verkehrsunfall. Erst wurde er vom Milchwagen erwischt, direkt danach von einer Straßenbahn. Auch vom Blitz wurde getroffen. Er ist wieder ganz gut hergestellt, aber sein Hirn ist immer noch ein bisschen kaputt. Manchmal fehlen ihm die richtigen Wörter, dann kommen zu viele. Dafür hat er ein offenes Gesicht das dazu führt, dass wildfremde Menschen ihm ihre Geheimnisse und Gefühle anvertrauen. Er lebt in der Hauptstadt mit seinem Vater, dem Zoo-Veterinär. Seine Mutter ist in einem Arbeitslager in Kolyma, kommt aber sicher bald zurück. Im Flur stehen immer zwei gepackte Koffer. Einer für seinen Vater, einer für ihn. Sie stehen nicht nebeneinander, denn eine gemeinsame Abreise ist unwahrscheinlich. Wenn der Vater abgeholt wird, soll Juri schnell seinen kleinen Koffer schnappen und bei einer Tante unterkommen.

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Doch dann werden tatsächlich beide zusammen abgeholt. Eines Tages stehen Männer vor der Tür und sagen dem Vater, er müsse mitkommen zu einem wichtigen Patienten. Ob Maus oder Elefant erfährt er nicht. Wenig später stehen die beiden vorm größten Elefanten überhaupt: Der Stählerne, der geliebte Onkel, der Architekt der Freude, Genosse Generalsekretär Josef Petrowitsch. Er sieht nicht gut aus und viel älter, als auf den Bildern, die man von ihm kennt. Die Diagnose des Vaters gefällt ihm dann auch gar nicht, er lässt ihn abführen, doch Juris freundliches Gesicht erfreut auch das Herz des Stählernen. Er darf bleiben und wird sein Vorkoster und Hüter allergrößter Geheimnisse. Dass ihn das selbst ihn Gefahr bringt, steht außer Frage.

„Was fangen wir nur mit dir an? Du siehst alles, aber du verstehst nichts.“

Juri wird gemeinhin als Trottel angesehen und akzeptiert. Selbst die Feinde des Stählernen sehen ihn nicht als ernste Bedrohung und versuchen, ihn mit kleinen Geschenken auf ihre Seite zu ziehen. Dadurch gewinnt er Einblicke in Intrigen und Machtstrukturen, die vor anderen verheimlicht werden. Der Blick des „nützlichen Vollidioten“ ist ebenso unvollständig wie entlarvend, zumindest für die Leser, denn Juri selbst versteht nicht viel von den Dingen, die um ihn herum passieren. Noch dazu ist er auch extrem gutgläubig und nimmt alles für bare Münze, was andere ihm versprechen. Beinahe schlafwandlerisch torkelt er durch die Zentrale der sowjetischen Macht, nimmt Dinge wahr und mit und merkt kaum, dass er mitten in den allerschönsten Putsch-Versuch geraten ist. Die Intriganten wiederum bemerken kaum, dass er weitaus mehr versteht, als er zugibt.

In der Schilderung der Ereignisse bleibt Wilson sehr nah an dem, was in den letzten Wochen in Stalins Leben geschehen ist. Alle Namen sind mehr oder weniger verändert, einige Orte bleiben zumindest vage, aber im Grunde folgt er den historischen Ereignissen. Auch die „Ärzteverschwörung“ wird thematisiert sowie etliche der Grausamkeiten, die Stalins Widersacher erfahren mussten. Auch einige Verschwörungstheorien baut er dabei ein, wie etwa die, dass nicht Stalins Leiche bei der öffentlichen Aufbahrung zu sehen war sondern eigens ein besser aussehender Doppelgänger umgebracht wurde. In einigen Rezensionen wurde Wilson deshalb für seine gute Recherche gelobt, aber seien wir ehrlich – das steht alles im wikipedia-Artikel. Und wo wir gerade schon ehrlich sind, so richtig umgehauen hat das Buch mich nicht. Es ist sehr unterhaltsam zu lesen, ich habe mich nicht gelangweilt, aber der Roman schwankt auch sehr in seiner Art der Erzählung. Mal ist es eine total harmlose  bis witzige Geschichte, dann gibt es wieder sehr brutale Folterszenen. Beeindruckend ist allerdings, mit welchem Gleichmut zumindest der Protagonist eben diese Folter zur Kenntnis nimmt.

Guten Morgen, Genosse Elefant ist ein unterhaltsamer Roman, der zumindest dann Spaß macht, wenn man wenigstens ein bisschen was über Stalins Leben und Sterben weiß. Ich bin nicht sicher, wie viel Sinn und Spaß dieser Roman macht, wenn das nicht gegeben ist. Besonderen Tiefgang oder ein Leseerlebnis das einen tiefen und bleibenden Endruck hinterlässt, sollte man so oder so aber nicht erwarten.


Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant. Übersetzt von Bernhard Robben. Kiepenheuer & Witsch 2018. Titel der Originalausgabe: The Zoo.

Das Zitat stammt von S. 192

Das Buch habe ich vom Verlag unverlangt und ohne Bedingungen vom Verlag erhalten. Danke dafür.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – zur Session beim Literaturcamp Hamburg

Am Samstag habe ich auf dem Literaturcamp in Hamburg eine Session über rechte Verlage gehalten. Exemplarisch habe ich an den Beispielen Antaios, Kopp und Manuscriptum gezeigt, wie Verlage vom rechten Rand es schaffen, in die Mitte des Buchmarkts zu drängen und den Diskurs über einige politische Themen stark zu beeinflussen. Ich dachte zwar, dass das nach der letztjährigen Buchmesse eigentlich schon ein alter Hut ist, ein vollbesetzter Raum hat aber das Gegenteil gesagt. Die 20 Minuten Diskussionszeit am Ende haben auch dann nicht gereicht, als wir sie um zehn Minuten überzogen haben. Offenbar gibt es da eine Menge Rede- und Informationsbedarf. Weil von so vielen Seiten wirklich konstruktiver und guter Input kam, habe ich hier nochmal ein paar Punkte und Argumentationen ausgeführt, die in der Session einfach zu kurz kamen oder nicht zu Ende ausformuliert werden konnten. Danke, dass ihr da wart, ihr wart großartig und ich hätte mich sehr gerne noch länger mit euch unterhalten! (Wer hier seinen Input wiedererkennt und genannt/verlinkt werden möchte, meldet sich bitte unbedingt! Ich war so geflashed von der Riesendiskussion, dass ich am Ende nicht mehr sicher sagen konnte, wer was gesagt hat)

Wie gehen Buchhandlungen mit Titeln rechter Verlage um?

Einige Buchhandlungen haben für sich entschieden, Titel bestimmter Verlage oder AutorInnen nicht auf ihren Flächen zu präsentieren, wenn sie den moralischen Werten der Belegschaft massiv widersprechen. Vor allem bei Titeln, die auf der Bestsellerliste stehen, haben viele Buchhandlungen Bedenken, weil diese Listen von vielen Leuten als Empfehlung wahrgenommen werden.

Ein prominent gewordenes Beispiel ist thalia, die massiver Kritik ausgesetzt waren, nachdem Bücher des Kopp-Verlags auf Tischen präsentiert wurden. Mittlerweile werden in (einigen?) Filialen Bestsellerplatzierungen bestimmter Titel durch einen Platzhalter ersetzt, auf dem darauf hingewiesen wird, dass man das Buch nicht im Laden präsentiert.

Meiner Erfahrung nach aber sind die meisten Buchhandlungen bereit, auf Nachfrage auch Titel zu bestellen, die sie lieber nicht im Laden stehen haben wollen.

Aber ist das nicht Zensur?

Nein. Zensur geht von öffentlichen Stellen aus. Sie greift, wenn rechtswidrige Inhalte veröffentlicht werden (sollen). Ein Werk, das komplett unter die Zensur fällt, muss nicht nur aus dem Vertrieb genommen sondern vollständig vernichtet werden. Sind nur einzelne Passagen eines Werks bedenklich, können diese herausgeschnitten oder bei Printprodukten geschwärzt werden. Danach kann das Produkt i.d.R. weiter vertrieben werden. Entscheidet eine nicht-staatliche Stelle ein Produkt nicht zu präsentieren oder nicht zu verkaufen, ist das keine Zensur sondern einfach eine Sortimentsentscheidung.

Aber in diesem Land herrscht doch angeblich Meinungsfreiheit!

Das stimmt und bedeutet, dass jede Person ihre Meinung frei äußern kann, sofern sie nicht gegen Gesetze verstößt. Sie darf aber selbstverständlich gegen die Meinung der regierenden Partei(en) verstoßen. Schwierig wird es natürlich, wenn eine Aussage gegen geltendes Recht verstößt. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn Volksverhetzung festgestellt wird oder Persönlichkeitsrechte verletzt werden. In diesem Fall muss die meinungsäußernde Person u.U. mit einer Strafe rechnen. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jede Person zu jeder Zeit ihre Meinung in die Welt brüllen darf und gehört werden muss. Wirte können beispielsweise Gästen Lokalverbot erteilen, man darf Leute bitten endlich mal die Klappe zu halten und Buchhandlungen können entscheiden, beliebige Titel nicht im Sortiment zu haben.

Die Kunden können ja wohl selbst entscheiden, was sie lesen wollen.

Klar können sie und das machen sie am Ende ja auch. Für einen ganz überwiegenden Teil der Bevölkerung ist der Buchhandel weder die erste noch die einzige Quelle um sich über Neuerscheinungen oder Bücher zu einem bestimmten Thema zu informieren. Zudem sind die allermeisten Buchhandlungen auch durchaus bereit, für KundInnen Bücher zu bestellen, die sie nicht im Laden liegen haben. Und wer in einer Buchhandlung das gewünschte Buch nicht bekommt geht halt zur nächsten oder bestellt im Internet.

Es geht nicht darum, dass Menschen ihre Bücher nicht haben sollen, sondern darum, dass vielen Menschen überhaupt nicht bewusst ist, wer oder was hinter einem Verlag steckt. Für BloggerInnen mag das unwahrscheinlich scheinen, aber es gibt da draußen eine Menge Menschen, die gerne lesen, aber überhaupt nichts über Verlage wissen. Wenn auf einem Tisch Bücher von fünf Verlagen liegen, ist es für die meisten Menschen in einem Buchladen nicht ersichtlich, wie vertrauenswürdig oder möglicherweise tendenziös die Inhalte sind. Die wenigsten werden sich die Mühe machen, das im Laden vor dem Kauf zu recherchieren. Zudem gilt für viele Menschen immer noch, dass das, was zwischen zwei Buchdeckeln steht, wahr ist. Viele hinterfragen die Inhalte nicht und kommen schon gar nicht auf die Idee, einzelne Fakten nochmal selber zu recherchieren oder auf Plausibilität zu überprüfen. Gleiches gilt für Sonderpräsentationen etwa in Form von Tischen. Auch diese werden als besondere Empfehlung der Buchhandlung wahrgenommen und geschätzt.

Es gefällt mir nicht, dass in einer Buchhandlung Bücher rechter Verlage/Autoren präsentiert werden. Was kann ich als Kundin/Kunde machen?

Supergute Frage. Leider nicht sehr viel. Natürlich kann man vor Ort die MitarbeiterInnen ansprechen und darauf hinweisen, dass man das schwierig findet. Gerade bei großen Filialisten ist es oft sinnvoller, sich direkt an die Geschäftsleitung zu wenden, da die Leute in den Filialen selbst nur sehr wenig Entscheidungsfreiheit haben. Man kann sich auch entscheiden, aufgrund der Sortimentspolitik nicht mehr in dieser Buchhandlung einzukaufen. Das sollte man dann aber auch mitteilen, sonst verhallt der Protest gänzlich ungehört. Meistens ist so etwas leider nur effektiv, wenn eine größere Menge sich diesem Protest anschließt, wie es z.B. bei thalia der Fall war.

Natürlich lässt sich das auch umkehren: wenn ihr vor Ort mehrere Buchhandlungen zur Auswahl habt, guckt euch das politische Sortiment an und kauft dann da ein, wo ihr euch am wohlsten fühlt. Wenn es dieses Angebot vor Ort nicht gibt, lassen sich mit ein wenig Recherche engagierte Buchhandlungen finden, die weiter weg sind, aber einen Onlineshop haben und sich über den Umsatz freuen.

Ein Vorschlag war auch, im Buchladen einfach andere Bücher davor zu stellen oder oben auf den Stapel zu legen. Das hat zumindest kurzfristigen Erfolg, dauert fünf Sekunden und tut keinem weh. Und je nachdem was man davorräumt macht es vielleicht sogar noch Spaß.

Ansonsten hilft nur Aufklärung. Wie oben schon gesagt, ist vielen Menschen nicht klar, welche Ideologie hinter manchen Büchern steckt. Sagt es ihnen. Sagt es euren Freunden, eurer Familie und wenn ihr einen Blog habt, sagt es der Welt. Und bleibt selbst informiert, z.B. über den Blog Kopp Verlag Watch. Und immer schön wütend bleiben!

Können die anderen Verlage was machen?

Auch eine supergute Frage. Titel rechter Verlage sind oft so erfolgreich weil sie unter reißerischen Titeln einfache Antworten geben. Da können und wollen andere Verlage oft nicht „mithalten“, zumindest was Impulskäufe angeht. Auch das radikale und öffentlichkeitswirksame Auftreten bei Buchmessen dürfte von den wenigsten Verlagen als nachahmenswert empfunden werden. Wobei ich schon gerne mal sehen würde, wie der Schmetterling-Verlag austickt.

Positionieren aber können sich alle Verlage, auch wenn sie selbst kein politisches Sachbuch im Programm haben. Einige Verlage haben sich zu diesem Zweck der Initiative Verlage gegen rechts angeschlossen, die auf Buchmessen präsent ist und verschiedene Veranstaltungen organisiert.

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Nach einer anstrengenden Schicht fährt der israelische Arzt Etan nach Hause zu seiner Familie. Dieses zu Hause ist seit kurzer Zeit in Beer Scheva, einer Stadt mitten in der Wüste, in die er unfreiwillig versetzt wurde. Zum Umzug aus Tel Aviv hat seine Frau ihn überredet, sich einen Jeep anzuschaffen, mit dem man durch die Wüste rasen kann. Das hat er nie getan und mittlerweile findet er die Idee auch nur noch lächerlich. In dieser Nacht aber, in der ein riesiger Mond am Himmel steht, überkommt ihn auf einmal der Wunsch, die Kraft des Jeeps doch mal zu nutzen. Mit aufgedrehter Musik rast er durch die Wüste, wirft im Rückspiegel einen Blick auf den beeindruckenden Mond und spürt auf einmal einen Aufprall. Er hat einen Menschen überfahren, der mitten in der Nacht auf der Straße unterwegs war. Er steigt aus, registriert die Schwere der Verletzung und weiß, dass das Unfallopfer nicht überleben wird. Er sieht auch, dass der Mann ein Schwarzer ist, ein unregistrierter Einwanderer vermutlich. Unwahrscheinlich, dass Angehörige einen Skandal aus der Geschichte machen. Ebenso unwahrscheinlich, dass ihn jemand gesehen hat. Etan steigt wieder ins Auto und fährt davon.

Gundar-Goshen_LöwenWecken

Dass er seiner Schuld nicht davon fahren kann, registriert er am nächsten Morgen. Ständig hat er das Gesicht des Mannes vor Augen, der ihn noch einmal kurz angesehen hat. Und dann steht auch noch die Witwe des Mannes vor der Tür. Sie hat sein Portemonnaie am Unfallort gefunden und schlägt ihm einen Deal vor: sie schweigt, wenn er tut, was sie will. Was sie will ist nicht weniger als eine ärztliche Versorgung in der Unterkunft der Migranten, die am Rande eines Kibbuz leben. Die Männer und Frauen arbeiten schwarz in den Einrichtungen des Kibbuz, putzen und arbeiten in der Küche des Restaurants. Von da an verbringt Etan jede Nacht in einer alten Werkstatt wo er auf einem verrosteten Metalltisch Wunden verbindet, Durchfallerkrankungen behandelt und versucht, die Tuberkuloseverbreitung einzudämmen. Seine Frau darf von all dem nichts wissen, denn sie ermittelt als Kriminalbeamtin im Fall des getöteten Eritreers. Es ist unmöglich, sie ins Vertrauen zu ziehen. Immer weiter verstrickt Etan sich im Gewirr seiner Lügen und bald steht seine ganze Existenz auf dem Spiel.

„Dieser Mann, der zu Fuß ging – erst der nächste Schritt wird zeigen, ob er noch ein Mensch ist oder bereits etwas anderes, ein Wort, das man nur denken braucht, und schon erstarrt der Fuß in der Luft, mitten im Schritt, denn am Ende des Schritts könnte sich zeigen, dass der Mann, der zu Fuß ging, kein gehender Mensch mehr ist, oder überhaupt kein Mensch mehr, nur noch die Hülle eines Menschen, eine aufgesprungene Hülle, und der Mensch ist weg.“

Der Anfang des Romans ist packend. Gleich am Anfang geschieht der Unfall. Die Sprache ist knapp, beinahe abgehackt und stark. Man leidet mit dem verzweifelten Etan, der in der Situation völlig überfordert ist. Man weiß, dass er moralisch falsch handelt, Gundar-Goshen stellt seine Entscheidung aber als völlig nachvollziehbar dar. Das bleibt auch den ganzen Roman über so. Es gibt keine schwarz-weiß-Zeichnung, keine Unterteilung in gut und böse. Beinahe jede Person in diesem Roman hat gute Gründe für ihr Handeln, so grausam und falsch es einem auch zuerst erscheinen mag. Das erste Auftauchen von Sirkit, der Frau des getöteten Eritreers aber hat mir den Anfang schon wieder versaut. Etan hat sein Portemonnaie am Unfallort verloren und damit steht sie nun vor der Tür. Im Ernst – was besseres ist uns nicht eingefallen? Dieser Einstieg in die Erpressung ist so banal, dass er TKKG würdig wäre. Da werfen Täter auch ständig mit Ausweispapieren und Abholmarken aus der Reinigung um sich als wäre es Konfetti.

So interessant und gelungen die Figurenzeichnung an vielen Stellen auch ist, entwickelt der Konflikt sich zum Teil doch recht mühsam. Ich sehe ein, dass die enervierende Wiederholung Teil des Konflikts ist. Immer wieder muss Etan Ausreden finden, wo er in der Nacht war. Bei der Arbeit gibt er vor, krank zu sein oder sich um seine Kinder kümmern zu müssen. Verwundert erfährt seine Frau von Asthmaanfällen ihres Sohns, als sie auf der Station anruft und ihren Mann sprechen will. Der Konflikt als solcher bleibt die ganze Zeit bestehen und bewegt sich kaum von der Stelle, er bauscht sich nur immer mehr auf, wird größer und größer und schnell wird klar, dass der große Knall nicht mehr abzuwenden ist. Wie viel Knallpotenzial tatsächlich hinter dem ganzen Drama steckt, wird erst gegen Ende richtig deutlich. Das Finale hat es in sich und wirkt fast unpassend actionreich nach dem stillen und verzweifelten Kampf in der Negevwüste. Allerdings ist der Roman dabei auch ein interessantes Gesellschaftsporträt. Gundar-Goshen stellt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen dar, ihre Konflikte untereinander und das oft versteckte Misstrauen untereinander. Während kaum einer der Charaktere offen rassistisch handelt, hegen viele doch Ressentiments, vor denen sie selbst manchmal erschrecken.

Löwen wecken hat das Zeug zum Krimi, allerdings ist mir nicht ganz klar, warum die Autorin das so lange geheimhält. Das Augenmerk liegt auf dem psychologischen Konflikt, den die meisten Figuren allein mit sich ausmachen müssen. Die Hintergründe der Handelnden erfährt man nur zögernd nach und nach, so dass sich manche Verhaltensweisen erst rückblickend erschließen. Das ist natürlich auch sehr interessant, aber es hätte dem Roman auch gut getan, wäre nicht beinahe alles im letzten Viertel passiert.


Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken. Übersetzung aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber 2017. Originalausgabe 2014 unter dem Titel Leha’ir Arajot bei Kinneret.

Das Zitat stammt von S. 8

Grauenhafte Dinge aus Büchern: Tinned Pie aus Deirdre Maddens „Molly Fox’s Birthday“

In Molly Fox’s Birthday geht die namenlose Protagonistin für ein einfaches Mittagessen einkaufen. Sie hat sich vorher keinen Plan gemacht, der Laden ist klein, die Auswahl beschränkt:

„Battered and fried things being kept under warm glass, tinned pies – how far gone did you have to be to eat a tinned pie? – exhausted fruit and cart-load of lurid magazines.“

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mal Pie in der Dose gekauft habe. Es sah aus wie etwas, das einen glücklich machen könnte, wenn man Samstag zu viel getrunken hat und Sonntag auf dem Sofa liegt. Fett, Salz, Soße. Dieser Sonntag kam nie, oder er kam und dann habe ich doch Rollo bestellt, und langsam näherte der Pie sich seinem Verfallsdatum, das, als ich ihn kaufte, noch in ferner Zukunft lag.

Also Deckel runter und ab in den Ofen. Was sich unter dem Deckel befindet ist tatsächlich Fett, Salz, Soße. Aber in keiner Kombi, die irgendeinen Menschen glücklich machen könnte. Ich weiß nicht, wie viele von euch mit Mockturtle aus der Dose vertraut sind. Wer es kennt, stellt sich jetzt mal Mockturtle unter ambitionslosem Blätterteig vor. Alle anderen denken ersatzweise an die mieseste Gulaschsuppe, die sie je gegessen haben. Und alle freuen sich mit mir, dass der Pizzaladen in meiner Straße heute keinen Ruhetag hat.

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Steht noch die Frage im Raum „how far gone did you have to be to eat a tinned pie?“. Ich weiß es nicht. Außerhalb von akut lebensbedrohlichen Situationen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sowas essen möchte. Wirklich nicht. Und auch dann würde ich es vielleicht nicht essen, weil ich fürchten würde, von dieser unglaublichen Menge Fett Durchfall zu kriegen und meinen ohnehin lebensbedrohlichen Zustand durch Dehydrierung noch zu verschlimmern.

DON’T TRY THIS AT HOME!


Das Zitat stammt von S. 68 von Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday. Faber and Faber 2009.

Bremen liest – die erste Bremer Literaturnacht

Bremen ist jetzt sicher nicht der erste Ort, der einem als literarische Hochburg einfallen würde. Tatsächlich hat die Stadt weder berühmte Autoren noch große Verlage aufzuweisen, wenn man mal von Sven Regener absieht. Das hält die vorhandene literarische Szene aber nicht davon ab, immer wieder spannende Projekte auf die Beine zu stellen.

Nun haben das Literaturkontor Bremen das Verlagskontors Wellenschlag die erste Literaturnacht veranstaltet. In 14 zumeist innenstadtnahen Buchhandlungen und Verlagshäusern traten 40 verschiedene AutorInnen aus der Region auf, die in Lesungen ihre Texte vorstellten. Die einzelnen Veranstaltungen waren dabei jeweils so kurz gehalten, dass man zwischendrin den Ort wechseln konnte, um möglichst viele interessante AutorInnen erleben zu können. Bleiben war natürlich auch erlaubt und der Eintritt zu allem kostenlos. Umso netter, dass es noch dazu Getränke aufs Haus gab. Zumindest in den beiden Häusern die ich besucht habe, weiter kamen wir nämlich gar nicht.

Unser Abend begann in der Buchhandlung Sieglin, wo Béatrice Hecht-El Minshawi Auszüge aus ihrem bei Springer erschienen Buch Muslime in Beruf und Alltag las. Sie folgte dabei dem Leitgedanken, dass Menschen muslimischen Glaubens schon lange fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind und versucht, Unwissen und Missverständnisse im alltäglichen Umgang abzubauen. Wären wir bei Sieglin geblieben, hätten wir noch Gedichte über das Meer von Sabine van Lessen hören können und eine satirische Lesung des Liedermachers Hans-Martin Sänger. Uns zog es aber ein paar Straßen weiter zum Text- und Verlagskontor Wellenschlag, dessen Mitarbeiterinnen ja auch maßgeblich an der Organisation des Abends beteiligt waren.

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Essen aus Büchern: Lamb Dawn Sock aus Zadie Smiths „White Teeth“

Das Personal von Zadie Smiths Roman White Teeth hat einen recht multi-ethnischen Hintergrund. Nun aber sind sie alle in London gestrandet und einer der Charaktere, Samad, verdient sein Geld im Restaurant eines entfernten Verwandten. Er hasst diesen Job mit Hingabe. In seiner Heimat Bangladesh hat er einen Studienabschluss erworben, der ihm in London nichts bringt. Die Gäste interessieren sich nicht einen Hauch für das Essen und die Kultur seiner Heimat, wollen zu allem immer nur Pommes und dann muss er auch noch ergeben dankbar sein für 15 Pence Trinkgeld.

„Lamb Dawn Sock and rice. With Chips. Thank you.
And fifteen pence clinked on China. Thank you, sir. Thank you so very much.“

Die Gerichte, die in diesem Restaurant serviert werden, sind maximal anglisiert und haben mit den Originalen nicht mehr viel zu tun. Lamb Dawn Sock ist natürlich nicht der richtige Name, sondern eine ebenfalls anglisierte Aussprache von Lamb Dhansak, einem Gericht der Parsi-Küche. Es handelt sich um geschmortes Lamm mit Linsen, in der Regel kommt auch noch Gemüse rein und eine ganze Menge Gewürze.

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Arundhati Roy: The Ministry of Utmost Happiness

20 Jahre liegen zwischen dem ersten Roman von Roy und diesem, ihrem zweiten. The God of Small Things war 1997 ein großer Erfolg und mit entsprechender Spannung wurde dieser Roman erwartet. In der Zwischenzeit war Roy allerdings nicht untätig. Sie ist politisch in Indien sehr aktiv und hat darüber mehrere Bücher geschrieben. Sie kämpft gegen den hinduistischen Nationalismus und setzt sich für die Rechte der Adivasis ein, Angehörige indigener Volksgruppen, die als Nicht-Hindus an vielen Stellen massiv benachteiligt werden. Für einige Zeit war sie mit maoistischen Guerilla-Truppen unterwegs und berichtete von ihrem Kampf gegen die Enteignung in ländlichen Gebieten. Außerdem spricht sie sich für die Unabhängigkeit Kaschmirs aus, was in The Ministry of Utmost Happiness sowohl deutlich durchklingt als auch eine große Rolle spielt. Trotz allen politischen Kämpfen hat sie aber doch noch Zeit fürs kreative Schreiben gefunden.

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Die Geschichte beginnt mit Anjum, einer Hijra, die in Delhi lebt. Ihre Eltern geben sich alle Mühe, sie als ihren Sohn Aftab aufzuziehen, doch als Aftab das erste mal eine Hijra sieht, die über den Markt stolziert, ist dieses Vorhaben endgültig gescheitert. Sobald es geht verlässt Anjum ihre Familie um mit den Hijras zu leben und wird eine gefragte und oft interviewte Aktivistin für die Rechte inter- und transsexueller Menschen. Eines Tages hat sie aber auch von den Hijras genug, verlässt die Gemeinschaft und geht zurück zu ihrer Familie, die mittlerweile allerdings geschlossen auf dem Friedhof liegt. Und dort lebt nun auch Anjum. Man lässt sie gewähren, als sie sich einen kleinen Verschlag baut und lässt sie weiter gewähren, als dieser Verschlag wächst und wächst und schließlich zu einem „Gasthaus“ wird, das alle aufnimmt, die sonst gerade keinen Platz finden.

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Jürgen Goldstein: Blau – Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Als ein Flaneur will Jürgen Goldstein sich in seinem Buch dem Blau nähern und „eine Wunderkammer seiner Bedeutungen“ öffnen. Eine Wunderkammer, so führt er aus, war eine Sammlung von Fundstücken, die der Besitzer für schön, bemerkenswert oder bewahrenswert hielt. Im Gegensatz zum Museum stand dahinter nicht der Anspruch einer geordneten, katalogisierten Sammlung, die den Besucher systematisch informiert und bildet. So ist auch Goldsteins Herangehensweise. Er betrachtet verschiedene Blaus in Kunst und Kultur, ohne dabei aber den Anspruch zu haben, eine vollständige Kulturgeschichte zu verfassen. Die Auswahl seiner Fundstücke ist zudem gänzlich subjektiv und unterliegt keinen definierten Kriterien.

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Goldstein schreibt über Blue Notes ebenso wie Yves Kleins patentiertes Blau und die Entwicklung der Blue Jeans. Er berichtet von der Restaurierung von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ und der Blauen Blume und natürlich darf auch Goethes Farblehre nicht fehlen. Auch der religiöse Aspekt der Farbe wird behandelt, sowohl im Christentum als auch in anderen Weltreligionen. Goldsteins Auswahl ist angenehm offen und vielfältig, dafür müssen aber auch wichtige Blaus außen vor bleiben, wie der Autor selbst auch anmerkt. Das Buch ist sehr informativ und kurzweilig geschrieben und man entdeckt, wie es in einer Wunderkammer ja auch sein soll, einige überraschende Fundstücke, die man sonst vermutlich übersehen hätte. An einigen Stellen allerdings erschien mir der Bezug zum Blau ein wenig sehr weit hergeholt.

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Rachel Cusk: Outline

Die bis knapp vor Ende namenlose Protagonistin in diesem Roman ist Autorin und verbringt eine kurze Zeit im Sommer in Athen um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Sonst erfährt man beinahe nichts über sie, was stellenweise irritierend ist, denn der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Ihr Alter ist nur anhand der Eckdaten abschätzbar, sie lebt in London, hat Kinder und hat sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt. Finanziell sieht es nicht besonders gut aus für sie. Über ihre Interessen, ihr Aussehen, ihre Vergangenheit oder ihre Herkunft aber erfährt man darüber hinaus absolut nichts.  Nach der Trennung, die noch nicht sehr lange her sein kann, ist sie in der Schwebe, weiß nicht, wie es weitergeht, ob sie jemals wieder in einer Beziehung leben will. Charakterisiert wird sie, wo überhaupt, nur durch ihre Reaktion auf die Geschichten anderer Menschen.

„This anti-description, for want of a bett way of putting it, had made something clear to her by a reverse kind of exposition: while he talked she began to see herself as a shape, an outline, with all the detail filled in around it while the shape itself remained blank.“

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