Verzweifelter Roadtrip – „Das Ungeheuer“ von Terézia Mora

Darius Kopp ist am Boden. Seine Frau und große Liebe Flora hat sich umgebracht. Ein Jahr ist das nun her. Ein Jahr, in dem er seine Wohnung nicht verlassen hat, nicht gearbeitet hat und immer noch keine Antwort darauf gefunden hat, wie es soweit kommen konnte und wie es weitergehen soll. Immer mehr Menschen bedrängen ihn, endlich aus seiner Trauer zu erwachen, endlich mal wieder zu duschen, einen neuen Job zu finden und sich zu überlegen, was mit der Asche seiner Frau passieren soll. Darius weiß es nicht.

Auf dem Laptop seiner Frau hat er Dateien gefunden, fast alle in ihrer Muttersprache Ungarisch verfasst. Er lässt sie übersetzen und dann fährt er los, auf der Suche nach einer Antwort und einem Ort, an dem Flora ihre letzte Ruhe finden kann. Er reist nach Budapest, von dort in das kleine Dorf, in dem sie aufgewachsen ist und dann, als er auch dort keine Lösungen findet, immer weiter, über Kroatien, Albanien, in die Türkei und nach Griechenland und schließlich nach Georgien. Die Asche hat er sich für eine gar nicht geringe „Gebühr“ nach Ungarn liefern lassen und weiß noch immer nicht, wohin damit, als er das Land schon wieder verlässt. Die Urne bleibt in seinem Kofferraum und begleitet ihn auf jeder Station seiner Reise.

So wie auch Floras Laptop, dessen Dateien er systematisch durchforstet. Er findet Bruchstücke von Übersetzungen, Texte über psychische Erkrankungen, Gedichte und Tagebucheinträge. Gestalterisch sind die beiden Texte durch eine dicke schwarze Linie getrennt: Auf der oberen Hälfte jeder Seite kann man Darius Irrfahrt durch Osteuropa verfolgen, auf der unteren Hälfte Floras Texte und Dateien lesen. Wie genau man das angeht, wie man die beiden Ebenen in eine Beziehung bringt, bleibt einem weitestgehend selbst überlassen. Eine Kapitelnummerierung ist vorhanden, folgen muss man ihr aber nicht. Die Texte begleiten einander nicht durchgehend, auf vielen Seiten schweigt Flora und man folgt nur Darius Reise und Gedanken. Aber auch so wird deutlich, dass Floras Leben schon lange nicht mehr sicher war. Schon sehr lange hat sie sich mit Suizid-Gedanken getragen, hat auch erkannt, dass sie psychisch erkrankt war, konnte aber nicht dagegen ankommen und nicht die Hilfe finden, die sie gebraucht hätte. Die letzten Monate vor ihrem Tod hat sie den Laptop gar nicht mehr benutzt und keine Aufzeichnungen mehr hinterlassen. Stattdessen lebte sie vor den Toren Berlins auf einem Aussteigerhof, arbeitete im Garten, ging spazieren und kam ihrem Mann immer mehr vor wie eine entrückte Vogelscheuche. Immer weniger Verständnis hatten die beiden füreinander, immer deutlicher wird der Bruch in Darius Schilderungen, aber auch seine Verzweiflung über die Situation.

„Die Wahrheit ist: du kannst dich bemühen, ein gelungenes Leben zu führen, demütig, ausdauernd, umsichtig. Wenn die Krankheit zuschlägt, ist das alles vollkommen für die Katz.“

Mehr und mehr fragt man sich, wie das alles so lange hat gutgehen können, wie die Ehe der beiden so lange halten konnte. Das Ungeheuer ist ein fordernder Roman. Formal, weil er einem eine gewöhnungsbedürftige Art der Lektüre abverlangt, aber auch inhaltlich. Es fühlt sich fast falsch an, Floras Dateien zu lassen, die sie mutmaßlich auf Ungarisch verfasst hat, um ihren Mann vom Lesen abzuhalten. Und Unbekannte erst recht. Aber es ist der einzige Weg, sie kennenzulernen, denn selber erzählen oder auch nur selber da sein kann sie ja nun nicht mehr. Die Geschichte der beiden ist tragisch und mit jeder Grenze, die Darius überschreitet, kommt noch etwas mehr ans Licht. Nach und nach kommt die Geschichte zweier Leben ans Licht, die einfach nicht zusammen geführt werden konnten. Das verdeutlicht auch der dicke Strich zwischen den beiden, der sich den gesamten Roman lang durchzieht. Flora bleibt fremd, auch ihrem Mann, der erst während seiner Reise erkennt, wie fremd sie ihm wirklich war. So wirft sein Roadtrip denn auch mehr Fragen auf, als er beantworten kann.


tl;dr: Eine traurige, düstere Geschichte über das tragische Ende einer Liebe, die vor allem durch ihren ungewöhnlichen Aufbau überzeugt.


Terézia Mora: Das Ungeheuer. Luchterhand 2013. 681 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 439.

Der Wald hat Klauen – „Mama“ von Jessica Lind

Amira und Josef fahren raus aus Wien und rein in den Wald um einige Tage in einer abgelegenen Hütte zu verbringen, die schon lange Josefs Familie gehört. Er ist im nahen Dorf aufgewachsen und hat im Wald viele glückliche Tage mit seinem Vater verbracht. Amira ist angespannt. Sie versucht seit langem, schwanger zu werden und hofft, dass es bald endlich klappt. Der Zykluscomputer hat gute Chancen errechnet, doch ausgerechnet jetzt kommen Josef Zweifel, ob er wirklich Vater sein will.

Doch nicht nur das: Statt der erhofften Idylle erscheint der Wald Amira plötzlich gruselig und voller Geheimnisse. Eine herrenlose Hündin schleicht um die Hütte und am Waldrand taucht ein einsamer Wanderer auf, der zu ihr herüberstarrt. Wenn sie sich ihm nähert, verschwindet er spurlos. Und auch Josefs Tage in der Hütte waren offenbar nicht so schön, wie er immer erzählt hat. Bei einem der Ausflüge in den Wald ist sein Vater ums Leben gekommen. Oder stimmt die Geschichte gar nicht?

„Nach und nach hat dieses Wesen in ihrem Bauch ihr Leben verändert. Es breitet sich aus, lässt kaum noch Platz für Amira, die immer geglaubt hat, dass sie sich genau das wünscht.“

Jessica Lind verknüpft in ihrem Roman gekonnt verschiedene Zeit- und Bedeutungsebenen. Schon bald kann man nicht mehr darauf vertrauen, dass man Albtraum, Phantasie und Realität erkennen und unterscheiden kann. Auch Amira scheitert daran. Sie verzweifelt an ihren eigenen Zweifeln und ebenso an ihrer Rolle als Mutter, die sie sich immer erträumt hat, aber von der sie plötzlich nicht mehr weiß, ob sie sie wirklich noch will. Ob sie zu dieser Selbstaufgabe wirklich bereit ist und ob sie überhaupt notwendig ist. Hoffte sie eigentlich, im Wald zu sich und zu Klarheit, zu Ruhe zu kommen, merkt sie bald, das sie dafür am ganz falschen Ort ist. Aber wen der Wald erst einmal aufgenommen hat den lässt er so schnell nicht gehen.

Mama bewegt sich zwischen Märchen und Thriller, stellt die Realität auf den Kopf und die eigene Wahrnehmung in Frage. Zugleich befasst der Roman sich damit, was es bedeutet, unbedingt Mutter sein zu wollen und wie es ist, eine zu sein, was es mit dem Ich und dem Uns macht. Zwar sind diese Fragen in der Literatur zur Genüge behandelt worden, Lind findet dafür aber eine ganz neuen Rahmen und neuen Ausdruck. Ein vielschichtiges, mindestens doppeldeutiges, forderndes und gelungenes Debüt.


Jessica Lind: Mama. Kremayr & Scheriau 2021. 192 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 70/175 der eBook-Ausgabe.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, das mir im Rahmen von Das Debüt 2021 zur Verfügung gestellt wurde.

Der Quell der Hoffnung – „Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen“ von Janine Adomeit

Der mondäne Kurort Villrath mit seinem schicken Kurhaus, dem gepflegten Park und dem weitläufigen Boulevard war über Jahrzehnte ein gefragter Urlaubs- und Erholungsort. Eine sprudelnde Heilquelle spülte Touristen in den Ort, versprach den Gästen Linderung diverser Leiden und Villrath volle Kassen. Davon ist nichts mehr übrig geblieben. Ein Erdbeben hat vor fast zwanzig Jahren die wertvolle Quelle zum Versiegen gebracht und mit dem Wasser blieben bald auch die Besucher aus. Nun dämmert der Ort trostlos vor sich hin, die Schaufenster ehemals exklusiver Boutiquen sind vernagelt und mit Graffiti besprüht. Auch Vera leidet unter der Situation. Früher hat sie eleganten Damen die Haare frisiert, nun betreibt sie das „Stübchen“ wo sie Mittagstisch und Feierabend-Bier verkauft, das eigene Elend in Jägermeister ertränkt und ihrem Traum vom eigenen Friseur-Salon nachtrauert.

Doch unerwartet gibt es Hoffnung: Als im nahen Wald eine neue Bahntrasse gebaut werden soll, fängt die Quelle nach einer Sprengung plötzlich wieder an, zu sprudeln. Wie ein fetter, silberner Aal ergießt sich ein neuer Quell der Hoffnung in Richtung Villrath. Alle sind ganz aus dem Häuschen und machen große Zukunftspläne, als die Realität ihnen einen harten Dämpfer verpasst. Die Bahn ist gerne bereit, woanders zu bauen, aber nur, wenn die Stadt Villrath die Mehrkosten trägt. Und das ist ganz unmöglich, leer wie die Gemeindekasse mittlerweile ist. Aber so schnell gibt Vera nicht auf. Damit sie endlich dem verhassten Stübchen Lebewohl sagen kann, legt Vera sich richtig ins Zeug.

Adomeit bevölkert den kleinen Ort mit einer Menge skurriler Figuren. Veras Sohn, der von der großen Liebe und einem Motorrad träumt, sein zwielichtiger väterlicher Freund Harry, der ihm merkwürdige Jobs verpasst, Kramp, der versucht, die Lücke, seine Frau hinterlassen hat, mit Katzen zu füllen – sie alle verpassen Villrath einen eigenen Charme. Gleichzeitig kann man sich kaum vorstellen, dass diese Menschen von jetzt auf gleich ihr Leben auf links krempeln und mit Begeisterung anspruchsvolle Gäste empfangen wollen.

Der Roman gibt sich alle Mühe, mit der Schrulligkeit seiner Figuren zu punkten. Das ist auch die einzige Chance, denn die Geschichte ist nun nicht besonders mitreißend, wenn auch ganz charmant erzählt. Stilistisch gibt es nichts zu meckern, aber man fragt sich doch zwischendrin, wo der Text eigentlich hin will und was er erzählen will. Jede Figur bringt ihren eigenen Konflikt und ihren eigenen Traum mit, alle kommen mal zu Wort. Im totgesagten Villrath ist so viel los, ereignen sich so viele kleine und große Geschichten, dass man manchmal gar nicht mehr weiß, wo man zuerst hingucken soll. Zusätzlich zu den Bürger*innen der Stadt gibt es draußen im Wald auch noch Protestcamp, das gegen die Bahntrasse vorgehen will und zwar Aktualität, aber auch eben noch einen Schauplatz in den Roman trägt. Der Fokus des Romans wechselt so oft, dass er irgendwann gänzlich verloren geht.

„Sie wusste, wie eine Chance aussah, sich anfühlte, roch, sie hatte zu lange keine mehr gehabt.“

So tritt dann auch das ganze Unterfangen ganz schön auf der Stelle und eine Figurenentwicklung ist nicht feststellbar. Selbst Vera, die endlich ihren großen Traum zum Greifen nah sieht, kommt nicht so richtig in die Gänge. Zwar hat sie immerhin ein Buch darüber bestellt, wie man einen Friseursalon führt, guckt aber kaum rein. Es ist ihr auch eigentlich zu kompliziert mit den ganzen Zahlen. Ähnlich träge sind auch die übrigen Charaktere. Ganz Villrath ist in einen dösigen Mittagsschlaf gefallen, aus dem keine Quelle der Welt es noch aufwecken kann. Auf einen echten Durchbruch wartet man auf jedem der zahlreichen Schauplätze vergebens. Gleich der hoffnungsspendenden Quelle in seinem Zentrum plätschert der Roman dahin. Für Entspannung sorgt er möglicherweise auch noch, mehr dann aber auch nicht.


Janine Adomeit: Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen. dtv 2021, 429 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 161.

Essen aus Büchern: Lobiani aus Nana Ekvtimishvilis „Das Birnenfeld“

Die Welt, die Nana Ekvtimishvili ihren Figuren in Das Birnenfeld zumutet, ist eine fast gänzlich trostlose. Der Roman spielt in einem Internat, das mehr eine Sammelstelle ist für Kinder, die nicht mehr bei ihren Eltern leben können, als eine wirkliche Bildungseinrichtung. Der Umgang ist lieblos und rau, auch unter den Kindern und Jugendlichen. Das Internat steht am Rande von Tiflis und ist in der Gegend verschrien. Mit den merkwürdigen, verrohten Kindern will niemand etwas zu tun haben. Eine seltene Ausnahme ist die gutherzige Msia, die mit ihrer Familie im Nachbarblock lebt. Irakli, ein Junge aus dem Internat, darf von ihrem Apparat aus seine Mutter anrufen. Das macht er regelmäßig und ebenso regelmäßig verspricht sie ihm, bald zu Besuch zu kommen. Sie kommt nie.

Msias Wohnung ist das Gegenteil vom Internat: Immer ist es blitzsauber, immer ist sie guter Dinge und immer ist Essen auf dem Herd oder Brot im Ofen. So ist es auch dieses mal und für den enttäuschten Irakli gibt es zumindest einen kleinen Trost zum Mitnehmen:

„Beim Rausgehen erscheint Msia an der Wohnungstür und drückt jedem zwei heiße Stücke Lobiani-Bohnenbrot in die Hand, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt, damit sie sich nicht die Finger verbrennen.“

Da ist Irakli der Appetit eigentlich schon vergangen. Wieder einmal hat seine Mutter ihn vertröstet und ihm auch kaum zugehört am Telefon. Und auch seine Freundin Lela, die hin immer zu Lela begleitet, macht ihm Vorwürfe, er würde seiner Mutter „in den Arsch kriechen“. Aber trotzdem – das Brot schmeckt und wer im Internat lebt, kann sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, etwas so Köstliches wie ofenfrisches Lobiani ganz für sich allein zu haben. Und falls ihr diese Freude nachvollziehen wollt, ist hier ein Rezept dafür:

Lobiani

Teig:

  • 500 g Mehl
  • 1 Würfel Hefe
  • 150 ml Milch, lauwarm
  • 250 ml Wasser, lauwarm
  • 1 Prise Zucker

Füllung:

  • 2 Dosen Kidney-Bohnen, abgetropft
  • 1 TL Bohnenkraut, gehackt
  • 1,5 TL Chmeli Suneli*
  • 1 TL Butter
  • 300 g Zwiebeln, gewürfelt
  • Salz und Pfeffer

außerdem:

  • Mehl zum Ausrollen
  • 1 Ei

* Chmeli Suneli ist eine georgische Gewürz- und Kräutermischung, die u. a. Koriander, Dill, Estragon, Thymian, Majoran, Lorbeer und Bohnenkraut enthält. Man kann sie in Geschäften bekommen, die osteuropäische Lebensmittel verkaufen oder natürlich online bestellen oder aus den oben genannten Zutaten selber mischen.

Für den Teig die Hefe im Wasser auflösen. Mit Milch, Mehl und Zucker ca. 10 Minuten lang zu einem glatten, elastischen Teig verkneten. Abgedeckt an einem warmen Ort eine Stunde gehen lassen.

In der Zwischenzeit die Füllung vorbereiten. Dazu die Zwiebel in der Butter glasig dünsten. Die Bohnen grob pürieren oder mit dem Kartoffelstampfer zerdrücken. Die gegarten Zwiebeln und die Gewürze unter die Bohnenmasse ziehen, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Füllung beiseite stellen.

Den Teig nach einer Stunde noch einmal durchkneten und anschließend weitere 20 Minuten gehen lassen.

Den Ofen auf 190°C vorheizen.

Die Arbeitsfläche mit etwas Mehl bestreuen und den Teig auf ca. 30 cm Durchmesser ausrollen. Die Bohnenmasse in die Mitte geben und den Teig von den Rändern her darüber schlagen. Die „Nahtstellen“ sorgfältig zusammendrücken. Den gefüllten Fladen vorsichtig wieder auf 25 cm ausrollen (in diesem Video wird gezeigt, wie das geht). Mit der Nahtseite nach unten auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech legen.

Das Ei verrühren und das Brot damit einstreichen. In die Mitte der Oberseite vier Schlitze schneiden, durch die beim Backen der Dampf entweichen kann.

Auf mittlerer Schiene 15 – 20 Minuten backen bis das Brot goldbraun ist.

Dank der Füllung ist das Brot eigentlich schon eine Mahlzeit für sich, ist aber natürlich auch als Beilage bestens geeignet.


Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld. Suhrkamp 2018, 220 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 46.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Alpträume aus der Nähmaschine – „Das Alphabet der Puppen“ von Camilla Grudova

Nähmaschinen ziehen sich als roter Faden durch die phantastische Geschichtensammlung Das Alphabet der Puppen, der Debüt-Veröffentlichung der kanadischen Autorin Camilla Grudova. Sie erscheinen als weibliche Domäne, nahezu durchgehend sind es Frauen und Mädchen, die an den Maschinen sitzen, die Rücken dauerhaft gekrümmt vom genauen Hinsehen in schlechtem Licht, von der eintönigen Arbeit. Gleich in der ersten Geschichte entdeckt Greta, dass sie sich auftrennen kann und dass unter ihrer Haut eine Form erscheint, die „die ideale Grundform für eine Nähmaschine“ ist.

Ganz so abgedreht geht es nicht weiter, zumindest wird niemand mehr beinahe zu einer Nähmaschine. Aber der Sphäre des Phantastischen bleibt Grudova treu. Viele ihrer Erzählungen greifen Märchenmotive auf, die an die Grimms erinnern oder an Andersen. Aber auch ihre modernen Adaptionen klingen durch. Manchmal erinnert der Ton sehr an die Märchenfassungen Angela Carters. Das ist es dann aber schon an Ähnlichkeiten. Grudova findet einen sehr eigenen Ton und eine sehr eigene Welt, in der sie ihre Figuren agieren lässt. Es scheint nicht immer dieselbe zu sein, aber die Dystopie ist ihnen gemein. Man weiß nicht, ob ihre Geschichten kurz vor der Apokalypse spielen oder Jahre danach, oder einfach in einer Realität die immer schon grauenhaft war.

„Ich war auf der Suche, es erschien mir unmöglich, dass diese Stadt der Fabriken, der Fachgeschäfte, diese Stadt, die alles in große Mengen herstellen konnte, nur einen wie mich produzierte.“

Weiterlesen

Der Mut zum Widerstand – „Die Gegenstimme“ von Thomas Arzt

Im April 1938 stimmt ganz Österreich über den „Anschluss“ ab, der de facto schon stattgefunden hat. Und natürlich stimmt man dafür. Der Wandel in der Politik verspricht schließlich Wohlstand und Fortschritt für alle. Endlich ist man wieder wer und gerade für die Bauern soll es doch viel besser werden. In dem kleinen Dorf im Alpenvorland macht sich deshalb auch kaum jemand die Mühe, extra in die Wahlkabine zu gehen. Das Kreuz beim „ja“ können ruhig alle sehen. Nur der Seppl, der es immer ganz genau nimmt, und Karl, der für die Abstimmung extra aus seiner Studienstadt Innsbruck angereist ist, machen ihre Wahl geheim. Am Ende wird einer gegen Hitler gestimmt haben.

Wer das war, das ist dem Dorf schon vor der Auszählung klar: der Studierte, der Sohn des Schusters Bleimfeldner, der jetzt alles besser weiß mit seinen modernen Ideen aus der Stadt. Dabei stimmt eigentlich das Gegenteil: Karl hängt am alten Österreich, am Katholizismus und an der Tradition. Er will gar nicht modern sein, er will einfach keine Veränderung haben. Darüber gerät er in heftigen Streit mit seiner Familie, denn natürlich weiß er, dass jeder von ihnen für den Anschluss gestimmt hat, ob er nun dafür ist oder nicht. Aber sich offen dagegen zu stellen erfordert einen Mut, den nur sehr wenige haben. Und sie wissen, dass sie eines Tages dafür werden zahlen müssen.

Weiterlesen

Ein seltener Fund – „The Mermaid and Mrs. Hancock“ von Imogen Hermes Gowar

Es ist ein ungeheurer Fund, den Kapitän Jones seinem Arbeitgeber Jonah Hancock präsentiert. Eine echte Meerjungfrau hat er von seiner letzten Reise mitgebracht! Leider war die so teuer, dass er dafür das Schiff versetzen musste, eines der besten in Hancocks Flotte. Jones ist sich allerdings sicher, dass eine echte Meerjungfrau besser ist als jedes Schiff der Welt. Doch die Kreatur, die er mit großem Gewese auspackt, ist nicht, was Hancock sich erwartet hätte. Statt einer betörenden Sirene liegt vor ihm auf dem Tisch eine groteske Kreatur, die aussieht, als hätte jemand einen Affen und einen Fisch zusammengenäht. Aber was soll er nun noch tun? Das Schiff ist nun mal weg und so entschließt er sich, mit der Meerjungfrau zumindest ein wenig Geld zu verdienen.

Zusammengebastelte „Meerjungfrauen“, die Reisende von exotischen Orten mitbrachten, waren eine Zeitlang der letzte Schrei und durften in keinem gutsortierten Kuriositätenkabinett fehlen. Das in diesem Video gezeigte Exemplar wurde auf einer Japanreise erworben und landete unter dem Namen „Fiji Mermaid“ in der berühmten Sammlung von P. T. Barnum.

Jonah Hancock ist ein gesetzter Mann. Nach dem frühen Tod seiner Frau leben nur noch seine Nicht Sukie und eine Angestellte mit ihm im Haushalt. Er betreibt Handel mit Übersee und vermietet einige bescheidene Quartiere – gerade genug für ein bequemes Leben ohne großen Trubel. Das ändert sich schlagartig, als er seine Meerjungfrau in einem Londoner Kaffeehaus ausstellt und die halbseidene Mrs. Chappell darauf aufmerksam wird. Sie ist Zuhälterin für die ganz noble Gesellschaft und immer auf der Suche nach einer Attraktion für ihre betuchte Kundschaft. Über sie lernt Hancock die Highclass-Kurtisane Angelica kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Und sie verspricht ihm sogar ihre Liebe. Unter einer kleinen Bedingung: Sie will ihre eigene Meerjungfrau haben. Ein unmögliches Unterfangen, das ist Hancock und auch Angelica klar. Dennoch startet Hancock einen neuen Versuch.

Weiterlesen

Amazonen Undercover – „Girl, Woman, Other“ von Bernadine Evaristo

Die Menschen, die einem in Evaristos Roman Girl, Woman, Other begegnen, sind alle auf ihre Art außergewöhnlich. Sie selbst sehen sich nicht immer so, aber viele von ihnen sind sehr selbstbewusste Frauen, die ihren Weg gehen und sich bewusst sind, dass sie damit anecken. Manchmal reichen da schon Kleinigkeiten wie eine außergewöhnlicher Kleidungsstil, manchmal ist es gleich der ganze Lebenswandel. In einem Kapitel bündelt Evaristo jeweils die Lebenswege von drei Personen, die sich besonders nahe stehen. Aber auf subtilere Art sind die meisten der Biographien miteinander verbunden.

Was ihnen gemein ist: sie alle sind Schwarz, sie alle definieren sich als weiblich oder wurden an einem Punkt ihres Lebens so sozialisiert. Den Rahmen bildet die Aufführung von „The Last Amazon of Dahomey“, einem skandalösen Theaterstück von Amma, das es unglaublicherweise auf die ganze große Bühne geschafft hat. Amma ist Theaterregisseurin und -autorin und zugleich verbindendes Element der meisten Menschen, die in diesem Roman auftauchen und natürlich auch bei ihrer großen Premiere: Carol, die nicht versteht, warum ihre nigerianische Mutter auf keinen Fall, dass sie einen Weißen heiratet. Dominique, die sich Hals über Kopf verliebt und zu spät merkt, dass ihre Partnerin gewalttätig wird. Shirley, die als Lehrerin immer allen helfen will und sich in Ammas glamourösem Freundeskreis ziemlich Fehl am Platz fühlt. Nicht alle definieren sich als Feministinnen und sind es vielleicht doch.

Weiterlesen

Ein düsteres Märchen – „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte

Der junge Martin hatte es schwer im Leben. Sein Vater hat die ganze Familie erschlagen, bis auf ihn, der damals noch ganz klein war. Seitdem ist er auf sich allein gestellt. Er besitzt nichts, kein Bett, keinen Topf, meistens nicht einmal genug zu Essen. Einzig einen Hahn hat er, einen schwarzen Hahn, dem die Dorfbewohner dunkle Mächte zusprechen. Doch obwohl ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geholfen hat, ist er herzensgut. Im Dorf verursacht das Argwohn. Was ist falsch mit diesem Jungen, der scheinbar keinen Hass, keinen Neid und keine Missgunst kennt?

Martin ist aber nicht nur gut, er ist auch sehr schön, so schön, dass er gleich das Interesse eins Malers weckt, der im Dorf das Altarbild erneuern soll. Mit ihm zieht er wenig später los, durch karge Landschaften, in denen ein schrecklicher Krieg tobt. Er lässt Franzi zurück, die einzige Person, die er je geliebt hat, und nimmt nur seinen Hahn mit auf seine große Mission: Er will den unbekannten Reiter finden, der kleine Kinder raubt und mit sich nimmt. Schon von Kindesbeinen kennt Martin die Schauergeschichten von den Männern im schwarzen Mantel, die immer einen Jungen und ein Mädchen entführen. Geglaubt hat er nie daran. Doch seit er selbst Zeuge einer solchen Entführung geworden ist, weiß er, dass er keine Ruhe finden wird, ehe dem Unbekannten nicht das Handwerk gelegt ist.

„Die Aufgabe ist mit dir in die Welt gekommen und jetzt passt sie dir wie angegossen“

Weiterlesen

Das Debüt 2021

Zum mittlerweile sechsten Mal wird der Blogger*innenpreis „Das Debüt“ vergeben und zum dritten Mal bin ich Teil der Jury. Bei diesem Preis haben Verlage die Möglichkeit, die Erstlingswerke ihrer Debütant*innen einzureichen. Nachdem eine Jury über eine fünf Titel umfassende Shortlist entschieden hat, ist es in der Hand der teilnehmenden Blogger*innen, daraus den Siegertitel zu küren. In diesem Jahr wurden immerhin 93 Romane eingereicht, aus denen die Jury die sicher nicht leichte Wahl treffen musste.

Wie auch die anderen teilnehmenden Blogger*innen werde ich nun bis Ende Januar die fünf Titel lesen und darüber entscheiden, welcher mein persönlicher Favorit ist. Die Besprechungen werde ich auf dieser Seite sowie im Widget in der rechten Seitenleiste verlinken. Wie immer freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit der restlichen Jury und natürlich auch auf die fünf Titel, die wir lesen dürfen. Und so sieht sie in diesem Jahr aus, die Shortlist:

Ariane Koch: Die Aufdrängung (Suhrkamp): Eine Frau sieht sich mit einem Gast konfrontiert, den sie nicht mehr los wird und damit auch mit ganz grundsätzlichen Fragen über ihr eigenes Leben und Wesen. Die Jury lobt diesen Roman als „ungewöhnlichen, zwischen Gewalt und Humor schwankenden Debütroman“.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum (Fischer): Otoo, im Literaturbetrieb schon lange keine Unbekannte mehr, hat mit Adas Raum in diesem Jahr ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie folgt darin verschiedenen Versionen von Ada, die ganz unterschiedlich sind, und sich doch ähneln, in den Erfahrungen von Unterdrückung und Ausgrenzung, die sie erfahren.


Thomas Arzt: Die Gegenstimme (Residenz): Im April 1938 wir in Österreich über den „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland abgestimmt. Nur einer traut sich, dagegen zu sein. Er soll seinen Widerstand teuer bezahlen.


Jessica Lind: Mama (Kremayr & Scheriau): Erst versucht Amira verzweifelt, schwanger zu werden, dann droht si an der Mutterrolle zu scheitern. Eine einsame Hütte im Wald soll ihr in dieser schweren Zeit ein Zufluchtsort sein, droht aber zur Falle zu werden. Schon bald kann sie die Realität kaum noch von der grausamen Phantasie unterscheiden.


Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn (Diogenes): Ein ganz klassisches Märchen erzählt Stefanie vor Schulte mit diesem Roman. Der junge Martin, ein unerschütterlicher und durch und durch aufrechter Held, macht sich auf den Weg in die Welt, um schreckliches Unheil zu bekämpfen. Immer an seiner Seite ist dabei ein stattlicher schwarzer Hahn.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon einen der Romane gelesen?