Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

Shylock Is My Name ist der zweite Teil der Hogarth Shakespeare-Reihe und zugleich ein Zitat Shylocks aus dem Stück „The Merchant of Venice“, auf deutsch „Der Kaufmann von Venedig“. Das Stück wird oft für seinen ziemlich unverhohlenen Antisemitismus kritisiert und sehr unterschiedlich interpretiert. Einige Interpreten unterstreichen, dass auch der Jude im Stück ein gleichberechtigter Mensch sei, andere sind der Ansicht, Shylock habe einfach die Rolle des Bösewichts, des „Vice“, seine Boshaftigkeit habe also gar nichts mit dem Judentum zu tun. Wieder andere finden, Shylock sei nicht grausamer Täter sondern vielmehr das Opfer in der ganzen Angelegenheit. Aber worum geht es denn eigentlich? Grob zusammengefasst ist das hier die Story:

The Merchant of Venice

„I am a Jew. Hath not a Jew eyes? Hath not a Jew hands, organs, dimensions, senses, affections, passions; fed with the same food, hurt with the same weapons, subject to the same diseases, healed by the same means, warmed and cooled by the same winter and summer as a Christian is?“

Antonio, Kaufmann in Venedig, wird von seinem besten Freund Bassanio um Geld gebeten. Er will um die Hand der schönen Portia anhalten, doch fehlen ihm die finanziellen Mittel. Antonio hat gerade sein komplettes Geld in Schiffe und deren Fracht investiert, verspricht aber, seinen guten Ruf zu nutzen um Kredit bei einem Geldverleiher zu bekommen.

Von ihren bisherigen Verehrern ist Portia derweil ähnlich angetan wie die Prinzessin bei König Drosselbart. Der eine redet zu viel über sein Pferd, der nächste lacht zu wenig, der dritte ist lächerlich angezogen. Nur an einen Mann erinnert sie sich mit Wohlwollen – Bassanio.

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Shylock, Bassanio und Antonio in Verhandlung

Der hat mittlerweile dank Antonios Bürgschaft dreitausend Dukaten vom jüdischen Geldverleiher Shylock bekommen. Shylock ist ziemlich sauer auf Antonio, erstens weil er Christ ist und zweitens weil er ihn wegen seiner Religion oft beleidigt und lächerlich gemacht hat. Er schlägt ihm einen ungewöhnlichen Deal vor – statt der üblichen Zinsen verlangt er ein Pfund Fleisch, herausgeschnitten aus Antonios Körper, wenn er die Summe nicht in drei Monaten zurückzahlen kann. Antonio findet das eine witzige Idee und willigt ein, in wenigen Wochen werden seine Schiffe und sein Geld wieder da sein und dann muss er keine Zinsen zahlen.

Shylock steht unterdessen Ungemach ins Haus. Seine Tochter Jessica ist in den Christen Lorenzo verliebt und stiehlt sich, als sie eines Abends allein zu Hause ist, als Junge verkleidet und mit einem guten Teil seines Vermögens aus dem Haus um mit Lorenzo durchzubrennen. Aber auch für Antonio läuft es nicht gut. Gerüchte erreichen Venedig, dass einige seiner Schiffe gesunken seien.

Nur bei Bassanio ist alles, wie es sein soll. Er ist mittlerweile nach Belmont zu Portia gereist, hat um sie geworben und wurde erhört. Am nächsten Tag soll Hochzeit sein und auch Bassanios Begleiter Gratiano ist glücklich verliebt, er will Zofe Nerissa heiraten. Alles könnte so schön sein, wir sind aber in Akt III, in dem ja klassischerweise nochmal richtig was passieren muss. Und da kommt auch schon Nachricht von Antonio. Alle seine Schiffe sind gesunken und verschollen, er ist völlig pleite und der Jude will sein Fleisch. Mit 6.000 Dukaten schickt Portia Bassanio nach Venedig um die Schuld zu tilgen. Shylock zeigt sich ungerührt, er will Antonios Fleisch, so war es abgemacht.

Unterdessen reisen Portia und Nerissa, verkleidet als Männer, ebenfalls nach Venedig. Dort angekommen betritt Portia als der Rechtsgelehrte Balthazar die gerade laufende Verhandlung Shylock vs. Antonio. Portia/Balthazar macht auf einen entscheidenden Fehler im Vertrag aufmerksam: dort ist nur die Rede von Fleisch, nicht von (immerhin christlichem) Blut. Shylock kann das Fleisch also nur haben, wenn dabei kein Blut vergossen wird. Das kann natürlich nicht funktionieren. Da Shylock aber vor dem Gericht auch schon die Tilgung der Schulden durch einfache Zahlung ausgeschlagen hat, kriegt er jetzt gar nichts und muss außerdem Antonio, da er sein Leben bedroht hat, die Hälfte seines Besitzes geben. Allerdings nicht, so der großherzige Antonio, wenn Shylock Christ wird und verspricht, sein ganzes Geld seiner Tochter Jessica und deren Mann zu vermachen.

Und so sind alle glücklich – außer dem Juden Shylock, der, wie ich finde, einen ziemlichen Arschtritt von der Mehrheitsgesellschaft bekommen hat. Aber Jacobson eilt zu seiner Rettung.

Shylock Is My Name

„The individual Jew brings the collective Jew with him into any room. It’s the collective Jew that Christians see.“

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Für seinen Roman lässt Jacobson Shylock an einem ungemütlichen Wintertag in Nordengland wiederauferstehen. Der wohlhabende Kunsthändler Strulovitch trifft ihn auf dem jüdischen Friedhof, als er das Grab seiner kürzlich verstorbenen Mutter besucht. Jedes mal wenn er dort ist, sieht er Shylock, der am Grab seiner sehr früh verstorbenen Frau Leah sitzt, mit ihr spricht, ihr vorliest und den Verlust von Tochter Jessica lamentiert. Strulovitch, der selbst um seine Frau Kay trauert, die seit einem Schlaganfall sprach- und bewegungslos im Bett liegt, ist fasziniert von ihm und nimmt ihn mit nach Hause.

Zu Hause ist die Hölle los. Seine Tochter Beatrice, gerade 16, hat Beziehungen zu nicht-jüdischen Männern! Strulovitch selbst war in erster (kurzer) Ehe mit einer Nicht-Jüdin verheiratet, wofür sein Vater ihn verstoßen hat. Nun wiederholt sich das Drama mit Beatrice, die er an den Haaren aus einem Club zerrt, und das alles nur weil er sie liebt. So zumindest sieht er das. Der leiderprobte Shylock warnt ihn: er hätte im Nachhinein lieber eine Tochter gehabt, die einen Christen heiratet, als gar keine Tochter mehr. Überhaupt wird dieser Geist aus dem Theaterstück Strulovitchs Gewissen und Berater. Denn Strulovitch ist drauf und dran, die gleichen Fehler zu machen wie Shylock vor hunderten von Jahren. Von Beatrices neuem Freund Gratan verlangt er – quasi – ein Pfund seines Fleischs. Um zu beweisen, dass er dem Judentum zugewandt ist, soll er sich beschneiden lassen*. Beatrice hält ihren Vater ob dieser Forderung für völlig übergeschnappt und haut mitsamt neuem unjüdischen Freund nach Venedig (oy gevalto, we’re on the Rialto!) ab.

Nun sitzt Strulovitch da und muss weitere Verhandlungen mit Beatrices Freunden Plurabelle (reiche Erbin) und d’Anton (ihr bester Freund) führen. Plurabelle hat von ihrem Vater ein gigantisches Anwesen, genug Geld für ästhetische Chirurgie und den Namen Anna Livia Plurabelle Cleopatra A Thing Of Beauty Is A Joy Forever Wiser Than Solomon Christine geerbt. Möglicherweise ist der Name ein nicht sehr guter Witz über die Princess Tiaamii Crystal Esther und Heavenly Hiraani Tiger Lily heißenden Kinder der neureichen britischen High-Society. Generell versucht Jacobson in diesem Roman zu oft zu witzig zu sein. Wahrscheinlich ist er sogar witzig und trifft halt meinen Humor nicht, was will man machen. Plurabelle und einige andere Charaktere in Shylock Is My Name sind offen antisemitisch. Meistens äußern sie ihre Vorbehalte aber als nett gemeinten Witz und überspitzen alte Stereotype wie große Nasen und skrupellose Geldgier. Shylock will keine Witze mehr hören, überhaupt keine. Es gibt keine netten Witze, so seine Erfahrung über die Jahrhunderte.

Strulovitch und Shylock erörtern derweil in privaten Debatten ihre Meinung zum Verhältnis von Juden und Christen und Shylocks Rolle in der beinahe blutigen Kaufmann-Geschichte. Dabei gerät das Gespräch ziemlich oft auf Fragen, die im Stück aufgeworfen werden und Jahrhunderte später noch nicht beantwortet werden können. Durch die Jahre weiser geworden, hat Shylock nun aber zumindest Ansätze. Er sieht, dass Strulovitch auf dem besten Weg ist, in das gleiche Unglück zu rennen wie er auch und versucht, ihn daran zu hindern. Die Gespräche über das Shakespeare-Stück und die Rolle, die Shylock darin spielt, sind durchaus interessant. Shylock selbst reflektiert als Dramenfigur über das, was er getan hat oder besser getan hätte. Jacobson hat über Shakespeare gelehrt, gelesen und geforscht, das schlägt sich auch in diesem Roman nieder.

Als Ergänzung zum Stück und zur weiteren Erläuterung ist dieser Roman toll. Als eigenständiges Werk allerdings konnte er mich gar nicht überzeugen. An zu vielen Stellen fand ich den Humor zu bemüht und das Gespräch zu breitgetreten und die ganze Geschichte in sich nicht sehr schlüssig, etliche Charaktere zudem hoffnungslos platt oder grotesk überzeichnet. Unbedingt sollte man, bevor man den Roman liest, das Stück gelesen haben, sonst entgehen einem eine Menge Anspielungen und Zitate und zudem verliert man auch noch den erhellenden Sekundärliteratur-Faktor.

* Das ist kein Pfund, ich weiß. Viele Forschende sind aber heute der Meinung, dass das Pfund Fleisch Shylocks verklausulierte Forderung nach Antonios Vorhaut gewesen sei. Außerdem habe ich mal gelesen, dass eine ausgebreitete Vorhaut so groß ist wie eine Postkarte, was ich schon enorm finde.


William Shakespeare: „The Merchant of Venice“. Erste bekannte Aufführung 1605, erster Druck 1600. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 195-218. Deutsche Übersetzung: „Der Kaufmann von Venedig“. Lieferbar u.a. bei Reclam.

Howard Jacobson: Shylock is My Name. Penguin UK 2016. 277 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe Hogarth 2016. Deutsche Übersetzung unter dem Titel Shylock.  KNAUS 2016. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. 288 Seiten, € 19,99.

Illustration aus Mary & Charles Lamb: Tales from Shakespeare. 1901.

Die Zitate stammen aus Akt III, Szene 1 bzw. S. 67

Essen aus Büchern: Groundnut Stew aus Teju Coles „Open City“

Ich fand Erdnuss in Essen immer wirklich keine gute Idee. Erdnüsse an sich sind super, aber nachdem vor 15 Jahren mein erstes Saté-Gericht leider furchtbar war, habe ich das nie wieder probiert. Zum Glück gibt es Essen aus Büchern, ich hätte echt was verpasst! Groundnut Stew ist nämlich der Hammer.

Groundnut Stew, ein Erdnusseintopf, ist ein in großen Teilen Westafrikas beliebtes Gericht. Ein „richtiges“ Rezept zu finden ist damit aussichtslos und das, was ich gemacht habe, ist ein Mashup aus den kleinsten gemeinsamen Nennern verschiedener Rezepte, die ich gefunden habe. Mit Hühnchen arbeiten eigentlich alle Rezepte, dazu können kommen Rindfleisch, Lammfleisch, (getrockneter) Fisch, Okra, Koriander und so weiter und so fort. Die Standardbeilage ist anscheinend Reis.

Erwähnung findet dieses Traditionsgericht in Teju Coles Open City. Erzähler Julius besucht mit seiner (damaligen) Freundin und deren Kirchengemeinde ein Gefängnis in New York, in dem Menschen sitzen, deren Einreise als illegal eingestuft wird. Die Gemeindemitglieder fahren regelmäßig dorthin, um mit den dort inhaftierten Menschen zu sprechen. Julius gerät zufällig an Saidu, der ihm von seiner abenteuerlichen Flucht vor dem Taylor-Regime aus Liberia berichtet. Obwohl er nicht weiß, wie es weitergeht für ihn, klagt er wenig. Die anderen Insassen seien in Ordnung, aber das Essen sei nicht gut.

The food here is bad, it has no taste, but there’s a lot of it. One thing I miss is the taste of groundnut stew. You know it?“

Da dieses Gespräch eine der beeindruckendsten Szenen des ganzen Buchs war und ich Groundnut Stew mit meiner Erdnuss-Aversion natürlich noch nicht kannte, hab ich mich an die Arbeit gemacht.

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Groundnut Stew für 4 Personen, vorausgesetzt, es gibt noch Reis:

  • 1 Pfund Hühnchenfleisch, im Idealfall mit Haut
  • 1 Pfund Süßkartoffeln
  • 1 große Zwiebel
  • 1 walnussgroßes Stück Ingwer
  • 2 Zehen Knoblauch
  • 3 EL Pflanzenöl
  • 2oo ml (= 1/2 Dose) gehackte Tomaten
  • 500 ml Hühnerbrühe
  • 125 g Erdnussbutter (nicht gezuckert oder gesalzen)
  • 60 g geröstete Erdnüsse (egal ob gesalzen)
  • 3 EL gehackte Petersilie
  • Chili, gemahlen
  • Salz

In einem großen Topf das Öl erhitzen und das Hühnchen scharf anbraten bis es von allen Seiten braun ist. Je nachdem, welcher Teil verwendet wird, evtl. vorher kleinschneiden. Bei Teilen mit Knochen lässt sich das Fleisch erst ganz am Ende des Kochvorgangs richtig ablösen.

In der Zwischenzeit die Zwiebel in dünne Scheiben schneiden, den Knoblauch fein hacken, den Ingwer schälen und ebenfalls fein hacken. Die Süßkartoffel schälen und in mundgerechte Stücke schneiden.

Wenn das Hühnchen braun ist, aus dem Topf nehmen und die Hitze auf etwa halbe Stärke reduzieren. Zwiebel glasig dünsten, dann den Knoblauch dazu geben und etwa 2 Minuten weiter dünsten, Süßkartoffel und Ingwer dazu und weitere 5 Minuten garen. Anschließend mit Tomaten ablöschen, Hühnchen und Brühe dazu geben. Deckel drauf und 60 Minuten auf schwacher Temperatur köcheln lassen.

Anschließend die Erdnussbutter und Chili zugeben. Wieviel hängt sehr davon ab, was man verträgt und welche Chilis man verwendet. Ich habe ganz winzige, sauscharfe, von denen ich keinesfalls mehr als zwei nehmen kann. Groundnut Stew ist aber schon so gedacht, dass es ordentlich scharf ist. Weitere 30 Minuten köcheln lassen. Das ganze sollte eine Eintopf-Konsistenz kriegen, wenn es zu „suppig“ gerät, den Deckel während dieser Zeit weglassen, damit etwas Flüssigkeit verdampft.

Fast fertig. Gegegebenfalls Teile mit Knochen jetzt aus dem Topf nehmen, Fleisch ablösen, klein schneiden und wieder in den Eintopf geben. Die Erdnüsse und die Petersilie hacken und ebenfalls in den Topf geben und unterrühren, noch 5 Minuten auf dem Herd lassen. Anschließend mit Salz und unter Umständen mehr Chili abschmecken. Reis dazu und fertig.

Ein großartiger, wärmender Eintopf, der ein bisschen Sommer mitbringt und damit einen festen Platz in meinem Winter-Speiseplan kriegt.


Das Zitat stammt von S. 69 der Ausgabe faber and faber 2012.

 

John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Wenn ihr erwartet, dass Menschen verantwortlich sind für ihre Kinder, dann müsst ihr ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht.“

Homer Wells bekommt seinen Namen von Schwester Angela, als er im Waisenhaus St. Cloud’s geboren wird. Seine Mutter ist eine von vielen Frauen, die das Haus aufsuchen, um Kinder zu bekommen, die sie nie wollten. Andere kommen früher und bitten um eine Abtreibung, die ihnen gewährt wird, auch wenn es, der Roman spielt in den 1930ern – 50ern, illegal ist. Das Waisenhaus liegt irgendwo in Maine, in einer Kleinstadt in der es außer dem Bahnhof und einem verlassenen Sägewerk fast nichts gibt.

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Eigentlich soll St. Cloud’s nur eine vorübergehende Lösung sein, aber Homer ist eines der wenigen Waisenkinder, die niemals adoptiert werden. Einige Male kommt er kurzzeitig bei Familien unter, aber am Ende landet er immer wieder im Heim, das über die Jahre zu seinem eigentlichen Zuhause wird. Dr. Larch, Leiter der Einrichtung, akzeptiert dies irgendwann und will Homer gerne dabehalten, so lange er „sich nützlich macht“. Und so wird Homer über die Jahre zum erfahrenen Geburtshelfer im Kreißsaal und geliebten Vorleser im Schlafsaal. Abtreibungen aber will er, anders als Larch, niemals durchführen. Er glaubt, dass sie legal sein sollten und er glaubt auch, dass jede Frau das Recht haben sollte, ihr Kind nicht zu bekommen, aber selbst durchführen will er sie auf keinen Fall. Wilbur Larch ist anderer Ansicht. Er hat einmal miterlebt, wie ein Mädchen starb, nachdem sie sich einer nicht fachgerechten Abtreibung unterziehen musste. Seitdem ist er der Überzeugung, dass es seine Pflicht ist, diesen Frauen zu helfen, allein weil er es kann. Zeit seines Lebens kämpft er darum, den Schwangerschaftsabbruch zu legalisieren und schreibt unermüdlich an jeden Präsidenten und deren Gattinnen. Irgendjemand wird ihn schon eines Tages erhören. Entspannung und Abstand findet er im Äther, den er regelmäßig und routiniert konsumiert.

Als Homer schon erwachsen ist, kommt ein junges Paar in seinem Alter nach St. Cloud’s, Candy und Wally. Sie kommen wegen einer Abtreibung. Sofort verliebt Homer sich in die bildhübsche und sympathische Frau und als die beiden wieder aufbrechen, fährt er mit ihnen, die Küste hinunter in den idyllischen Ort, in dem Candys Vater Hummer fischt und Wallys Eltern eine Apfelplantage haben. Eigentlich sollte es nur für ein paar Tage sein, aber bald muss die Belegschaft von St. Cloud’s erschrocken feststellen, dass Homer so schnell nicht wiederkommen wird. Zu sehr genießt er das Leben außerhalb der tristen Kleinstadt, sieht zum ersten Mal das Meer, lernt schwimmen und begreift, wofür Autokinos wirklich gut sind.

Wilbur Larch aber arbeitet die ganze Zeit auf seine Rückkehr hin. Er erfindet eine Herzerkrankung, die Homer angeblich seit Geburt haben soll und die verhindert, dass er in den Krieg ziehen muss. Er erfindet eine Biographie für Fuzzy Stone, ein Waise, der früh an einer Atemwegserkrankung gestorben ist. Wenn es so weit ist, so Larchs weitreichender Plan, soll Homer als Dr. Stone nach St. Cloud’s zurückkehren und seine Stelle übernehmen. An niemanden als Homer will er sein Lebenswerk weitergeben.

Die Geschichte spielt im wesentlichen in zwei sehr kleinen, sehr engen Gemeinschaften. Die erste ist St. Cloud’s, die zweite die Apfelplantage Ocean View mit dem nahen Städtchen Heart’s Rock. So unterschiedlich die beiden sein mögen, ähneln sie sich doch in ihren grundlegenden Strukturen. Die Gemeinschaften genügen sich im Großen und Ganzen selbst. Andere Menschen werden nicht ausgeschlossen und in aller Regel sogar mit offenen Armen willkommen geheißen, aber man braucht sie nicht. Der englische Titel The Cider House Rules verweist auf einen Regelkatalog, den Wallys Mutter jeden Sommer zur Erntezeit in die Unterkunft der Wanderarbeiter hängt und die niemand befolgt. Die Arbeiter haben ihre eigenen Regeln, sie brauchen keine zusätzlichen von ihren Arbeitgebern und lesen können sie die Regeln sowieso nicht. Auch im Waisenhaus hat man sich eigene Regeln gemacht. In seiner Geschichte von St. Cloud’s beginnt Wilbur Larch die Sätze oft mit „im Rest der Welt“. Was im „Rest der Welt“ passiert, ist den Leuten „hier in St. Cloud’s“ oft ziemlich egal. Die Uhren ticken anders, die Leute auch, Gesetze müssen nicht richtig sein, nur weil es sie gibt.

In und zwischen diesen beiden Welten lebt Homer Wells, der nur langsam tastend und vorsichtig seinen Weg findet. Sein Ziel ist es immer, wie Larch es ihm eingetrichtert hat, sich „nützlich zu machen“. Solange er helfen kann, eine Aufgabe hat, sei es auf der Apfelplantage oder auch im Waisenhaus, fühlt er sich willkommen und am richtigen Ort. Seine Welt ist klein und er verlässt sie nie, aber es ist alles, was er braucht. Die Welt des Romans hingegen ist groß und verzweigt. Irving erzählt von Melony, einer weiteren Waise, die mit Homer aufgewachsen ist, und einen weit steinigeren Weg gehen muss und von Wallys Zeit als Soldat in Asien. Durch diese Vielfältigkeit wird der Roman niemals langweilig, auch wenn in den Hauptsträngen gerade nicht besonders viel passiert.

Auch wenn der Roman hauptsächlich Homer Wells folgt, war mein Held Wilbur Larch. Man vergisst das, weil er am Ende sehr alt und ziemlich verschroben wird. Aber bis dahin ist er geradezu umwerfend progressiv. Das liegt natürlich auch daran, dass sein Erfinder Mr. Irving für die 1930er sehr progressive Ansichten vertritt. Aber an ihm und seiner Einstellung wird auch deutlich, was sich in puncto Abtreibung in den letzten siebzig Jahren verändert hat. Nicht genug nämlich.

Ich habe Gottes Werk und Teufels Beitrag als Hörbuch gehört, was lange dauert, aber zumindest in dieser Lesung empfehlenswert ist. Ein bisschen fertig hat es mich allerdings gemacht, dass der Sprecher mehrfach in-trau-terial sagt. Uterus. Es geht um den Uterus. Intra-uterial. Merkt das denn keiner?! Spätestens wenn man im nächsten Satz „Uterus“ liest, muss man doch merken, dass man da gerade eine Morphemgrenze überfahren hat. Außerdem sagt er Jane Eier wenn er Jane Eyre meint. Das machen viele und man ist deshalb kein schlechter Mensch, ich muss es aber zwischen zusammengebissenen Zähnen korrigieren weil ich ein mieser Klugscheißer sein kann und deswegen konnte ich das Buch nicht mehr im Zug hören. dʒeɪn ɛə. Die Frau heißt dʒeɪn ɛə. Sie ist eine Waise und hat nicht viel im Leben, lasst ihr ihren Namen.


John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Übersetzt von Thomas Linquist. Gelesen von Johannes Steck. Random House Audio 2015. ca. 28,5 Stunden, ca. € 25,-. Deutsche Erstausgabe: diogenes 1988. Originalausgabe: The Cider House Rules. William Morrow 1985.

Das Zitat stammt aus Teil 3, Kapitel 5 der audible-Fassung.

Fiktives Standard-Haus

Ich möchte mal folgende Frage in die Runde werfen: Habt ihr ein generisches „Standard-Haus“, in das ihr Romanfamilien einziehen lasst, wenn die AutorInnen keine genauen Beschreibungen liefern? Ich habe das nämlich und dachte, dass es bei allen so funktioniert, bis ich im Gespräch vor kurzem erfahren habe, dass dem nicht so ist. Nicht alle Menschen haben offenbar einen Häuser-Fundus im Hinterkopf. Natürlich gibt es nicht nur ein einziges Haus, es muss ja auch ein bisschen zu den Umständen passen und wenigstens ein bisschen Info kriegt man ja meistens vom Text.

So gibt es beispielsweise die Modelle „Suburbia 1-3“, die ich für alle Romane verwende, die in US-amerikanischen Vororten spielen. Eines davon ist das Haus der Huxtables, dort leben unter anderem Familie Stephanides (Middlesex) und Mazies Schwester in Saint Mazie. In einer eingeschossigen Version leben dort auch Ifemelus Eltern in Americanah. Ihre Tante lebt in Modell „Sandra.2“, einer leicht vergrößerten Version des Elternhauses einer langjährigen Freundin.

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Jami Attenberg: Saint Mazie

Attenberg_SaintMazie„Wenn ihr die Schönheit im Dreck nicht sehen könnt, dann tut ihr mir leid. Und wenn ihr nicht sehen könnt, warum die Straßen hier was Besonderes sind, dann geht doch nach Hause.“

Saint Mazie ist das Porträt von Mazie Phillips, der „Königin der Bowery“. In New York machte sie sich einen Namen, indem sie über Jahrzehnte den Obdachlosen der Lower East Side half, ihnen Geld gab, zu einem Schlafplatz verhalf oder, wenn nötig, den Krankenwagen rief.

Viel bekannt ist nicht über diese ungewöhnliche Heilige, die ihre Taten nicht als etwas sah, das außergewöhnlich gewesen wäre oder gar für die Nachwelt festgehalten werden müsste. Viel mehr als einen New Yorker-Artikel aus dem Jahr 1940 und einen Nachruf von 1964 findet man online nicht. Selbst ohne Kinder oder andere Familienmitglieder, die sie zu versorgen gehabt hätte, konnte sie das Geld ebenso gut denen geben, die es brauchten, so ihre Meinung.

Aus den wenigen bekannten und vielen fiktiven Fragmenten konstruiert Attenberg einen Roman, zusammengesetzt aus Tagebucheinträgen, die von 1907-1939 reichen, Bruchstücken einer Biographie und Gesprächen mit Menschen, die eine Erinnerung an Mazie oder die Familie Phillips haben.

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Leipzig by the book

Viele von euch kennen Leipzig ja zumindest von Messe-Besuchen, ich kannte es noch nicht. Nun war es am letzten Wochenende das Ziel eines Kurztrips, den ich zusammen mit einer Freundin unternommen habe. Natürlich mit einer, die liest und erst bei der vierten Buchhandlung fragt, ob ich da sicher auch noch rein will.

Weil wir aus völlig verschiedenen Richtungen angereist sind, haben wir uns am Hauptbahnhof getroffen, wobei ich ein bisschen warten musste. Die Zeit habe ich ganz vortrefflich in der Buchhandlung Ludwig vertrödelt, die für eine Bahnhofsbuchhandlung wirklich außergewöhnlich schick und gut sortiert ist. Ein paar Stufen hinauf gibt es auch ein Café, das ich leider aus Platzmangel nicht ausprobieren konnte. Wahrscheinlich ist das aber ein gutes Zeichen.

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National Book Award 2016

Gestern gegen 21:00 Uhr EST, als ich also schon lange geschlafen habe, wurden die National Book Awards vergeben.

In der Kategorie Fiction hat Colson Whitehead den Preis bekommen für The Underground Railroad. Der Roman spielt in den Südstaaten und handelt von der jungen Sklavin Cora, die unter ihren Lebensbedinungen so sehr leidet, dass sie versucht über die illegalen Fluchtwege, die sogenannte „Underground Railroad“ in den Norden zu fliehen. Aber auch in den vermeintlich sicheren Staaten findet sie keine Ruhe und ein Sklavenjäger ist ihr auf den Fersen.

Von der Shortlist habe ich nur The Association of Small Bombs gelesen und war sehr wenig überzeugt.

Das beste Sachbuch des Jahres kommt nach Ansicht der Jury von Ibram X. Kendi und handelt ebenfalls von Rassismus. In Stamped from the Beginning: The Definitive History of Racist Ideas in America legt er dar, warum die USA den Rassismus mitnichten hinter sich gelassen haben. Er konzentriert sich dabei auf fünf einflussreiche amerikanische Aktivisten und Theoretiker: den Priester Cotton Mather, Thomas Jefferson, William Lloyd Garrison, W.E.B. Du Bois und Angela Davis. Anhand ihrer Thesen und Argumente zeichnet er eine Geschichte des Rassimus in den USA und deckt die zu Grunde liegenden Mechanismen und Entwicklungen auf.

In der Kategorie Poetry hat Daniel Borzutzky mit The Performance of Becoming Human gewonnen, im Jugendbuch das Buch March: Book Three von John Lewis, Andrew Aydin und Nate Powell, das vom Civil Rights Movement in den 1960ern erzählt.

Nachdem ja erst vor kurzer Zeit Paul Beatty den Man Booker Prize für The Sellout bekommen hat, das sich auch mit Rassismus in den USA auseinander setzt, scheint es da gerade einen gewaltigen Gesprächsbedarf zu geben. Wollen wir hoffen, dass es was bringt.

Émile Zola: Das Paradies der Damen

Zola_DasParadiesDerDamen„wenn das, was man heute Handel nennt, ein solches Herumgestoße ist, dann verstehe ich nichts mehr davon und will lieber meiner Wege gehen.“

Als Denise Baudu, Heldin des Romans, nach Paris kommt, ist ihre Lage verzweifelt. Vor mehr als einem Jahr sind die Eltern gestorben, sie muss als Verkäuferin für sich und ihre kleinen Brüder Jean und Pépé sorgen. Zum Glück hat ihr beim Tod des Vaters ein Onkel, der in Paris einen Stoffladen betreibt, Unterkunft und Arbeit angeboten. Jetzt endlich reisen die drei in die Hauptstadt, doch noch bevor sie den Laden erreichen, werden sie gefesselt von den protzigen Schaufenstern des „Paradies der Damen“, einem gigantischen Modehaus, das alle anderen Geschäfte in der Nachbarschaft überstrahlt. Onkel Baudu ist sehr überrascht vom unangekündigten Besuch und peinlich berührt – die Geschäfte laufen, vor allem wegen der übermächtigen Konkurrenz, ziemlich schlecht, er kann den Geschwistern weder Einkommen noch Unterkunft bieten. In der Nachbarschaft sieht es nicht besser aus, alle klagen über rückläufige Umsätze. Seit das Paradies mit seinen lichtdurchfluteten Hallen und den niedrigen Preisen lockt, verirren sich nur noch wenige treue Kundinnen in die stickigen Geschäftsräume der alteingesessenen Händler. Am Ende bleibt Denise nichts anderes übrig, als beim Paradies selbst vorstellig zu werden, wo sie auch tatsächlich für die Konfektionsabteilung engagiert wird.

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Lisa McInerney: The Glorious Heresies

 McInerney_TheGloriousHeresies„You’d have to ask yourself what’s wrong with this country at all that it can’t stop birthing virtuous ould bags.“

The Glorious Heresies, auf Deutsch sowas die „die glorreichen Ketzereien“, war der Gewinner des diesjährigen Baileys Women’s Prize for Fiction. Der Roman spielt in Irland, genauer gesagt in der Stadt Cork, die auf offiziellen Fotos immer einen sehr hübschen und pittoresken Eindruck macht. Die handelnden Personen in dieser Geschichte sind zum Teil hübsch aber auf keinen Fall pittoresk.

Angesiedelt ist der Roman im kriminellen Milieu der Hafenstadt. Wichtigster Strippenzieher ist Jimmy, der seinen Lebensunterhalt im wesentlichen mit Drogenhandel und Zuhälterei bestreitet. Als uneheliches Kind durfte er nicht bei seiner Mutter Maureen aufwachsen, die er aber Jahrzehnte später ausfindig gemacht hat und die er nun in einem seiner ehemaligen Bordelle wohnen lässt. Dort erschlägt sie den Einbrecher Robbie mit, der erste Akt von Ketzerei in diesem Roman, einem heiligen Stein. Jimmy hat keine Lust auf Ärger mit den Gardai und überredet seinen alten Kumpel John Cusack mit ihm die Leiche zu beseitigen. Cusack macht mit, er kann das gezahlte Geld gut gebrauchen um seinen Alkoholismus und den Unterhalt von sechs Kindern zu bestreiten. Sein ältester Sohn Ryan allerdings finanziert sich mit Drogenhandel weitestgehend selbst. Eine seiner Stammkundinnen ist Georgie, eine Prostituierte aus Jimmys Umfeld, die in diesen Tagen verzweifelt nach ihrem Freund Robbie sucht. Und so schließt sich der Kreis.

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Essen aus Büchern: Prosciutto-Gruyère-Ravioli aus TaraShea Nesbits „Was wir nicht wussten“

Ich hatte ja gerade erst Trifle aus Was wir nicht wussten, aber die Ravioli klangen toll und hier liegt seit Ewigkeiten ein unbenutzter Raviolischneider rum, den ich mir aus mir schleierhaften Gründen mal unbedingt kaufen musste.

Mein letztes Nudel-Experiment liegt zehn Jahre zurück und ich lebte damals in einer WG, in der wir unseren Teig für gewöhnlich mit Weinflaschen ausrollten. Das geht nun nicht mit allen Teigen und natürlich hab ich am Ende alles weggeschmissen und Döner gekauft. Nudelteig blieb trotz wachsender Erfahrung und verbesserter Küchenausstattung über die Jahre mein Angstgegner. Nun aber auf ein Neues.

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