Blasse Welt N’Terra – „A Conspiracy of Stars“ von Olivia A. Cole

Olivia English wächst auf in N’Terra, einer menschlichen Kolonie auf dem Planeten Faloiv. Das Leben dort ist noch sehr beschwerlich, es ist aber auch erst 40 Jahre her, dass Olivias Eltern und Großeltern mit der Vagantur vom „alten Planeten“ kamen, von dem man mutmaßen kann, dass damit die Erde gemeint ist. Die Menschen bewegen sich fast nur unter riesigen Glaskuppeln, tragen spezielle Anzüge und versuchen, die Tiere und Pflanzen der neuen Heimat zu erforschen und sich so besser an ihre neue Umgebung anzupassen. Die gesellschaftliche Elite bilden folgerichtig die „whitecoats“, die hochdekorierten Wissenschaftler*innen, die an der Erforschung der faloivschen Flora und Fauna beteiligt sind. Olivias Eltern gehören dazu und es ist klar, dass auch Olivia in ihre Fußstapfen treten soll.

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Noch aber ist sie ein „greencoat“, eine Wissenschaftlerin in Ausbildung. Über ein neues Praktikumsprogramm allerdings kommt sie schneller in den Genuss praktischer Erfahrung, als ihr lieb ist. Obwohl sie keine Säugetiere erforschen will, landet sie unter der Obhut ihrer Eltern in der entsprechenden Abteilung. Zusammen mit Freundin Alma und Instant-Crush Rondo schnüffelt sie in den Laboren herum und stellt schnell fest, dass hinter der blitzsauberen Oberfläche einiges im Argen liegt. Vor allem der Regierungsvorsitzende Dr. Albatur scheint eine Menge Dreck am Stecken zu haben. Doch auch Olivias eigener Vater weiß offenbar mehr, als er zugeben möchte und wird für seine eigene Tochter zur Gefahr.

„They won’t let me study what I want, so I study them instead.“

Mit Olivia schafft Cole eine sehr seltene SciFi-Protagonistin: sie ist weiblich, jung und nicht weiß. Und noch dazu wird das ganze Buch über niemand sexualisiert, obwohl alle ständig in hautengen Anzügen herumlaufen. Leider ist es da auch schon vorbei mit der erfrischend anderen SciFi. Faloiv ist besiedelt von fremden Pflanzen und Tieren, aber obwohl diese eine ganz zentrale Rolle im Roman spielen, werden sie fast überhaupt nicht beschrieben. Mehr als hoch oder riesig ist eine Pflanze fast nie. Bei den Tieren ist es fast noch schlimmer, denn der Kontakt ist so eng wie unvorstellbar. So gibt es eine hochdramatische Szene im Dschungel um N’Terra, in der Olivia fast von einem Dirixi getötet wird. Vom Dirixi erfährt man allerdings nur, dass es reptiloid, groß und furchteinflößend ist. Ob es schlängelt, kriecht oder rennt, Beine hat oder nicht, Schuppen, Hörner und Kämme, drei Köpfe oder doch nur einen hat – das alles weiß man nicht. Das nimmt der Szene einiges an Dramatik, weil man sie sich nicht so richtig vorstellen kann, außer eben, man nimmt die Sache selbst in die Hand und beschließt, dass ein Dirixi so oder so aussieht. Das allerdings muss man dann mit fast der ganzen Tierwelt machen, denn Beschreibungen sind ausgesprochen dünn gesät und beschränken sich meist auf einzelne Merkmale, spitze Zähne hier und flauschigen Pelz da. Auch die ursprüngliche Bevölkerung des Planeten, die Faloii, werden zwar eindringlich, aber wenig plastisch beschrieben.

Olivias Entwicklung ist nicht immer stringent. Eben noch ein zitterndes Häufchen Elend, findet sie im nächsten Moment den Mut, den finsteren Dr. Albatur mit ihren Vorwürfen zu konfrontieren, ohne dass der ihr etwas entgegenzusetzen hätte. Olivias Beziehung zu Rondo gerät auch manchmal ein kleines bisschen rosarot, aber dafür darf es keine Abzüge geben, schließlich wird der Roman als YA deklariert und wer YA liest, darf sich nicht über Schulhof-Romanzen aufregen. Gesamtgesellschaftlich sei gesagt, dass die Sitten des alten Planeten doch sehr schnell in Vergessenheit geraten sind. So hat die ursprüngliche Bevölkerung des Planeten den neuen Siedler*innen verboten, Fleisch zu essen und sie halten sich daran, finden den Gedanken daran inzwischen sogar abstoßend. Eine Rasse, die vor vierzig Jahren noch den Gerichtshof für Menschenrechte angerufen hat, wenn es Donnerstags in der Kantine kein Fleisch geben sollte? Vielleicht ist das der unrealistischste Moment des ganzen Romans.

Dass sie gute Romane schreiben kann, hat Cole mit ihrer dystopischen Tasha-Reihe bewiesen. Dort allerdings hatte sie auch einen entscheidenden Heimvorteil: Trotz aller SciFi und Dystopie ist sie mit dieser Reihe auf der Erde geblieben. Dieser Anker in der Realität fehlt der neuen Reihe um Olivia English und lässt sie recht hilflos durch das All trudeln. Trotz sehr verlockendem Cliffhanger am Ende wird A Conspiracy of Stars das einzige Buch bleiben, das ich aus der Reihe lesen werden.


tl;dr: Der Roman spielt auf dem von Menschen neu besiedelten Planeten Faloiv. Cole hat gute Startbedingungen, einen spannenden und außergewöhnlichen SciFi-Roman zu schreiben, scheitert dann aber leider an der Ausschmückung ihrer Welt, wodurch die Handlung sehr blass und der Spannungsbogen flach bleibt.


Olivia A. Cole: A Conspiracy of Stars. Katherine Tegen Books 2018. 418 Seiten. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

Das Zitat stammt von S. 143.

Essen aus Büchern: Waldorf salad aus Margaret Atwoods „The Blind Assassin“

Waldorf Salad, ein Klassiker aus dem gleichnamigen Hotel, war über viele Jahre ein wahnsinnig schickes Essen – kein Wunder bei der Herkunft. Im Waldorf Astoria wird er noch immer serviert, heute mit Trüffel. Sellerie und Apfel sind nämlich nicht sehr schick.

In The Blind Assassin heiratet die Protagonistin Iris einen bedeutend älteren Mann und lernt zuvor ihre zukünftige Schwägerin kennen, stilecht beim Lunch im noblen Arcadian Court. Winifred, die baldige Schwägerin, segelt gerne, möchte Freddie genannt werden und trägt Lippenstift in der Farbe shrimp. Iris ist überfordert und unsicher und dankbar, dass Winifred ihr die Entscheidung abnimmt, was sie essen soll:

„She called me „dear“, and said that the Waldorf salad was marvellous. I said that would be fine.“

Marvellous! Das finde ich wirklich ein großes Wort für Waldorf Salad. Lecker ist er trotzdem, so unspektakulär er sein mag.

Ausgesucht habe ich dieses Essen aus Büchern offensichtlich weil das Zitat so schön ist und nicht, weil Waldorf Salad ein so komplexes Rezept wäre. Hier kommt trotzdem eins:

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Waldorf Salad:

  • 300 g Knollensellerie
  • 300 g feste Äpfel
  • 3 EL Mayonnaise
  • 70 g geschälte Walnüsse
  • Salz
  • Pfeffer
  • 1 TL Zitronensaft

Die Walnüsse in einer Pfanne ohne Fett leicht anrösten. Anschließend grob hacken.

Den Sellerie schälen und erst in dünne Scheiben, dann in feine Streifen schneiden. Mit den Äpfeln ebenso verfahren.

Sellerie, Äpfel, Mayonnaise und Zitronensaft in einer Schüssel vermischen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und die Walnüsse darüber streuen.

Und das wars. Im Originalrezept wird mehr und ausschließlich Mayonnaise verwendet, mittlerweile wird oft zumindest ein Teil davon durch Joghurt ersetzt. Ich finde nicht, dass Joghurt Mayonnaise ersetzen kann und sollte, aber ein wenig leichter wird es so natürlich. So oder so ist Waldorf Salad vielleicht nicht mehr nobel, aber immer noch lecker.


Quelle des Zitats: Margaret Atwood: The Blind Assassin. Virago Press 2009. S. 283.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Das Schönste in ganz Pennsylvania – „Das Holländerhaus“ von Ann Patchett

Cyril Conway steht gerade erst am Anfang seiner Immobilien-Karriere, da entdeckt er schon das schönste Haus in ganz Pennsylvania. Es ist der aufgegebene Besitz der niederländisch-stämmigen Familie VanHoebeek, die ihr Vermögen mit Zigaretten aufgebaut hat und nun komplett von der Bildfläche verschwunden ist. Es bleibt eine beeindruckende Villa mit Ballsaal, tiefen Fensterbänken und Delfter Kacheln am Kamin. Das Haus ist ein Vermögen wert und weit über dem, was Cyril sich eigentlich leisten kann. Dennoch schenkt er es seiner Frau und wohnt bald mit Köchin, Kindermädchen und den Kindern Danny und Maeve in dem prachtvollen Bau. Seine Frau allerdings bleibt nicht mehr lange. Sie fühlt sich schlecht in dem ganzen Luxus und beschließt, die Familie zu verlassen, um den Armen in Indien zu helfen.

Ihre Kinder leiden sehr unter dem plötzlichen Verlust der Mutter und auch die innige Beziehung zum Hauspersonal kann das natürlich nicht wett machen. Der Vater bleibt indessen distanziert und fremd, mit Danny verbringt er fast nur Zeit, wenn die beiden am Samstag zusammen ihre Runden drehen, um die Miete aus Cyrils Wohnungen zu kassieren. An all das erinnert sich Danny jetzt, mehrere Jahrzehnte später, während er von seiner Kindheit und Jugend erzählt, die durchgehend vom prächtigen Heim der Familie geprägt bleibt.

„Euer Vater war der Ansicht, dass es auf der Welt nichts Schöneres gab als dieses Haus, und in ihr fand er eine Frau, die das genauso sah.“

Etliche Jahre nachdem die Mutter die Familie Conway verlassen hat, verliebt sich die junge Andrea in das Haus und Cyril verliebt sich in Andrea. Nach ihrem Einzug ändert sich so einiges im Holländerhaus und es dauert nicht lange, bis sie beide Conway-Kinder vor die Tür setzt. Ihren eigenen Töchtern überlässt sie die Kinderzimmer der beiden Stiefkinder. Über Jahre nehmen Danny und Maeve ihr das übel und sitzen bei jeder Gelegenheit im Auto vor dem Anwesen, rauchen, obwohl sie immer gerade aufgehört haben, schimpfen auf die grausame Stiefmutter und sinnen auf Rache. Das beste, was den beiden einfällt, ist allerdings, Danny gegen seinen Willen Medizin studieren zu lassen, damit der von Cyril hinterlassene Ausbildungsfonds für alle Kinder möglichst aufgebraucht ist, bevor Andreas Kinder ihn nutzen können. Die Beziehung der Geschwister Maeve und Danny ist sehr eng, vor allem da Maeve früh helfen musste, die Mutter zu ersetzen. Sie ist sieben Jahre älter als ihr Bruder und bleibt ihr ganzes Leben lang eine moralische Instanz und praktische Hilfe für ihn, einer seiner wichtigsten Bezugspunkte. In seiner Ehe wird das zum zentralen Problem, nachdem Dannys Frau findet, Maeve habe zu viel Raum und Einfluss in seinem Leben.

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Maeve und Danny stehen im Zentrum des Romans, der mehr ist, als ein einfacher Familienroman. Die meiste Geschichte bringt das Haus mit, obwohl es die meiste Zeit gar nicht da ist. Obwohl konfliktreich, kommt der Roman ohne scharfe Kanten aus. Dass die Konflikte immer als recht harmlos erscheinen, liegt aber sicher auch an Ich-Erzähler Danny, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Vielleicht liegt Aufregung aber auch einfach nicht in seinem emotionalen Spektrum, er scheint die meisten Dinge einfach hinzunehmen. Nur der Zorn auf die Mutter bleibt, was er ist. Sie hätte die Kinder nicht alleine lassen dürfen und diese Tat ist unverzeihlich. Dabei bleibt er. Die Wut auf Mutter und Stiefmutter ist das verbindende Element der beiden Geschwister und sie lassen beide nicht zu, dass dieser Zorn verraucht, als würde es ihr eigene Bindung gefährden. Umso versöhnlicher und eigentlich ein bisschen zu weich und glatt gerät dann allerdings das letzte Viertel des Romans.

Das Holländerhaus beschreibt Aufstieg und Fall einer Familie in kaum mehr als einer Generation. Patchett stellt die Wut der Geschwister in den Mittelpunkt, die Tatsache, wie sehr ihr nie abgekühlter Zorn ihre Leben lenkt und bestimmt. Zugleich thematisiert der Roman die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich in den wenigen Jahrzehnten, in denen die Geschichte spielt, rapide ändern, während einiges doch immer gleich bleibt. Der Roman überzeugt in seiner Interpretation des Motivs der bösen Stiefmutter, einige schärfere Kanten hätte er dabei aber gut vertragen.


tl;dr: Das Holländerhaus ist ein solider, gut lesbarer Familien- und Gesellschaftsroman, der in und um New York ab den 1950ern spielt und in dessen Zentrum zwei Geschwister stehen, die sich gegenseitig in ihrem unversöhnlichen Zorn auf Mutter und Stiefmutter bestärken.


Ann Patchett: Das Holländerhaus. Aus dem Englischen übersetz von Ulrike Thiesmeyer. Berlin Verlag 2020, 399 Seiten. Originalausgabe: The Dutch House. HarperCollins NY, 2019.

Das Zitat stammt von S. 133.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Weltliteratur auf dem Teller – „Frisch auf den Tisch“ von Hildegard Keller und Christof Burkhard

Über das Essen und einen Teil des schriftstellerischen Werks erfahrbar zu machen und das Leseerlebnis ins Hier und Jetzt zu transportieren, ist der nicht geringe Anspruch von Hildegard Keller und Christof Burkard. Das Schweizer Ehepaar veröffentlicht seine Kolumne regelmäßig in der Schweizer Zeitschrift „Literarischer Monat“ und gesammelt auch in Büchern, von denen Frisch auf den Tisch – Weltliteratur in Leckerbissen schon das zweite ist.

Hildegard Keller ist Literaturwissenschaftlerin und dürfte vielen unter anderem aus der Jury des Bachmannpreises bekannt sein. Ihre Aufgabe bei diesem Projekt ist es, im Werk von Autor*innen geeignete Stellen und kulinarische Assoziationen zu finden und zudem zu illustrieren. Christof Burkard, Jurist, Kulinariker und Rezepte-Erfinder, kümmert sich um die praktische Umsetzung der vielversprechenden Fundstellen.

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Das Ergebnis sind phantasie- und einfallsreiche Zusammenstellungen, die im aufwendig gestalteten Buch gut zur Geltung kommen. Etliche der elf vertreten Schreibenden, unter ihnen beispielsweise Herman Melville, Hannah Arendt oder Max Frisch sind sehr bekannt, andere wie Alfonsina Storni sind sicher in weniger Bücherregalen vertreten. Sie alle werden in einem kurzen Porträt ihrer selbst und ihres Werks vorgestellt und in freigestellten Zitaten und Illustrationen ausgeschmückt.

„Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

Keller und Burkard kochen nicht nur nach, was in Texten serviert wird, sondern betrachten ganze Werke und ihre Urheber*innen. So gibt es einen herzhaften Kuchen mit Schweizer Zutaten für Schweiz-Fan Rosa Luxemburg, die so sehr an der gerechten Verteilung desselben interessiert war und Ravioli, „Architektur für den Teller“ für Max Frisch.  Alle diese Gerichte machen Lust auf’s Ausprobieren (Malfatti! Warum habe ich die noch nie gemacht?), sind allerdings nicht in gewohnter Rezeptbuch-Manier geschrieben, so dass ein Nachkochen für Anfänger*innen mitunter schwer werden könnte. Eine gewisse Grundkenntnis und Erfahrung sollte man schon mitbringen. Doch auch bei fehlender Koch-Ambition liest sich der kleine Band sehr unterhaltsam und interessant.


Hildegard Keller und Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden 2020. 139 Seiten.

Einige der Texte sind auch auf der Website der Herausgeber zu finden: maulhelden.ch.

Das Zitat stammt von S. 37.

Ich danke der Autorin und Herausgeberin für das Leseexemplar.

Wissenschaft außer Kontrolle – „Oryx & Crake“ von Margaret Atwood

Jimmy und Crake wachsen auf in einer dystopischen Welt, die völlig denkbar erscheint. Diese Welt wird nicht mehr von Regierungen kontrolliert sondern von einigen wenigen Großkonzernen, die an der stetigen Verbesserung der Welt und der Nutzbarkeit der Erde arbeiten. Es werden Tierhybriden gezüchtet, die das beste aus zwei Rassen vereinen sollen, Schweine, in deren Körper Ersatz-Organe heranwachsen und Hühner, die nur noch aus Brustfilet bestehen. Dieser Einsatz ist dringend nötig, denn seit es nicht mehr regnet und die Winter nicht mehr existieren, ist Nahrung knapp geworden. Echte Nahrungsmittel gibt es nur noch für die Elite, der Rest gibt sich mit Imitaten zufrieden. Jimmy und Crake haben das Glück, dass ihre Eltern in der Forschung arbeiten und somit das Recht (und die Pflicht) haben, in einer der hochgeföhnten Siedlungen zu leben, die den Systemrelevanten vorbehalten bleibt. Der Rest der Menschheit lebt im Pleeblands genannten Umland, wo es erst recht keine echte Nahrung, keine Schulen und kaum medizinische Versorgung gibt.

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Doch auch die gruseligste Dystopie ist mal vorbei und so treffen wir Snowman, wie Jimmy jetzt heißt, in einem verwüsteten Niemandsland, wo er, in ein altes Laken gehüllt, auf einem Baum lebt. In seiner Nähe leben Craker, genetisch perfekt aufgestellte Menschen, denen jede Argwohn fehlt und Crake als ihren Gott anbeten. Jimmy finden sie seltsam, aber seit er behauptet, es sei Crakes Gebot, dass sie für ihn einen Fisch pro Woche fangen, bekommt er wenigstens etwas Eiweiß.

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Es kriecht und krabbelt zwischen den Seiten – der Bücherwurm und seine hungrigen Geschwister

Als Bücherwürmer werden ja gemeinhin die Menschen bezeichnet, die sich hartnäckig und systematisch durch ein Buch nach dem anderen fräsen. In zahlreichen Cartoons wird der Bücherwurm als possierliches, bebrilltes Kerlchen dargestellt, fröhlich winkend aus dem gerade zerstörten Werk. Aber gibt es das wirklich? Schädlinge, die sich durch ganze Regalmeter fressen, eine tunnelförmige Spur der Verwüstung hinterlassend? Einen hochspezialisierten Bücherwurm findet man nicht in der Welt der mitunter lästigen Kleintiere, dafür aber diverse andere Tiere, die durchaus Interesse an gepresster Zellulose, Leim und Leder haben. Niedlich sind sie meistens nicht und der angerichtete Schaden reicht von lästig bis immens, besonders bei größeren und nicht ersetzbaren Bücherbeständen.

Der Bücherwurm

Wie schon gesagt – einen hochspezialisierten Bücherwurm hat die Evolution in der recht kurzen Zeit seit Erfindung des Buchdrucks und der massenhaften Verbreitung von Druckwerken nicht hervorgebracht. Dennoch lassen sich mitunter wurmförmige Lebewesen zwischen den Seiten eines Buches finden. Dabei handelt es sich meist um Larven von Klopfkäfern. In Deutschland besonders häufig anzutreffen ist der 3 mm große Brotkäfer Stegobium paniceum. Der ist sonst auf trockene Lebensmittel und pulverartige Substanzen spezialisiert und im englischen als „drug store beetle“ bekannt.

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Geheimnisse unter Geschwistern – „My Sister the Serial Killer“ von Oyinkan Braithwaite

Korede, Krankenschwester aus Lagos, nimmt es ernst mit der Sauberkeit. Und das nicht nur in der Klinik, wo sie den Hausmeister ständig zu gründlicherer Arbeit antreiben muss, sondern auch als Tatortreinigerin. Letzteres übt sie selbstverständlich höchst diskret und privat aus, allerdings auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Denn ihre Schwester Ayoola ist eine Serienmörderin, zumindest wenn man „Serie“ als mindestens drei definiert. Man lernt die beiden Schwestern kennen im Badezimmer von Femi, dem letzten Freund von Ayoola. Femi lebt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, und die beiden Schwestern haben alle Hände voll zu tun, sowohl seine Leiche als auch jede Spur des blutigen Verbrechens zu beseitigen.

„I bet you didn’t know that bleach masks the smell of blood.“

Trotz der routinierten Reinigungsarbeit sind die nächtlichen Einsätze für Korede nicht leicht. Besonders die Beseitigung von Femis sterblichen Überresten fällt ihr schwer, obwohl oder gerade weil sie ihn nie kennengelernt hat. Ayoola und er waren erst seit kurzem ein Paar. Ihrer Schwester erzählt Ayoola, sie habe sich von ihm bedroht gefühlt und in Gegenwehr zugestochen. Das erzählt sie nun schon zum dritten Mal. Korede fällt auf, dass die Stiche in den Rücken gingen, was eine unmittelbare Abwehrhandlung ausschließt, aber sie hat keine Lust, das zu diskutieren. Für Korede wird die Sache aber schnell richtig ernst, als Tade, Arzt und Kollege, sich in Ayoola verguckt. Auf Tade hat sie nämlich schon lange ein Auge geworfen und hat überhaupt keine Lust, seine Leiche eines Nachts über ein Brückengeländer zu werfen.

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Pestilenz und Phantasie – „Gemeinschaft der Aussätzigen“ von Julia Blackburn

1410 wird in einem kleinen Küstenort in England eine Meerjungfrau angespült. Ihr Finder glaubt sie tot und will sie beerdigen, doch als er mit Spaten und Hilfe zurückkehrt, ist von der sagenhaften Gestalt nur noch eine schwarze Locke übrig. Dennoch hebt man ein Grab am Strand aus und setzt die Haarsträhne bei. Von da an passieren wunderliche Dinge im Dorf. Ein Kind mit einem Fischkopf wird geboren, Blinde können wieder sehen und einige Einwohner haben plötzlich die Vision, nach Jerusalem reisen zu müssen.

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Erzählt wird das alles von einer Reflektorfigur, die von den Handelnden selbst gar nicht gesehen oder gehört wird. Nur eine Katze nimmt sie hin und wieder wahr. Diese Person lebt in der Gegenwart und nutzt das Dorf als Rückzugsort, wenn sie aus ihrem Leben fliehen will und es anders nicht kann. Es bleibt unklar, ob sie das Dorf als Ziel einer Phantasiereise nutzt, ob sie sich in Halluzinationen tatsächlich im tiefsten Mittelalter wähnt, oder ob die Reise in die Vergangenheit sogar eine Art Rückführung ist.

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Essen aus Büchern: Peach Cobbler aus Attica Lockes „Black Water Rising“

In Black Water Rising rettet Jay eine Frau aus einem Bayou in Texas. Dass er damit eine Menge Leute gegen sich aufbringt, kann er da noch nicht ahnen. Aber schon bald wird ihm klar, dass er sich mit den falschen Leuten angelegt hat und sein eigenes Leben und das seiner Familie auf dem Spiel steht. Hilfe hofft er in der Gemeinde von Reverend Boykins zu finden. Bei einem gemeinsamen Abendessen gibt es nicht nur wichtige Hinweise auf mögliche Hintermänner, sondern auch noch Dessert und Kaffee von Mrs. Boykins:

„Mrs. Boykins stands to collect their plates, carrying them into the kitchen. A few minutes later, she returns with a peach cobbler and a fresh pot of coffee.“

Cobblers sind vor allem im Süden der USA verbreitet, wo es sie seit der britischen Kolonialzeit gibt. Sie bestehen in der Regel aus einer Sorte Obst, die mit Teig überbacken wird. Gegessen werden sie lauwarm, gerne mit Vanilleeis oder -sauce. Und gemacht wird Peach Cobbler so:

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Mörderjagd am Mississippi – „The Little Friend“ von Donna Tartt

Harriet ist erst wenige Monate alt, als ihr neunjähriger Bruder Robin im Garten der Familie ums Leben kommt. Es sieht nach einem Unfall aus, doch schnell werden die ersten Stimmen laut, die überzeugt sind, dass es sich um einen Mord handelt. Die Ermittlungen laufen ins Nichts und irgendwann wird der Fall zu den Akten gelegt. Zwölf Jahre später ist Harriet ein mutiges, kluges, belesenes und starrköpfiges Mädchen geworden und setzt es sich in den Kopf, in ihren Sommerferien aufzuklären, wer ihren Bruder auf dem Gewissen hat. Das ist gar nicht so leicht, denn in ihrer Familie gilt der Tod des Jungen als Tabu.

„Harriet’s house was a sleepy house – for everybody but Harriet, who was wakeful and alert by nature.“

Zusammen mit ihrem besten Freund Haley hat sie aber schnell einen ersten Verdächtigen ausgemacht: Danny Ratliff, der mit ihrem Bruder in eine Klasse ging und am Tag seines Todes in der Nähe gesehen wurde. Mittlerweile lebt er mit seinen drei Brüdern und seiner Großmutter in einem Trailer, ist drogenabhängig und in diverse halbseidene Geschäfte verwickelt. Welche Kettenreaktion ihre Ermittlungen auslösen werden, ahnt Harriet nicht, als sie anfängt, die Ratliffs auszuspionieren.

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