Das Debüt 2020 – Meine Entscheidung

Wer hier regelmäßig liest, wird mitbekommen haben, dass meine Lektüre in den letzten Wochen maßgeblich geprägt war von den fünf Finalist*innen von Das Debüt 2020. Heute morgen ist nun die Siegerin des Wettbewerbs gekürt worden: Deniz Ohde hat mit Streulicht den für die Jury besten Debüt-Roman des Jahres 2020 geschrieben. Wie es mit den übrigen Plätzen aussieht, erfahrt ihr im Beitrag von Das Debüt.

Für mich war Streulicht auch ein starker Roman, aber ganz knapp nicht mein Favorit. Meine Punkte habe ich wie folgt vergeben:

1 Punkt geht an Cihan Acars Debüt Hawaii. Acar gelingt es, seinen fast hoffnungslos gescheiterten Protagonistin Kemal mit knapper, manchmal rauer und authentisch wirkender Stimme zu charakterisieren. Nur wenige Tage und Nächte braucht es, um sowohl die prekäre Ausgangssituation, als auch die Unsicherheit des weiteren Wegs deutlich werden zu lassen.

3 Punkte gehen an Streulicht von Deniz Ohde. Die Autorin schildert das Leben einer jungen Frau, die nach einer Bildung verlangt, die für sie gar nicht vorgesehen ist. Ohde schildert nicht nur die hohen Hürden des Bildungssystems für alle, die nicht mitgedacht werden, sondern auch das familiäre Chaos ihrer Protagonistin am unglamourösen Rand einer Großstadt.

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Und 5 Punkte gibt es für meinen Favoriten, Wir verlassenen Kinder von Lucia Leidenfrost. Der Roman handelt von einem Dorf, das von fast allen Erwachsenen verlassen wurde, in der Hoffnung, anderswo Geld verdienen zu können. Ihre zurückgebliebenen Kinder müssen ihre lückenhafte Gesellschaft mit eigenen Regeln neu aufbauen. Leidenfrost kombiniert abwechslungsreiche Erzählperspektiven und unverschnörkelten Stil zu einem gelungenen Debüt-Roman.

Wieder war es eine große Freude, Teil dieser Jury zu sein und besonders, dass es dieses mal dank Videokonferenz auch fast persönlichen Austausch geben konnte. Persönlich kenne ich leider immer noch keines der anderen Jury-Mitglieder, aber so wurde die Diskussion um einiges lebendiger. Ich bin gespannt, welche Erstlingswerke 2021 zu bieten hat!

Zwischen Freiheit und Verzweiflung – „Wir verlassenen Kinder“ von Lucia Leidenfrost

Nach und nach verlassen die Erwachsenen das Dorf irgendwo im äußersten Osten Europas. Selbst der Lehrer und der Pfarrer sind schon weg. Sie gehen in andere Städte, in andere Länder, in denen sich Geld verdienen lässt. Ihre Kinder können sie dabei nicht mitnehmen. Sie bleiben zurück, Großeltern und Nachbarn sollen künftig auf sie aufpassen. Von den Eltern kommen regelmäßig Briefe, Geschenke und vor allem das nicht einlösbare Versprechen, bald wieder da zu sein. Doch nach und nach verschwinden auch die Nachbarn, und die Großeltern werden immer gebrechlicher. Sie sind kaum noch in der Lage, auf die eigenen Enkelkinder aufzupassen, vom Rest der Meute ganz zu schweigen. Noch dazu droht ein Krieg. Immer öfter beobachten die Kinder „blecherne Vögel“, die donnernd über das Dorf fliegen und zum Glück erst an anderer Stelle angreifen.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, wobei „wir“ und Mila besonders viel Raum einnehmen. Mila ist die älteste Tochter des Bürgermeisters, einem der letzten Erwachsenen im Dorf, und als einziges Kind nicht Teil von „wir“. Als einzige hat sie auch einen Schlüssel zur Schule, den sie ihrem Vater gestohlen hat und den sie hütet wie einen Schatz. Stundenlang kann sie sich dort in der Bibliothek verstecken. Aber sie schreckt auch nicht davor zurück, sich ohne Schlüssel Zugang zu verlassenen Häusern zu verschaffen und die aufgegebenen Schränke und Schubladen nach Brauchbarem zu durchsuchen. „Wir“, das ist der Rest der Kinder, darunter auch Milas Schwestern, die als unzertrennliche Meute durch das Dorf und seine Umgebung ziehen. Sie haben eigene Regeln aufgestellt und erlassen mitunter drakonische Strafen, wenn diese gebrochen werden. Wer einem von ihnen schadet, schadet allen. Sie begreifen sich als einen großen Organismus und sprechen auch als solcher. Nur selten kommen auch andere zu Wort. Erwachsene, die vor sich selbst versuchen zu rechtfertigen, dass sie ihre Kinder im Stich gelassen haben, die sich sorgen und sich fragen, warum auf ihre Briefe kaum eine Antwort kommt.

„Wir waren einmal echte Kinder. Jetzt stapeln wir Holz in unsere Öfen, suchen nach kleinen Holzstücken und Papier.“

Die Stimmung in Wir verlassenen Kinder ist so düster, wie der Titel es eigentlich schon vermuten lässt. Den ganzen Roman über herrscht ein Gefühl der Unsicherheit. Auf vieles, was passiert, können die Kinder sich nicht so recht einen Reim machen. So bleibt einiges völlig unklar, wie beispielsweise die Frage nach dem kriegerischen Konflikt, der irgendwo in der Nähe eskaliert. Wie real und nah diese Bedrohung ist, kann man kaum beurteilen. Die Kinder fühlen sich von ihren Eltern im Stich gelassen. Dass diese selbst genauso unter der Situation leiden, wissen ihre Kinder nicht und können es sich auch nicht vorstellen. Mila, die als einzige noch einen Vater im Dorf hat, fürchtet seine Launen und seine Ausbrüche. Seit dem Tod der Mutter sieht sie eine Spinne in seinem Nacken sitzen, die wächst, und nach ihm greift und seine Stimmung gefährlich werden lässt. Zuspruch erfährt sie selten von ihrem Vater, auch wenn er offenbar genau weiß, was er an seiner ältesten Tochter hat, die sich früh auch um die mutterlosen Schwestern gekümmert hat. Der Umgang der Kinder miteinander ist meistens rau und lieblos. Das „wir“ zählt mehr als individuelle Freundschaften und Loyalitäten und so werden diese immer seltener.

Stilistisch ist der Roman recht einfach gehalten, in klaren, unverschnörkelten Sätzen. Das Besondere an Wir verlassenen Kinder sind die wechselnden Perspektiven und eben auch die kindliche Sichtweise, die einiges einfacher und anderes völlig unverständlich erscheinen lässt. Nicht bei allen Episoden kann man sich sofort sicher sein, ob sie real sind oder einer überbordenden kindlichen Fantasie entsprungen sind.

Zerrissene Familien, in denen die Eltern im Ausland arbeiten müssen und die Kinder bei anderen Verwandten unterbringen, sind in einigen Teilen Europas leider ein verbreitetes Phänomen. Leidenfrost treibt diesen Umstand in ihrem Debüt-Roman auf die Spitze und streicht auch noch die letzten Kontroll-Instanzen aus dem sozialen Konstrukt. So sehr die Kinder auch an Macht gewinnen und so grausam sie dabei werden, so bleiben sie dabei doch immer vor allem Opfer ihrer Haltlosigkeit. Ein gelungenes und spannend zu lesendes Gedankenexperiment.


tl;dr: In Leidenfrosts Debüt-Roman verlassen nach und nach alle Erwachsenen ein kleines Dorf, darauf bauend, dass sich schon irgendjemand um ihre Kinder kümmern wird. Schnell bröckelt das soziale Konstrukt und die Kinder gründen ihre eigene Gesellschaft mit ganz eigenen Regeln.


Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder. Kremayr & Scheriau 2020. 192 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 8.

Leidenfrost steht mit diesem Roman auf der Shortlist für den Blogger*innen-Preis Das Debüt 2020.

Den Vorhang auf! – „Schatten über den Brettern“ von David Misch

Leicht macht der Erzähler in David Mischs Debüt-Roman einem den Einstieg in den Text nicht. Es gibt einen ER, einen dunklen Schatten, ein ich und ein „mein liebes Kind“. Wer das alles ist, und wie diese Personen zueinander in Beziehung stehen, das muss man sich erst mühsam erschließen. Dabei ist die Rahmenhandlung eigentlich ganz einfach: ein alter Mann sitzt auf einer Parkbank, sieht dem Treiben um einen Weiher herum zu und schreibt dabei seine Erinnerungen auf. Ab und an leistet ihm eine jüngere Frau Gesellschaft, an deren Arm gestützt er hin und wieder ein paar Schritte gehen kann. 

Es dauert ein wenig, bis man sich die Biographie des Alten aus den Versatzstücken seines Lebens zusammenreimen kann. Er erzählt, das kündigt er auch an, nicht chronologisch. Wie sich aus seinen Aufzeichnungen langsam herausschält, ist er früher offenbar als Schauspieler tätig gewesen, allerdings nicht auf großen und bedeutenden Bühnen, sondern in einem kleine Mitmach-Theater, in dem er seine Rollen nicht nur spielte, sondern auch gemeinsam mit dem Leiter des Theaters erdachte. Zum Hauptberuf reicht das nicht, tagsüber verbringt er seine Zeit in einer Folien-Fabrik, wobei man seine Tätigkeit dort immer weniger als Arbeit bezeichnen kann. Seinen Figuren ist er so nah, dass er mit ihnen lebt und sie Teil seiner Persönlichkeit werden.

„Es gab kein passendes Wort für diesen Zustand der Lebensvergessenheit, der mich überkam, wenn es um das Theater ging.“

Das Theater, an dem der Erzähler mitwirkt, steht dabei in der Tradition des im Roman oft erwähnten Theaterwissenschaftlers Augusto Boals, der in Brasilien eine Form des Theaters entwickelte, die er als „Theater der Unterdrückten“ bezeichnete. Das Ziel dieser Theaterform ist, das Publikum aus der Rolle der rein Konsumierenden zu befreien und sie zum Mitmachen zu bewegen, was auch eine Auswirkung auf ihren Alltag haben soll. So sehr das den Erzähler begeistert, so wenig Anklang findet diese Form des Schauspiels bei den neuen Machthabern im „kleinen Land in Westeuropa“, das nie benannt wird, aber ziemlich offenbar Österreich ist. Es dauert nicht lange, bis die kleine Bühne geschlossen wird und mit ihr die Paraderollen des Erzählers untergehen, was zum entscheidenden Bruch in seinem Leben wird. Seitdem haben sich die Umstände offenbar noch einmal verschärft. Das faschistoide Regime ist stark geworden und hat nun eine wachsames Auge auf alle Bereiche des Lebens. Gemischt-ethnische Klassen sind ebenso untersagt wie Homosexualität und das Ausüben nicht-christlicher Religionen. Allein das Wissen über die inzwischen verbotenen Umtriebe des alten Mannes wird für seine Gesprächspartnerin auf der Parkbank zur Gefahr.

Der Einstieg in den Roman ist ausgesprochen sperrig. Das liegt zum einen daran, dass die Personen, wie eingangs erwähnt, weder benannt noch klar zugeordnet werden. Der Weg durch das Dickicht fällt auch deshalb nicht ganz leicht, weil zunächst völlig unklar ist, wo der Roman hin will und wer einem hier überhaupt etwas erzählen will. Und so spannend das sein kann – hier trägt die Handlung die Komplexität nicht. Erst spät im Buch entwirren sich die Fäden und es wird langsam klar, was hinter der Erzählung steckt. Die Sprache des Erzählers ist sehr ausladend, gespickt mit altertümlich anmutenden Wörtern und mitunter schon sperrig und gestelzt. Dieser Duktus passt nicht immer zu diesem Mann, der sonst direkter und weniger gekünstelt zu sein scheint. Die Theater-Thematik stellt eine wichtige und interessante Komponente der Geschichte dar, gerade auch, weil es weniger um die großen Bühnen und glamouröse Rollen geht, sondern um kleinere und agilere Formen, in denen Protest und Kritik unmittelbar umgesetzt werden können. Dass aber auch gerade diese Bretter mehr als die Welt bedeuten können, beweist der Erzähler eindringlich. 


tl;dr: In seinem Roman-Debüt beschreibt David Misch einen Mann, der in seiner Zeit als Schauspieler so sehr mit seinen Rollen verschmolzen ist, dass das Erstarken eines faschistoiden Regimes und das Verbot seines Theaters sein Ende bedeuteten. Der Roman braucht lange, um zu fesseln, und die Sprache passt nicht immer zu Handlung und Erzähler.


David Misch: Schatten über den Brettern. duotincta 2020. 298 Seiten. Gelesen als eBook mit 220 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 195.

Dieser Roman ist nominiert für den Blogger*innen-Preis Das Debüt 2020. Im Rahmen dessen wurde mir vom Verlag ein Leseexemplar überlassen.

Die Staubgeborene – „Streulicht“ von Deniz Ohde

Ohdes Protagonistin hat einen Namen für drinnen und einen für draußen, der weniger türkisch klingt. Keinen von beiden erfährt man in diesem Roman. Sie wächst auf in einem Randbezirk von Frankfurt, weit weg von den hohen Bankentürmen. Ihre Skyline ist der Industriepark Höchst, ihre Chancen im Leben gering. Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt von interfamiliären Konflikten. Der Vater ist Deutscher und hat seine türkische Frau bei einem Konzert in Frankfurt kennengelernt. Als er sie das erste Mal mit nach Hause bringt, hat der Großvater im Treppenhaus kaum ein Nicken für sie übrig. Die Mutter beißt sich durch. Sie erträgt die Ablehnung von Familie und Nachbarn, hilft, wo sie kann und nimmt lange hin, dass ihr alkoholkranker Mann regelmäßig ausrastet und die Wohnung zertrümmert. Irgendwann geht sie dann doch, nur mit einer kleinen Reisetasche, und lässt die Tochter beim Vater. Viel später wird sie noch einmal und endgültig, nach langer Krankheit gehen.

Ihre Tochter kämpft sich durch. Von der Grundschule an hat sie es nicht leicht. Die Lehrkräfte trauen ihr wenig zu, sie sich noch viel weniger und beim Eckenrechnen bleibt sie immer in der ersten Ecke stehen, weil sie sich nicht traut, die Lösung in den Raum zu rufen. Wenn sie die freiwilligen Extra-Hausaufgaben machen will, tadelt ihr Vater sie. Man solle sich nicht mehr Mühe geben, als man unbedingt müsse. Ihre Freundin Sophia hat es da leichter. Erstens, weil sie Sophia heißt, zweitens, weil sie nicht in einem Block aufwächst, sondern in einem Einfamilienhaus und ihre Mutter einen Bildungsplan für sie hat, in dem nicht nur gute Noten, sondern auch Voltigieren vorkommt.Der Traum, mit Sophia und ihrem Freund Pikka zusammen die Oberstufe zu besuchen, erfüllt sich für die Erzählerin nicht. Ohne Abschluss muss sie die Schule aufgrund schlechter Leistungen verlassen und hängt monatelang in der Luft und vor dem Fernseher, bevor sie sich schließlich aufraffen kann, eine Abend-Realschule zu besuchen. Und dann läuft es plötzlich doch: sie macht ihr Abitur, sie studiert, sie macht ihren Abschluss. Das Gefühl aber, fehl am Platz zu sein und allen etwas vorzumachen, bleibt.

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Essen aus Büchern: Pasta Puttanesca aus Ellen Feldmans „Scottsboro“

In ihrem Roman Scottsboro beschreibt Feldman einen realen Fall, der sich in den 1930ern in Alabama zugetragen hat. Zwei Frauen hatten in „unmoralischer Absicht“ die Staatsgrenze nach Teneessee passiert, um dort der Prostitution nachzugehen. Auf der Rückfahrt wurden sie entdeckt und behaupteten zu ihrem eigenen Schutz, sie seien von einer Gruppe Schwarzer Mitreisender vergewaltigt worden. Obwohl eine der beiden Frauen ihr Geständnis bald widerrief, wurden neun Jungen und Männer im Alter von 13 bis 19 zum Tode verurteilt. Das Verfahren zog sich über Jahre und ging als Fall der „Scottsboro Boys“ in die Geschichte ein.

In Scottsboro arbeitet die New Yorker Journalistin Alice an diesem Fall und wird bald zur Vertrauten von Ruby, einer der beiden Frauen, die das Ganze ins Rollen gebracht haben. Schnell glaubt sie, dass Ruby lügt und die Anklage haltlos ist, findet damit im rassistischen Alabama aber kein Gehör. Ihre Kollegen im liberalen New York finden es derweil schwer, zwei Prostituierten Glauben zu schenken. Dabei ist ihre Einstellung vorgeblich eine ganz andere, viel solidarischere:

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Dein Bücher-Horoskop für 2021

Der Jahreswechsel wird für viele von uns anders sein, als sonst. Doch eines bleibt: die drängende Frage, was man im nächsten Jahr eigentlich lesen soll. Denn das will gut überlegt sein und der Druck ist nicht gering! Goodreads erinnert mahnend an die neue Jahres-Challenge, auf twitter berichten alle von großen Plänen und die guten Vorsätze tun ihr übriges. Aber wo anfangen bei so viel Auswahl? Das wissen die Sterne! Damit ihr das neue Jahr nicht mit einem Lese-Flop startet, kommen hier die besten Lese-Tipps passend zu eurem Sternzeichen.

Ich wünsche euch allen ein großartiges neues Jahr mit viel Lesezeit und der passenden Lektüre, um sie zu füllen!

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Auf die Füße kommen – „Hawaii“ von Cihan Acar

Hawaii ist in Cihan Acars Debütroman kein Urlaubsparadies, sondern eine Siedlung am Rande Heilbronns, die lange als Problemviertel galt und noch immer alles andere als eine bevorzugte Wohngegend ist. Es sind vor allem Migrant*innen und ihre Familien, viele türkischer Herkunft, die hier leben und ihre Cafés, Läden und Spielhallen betreiben. Auch Kemal ist hier aufgewachsen, konnte den tristen Wohnblocks aber dank seines Sporttalents entkommen. Noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag ist er in der Türkei zum hochbezahlten Fußball-Star aufgestiegen, Promi-Status und dicker Porsche inklusive. Doch ein Unfall hat seiner Karriere ein plötzliches Ende gesetzt. Nun ist Kemal wieder in Heilbronn, lebt im Haus eines Onkels und trauert seiner Jugendliebe Sina hinterher, die er leichtfertig in den Wind geschossen hat, als die Welt ihm noch zu Füßen lag.

Hawaii folgt dem Orientierungslosen drei Tage und Nächte lang durch die Stadt. Kemal besucht seine Eltern in Hawaii, trifft alte Freunde zum Poker und verliert sein letztes Geld bei einer angeblich todsicheren Sportwette. Die ganze Zeit bleibt er so rat- wie rastlos. Ohne Ausbildung weiß er nichts mit sich anzufangen, seine Ex-Freundin ist inzwischen neu verliebt und das Girokonto bewegt sich immer weiter ins Minus. Um ihn herum radikalisiert sich derweil seine Heimatstadt. In den drückend heißen Tagen des Sommers stehen sich die rechtsgerichtete HWA (Heilbronn wach auf) und die Mitglieder der vor allem türkischstämmigen Kankas gegenüber. Kemal interessiert sich für keine der beiden Gruppierungen besonders, schließlich hat er genug mit sich selber zu tun. Aber auch er kann nicht umhin zu bemerken, wie um ihn herum immer mehr Shirts und Kutten der einen oder anderen Gruppierung im Stadtbild zu sehen sind. Der Konflikt entlädt sich schließlich in einer brutalen Straßenschlacht.

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Die Unzertrennlichen – „Als hätten sie Land betreten“ von Claudia Sammer

In ihrer Kindheit und Jugend sind Veza und Lotti unzertrennlich. Sie verbringen jeden Tag miteinander, schreiben sich lange Briefe und es ist beiden klar, dass ihre Freundschaft ewig dauern wird. Doch mit dem Erstarken der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren muss die jüdische Veza bald erkennen, dass ihr Leben anders verlaufen wird, als erhofft. Sie versucht sich mit einer Konvertierung zum Christentum zu retten und tritt sogar in ein Kloster der Karmeliterinnen ein, sehr zum Ärger ihrer Familie und dem Unverständnis ihrer Freundin Lotti. Die Flucht gelingt Veza nicht. Lotti aber vergisst die Freundin ihr Leben lang nicht. 

„Im unmittelbaren Spüren war die innere Ordnung intakt, sie hatten festen Boden unter den Füßen, es war, als hätten sie Land betreten. Sie würden im Gleichschritt gehen, sie würde studieren, lesen und lernen, sie würden arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen.“

Diese Freundschaft nimmt Claudia Sammer in ihrem Roman als Ausgangspunkt um über das Leben von sechs Frauen zu schreiben, die meisten davon aus Lottis Familie und Vertreterinnen ganz unterschiedlicher Generationen. Ihre Leben werden nicht strikt chronologisch behandelt, sondern episodenhaft beleuchtet, wobei bei allen die Frage von Abhängigkeiten und Selbstbestimmung zentral ist. 

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Wanderung mit schwerem Gepäck – „Elijas Lied“ von Amanda Lasker-Berlin

Es sind drei ungleiche Schwestern, die an einem kühlen Morgen aus dem Bus am Rande des Moors steigen, um noch einmal den Weg gemeinsam zu gehen, den sie früher schon gemeinsam mit den Eltern erkundet haben. Durch das Moor, durch den toten Wald und hinauf auf einen hohen Berg, von dem aus man die ganze Umgebung sehen kann. Elija, die älteste, wurde mit einem Gendefekt geboren und lebt nun in einer WG in Berlin, wo sie als Schauspielerin arbeitet, zuletzt sogar mit einem Solo-Stück, auf das sie sehr stolz ist. Noa arbeitet vormittags in einer seelenlosen Firmenkantine und am Nachmittag als Sexualbegleiterin für pflegebedürftige Menschen. Und Loth, die jüngste der drei, lebt offen rechtsradikal in einem patriotischen Wohnprojekt und ist, schön wie sie ist, ein Internet-Star der Szene. 

Das Verhältnis zwischen den Schwestern ist deutlich abgekühlt, seit Loth aus dem Elternhaus ausgezogen ist. In ihrer Jugend war sie noch als Punk unterwegs, hat seitdem aber eine Kehrtwende in Richtung Faschismus hingelegt. Ihre Familie ist überfordert von ihrer zunehmenden Radikalisierung und reduziert den Kontakt auf ein Minimum. Doch es war Loths Idee, die Schwestern noch einmal zusammen zu holen um alte Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Nach langem Zögern lassen Noa und Elija sich endlich auf den Vorschlag ein, aber schon bald bereut Loth ihren Plan. Die Schwestern nerven sie und bremsen sie aus auf dem Weg zum Gipfel. Vor allem Elija ist ihr ein ständiger Klotz am Bein mit ihrer Träumerei und den schlecht gebundenen Wanderschuhen. Während die Schwestern durchs Moor stapfen, erfährt man in kurzen Episoden mehr über ihre Leben, die sonst kaum einen Berührungspunkt haben. 

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Die schlecht bezahlte Autorität – „Professor Unrat“ von Heinrich Mann

Die Geschichte des Professor Raat ist sicher vielen bekannt, nicht zuletzt durch die Verfilmung unter dem Titel „Der blaue Engel“. Seine Autorität baut dieses Erzbild des verstockten Gymnasiallehrers einzig auf seinen Titel und sieht sich umso mehr bedroht von subversiven Schülern, die ihm den Namen „Unrat“ anhängen. Dieser wenig schmeichelhafte Name hängt ihm nun schon seit Jahrzehnten nach und in seiner kleinen Heimatstadt sieht er sich umzingelt von Feinden, stets besorgt, irgendwo auf der Straße mit dem verhassten Spitznamen angesprochen zu werden. Der hat sich inzwischen fest etabliert, auch bei jenen, die schon lange nicht mehr zur Schule gehen. Dass viele ehemalige Schüler ihm durchaus nostalgische Wertschätzung entgegenbringen und ganz gerne an die Tage in seiner Klasse zurückdenken, merkt er nicht. Er nimmt den kleinsten Angriff auf seine Autorität so persönlich, dass er auf nicht weniger als Vernichtung sinnt und viel Energie darauf verwendet, verhassten Schülern den zukünftigen Lebensweg zu erschweren.

„Unrat, der sich von den Schülern hinterrücks angefeindet, betrogen und gehaßt wußte, behandelte sie seinerseits als Erbfeinde, von denen man nicht genug ‚hineinlegen‘ und vom ‚Ziel der Klasse‘ zurückhalten konnte.“

Anlass zum Ärger geben ihm im aktuellen Jahrgang vor allem die Schüler Ertzum, Kieselack und Lohmann, die er allein schon deswegen hasst, weil sie ein leichteres Leben haben als er. Zu allem Überfluss pflegen sie auch Umgang mit einer fragwürdigen Künstlerin, der schönen „Barfußtänzerin“ Rosa Fröhlich. Sie gastiert gerade in einem der wenigen feinen Theater der Stadt. Um Aufklärung bemüht sucht Unrat die Künstlerin mit einigem Aufwand auf, will ihr die Leviten lesen und verfällt ihr an nur einem Abend. Sein Untergang ist damit besiegelt.

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