Fordernde Sommerfrische – „To the Lighthouse“ von Virginia Woolf

To the Lighthouse zählt zweifelsohne zu den bekanntesten Romanen Woolfs und vermutlich auch der Literaturgeschichte. Doch was den Leuchtturm angeht, beginnt er mit einer Enttäuschung: Aufgrund des rauen Wetters ist ein Besuch gar nicht möglich. Damit entspinnt sich schon der erste Konflikt der Familie Ramsay, die im Roman die zentrale Rolle einnimmt. Mrs. Ramsay ist darum bemüht, ihrem enttäuschten Sohn ein Wunder in Aussicht zu stellen, während ihr Mann überzeugt ist, dass der Ausflug keinesfalls stattfinden kann und man dem Jungen keine unnötige Hoffnung machen sollen.

„They came to her naturally, since she was a woman, all day long with this and that; one wanting this, another that; the children were growing up; she often felt she was nothing but a sponge sopped full of human emotions.“

Die Familie Ramsay, angeführt vom angesehen Philosophen Mr. Ramsay als Familienoberhaupt, verbringt im ersten Teil des Romans (The Window) wie in jedem Jahr ihren Sommer auf der Isle of Skye. Die Ramsays leben in dieser Zeit mit ihre acht Kindern (acht! Und das mit einem Philosophengehalt!) in einem Haus ganz nah am Meer, hinter dem ein kleiner Garten sanft in Richtung Küste abfällt. Das sommerliche Idyll teilen die Ramsays mit einigen Gästen, darunter die Malerin Lily Briscoe und der Dichter Augustus Carmichael. Der Roman ist besonders auf das Innenleben seiner Figuren konzentriert: der Fokus springt von Person zu Person und erlaubt so unterschiedliche Sichtweisen, nicht so sehr auf das äußere Geschehen, als auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen und auf die inneren Konflikte der Personen. Viel Handlung enthält der erste Teil indessen nicht. Vor allem geht es darum, ob der geplante Ausflug nun stattfinden kann oder nicht (kann er nicht), um Spaziergänge in die Stadt und an den Strand und um ein Abendessen. Es ist die ganze träge Ereignislosigkeit eines freien Sommertages. Diese Trägheit ist natürlich nur oberflächlich, denn wie eben schon gesagt, ist der wahre Reichtum des Romans ja nicht in der Handlung zu suchen.

Im nächsten Teil, „Time Passes“ passiert dann umso mehr. Nicht im Sommerhaus, das in dieser Zeit leer steht, sondern in der Welt. Einige Mitglieder der sommerlichen Gesellschaft überleben diesen Teil nicht, sei es wegen Krankheiten oder weil sie im Krieg verwundet werden. Erst im letzten Teil kommen einige der Personen wieder im Sommerhaus zusammen, darunter Lily Briscoe, die immer noch überlegt, wo genau in ihrem Gemälde der Baum sein soll. Beim Ausflug zum Leuchtturm, der nun doch endlich stattfindet, ist sie allerdings nicht dabei.

Woolfs Konzentration auf das Innenleben ihrer Figuren, ihre Verwendung des stream of conciousness und verwandter Erzähltechniken, eröffnet ständig neue Perspektiven. Die Diskrepanz zwischen dem Handeln der Charaktere und ihren Gefühlen wird immer deutlicher. Die vergnügte Sommergesellschaft auf der Hebriden-Insel ist ein äußerst fragiles Konstrukt, zusammengehalten allein durch Höflichkeit und das Bemühen, andere nicht zu verletzen. Interessant konstruiert ist auch der zweite Teil, der allein von Mrs. McNab erzählt wird, einer Frau aus dem Ort, die damit betraut ist, das Sommerhaus der Ramsays in Schuss zu halten. Unmöglich findet Mrs. McNab die Ramsays, die glauben, nun nach zehn Jahren Abwesenheit einfach so wieder aufschlagen zu können und erwarten, alles so vorzufinden, wie es immer war, während sie, Mrs. McNab, seit Jahren gegen wuchernden Rasen und undichte Stellen im Dach kämpft.

Durch die unterschiedlichen Charaktere und ihre Sichtweisen wird der kurze Roman sehr abwechslungsreich und vielschichtig. Trotz sehr schmaler Handlung entsteht eine gewisse Spannung und der Text liest sich flüssig und unterhaltsam. Die ständig wechselnden Perspektiven erlauben viele verschiedene Lesarten, die historisch wie auch mit persönlicher Einstellung immer wieder andere waren und sein werden. So zählt To the Lighthouse zu den Romanen, die man nicht nur wegen ihrer Länge gut mehrmals lesen kann, sondern bei denen ein mehrfaches Lesen mit Sicherheit gewinnbringend ist.


Virginia Woolf: To the Lighthouse. Penguin English Library. Penguin Books 2018. 200 Seiten.

Essen aus Büchern: Lemon Meringue Pie aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party, der Roman um den Irrgartenbauer Larry Weller, tauchte bei „Essen aus Büchern“ schon mit einem Lancashire Hotpot auf. Den hat er, wie auch das heutige Essen, seiner Mutter Dot zu verdanken, die für ihren Sohn keine Mühe scheut:

She’s a housewife, Larry’s mother, a maker of custard sauce, a knitter of scarves, a fervent keeper of baby pictures and family scrapbooks, but this is her real work: sorrowing, remembering.“

S. 45

An seinem dreißigsten Geburtstag steht Larry bei Dot in der Küche herum, hält sich an seinem Bier fest und versucht, das alles irgendwie durchzustehen. Natürlich hat seine Mutter ihm auch einen Kuchen gebacken. Aber nicht irgendeinen schnöden Rührkuchen, sondern eine Zitronen-Baiser-Tarte, den Lieblingskuchen ihres Sohns. Den bereitet sie natürlich nicht vor, sondern macht ihm frisch am gleichen Tag – seitdem sie ihre Schwiegermutter versehentlich mit verdorbenen Bohnen umgebracht hat, trägt sie ständige Angst um das Essen, das sie ihrer Familie serviert:

„Her anxietys about food are built into the Weller family chronicle – as is Larry’s passion for lemon meringue pie. Dot makes her son a big one every year on his birthday, with a circle of birthday candles poking up through the golden-tipped meringue. A sight to behold.“

S. 45

Tatsächlich ist lemon meringue pie voll Eier, die ja immer eine gewisse Gefahr bergen. Also sollte man ihn besser nicht tagelang im Kühlschrank stehen lassen, sondern einfach schnell essen. Aber erstmal muss man ihn machen. Und zwar so:

Lemon Meringue Pie

  • 175 g Mehl
  • 185 g Butter
  • 325 g Zucker
  • 4 Eigelb
  • 4 Eiweiß (Zimmertemperatur)
  • 1 Ei
  • 3 gestr. EL Maismehl
  • Zesten von 2 Zitronen
  • 125 ml Zitronensaft (entspr. ca. 3 – 4 Zitronen)
  • Saft einer kleinen Orange

Teig:

100 g kalte Butter in kleine Stücke schneiden. Mit 175 g Mehl, 25 g Zucker und 1 Eigelb zu einem glatten Teig vermengen. Vor dem Antrocknen geschützt mindestens 30 Minuten im Kühlschrank ruhen lassen. 

Den Ofen auf 180°C Umluft vorheizen.

Eine Spring- oder Tarteform leicht fetten. Die Arbeitsfläche mit etwas Mehl bestäuben und den Teig dünn ausrollen, bis er so groß ist, dass die Form damit ausgekleidet werden kann. Den Teig in die Form geben und Ränder hochziehen. Anschließend den Boden mehrfach mit einer Gabel einstechen und mit Erbsen o. ä. beschwert 20 Minuten blindbacken. Den fertigen Boden zur Seite stellen.

Füllung:

4 Eigelb mit einem ganzen Ei in einer Schüssel miteinander verrühren. 2 EL Maismehl, 100 g Zucker, Zesten und Zitronensaft in einem kleinen Topf vermischen. Den Saft der Orange mit Wasser auf 200 ml verlängern und ebenfalls in den Topf geben. Mit einem Schneebesen verrühren, so dass keine Klumpen entstehen, und aufkochen. Dann 85 g Butter zugeben und in der Creme schmelzen lassen. Anschließend etwas abkühlen lassen und die Eier unterrühren. Dabei ständig rühren und die Creme nicht mehr zum Kochen bringe, da das Ei sonst stockt. Wenn die Creme deutlich andickt, vom Herd nehmen und zur Seite stellen.

Baiser:

In einer großen Schüssel 4 Eigelb aufschlagen und dabei löffelweise 100 g Zucker zugeben. Das Eiweiß weiter schlagen und 1 EL Maismehl zugeben. Die übrigen 100 g Zucker ebenfalls löffelweise unterrühren.

Lemon Meringue Pie:

Den Ofen wieder auf 180°C vorheizen. Die Füllung noch einmal etwas erhitzen und dann in den vorgebackenen Boden geben. Die Baiser-Masse auf der Füllung verteilen. Dazu erst einen Ring am Rand ziehen und dann die restliche Masse in die Mitte geben. Von dort aus verteilen, bis alles mit Baiser bedeckt ist. Die Oberfläche kann dann noch mit einem Spiral- oder Wellenmuster verziert werden.

Bei 180°C ca. 20 Minuten backen, bis der Baiser gold-braun ist. Vor dem Anschneiden mindestens eine Stunde lang auskühlen lassen.

Die Füllung ist, trotz ziemlich viel Zucker, überraschend sauer. Die sehr süße Baiser-Masse bildet dazu einen schönen Kontrast. Davon abgesehen kommt der Kuchen mir vor, als sei direkt aus den 70er-Jahren gekommen, aber das denke ich über Baiser aus irgendeinem Grund immer. Also ja, kann man gut essen, aber ich halte mich dann doch an den Lancashire Hotpot, der macht Dot auch weniger nervös.


Alle Zitate im Text aus: Carol Shields: Larry’s Party. Random House Canada 1997, S. 45.

Das Rezept stammt von BBC good foods.

Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

Die Brüder Harold und George Silver waren sich noch nie grün. Verwandte erinnern sich an Schlägereien bei Familienfesten und Harold ist sich sicher, dass George ihn töten wollte. Als Erwachsene haben sie ein zivilisierteres, wenn auch nicht unbedingt besseres Verhältnis. Bis zu der Nacht, in der George in die Psychiatrie kommt, nachdem er einen Unfall mit mehreren Toten verursacht und vielleicht sogar provoziert hat. Harold und Georges Frau Jane beginnen eine Affäre, von der George trotz seiner Abwesenheit bald Wind bekommt. Er entkommt aus der Psychiatrie und tötet Jane.

„You grow up thinking your family is normal enough, and then, all of a sudden, something happens and it is so not normal, and you have no idea how it got that way, and there’s really nowhere to go from here – it will never be anywhere near normal again.“

Die gemeinsamen Kinder des Ehepaares sind nun Harolds Verantwortung, der völlig überfordert ist mit jedem Aspekt der Situation. Die Umstände sind ausgesprochen tragisch, Homes gelingt es aber überraschend gut, das Absurde daran hervorzuheben ohne jemals pietätlos zu sein. Harold gerät in eine völlig neue Welt. Als Historiker mit Spezialisierung auf Nixon kommt er eher schlecht als recht über die Runden, während George erfolgreich in der Unterhaltungsindustrie war und beide Kinder an teuren Privatschulen untergebracht hat. Harold weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht, er weiß nicht, wie man mit viel Geld umgeht und er weiß auch noch nicht so richtig, wie man mit dem Internet umgeht. Das führt skurrilen Bekanntschaften auf Dating-Plattformen, die mehr oder wenig explizit geschildert werden. Homes Humor reicht von knochentrocken bis burlesk und ist manchmal fast ein bisschen überdreht.

Genau daran krankt der Roman dann auch: Homes hört einfach nicht auf. Den Humor hält sie beinahe durchgehend auf hohem Niveau, aber die Handlung gerät einfach außer Kontrolle. Harold bekommt nicht nur die beiden Kinder von George, sondern soll auch noch Ricardo adoptieren, dessen Eltern George beim Unfall getötet hat. Er bekommt auch noch den Hund und die Katze der Familie, die dann auch noch Junge bekommt und eine Frau, die er im Supermarkt kennenlernt, lädt andauernd ihre Eltern bei ihm ab. Außerdem findet seine eigene Mutter im Altersheim zu ungeahnten Kräften zurück und will noch einmal heiraten. Das Konstrukt wächst und wächst und mit ihm Harolds Verantwortung.

Endgültig kippt die Stimmung des Romans, als Georges Sohn Nathan seine Bar Mitzva hat, die er in einem Dorf in Südafrika feiern will, dessen Aufbau er mitfinanziert hat. Das passiert in etwa im letzten Viertel des Romans. Ab da wird der Ton so versöhnlich und zuckersüß-verständnisvoll, dass man sich wirklich fragt, was aus dem überdrehten Zirkus geworden ist, der den ersten Teil des Romans so unterhaltsam gemacht hat und ob er wohl nochmal wiederkommt. Leider nicht. Im letzten Viertel des Romans werden nur noch alle Menschen Brüder, auch über kontinentale Grenzen hinweg.

Vom ersten Teil des Romans war ich wirklich überzeugt. Obwohl teilweise ziemlich überdreht, ist die Geschichte unterhaltsam und klug konstruiert. Mit einer wie selbstverständlich wirkenden Brutalität schildert Homes eine Familie in einer unfassbar großen Krise. Es gelingt ihr, die Brüche und Kämpfe zu thematisieren, die Verletzlichkeit aller zu zeigen, und doch nicht auf die Tränendrüse zu drücken. Es ist mir völlig unklar, warum sie dann im letzten Teil des Romans so ungeheuer sentimental werden muss. Leider trübt das den Gesamteindruck des Romans doch sehr.


tl;dr: Homes erzählt von einer großen Familientragödie in einem Stil, der so schonungslos wie ungewöhnlich für das Thema ist. Manchmal überzeichnet aber mit großartigem Humor jagt sie durch die Monate nach der Katastrophe. Im letzten Viertel des Romans wechselt sie allerdings von völliger Überdrehtheit zu maximaler Sentimentalität, was der Geschichte wirklich nicht guttut.


A. M. Homes: May We Be Forgiven. Granta 2013. 496 Seiten. Erstausgabe Viking 2012. Eine deutsche Übersetzung von Ingo Herzke ist unter dem Titel Auf dass uns vergeben werde bei Kiepenheuer & Witsch und Heyne (TB) erschienen.

Das Zitat stammt von S. 147.

Homes wurde für diesen Roman 2013 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

Neue Wege gehen – „Gilgi, eine von uns“ von Irmgard Keun

Gisela Kron hat einen festen Plan für ihr Leben: Sie will arbeiten, es zu etwas bringen, sich bilden und reisen. Vorerst macht sie das alles unter dem Namen Gilgi, der passt viel besser zu ihr. Später, wenn sie gesetzter ist, will sie Gisela heißen. Sie arbeitet als „Maschinenmädchen“ in einem Unternehmen und tippt den ganzen Tag Briefe über Strumpfwaren und Trikotagen en gros. Abends lernt sie in der Berlitz School Fremdsprachen, denn wer vorwärts kommen will, darf sich nicht ausruhen. Das hat Gilgi mit ihren 20 Jahren schon gut verstanden. An ihrem 21. Geburtstag jedoch erfährt sie vom grundsoliden Ehepaar Kron, dass sie nicht ihre Tochter ist, sondern adoptiert wurde. Gilgi zweifelt an der Beziehung zu ihren Eltern, erst recht, als sie herausfindet, dass auch Frau Täschner, eine bitterarme Schneiderin, die sie zur Adoption freigegeben hat, nicht ihre biologische Mutter ist.

Halt findet sie bei Martin, einem in den Tag lebenden Bohemien, der plötzlich ihre ganze Welt auf den Kopf stellt. Bisher hat Gilgi sich immer geweigert, dieses ganze Verliebtsein so ernst zu nehmen. Anderes war ihr wichtiger, ihre Freiheit, ihr eigenes Auskommen, Freundschaften. Nun wünscht Martin sich, dass sie weniger Zeit bei der Arbeit und mehr mit ihm verbringt und so nach und nach fällt es Gilgi immer leichter, morgens einfach liegen zu bleiben. Man kommt auch so ganz gut über die Runden. Doch ein kleiner Zweifel bleibt und nagt hartnäckig an Gilgi. Was ist nur aus ihren Idealen geworden? Will man die für einen dahergelaufenen Schriftsteller über Bord werfen?

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Kulinarisches zwischen den Seiten – was das Essen in Büchern macht

Im Mai 2016, vor fünf Jahren, habe ich das erste Mal einen Beitrag über Essen in Büchern verfasst. Seitdem lese ich kein Buch, ohne darauf zu achten, wer wann was isst. Längst nicht alles davon findet Eingang in die Reihe. Auch einige Freund*innen schicken mir mittlerweile Beobachtungen aus ihrer Lektüre zu. Viele sagen mir, dass sie vorher nie darauf geachtet hätten. Dabei ist es eigentlich fast nicht zu übersehen.

Kaum ein Roman kommt ohne eine Szene aus, in der gegessen wird. Das kann opulent ausgestaltet oder beiläufig erwähnt sein. Aber das Essen an sich ist ein so fundamentaler Bestandteil des menschlichen Seins, dass man es nicht unterschlagen kann. Und es schreibt sich netter darüber als über Toilettengänge, die ähnlich fundamental sind und eine unvermeidbare Folge des Essens. Zudem hat die Nahrungsaufnahme einen sozialen Aspekt, der Toilettengängen oft fehlt. Eine Ausnahme ist vielleicht Milkman von Anna Burns, da finden zentrale Szenen in Clubtoiletten statt und gegessen wird kaum.

Die große Tischgesellschaft

Die Binsenweisheit „Du bist, was du isst“ hat auch in der Literatur ihre Gültigkeit. Über Mahlzeiten, besonders solche mit Gästen, wird repräsentiert und identifiziert. Eines der prominentesten Beispiele sind sicher die Festmahle, die von der Familie Buddenbrook aufgetischt werden. Also Familie Buddenbrook zahlt und ihre Dienstboten tischen auf. Kräutersuppe, Fischgang, Schinken mit Schalottensauce, Plettenpudding, Käse nebst begleitenden Weinen – für diese Speisenfolge braucht es im Haus in der Mengstraße keinen besonderen Anlass. Fürstlich sind natürlich nicht nur die Speisen, sondern auch das Geschirr. Man isst vom guten Meißener mit Goldrand und trinkt aus schweren Gläsern. Wer da nicht mithalten kann, ist kein echter Buddenbrook. Mit seinen ständigen Magenverstimmungen outet sich Christian schon früh als das schwächste Glied der Familie. Er kann nicht Teil der Tafelrunde sein, nicht Teil der bürgerlich-dekadenten Gesellschaft, in der seine Familie sich bewegt. Später, als er noch versucht, Teil des Geschäfts zu werden, wird seine Unfähigkeit noch größer. Nicht nur seine Verdauung leidet, er klagt über generelle Schluckbeschwerden, was seine Familie ungeheuer albern findet: „Du wagst nicht, schlucken zu wollen… Nein, du machst dich ja lächerlich!“ wirft Schwester Antonie ihm vor.

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Ein uralter Kampf – „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo

Ada, Protagonistin in Sharon Dodua Otoos Debüt-Roman Adas Raum erfährt so viele Repressionen auf so vielen Ebenen, dass dafür ein Leben gar nicht reicht. Deshalb muss sie gleich vier mal leben: 1459 in Totope an der Westküste Afrikas, wo sie und ihre Familie erste Begegnungen mit portugiesischen Seefahren haben. 1848 als Ada Lovelace, damals verlachte Vorreiterin heute unverzichtbarer Rechenwege. 1945 als Inhaftierte im KZ Buchenwald, wo sie zum Einsatz im Lagerbordell gezwungen wird. Und schließlich als junge Britin ghanaischer Herkunft, die hochschwanger und zunehmend verzweifelt in Berlin eine Wohnung sucht, während ihr der Brexit im Nacken sitzt und ihre Aufenthaltserlaubnis wanken lässt.

Zusammengehalten werden diese vier Leben nicht nur durch einen Vornamen, sondern auch durch niemand geringeren als Gott, die manchmal auch ein er ist, eine behütende, aber zurückhaltende Instanz, die sich eines weiteren guten Geistes bedient, um Adas Leben im Blick zu behalten. Dieser gute Geist begleitet Ada in Form von Gegenständen auf ihren Wegen durch die Geschichte, stets hoffend, das nächste mal als Mensch inkarniert zu werden und nicht mehr als Türklopfer oder Frühstücksei. Er ist es, der die Erzählung übernimmt, immer ganz nah an Ada und bemüht, Schaden von ihr abzuwenden. Gar nicht leicht, wenn man nur ein alter Besen ist.

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Naturschutz im Kleinen: „Wildbienenhelfer“ von Anja Eder

„Jeder kann zum Wildbienen-Helfer werden und damit zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen“, so lautet das Versprechen auf dem Cover dieses Buches, das Bestimmungshilfe, Gartenratgeber und Bildband in einem ist. Die Grafik-Designerin Anja Eder hat aus ihrer Liebe zu den Hautflüglern ein ehrgeiziges Projekt gemacht. Mit Beobachtungen im eigenen Garten fing die Leidenschaft für Wildbienen an. Im Vorwort erzählt die Autorin, wie sie selbst zuerst zu Hause feststellte, dass mit den Insekten etwas nicht stimmte. Besonders schockierte sie, wie Bienen auf eine neu gesetzte Pflanze reagierten, die aus dem Großmarkt kam und offenbar mit aggressiven Schutzmitteln behandelt worden war. Sie beschloss, etwas zu ändern, und auch andere zu ermutigen, es ihr gleichzutun.

Die Ursachen für das allgemein bekannte Insektensterben liegen oft in der Landwirtschaft. Durch Pestizideinsatz, Monokulturen und fehlende Randstrukturen wie Blühstreifen fehlt es Insekten an Nahrungs- und Lebensräumen. Doch auch in privaten Gärten, die ja zusammengenommen eine gewaltige Fläche ausmachen, steckt oft viel ungenutztes Potenzial. Nicht nur die vielgeschmähten Schottergärten sind Nahrungswüsten für Insekten, sondern auch Gärten mit ungeeigneten Pflanzen und ohne Nistmöglichkeiten geben den Tieren keine Chance. Exotische Pflanzen oder Züchtungen mit gefüllten Blüten können von den Insekten nicht genutzt werden.

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Selbstsuche in der Kleinstadt – „The Short History of a Prince“ von Jane Hamilton

Walters Zeit als Prinz währt kurz. Als Teenager ist er ein nicht sehr vielversprechendes Ballett-Talent. Für eine Nebenrolle im „Nussknacker“ in seiner Heimatstadt Chicago reicht es nicht, dafür darf er in einem Provinz-Theater gleich die Rolle des Prinzen tanzen. Die Inszenierung ist so schlecht, dass es ihm sogar peinlich ist, dass seine Familie zur Aufführung kommen will. Seine bescheidene Ballett-Karriere kriegt mit dieser Blamage eine deutliche Bruchstelle. Ohnehin ist es eine schwierige Zeit für ihn und seine Familie. Sein Bruder Daniel ist an Krebs erkrankt, der sich langsam als unheilbar entpuppt und Walter ist verwirrt angesichts seiner Gefühle für Ballett-Freund Mitch. Trost und Ruhe findet die Familie im Anwesen an Lake Margaret, das seit Generationen in Familienbesitz und mittlerweile ein Vermögen wert ist. Es ist der Anlaufpunkt für alle Familienfeiern, lange Sommerwochen und Ruhepol für alle, die einen brauchen.

Knapp 25 Jahre später steht die Zukunft des Hauses auf dem Spiel: Tante Sue, Mehrheitseignerin des Anwesens, will verkaufen. Ihr ist es egal, ob an ein Familienmitglied oder irgendeinen Fremden, oder zumindest behauptet sie das. Walter kann da nicht helfen, als Lehrer in einer Kleinstadt verdient er gerade genug, um die Miete für ein karg möbliertes Appartement aufzubringen. Das ist auch nicht sein einziges Problem. Mitte der 90er-Jahre sieht er kaum eine Möglichkeit, in eben dieser Kleinstadt offen homosexuell zu leben, von seiner mangelnden Beziehungsfähigkeit mal ganz abgesehen. Auch an seiner Befähigung als Lehrer zweifelt er fortwährend, da er sich außer Stande sieht, jedes Jahr eine andere Klasse voll schwerfälliger Teenager für die Feinheiten und Möglichkeiten der Literatur zu begeistern.

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Essen aus Büchern: Rhubarb Pie aus Toni Morrisons „Paradise“

Die Hauptfiguren von Morrisons Paradise leben an einem recht besonderen Ort: Sie haben sich zusammengefunden in einem ehemaligen Kloster, das später als Schule genutzt wurde und nun seit einigen Jahren ohne kirchlichen Anschluss von ihnen bewohnt und verwaltet wird. Eigentlich wollen sie nichts, als dort in Ruhe leben und wirtschaften, doch ihre Wahl des Zusammenlebens erzeugt Ablehnung und Hass in Ruby, dem nächstgelegen Ort. Frauen, die ohne Not in einer Gemeinschaft ohne Männer leben – was soll das sein? Einer der wenigen friedlichen Anknüpfungspunkte zwischen dem ehemaligen Kloster und der Dorfgemeinschaft ist der Lebensmittelverkauf der Frauen. Als das Kloster noch von Nonnen bewohnt wurde, haben diese einen ansehnlichen und ertragreichen Garten angelegt, der von den heutigen Bewohnerinnen noch immer gepflegt wird. Vor einigen Jahren waren die Erzeugnisse so gut, dass sich sogar die Einwohner*innen von Ruby gelegentlich dazu herabgelassen haben, sie zu kaufen. Über die Stadtgrenzen hinaus aber haben die Frauen sich einen sensationellen Ruf erworben:

„Most of their customers in 1955 drove trucks between Arkansas and Texas. Ruby citizens seldom stopped to buy anything other than pepers, since they were supreme cooks themselves and made or gew what they wanted. Only in the sixties, when times were fat, did they join the truckers and look upon what they called Convent-bred chickens as superior enough to their own to be worth a journey. Then they would also try a little jalapeño jelly, or acorn relish. Pecan saplings planted in the forties were strong in 1960. The Convent sold the nuts, an when pies from the harvest were made, they went as soon as posted. They made rhubarb pie so delicious it made customers babble, and the barbecue sauce got a haevenly reputation based on the hellfire peppers.“

Aber auch Jahre später ist der Rhubarb Pie weit bekannt. Gigi, eine der späteren Bewohnerinnen des Convents, lernt im Zug einen Mann namens Dice kennen. Das erste, was ihm zu Ruby einfällt, ist der legendäre Kuchen:

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Was auf den Überlebenden lastet – „Fugitive Pieces“ von Anne Michaels

Jakob Beer, Kind polnischer Juden, ist im Alter von sieben noch so klein und schmächtig, dass er sich problemlos in einem Schrank verstecken kann. Von dort aus wird er Zeuge, wie seine Eltern von Wehrmachts-Soldaten ermordet werden und seine ältere Schwester Bella verschleppt wird. Tagelang stolpert er durch den Wald, bis er Athos in die Arme läuft, einem griechischen Archäologen, der das prähistorische Dorf Biskupin ausgräbt. Er wird sein Retter und Ziehvater. Jakob wächst bei Athos auf der Insel Zakynthos auf, lernt Griechisch, Englisch und die Grundlagen der Geographie und hofft Jahr um Jahr, irgendwo eine Spur seiner Schwester zu finden, die vielleicht doch überlebt haben könnte.

„While I was living with Athos on Zakynthos, learning Greek and English, learning geology, geography, and poetry, Jews were filling the corners and crakcs of Europe, every available space. They buried themselves in strange graves, any space that would fir their bodies, absorbing more room than war allotted them in the world.“

Auch in späteren Jahren, bis weit in sein Erwachsenenalter hinein, will Jakob sich kaum an die Jahre seiner Kindheit erinnern, an die Fassungslosigkeit und die Verzweiflung seiner Eltern. Lieber stürzt er sich in die Geschichte, befasst sich mit lange verschwunden Kulturen, als die eigene Vergangenheit anzurühren. Er findet Ausdruck und Trost in der Poesie und wird ein anerkannter und bekannter Lyriker. Doch seine Vergangenheit kommt ihm immer wieder dazwischen, die nicht bewältigbare Trauer um seine verlorene Schwester zerstört sogar eine langjährige Beziehung.

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