Welt im Wandel – „Mahtab“ von Nassir Djafari

Die Zukunft seiner Familie kann nur in Europa liegen, davon ist Amin überzeugt. Zusammen mit seiner Frau Mahtab verlässt er deshalb Iran, um im ordentlichsten aller Länder zu leben: Deutschland. Dort sind die Behörden hilfsbereit und die Straßen sauber, dort lebt der Fortschritt. Und dort leben, Ende der 60er Jahre, auch Amin und Mahtab, mittlerweile Eltern von drei Kindern. Mahtab arbeitet als Krankenschwester und daran, die moderne Frau zu werden, die ihr Mann gerne in ihr sieht. Sie will Autofahren lernen und sich moderner kleiden, doch als ihre Tochter Azadeh plötzlich im Minirock herumläuft und Studentenproteste besucht, wird ihr das alles doch zu viel mit der Modernität.

„Sie wachsen in einem Land auf, in dem Recht und Gesetz gelten, wo die Behörden den Menschen helfen und sich ihnen nicht in den Weg stellen, wo nach einem Autounfall innerhalb von Minuten Polizei und Rettungswagen da sind, wo jede noch so winzige Baustelle mit rotem Band gesichert ist, damit sich niemand den Knöchel bricht. Wäre das nicht wunderbar?“

Von ihrer traditionsbewussten Mutter hat Mahtab gelernt, dass Frauen hilflose Opfer sind, die vor der Welt und dem Sittenverfall geschützt werden müssen. Und der schreitet rapide voran, gerade in Frankfurt. Als sich dann auch noch die blonde Buchhalterin Ursula zwischen sich und ihren Mann zu stellen droht, bröckelt Mahtabs Welt gewaltig. Nachdem sie schon überlegt hat, in den Iran zurückzukehren, entscheidet sie sich dann doch das erste mal in ihrem Leben für die Flucht nach vorne.

Djafari erzählt eine Exilgeschichte vor allem in der Biographie von drei Frauen: Mahtab, ihrer Mutter und ihrer Tochter Azadeh. Die Geschichte dieser drei Generationen ist zugleich eine Emanzipationsgeschichte. Ein Leben, wie Mahtab es führt, war für ihre traditionsbewusste Mutter undenkbar. Ebenso ist Mahtab überfordert mit den Lebensvorstellungen ihrer Tochter. Dass sie eine Beziehung mit einem Deutschen hat, schlimm genug. Dass der aber auch noch lange Haare trägt, ein Gammler ist – eine Schande. Und dass sie ihn nicht sofort heiraten will, sich nicht einmal verloben will, das ergibt in Mahtabs Werteraster überhaupt keinen Sinn.

Den rapiden Wertewechsel erlebt man aus der Sicht von Mahtab. Djafari schreibt ganz schnörkellos, in einer knappen und direkten Sprache, von Mahtabs freiem Fall, ihrer Verzweiflung und Verlorenheit. Die Welt, in der sie aufgewachsen ist, kann ihr in Frankfurt kein Halt mehr sein. Wie man ein neues Leben beginnt, lernt sie von einer, die es wissen muss, von ihrer ehemaligen Patientin Frau Rose, die als Jüdin aus Deutschland fliehen musste und erst im hohen Alter wieder zurückgekehrt ist. Sie hilft ihr bei der eigentlich ganz undenkbaren Handlung, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen, auf das in Zukunft ihr Gehalt gezahlt werden soll. Und sie gewährt ihr und ihren Söhnen Unterschlupf, als sie es bei Amin einfach nicht mehr aushält.

Mahtab erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch eine politische. Die politischen und kulturellen Umstände, seien es der Schah, der Vietnamkrieg oder die Erfindung der Antibabypille, brechen immer wieder in das Familienleben ein, nehmen die Mitglieder für sich ein und sorgen für Turbulenzen, wo Mahtab gerne nur Ordnung und Gewissheit hätte. Manchmal wirkt das Hin und Her der Figuren etwas aufreibend und ziellos, dennoch gelingt Djafari eine sympathische Exilgeschichte, die ihrer Hauptfigur nahe und wohlgesonnen ist, ohne den kritischen Blick zu verlieren.


Nassir Djafari: Mahtab. Sujet 2022, 338 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 141.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Sog der Elbe – „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff.

„Ihr lebt hier im Paradies!“ Diesen Satz haben Sophie und Thies schon oft gehört, seit sie die besetzten Häuser ihrer Studienzeit hinter sich gelassen haben und einen Resthof nahe Lüneburg gekauft haben. Dort leben sie nun mit Bodo und Inga, ihren besten Freunden, die sich auf dem Grundstück ebenfalls ein Haus gebaut haben. Ganz nah an der Elbe, mit Scheune, großem Garten und Tischtennisplatte. Fehlen nur noch die spielenden Kinder auf der Wiese. Und genau da beginnt das Martyrium von Thies und Sophie. Während Bodo und Inga zwei strahlende, fröhliche, begabte Kinder großziehen, klappt es bei ihnen zunächst gar nicht mit der Schwangerschaft. Und dann kommt Aaron. Aaron wird kein begabter Sänger, kein begnadeter Fußballspieler und auch nicht das beliebteste Kind in der Klasse.

Aaron ist von Anfang an „schwierig“ lässt seine Eltern und auch sonst niemanden an sich heran, wird gewalttätig. Thies, selbst Lehrer, und Sophie sind überfordert und zermürbt von der ständigen Anspannung, von den ewigen Gesprächen mit der Schulleitung. Ihre Beziehung leidet ebenso wie die Freundschaft zu Bodo und Inga, deren Glück die beiden ständig vor der Nase haben. Sie neiden ihnen das Familienglück, auch wenn sie das niemals zugeben würden. Als gerade mal wieder ein Schulverweis droht und Aarons Eltern endgültig mit ihrem Latein am Ende sind, als sie sich eingestehen müssen, dass sie wirklich und gar nicht mehr weiterwissen, kommt Aaron eines Abends nicht nach Hause. Zwei Tage später gibt die Elbe seinen leblosen Körper wieder frei.

„Sie schonten sich gegenseitig. Flüchteten in ihre eigenen Welten.“

Die Handlung des Romans setzt etwas mehr als ein Jahr nach diesem Unglück ein. Abwechselnd erzählt aus den Perspektiven von Sophie, Inga und Thies entwickelt sich das Bild von einer Familie in Schockstarre, von Menschen, die mit ihrem Leid und ihrer Trauer ganz unterschiedlich umgehen. Auch ein Jahr nach Aarons Tod ist völlig unklar, was in seinen letzten Stunden passiert ist. An einen Unfall wollen nicht alle glauben, aber es gibt keinerlei Zeugen, die etwas anderes gesehen hätten. Mitten in diese angespannte Situation herein platzt Mara, eine lebensfrohe Frau aus Kopenhagen. Sie behauptet, in der Gegend nach einem alten Freund ihrer Mutter zu suchen und wickelt auf dem alten Hof alle sofort um den Finger. Bald aber verstrickt sie sich in Widersprüche. Hat ihr Besuch am Ende ganz andere Gründe?

Unter ihrem echten Namen Susanne Kliem ist die Autorin seit Jahren mit Krimis erfolgreich. Mit Unter Wasser Nacht und unter Pseudonym wagt sie sich nun erstmal in andere Gefilde vor. Die Erfahrung im kriminalistischen Bereich aber merkt man auch diesem Roman deutlich an. Und das nicht nur, weil eine der Figuren Polizist ist. Zwar nehmen das Zwischenmenschliche und die versuchte Trauerbewältigung viel Raum ein, vom Geheimnisvollen aber hat die Autorin sich nicht ganz lösen können und das keinesfalls zum Nachteil des Romans. Die verschiedenen Perspektiven bringen Dynamik in den Roman, insbesondere da die Charaktere in dieser Phase ihres Lebens wenig miteinander teilen und so zum Teil nicht nur ganz unterschiedliche Sichtweisen, sondern auch ganz unterschiedliches Wissen zu Aarons Tod haben. Als Leserin kennt man sie zum Glück alle und ist somit immer einen Schritt voraus. Hauff erzählt den Roman in einem knappen, zackigen Ton, der wenig Raum für Abschweifungen gibt und einen nah bei der Handlung hält. Unter Wasser Nacht erzählt nicht nur eindrücklich von einem Ehepaar in einer enormen Krise, sondern hat auch merkliche Krimi-Anteile, die den Roman spannender werden lassen, als das Thema, das eher zur Reflektion einladen würde, es zunächst vermuten lässt.


Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht. Hanser 2022, 288 Seiten. Erstausgabe Hanser 2021.

Das Zitat stammt von S. 28.

Die Verlorene – „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas

Im März 1847 werden in der Pariser Rue d’Antin die Habseligkeiten einer schwer verschuldeten Dame versteigert. Die ehemalige Besitzerin war keine Unbekannte in der Stadt. Marguerite Gautier war eine glamouröse Gestalt, die gefragteste und schönste Kurtisane von ganz Paris, Dauergast in den Theatern der Stadt, Zierde jeder Runde. Gestorben aber ist sie ganz allein und mit gerade Mitte Zwanzig an einem Lungenleiden. Auch nach ihrem Tod verliert ihr Dasein nichts von seinem vermeintlichen Glamour und die Versteigerung zieht zahlreiche Schaulustige an, darunter auch den Erzähler von Die Kameliendame, der aus einer Laune heraus für einen enormen Preis eine Ausgabe von Manon Lescaut ersteht. Dieser Kauf bringt ihm kurze Zeit später die Bekanntschaft von Armand Duval ein, dem einzigen Mann, der Marguerite nicht nur begehrt und bewundert hat, sondern aufrichtig geliebt.

Armand Duval erzählt ihm die tragische Geschichte einer Liebe, die nicht sein konnte, von zwei Welten, die zu verschieden waren, um zu einer zu werden. Als Armand Marguerite kennenlernt, ist sie schon eine bekannte und etablierte Kurtisane. Wie jeder Mann verliebt er sich Hals über Kopf in sie. Aber als einziger Mann nimmt er Anteil an Marguerite selbst und an ihrer Krankheit. Das überzeugt selbst die kapriziöse Marguerite und sie ist bereit, ihm zuliebe ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Sie weiß genau, dass er ihr einen Lebenswandel, wie sie ihn jetzt führt, nicht finanzieren kann. Das kann kein Mann alleine. Das muss bisher aber auch kein Mann alleine. Ohne ein halbes Dutzend Liebhaber, die ihr hoffnungslos verfallen sind, kann Marguerite nicht mehr leben, wie bisher. Allein ihre Miete übersteigt Armands bei weitem nicht bescheidene Möglichkeiten. Und dennoch willigt sie ein, will mit ihrer Vergangenheit abschließen und ein ganz anderes Leben an Armands Seite führen. Schluss mit dem wilden Nachtleben, den Abenden im Theater, den Gesellschaften mitten in der Nacht. Doch Armands etablierte bürgerliche Familie kann eine Prostituierte in der Familie natürlich nicht dulden.

Die Kameliendame erzählt eine Geschichte, wie sie trauriger kaum sein könnte. Und doch haftet ihr ein Glamour an, der noch immer fasziniert und inspiriert. Dabei ist die Glitterschicht nur hauchdünn. Marguerite hat fast nichts außer ihrer Schönheit und die setzt sie skrupellos ein. Schön sein, begehrenswert sein ist ihr Lebensinhalt und ihr Beruf. Es ermöglicht ihr einen extraordinären Lebenswandel, es finanziert ihr ihn aber nicht. Marguerite lebt ständig auf Pump und ist vollkommen abhängig von dem Wohlwollen ihrer Gönner. Das zwingt sie regelmäßig dazu, ihre Zeit mit Männern zu verbringen, die sie ganz schrecklich findet, die aber ihre Miete zahlen. Marguerite aber ist das bald egal. Sie ist sich sicher, dass sie jung sterben wird, dass sie gar nicht alt genug werden wird, um zu bereuen und ist fest entschlossen, die Zeit, die ihr bis dahin bleibt, ausschließlich mit Amüsantem, mit Bonbons, Kaschmirschals und Theaterbesuchen zu füllen. Erst die Liebe zu Armand weckt in ihr die Idee, dass das vielleicht doch nicht ihre Erfüllung ist, dass es vielleicht einen anderen Weg gibt. Aber es ist zu spät.

„Schonung mag gut für die vornehmen Damen sein, die eine Familie und Freunde haben; wir dagegen sind verlassen, sobald wir der Eitelkeit oder der Begierde unserer Liebhaber nicht mehr genügen, und lange Abende stellen sich ein nach langen Tagen.“

Liebe ist in diesem Roman der einzige Weg aus dem Elend, der Weg zu Läuterung und Tugendhaftigkeit. Sie ist aber nicht stark genug, um den gesellschaftlichen Graben zu überwinden, der Marguerite vom Leben der Anständigen trennt. Vom Leben der Anständigen wohlgemerkt, die keinesfalls Gefahr laufen, ihr Ansehen zu verlieren, wenn sie sich die sexuellen Dienste einer Frau kaufen. Das ist okay und das macht ja auch irgendwie jeder. Nur verlieben darf man sich natürlich nicht. Aber wer würde denn auch.

Dumas begegnet diesen Umständen durchaus kritisch. Den jungen Frauen selbst aber begegnet der Erzähler, bei allem Wohlwollen, mit einer gewissen Überheblichkeit. Er findet sie vor allem entzückend in ihrer Naivität, mit ihrer Gier nach Schmuck und Diamanten, mit ihrer ständigen Jagd nach Amüsement. Er findet die ganzen Verhältnisse zwar etwas schwierig, das hält ihn aber nicht davon ab, sich an der Schönheit und Verruchtheit der Frauen zu ergötzen. Es ist mehr Mitleid als Verständnis, das er für sie empfindet. Mag sein, dass das Dumas eigenem Erleben geschuldet ist – er war einer der Männer, die ihr Herz und nicht wenig Geld an Marie Duplessis verloren, einer bekannten Kurtisane, die sehr jung an Tuberkulose starb. Es ist wohl müßig, sich zu fragen, wieviel Erinnerung an Duplessis noch in den manchmal fast schwülstigen Liebesschwüren steckt, von denen der Roman nur so wimmelt. Die Kameliendame hat ihren Status als Klassiker dennoch verdient, als ein berührender Roman mit einer Protagonistin, die ein zu frühes Ende findet, vorher aber noch aller Welt zeigen kann, was für ein großes Herz hinter der harten Glitzerfassade steckt.


Alexandre Dumas: Die Kameliendame. Aufbau Taschenbuch 2010. Aus dem Französischen übersetzt von Walter Hoyer. Titel der Originalausgabe: La Dame aux camélias.

Das Zitat stammt von S. 77.

Essen aus Büchern: Key Lime Pie aus Nora Ephrons „Heartburn“

Selbst wer Nora Ephron nicht kennt, kennt mindestens eines ihrer Werke. Unter anderem ist sie Autorin und Regisseurin von „Harry und Sally“, „Schlaflos in Seattle“ und „e-m@il für Dich“. Auch ihr zweiter Mann Carl Bernstein war kein Unbekannter – er war maßgeblich an der Aufklärung des Watergate-Skandals beteiligt. Die Ehe der beiden scheiterte während Ephrons zweiter Schwangerschaft fulminant und öffentlichkeitswirksam, nachdem Bernstein eine Affäre mit der ebenfalls sehr bekannten Journalistin Margaret Jay, Baroness of Paddington eingegangen war. Diese Trennung verarbeitete Nora Ephron in Heartburn. Die Protagonistin des Romans ist ein Koch-Kolumnistin, die, als sie im siebten Monat schwanger ist, von der Affäre ihres Mannes erfährt. In ihrer Geschichte über diese Trennung berichtet sie nicht nur von ihrem gebrochenen Herz und ihrem verletzten Stolz, sondern auch ganz viel von Essen.

Dabei vertritt sie unter anderem eine sehr dezidierte Meinung zu Quiche:

I was never completely idiotic – I never once made a quiche, for example […]

Das ist nun wirklich sehr hart und hat mich persönlich getroffen, weil ich permanent Quiche mache, aber seit ich das Buch gelesen habe, ist mir ein bisschen der Spaß daran vergangen. Wirklich, was kann man gegen Quiche haben?? Dafür macht sie die ganze Zeit Pie und ich sehe wirklich nicht, wie man von einer Pie-Position heraus so sehr auf Quiche herabblicken kann.

Nun aber zum eigentlichen Rezept und das ist – natürlich – ein Pie. Ein Key lime pie. Ich möchte sagen, dass man diesen Pie auch sehr gute als Tarte klassifizieren könnte und von da ist es wirklich nur ein sehr winziger Schritt zur Quiche, aber so kleinlich möchte ich hier gar nicht sein.

Der Key lime pie wird gar nicht gegessen, sondern findet ein unrühmliches Ende als Wurfgeschoss gegen ihren ehemaligen Gatten:

„If I had it to do over again, I would have made a different kind of pie. The pie I threw at Mark made a terrific mess, but a blueberry pie would have been even better, since it would have permanently ruined his new blazer, the one he bought with Thelma. But Betty said bring a Key lime pie, so I did.“

Die ganze Szenerie um den Key lime pie-Wurf herum ist so charmant, dass man sie eigentlich gelesen haben muss, genauso wie das ganze Buch um sie herum.

Key lime pie ist ein Pie mit einer Füllung aus einer Limetten-Creme und einer Decke aus Baiser. Den Namen hat sie von der in Florida heimischen Limetten-Art Key Lime, die man in Deutschland natürlich nicht so einfach bekommt. Ephron liefert das Rezept in ihrem Buch gleich mit, spezifiziert die zu verwendende Limetten-Art nicht weiter und bestreicht den Pie am Ende statt mit Baiser mit Sahne. Und hier kommt das gesamte Rezept:

Key Lime Pie

für eine Pie- oder Springform mit ca. 22 cm Durchmesser

  • 200 g Volllkorn-Butterkekse
  • 140 g Butter + etwas mehr für die Form
  • 6 Eigelbe
  • 240 ml Zitronensaft
  • 840 ml gezuckerte Kondensmilch
  • geriebene Schale einer Limette
  • 250 ml Schlagsahne
  • 1 TL Zucker

Die Kekse in eine Plastiktüte geben und mithilfe eines Nudelholzes möglichst klein zerbröseln. Die Butter in einem Topf zerlassen. Die Form mit etwas Butter fetten, die übrige Butter zu den zerbröselten Keksen geben und alles gut vermengen. Den Boden der Form und den Rand etwa bis zur halben Höhe mit der Butter-Keks-Masse auskleiden, gut festdrücken und etwa 20 Minuten in den Gefrierschrank geben, damit alles fest wird.

Eigelb, Limettensaft, Kondensmilch und Limettenabrieb verrühren.

Die Masse in die vorbereitete Form gießen und den Pie wieder in den Gefrierschrank geben. Mindestens 6 Stunden, besser über Nacht gefrieren lassen.

Einige Minuten vor dem Servieren den Pie aus dem Gefrierschrank nehmen und etwas antauen lassen. In der Zwischenzeit Sahne und Zucker vermengen, die Sahne steif schlagen und den Kuchen damit bestreichen.


Nora Ephron: Heartburn. Virago Press 2018.

Die Zitate stammen von S. 132 (Quiche) und 167 (Key lime pie)

Das Rezept stammt ebenfalls aus dem Roman, S. 167.

Mehr Essen aus Büchern gibt es schiefgegessen.

Leben in sechs Welten – „Nachtbeeren“ von Elina Penner

Nelli Neufeld lebt unsichtbar. Sie ist fromme Mennonitin, Ausgewanderte, Eingewanderte, Plautdietsch-Sprecherin, Nesthäkchen, Oma-Kind, Mutter und Ehefrau, unterwegs in sechs Welten, die kaum Berührungspunkte haben. Ihre Lebensrealität nimmt kaum jemand wahr, sie fällt durch alle Raster, ist nicht deutsch und nicht russisch und auch nicht so richtig deutsch-russisch. An ihre ersten Jahre in der UdSSR hat sie kaum eine Erinnerung, erst die Reise nach Deutschland, die Enge in der Notunterkunft und die Schulzeit als Ausländerkind erinnert sie gut. Sie ist aufgewachsen in einer mennonitischen Familie, die unter sich plautdietsch spricht, eine niederdeutsche Sprache, die fast ausschließlich unter Russlandmennoniten gesprochen wird. Ihre Oma heißt Öma, die Urgroßmutter Öle Öma und das Brot, das es zu allen Anlässen gibt, Tweeback. Russisch und Deutsch kann sie – natürlich – auch.

„Ich war nicht deutsch, nicht russisch, also wurde ich religiös. Da wusste ich, woran ich war.“

Die Taufe in der Glaubensgemeinschaft erfolgt nicht gleich nach der Geburt, sondern erst, wenn ein Mensch selber entscheiden will und kann, im Glauben zu leben. Nelli bekennt sie sich erst nach dem Tod der Öma, bei der emotionalen Beerdigung und in der Hoffnung, dass es für Fromme ein Wiedersehen nach dem Tod gibt. Von da an lässt sie sich die Haare lang wachsen, trägt keine Hosen mehr und nur noch Röcke, die auch im Sitzen die Knie bedecken, entsagt dem Alkohol und verbannt den Fernseher. Die Aufgaben in ihrer Ehe mit Kornelius sind klar verteilt: Er arbeitet, sie bleibt zu Hause, ordnet sich unter, kocht und sorgt für makellose Sauberkeit in dem Haus das so groß sein muss, dass es die Entbehrungen der Notunterkunft vergessen lässt. Sohn Jakob lernt in der Jungschar und auf der christlichen Privatschule, dass er die Eltern ehren muss.

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Leben in Licht und Luft – „Monte Verità“ von Stefan Bollmann

Ein Zufall führt die Brüder Gräser, Henri Oedenkoven und Ida Hoffmann 1900 in Veldes, dem heutigen Bled in Slowenien zusammen. In langen und tiefen Gesprächen spüren sie eine tiefe Verbundenheit und eine gemeinsame Abneigung gegen den Zustand der modernen Gesellschaft. Sie wollen weg von Kapitalismus und Industrialisierung, sich frei machen von den Zwängen der Zeit. Zurück zur Natur, das aber keineswegs reaktionär gedacht, sondern ganz fortschrittlich. Und das nicht nur theoretisch, sondern praktisch umgesetzt in einer Lebensgemeinschaft, die ihren Vorstellungen entspricht.

„Sie werden nie mehr eingezwängt zwischen Plüsch und Plunder sein, stattdessen nackt in der verschwenderisch scheinenden Sonne liegen.“

Nur wenige Monate später, aber nach einer beschwerlichen Suche, finden sie den perfekten Ort dafür. Im Tessin, auf einem Hügel über Ascona und mit Traumblick über den Lago Maggiore, finden sie ihren „Wahrheitsberg“, einen wirtschaftlich kaum mehr genutzten und nicht bewohnten Hügel, der alles zu haben scheint, was sie für ihr Unterfangen benötigen. Mit Enthusiasmus starten sie in ihr neues Leben, das zum Modell werden soll für die gesamte Gesellschaft. Licht und Luft braucht der Mensch, so lehrt es damals populäre Arnold Rikli, dem man auf Monte Verità folgt und dessen Lehren als Basis für das neue Sanatorium dienen sollen. Auf dem Hügel ist man meist nackt, badet täglich in Licht und Luft, und nur beim Weg ins Dorf trägt man, um keinen Missfallen zu erregen, luftige, weit geschnittene Gewänder. In Ascona denkt man sich natürlich seinen Teil über die Aussteiger aus dem Berg, die in spärlichen Hütten in wilder Ehe leben, sich als Selbstversorger versuchen und sich vegetarisch oder vegan ernähren.

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Zwei plus zwei ist vier. Immer und überall. – Die Abenteuer des Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen

Im März 1898 strandet im Hafen von Brooklyn ein toter Mann in einem Motorboot. Er trägt eine holländische Uniform und ein Taschentuch mit den Initialen EMB bei sich. Weitere Hinweise auf seine Identität finden sich nicht, die Todesursache scheint völlig unklar. Der gerade neu eingesetzte Detective-Sergeant Caruso vom NYPD ist hoffnungslos überfordert mit dem Fall. Zum Glück gibt es den findigen Reporter Hutchinson Hatch, der das Superhirn und Amateuer-Kriminologen Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen überzeugen kann, sich dem Rätsel anzunehmen. Es ist der Beginn einer jahrelangen Zusammenarbeit und einer überaus charmanten Hörspiel-Serie.

Die Geburt der Denkmaschine

Erfunden wurde das kriminalistische Duo vom US-amerikanischen Autor Jacques Futrelle. Er veröffentlichte 1905 die erste Erzählung „Das sicherste Gefängnis der Welt“, die später der zweite Teil der Hörspiel-Reihe werden sollte. Schon damals bekam der unfassbar kluge Professor den Spitznamen „Die Denkmaschine“, trat aber ansonsten mit weniger akademischen Ehren als Prof. Augustus S. F. X. van Dusen auf. Aber auch schon da war er ein umtriebiger Wissenschaftler. Futrelle hatte unter anderem Albert Einstein vor Augen, als er die Figur der hochbegabten Denkmaschine entwarf. Im Hörspiel nutzt van Dusen später jede freie Minute, um an seiner atomaren Strukturtheorie der Elemente zu arbeiten. Einen Roman und 51 Erzählungen rund um die Denkmaschine konnte Futrelle fertigstellen, bevor er, wenige Tage nach seinem 37. Geburtstag, im April 1912 mit der Titanic unterging. Die Erzählungen gerieten zunächst beinahe in Vergessenheit, insbesondere im deutschsprachigen Raum.

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Zerfallende Erinnerung – „The Wilderness“ von Samantha Harvey

In seiner Blütezeit war Jake ein erfolgreicher Architekt. Er war besessen von der Idee, in seiner alten Heimat Lincolnshire das lichtdurchflutete Haus seiner Träume ins dunkle Moor zu stellen. Inspiriert von einer Voliere im Londoner Zoo sollte es ganz aus Glas sein und aussehen, als käme es mitten aus dem Moor. Mit dem Versprechen eines Kirschbaum-Idylls hinter dem Haus gelingt es ihm, seine Frau Helen auch von der Genialität seines Plans zu überzeugen. Sie verlassen London und ziehen nach Lincolnshire, wo sie zwei Kinder bekommen und ihre Ehe ruinieren.

Viele Jahre später lebt Jake als Witwer, sein Sohn ist im Gefängnis – immerhin einem, das Jake entworfen hat – und einem Gedächtnis, das ihn immer mehr im Stich lässt. Alzheimer, sagt die Frau mit den roten Haaren, die er regelmäßig trifft und deren Namen er sich nicht merken kann. Sie verlangt von ihm, dass er Wortreihen lernt und behält, Uhren malt und Zeitstränge. Seine Misserfolge frustrieren Jake. Dagegen hilft, wie schon seit Jahren, mindestens ein Mint Julep am Tag, die er in Rekordzeit runterstürzen kann. An seiner Seite ist Eleanor, eine Jugendfreundin, die seit Ewigkeiten in ihn verliebt ist und die jetzt endlich mit ihm leben kann, ihn umsorgen und ihm helfen kann. Jetzt, da er jeden Tag ein bisschen mehr verschwindet. Jetzt, da er sich fast jeden Tag wundert, wer die nette Frau ist, die sein Essen kocht, seine Wäsche sortiert und ihn zu der anderen Frau mit den roten Haaren begleitet.

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Das Tagebuch einer Dienstmagd – „The Observations“ von Jane Harris

Bessy ist auf dem Weg von Glasgow nach Edinburgh, als es sie zufällig nach Castle Haivers verschlägt. Zwar gibt es dort nur einen abgelegenen Hof und nicht das erhoffte Schloss zu besichtigen, dennoch ist der Abstecher ein Glücksfall für Bessy. Mit dem Tod ihres Dienstherren Mr. Levy hat sie ihre Anstellung als Hausmädchen in Glasgow verloren und sucht nun verzweifelt eine neue. Das zumindest erzählt sie Hausherrin Arabella Reid. Die merkt zwar recht schnell, dass Bessy nur einen Bruchteil der behaupteten Fähigkeiten tatsächlich beherrscht, dennoch stellt sie das Mädchen ein. Denn Bessy hat in ihrer vorherigen Anstellung Lesen und Schreiben gelernt, eine seltene Fähigkeit für Dienstmädchen und für Arabella Reid eine essentielle. Denn wichtiger als saubere Böden ist ihr, dass ihre Mädchen jeden Abend ein detailliertes Journal über das schreiben, was sie am Tag getan und erlebt haben.

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Essen aus Büchern: Kalbsschnitzel Russischer Art aus Kate Atkinsons „Life After Life“

In Life After Life lässt Kate Atkinson ihre Protagonistin Ursula ein Leben nach dem anderen führen. Wann immer sie stirbt, wird sie einfach ein weiteres Mal geboren und fängt gewissermaßen von vorne an. Kleinste Entscheidungen, die sie im nächsten Versuch anders trifft, ändern ihr Schicksal und das anderer, verkürzen und verlängern Leben. Ein besonders schwerer Punkt, an den sie in mehreren Leben kommt, ist das „Veal à la Russe“, eine Kreation der Haushälterin Mrs Glover, die sie immer wieder stolz serviert, obwohl die Resonanz zumindest verhalten ausfällt. Direkt nach der grauenhaften Buddenbrook’schen Specksuppe ist dieses Gericht wohl da am meisten geschmähte, von dem ich je gelesen habe. Ursulas Bruder Jimmy sagt, es sähe aus wie Hundefutter und Mrs Glover erläutert beim Servieren verschnupft, worum es sich handelt:

‚Veal cutlets à la Russe‘, Mrs Glover said as she put a large white china dish on the table. I’m only telling you because last time I cooked it, someone said they couldn’t begin to imagine what it was.“

S. 384
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