Mörderische Geheimnisse – „Heilige und andere Tote“ von Jess Kidd

Cathal Flood macht es sich und anderen nicht leicht. Ein Mann von beeindruckender Statur und – wenn er will – charmantem Auftreten war er einst ein begnadeter Künstler. Nun lebt er alleine in seinem großzügigen Anwesen Bridlemere im Westen Londons, das vor lauter Krempel aus allen Nähten platzt. Im Garten stapelt sich der Schrott, im Erdgeschoss kann man kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen und das Obergeschoss kann man gar nicht erst betreten, weil eine gigantische Wand alter National Geographic-Ausgaben den Zugang blockiert.

In dieses Chaos marschiert nun Maud. Sie ist damit beauftragt, den alten Mann und sein Haus auf Vordermann zu bringen. Keine ungefährliche Aufgabe – den letzten, der das versucht hat, hat Cathal mit einem Hurling-Schläger in die Flucht geschlagen. Doch Maud ist nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Und sie hat sich Unterstützung mitgebracht: Maud weiß sich in der Gesellschaft von Heiligen. Sie warten auf sie an der Bushaltestelle, sitzen mit am Küchentisch, haben immer die besten Ratschläge parat und warnen, wenn Gefahr droht. Maud kennt sie alle und hat so Unterstützung in jeder denkbaren Lebenslage. Und wo die Heiligen nicht helfen können, gibt es ihre Nachbarin und Freundin Renata. Die hat zwar seit etlichen Jahren das Haus nicht mehr verlassen, weiß sich und Maud aber trotzdem aus jeder Patsche zu helfen und hat dank jahrelangem Krimi-Konsum eine ausgeprägte Spürnase. Die wird sie auch brauchen, denn Maud beginnt schnell zu ahnen, dass sich hinter Cathals schroffer Fassade nicht etwa ein weicher Kern, sondern ein kaltblütiger Mörder verbirgt. Sie hat ihn im Verdacht, nicht nur seine Frau umgebracht zu haben, sondern auch ein Mädchen, das vor Jahrzehnten vermisst gemeldet wurde und nie wieder aufgetaucht ist.

Leichen sind wie Steine, Maud. Sie wollen gefunden werden. Da kannst du jeden Farmer fragen, und er wird es dir bestätigen. Steine kommen immer an die Oberfläche.

S. 99

Der Fall des verschwundenen Mädchens schlägt in Maud auch eine ganz persönliche Seite an. Vor Jahren ist ihre eigene Schwester verschwunden, während Maud in den Dünen auf sie gewartet hat. Nur ihre Handtasche, auf die Maud so neidisch war, konnte man noch finden. Es konnte nie geklärt werden, was damals passiert ist, aber es vergeht kaum ein Tag, an dem Maud nicht darüber grübelt.

Erschwert werden ihre Ermittlungsversuche nicht nur durch Mr. Flood, sondern auch durch seinen Sohn Gabriel, der hin und wieder auftaucht und offenbar ganz eigene Pläne verfolgt, die er um keinen Preis verraten will. Und dann ist da auch noch ein Fuchs, der Maud auf eine Fährte locken will und diverse Zeichen mehr oder weniger wohlmeinender Geister, die Maud in ihrem schrecklichen Verdacht bestärken.

Ohne die übersinnliche Unterstützung wäre Heilige und andere Tote ein sehr durchschnittlicher Roman über eine resolute Sozialarbeiterin und ihren renitenten, aber irgendwie doch liebenswerten Klienten. Auch der vermutete Kriminalfall ist nicht besonders raffiniert. Was den Roman besonders macht, ist Kidds überbordende Fantasie und der ausgesprochen humorvolle Ton der Geschichte. Besonders Cathal legt eine ungeheure Schnoddrigkeit an den Tag und trägt gemeinsam mit der sehr originellen Renata die Geschichte über die Austauschbarkeit hinweg. Auch wenn das Ende ein bisschen plötzlich kommt, ist Heilige und andere Tote ein sehr lesenswerter Roman mit einem ganz eigenen Ton und unverwechselbaren Charakteren.


tl;dr: Sozialassistentin Maud wittert im Anwesen ihres neusten Klienten grausame Verbrechen. Mit der Unterstützung einer Freundin und diverser Heiliger macht sie sich auf Spurensuche. Als Krimi ist der Roman nur bedingt überzeugend, dank seiner liebenswürdigen Charaktere und dem sehr eigenen Ton aber durchaus unterhaltsam und lesenswert.


Jess Kidd: Heilige und andere Tote. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. DuMont 2018, 381 Seiten. Originalausgabe: The Hoarder. Canongate 2018.

Zum Schweigen gebracht – „Do Not Say We Have Nothing“ von Madeleine Thien

Li-ling, Tochter chinesischer Einwanderer, lebt mit ihrer Mutter in Vancouver. Ihr Vater hat sich 1989 bei einer Reise nach Hongkong vom Dach eines Hauses gestürzt. Den Schmerz kann Li-ling ihm nicht verzeihen. Nur wenig später taucht Ai-Ming in Vancouver auf. Sie ist die Tochter einer Familie, mit der Li-lings Vater eine lange Verbindung hatte und muss China wegen ihrer Beteiligung an Protesten auf dem Tiananmen-Patz verlassen. Während Li-ling fast völlig ahnungslos ist, warum ihre Eltern China verlassen haben, weiß Ai-Ming eine Menge darüber und erzählt ihr eine lange Geschichte über tiefe Freundschaften, die Liebe zur Musik und die Folgen der Kulturrevolution.

Die Verbindung von Ai-Ming und Li-ling besteht vor allem über ihre Väter, die in Shanghai gemeinsam am Konservatorium gearbeitet und studiert haben, bis die Kulturrevolution die Karriere der beiden beendete. Ai-Mings Vater Sparrow, einen Komponisten, traf es dabei härter. Er konnte sich mit der neuen Linie nicht anfreunden, wollte nicht abrücken von seinen großen Vorbildern in der klassischen Musik zugunsten einer volksnäheren Musik. Statt an seinen Kompositionen zu arbeiten, endet er in einer Fabrik, in der er die Einzelteile von Radios verlötet. Und damit kommt er noch glimpflich davon – etliche in seiner Familie landen als Rechtsabweichler in Arbeitslagern und kommen gar nicht oder als gebrochene Menschen zurück.

Mit diesen beiden verwobenen Familiengeschichten deckt Thien zugleich beinahe 60 Jahre chinesischer Geschichte ab, von Mao Zedongs Anfängen in den späten 1940er-Jahren bis zu den blutig niedergeschlagenen Protesten in Peking 1989. Ihre Protagonist*innen kommen mehr als einmal in Konflikt mit der Regierung und ihrer Ideologie, denunzieren und kritisieren engste Freunde und Familienmitglieder. Doch der größte Konflikt für viele Charaktere liegt in der Musik, die zugleich ihr wichtigstes Ausdrucksmittel ist. Besonders Zhuli, eine Cousine Sparrows, hat damit zu kämpfen. Sie ist eine vielversprechende Solo-Violinistin und findet sich nicht zurecht in einer Welt, in der es ein Frevel ist, als Solistin brillieren zu wollen, statt im großen Orchester aufzugehen. Ihr Instrument gilt plötzlich als dekadent und konterrevolutionär, die von ihr verehrten Komponisten Schostakowitsch und Debussy erst recht. Sie fürchtet die Konsequenzen ihrer Tätigkeit und weiß zugleich nicht, was sie sein soll, wenn nicht Violinistin, woran sie sich festhalten soll, wenn nicht an ihrem Geigenkoffer.

At some point, a person must decide whether they belong to the people who loved them, or whether they belong to the emperors. The truth is my ancestry is long and complex because this country is old.

S. 234

Zhuli kann sich nicht an die neuen Zeiten gewöhnen, wie so viele in ihrer Familie und ihrem Umfeld. Thien kann sich dabei auf reale Erlebnisse stützen: Mitte der 1960er-Jahre begann in China ein Kreuzzug gegen westliche Einflüsse in der Kultur, initiiert durch Maos Ehefrau. Am Shanghaier Konservatorium, das eine wesentliche Rolle im Roman spielt, führte dies zu großen Anfeindungen gegenüber einigen Musiker*innen und einer Reihe von Selbstmorden. Auch das Umfeld von Sparrow und seinem besten Freund Kai bleibt davon nicht verschont und der Kontakt zwischen den beiden bricht ab.

Thiens Roman ist vielschichtig und komplex konstruiert. Eine ihrer Figuren lässt sie feststellen, dass Zeit eben nicht linear verlaufe, sondern in Strudeln. Und so ist es auch in Do Not Say We Have Nothing: kaum steht man auf vermeintlich sicherem Boden in Vancouver, gerät man auch schon in den nächsten Strudel, der einen mitnimmt und wegträgt in die Tiefen der chinesischen Vergangenheit. Die Ereignisse sind komplex und stellenweise brutal, die zwischenmenschlichen Beziehungen von großer Klarheit und Aufrichtigkeit. Stellenweise kostet es etwas Mühe, der verschachtelten Geschichte zu folgen, manchmal geraten die Ausführungen zur klassischen Musik etwas langatmig. Dennoch ist Do Not Say We Have Nothing ein gelungener Roman über Familie, Freundschaft, und die Bedeutung von Loyalität in harten Zeiten.


tl;dr: Thien erzählt die Geschichte einiger Musiker*innen und ihrer Familien in China während und unmittelbar nach der Kulturrevolution. Der Roman konzentriert sich sehr auf die Musik, bietet aber auch ein spannendes Porträt der jüngeren Geschichte Chinas und eine beeindruckende Geschichte über die Bedeutung von Freundschaft und Loyalität.


Madeleine Thien: Do Not Say We Have Nothing. Granta 2016, 473 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Anette Grube ist unter dem Titel Sag nicht, wir hätten gar nichts bei Luchterhand erschienen und wird zudem im Juli 2021 bei btb erscheinen.

Thien war mit diesem Roman 2017 für den Women’s Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Essen aus Büchern: Hühnerbuletten de Volaille aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“

Es ist ein merkwürdiger Mann, dem die Schriftsteller Berlioz und Besdomny in Bulgakows Klassiker Meister und Margarita begegnen. Er ist seltsam gekleidet und spricht zwar fließend Russisch, das aber mit deutlichem Akzent. Ein Ausländer muss er sein, beschließen die beiden bald. Er redet allerlei Merkwürdiges und Verschrobenes und prophezeit dem ungläubigen Berlioz, er würde bald von der Tram überfahren werden. Der glaubt natürlich kein Wort, verliert aber wirklich nur wenige Minuten später den Kopf, als eine Straßenbahn über ihn fährt.

Da ist er gerade auf dem Weg zur Sitzung der Schriftstellervereinigung MASSOLIT, deren Vorsitzender er ist. Die mehr oder weniger illustren Damen und Herren treffen sich um zehn Uhr abends im Gribojedowhaus, dessen obere Räume als Clubraum dienen und das im unteren Bereich über ein Restaurant verfügt, das sich nicht nur bei den MASSOLIT-Mitgliedern größter Beliebtheit erfreut. Verstimmt wartet man auf den inzwischen kopflosen Berlioz, über dessen Ableben seine Kollegen noch nicht informiert wurden. Um zwölf schließlich beschließt man, dass er wohl nicht mehr kommt und geht hinunter zum Essen, wo man aufgrund der vorgerückten Stunde keinen Platz mehr auf der Terrasse bekommt. Das sorgt zunächst für weitere Verstimmung, die aber bald vergessen ist, als der Abend sich zu einem rauschenden Fest entwickelt. Der Stimmung tut dann auch die Nachricht von Berlioz Tod keinen Abbruch mehr. Zwar überlegt man kurz, ein Telegramm zu verfassen, aber was sollte das denn Berlioz nun noch nützen? Tot ist eben tot.

„‚Ja, er ist tot, er ist tot… Aber wir leben noch!‘
Ja, eine Weile schlug die Trauer hoch, doch sie hielt sich nur kurz und sank wieder in sich zusammen, schon kehrten die ersten an ihren Tisch zurück, kippten, zunächst verstohlen, dann ganz offen einen Schnaps und aßen nach. Wirklich, wozu sollen die Hühnerbuletten de Volaille umkommen? Wie können wir Michail Alexandrowitsch helfen? Dadurch, daß wir hungrig bleiben? Wir leben doch!“

Was in der deutschen Übersetzung „Buletten“ heißt, ist im Russischen Original котлета де-воляй, kotleta de-voliay. Im nicht-russischsprachigen Raum kennt man das Gericht eher unter seinem Namen „Chicken Kiev“ bzw. „Kiewer Kotelett“. Aber egal unter welchem Namen handelt es sich um ein Hühnerbrustfilet, bevorzugt noch mit Flügelknochen, das mit Kräuterbutter gefüllt wird. Anschließend wird es paniert und in Fett ausgebacken. Ob man es frittieren darf oder nicht, daran scheiden sich die Geister. Als Beilage scheint sich international das Kartoffelpüree bewährt zu haben und ich möchte mich dieser Empfehlung anschließen.

Kiewer Kotelett

für zwei

  • zwei Hühnerbrustfilets, bevorzugt mit Flügelknochen 
  • 2 EL Mehl
  • 1 Ei
  • 4 EL Paniermehl
  • 100 g Butter, Zimmertemperatur
  • 1 TL Estragon, gehackt
  • 1 TL Petersilie, gehackt
  • 1 TL Schnittlauch, gehackt
  • 1 EL Zitronensaft
  • Salz und Pfeffer
  • Öl

Für die Kräuterbutter die Butter mit allen Kräutern und dem Zitronensaft verrühren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die Butter zu zwei Rollen formen, in Folie wickeln und kalt stellen. 

Die Hühnerbrust mit einem scharfen Messer so einschneiden, dass sie sich aufklappen lässt. Unter einer Lage Frischhaltefolie klopfen. Mit der Hautseite nach unten ausbreiten, salzen und pfeffern. Mit Butter füllen, aufrollen und mit Zahnstochern feststecken. Dabei darauf achten, dass die Enden eingeklappt sind, sonst läuft die ganze Butter beim Braten wieder raus.

Das Ei in einer Schüssel verrühren. In jeweils eine andere Schüssel Mehl und Semmelbrösel geben. Die Brüste jeweils in Mehl, Eier und Semmelbröseln wenden. In einer backofengeeigneten Pfanne Öl erhitzen. Den Ofen auf 180°C vorheizen. Die Hühnerbrüste von jeder Seite etwa 5 Minuten anbraten, dann im Ofen in etwa 20 Minuten fertig garen. Vor dem Servieren die Zahnstocher entfernen.

Anders als sein deutscher Name vermuten lässt, kommt dieses Rezept übrigens nicht aus Osteuropa, sondern aus Frankreich. Aber egal woher: der Aufwand ist überschaubar und lohnt sich auf jeden Fall! Gerne natürlich zu einem erfreulicheren Anlass als dem tragischen Tod eines MASSOLIT-Vorsitzenden.


Michail Bulgakow: Meister und Margarita. Zitiert nach der Ausgabe Random House 1994 in der Übersetzung von Thomas Reschke. Seite 90/586.

Das Rezept habe ich im wesentlichen vom Callwey-Verlag übernommen. Es ist dort erschienen im Buch Wie die Helene zur Birne kam.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Versklavt, verzweifelt, vergessen – „The Silence of the Girls“ von Pat Barker

Als die Kämpfe um Lyrnessus im trojanischen Krieg verzweifelter werden und niemand weiß, wie lange die Stadt noch gegen Achilles und seine Armee verteidigt werden kann, flüchten die Frauen sich mit ihren Kindern in die Zitadelle. Unter ihnen ist auch Briseis, gerade 19 Jahre alt, und Frau des Königssohns Myrnes. Vom Dach der Festung aus beobachten die Frauen, was unter ihnen geschieht und wissen, wie aussichtslos ihre Lage ist. Es ist Usus der siegreichen Griechen, jeden männlichen Einwohner zu töten, ebenso wie schwangere Frauen, die möglicherweise noch männliche Nachfolger in sich tragen. Die übrigen Frauen werden verschleppt, werden Kriegsbeute, Handelsware und Eigentum ausgezeichneter Kämpfer. Einige wählen lieber den Tod und stürzen sich vom Dach der Zitadelle. Briseis harrt aus.

Wenige Stunden später fällt im Lager der Griechen fällt Achilles Wahl auf sie. Sie soll sein Lohn für seine Tapferkeit und seine Stärke sein und wird zu seiner persönlichen Sklavin. Damit ist sie eine der wenigen Frauen Trojas, deren Namen überhaupt im Mythos um Troja auftauchen. Die meisten anderen werden namenlose Opfer eines männerdominierten Kampfes. Ihren Status als Mensch jedoch hat sie verloren. Zwar gilt sie als Achilles Lieblingssklavin, doch dadurch wird sie nicht weniger ein Objekt. Nacht für Nacht wird sie von ihrem Besitzer vergewaltigt, so wie alle anderen Sklavinnen auch. Der einzige Ausweg für Briseis ist eine Hochzeit mit Achilles, doch die Chancen stehen schlecht. Zudem scheint ihr eine Ehe mit dem Mörder ihres Mannes und ihrer Brüder wenig erstrebenswert. Dennoch ist sie Achilles Gefährten Patroclus dankbar, dass er ein gutes Wort für sie einlegen will. Es ist ihre größte Sorge, dass Achilles das Interesse an ihr verlieren könnte oder sie ihn gegen sich aufbringt. Würde er sie verstoßen, müsste sie ihr Dasein als gewöhnliche Sklavin fristen so wie alle, die zu alt, zu widerspenstig oder zu unattraktiv für die Helden Griechenlands sind. Sie schlafen im Freien, zusammengekauert unter den Hütten, und erledigen niedrigste Aufgaben. Einen Ausweg gibt es für sie nicht mehr. Selbst von den höheren Sklavinnen werden sie kaum beachtet. Briseis und die anderen bleiben unter sich, in den Frauenquartieren, an den Webstühlen oder im Feldlazarett, wo sie zur Pflege der verwundeten Krieger eingesetzt werden. Unter ihnen aber entstehen echte Freundschaften und die Solidarität ist groß. Manchmal vergessen sie beinahe, in welcher Lage sie sind, und teilen unbeschwerte Momente.

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Augen zu und durch – „Milkman“ von Anna Burns

Milkman ist überhaupt kein Milchmann. Noch nie hat ihn jemand im Viertel Milch verkaufen sehen und warum er so heißt, weiß niemand mehr. Unbestritten aber ist seine Rolle: er ist einer der wichtigsten Paramilitärs der Stadt, seine Augen und Ohren sind überall. Kein Wunder, dass der namenlosen Erzählerin des Romans Angst und Bange wird, als er plötzlich auf sie aufmerksam wird. Aufmerksamkeit ist das letzte, was sie in ihrem Leben brauchen kann.

Die Erzählerin wächst auf in einer nordirischen Stadt, inmitten des Nordirlandkonflikts. Beinahe alle außerhalb ihres streng katholischen Viertels sind Feinde. Diejenigen, die auf der falschen Seite der Straße leben, in der falschen Hälfte der Stadt und erst recht diejenigen, die jenseits der Grenze leben und sich weigern, Nordirland freizugeben. In jeder Familie gibt es mindestens einen Mann, einen Sohn oder einen Bruder, der bei Kämpfen getötet wurde. In manchen sind es fast alle. Nicht-politische Handlungen und Aussagen gibt es nicht in diesem Klima. Namen sind politisch, Autos sind politisch, Beziehungen sind politisch, Bücher sind politisch, Religion ist politisch. Politik ist alles, was zählt.

„So the Hollywood phenomenon of sexual prowling would have been overshadowed, as everything here was overshawdowed, by the main topic of conversation in this place.“

S. 183

Mit ihrem unguten Gefühl gegenüber Milkman ist die Erzählerin völlig allein. Er macht ja nichts. Sexualstraftaten werden von den de facto regierenden Paramilitärs des Viertels streng geahndet, aber was soll man Milkman denn vorwerfen? Er hält die Erzählerin auf dem Heimweg auf und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Er läuft auf einmal neben ihr, als sie im Park joggt. Er lauert ihr nach dem Französisch-Unterricht auf und bietet ihr wieder an, sie nach Hause zu fahren. Er lässt fallen, wie schade es wäre, würde ihr Freund von einer Autobombe getötet. Das alles verunsichert sie zutiefst, ist ja aber keine Straftat. Zur Ablenkung steckt sie weiter ihre Nase in Bücher, die spätestens im 19. Jahrhundert spielen, weil sie das 20. furchtbar findet und versucht, alles um sie herum auszublenden so gut es eben geht. Selbst auf dem Heimweg nimmt sie die Augen nicht von den Seiten und lenkt sich so von der Zerstörung und Gewalt um sie herum ab. In ihrer Nachbarschaft gilt sie schon deshalb als seltsam. Milkmans Avancen erregen noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit. Als zukünftige Geliebte eines wichtigen Paramilitärs, denn das gilt als ausgemacht, zieht sie jetzt schon Missgunst und Neid auf sich. Für die Erzählerin gilt das keinesfalls als ausgemacht, sie möchte viel lieber mit ihrem Vielleicht-Freund zusammenziehen. Aber bald muss sie sich eingestehen, dass sie eigentlich überhaupt keine Wahl hat.

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Die unerträgliche Banalität des Seins – „Die Idiotin“ von Elif Batuman

Als Selin das erste Mal die heiligen Hallen von Harvard betritt, ist sie völlig überfordert. Hier anstellen, da anstellen, hier eine Mail-Adresse zugeteilt bekommen, dort für Kurse einschreiben. Beistand findet sie bei ihren Mitbewohnerinnen Hannah, die sie mehr mag und Angela, die sie weniger mag. Sie belegt Kurse in Linguistik, darstellender Kunst und Russisch, wo sich alle russische Namen aussuchen müssen, außer Svetlana und Ivan, dem ungarischen Mathematik-Studenten, in den Selin sich sofort und unglücklich verliebt. Sie schreibt Mails im Computer-Labor, findet spannende Ähnlichkeiten zwischen Ungarisch und Türkisch, isst in der Cafeteria und grübelt über der Sapir-Whorf-Hypothese. Und daraus besteht der gesamte erste Teil des Romans.

„Ich wusste nicht, wie man in eine andere Stadt zog oder Sex hatte oder einen richtigen Job oder wie ich jemanden dazu bringen sollte, sich in mich zu verlieben, oder wie ich etwas lernen sollte, das nicht nur meiner persönlichen Weiterentwicklung diente.“

S. 339/347

Im zweiten Teil reist sie immerhin mit Svetlana aus dem Russisch-Kurs nach Paris, wo sie in der Wohnung einer offenbar reichen Tante Svetlanas direkt gegenüber dem Musée d’Orsay wohnen und an der Seine joggen gehen. Montmartre ist ihr zu aufregend. Im weiteren Verlauf des Sommers reist Selin nach Ungarn, weil Ivan es auch tut. Damit das weniger auffällt, nimmt sie an einem Programm teil, im Rahmen dessen sie Englischunterricht für die Landbevölkerung geben soll. Dieser Teil des Romans, in dem Selin viele und sehr unterschiedliche Kontakte knüpft, und skurrile Situationen erlebt, ist alles, was den Roman aus der völligen Bedeutungslosigkeit rettet. 

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Women’s Prize for Fiction – Longlist 2021

Gestern Abend wurde die Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction veröffentlicht. Auch, wenn die Titel kein Teil meines Leseprojekts mehr sein werden, will ich sie euch trotzdem nicht vorenthalten. Auf der Liste stehen viele Unbekannte, darunter auch einige Debütantinnen, aber auch Dauerbrennerin Ali Smith hat es mit dem letzten Teil ihrer Jahreszeiten-Reihe geschafft, neben einigen anderen bekannten Namen. Die Übersetzungslage ist wie immer bei Erscheinen der Longlist ausgesprochen dünn – nach Bekanntgabe der Shortlist und Siegerinnenehrung ergänze ich hier nochmal.

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Menschliche Abgründe – „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ von Flannery O’Connor

In den USA gilt Flannery O’Connor als eine literarische Größe, im deutschsprachigen Raum allerdings ist sie kaum bekannt. Mit Keiner Menschenseele kann man noch trauen liegen nun zehn Erzählungen in deutscher Übersetzung vor, die alle eins gemeinsam haben: sie sind abgrundtief böse und verstörend. O’Connors Erzählungen entstanden in den 50er-Jahren und sind angesiedelt im US-amerikanischen Süden, mitten im Bible Belt, wo die Menschen anständig und gottesfürchtig sind, bigott und rassistisch. O’Connor hat ein Gespür für Grenzen und überschreitet sie gekonnt, inhaltlich wie sprachlich. In ihrem Ton ist sie ebenso vulgär und verletzend wie ihre Figuren, was auch in der deutschen Übersetzung beibehalten wurde.

Die Geschichten sind allesamt von einer bissigen Ironie durchzogen und überraschen mit listigen Wendungen. Selbst wenn man spätestens nach der dritten Geschichte ahnt, dass keine einzige gut ausgehen wird, so gelingt der Autorin doch beinahe jedes mal eine überraschende Wendung. Da wird eine ganze Familie das Opfer einer kriminellen Bande, eine Braut wird bei der Hochzeitsreise kurzerhand an einer Raststätte ausgesetzt und ein junges Mädchen fällt auf einen Mann herein, der es nur auf ihre Prothese abgesehen hat.  

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Essen aus Büchern: White Lay Angel Cake aus Cynthia Bonds „Ruby“

Celias legendärer white angel cake begleitet einen ein ganz gutes Stück durch Ruby. Der Roman handelt von der titelgebenden Protagonistin Ruby Bell, die nach langer Abwesenheit zurückkehrt in die Kleinstadt Liberty, in der sie aufgewachsen ist. Die meisten bringen ihr nur Spott und Ablehnung entgegen. Eine Ausnahme ist nur Ephram, der Ruby auch Jahre nach ihrem Weggang nicht vergessen konnte und sich freut, sie wieder in seiner Nähe zu wissen. Ephram lebt auch als erwachsener Mann noch mit seiner Schwester Celia zusammen, die er nun bitten muss, einen Kuchen für seine Freundin zu backen. Er selbst ist nicht dazu in der Lage. Obwohl Celia von Ruby ebenso wenig hält wie der Rest der Stadt, lässt sie sich erweichen. Und das, obwohl dieser Kuchen keine kleine Aufgabe ist, vor allem da Celia sich weigert, irgendwelche elektrischen Geräte zu benutzen:

She made it in that pocket before dawn, when the aging night gathered its dark skirts and paused in the stillness. She made it with twelve new eggs, still warm and flecked with feathers. She washed them and cracked them, one at a time, holding each golden yolk in her palm as the whites slid and dropped through her open fingers. She set them aside in her flowered china bowl. In the year 1974, Celia Jennings still cooked in wood-burning stove, she still used a whisk and muscle and patience to beat her egg whites into foaming peaks. She used pure vanilla, the same sweet liquid she had poured into Saturday night baths before their father, the Reverend Jennings, arrived back in town. The butter was from her churn, the concetioner’s sugar from P & K. And as the stirred the dawn into being, a dew drop of seat salted the batter. The cake baked and rose with the sun.

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Ein Sommer im Tessin, ein Leben fürs Schreiben – „Was wir scheinen“ von Hildegard Keller

In den letzten Monaten ihres Lebens, im Sommer 1975, reiste Hannah Arendt noch einmal ins Tessin. Diesen Sommer verbrachte sie in Tegna, besuchte von dort aus Freunde und selbstverständlich schrieb sie auch. Diese Reise nimmt Hildegard Keller als Ausgangspunkt, um die große politische Theoretikerin auf ihr Leben zurückblicken zu lassen, auf ihre Flucht in die USA, ihr Freundschaften mit den intellektuellen Größen ihrer Zeit und den Eichmann-Prozess, der ihr nicht immer willkommenen Ruhm einbrachte.

Keller wagt sich mit Was wir scheinen an eine der Großen des 20. Jahrhunderts und an eine Frau, die mit ihrem Werk und ihren Aussagen sehr polarisiert hat. Besonders ihr bekanntestes Werk Eichmann in Jerusalem sorgte für lang anhaltende Kontroversen und führt noch immer dazu. Bis heute werden immer wieder kritische Stimmen laut, die sich nicht selten auch am Untertitel Ein Bericht von der Banalität des Bösen stoßen. Von der Kritik blieb auch Arendts Privatleben nicht unberührt, aber auch ihr weiteres Schreiben nahm eine andere Wendung. Einige Freundschaften zerbrachen, oder wurden zumindest arg strapaziert. Zugleich aber bedeutete der Eichmann-Prozess großen Ruhm für die Theoretikerin, die sich einige Zeit vor Interview-Anfragen kaum retten konnte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Gespräch mit Günter Gaus, aus dem im Roman großzügig zitiert wird. Aber auch darüber hinaus kann Keller sich in ihrer Charakterisierung Arendts auf einen großen Fundus stützen. 

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