Hilary Mantel: Jeder Tag ist Muttertag

Jeder Tag ist Muttertag ist nicht nur Mantels erster Roman, sondern auch, zumindest in meiner Wahrnehmung, einer der am häufigsten besprochenen. Obwohl er nun schon über 30 Jahre auf dem Buckel hat, geistert er immer wieder durch die Blogs, was auch daran liegen mag, dass die deutsche Übersetzung es erst 2016 auf den deutschen Markt geschafft hat. Geistern ist, das habe ich gar nicht beabsichtigt, auch eine fantastische Überleitung zum Inhalt, denn auch im Roman geistert so einiges herum.

Evelyn Axon wohnt mit ihrer erwachsenen Tochter Muriel in einer ganz netten Vorstadtsiedlung in England. Als ehemaliges Medium hat sie aber auch etliche Mitbewohner ungebetener Art, die Raum im Gästezimmer beanspruchen, kichern, wispern, an Ärmeln zupfen, Dinge verstecken, Milchgeld stehlen und Evelyn auf der Treppe ins Stolpern bringen. Mit Isabel Field kommt auch ein ganz realer Quälgeist ins Haus. Ms Field ist vom Sozialamt, soll sich um die als zurückgeblieben geltende Muriel kümmern und versucht recht vergeblich, Evelyn zur Zusammenarbeit zu bewegen. In Ms Fields eigenem Privatleben sieht es auch nicht sehr rosig aus. Sie lebt bei ihrem Vater und hat eine wenig aussichtsreiche Affäre mit einem verheirateten Mann.

Mantel_JederTagIstMuttertag

Evelyn vermeidet den Kontakt mit der Außenwelt so gut es geht. Die Nachbarin, die Kuchen vorbei bringen will, verscheucht sie mit ihrer garstigen Art und auch jede andere Art von Hilfe lehnt sie brüsk ab. Der Grund für ihr zurückgezogenes Dasein ist weit grausamer, als man erst vermuten würde, wird von Mantel aber erst spät und sehr zurückhaltend erzählt. Die übrigen Charaktere in diesem Roman führen ebenfalls trostlose Leben. Isabels Affäre Colin ist in seiner Ehe extrem unglücklich und sein Sozialleben beschränkt sich auf den Besuch von Abendkursen und eine Dinnerparty bei einem Kollegen, die von lauter Pseudo-Intellektuellen besucht wird und zum Desaster gerät. Auch seine Frau hatte sich das Familienleben deutlich anders vorgestellt.

Ich habe ziemlich lange gebraucht, um in diesen Roman zu finden. In meinem Kopf hatte sich festgesetzt, dass die Handlung sich vor allem um Evelyn und Muriel drehen würde, was sie schlicht nicht tut und lustig bis skurill sein würde, was sie ebenfalls nicht ist. Über längere Passagen geraten die beiden auch völlig in den Hintergrund. Das ist natürlich völlig okay, ich hatte nur ein anderes Buch erwartet, was man Ms Mantel nicht anlasten kann. Auch fand ich es am Anfang ein wenig schwierig, das Verhältnis zwischen Mutter, Tochter und diversen Geistern zu durchblicken. Ähnlich ging es mir auch schon bei Beyond Black, das ebenfalls von einem Medium handelt. Evelyn ist eine offenbar ziemlich unzuverlässige Reflektorfigur und es ist lange nicht klar, welche ihrer Erlebnisse einer für andere wahrnehmbaren Realität entsprechen. Mit Fortschreiten des Romans entwickelt man dafür ein Gespür, am Anfang aber braucht es langen Atem. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den aufgebracht hätte, hätte ich nicht an einem trostlosen Flughafen festgesessen, mit einer sich alle 20 Sekunden wiederholenden Schuhreklame als einziger Unterhaltungsalternative.

„Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Leben diese Frauen führen. Das Ganze könnte zu einer Art Allegorie werden, verstehst du, über den Zustand unserer Gesellschaft.“

Die Atmosphäre des Romans ist durchgehend von äußerster Trostlosigkeit geprägt. Die eigentlich schicken Häuschen der Vorstadt sind heruntergekommen und haben undichte Stellen im Dach, in Evelyns Wintergarten stapeln sich feuchte Zeitungen und Kartons voll stockfleckiger Kleidung. Niemand führt das Leben, das er sich einmal erhofft hat, die Freuden sind klein und selten. Am Weihnachtsfest, das ein Lichtblick sein könnte, streiten die Kinder und es wird das falsche Parfüm verschenkt. Das alles schildert Mantel mit einem bissigen Humor, der die deprimierend düstere Stimmung ein wenig aufhellen kann. Ein Großteil der Szenen ist gar nicht erschreckend und grausam, vieles spielt sich so in nahezu jeder Nachbarschaft ab. Umso erschreckender ist das das große Drama, das mitten in der Siedlung passiert ist, von den Nachbarn absichtlich übersehen und vom Sozialamt verschlampt. Jeder Tag ist Muttertag ist ein bissiger, tiefschwarzer Sozialkommentar, von einer Autorin, die zumindest die Perspektive der Sozialarbeiterin aus dem eigenen Lebenslauf kennt. Ihr Blick auf die tragische Situation ist ein selten ausgeglichener. Es gibt keine Schuldigen in diesem Roman, kein alleiniges Verschulden des Sozialamts, keine unaufmerksamen Nachbarn, die früher hätten intervenieren müssen. Der Aufbau aber hat mich nicht durchgehend überzeugt und es gibt einige Szenen, wie beispielsweise eine ausladende Dinnerparty, die viel Raum beanspruchen und nichts zur Handlung beitragen außer ein wenig Situationskomik. Das hat mir den Roman ein wenig verleidet, der aber viele gute Ansätze hat und durchaus lesenswert und unterhaltsam ist.


Hilary Mantel: Jeder Tag ist Muttertag. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Dumont 2017. 256 Seiten, € 11,-. Deutsche Erstausgabe ebenfalls bei Dumont 2016. Originalausgabe unter dem Titel Every Day is Mother’s Day 1985 bei Chatto & Windus.

Das Zitat stammt von S. 190

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Sarah Bakewell: At the Existentialist Café

Existentialisten sind blasse, magere Gestalten, die den Tag in Cafés verbringen und kettenrauchend über das Dasein philosophieren. So zumindest die popkulturelle Darstellung. Tatsächlich haben viele der heute bekannten PhilosophInnen, die im Allgemeinen dieser Strömung zugerechnet werden, größere Teile ihrer Zeit in Cafés verbracht, darunter auch Sartre, Beauvoir und der weit weniger bekannte Raymond Aron, die Bakewell zusammen an einen Tisch setzt und Aprikosencocktails trinken lässt. Das dürfte in dieser Konstellation auch wirklich häufiger passiert sein, auch noch bevor der Begriff des Existentialismus geprägt wurde und alle noch von der Phänomenologie sprachen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland für akademisches Aufsehen sorgte.

Bakewell_Cafe

Auch Bakewell beginnt ihre Ausführungen mit den Vertretern der Phänomenologie, angefangen bei Husserl, über Jaspers und Heidegger. Das ist naheliegend, schließlich bezog auch Sartre die Grundlagen seiner späteren Existenzphilosophie maßgeblich von diesen Autoren*. Mit seiner Philosophie der Freiheit war Sartre allerdings schnell anziehender als die Vertreter der Phänomenologie, auch wenn diese, vor allem Heidegger, eine beachtliche und ergebene Anhängerschaft um sich scharen konnten. Bei einem Vortrag Sartres im Club Maintenant aber war der Saal so heillos überfüllt, dass einige Zuschauerinnen Zeitungsberichten zufolge in Ohnmacht fielen. Das war wohl eher der schlechten Luft als Sartres Intellekt und Charme geschuldet, sein Ruf als Popstar der Philosophie war aber spätestens damit begründet. Auch Bakewell widmet ihm einen Großteil ihres Buches. Sie zitiert aus verschiedensten Werken und legt so auch dar, wie Sartres Einstellung und Werk sich im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Auch auf sein gesellschaftliches Engagement geht sie ein, denn Sartre war immer der Ansicht, die wahre Aufgabe eines Autors sei es, sich in Debatten einzumischen und in der Öffentlichkeit für die eigene Meinung einzustehen, auch wenn man sich Feinde macht – und Sartre hatte viele Feinde. Er wollte die Dinge aus der Sicht derer betrachten, die am wenigsten begünstigt sind. Dies war auch Teil seiner Beweggründe, den Nobelpreis abzulehnen: zum einen wollte er seine Unabhängigkeit behalten, zum anderen kritisierte er, dass der Preis praktisch nur an westliche AutorInnen verliehen wurde.

„In existentialism, there are no excuses. Freedom comes with total responsibility.“

Wo Sartre war, war Simone de Beauvoir nicht weit, und so ist es auch in diesem Buch. Sie ist die zweite Person, der besonders viel Raum eingeräumt wird. Als Langzeitpartnerin von Sartre war sie seine intellektuelle Sparring Partnerin, oft erste Leserin und, durch Tagebucheinträge und Briefe, auch seine Biographin. Ihr ist es mit zu verdanken, dass so viele Begegnungen aus dem Leben der beiden heute noch so nachvollziehbar sind. Nicht zuletzt war sie selbst aber natürlich auch eine große Denkerin und Autorin, die sich an Romanen und Theaterstücken versuchte, nachhaltigsten Ruhm aber mit ihrem aufsehenerregenden Werk Das andere Geschlecht erlangte. Als „hübscheste Existenzialistin“ wurde auch sie international gefeiert und zu Vortragsreisen eingeladen.

Auch unbekanntere Wegbegleiter der beiden haben ihren Auftritt. Emmanuel Levinas oder Maurice Merlau-Ponty beispielsweise dürften nur eingefleischten Phänomenologie-Fans bekannt sein. Obwohl beide nicht dem Existenzialismus zuzuordnen sind, waren sie für Sartre und seine Philosophie von Bedeutung. Und natürlich hat auch Albert Camus, der Lässigste unter ihnen, seine Auftritte. Bakewell bietet Einblicke in ihr Werk und zeichnet damit ein umfassendes, verständliches und auch sehr unterhaltsames Bild des Existenzialismus, der lange wahnsinnig angesagt war, von vielen aber nie verstanden wurde und sogar als Gefahr für die Jugend galt, die damit zu freier Liebe verführt werden sollte. At the Existentialist Café  kann nur eine Annäherung und Einführung sein, ist dabei aber sehr ausführlich und detailliert. Vor allem aber versteht Bakewell es, Schwellenangst vor den „großen Texten“ abzubauen und macht Lust auf mehr. Selbst komplexe Gedanken bricht sie auf ein eingängiges Niveau herunter, ohne dabei aber ihren Anspruch zu verlieren. Ein sehr ausführlicher Anhang macht das Weiterlesen einfach. Bakewell gelingt es in diesem Buch nicht nur, ihre Teenager-Begeisterung für Sartre in eine spätere Lebensphase zu transportieren, sondern auch, sie mit ihren LeserInnen zu teilen.

* Tatsächlich werden in diesem Buch so viele Schriften deutscher Philosophen und Schriftsteller zitiert, dass ich ausnahmsweise dazu raten würde, dieses Buch nicht im Original, sondern in deutscher Übersetzung zu lesen. Das erspart einem unter anderen den (für deutsche LeserInnen unnötigen) Umweg über die Heidegger-Übersetzung. Was nicht von deutschen Autoren kommt, kommt von Franzosen und die müssen ohnehin in beiden Ausgaben übersetzt werden.


Sarah Bakewell: At the Existentialist Café. Freedom, Being & Apricot Cocktails. Vintage 2017. 440 Seiten, ca. €12,-. Originalausgabe: Chatto & Windus 2017. Deutsche Übersetzung: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails. Übersetzt von Rita Seuß. C.H. Beck 2017. € 24,95.

Das Zitat stammt von S. 204

Jhumpa Lahiri: Mit anderen Worten

Mit dem Untertitel Wie ich mich ins Italienische verliebte erzählt Jhumpa Lahiri in diesem Buch von ihrer Leidenschaft für und ihrem Weg zum Italienischen. Die Begeisterung für diese Sprache entdeckt sie schon früh bei einer Studienreise nach Florenz. In ihrem Leben hat sie keinerlei Verwendung fürs Italienische, dennoch beginnt sie es zu lernen, zunächst mit einem Selbstlernkurs und mäßigem Erfolg. Viele Jahre später unternimmt sie einen weit radikaleren Schritt und zieht mit ihrer Familie für drei Jahre nach Rom. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits eine gefeierte Schriftstellerin und hat mit The Lowland einen riesigen Erfolg gefeiert. Sie zieht in die Via Giulia, die in der römischen Altstadt liegt (falls das jemand wissen möchte: sie beginnt knapp südlich der Ponte Vittorio Emanuele II und verläuft dann, sich dem Tiber stetig annähernd, bis zur Ponte Sisto) und stürzt sich kopfüber in das Sprachabenteuer.

Lahiri_MitAnderenWorten

Sie liest nur noch auf Italienisch, kämpft sich mühsam durch Alltagssituationen und nimmt fleißig Unterricht. Plötzlich scheint es ihr auch ganz natürlich, in der neuen Sprache zu schreiben. Erst nur heimlich in einem Tagebuch, das sie niemandem zeigt, dann aber auch in Erzählungen und kleinen Texten, die sie veröffentlicht, auch wenn die Anzahl der Korrekturen sie zunächst deprimiert. Beinahe alle Texte, die in diesem Buch abgedruckt sind, sind zuvor in der Zeitung „Internazionale“ veröffentlicht worden. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen wie Literaturfestivals traut sie sich langsam, Interviews auf Italienisch zu führen. Wenn sie längere Zeit in den USA verbringen muss, vermisst sie ihre neue Sprache. Sie stößt aber auch an ihre Grenzen. Nicht nur macht sie weiterhin Fehler, sie erfährt auch immer wieder, dass Menschen ihr die Sprache nicht zutrauen, weil sie schlicht nicht europäisch aussieht. Ihr Mann heißt Alberto und sieht europäischer aus, spricht aber deutlich schlechteres Italienisch. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Menschen glauben, er beherrsche die Sprache besser als sie, auch wenn sie seine Fehler deutlich hören müssten.

„Niemand, in keinem Land, hält es für selbstverständlich, dass ich die Sprachen spreche, die Teil von mir sind.“

Für Jhumpa Lahiri ist diese Erfahrung besonders bedeutsam, weil sie ähnliche Erfahrungen bereits in ihren Muttersprachen gemacht hat. Sie ist mit Bengalisch und Englisch aufgewachsen. In den USA geht man manchmal davon aus, sie spreche kein gutes Englisch, und in Kalkutta, der Heimat ihrer Eltern, traut man ihr als Auswanderer-Kind das Bengalische nicht zu. Dass sie nun auch von den Sprechern ihrer Herzens-Sprache Italienisch abgewiesen wird, trifft sie hart. Doch sie gibt nicht auf. Das Italienische will sie nie wieder hergeben, zu sehr hat es ihren Horizont und ihre Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Trotz (oder gerade wegen) der ungewohnten, neuen Sprache fühlt sie sich als Autorin im Italienischen freier.

In anderen Worten ist eine Liebeserklärung an die italienische Sprache und das Land, in dem sie gesprochen wird. Es hinterfragt aber auch die Bedeutung von Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit und schildert einen Kampf um Akzeptanz, der vielleicht nie gewonnen werden kann. Ich habe das Buch während einer Rom-Reise gelesen und kann es als Reisebuch nur sehr empfehlen weil es, für mein Empfinden zumindest, in seinem Ton sehr zu dieser Stadt passt.

Portikus_Octavia
Bonusmaterial: Jhumpa Lahiri hat viele Texte in diesem Buch in einer Bibliothek im jüdischen Viertel Roms geschrieben. Am Rand des Viertels steht die Portikus der Octavia, die zu Lahiris Zeit in Rom nie ohne Gerüst war, was sie an ihre eigene, instabile Sprachsituation erinnerte. Im Januar 2018 steht die Portikus weitestgehend ohne Stütze.

Jhumpa Lahiri: Mit anderen Worten. Wie ich mich ins Italienische verliebte. Übersetzt von Margit Knapp. Rowohlt 2017. 139 Seiten, € 14,95. Originalausgabe unter dem Titel In altre parole bei Ugo Guanda Editore 2015.

Das Zitat stammt von S. 89

Nnedi Okorafor: Lagoon

Das erste Kapitel von Lagoon wird aus der Perspektive eines Schwertfischs erzählt, was sicher die ungewöhnlichste Reflektorfigur für mich ist, seit ich aufgehört habe, Geschichten aus der Perspektive von Meerschweinchen zu lesen. Der Schwertfisch attackiert und punktiert die Ölleitung einer Bohrinsel, was vor der Küste Angolas übrigens tatsächlich mal passiert ist. Kurz danach aber ist das schon das kleinste Problem von Lagos. Mit einem ohrenbetäubenden Krach landet etwas in der Lagune und kurz danach steigt eine Frau aus dem Wasser. Keine gewöhnliche Frau natürlich, sondern ein Gestaltwandler-Alien, das gerade eben die Gestalt einer Frau angenommen hat. Zum Glück kommen die Aliens aber in friedlicher Mission. Als menschliche Helfer auserkoren haben sie Adoara, eine Meeresbiologin, Agu, einen desertierten Soldaten und den ghanaischen Hip Hopper Anthony, deren Zusammentreffen am Strand alles andere als zufällig ist.

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Essen aus Büchern: Baba aus Émile Zolas „Das Paradies der Damen“

Heute gibt es mal wieder Kuchen, das hatte ich lange nicht mehr. Gegessen wird er in einem eleganten Salon in Paris im Roman Das Paradies der Damen von Émile Zola. Dort sitzen einige Damen zusammen und plaudern über Seide, Spitze und Corsagen und essen ein bisschen Kuchen. Doch plötzlich ist die Gemütlichkeit vorbei, die Gatten kommen, ihre Frauen abzuholen und die überflüssigen Einkäufe des Tages werden eilig versteckt.

“Aber plötzlich kam der Diener mit zwei Lampen herein, und der Zauber war gebrochen. Der Salon erwachte, hell und heiter. Madame Marty legte die Spitzen wieder in ihren kleinen Beutel; Madame de Boves verspeiste noch eine Baba, indes Henriette, die sich erhoben hatte, in einer Fensternische halblaut mit dem Baron plauderte.” 

Die Fußnote erläutert, Baba sei “eine Art zuckerhutartigter Napfkuchen”. Der Oxford Companion to Food stimmt zu und erweitert um die Info, dass der Kuchen ursprünglich in großen, zylindrischen Formen gebacken wurde, die slavischen Ursprungs sein sollen. “Baba” bezeichnet eine Großmutter, die Form soll vage an eine alte Frau erinnern. Wie der Kuchen nach Frankreich kam, ist nicht abschließend zu klären, unter anderem soll Bona Sforza, eine italienischstämmige Königin Polens, daran beteiligt gewesen sein. Aber auch die Ukraine macht geltend, dass es dort ein gleich geformtes, traditionelles Brot gibt. Der Weg aus Osteuropa in Richtung Westen scheint gesichert zu sein, Details aber sind nicht mehr feststellbar. Erst in Frankreich allerdings begann man, die Kuchen mit einem rumhaltigen Sirup zu tränken, was aus der Baba dann die Baba au rhum machte, eine Variante, die 1767 erstmals Erwähnung fand und heute eigentlich der Standard ist.

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Jane Mendelsohn: Himmelstochter

Amelia Earhart, in Deutschland weit weniger bekannt als in den USA, war eine Flugpionierin und Frauenrechtlerin. 1927 überquerte sie als erste Frau den Atlantik in einem Flugzeug, da allerdings noch als Passagierin. 1929 war sie Teilnehmerin des Women’s Air Derby, das in der Presse spöttisch als „Powder Puff Derby“, als „Puderquastenrennen“ bezeichnet wurde. Wütend berief Earhart eine Versammlung von Pilotinnen ein, die den Luftfahrt-Club „Ninety-Nines“ gründeten, um Frauen in der Luftfahrt zu fördern. 1930 wurde sie die erste Präsidentin der Vereinigung, die bis heute besteht. 1937 wollte sie im Flugzeug die Welt umrunden, verscholl aber im Pazifik östlich von Papua-Neuguinea. Dass weder das Wrack ihres Flugzeugs noch sterbliche Überreste der Pilotin gefunden oder eindeutig identifiziert werden konnten, lässt viel Raum für Spekulationen.

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Rose Tremain: The Colour

1864 gehen Harriet und Joseph Blackstone in Christchurch von Bord eines Passagierschiffes, das sie den ganzen Weg von England in eine verheißungsvolle Zukunft in Neuseeland gebracht hat. Mit dabei ist Josephs Mutter Lilian, die man nicht alleine zurücklassen wollte. Sie selbst allerdings wollte durchaus alleine zurückgelassen werden und hat kein Interesse daran, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. In den Bergen der Südinsel soll eine prosperierende Farm entstehen, mit einem Gemüsegarten, Schafherden und Milchkühen. Doch der Start ist holprig, vor allem weil Joseph an entscheidenden Stellen nicht auf den Rat anderer hört. Neue Hoffnung scheint es zu geben, als Joseph beim Graben eines Teichs (in dem er Forellen halten will, obwohl ihm alle sagen, dass Forellen fließendes Wasser brauchen) ein vielversprechendes Glitzern im Wasser entdeckt, das er als Gold erkennt. „Die Farbe“, wegen der die Männer in Horden nach Neuseeland kommen, alle in der Hoffnung, den ganz großen Fund zu machen. Nachdem die ersten Krumen Gold gewonnen sind, kann ihn nichts mehr aufhalten.

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Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Die weite Sargassosee hat einen unmittelbaren Bezug zu Jane Eyre. Wie auch in der letzten Woche könnte dieser Text Spoiler enthalten. Nächste Woche wieder was spoilerfreies. Versprochen.

Über Jahrzehnte konnte die englischstämmige Familie Cosway das bequeme und feudale Leben angesehener Plantagenbesitzer auf Jamaika führen. Doch das Glück hat die Familie verlassen. Das aktuelle Familienoberhaupt Alexander ist als Trinker und Sklavenschinder verschrieen, sein „schwachsinniger“ Sohn Pierre macht den Bediensteten Angst und seine Frau Annette verliert über alldem den Verstand. Nur Tochter Antoinette scheint auf dem Familiensitz Coulibri eine einigermaßen glückliche Kindheit zu verleben. Als die Sklaverei auf Jamaika verboten wird, sind die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft endgültig vorbei. Der Vater lebt da schon nicht mehr, und die Mutter kann als Kreolin von Martinique weder von der weißen noch von der schwarzen Bevölkerung Hilfe erwarten. Eine Ehe mit Mr. Mason, der gerade erst auf die Insel gekommen ist und von all den Dramen nichts weiß, scheint ein vielversprechender Ausweg zu sein. Doch auch er kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten, bringt im Gegenteil noch die wenigen verbleibenden Angestellten gegen sich auf, und als Coulibri in Flammen aufgeht, angezündet von einem wütenden Mob, ist es mit Antoinettes Kindheit endgültig vorbei.

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Charlotte Brontë: Jane Eyre

Der folgende Text enthält ausnahmsweise Spoiler und verrät entscheidende Elemente der Handlung. Da Jane Eyre unbestreitbar ein Klassiker ist, werden viele den Inhalt so oder so schon kennen, zumindest in groben Zügen. Wer noch keine Ahnung hat und sich zu einem späteren Zeitpunkt überraschen lassen möchte, muss jetzt leider aussteigen. Zum Trost könnt ihr vielleicht das Quiz Welche Bronte-Schwester bist du? machen, oder auf andere Art eure Zeit vertrödeln. Ich danke für euer Verständnis.

Jane Eyre ist sicher eines der bekanntesten Waisenkinder der Literatur. Früh allein auf der Welt wächst sie bei einer Verwandten auf, die sie ohne jede Liebe behandelt, kommt von dort in ein unsinnig strenges Internat und schließlich als Gouvernante in den Haushalt von Mr. Edmund Fairfax Rochester. Dem Mr. Rochester, der bis heute als einer der romantischsten Charaktere der Literatur gilt. Klar, man kann da den unverstandenen, ungeliebten Mann sehen, der nur auf die richtige Frau wartet, die ihn versteht und liebt, wie er ist. So wie das Biest. Oder Norman Bates. Dass die kleine Adèle, die Jane erziehen soll, in ihrer Liebe zu Kleidern und Selbstinszenierung Honey Boo Boo Konkurrenz macht, ist da eigentlich schon Nebensache. Ob sie nun wirklich Rochesters Tochter ist, sei mal dahingestellt, immerhin kümmert er sich aber um ihre Erziehung.

Rochester wird oft als „unloveable“ charakterisiert, meistens weil er hässlich und aufbrausend ist. Jane Eyre kann natürlich, herzensgut wie sie ist, über diese Äußerlichkeiten hinweg und direkt in Rochesters großes Herz sehen, und will ihn heiraten. Sekunden vor dem entscheidenden „Ja“ aber erfährt sie, dass ihr Zukünftiger bereits verheiratet ist. Tja, naja, passiert wohl mal. Aber er ist eben nicht nur verheiratet, er hat die Dame auch auf dem Dachboden seines Anwesens versteckt, wo sie tobt und zündelt. Bertha heißt die Unglückliche übrigens. Affären mit verheirateten Männern sind die eine Sache, Männer die eine Ehe verschweigen, eine andere. Aber Jane, ich bitte dich, der Mann hat seine Ex nicht nur verschwiegen, sondern auf dem Dachboden eingesperrt! Das ist der Punkt, an dem man eigentlich sagt „okay, cool, danke für den Kaffee“ und rennt. Rennt, rennt, rennt, und dann die Polizei ruft.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

Locke_BlackWaterRising

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