Das Tagebuch einer Dienstmagd – „The Observations“ von Jane Harris

Bessy ist auf dem Weg von Glasgow nach Edinburgh, als es sie zufällig nach Castle Haivers verschlägt. Zwar gibt es dort nur einen abgelegenen Hof und nicht das erhoffte Schloss zu besichtigen, dennoch ist der Abstecher ein Glücksfall für Bessy. Mit dem Tod ihres Dienstherren Mr. Levy hat sie ihre Anstellung als Hausmädchen in Glasgow verloren und sucht nun verzweifelt eine neue. Das zumindest erzählt sie Hausherrin Arabella Reid. Die merkt zwar recht schnell, dass Bessy nur einen Bruchteil der behaupteten Fähigkeiten tatsächlich beherrscht, dennoch stellt sie das Mädchen ein. Denn Bessy hat in ihrer vorherigen Anstellung Lesen und Schreiben gelernt, eine seltene Fähigkeit für Dienstmädchen und für Arabella Reid eine essentielle. Denn wichtiger als saubere Böden ist ihr, dass ihre Mädchen jeden Abend ein detailliertes Journal über das schreiben, was sie am Tag getan und erlebt haben.

Und nicht nur das: Arabella vermisst Bessy und die Zunahme ihrer Muskeln regelmäßig und lässt sie merkwürdige Übungen durchführen, die für Bessy überhaupt keinen Sinn ergeben. Aber Arabella zuliebe spielt sie mit. Ein bisschen merkwürdig kommt ihr das alles aber schon vor. Ebenso die Geschichten, die sie im Dorf hört, über den geheimnisvollen Tod ihrer Vorgängerin Nora. Gibt es ein dunkles Geheimnis in Castle Heivers? Als Arabella und ihr Mann das Haus für eine Einladung verlassen, nutzt Bessy die Gelegenheit und stöbert in den Schubladen ihrer Dienstherrin. Dort findet sie The Observations, ein Buch, das Arabella über ihre Dienstmädchen schreibt. In ihren Untersuchungen versucht sie zu bestimmen, was ein perfektes Dienstmädchen ausmacht. Der Abstand von Auge zu Nase? Die Haarfarbe? Oder der Grad der Unterwürfigkeit? Neben ihren Beobachtungen findet Bessy dort auch einige nicht so nette Anmerkungen über sich selbst. Tief beleidigt und verletzt, will sie zunächst sofort den Haushualt verlassen. Dann aber besinnt sie sich und entwickelt einen Racheplan, der so gut ist, dass sie ihn schon bald selber nicht mehr stoppen kann.

„I was no more than a ‚thing‘ to Arabella, a thing that might be experimented upon, toyed with and cast aside at a whim when it had outgrown its use.“

Harris spielt mit der Glaubwürdigkeit ihrer Figuren. Bessy erzählt den Roman als eine Art Bericht, den sie für zwei Herren schreibt, das geht aus ihren Aussagen hervor. Mit ihrer forschen und unverblümten Art könnte man sie direkt ins Herz schließen. Ihre sehr direkte Ausdrucksweise trägt deutlich dazu bei, macht viel ihres Charmes und aus und bringt einen gewissen Humor in den Roman, so düster er auch werden mag. Man ahnt aber schon nach ein paar Seiten, dass sie ihren Bericht schönt, um in einem etwas besseren Licht dazustehen. Auch die anderen Charaktere des Romans scheinen es mit der Ehrlichkeit nicht immer so genau zu nehmen. Arabella lässt Bessy völlig im Unklaren über ihre ominösen Versuche und der angebliche Unfalltod von Nora wirft Fragen auf. Auch der unsympathische Pfarrer und der überinteresssierte Dorfarzt scheinen eigene Interessen zu verfolgen. Immer, wenn man glaubt zu wissen, wer lügt und wer die Wahrheit sagt, taucht ein paar Seiten später ein neuer Aspekt auf, der einen zwingt, alles wieder zu hinterfragen. Am Ende ist es schon fast ein ganzer Kriminalfall, den Bessy lösen muss. Wenn sie denn wirklich Bessy heißt.

The Observations ist im Grunde ein Krimi, ein bisschen Psychothriller vielleicht, vor historischem Hintergrund. Bessy hat, das kann man vielleicht noch verraten, bisher nicht als Hausmädchen gearbeitet, sondern in einem raueren Geschäftszweig. Ihre schroffe und abgeklärte Art, gepaart mit aufrichtiger Freundschaft und Anteilnahme, lässt sie zu einem sehr sympathischen Charakter werden. Man ist gerne bereit, ihr die paar kleinen Fehler zu verzeihen und fiebert bei ihrer Suche nach der Wahrheit mit. Denn die sucht sie nicht um ihretwillen, sondern für Arabella Reid, die sie trotz allem ins Herz geschlossen hat. Das durchdachte Spiel mit den verschiedenen Ebenen und Wahrnehmungen macht den Roman komplexer, als die Geschichte allein es hergeben würde. The Observations fängt die düstere Atmosphäre des abgelegenen Gutshauses gekonnt ein und erzählt die dunkle Geschichte eines vermeidbaren Unglücks.


Jane Harris: The Observations. faber and faber 2006, 414 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Judith Schwaab ist unter dem Titel Das Vermächtnis der Magd bei Goldmann bzw. Page & Turner erschienen. Da viel des Witzes des Romans auf Bessys Akzent und ihrer Ausdrucksweise beruht, würde ich in diesem Fall empfehlen, nach Möglichkeit das Original zu lesen.

Das Zitat stammt von S. 102.

Harris war mit diesem Roman 2007 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Essen aus Büchern: Kalbsschnitzel Russischer Art aus Kate Atkinsons „Life After Life“

In Life After Life lässt Kate Atkinson ihre Protagonistin Ursula ein Leben nach dem anderen führen. Wann immer sie stirbt, wird sie einfach ein weiteres Mal geboren und fängt gewissermaßen von vorne an. Kleinste Entscheidungen, die sie im nächsten Versuch anders trifft, ändern ihr Schicksal und das anderer, verkürzen und verlängern Leben. Ein besonders schwerer Punkt, an den sie in mehreren Leben kommt, ist das „Veal à la Russe“, eine Kreation der Haushälterin Mrs Glover, die sie immer wieder stolz serviert, obwohl die Resonanz zumindest verhalten ausfällt. Direkt nach der grauenhaften Buddenbrook’schen Specksuppe ist dieses Gericht wohl da am meisten geschmähte, von dem ich je gelesen habe. Ursulas Bruder Jimmy sagt, es sähe aus wie Hundefutter und Mrs Glover erläutert beim Servieren verschnupft, worum es sich handelt:

‚Veal cutlets à la Russe‘, Mrs Glover said as she put a large white china dish on the table. I’m only telling you because last time I cooked it, someone said they couldn’t begin to imagine what it was.“

S. 384

Einmal aber immerhin rettet das Abendessen ein Menschenleben: In einem von Ursulas Leben kommt während des Essens ein Nachbar ins Haus, der seine kleine Tochter vermisst. Argwöhnisch beäugt er die unappetitlichen Fleischstücke auf den Tellern. Bereitwillig lassen alle das Abendessen stehen und helfen ihm bei der Suche, können aber nur noch die Leiche seiner Tochter finden. In einem späteren Leben löst allein der Begriff „veal à la Russe“ in Ursula eine schreckliche Ahnung aus, noch schrecklicher, als das Gericht ist. Einem Impuls folgend tritt sie auf die Straße und trifft dort die Nachbarstochter, die sie sicher nach Hause begleitet. Ein heruntergekommen wirkender Fremder grüßt im Vorbeigehen durch zusammengebissene Zähne.

Was genau dieses grauenhafte Kalbsgericht nun ist, darüber schweigt das Buch. In einer Szene beschreibt Atkinson Mrs Glover beim energischen Klopfen von Schnitzeln, aber mehr erfährt man darüber nicht. Unter dem Begriff „à la Russe“ findet man alles von panierten Schnitzeln mit Meerrettich über verschiedene Sahne-Saucen mit und ohne Bohnen und diverse Kreationen, die mehr oder weniger deutlich an Boeuf Stroganoff erinnern. Ich bin nicht die erste, die von dieser Frage umgetrieben wird: Rebecca Selman von From Page to Plate hat sich schon vor Jahren für eine Julia-Child-Interpretation entschieden und man findet auch öfters Verweise auf ein historisches Kochbuch. Ich habe mich für eine der Stroganoff-Abwandlungen entschieden – das erschien mir sicher genug, um nicht ein Pfund Kalbfleisch wegwerfen zu müssen und erzielt mit nur wenig Mühe die optische Vorgabe, wie Hundefutter auszusehen. Heute gibt es also Kalbsschnitzel mit einer Pilz-Sahne-Sauce und sauren Gurken. Und so geht’s:

Veal à la Russe

für 4 Personen

  • 4 Kalbsschnitzel à ca. 120 Gramm
  • 4 EL Mehl
  • 5 EL Butter
  • 700 g gemischte Pilze
  • 4 Zwiebeln
  • 4 Knoblauchzehen
  • 2 EL mittelscharfer Senf
  • 200 g Saure Sahne
  • 150 g Sahne
  • 200 ml Rinderbrühe
  • 12 Cornichons
  • 1 TL Thymian, gehackt
  • 2 EL Petersilie, gehackt
  • Salz, Pfeffer

Als Beilage passen Schwenkkartoffeln ganz gut, Boeuf Stroganoff wird oft aber auch mit Kartoffelpüree serviert.

Im Ofen bei ca. 70°C eine Servier- oder flache Auflaufform warmstellen.

Die Pilze putzen und, je nach Sorte und Größe, in mundgerechte Stücke schneiden. Die Zwiebel schälen und fein würfeln, den Knoblauch ebenfalls schälen und fein hacken. Die Cornichons fein würfeln. In einer Pfanne 2 EL Butter schmelzen. Zwiebel und Knoblauch in die Pfanne geben und dünsten, bis die Zwiebel glasig wird. Anschließend die Pilze dazugeben und weitere 5 Minuten dünsten. Mit der Brühe ablöschen. Kurz aufkochen lassen, dann niedrige Hitze reduzieren. Senf und Sahne zugeben, alles gut verrühren und ca. 15 – 20 Minuten köcheln lassen.

In der Zwischenzeit die Schnitzel sehr flach klopfen und von beiden Seiten salzen. Das Mehl auf einen großen Teller geben und die Schnitzel von beiden Seiten darin wenden. Die übrige Butter in einer Pfanne erhitzen und das Fleisch von beiden Seiten anbraten.

Die fertigen Schnitzel in die Auflaufform geben, den Bratensaft darüber geben und alles wieder in den Ofen stellen.

Die Saure Sahne, Cornichon-Würfel, Petersilie und Thymian unter die Sauce ziehen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Die Form aus dem Ofen nehmen, die Sauce möglichst unappetitlich über dem Fleisch verteilen und servieren. Voilá: Kalbsschnitzel à la Mrs Glover.

Ich gebe zu, skeptisch gewesen zu sein. Der Roman tut nichts, um einen für dieses Essen zu begeistern. Allerdings wurde ich positiv überrascht. Die saure Komponente war mir fast ein bisschen viel, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es das schlechteste sein soll, was Ursulas Familie jemals gegessen hat. Schließlich hat Mrs Glover auch schon das Lieblingshuhn der Kinder serviert.


Die Zitate stammen aus: Kate Atkinson: Life after Life. Black Swan 2013. 621 Seiten.

Dieser Roman hatte schon zwei weitere Auftritte bei „Essen aus Büchern“, mit Jam Roly Poly und Boeuf Bourguignon. Die Rezepte und noch viel mehr Essen aus Büchern gibt es bei schiefgegessen.

Grantiges Genie – „Ein Mann der Kunst“ von Kristof Magnusson

Mit politischer Kunst ist KD Pratz in den 1980ern groß, reich und berühmt geworden. So berühmt, dass er es sich jetzt erlauben kann, hinter den dicken Mauern einer alten Burganalage zu leben und mit niemandem mehr zu sprechen. Sein künstlerisches Schaffen in den letzten Jahren ist reine Legende, gesehen hat davon bisher niemand etwas. Das aber schreckt den Förderverein des Frankfurter Wendhals Museums nicht ab. Die Kunstbegeisterten planen einen Neubau, der nur den Werken des großen Künstlers KD Pratz gewidmet sein soll. Pratz soll für Frankfurt das werden, was Beuys für Kassel ist.

Dafür aber muss man Pratz erstmal gewinnen. Zum Erstaunen aller scheint sogar zu gelingen – beim eigenen Neubau werden wohl selbst die größten Einsiedler schwach – und KD Pratz lädt den Förderverein auf seine Burg ein. Sogar sein Atelier will er zeigen, stellt Museumsdirektor Neuhuber in Aussicht. Also geht die Jahresreise des Fördervereines ausnahmsweise mal nicht in eine der internationalen Kunstmetropolen, sondern in einen etwas trostlosen Landgasthof in der Nähe von Rüdesheim. Von dort aus soll ein wenig Altarkunst und moderne Architektur besichtigt werden, vor allem aber die neuen Werke, die bald schon im Wendhals Museum hängen könnten. Besonders Ingeborg ist begeistert von der Aussicht. Seit Jahrzehnten schon ist sie eine glühende Verehrerin von KD Pratz und reist zu jeder Ausstellung, die auch nur einen Schnipsel seines Werks zeigt. Begleitet wird sie bei der Reise von Sohn Constantin, der auch der Ich-Erzähler des Romans ist. Allein aufgrund seines Alters sticht er aus der Gruppe heraus und kommentiert das weitere Geschehen aus einer etwas abseitigen Position. Er schätzt das Engagement des Fördervereins, daran lässt er keinen Zweifel, er sieht aber auch, dass der ganze Haufen doch etwas schrullig ist.

KD Pratz würde da noch etwas weitergehen. Schon beim ersten Treffen gibt es Ärger. Während alle auf ein inspirierendes Genie hoffen, entpuppt sich KD Pratz beim Sektempfang im Hof der Burg als verbitterter Nörgler, der aus einer erhabenen Position auf alles und jeden schimpft. Und nicht zuletzt auf irgendwelche Bildungsbürger, die durch die Welt gondeln um sich bei Vernissagen und Sektempfängen in der eigenen Kultiviertheit zu suhlen. Das geht selbst Ingeborg zu weit. Bei allem Verständnis für Publikumsbeschimpfung geht ihr KD Pratz destruktive Art gehörig auf die Nerven und das lässt sie ihn auch wissen. Das ganze Vorhaben scheint zu scheitern, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Zum Glück findet Constantin einen Geheimgang in das Herz des verschobenen Künstlers und kann das Schlimmste verhindern.

„Ich arbeite seit Jahren im Kulturbetrieb. Nicht käuflich hab ich noch nicht gesehen.“

Im Zentrum von Ein Mann der Kunst steht natürlich die Kunst und der Betrieb um sie herum. Eitelkeit trifft hier auf wohlwollendes Bemühen, das Ringen um die wahre Kunst auf schnöden Mammon. Magnusson besetzt die einzelnen Positionen gekonnt und charmant. Mit witzigen Dialogen und überraschenden Einfällen lässt er Kunstschaffende und -schätzende aufeinanderprallen. Besonders in Pratz kulturpessimistischen Ausfällen aber kommen aber auch diverse andere Themen zur Sprache: die Rolle von Mann und Frau, was man alles nicht mehr darf, dass wir alle sowieso zu viel am Handy hängen – ungefähr alles, was seit den 1980ern anders und in Pratz Augen schlechter geworden ist. Aus der Gruppe des Fördervereins gibt es Zu- wie auch Widerspruch, letzteres insbesondere und mit Vehemenz von Ingeborg. Bei der Fülle der Themen bleibt ist eine tiefergehende Auseinandersetzung damit natürlich unmöglich. Ein bisschen scheint durch, dass Pratz auch gar kein erzkonservativer Nörgler ist, sondern sich in seiner Einsamkeit einfach nicht anderes zu helfen weiß. Eine vielleicht etwas einfache Erklärung.

Trotz dieser Schwächen aber ist Magnussons Roman durchaus lesenswert. Mit Leichtigkeit wirft der Autor grundlegende Fragen zum Kunst- und Kulturbetrieb und seinen Akteur*innen auf. Wer schon mal Kontakt damit hatte, wird einige Personen wiedererkennen, ob im schmierigen Museumsdirektor Neuhuber oder in der eifrigen Kunstkennerin Ingeborg. Das stimmige Romanpersonal und der zugrundeliegende Humor bügeln die thematischen Stolpersteine recht mühelos wieder aus und Ein Mann der Kunst bleit ein durchaus charmanter Roman, bei dem man sich vielleicht noch fragt, wie der Titel wohl wäre, wäre er nicht bei Kunstmann erschienen.


tl;dr: Ein Mann der Kunst ist ein sehr lesbarer Roman über den Kunstbetrieb und die, die daran teilnehmen. Die Ausflüge in andere Themenbereiche sind manchmal etwas viel gewollt und lassen keine Tiefe aufkommen.


Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst. Kunstmann 2020, 236 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 31.

Gezeichnete Erinnerung – „Painter of Silence“ von Georgina Harding

In der rumänischen Stadt Iași, die in den 1950ern ein ausgesprochen tristes Bild abgibt, kommt eines Tages ein Mann an, dem man ansieht, dass die letzten Jahre hart für ihn waren. Er schleppt sich bis vor die Tür des Krankenhauses und bricht dort zusammen. Papiere hat er nicht dabei, er weigert sich, zu sprechen und augenscheinlich kann er weder lesen noch schreiben. Eine Krankenschwester beschließt, ihn Ioan zu nennen, nach ihrem Sohn, der nie aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Als ihre Kollegin Safta von dem geheimnisvollen Patienten hört, ahnt sie gleich, dass es Augustin ist und dass er hier ist, weil er nach ihr gesucht hat.

Ihr Verdacht bestätigt sich. Als Kinder haben Safta und Augustin viel Zeit miteinander verbracht. Augustins Mutter war die Köchin von Saftas Familie und als Kinder haben die Gleichaltrigen oft miteinander gespielt und wurden eine Zeit auch gemeinsam unterrichtet, bis man beschloss, dass es sinnlos ist, Augustin etwas beibringen zu wollen. Er ist seit seiner Geburt gehörlos und die Lehrkräfte finden keinen Weg, mit ihm zu kommunizieren. Die unbeholfenen Versuche, ihm dooch noch das Sprechen beizubringen, scheitern allesamt. Schließlich findet er selbst einen Weg, sich der Welt mitzuteilen, indem er zeichnet. Mit einfachsten Mitteln und selbstgemischten Farben zeichnet er seine Umwelt und erzählt über seine Bilder das, was er in Worten nicht äußern kann. Safta hofft, dass sie ihn auch jetzt wieder über diesen Weg erreichen kann. Sie bringt ihm Papier und Stifte, doch zunächst rührt Augustin nichts davon an. Sie versucht, Augustins Mutter oder überhaupt jemanden in der alten Heimat Poiana zu erreichen, aber keiner ihrer Briefe wird beantwortet.

Weiterlesen

In Harmonie mit allen – „Connect“ von Thea Mengeler

Auf den ersten Blick läuft Avas Leben richtig gut. Als Designerin in einer erfolgreichen Agentur ist sie kurz davor, richtig Karriere zu machen, am Wochenende ist sie zu hippen Partys eingeladen und besucht Vernissagen mit ihren ebenfalls hippen Freundinnen. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass sie das alles gar nicht mehr kann und am Wochenende kaum die Energie aufbringt, ihr Sofa zu verlassen. Das ändert sich, als sie bei einer Ausstellung zufällig ihre alte Bekannte Lina trifft. Lina ist viel gelassener als die Freundinnen aus der Agentur und nimmt sie mit zu einem Treffen von connect, einer Gruppe, in der die Barrieren zwischen den Menschen abgebaut werden sollen und die Menschen befähigen will, so zu leben, wie sie es wirklich wollen. Ava ist zunächst skeptisch. Bei den „Körperübungen“ fühlt sie sich befangen und die totale Offenheit zwischen den Mitgliedern ist ihr fremd. Doch um Zeit mit Lina zu verbringen, geht sie jede Woche mit zu den Treffen in einer ehemaligen Turnhalle und hört immer mehr Erfolgsgeschichten von Menschen, die es schaffen, mit Hilfe von connect endlich ein freies, zufriedenes Leben zu führen, losgelöst von den einengenden Konventionen der Gesellschaft und dem ständigen Erfolgsdruck. Schließlich nimmt sie sogar teil an einem Wochenendseminar auf dem „Airfield“, einem ehemaligen Flughafengelände, das die Gruppe als Zentrale nutzt. Dort trifft sie auch das erste mal auf Gründer und Guru Dev. Dev will natürlich nicht Guru genannt werden, denn bei connect sind alle gleich.

Auch ohne Schutzumschlag noch schön. An der Buchgestaltung hat die Autorin mitgewirkt.
Weiterlesen

Freunde und Verrat – „Der Sohn des Akkordeonspielers“ von Bernardo Atxaga

David und Joseba wachsen gemeinsam in einem kleinen Dorf im Baskenland nahe Gernika auf. Jahre später kämpfen sie unter den Namen Ramuntxo und Etxeberria im Untergrund für ein unabhängiges Baskenland. Erst Jahrzehnte später und auf einem anderen Kontinent können sie sich wieder als David und Joseba in die Augen sehen.

Obaba ist ein kleines Dorf im Baskenland. Man kennt sich, aber vertraut sich nicht. David, der Sohn des Akkordeonspielers, wächst dort auf im politisch angespannten Klima der 1960er und 70er Jahre. Sein Vater Ángel ist als begabter Musiker geschätzt, als Vater aber jähzornig und aufbrausend. David verbringt so wenig Zeit wie möglich mit ihm und lebt stattdessen fast komplett auf dem Pferdehof seines Onkels. Schon als Jugendlicher lernt er, dass man außer seien engsten Freunden besser niemandem vertraut. Man weiß nie, wer auf welcher Seite steht und wer sie wie schnell zu wechseln bereit ist.

„Was ist von jemandem zu erwarten, der eine solche Vorgeschichte hat, der in einem politischen Umfeld aufwächst, in dem das Baskische selbst auf Grabsteinen verboten war?“

Weiterlesen

Geboren um zu graben – „Der Mann, der Troja erfand: Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann“ von Leoni Hellmayr

Wenige Archäologen haben es zu so nachhaltigem und zugleich zweifelhaftem Ruhm gebracht wie Heinrich Schliemann. Das hängt sicher auch mit dem legendären Grabungsort zusammen, den er auserkoren hatte: Als glühender Anhänger Homers und seiner Schriften war er besessen davon, das sagenumwobene Troja zu finden und seine legendären Schätze zu bergen.

Seine Grabungsmethoden waren dabei so unkonventionell wie sein ganzer Lebensweg. Geboren und aufgewachsen in recht einfachen Verhältnissen in Mecklenburg-Vorpommern zog es ihn bald hinaus in die Welt, wo er mit großem Lernwillen und einem Geschick für Sprachen schnell sein Glück machte. Schliemann hatte ein Händchen dafür, dort zu sein, wo man gerade Geld machen konnte. Niederlande, Russland, Ägypten, USA – er scheute weder Gefahren noch Distanzen und profitierte von guten Handelsbeziehungen ebenso wie vom amerikanischen Goldrausch. Innerhalb weniger Jahre sammelte Schliemann ein ganz beachtliches Vermögen an. Seine eigentliche Liebe galt aber nicht dem Handel, sondern Homer.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Spaghetti al Limone aus Ariane Kochs „Die Aufdrängung“

Ariane Kochs Debüt-Roman Die Aufdrängung ist ein sehr schwer greifbarer Text. Nur wenig wird konkret benannt und selbst die Eckpfeiler der Handlung bleiben im Dunkeln. Der Roman handelt von einer Frau, die in ihrem Leben unzufrieden ist, aber nicht die Kraft findet, es zu verändern, bis ein Gast in ihr Leben eindringt. Wer der Gast ist ob Mensch, ob Tier, ob Phantom – man weiß es nicht. Ebenso wenig konkret wird der Ort, an dem sie lebt. Ein beinahe unvorstellbares Haus mit einem immer voller Staubsauger, das in einem vage umrissenen Dorf in den Bergen liegt. Umso netter, wenn es wenigstens halbwegs Greifbares gibt, und wenn es nur ein Teller Nudeln ist:

„[…] und habe mich dann abgewandt und bin ohne sichtbares Zögern zum Haus zurückgelaufen, habe mich aufs Sofa gelegt wo ich einen großen Teller mit Spaghetti al Limone zu mir genommen habe, während im Fernsehen eine Sendung über den Beinbruch eines Elchbabys ausgestrahlt wurde.“

Ob das aber tatsächlich so war, weiß man nicht, denn der ganze Satz, aus dem das Zitat stammt und der so lang ist, dass er ein eigenes Kapitel bildet, beginnt mit „Oder es ist alles noch viel schlimmer…“ und ist damit wieder nur eine weitere Möglichkeit in der schwebenden Realität dieses Romans. Möglicherweise also hat es das Spaghetti-Essen auf dem Sofa nie gegeben. Bevor sie also in den Nebeln alternativer Enden verschwinden, hier schnell das Rezept:

Weiterlesen

Women’s Prize for Fiction für Ruth Ozeki

Ruth Ozeki wurde am 15.06.2022 für ihren vierten Roman The Book of Form and Emptiness mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Der Roman erzählt die Geschichte von Benny, der nach dem Tod seines Vaters beginnt, die Stimme von Dingen zu hören. Überfordert von der Stimmenvielfalt zu Hause findet er einen Rückzugsort in der örtlichen Bücherei, wo er einigen interessanten Charakteren begegnet.

Ozeki berichtet, dass sie sich in ihrer Kindheit oft vorgestellt habe, wie es wäre, wenn die Ding um sie herum ein Bewusstsein hätten und dass sie sich bis heute manchmal fragt, welche Geschichten sie wohl zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten.

Die Jury ist begeistert von Ozekis Fähigkeit, so unterschiedliche Themen wie Tod und Verlust, Neurodiversität, Klimawandel und Jazz zu einem stimmigen Roman zu verknüpfen, der dann auch noch voller Humor ist.

Der Roman erscheint im September unter dem Titel Die leise Last der Dinge bei Eisele.

Im Beitrag zur im März erschienen Longlist sind alle nominierten Titel zu finden.

Ein gefährlicher Gast – „Carmilla, die Vampirin“ von Sheridan Le Fanu

Die junge und schöne Halbwaisin Laura lebt mit ihrem Vater und etlichen Bediensteten fürstlich aber abgelegen in der Steiermark. Als Kind hatte das junge Mädchen ein schreckliches Erlebnis: in einer Nacht kam eine Frau in ihr Zimmer, biss sie in die Brust und verschwand gleich darauf wieder. Ein Albtraum, so versucht ihre Amme sie zu beruhigen. Aber steckt da wirklich nicht mehr dahinter?

Zwölf Jahre nach diesem mysteriösen Erlebnis häufen sich seltsame Zwischenfälle in der Gegend. Ein Freund des Vaters verliert seine junge Tochter an eine nicht näher benannte Krankheit. In mehreren Familien werden junge Frauen krank und siechen binnen weniger Tage dahin. Und plötzlich verunfallt eine adlige Familie quasi direkt vor Lauras Haustür. Einer schönen Frau und ihrer schönen Tochter (die Menge der schönen Frauen in diesem Roman ist enorm) gehen die Pferde durch und die Tochter verliert das schöne Bewusstsein. Die Mutter ist ganz aufgelöst, sie ist auf lebenswichtiger Mission! Auch nur eine Stunde Verzögerung bringt alles in Gefahr! Lauras Vater lässt sich hinreißen, die Tochter bei sich aufzunehmen, bis ihre Mutter in wenigen Wochen ihre Mission beendet haben wird.

Weiterlesen