Elif Shafak: Ehre

In Ehre befasst sich Elif Shafak mit einem Mord, der in einer kurdisch-türkischen Familie verübt wird, nachdem der älteste Sohn die Ehre seiner Familie in Gefahr sieht. Die Geschichte beginnt friedlich in einem entlegenen Dorf in der Türkei, in dem die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila aufwachsen, beide eine weitere Enttäuschung in einer Reihe von Kindern, die alle einfach kein Junge werden wollten. Viele Jahre später lebt Pembe mit ihrem Mann, der eigentlich Jamila heiraten wollte, in London und hat drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Jamila ist in der Heimat geblieben und lebt zurückgezogen als „jungfräuliche Hebamme“ und Heilerin in einer bescheidenen Hütte in den Bergen.

„Wir Topraks waren doch in dieser Stadt nur Statisten – eine halb türkische, halb kurdische Familie am falschen Ende von London.“

Das Leben in London ist für Pembe grau und freudlos, an den ewig grauen Himmel kann sie sich nie gewöhnen. Auch ihr Mann Adem kämpft mit seiner trostlosen und monotonen Arbeit in einer Fabrik, während er zusehends der Spielsucht verfällt. Der älteste Sohn Iskender, von seiner Mutter als Stammhalter und „Sultan“ verwöhnt und verzogen, verfällt immer mehr in patriarchale Rollenbilder und Vorstellungen. Jamila bleibt währenddessen in einer archaischen Umgebung, in der sich seit Jahrhunderten nichts verändert hat. Sie sammelt Kräuter, hilft bei riskanten Geburten und heilt Kranke, für die es in den kargen Bergen keine andere Hilfe mehr gibt.

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Während ich den Anfang des Buchs noch ganz gerne mochte, fand ich es danach mit jedem Kapitel blöder. Nicht nur waten beide Handlungsstränge knietief durch Klischees, die Sprache ist auch völlig überladen mit Bildern, Metaphern und Vergleichen. Kaum ein Kapitel endet ohne einen Satz, den man nicht so in „365 schöne Sprüche für jeden Tag“ drucken könnte. Jamila weiß nicht einfach viel über Kräuter, sie „spricht die Sprache der Kräuter“. Der Koch Elias kocht nicht einfach nur gut, sondern „spricht die Sprache der Gewürze und Aromen“. Außerdem benutzt er in der Küche seines Restaurants nur Holzwerkzeuge und keinen kalten Edelstahl. Lass das mal nicht die Behörden hören, Elias! Und ist unsere Vergangenheit nicht wie eine verschrammte Truhe auf dem Dachboden, deren Verschlüsse hartnäckig immer wieder aufsprigen, wie fest wir sie auch zu schließen versuchen?

Am schlimmsten aber trifft es Iskender, der im Gefängnis sitzt. Eines Tages bekommt er einen neuen Zellennachbarn, der vorgibt, in Brunei geboren worden zu sein, in Wahrheit aber direkt aus einem Paulo Coelho-Roman kommt. Möchte man sich das vorstellen wie das ist, mehrere Monate mit einem lebenden, permanent plappernden Coelho-Zitatelexikon auf engstem Raum eingesperrt zu sein? Spätestens da wird doch jedes fühlende Wesen zum Axtmörder.

Erschwerend hinzu kommt, dass die meisten Charaktere auch nicht sauber ausgearbeitet sind, ihre inneren Konflikte sich gar nicht oder nur unvollständig zeigen und ihr Handeln nicht immer motiviert scheint. Sie fahren auf den Schienen, denen das Leben oder die Tradition ihnen vorgibt, die meisten Abweichungen vom Weg geschehen ohne Vorwarnung und Erklärung und sind dadurch nicht immer glaubhaft und schlüssig. Zudem ist der Roman randvoll von mehr oder weniger subtiler Mystik, die man sicher mögen kann, mich aber irgendwann nur noch genervt hat. Von Elif Shafak, die ich aus Artikeln und Interviews schon kannte und schätze, hätte ich tatsächlich einen interessanteren, differenzierteren, weit weniger verkitschten und überladenen Roman erwartet, als Ehre es ist.


Elif Shafak: Ehre. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber Pocket 2015. 524 Seiten. Originalausgabe: Honour. Viking 2012.

Das Zitat stammt von S. 81

Georgia 9941 – ein paar Fakten zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse

Georgien ist, das wissen mittlerweile sicher alle, dieses Jahr der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Nino Haratischwili, das ist so ziemlich der einzige Name, den ich bisher mit der Literatur dieses Landes verbinde, und damit weiß ich mit Sicherheit zu wenig. Hier also ein wenig Weiterbildung:

Georgien liegt am Schwarzen Meer, grenzt an Russland, die Türkei, Armenien und Aserbaidschan. 978-9941 ist die ISBN-Gruppennummer, unter der seit 1997 rund 100 Verlage publizieren, und die man im Rest der Welt eher selten zu Gesicht bekommt. Die in den vergangenen Jahren höchste Zahl publizierter Titel gab es 2015 mit 4.173 Büchern, im Schnitt sind es nur etwa 1.500 (zum Vergleich: in Deutschland waren es im gleichen Jahr 76.547). Jedes dieser Bücher muss in einer Mindestauflage von 100 Stück erscheinen, im Durchschnitt bringen die Titel es auf 1.000 Exemplare – gemessen an anderen Buchmärkten sind das sehr kleine Zahlen. Gemessen an anderen Märkten ist Georgien mit ca. 3,7 Mio. EinwohnerInnen aber auch ein sehr kleines Land. 40% der jährlichen Neuerscheinungen sind Romane und andere fiktive Werke. 45% der veröffentlichten Bücher sind Übersetzung aus anderen Sprachen, kaufen kann man sie in etwa 50 Buchläden landesweit, die größtenteils unabhängig sind. Das Georgian National Book Center bemüht sich um die internationale Verbreitung georgischer Bücher. Seit 2010 haben es 65 Titel auf den deutschen Buchmarkt geschafft, rund 90 weitere sind für das Jahr 2018 geplant. Das Book Center hilft mit Zuschüssen bei Übersetzung und Druck.

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Während die literarische Tradition des Landes sehr alt ist, ist der aktuelle Buchmarkt vergleichsweise jung. Georgien war Teil der Sowjetunion. Nach deren Ende 1991 musste nicht nur die gesamte Wirtschaft sondern eben auch die Verlagswelt neu strukturiert und wiederaufgebaut werden. Organisiert sind die Verlage unter dem Dach der Georgian Publishers and Booksellers Association gpba. Diese organisiert auch die jährlich  stattfindende internationale Buchmesse in der Hauptstadt Tiflis. Die Organisation als solche existiert seit 1996, seit 2000 sind auch die Buchhandlungen mit dabei. Im Gegensatz zum deutschen Buchmarkt gibt es in Georgien keine Buchpreisbindung und, und diese Tatsache dürfte Kleinverlage erschaudern lassen, Buchhändler bezahlen ihre Verlagsrechnungen üblicherweise erst nachdem sie selbst das Buch auch verkauft haben. Der durchschnittliche Preis liegt dabei derzeit bei umgerechnet ca. 3,70 € (11,2 GEL). Wie auch überall sonst auf der Welt kämpft der georgische Buchhandel gegen Konkurrenz aus dem Internet und schwindende Ausgaben für Bücher. Einer aktuellen Studie nach gaben 49,2% der georgischen Bevölkerung an, mindestens ein Buch im Jahr zu lesen. Unter anderem durch Aktionstage, die Stiftung von Literaturpreisen und die Förderung von Bibliotheken versucht man, das Interesse der Bevölkerung am Lesen zu steigern.

Der Slogan, mit dem der Ehrengast in diesem Jahr auf der Buchmesse zu finden sein wird, lautet „Georgia – Made by Characters„. Gemeint sind damit nicht nur die sicher interessanten Charaktere, die hinter der georgischen Kultur und Literatur stehen, sondern auch das georgische Alphabet, „Character“ also im Sinne von „Buchstabe“. Die georgische Sprache hat nämlich ein eigenes Alphabet, das aus einer aramäischen Schrift abgeleitet ist, und das für eine europäische Sprache recht ungewöhnlich wirkt. „Literatur“ beispielsweise sieht so aus: ლიტერატურა.

Zaal Andronikashvili, Literaturwissenschaftler am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, glaubt dass das deutsche Publikum durch die Lektüre georgischer Literatur viel gewinnen kann. Durch die besondere Lage des Landes an der Grenze zwischen Europa und Asien lag es immer „zwischen den Kulturen“ und entwickelte selbst eine ganz eigene, vielfältige und traditionsbewusste Kultur. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern orientierte man sich bei der Entstehung der georgischen klassischen Literatur nicht an den Größen der griechischen und römischen Kultur. Vielmehr galt das Interesse persischen Dichtern wie Gorgani und Ferdowsi. Georgien kann auf eine lange literarische Tradition zurückblicken, die aber besonders in den Jahren ab 1932 auch stark eingeschränkt war. In der Zeit der Sowjetunion wurden unliebsame Stimmen und AutorInnen unterdrückt und verfolgt. Auch diese Zeit wird in der zeitgenössischen georgischen Literatur aufgearbeitet.

Die deutsch-georgischen Literaturbeziehungen sind übrigens viel älter als diese Buchmesse. Mitte des 18. Jahrhunderts eröffnete der Deutsche Gustav Berenstamm in Tiflis die erste Buchhandlung des Landes und verkaufte dort deutsch- und französischsprachige Bücher.

Wer jetzt Lust hat, sich mit der Literatur und den AutorInnen des Landes zu beschäftigen, hat in den nächsten Tagen vor allem bei vielen Veranstaltungen auf der Frankfurter Buchmesse Gelegenheit dazu. Wer nicht dabei sein kann, findet bei georgia-charachters eine ständig aktualisierte Liste von georgischen Büchern, die in deutscher Übersetzung vorliegen. Thematisch sortiert gibt es eine Übersicht der Neuerscheinungen auch auf den Seiten der Frankfurter Buchmesse (.pdf). Mehr und sehr ausführliche Informationen über den Literaturbetrieb des Ehrengastes finden sich in der Broschüre der gpba (.pdf).

Essen aus Büchern: Bratwurst mit Pfeffernußsauce aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Dieses Gericht war wirklich nicht ganz leicht. Denn Bratwurst mit Pfeffernußsauce bzw. Lebkuchensauce konnte ich nur als schlesisches Weihnachtsessen finden, inkl. der entsprechenden Gewürze. Schwer vorzustellen, dass Demoiselle Buddenbrook, bei allen fixen Ideen, die sie sonst so hat, in der Sommerfrische ausgerechnet nach einem Weihnachtsessen verlangt. Die Sommerfrische verbringt sie in Travemünde, es ist eine schöne und unbeschwerte Zeit und ihr letzter glücklicher Sommer. Das weiß sie da aber noch nicht.

„Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und machte weite Spaziergänge mit Morten“

Ich habe auch mehrere Menschen gefragt, die aus der Gegend um Lübeck/Travemünde kommen und keiner von denen kannte Pfeffernußsauce zu Bratwurst und die meisten machten auch nicht den Eindruck, daran etwas ändern zu wollen. Rettung kam von Seiten eines Biofleischproduzenten, der auf seiner Seite ein Rezept für eine Biersauce vorstellt und darauf hinweist, dass in Norddeutschland oft auch Lebkuchen dafür verwendet wird. Auf der Grundlage habe ich weiter gemacht und am Ende ein Rezept zusammengebastelt.

Die Sauce klingt ja reichlich absurd, das liegt allerdings wohl daran, dass man Pfeffernüsse oder Lebkuchen ja in der Regel als süßes Gebäck kennt. Für diese Sauce allerdings braucht man Speisepfeffernüsse bzw. Soßenlebkuchen, die keine Glasur haben und mit nur wenig Zucker gebacken werden. Vom Geschmack her ähneln die holländischem Frühstückskuchen (Ontbijtkoek), falls jemand das zweifelhafte Vergnügen mal hatte.

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Bratwurst mit Pfeffernußsauce für 4 Personen:

  • 4 weiße Bratwürste
  • 300 ml Gemüsebrühe
  • 300 ml Malzbier
  • 1 Zwiebel
  • 1 Lorbeerblatt
  • 1 TL Pfefferkörner, leicht zerstoßen
  • 1 TL Pimentkörner, leicht zerstoßen
  • 1 EL Apfelessig
  • 60 g Soßenkuchen
  • 1 EL Butter
  • 1 EL Speiseöl
  • Salz

Die Zwiebel in Ringe schneiden. In einem Topf Brühe und Malzbier vermischen, Zwiebel und Gewürze zugeben. Die Mischung zum Kochen bringen und 1 EL Apfelessig zugeben. Etwa 5 Minuten köcheln lassen, anschließend den Topf vom Herd nehmen.

Den Soßenkuchen fein reiben oder in sehr dünne Scheiben schneiden und in eine Schüssel geben. Etwa 70 ml der noch warmen Brühe über ein engmaschiges Sieb zum Soßenkuchen geben und zu einer Paste verrühren. Abgedeckt beiseite stellen.

Die Bratwurst mit einer Gabel mehrfach einstechen und in der übrigen Brühe marinieren lassen, mindestens zwei Stunden, gerne länger. Ggf. zwischendurch mal wenden. Anschließend die Bratwurst entnehmen, abtropfen lassen und trocken tupfen.

Den Ofen auf 50°C vorheizen. In einer Pfanne Butter und Öl auf etwa mittlere Temperatur erhitzen. Die Würste darin braten, bis sie von allen Seiten braun sind. Die Würste aus der Pfanne nehmen und abgedeckt im Ofen warm  stellen.

Das Fett in der Pfanne etwas auskühlen lassen. Dann die Brühe durch ein engmaschiges Sieb in die Pfanne gießen und gut umrühren, damit der Bratensatz sich löst. Den eingeweichten Lebkuchen zugeben und ebenfalls unterrühren. Die Sauce aufkochen und etwa um die Hälfte einreduzieren lassen, bis die Sauce die gewünschte Konsistenz hat. Evtl. noch mit Salz abschmecken.

Auf einem Teller die Bratwürste mit der Sauce übergießen. Ich habe keine Ahnung, was Tony Buddenbrook zu ihrer Wurst bekommen hat. Als Beilage habe ich sowohl Graubrot als auch Salzartoffeln ausprobiert, letzteres funktioniert vor allem mit der Sauce zusammen sehr gut.

Was soll ich sagen – es ist großartig. Ich war ja sehr skeptisch, spätestens als ich diese traurige braune, aufgeweichte Pampe gesehen habe, die mal Lebkuchen war. Aber gäbe es das wirklich an der Wurstbude, am Strand in Travemünde oder sonstwo, ich wäre sofort Fan. Übrigens schmeckt die Sauce weit weniger weihnachtlich, als ich mir das gedacht hätte. Tolles Essen!


Das Zitat stammt von S. 133 von Thomas Mann: Buddenbrooks. Fischer 2004.

Das Rezept für die Sauce habe ich auf den Seiten von mycow gefunden. Ich danke für die Inspiration.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Essen aus Büchern“, die ihr auch auf schiefgegessen findet.

Olivia A. Cole: The Rooster’s Garden

When the roosters crows, the hive will burn, so das Motto dieses Romans, dem zweiten Teil der Tasha-Trilogy. Im ersten Teil der Reihe, Panther in the Hive, ging es um Fashion-Victim Tasha, die sich plötzlich mit einer Zombie-Apokalypse konfrontiert sah und Schuhsammlung, Glätteisen und Concealer aufgeben musste, um ihre Haut zu retten. Im zweiten Teil nun sind sie und einige ihrer neu gewonnen Freunde auf dem Weg nach Kalifornien, das von der Apokalypse verschont geblieben sein soll.

Auf ihrem Weg gilt es aber nicht mehr nur Minker zu bekämpfen, jene Mutanten, die durch einen implantierten Chip von Menschen in geifernde Bestien verwandelt wurden. Die fiese Organisation Cybranu die hinter all dem steckt, hat es ausgerechnet auf Tasha abgesehen, die ihnen als Terroristin gilt. Nun ist auf sie ein Kopfgeld ausgesetzt und auch die wenigen Überlebenden der Katastrophe machen nun Jagd auf sie. Richtig schwierig wird es für die junge Frau, als sie durch einen Unfall von ihrer Gruppe getrennt wird und nur noch ein albern frisierter Pudel an ihrer Seite bleibt.

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Castle Freeman: Männer mit Erfahrung

Mitten in den Wäldern von Vermont wohnt Lillian, seit kurzem allein. Ihr Freund Kevin ist abgehauen nachdem es Ärger mit dem Gesetz gab. Das Gesetz ist in dem verschlafenen Ort nicht zwingend die Polizei, sondern erstmal Blackway, ein Kleiderschrank von einem Mann, der vor nichts und niemand halt macht und es gewohnt ist, seinen Willen zu kriegen. Nun rückt er Lillian auf die Pelle. Er steht im Auto vor ihrem Haus und beobachtet sie, schlägt eine Scheibe ihres Wagens ein und bringt zu guter Letzt auch noch ihre Katze um. Lillian verliert die Nerven, stürmt mitten in der Nacht mit einem Obstmesser bewaffnet aus dem Haus und sucht Hilfe beim Sheriff des Ortes. Tja, sagt der, ohne Beweise können man halt nicht viel machen. Er rät ihr, sie solle halt abhauen. Lillian sieht das aber nicht ein, schließlich hat sie nichts falsch gemacht.  Schließlich verweist man sie an Whizzer, einen kauzigen alten Mann, der mit seinen Freunden den ganzen Tag in einer alten Fabrik die Zeit totschlägt. Die Hilfe, die Whizzer hat, ist auch nicht, was Lillian sich vorstellt: Nate, ein großer junger Mann, der klüger als ein Pferd aber dümmer als ein Traktor sein soll und Lester, der unschätzbaren Alters ist und nur noch schlecht zu Fuß. Aber das ist die Hilfe die eben gerade da ist und so heftet das merkwürdige Trio sich an Blackways Fersen.

„‚Tja‘, sagte Whizzer, ‚ich weiß nicht, ob sie dumm oder intelligent ist und ob es hier gefällt oder nicht – jedenfalls ist sie da. Und noch was sage ich euch: Mir scheint, diesmal ist Blackway an die Falsche geraten.'“

Der namenlose Ort scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Es überrascht einen fast, wenn Menschen plötzlich von Videorekordern spreche. Denn so, wie sie in ihrer aufgegeben Fabrik sitzen, Bier trinken und Poker spielen, hätten sie es auch vor hundert Jahren tun können. Der wichtigste Wirtschaftszweig der Region ist noch immer der Holzabbau, und auch wenn die Stämme nun nicht mehr von Pferden aus dem Wald gezogen werden, ist in den Wäldern von Vermont vor langer, langer Zeit die Uhr stehengeblieben zu sein. Fremden gegenüber ist man noch immer misstrauisch und unterstellt Menschen aus der Stadt grundsätzlich erstmal, sie hielten sich für etwas besseres.

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Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Als kleines Kind hatte Juri einen schweren Verkehrsunfall. Erst wurde er vom Milchwagen erwischt, direkt danach von einer Straßenbahn. Auch vom Blitz wurde getroffen. Er ist wieder ganz gut hergestellt, aber sein Hirn ist immer noch ein bisschen kaputt. Manchmal fehlen ihm die richtigen Wörter, dann kommen zu viele. Dafür hat er ein offenes Gesicht das dazu führt, dass wildfremde Menschen ihm ihre Geheimnisse und Gefühle anvertrauen. Er lebt in der Hauptstadt mit seinem Vater, dem Zoo-Veterinär. Seine Mutter ist in einem Arbeitslager in Kolyma, kommt aber sicher bald zurück. Im Flur stehen immer zwei gepackte Koffer. Einer für seinen Vater, einer für ihn. Sie stehen nicht nebeneinander, denn eine gemeinsame Abreise ist unwahrscheinlich. Wenn der Vater abgeholt wird, soll Juri schnell seinen kleinen Koffer schnappen und bei einer Tante unterkommen.

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Doch dann werden tatsächlich beide zusammen abgeholt. Eines Tages stehen Männer vor der Tür und sagen dem Vater, er müsse mitkommen zu einem wichtigen Patienten. Ob Maus oder Elefant erfährt er nicht. Wenig später stehen die beiden vorm größten Elefanten überhaupt: Der Stählerne, der geliebte Onkel, der Architekt der Freude, Genosse Generalsekretär Josef Petrowitsch. Er sieht nicht gut aus und viel älter, als auf den Bildern, die man von ihm kennt. Die Diagnose des Vaters gefällt ihm dann auch gar nicht, er lässt ihn abführen, doch Juris freundliches Gesicht erfreut auch das Herz des Stählernen. Er darf bleiben und wird sein Vorkoster und Hüter allergrößter Geheimnisse. Dass ihn das selbst ihn Gefahr bringt, steht außer Frage.

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„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – zur Session beim Literaturcamp Hamburg

Am Samstag habe ich auf dem Literaturcamp in Hamburg eine Session über rechte Verlage gehalten. Exemplarisch habe ich an den Beispielen Antaios, Kopp und Manuscriptum gezeigt, wie Verlage vom rechten Rand es schaffen, in die Mitte des Buchmarkts zu drängen und den Diskurs über einige politische Themen stark zu beeinflussen. Ich dachte zwar, dass das nach der letztjährigen Buchmesse eigentlich schon ein alter Hut ist, ein vollbesetzter Raum hat aber das Gegenteil gesagt. Die 20 Minuten Diskussionszeit am Ende haben auch dann nicht gereicht, als wir sie um zehn Minuten überzogen haben. Offenbar gibt es da eine Menge Rede- und Informationsbedarf. Weil von so vielen Seiten wirklich konstruktiver und guter Input kam, habe ich hier nochmal ein paar Punkte und Argumentationen ausgeführt, die in der Session einfach zu kurz kamen oder nicht zu Ende ausformuliert werden konnten. Danke, dass ihr da wart, ihr wart großartig und ich hätte mich sehr gerne noch länger mit euch unterhalten! (Wer hier seinen Input wiedererkennt und genannt/verlinkt werden möchte, meldet sich bitte unbedingt! Ich war so geflashed von der Riesendiskussion, dass ich am Ende nicht mehr sicher sagen konnte, wer was gesagt hat)

Wie gehen Buchhandlungen mit Titeln rechter Verlage um?

Einige Buchhandlungen haben für sich entschieden, Titel bestimmter Verlage oder AutorInnen nicht auf ihren Flächen zu präsentieren, wenn sie den moralischen Werten der Belegschaft massiv widersprechen. Vor allem bei Titeln, die auf der Bestsellerliste stehen, haben viele Buchhandlungen Bedenken, weil diese Listen von vielen Leuten als Empfehlung wahrgenommen werden.

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Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Nach einer anstrengenden Schicht fährt der israelische Arzt Etan nach Hause zu seiner Familie. Dieses zu Hause ist seit kurzer Zeit in Beer Scheva, einer Stadt mitten in der Wüste, in die er unfreiwillig versetzt wurde. Zum Umzug aus Tel Aviv hat seine Frau ihn überredet, sich einen Jeep anzuschaffen, mit dem man durch die Wüste rasen kann. Das hat er nie getan und mittlerweile findet er die Idee auch nur noch lächerlich. In dieser Nacht aber, in der ein riesiger Mond am Himmel steht, überkommt ihn auf einmal der Wunsch, die Kraft des Jeeps doch mal zu nutzen. Mit aufgedrehter Musik rast er durch die Wüste, wirft im Rückspiegel einen Blick auf den beeindruckenden Mond und spürt auf einmal einen Aufprall. Er hat einen Menschen überfahren, der mitten in der Nacht auf der Straße unterwegs war. Er steigt aus, registriert die Schwere der Verletzung und weiß, dass das Unfallopfer nicht überleben wird. Er sieht auch, dass der Mann ein Schwarzer ist, ein unregistrierter Einwanderer vermutlich. Unwahrscheinlich, dass Angehörige einen Skandal aus der Geschichte machen. Ebenso unwahrscheinlich, dass ihn jemand gesehen hat. Etan steigt wieder ins Auto und fährt davon.

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Grauenhafte Dinge aus Büchern: Tinned Pie aus Deirdre Maddens „Molly Fox’s Birthday“

In Molly Fox’s Birthday geht die namenlose Protagonistin für ein einfaches Mittagessen einkaufen. Sie hat sich vorher keinen Plan gemacht, der Laden ist klein, die Auswahl beschränkt:

„Battered and fried things being kept under warm glass, tinned pies – how far gone did you have to be to eat a tinned pie? – exhausted fruit and cart-load of lurid magazines.“

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mal Pie in der Dose gekauft habe. Es sah aus wie etwas, das einen glücklich machen könnte, wenn man Samstag zu viel getrunken hat und Sonntag auf dem Sofa liegt. Fett, Salz, Soße. Dieser Sonntag kam nie, oder er kam und dann habe ich doch Rollo bestellt, und langsam näherte der Pie sich seinem Verfallsdatum, das, als ich ihn kaufte, noch in ferner Zukunft lag.

Also Deckel runter und ab in den Ofen. Was sich unter dem Deckel befindet ist tatsächlich Fett, Salz, Soße. Aber in keiner Kombi, die irgendeinen Menschen glücklich machen könnte. Ich weiß nicht, wie viele von euch mit Mockturtle aus der Dose vertraut sind. Wer es kennt, stellt sich jetzt mal Mockturtle unter ambitionslosem Blätterteig vor. Alle anderen denken ersatzweise an die mieseste Gulaschsuppe, die sie je gegessen haben. Und alle freuen sich mit mir, dass der Pizzaladen in meiner Straße heute keinen Ruhetag hat.

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Steht noch die Frage im Raum „how far gone did you have to be to eat a tinned pie?“. Ich weiß es nicht. Außerhalb von akut lebensbedrohlichen Situationen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sowas essen möchte. Wirklich nicht. Und auch dann würde ich es vielleicht nicht essen, weil ich fürchten würde, von dieser unglaublichen Menge Fett Durchfall zu kriegen und meinen ohnehin lebensbedrohlichen Zustand durch Dehydrierung noch zu verschlimmern.

DON’T TRY THIS AT HOME!


Das Zitat stammt von S. 68 von Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday. Faber and Faber 2009.

Bremen liest – die erste Bremer Literaturnacht

Bremen ist jetzt sicher nicht der erste Ort, der einem als literarische Hochburg einfallen würde. Tatsächlich hat die Stadt weder berühmte Autoren noch große Verlage aufzuweisen, wenn man mal von Sven Regener absieht. Das hält die vorhandene literarische Szene aber nicht davon ab, immer wieder spannende Projekte auf die Beine zu stellen.

Nun haben das Literaturkontor Bremen das Verlagskontors Wellenschlag die erste Literaturnacht veranstaltet. In 14 zumeist innenstadtnahen Buchhandlungen und Verlagshäusern traten 40 verschiedene AutorInnen aus der Region auf, die in Lesungen ihre Texte vorstellten. Die einzelnen Veranstaltungen waren dabei jeweils so kurz gehalten, dass man zwischendrin den Ort wechseln konnte, um möglichst viele interessante AutorInnen erleben zu können. Bleiben war natürlich auch erlaubt und der Eintritt zu allem kostenlos. Umso netter, dass es noch dazu Getränke aufs Haus gab. Zumindest in den beiden Häusern die ich besucht habe, weiter kamen wir nämlich gar nicht.

Unser Abend begann in der Buchhandlung Sieglin, wo Béatrice Hecht-El Minshawi Auszüge aus ihrem bei Springer erschienen Buch Muslime in Beruf und Alltag las. Sie folgte dabei dem Leitgedanken, dass Menschen muslimischen Glaubens schon lange fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind und versucht, Unwissen und Missverständnisse im alltäglichen Umgang abzubauen. Wären wir bei Sieglin geblieben, hätten wir noch Gedichte über das Meer von Sabine van Lessen hören können und eine satirische Lesung des Liedermachers Hans-Martin Sänger. Uns zog es aber ein paar Straßen weiter zum Text- und Verlagskontor Wellenschlag, dessen Mitarbeiterinnen ja auch maßgeblich an der Organisation des Abends beteiligt waren.

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