3. Blog-Geburtstag – was ich mir wünsche

Die DSGVO hat in den letzten Wochen hohe Wellen in der Buchblog-Welt geschlagen. Viele hohe Wellen. Einige haben sie gar als Grund genommen, ihren Blog zu löschen. Andere beklagen, dass hier den kleinen BloggerInnen unverhältnismäßig große Steine in den Weg gelegt werden und dass es nun wirklich fiesere Datenkraken gäbe. Klar gibt es die, aber relativieren kann man immer alles. Es gibt (fast) immer jemanden, der noch fieser und noch schlechter ist und dann ist das ja auch noch eine Frage der persönlichen Moral. Darauf kann man sich halt nicht ausruhen.

BuchbloggerInnen wollen ernst genommen werden. Ihr Blog soll nicht als niedliches Hobby abgestempelt werden. Das ist auch eine legitime Forderung – viele BloggerInnen investieren extrem viel Zeit und manchmal auch Geld, wenn auch nur indirekt, z.B. für Messebesuche oder Foto-Equipment. Da könnte man ja auch mal über Kooperationen nachdenken, die vielleicht ein paar Euro bringen. Vielleicht könnte ja der Blog eines schönen Tages sogar eine Art Nebenjob werden. Aber Verantwortung?! Um Gottes Willen, woher soll ich denn Verantwortung nehmen? Ich hab ja noch nicht mal ein Impressum!

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Die Buchblog-Welt nach der DSGVO (Symbolbild)

Wer Content ins Internet stellt, trägt damit eine Verantwortung. Das Internet ist glücklicherweise kein rechtsfreier Raum und gerade Deutschland war in puncto Datenschutz schon immer recht streng. Vieles von dem, was in der DSGVO festgelegt wird ist schon lange (fast) so, es hat nur keine Sau interessiert. Fotos von Fremden beispielsweise durften auch bisher nur unter sehr strengen Einschränkungen veröffentlicht werden. Verstöße waren häufig, Widerspruch war möglich aber selten, Klagen noch seltener. Jetzt soll es, liest man auf twitter, verboten werden, Menschen überhaupt ohne deren Einverständnis zu fotografieren, auch wenn die Person noch nicht mal erkennbar ist. Ehrlich Leute, was wird denn das für ein Gesetz? Dann kann niemals mehr jemand ein Foto vom Brandenburger Tor machen, von den Bremer Stadtmusikanten oder von Schloss Neuschwanstein. Denn das schlimmste an den Leuten ist ja, dass immer überall welche sind und einem immer einer ins Bild rennt. Man könnte so ein Gesetz vielleicht sogar erlassen, aber für wie realistisch halten wir das denn? Allerdings wäre das mal wieder ein ganz neues Urlaubs-Feeling und wahrscheinlich sogar ziemlich entspannt.

Es irritiert mich, wie viele BloggerInnen jeden Quatsch gutgläubig aufsaugen, den irgendwer auf twitter oder auf facebook oder sonstwo behauptet. Wir wollen selbst Content im Internet verbreiten, sind aber selbst nicht in der Lage, einen simplen Fakten-Check durchzuführen? Das kann’s ja wohl nicht sein. Wir wollen, dass Leute unseren Blog abonnieren, dass sie Likes hinterlassen und unsere Inhalte teilen. Wir fragen uns keine Sekunde, wohin diese Daten gehen – außer in unser Ego. So einfach hätten wir es uns eigentlich nie machen dürfen. Ich verstehe, dass Leute verunsichert sind und erst recht, dass sie keinen Bock haben, da langweilige Sachen an ihrem Blog umzustellen, die zum Teil im hundertsten Untermenü versteckt sind. Hab ich auch nicht, aber um Bock geht’s hier nicht. Wenn es um Bock haben ginge hätte ich auch seit sechs Wochen das Bad nicht geputzt, aber manchmal hilft es halt nichts.

Hinzu kommt, dass die meisten von uns so weit am Ende der Kette sind, dass wir eh fast nichts machen müssen. WordPress, jetpack, Akismet, twitter, facebook, google und alle anderen, die irgendwas mit unseren Blogs zu tun haben sind viel interessierter daran, dass wir weiter bloggen, als wir selbst es sind. Weil wir deren Kapital sind, selbst mit unseren Gratis-Tarifen. Die werden schon gucken, dass das alles wasserdicht ist – nicht in unserem Interesse sondern im eigenen, versteht sich.

Mein großer Wunsch zum Blog-Geburtstag also: Get your shit together. Verfallt nicht in Panik, sobald ihr etwas nicht auf den ersten Blick versteht und glaubt nicht jeden Scheiß, den jemand ins Internet schreibt. Und wenn ihr ernst genommen werden wollt mit eurem Projekt übernehmt halt auch die Verantwortung dafür. Das wird euch niemand abnehmen.

Petra Morsbach: Justizpalast

Thirza Zorniger wächst in zerrütteten Verhältnissen auf. Die Mutter steht kurz vor Abschluss ihres Jura-Studiums, als sie sich in den Schauspieler Carlos verliebt und schwanger wird. Das Studium wird hintenangestellt und dann nie wieder aufgenommen, einige Jahre später geht die Ehe in die Brüche. Thirza, das einzige Kind aus dieser Verbindung, landet beim Großvater und zwei Tanten in München Pasing. Auch der Großvater war Jurist, allerdings mit nicht vollständig aufgearbeiteter Rolle im NS-Staat. Als Thirza verkündet, Richterin werden zu wollen, kann er sie nicht ernst nehmen. Ein so hohes Amt traut er ihr nicht zu.

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Trotzig zieht Thirza aus, um ihm das Gegenteil zu beweisen – mit Erfolg. Verbissen und kompromisslos kämpft sie sich durchs Jura-Studium. Vor lauter Lernen bleibt wenig Zeit für ihr Privatleben, ein paar mal ist sie schüchtern verliebt, die einzige Beziehung dieser Zeit nimmt aber ein katastrophales Ende und verschreckt sie für viele Jahre. Als sie schließlich in den Münchner Justizpalast zieht, den Sitz des Bayerischen Staatsministeriums für Justiz, hat sie ihr Ziel endlich erreicht. Zumindest beruflich, denn in Thirzas Privatleben sieht es düster aus. Sie geht vollständig in der Arbeit auf und ist von morgens bis spät abends im Justizpalast. Ihr Privatleben besteht zunächst noch aus der Pflege der alternden Tanten, dann nur noch aus Treffen mit KollegInnen, mit denen auch nur über Juristerei gesprochen wird. Den Urlaub verbringt sie immer allein und immer am gleichen Ort. Zärtlichkeit findet Thirza allein in den Romanen von Hedwig Courths-Mahler, die sie heimlich und ein bisschen verschämt liest, wenn sie abends alleine im geerbten Pasinger Haus sitzt.

„Aus Gerichtsperspektive scheint jeder mit jedem zu streiten, das ganze reiche Land eine Horde von hereingelegten und hereinlegenden, erschrockenen und erbosten, beleidigten und wütenden Bürgern. Sie hatten mehr Recht denn je in ihrer Geschichte und mehr Rechte als fast alle Bürger sonst auf der Welt, und was taten sie? Sie litten und tobten.“

Petra Morsbach beruft sich in ihren Dankesworten auf 50 Juristen, die sie in der Arbeit an ihrem Buch unterstützt haben. Tatsächlich wirken die Fälle, an denen Thirza arbeitet, sehr authentisch. Zuweilen, vor allem während Thirzas Zeit im Kartellamt, sind sie auch schlicht zu dröge, als dass sie sich jemand freiwillig ausgedacht hätte. Diese Fälle, in denen es nicht um verletzte Gefühle sondern nur um schnöde Profitgier geht, braucht es aber auch als emotionales Gegengewicht. Denn zum einen befasst Thirza sich als Mediatorin auch durchaus noch mit sehr persönlichen und aufwühlenden Geschichten, zum anderen ist ihr Privatleben, so eingeschränkt es auch ist, nicht frei von Dramen. Morsbach schreibt reduziert und teilweise fast knapp, erspart einem damit aber keine Fiesheiten. Thirza wird als sehr sachliche Person charakterisiert, die immer sehr korrekt und mitunter kühl auftritt. Eine Identifikationsfigur ist sie nicht, man scheint ihr einfach nicht nahe zu komme. Doch der Eindruck trügt. Die Zurückgenommenheit, mit der Thirzas Leben geschildert wird, verstärkt nur die Wucht der emotionalen Keule, wenn sie einmal zuschlägt. Und sie schlägt zu, nicht nur mit Kraft, sondern auch mit ungeheurer Treffsicherheit.

Niemals hätte ich mir Justizpalast gekauft, dafür interessiert mich Jura nun wirklich nicht genug. Aber ich habe das Buch gewonnen und will nicht undankbar sein und das war ein großes Glück, denn ich hätte ein sehr, sehr gutes Buch verpasst. Die Fälle, die Thirza verhandelt und die Skandale, mit denen sie sich außerdem befasst, zeichnen ein umfassendes und authentisch wirkendes Bild des Alltags am Gericht und der Justiz in Deutschland. Nicht immer bekleckern die Damen und Herren in Robe sich dabei mit Ruhm, bei einigen tun sich gar Abgründe auf. Thirza setzt sich mit ihren Fällen oft sehr detailliert auseinander und verzweifelt zuweilen an den menschlichen Konsequenzen, die ihre Urteile haben. Manchmal hat das fast Schirach’sche Ausmaße (allerdings ohne die unangenehme Selbstdarstellung). Einige Verhandlungen habe ich als etwas langatmig empfunden, was aber dem Lesevergnügen insgesamt keinen Abbruch tut. Thirza, die man fast ihr ganzes Leben lang begleitet, wird einen auch noch ein paar Tage verfolgen, nachdem das Buch beendet hat. Trotz trocken wirkender Thematik ist Justizpalast ein höchst lesenswerter und im besten Sinne hoch emotionaler Roman, den ich sehr empfehlen kann.


Petra Morsbach: Justizpalast. Knaus 2017. 480 Seiten, € 25,-.

Das Zitat stammt von S. 295

Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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Interessant umgesetzt ist auch die soziale Implikation der Katastrophe. Während die meisten Zombie-Apokalypsen recht wahllos alles mitnehmen, was gerade auf der Straße ist, werden von dieser Katastrophe nur einige Auserwählte betroffen – im Wesentlichen der Öffentliche Dienst und einige Großverdiener. Es sind „the few“, wie die Minker sich selbst stolz nennen. Der Chip ist ein Statussymbol, wer ihn tragen darf, markiert das gerne mit einem Tattoo über dem Implantat. Nun ist es an „the many“, den vielen Unterprivilegierten, die Stadt zu retten. Von der ebenfalls komplett gechippten Armee zumindest ist keine Hilfe zu erwarten. Dankbar war ich Cole neben vielen großartigen Ideen auch für ihre sehr entspannte Version der Zukunft. Es gibt natürlich neue Technologien, aber niemand schießt mit absurden Laser-Waffen, niemand trägt Kleidung aus Metall und alle fahren mit simplen Aufzügen, die dauernd stecken bleiben. Der verrückteste Gedanke ist vielleicht, dass möglichst kleine Autos als schickes Statussymbol gelten.

Ich lese so gut wie nie Science Fiction und schon gar keine Zombie-Apokalypsen. Meine Grusel-Grenze verläuft knapp oberhalb der Simpsons-Halloween-Folgen (und manchmal auch darunter). Trotzdem habe ich Panther in the Hive extrem gerne gelesen und hatte großen Spaß dabei. Es hat Stellen, die konstruiert wirken mögen, aber das sehe ich Apokalypsen auch nach, die leben von dramatischen Effekten. Erst als ich die bibliographischen Angaben für die vor ein paar Wochen erschienene „Women in SciFi„-Besprechung recherchiert habe, habe ich eine für mich sehr überraschende Entdeckung gemacht: Das Buch ist erschienen bei Fletchero, was ein Eigenverlag ist. Eigenverlag! An keinem einzigen Punkt dieses Romans wäre ich auf diese Idee gekommen, wenn man von der nicht immer schönen Herstellungsqualität mal absieht. Ich wünsche diesem Roman und den deutschen LeserInnen sehr, dass er es irgendwann mal in die Übersetzung schafft.

(Panther in the Hive ist der erste Teil einer Trilogie. Der zweite Teil mit dem Titel The Rooster’s Garden ist bereits erschienen und wird auf jeden Fall von mir gelesen!)


Olivia A. Cole: Panther in the Hive. Part 1 of the Tasha Trilogy. Fletchero 2016. 370 Seiten, ca. € 15,-.

schiefgegessen. Ein Spin Off-Blog für „Essen aus Büchern“

Im Mai 2016 ist der erste Beitrag in der Reihe „Essen aus Büchern“ erschienen, 25 Gerichte habe ich seitdem gebacken und gekocht und mit euch geteilt. Das werde ich auch weiterhin so machen, die Liste zu entdeckender Rezepte wird mit jedem Buch länger und länger.

Allerdings wird die Sammlung langsam ein bisschen unübersichtlich. Ich will den Rezepten hier aber auch nicht übermäßig viel Raum geben, weil schiefgelesen in erster Linie ein Literaturblog ist und bleiben soll. Koch-Tags wie „vegetarisch“, „Hülsenfrüchte“ oder „Eintopf“ haben da meiner Meinung nach nicht viel verloren, auch wenn letzteres auf einige Bücher durchaus zutrifft. Um eine Rezeptsammlung aber sinnvoll und hilfreich zu verschlagworten, sind sie unumgänglich.

Lange Rede, kurzer Sinn: Essen aus Büchern ist groß genug um so langsam auf eigenen Beinen zu stehen. Heute geht schiefgegessen an den Start, ein weiterer Blog, an dem ich schon eine ganze Weile feile. Dort findet ihr ab sofort alle Rezepte aus der Reihe. Allerdings werden die Beiträge nach wie vor zuerst hier erscheinen, auf schiefgegessen erfolgt „nur“ die zweite Veröffentlichung und Katalogisierung.

Hier wie dort freue ich mich auf euren Besuch!

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Essen aus Büchern: Chin-Chin aus Chimamanda Ngozi Adichies „Purple Hibiscus“

Chin-Chin sind in Teilen Westafrikas, darunter Nigeria, ein süßes, frittiertes Gebäck für besondere Anlässe und vor allem in der Weihnachtszeit beliebt. Man kann es natürlich selbst herstellen, man kann es aber auch wohl an jeder Ecke fertig kaufen. Ob Kambilis Mutter (bzw. ihre Köchin) in Purple Hibiscus selbst in der Küche stand, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall hat sie einen Teller voll Chin-Chin zur Hand, als ihre Schwägerin zu Besuch kommt.

Mama came in holding a tray piled high with bottles of soft and malt drinks lying on their sides. A plate of chin-chin was balanced on top of the drinks.

Chin-Chin sind in der Regel recht klein und, je nachdem wie dick der Teig ausgerollt wurde, quadratisch bis beinahe würfelförmig. Manche schneiden den Teig aber auch nur in Streifen oder stechen Formen aus.

Bei den meisten Rezepten sind die Zutaten Milch oder angerührtes Milchpulver, Mehl, Zucker, Butter und Ei, allerdings in sehr unterschiedlichen Mengenverhältnissen. Auch was die Gewürze angeht kann man sich kreativ austoben, wobei Muskatnuss in eigentlich jedem Rezept dabei ist – von einer Prise bis zu einer kompletten Nuss. Ich war da relativ zurückhaltend. Und so geht’s:

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Einige Bemerkungen über Brot und Sauerteig sowie zwei Bücher darüber

Seit ziemlich exakt zwei Jahren wohnt in meiner Küche ein Sauerteig. Er heißt Ryen und ist mir ein völliges Rätsel. Ich gebe ihm Mehl und Wasser und er macht daraus, was immer ihm in den Sinn kommt. Manchmal ist er riesig und kriecht über den Rand seines Glases, manchmal ist er pelzig, manchmal riecht er nach alten Äpfeln und manchmal wie etwas, worüber man dringend mit einem Gynäkologen sprechen sollte. Wovon das abhängt – ich weiß es nicht. Ich schätze von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber die nehme ich offenbar anders wahr als Ryen. Aber egal, wie fies er gerade aussieht, er ist mir immer und zuverlässig eine große Hilfe beim Brotbacken. Auch das habe ich mit Ryens Entstehung vor zwei Jahren fast komplett selbst in die Hand genommen. Ich glaube, meine Brote sind nicht mal so besonders gut, aber wenn ich manchmal doch ein Brot kaufen muss, weil ich schlecht geplant habe, erinnert es mich immer wieder daran, wie gut es im Vergleich dann doch oft ist. (Sicher ist mein Brot schlechter als das eines Bäckers, der das seit Jahren macht und jeden Morgen im Steinofen frische Brote und so weiter – aber find das mal! Und bezahl das mal auf regelmäßiger Basis)

Es gibt ein Alltags-Standard-Brot, das ich sehr oft mache und das relativ viel zugesetzte Hefe enthält. Das macht es schnell und sicher. Manchmal, wenn ich die Zeit habe, Vorteige anzusetzen und abschätzen kann, ob ich in 14+3+2 Stunden Zeit haben werde, ein Brot zu backen, backe ich kompliziertere, die ohne zugesetzte Hefe auskommen und nur mit dem arbeiten, was ohnehin im Sauerteig-Ansatz ist. Ab da wird es dann spannend. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung, wie viel Hefe Ryen gerade hat (es sieht nach viel aus, aber das kann täuschen) und deshalb auch keine Ahnung, wie das Brot werden wird. Wie aus diesem traurigen, grauen Brei aus Mehl und Wasser und Salz und sonst nichts ein unfassbar leckeres 1,5 kg-Brot wird, das mich zuverlässig eine ganze Woche ernähren kann, erstaunt mich immer wieder. Außerdem ist es eine nette Übung in „wird schon werden“. Ich kann da nichts machen. Hefe mag es warm, ich kann den Teig also wärmer lagern, wenn ich finde, dass er zu langsam geht, aber sonst… Das wird ein nicht so tolles oder ein fantastisches Brot und mein Einfluss darauf ist begrenzt, das werde ich akzeptieren müssen. Diese Laissez-faire-Haltung vertreten bei weitem nicht alle Hobby-BäckerInnen und in vielen Foren liest man von Leuten, die extra Wärmeschränke haben, in denen sie den Sauerteig bei x Grad fallend auf y Grad mit Mengenangaben, die meine Waage noch gar nicht erfasst… Mal im Ernst, wer hat denn Zeit für sowas?

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Die Shortlist des Blogbuster 2018

Seit Wochen warten alle Beteiligten gespannt darauf und nun ist sie da – die Shortlist des Blogbuster 2018. Von den 15 beteiligten BloggerInnen konnten Anfang des Jahres vier keinen Text finden, mit dem sie weiter machen wollten, also umfasste die Longlist dieses Jahr nur elf Titel und nun ist die Zahl der KandidatInnen auf magere drei geschrumpft. Ich freue mich sehr, dass „meine“ Autorin Sabine Huttel mit ihrem Roman Ein Anderer darunter ist. Wenn ich jetzt sage, dass ich das nicht gewusst habe, als ich am Sonntag die Rezension über ihren Roman geschrieben und für Dienstag geplant habe, glaubt mir das ja doch keiner, war aber so.

Anders als ursprünglich geplant, ist die Preisverleihung nun aber nicht schon im Mai. Eigentlich sollte bis dahin ein Sieger gekürt sein, damit der Roman bis Oktober bei kein & aber erscheinen kann und bei der Buchmesse dann präsentiert wird. Das ist sehr,  sehr wenig Zeit für Lektorat, Herstellung, Marketing und alles, was noch dazu gehört. Deshalb wird bei der Buchmesse erst der Sieger bekanntgegeben, der Roman ist dann im Frühjahrsprogramm des Verlags. Geduld ist nun wirklich keine meiner Tugenden und ich wäre froh gewesen, hätte es im Mai eine Entscheidung gegeben, ich verstehe diese Argumentation aber völlig und halte sie sogar für vernünftig. Die Daumen müssen also noch ein bisschen gedrückt bleiben.

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Sabine Huttel: Ein Anderer

Ernst Kroll wird während des Ersten Weltkriegs in einem kleinen Dorf in Thüringen geboren. Sein Vater Hilmar ist Lehrer und unterrichtet im oberen Stockwerk des Hauses die Kinder der Dorfes, zudem ist er Kantor. Die Familie ist angesehen, lebt aber in bescheidenen Verhältnissen, so wie alles in dem Dorf bescheiden ist. Ernsts Entwicklung ist, bedingt durch eine Schilddrüsenerkrankung, gehemmt. Er ist langsamer als andere Kinder seines Alters, hat Schwierigkeiten mit der Motorik und kann sich nur mühsam und oft schwer verständlich artikulieren. Dass sein Sohn sich nicht entwickelt wie erhofft, kann Hilmar ihm nicht verzeihen. Ein neuer Arzt verspricht Besserung durch den Verzehr roher Schafsschilddrüsen, doch das stößt bei Ernst nicht nur auf verständlichen Widerwillen, sondern macht sein Verhalten noch schwieriger für die Eltern. Einen Draht zueinander finden Hilmar und sein Sohn ausschließlich über die Musik. Ernst lauscht begeistert, wenn sein Vater Orgel spielt und lernt auch selbst einfache Stücke zu spielen. Nicht so gut wie der Vater es gerne hätte, aber gut genug für eine gemeinsame Basis.

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Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2018

Wie jedes Jahr am Welttag des Buches wurde heute die Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction veröffentlicht – sechs weitere Titel für mein wpf-Projekt.  Die Liste der Kandidatinnen verkürzt sich auf folgende Hoffnungsträgerinnen:

Jesmyn Ward: Sing, Unburied, Sing: Der Roman, an dem in den letzten Monaten kaum ein Weg vorbei ging, erzählt von den Geschwistern Jojo und Kayla, die bei ihren Großeltern aufwachsen, da ihre Mutter nicht in der Lage ist, sich um sie zu kümmern. Die Kindheit der beiden ist von Armut und Rassismus geprägt. Als ihr Vater aus dem Gefängnis entlassen werden soll, machen Mutter und Kinder sich auf den Weg, um ihn abzuholen. Auf deutsch erschienen unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt.

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Spread the Love – Ein Plädoyer (und eine Selbstmotivation) für mehr Bookcrossing

Heute, nur knapp vor dem Welttag des Buches, ist Bookcrossing Day, der Geburtstag dieses wunderbaren Projekts. Einige von euch werden es kennen, einige erinnern sich vielleicht auch an meine Bookcrossing-Tour durch Ostfriesland, die ich vor zwei Jahren gemacht habe. Es besteht ja aber auch die Möglichkeit, dass hier Menschen mitlesen, die Bookcrossing immer noch nicht kennen. Was ein Versäumnis wäre. Hier also nochmal eine kurze Erklärung:

Die Idee von Bookcrossing ist sehr einfach und dabei sehr gut: ich habe ein Buch zu Hause rumstehen, ich habe es gelesen und will es nicht mehr haben. Weil es blöd war, weil es okay war, ich es aber nie mehr lesen werde, weil mein Regal jetzt dann halt wirklich endgültig voll ist. Ihr kennt das. Bücher sind ja aber zum Lesen da und nicht zum Rumstehen und Staub fangen. Also schicke ich das Buch raus in die Welt, platziere es an einem frequentierten Ort und hoffe, dass jemand anders es findet, mitnimmt, liest und dann wieder irgendwo aussetzt. Dort findet es dann jemand anders und die Reise geht weiter.

 

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