Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy

In Black Mamba Boy erzählt Nadifa Mohamed die Geschichte ihres Vaters. Jama wächst in Somaliland auf, sein Vater verlässt die Familie früh um im Sudan als Fahrer Geld zu verdienen. Als er nicht zurückkehrt, geht seine Mutter mit Jama nach Aden, um dort Arbeit zu finden.

„the place where you are born is not always the best place for you, boy.“

Sie stirbt jung und Jama, nun völlig auf sich allein gestellt, macht sich auf den beschwerlichen Weg in den Sudan, von dem er nicht genau weiß, wo er überhaupt ist, um seinen Vater zu finden. Das alles passiert in den 1930ern, als Abessinien gerade von italienischen Truppen angegriffen wurde. Jamas Weg in den Sudan führt mitten durch das umkämpfte Gebiet. Auch er arbeitet für die italienischen Besatzer und wird Teil ihrer Armee. Der Umgang der Europäer mit den Afrikanern, die für sie und an ihrer Seite kämpfen, widert ihn zunehmend an. Auch er selbst erfährt Erniedrigungen und Demütigungen durch Vorgesetzte, findet aber nicht den Mut, zu fliehen. Erst als er mit eigenen Augen das Opfer eines sinnlosen Gewaltexzesses sieht, desertiert er und gelangt nach Eritrea, wo er sesshaft zu werden scheint. Doch getreu seinem Motto „Das einzige, was ein ruhender Mann findet, ist der Tod“, findet er auch dort auf Dauer keine Ruhe und setzt seinen Weg fort.

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Nicht alles, was in diesem Roman passiert, ist auch genau so im Leben von Mohameds Vater geschehen, aber es gibt sehr viele Parallelen. Oft hat Jama so viel Glück, dass es beinahe unglaubwürdig erscheint. Am unwahrscheinlichsten erschien mir die Episode an Bord der Runnymede Park, mit der Jama Afrika verlässt und nach Europa gelangt. Das Schiff war eines der drei, die an der Deportation der Juden an Bord der Exodus beteiligt waren. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass Mohamed unbedingt auch diese weit größere Fluchtgeschichte mit der Geschichte Jamas verknüpfen wollte, auch wenn es nicht in den Roman passt. Allerdings war ihr Vater offenbar wirklich einfach an Bord dieses Schiffes.

Jamas Geschichte ist beeindruckend, umso mehr, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es eine fast reale Biographie ist und all das tatsächlich in nur einem Leben passiert ist. Sein Weg ist oft von großer Armut, Not und Hunger geprägt, Mohameds Stil bleibt dabei aber unpathetisch und schnörkellos. Die Konflikte der lokalen Bevölkerung mit den kolonialen Besetzern werden ebenso thematisiert wie die Feindschaften unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die sich bis ins Exil fortsetzen. So kann Jama als Angehöriger der angesehenen Eidagalle auch im Ausland auf Unterstützung durch andere Clanmitglieder setzen, während ein Yibir, den er auf dem Weg kennenlernt, höchstens auf mitleidige Almosen durch andere Somalis hoffen darf. Jama ist niemand, der sich auflehnt, er schwimmt mit dem Strom, greift nach allen Möglichkeiten, die sich ihm bieten, und schafft es so, zu überleben. Er ist harmlos und hat einfach viel Glück, so wie seine Mutter es ihm prophezeit hat. Die schwarze Mamba, die über den Bauch seiner Mutter gekrochen ist, als sie mit ihm schwanger war, soll ihn gesegnet haben. Sie wird zu seinem Totem.

In Afrika spielende Romane, die ohne gängige Klischees arbeiten, sind selten auf dem deutschen Markt, das wird oft genug bemängelt. Nun gibt es glücklicherweise Ausnahmen und ich bilde mir ein, sie würden mehr – hier ist eine weitere. Der außergewöhnliche Lebensweg ihres Vaters gibt Mohamed die Chance, einen spannenden, beeindruckenden und lesenswerten Roman zu schreiben, der Themenbereiche und Landstriche berührt, über die man sonst nur selten liest.


Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy. Harper Collins 2010. 280 Seiten, ca. € 10,-. Deutsche Übersetzung im Taschenbuch: Black Mamba Boy. Übersetzt von Susanne Urban. dtv 2016. 368 Seiten, € 12,90.

Das Zitat stammt von S. 112

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

Die ursprüngliche Frage nach der Repräsenation des Proletariats in der Kunst ist zwar ein durchgehendes Thema, immer mehr werden aber auch politische und theoretische Fragen aufgeworfen. Der Erzähler war in Deutschland Mitglied der KP und agiert auch im Exil weiterhin im Untergrund, obwohl politische Betätigung im offiziell verboten ist. Auch viele der Menschen die er trifft und von denen er berichtet, sind Teil des kommunistischen Widerstands. Oft erörtern sie die Frage, wie es in Deutschland zu einem faschistischen Regime kommen konnte und was danach noch kommen kann.

„Würde eine Verständigung überhaupt noch möglich sein, fragten wir uns, würden jene, die dort schrien und das Heil und den Sieg heraufbeschworen, je zum Denken zurückkehren können, würde sie je imstande sein zu erkennen, was mit ihnen geschehen war.“

Viele dieser sehr theoretischen Passagen ziehen sich zäh dahin. Oft schildert Weiss aber auch sehr beeindruckend die Findigkeit und den Mut der Menschen, die für ihre Überzeugungen ihr Leben riskierten und oft verloren. Die meisten von ihnen sind fiktiv, aber auch einige real existierende Personen wie Brecht und Rosalinda von Ossietzky haben ihren Auftritt auf diesen fast 1.200 Seiten. Aus ihren Geschichten und Perspektiven ergibt sich ein komplexes Bild des antifaschistischen Widerstands während der 1930er und 40er. Die Begegnung mit Brecht ist es schließlich auch, die den Erzähler in seinem Wunsch bestärkt, Schriftsteller zu werden.

Die Menge der analysierten Kunstwerke ist bemerkenswert. Bei wikipedia gibt es eine Liste, die mehr als 100 aufführt. Einige von ihnen werden nur gestreift, dem Floß der Medusa aber beispielsweise werden etliche Seiten gewidmet. Auch unter diesem Aspekt ist das Buch interessant, denn die kunstbetrachtenden Personen vertreten sehr unterschiedliche aber oft recht rigorose Ansichten.

Was das Buch aber besonders beeindruckend macht, ist seine unheimliche (im Wortsinn) Aktualität. In den Kapiteln über den aufkeimenden Faschismus in Deutschland, die ersten Mobilisierungen und die mutlosen Versuche der Gegenwehr merkt man deutlich, wie schnell die Stimmung in einem Land kippen kann und wie ähnlich die Gesellschaften damals und heute sich sind. Das waren eben doch nur sehr begrenzt „andere Zeiten“. Auch der Umgang der Nachbarländer, allen voran Schweden, mit Flüchtlingen aus Deutschland lässt einen ein bisschen verzweifelt und ratlos zurück. Denn auch wenn die Situation damals und heute eine andere ist, erkennt man die Debatte und die Argumente sofort wieder.

Die Ästhetik des Widerstands ist ein wichtiges, großes und beeindruckendes Buch, aber es kostet Kraft, es zu lesen, denn es ist alles andere als ein unterhaltsamer Roman.


Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. 3. Auflage Suhrkamp 2016. 1195 Seiten, € 22,-. Erste Auflage dieser Ausgabe 2005. Erstausgabe in drei Bänden bei Suhrkamp 1975, 1978, 1981.

In der BRD und DDR sind abweichende Versionen des Romans erschienen. Im Oktober 2016 ist bei Suhrkamp eine Ausgabe erschienen, welche nach den ursprünglichen Vorgaben des Autors editiert wurde.

Das Zitat stammt von S. 375

Baileys Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2017

Am Frauentag verkündet der Prize formerly known as the Orange die diesjährige Longlist. Das letzte mal übrigens als Baileys, der Sponsorenvertrag endet in diesem Jahr. Für mich ist es dieses mal natürlich besonders spannend, weil sechs davon Teil meines WPF-Leseprojekts werden.

Die Nominierten sind:

Adebayo, Ayombami: Stay with me

Alderman, Naomi: The Power

Atwood, Margaret: Hag-Seed
als Neuerzählung von „The Tempest“ Teil der Hogarth-Shakespeare Reihe. Möglicherweise ihre 4. Shortlist-Platzierung. Erscheint im April als Hexensaat auf deutsch bei KNAUS.

Flint, Emma: Little Deaths

Gaitskill, Mary: The Mare
auf deutsch als Die Stute bei Klett-Cotta

Grant, Linda: The Dark Circle
2000 Siegerin mit When I lived in Modern Times

Eimear McBride: The Lesser Bohemians
mit The Girl is a Half-Formed Thing Siegerin 2014

Melrose, Fiona: Midwinter

Morgan, C.E.: The Sport of Kings

Omotos, Yewande: The Woman Next Door
die Protagonistin hat meinen Namen, sollte mindestens auf die Shortlist; in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Frau nebenan bei Paul List

O’Neill, Heather: The Lonely Hearts Hotel
war auch schon mal auf der Shortlist

Perry, Sarah: The Essex Serpent

Proulx, Annie: Barksins
Chance auf die zweite Shortlist-Platzierung, das letzte Mal war allerdings 1997; auf deutsch als Aus hartem Holz beim Luchterhand Verlag

Riley, Gwendoline: First Love

Thien, Madeleine: Do Not Say We Have Nothing

Tremain, Rose: The Gustav Sonata
war schon zwei mal auf der Shortlist, auf deutsch unter dem Titel Und damit fing es an bei Insel erschienen.

Außerdem sollte natürlich Ali Smith auf der Liste stehen. Sie hat was veröffentlicht, wo ist es?! Autumn wird sicher im Laufe des Tages nachgemeldet. Es fehlen sowieso vier Bücher, sonst waren es immer 20. Eine Übersicht nebst Inhaltszusammenfassungen und Kurzvita gibt es natürlich beim Baileys Prize for Women’s Fiction.

Bisher sind nur sehr wenige der Titel übersetzt worden, soweit mir bekannt, habe ich es angegeben.

Aus dieser Liste werden nun die Kandidatinnen für die Shortlist ausgewählt, die im nächsten Monat veröffentlicht wird.

Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road To High Saffron

Bernard Marx and the Amazing Technicolour Dreamcoat könnt der Untertitel dieser Dystopie sein. In der Welt, in der Fforde seine Geschichte ansiedelt, wird die soziale Hierarchie ausschließlich nach der Farbwahrnehmung der Bewohner festgelegt. Ganz oben stehen diejenigen, die rot und blau sehen können, ganz unten die Grauen. Letztere verrichten alle Arbeit für die „oberen“ und haben nahezu keine Chance, aufzusteigen. Ehen werden nicht nach Sympathie sondern nach Farbe und wünschenswerten Mischverhältnissen geschlossen. Die Anklänge an vor allem Brave New World aber auch 1984 sind dabei nicht zu übersehen.

„Munsell tells us over and over again that inquisitiveness is simply the first step on a rocky road that leads to disharmony and ruin“

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Die Geschichte spielt sich auf der Erde ab, allerdings einer völlig veränderten. Die vorhergehende Population (ja, das wären dann wir) ist komplett ausgelöscht worden und niemand weiß, warum. Die neue Bevölkerung ist menschenähnlich, unterscheidet sich aber in einigen Merkmalen. Hinterlassen haben die Menschen einige wertvolle Artefakte wie Autos, Gemälde und Glühbirnen, die aber aufgrund eines Beschlusses nicht mehr benutzt werden dürfen. Für Beschlüsse dieser Art ist das Buch Munsell da – es gibt dieses Buch übrigens tatsächlich und es ist ein Verzeichnis für Farbreferenzen. Geregelt wird dort ungefähr alles – wer welche Stellung haben kann und darf, wie geheiratet werden soll und dass man nachts die Siedlungen nicht verlassen darf. Verstöße werden umgehend und streng geahndet, wer zu viele Strafpunkte sammelt, wird zum „Reboot“ geschickt, einer Art Gehirnwäsche, die aus den Abweichlern wieder verlässliche Mitglieder der Gesellschaft machen soll. Und es klappt – das Zusammenleben unter den strengen Regeln ist bei weitem nicht harmonisch, aber große Ausreißer gibt es aufgrund der drakonischen Bestrafungen nicht. Auch Protagonist Eddie Russett bildet da keine Ausnahme. Zwanzig Jahre lang hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen, jetzt aber hat sein Vorschlag für verbessertes Schlangestehen dazu geführt, dass er in das abgelegene East Carmine geschickt wird, wo er eine Stuhlzählung durchführen soll.

Dort trifft er auf die rebellische Jane, eine Graue, die sich gegen die Herrschaftsordnung auflehnt und offenbar mehr über einige Dinge weiß, als Eddie sich träumen lässt. Sie weiß, dass das geregelte Zusammenleben nur eine schöne Fassade ist und hinter den Kulissen Dinge geschehen, von denen die meisten Bewohner nicht die leiseste Ahnung haben.

Neben der strengen Beachtung der Regeln ist Farbe das wichtigste in dieser Welt. Durch bestimmte Farbzusammenstellungen kann man Krankheiten heilen, sie werden als Droge benutzt und am Ende seines Lebens begibt man sich in einen grünen Raum, dessen Farbe einen sanft und glücklich entschlafen lässt. Farbe ist ein wertvoller Stoff, der über komplexe Leitungssysteme im ganzen Land verteilt wird, denn von Natur aus hat fast nichts eine Farbe. Und der Test der Farbwahrnehmung, die Ishihara, ist der Tag, an dem aus Jugendlichen Erwachsene werden, mit einer festen und unverrückbaren Stellung in der Gesellschaft.

Ffordes Kreativität und Erfindungsreichtum kommen in diesem Roman wieder voll zur Geltung. Während bei Thursday Next langsam ein bisschen die Luft raus ist, ist Shades of Grey ein origineller, überraschender und spannender Roman. Es gibt einige wenige Längen, besonders wenn das komplexe Hochzeitssystem diskutiert wird, im großen und ganzen aber ist der Roman sehr unterhaltsam und stellenweise auch richtig witzig. In Deutschland war Grau offenbar der totale Flop. Die gebundene Ausgabe war schon nach wenigen Monaten vom Markt verschwunden und eine Taschenbuchausgabe gab es nie. Aber auch international scheint der Roman überraschend wenige Leser gefunden zu haben. Ich vermute, dass das daran liegen könnte, dass beinahe zeitgleich ein völlig anderer Roman mit sehr ähnlichem Titel erschienen ist, der ungleich erfolgreicher wurde. Diesen kommerziellen Misserfolg führte Fforde Ende 2016 als Grund dafür an, dass noch immer keine der beiden hinten im Buch angekündigten Fortsetzungen erschienen ist – und wohl auch auf absehbare Zeit nicht erscheinen werden. Das ist schade, weil ich tatsächlich sehr gerne mehr aus dieser Welt gelesen hätte, aber auch als alleinstehender Roman macht Shades of Grey eine Menge Spaß.


Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road to High Saffron (I). Hodder & Stoughton 2011. 435 Seiten, ca. € 10,-. Originalausgabe Hodder & Stoughton 2010. Deutsche Übersetzung: Grau. Übersetzt von Thomas Stegers. Bastei 2011. Die Printausgabe ist vergriffen, lieferbar ist das eBook für € 15,99.

Das Zitat stammt von S. 207

Umzug

Zunächst seid unbesorgt, der Blog bleibt, wo und wie er ist. Aber ich brauche ganz dringend einen massiven Tapetenwechsel und ziehe aus diesem und anderen Gründen in den nächsten Wochen um nach Bremen. Obwohl ich in den letzten zehn Jahren acht mal oder so umgezogen bin, finde ich es immer noch den totalen Horror und werde in den nächsten Wochen kopflos zwischen Kartons herumirren. Vorher muss ich mich auch nochmal in der alten Heimat blicken lassen, da war ich jetzt auch schon ein Jahr nicht mehr. Da wird fürs Bloggen, fürchte ich, wenig Zeit bleiben. Erschwerend hinzu kommt, dass ich ab Mitte des Monats zu Hause kein Internet mehr haben werde.

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Natürlich habe ich vorgearbeitet und auch in der nächsten Zeit werden hier regelmäßig Beiträge erscheinen. Nur kann es sein, dass ich eure Kommentare und auch eure Blogs ein bisschen vernachlässigen werde.

Ich hoffe in ein paar Wochen, spätestens Anfang Mai, wieder voll da zu sein. Bis dahin habt eine schöne Zeit, ich geh jetzt Bücherkisten packen.

Essen aus Büchern: Nga Sak Kin aus John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Wenn man “Nga Sak Kin” googled, findet man zwei Dinge. Zum einen Treffer mit Bezug auf Gottes Werk und Teufels Beitrag, zum anderen Artikel über verschiedene Feiertage in Myanmar, an denen angeblich besonders oft Nga Sak Kin gegessen wird. Offenkundig beziehen die Autoren dieser Texte ihr Wissen über die burmesische Küche von Irving. Ein Rezept zu finden war außergewöhnlich schwierig, vor allem weil die Schreibweise “Nga Sak Kin” selten bis gar nicht vorhanden zu sein scheint.

Die Familien aßen draußen auf einer Veranda. Sie gaben ihm Reis, Tee und jede Menge Sachen mit Curry. Als sein Fieber fiel, aß Wally Panthay Khowse (Nudeln mit Huhn), und Nga Sak Kin, Fischbällchen mit Curry. Dies waren die ersten Wörter, die seine burmesischen Retter ihm beizubringen versuchten.

Auf die richtige Spur in Form der phonetisch ähnlichen aber anders umgesetzten Schreibweise “Nga Soke” brachte mich ausgerechnet ein Buch über Surimi. Dass das Zeug sich in meinem Leben nochmal als hilfreich erweisen würde!

Auch im Roman führt der ungewohnte Name des Gerichts zu Missverständnissen. Wally nimmt zuerst an, es seien die Namen seines burmesischen Retters und seiner Frau, später wird es zu einem exotischen Segenswunsch, mit dem der jüngst aus den ehemaligen Kolonien zurückgekehrte Dr. Stone das Komitee des Waisenhauses beeindruckt.

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Meine Bücher für die letzten Winter – und die ersten Frühlingstage

2017 hat damit angefangen, dass ich etwas gewonnen habe und sogar ein Buch! Beim Geburtstags-Gewinnspiel von Poesierausch gab es Johnny und Jean von Präauer zu gewinnen und ich hatte Glück, was mich natürlich sehr gefreut hat. Wird sofort gelesen!

Auch ein Sachbuch steht dieses mal auf der Liste, nämlich Gift of the Crow von Marzluff. Marzluff kenne ich aus einigen Dokus über Krähen, die gucke ich mir erstaunlich oft an. Ich finde das ja super Vögel, auch wenn sie sehr laut werden können. Ich bin gespannt, was es noch über sie zu sagen gibt.

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Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Arbeit und Struktur ist der Blog Wolfgang Herrndorfs, in dem er vor allem von seiner Erkrankung berichtet. 2010 wird bei ihm ein Gehirntumor, ein Glioblastom diagnostiziert. Mit Chemo und OPs überlebt er unerwartet lange. Am 26.08.2013 erschießt er sich am Landwehrkanal. Nach seinem Tod wurde der Blog in Buchform veröffentlicht, ist bis heute aber auch online verfügbar.

„Oft denke ich eine halbe Stunde oder länger nicht an den Tod.“

2016-11-01-13.52.54.jpg.jpgDass Arbeit und Struktur kein einfaches Buch sein würde, war mir klar, schließlich handelt es vom Tod eines Menschen. Aber, so dachte ich, würde es mir auch nicht sehr nahe gehen, schließlich kannte ich Herrndorf nicht und sein Tod wäre also für mich nichts anderes als der einer fiktiven Figur oder einer historischen Person. Ich habe am Ende fast vier Wochen gebraucht für dieses Buch, weil ich es immer wieder weglegen musste, weil Herrndorf mich immer wieder völlig kalt erwischt hat mit einem einzigen Satz, mit einem blöden Halbsatz. Herrndorf konnte außergewöhnlich gut schreiben und seine Worte haben eine ungeheure Wucht. Weiterlesen

Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Als ich an meinem derzeitigen Arbeitsplatz anfing, kam ich als Ersatz für einen ca. 50jährigen Kollegen. Er erklärte mir alles. Alles alles. Wie die relevanten Computerprogramme funktionieren (nützlich, zugegeben), wie eine Rechnung aufgebaut ist, dass es nicht klug war, in eine Dachgschoss-Wohnung zu ziehen und wie der Wasserkocher funktioniert. Es war völlig egal, wie oft ich sagte, dass ich um die mitunter problematischen Isolierungen von Dachgeschossen weiß, dass ich Rechungen schreiben und zahlen kann und auch schon mal Tee gekocht habe. Er redete und redete und redete. Und hinterließ mir, als er ging, ein heilloses Durcheinander, weil er mir zum Beispiel nicht erklärt hatte, welche Bestellungen er für die nächsten Monate schon getätigt hatte oder wo in seinem Chaos ich diese Infos finden konnte. Aber hey, der Wasserkocher, danke nochmal. Mansplaining in Höchstform?

Der Begriff des Mansplaining wird oft Rebecca Solnit zugeschrieben. Sie selbst ist nicht dieser Ansicht, unbestreitbar aber war ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ausschlaggebend für die Diskussion um diese Thematik und führte letzlich mit zur Prägung des Begriffs. In diesem titelgebenden Essay berichtet sie von einer Party, bei der ihr Gastgeber ihr begeistert von einem neuen, ganz wichtigen Buch über den Fotografen Muybridge erzählte. Solnits Begleitung versuchte mehrfach, ihm zu sagen, dass Solnit selbst dieses Buch geschrieben hat. Vor lauter Selbstgefälligkeit hörte der Gastgeber diesen Hinweis aber erst beim dritten Mal und musste kleinlaut zugeben, dass er das Buch nicht mal gelesen hatte.

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Bob Holmes: Geschmack

Der Geschmack, so die These des Autors, ist ein völlig vernachlässigter Sinn. Natürlich nutzt man ihn täglich, aber man achtet oft nur wenig darauf. Viele Menschen essen nebenbei, im Gehen oder beim Fernsehen und konzentrieren sich nicht auf das, was sie essen. So kommt es, dass uns oft auch das Vokabular fehlt, einen Geschmack differenziert zu beschreiben. Forelle und Hering schmecken völlig unterschiedlich, Butternut und Hokkaido auch, aber es nicht leicht, diesen Unterschied präzise in Worte zu fassen. Noch schwieriger ist es beim Riechen, das den Geschmack immens beeinflusst. Für Gerüche haben die meisten Menschen kaum ein aussagekräftiges Vokabular und oft bleibt nur der Vergleich mit anderen, bereits bekannten Gerüchen.

„Wir analysieren unsere Geschmackserfahrungen nicht, und so kommt es, dass wir auch nicht darüber reden und nachdenken.“

Während wir selbst oft nicht gut ausdrücken können, was wir schmecken, lebt eine ganze Industrie bestens davon. Viele Firmen machen nichts anderes als Geschmack und Geruch in Lebensmittel zu bringen und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Im schlechtesten Fall dienen Aromen und Geschmacksverstärker dazu, billige Grundstoffe besser schmecken zu lassen und den Verbraucher über die eigentliche Minderwertigkeit hinweg zu täuschen. Im besten Fall dient der verbesserte Geschmack einer Reduktion von Fett, Salz oder Zucker und macht das Lebensmittel vielleicht sogar gesünder. Und in Sonderfällen soll der Geschmack einfach etwas Besonderes, Unbekanntes sein, das der Verbraucher noch nie geschmeckt hat –  deswegen schmecken Energy Drinks so grauenhaft.

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