Henning Ahres: Lauf Jäger lauf

Zorrow reist mit dem Zug nach Nillberg, als er beim Blick aus dem Fenster einen Fuchs sieht. Einem Impuls folgend, stoppt er den Zug per Notbremse und rennt, sein Gepäck zurücklassend, dem Tier hinterher. Schnell verliert er sich in der eintönigen Landschaft und sein Plan, die Reise nur kurz zu unterbrechen, wird von einer Gruppe Widergänger vereitelt, die ihn gefangen nehmen und in das von ihnen bewohnte Gutshaus schleppen. Die Widergänger, von Zorrow einmal auch Wiedergänger genannt, verstecken sich hier vor ihrem Erzfeind Erk, der Flügel hat und mit Feuer schießen kann. Sie sind sich sicher, dass dieses Wesen sie töten will und vermuten in Zorrow einen Spitzel.

„Ein Trottel. Den Zug zu stoppen, um einem Fuchs hinterherzulaufen. Was führt er im Schilde?“

Gerettet wird er durch die Intervention des Malers, der Anführer der Gruppe ist. Er ist auch der einzige, der den mysteriösen Nebel in der Nähe des Hauses betreten kann und darf. Dafür, dass der Maler auf seiner Seite steht, muss Zorrow ihm in geborgten Frauenkleidern sexuell zu Diensten sein, was ihm sehr unangenehm ist, vor allem da häufig ein Revolver Anwendung findet und er schließlich einen Schneidezahn verliert. Die Existenz von Nillberg bestreiten die Widergänger vehement und das Ticket, das mal ein Beweis für Zorrows Vorhaben war, ist verbrannt. Vermutlich wäre es aber ohnehin nicht von Nutzen, denn Schriftstücke haben in diesem Roman die unangenehme Angewohnheit, sich unerklärlich zu verändern. Und nicht nur Schriftstücke können das. Sein Ziel, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, hat Zorrow aber jedenfalls umsetzen können.

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Die Landschaft um das Gut herum ist norddeutsch eintönig, kein weiteres Haus und keine Menschenseele ist in Sicht. Auch die Sprache des Romans wirkt stellenweise, als sei sie aus dem Editorial der „Land und Forst – Landwirtschaft und Landleben in Niedersachsen“, einer Zeitschrift, die ich mit großem Interesse lese, wann immer ich die Gelegenheit habe. Das Gehör der Fähe blitzt im Flatterbinsen auf, der Fang leicht geöffnet, während Zorrow behände von Bult zu Bult springt. Ich sehe, warum der Autor das macht, manchmal wünscht man sich aber, er hätte das Jagdlexikon mal eben im Regal gelassen. In regelmäßigen Abständen flattert zudem von der Schnepfe bis zur Ralle alles auf, was in der lokalen Vogelwelt Rang und Namen hat, unterlegt von passenden Rufen aus „Was fliegt denn da“. Das „Flieh!Flieh!Flieh!“der Rohrweihe aber hört nur Zorrow.

Leichter gesagt als getan, dieser hervorragende Plan des klugen Vogels. Nachdem die Widergänger hartnäckig darauf bestehen, es gäbe Nillberg nicht, hat Zorrow selbst schon Zweifel. Hinzu kommt nach jedem missglückten Fluchtversuch die Angst vor dem Zorn des Malers. Einmal findet er Gleise, sieht sogar einen Zug darauf fahren, doch als er den Gleisen folgt, werden sie älter und älter und enden schließlich an der Station Morrzow – genau da, wo Zorrow hoffnungsfroh aufgebrochen ist.

„viele Pflanzen sind Selbstbefruchter und die innere Weite des Menschen ist gewaltig.“

Was in diesem Roman real ist und was eine Phantasie oder eine Wahnvorstellung, bleibt unklar. Auch erfährt man nicht, was es mit den Widergängern auf sich hat, warum sie sich in einem alten Gut verschanzen und ob die Angst vor dem unheimlichen Erk begründet ist. Es ist ein absurdes Buch und man muss sich darauf einlassen können und wollen, dass es hier weder um stringente Handlung noch um die Beantwortung von Fragen geht. Wer aber Lust hat auf eine mysteriöse Geschichte inmitten archaischer Natur und einer anarchischen Gemeinschaft, ist hier gut aufgehoben. Ebenso wie Zorrow verliert man sich beim Lesen im immerwährenden Nebel, hat aber immerhin den Vorteil, dass man jederzeit ausbrechen kann, wenn man denn will.  Denn so packend ist das Buch nun auch nicht, dass es einen auch außerhalb der Buchdeckel noch verfolgen würde.


Henning Ahrens: Lauf Jäger lauf. Fischer Taschenbuch 2002, 256 Seiten.

Das erste Zitat stammt von S. 22, das zweite von S. 238.

Essen aus Büchern: Mince Pies aus Margaret Atwoods „Alias Grace“

Im Roman Alias Grace gibt es für die Protagonistin Grace Marks nur wenige positive Erinnerungen. Eine davon ist ein Weihnachtsfest, bei dem sie und die anderen Hausangestellten ein eigenes kleines Festmahl bekommen. Es ist ein großes und wohlhabendes Haus mit entsprechender Dienerschaft und Grace kann einen seltenen glücklichen, friedlichen Moment erleben:

„The snow had fallen heavily that day, and the people were out in their sleighs, with bells on the horses, and it sounded very pretty. And after the family had eaten their Christmas dinner the servants ate theirs, and had their own turkeys and mince pies, and we sang some carols together, and were glad.
This was the happiest Christmas that I ever spent, either before or after.“

Mincemeat ist ein sehr altes Rezept, das sich im Laufe der Zeit sehr verändert hat. Ursprünglich enthielt es tatsächlich gehacktes Fleisch, zu der Zeit in der Alias Grace spielt, allerdings schon nicht mehr. Seitdem wird es nur noch mit Trockenfrüchten, Äpfeln und Nüssen hergestellt. Traditionell sind die verwendeten Früchte Korinthen, Sultaninen und Rosinen, modernere Varianten tauschen die Trockenfrüchte mitunter auch gegen Aprikosen, Cranberries oder diverse andere aus. Geht alles.

Das Ziel dieser Reihe ist ja aber immer, das Rezept zu machen, das der Text am ehesten trägt. Aus Lebenszeit und -umständen von Grace ist zu schließen, dass ihr eher Fette wie Talg und Schmalz als Butter oder Pflanzenfette zur Verfügung standen. Rindernierenfett ist tatsächlich die traditionelle Zutat in der Füllung und dem Teig von Mince Pies. Es ist in Deutschland nur recht schwer zu bekommen und dann meistens als Zutat für Tierfutter. Metzger können es manchmal besorgen, in der Theke hat das wahrscheinlich keiner liegen. Eine etwas verarbeitungsfreundlichere Variante ist „Shredded Suet“, das z.B. von Atora hergestellt wird und zumindest online zu kriegen ist. Es ist kein reines Fett sondern mit Weizenmehl versetzt um Flocken zu erzeugen. Man muss dieses Rezept allerdings nicht mit Rindertalg machen. Eine beliebte Variante für die Füllung ist z.B. Kokosfett oder auch Butter. Auch den Teig kann man ersatzweise mit Butter herstellen. Es wird und schmeckt dann natürlich etwas anders, aber man kann auch das auf jeden Fall immer noch als Mince Pie durchwinken.

Die hier angegeben Menge Mincemeat ist recht viel. Man sollte Mincemeat mindestens zwei Wochen im Voraus herstellen, damit es durchziehen kann. Aufbewahrt wird es in sterilisierten, dicht schließenden Gläsern an einem dunklen Ort. Dort hält es sich mindestens 6 Monate. Da die Herstellung zwar einfach aber recht zeitaufwendig ist, lohnt es sich, eine größere Menge im Voraus zuzubereiten und erst nach und nach zu verbrauchen.

Die Verhältnisse der Zutaten unterscheiden sich je nach Rezept mitunter erheblich. Besonders bei der Brandy-Menge scheiden sich die Geister – die Angaben, die ich gefunden habe, schwanken zwischen 60 und 250 ml. Ich habe einen vorsichtigen Mittelweg gewählt, weil ich vorherrschenden Alkoholgeschmack in Kuchen und ähnlichem nicht sehr schätze. Aber kippt da ruhig mehr rein, wenn ihr wollt.

Doch jetzt genug geplappert, hier kommt das Rezept:

Mince Pies

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(die unten angegebene Teigmenge reicht für 12 muffingroße Pies, das Mincemeat wie schon erläutert für deutlich mehr)

Mincemeat

(für diese Menge braucht ihr Einmachgläser/Marmeladengläser im Gesamtvolumen von ca. 1,5 l)

  • 300 g Apfel (am besten Boskoop)
  • 250 g Sultaninen
  • 250 g Rosinen
  • 250 g Korinthen
  • 1 unbehandelte Zitrone
  • 250 g brauner Zucker
  • 50 g Orangeat
  • 50 g Zitronat
  • 50 g Mandelstifte
  • 1 TL Zimt, gemahlen
  • 1 TL Piment, gemahlen
  • 1/2 TL Muskat, gemahlen
  • 1/4 TL Koriander, gemahlen
  • 100 ml Brandy
  • 150 g Rindernierenfett, gerieben (oder shredded suet)

Den Apfel schälen, das Kerngehäuse entfernen, das Fruchtfleisch fein hacken. Die Zitrone heiß abwaschen, die komplette Schale abreiben und die Hälfte der Zitrone auspressen. Orangeat und Zitronat fein hacken. Je nach Größe der Mandelstifte auch diese evtl. noch feiner hacken.

Alles in eine große Schüssel geben. Sultaninen, Korinthen und Rosinen, Mandeln, Zucker und alle Gewürze zugeben. Gründlich verrühren. Die Schüssel abdecken und die Mischung an einem kühlen Ort mindestens sechs Stunden oder besser über Nacht ziehen lassen.

Anschließend die Mischung in eine ofenfeste Form umfüllen und das Fett zugeben. Mit Alufolie lose abdecken und im Ofen bei 110°C 2,5 Stunden garen. Die Form herausnehmen und die Alufolie entfernen. Während des Abkühlens die Mischung ab und zu durchrühren, damit das Fett sich gleichmäßig verteilt. Wenn das Mincemeat fast vollständig erkaltet ist, den Brandy unterrühren und ein letztes mal alles gut durchmischen.

Das Mincemeat in die vorbereiteten, sterilen Gläser abfüllen. Mit einem Löffel gut festdrücken, damit möglichst wenig Luftblasen in den Gläsern verbleiben. Gut verschlossen, an einem trockenen, dunklen Ort hält Mincemeat sich mindestens 6 Monate (manche sagen, sie hätten das bis zu drei Jahre aufgehoben. Das möchte ich nicht versprechen). Vor dem Weiterverarbeiten sollte man dem Mincemeat mindestens 14 Tage Zeit zum Durchziehen lassen. Wer also dieses Jahr zu Weihnachten Mince Pies essen will, fängt besser gleich an.

Mince Pies

(in dieser Variante mache ich 12 kleine Pies in einem Muffinblech. Jede andere runde Kuchenform tut es auch, dann verlängert sich allerdings die Backzeit um wenige Minuten)

  • 500 g Mincemeat
  • 330 g Weizenmehl + etwas mehr zum Verarbeiten
  • 1 gehäufter TL Backpulver
  • 200 g Shredded Suet
  • 150 ml kaltes Wasser
  • 25 g Zucker
  • 1 Prise Salz
  • 1 Ei
  • Öl für die Form
  • wenn gewünscht Puderzucker zur Dekoration

Den Zucker im Wasser auflösen. In einer Schüssel Mehl, Backpulver, Salz und Shredded Suet vermengen. Das Wasser nach und nach zugeben und untermengen. Der Teig gerät recht klebrig, und wer mit den Händen knetet, sollte diese vorher mit Mehl bestäuben. Wenn der Teig fertig ist, in Frischhaltefolie einwickeln und im Kühlschrank mindestens 30 Minuten ruhen lassen.

Den Ofen auf 180°C (Umluft) vorheizen. Die Mulden eines Muffinblechs mit Öl ausstreichen. Den Teig portionsweise ca. 2 mm dick ausrollen. Mit Hilfe einer kleinen Schüssel 12 Kreise von etwa 14 cm Durchmesser ausstechen. Mit einem Glas weitere 12 Kreise mit einem Durchmesser ausstechen, welche der Weite der Formen entspricht. Bei mir waren das 7,5 cm, die meisten Bleche dürften da ähnlich dimensioniert sein.

Mit den größeren Teigkreisen die Mulden auskleiden, so dass der Teig oben ein wenig übersteht. Den Boden mit einer Gabel einstechen. In jede Mulde etwa 2 EL Mincemeat geben. Das Ei verrühren. Mit dem Ei die überstehenden Teigränder einstreichen und die Deckelplatten auflegen. Die Schnittkanten gut zusammendrücken. Mit dem übrigen Ei die Pies bestreichen und die Deckel mit einem scharfen Messer kreuz- oder sternförmig einschneiden. Im vorgeheizten Ofen auf mittlerer Schiene 15-20 Minuten backen, bis die Oberfläche goldbraun wird.

Wer möchte, kann die Pies anschließend noch mit Puderzucker bestreuen oder auf andere Art dekorieren. Warm aus dem Ofen sind die Pies sehr lecker, sie können aber auch gut vorbereitet und evtl. später aufgebacken werden.


Das Zitat stammt von S. 170 von Margaret Atwood: Alias Grace. Anchor Books 1996.

Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant

Als 1975 das letzte Flugzeug Saigon verlässt, ist der namenlose Erzähler mit an Bord. Als rechte Hand des Polizeigenerals konnte er gerade noch rechtzeitig Visa für sich und die Familie des Generals bekommen. Zusammen mit dem General wird er nach Guam gebracht und landet schließlich ebenfalls mit ihm zusammen in den USA, ein Land, das dem Erzähler bereits aus Studententagen vertraut ist. Allerdings fällt ihm die Eingewöhnung nicht leicht, wie auch den meisten seiner Landsleute. Vor allem ehemals hochrangige Armeeangehörige leiden darunter, dass sie nun ihren Lebensunterhalt als Imbissköche oder Schnapsverkäufer bestreiten müssen und ihnen keinerlei Achtung mehr entgegengebracht wird. Der General ist erleichtert, dass er in dieser komplizierten Situation seinen treuen Adjutanten noch immer an seiner Seite hat und vertraut ihm blind. Als klar wird, dass sich in der vietnamesischen Community ein kommunistischer Spion verbergen muss, wird der Erzähler sogar damit beauftragt, den vermeintlichen Maulwurf zu töten.

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Was der General nicht weiß: der Erzähler selbst ist der Spion. Er war es schon in Vietnam und er ist es in den USA selbstverständlich geblieben. Woche für Woche schreibt er kompliziert chiffrierte Briefe an eine angebliche Tante in Paris, von wo die Briefe direkt nach Ho-Chi-Minh-Stadt weitergeleitet werden. Dort ist man sehr interessiert zu hören, dass der General von den USA aus versucht, eine Widerstandsarmee auf die Beine zu stellen, die die kommunistische Herrschaft im Heimatland beenden soll. Für den Erzähler wird die Situation immer vertrackter, denn einer seiner ältesten Freunde will sich der Armee anschließen und dessen Tod will er keinesfalls riskieren. Und von Anfang an ist klar, dass es irgendwann schief gehen wird, denn der Roman ist als Geständnis an einen Kommandanten gerichtet, geschrieben in der Einzelhaft.

Eine konfliktbeladene Identität verfolgt den Erzähler schon seit seiner Kindheit. Er ist das Kind einer sehr jungen vietnamesischen Frau und einem deutlich älteren französischen Mann, dessen Haushälterin sie war. Selbstverständlich verleugnet der Vater jede Beziehung zu dem Jungen. Unter den Kindern an der Schule gilt der Erzähler als „Bastard“, in den USA als „Amerasier“ und sobald es mit einer der beiden Communities zum Konflikt kommt, wird ihm seine Herkunft vorgehalten. Der Erzähler nimmt sich diese Ablehnung immer sehr zu Herzen und verunsichert wie er ist, klappt es dann auch mit der Liebe nicht besonders gut, was ihn noch frustrierter zurücklässt. Einzig als Berater in Hollywood kommt ihm seine doppelte Identität zugute. Für einen Kriegsfilm, der schwer nach „Apocalypse Now“ klingt, soll er dafür sorgen, dass die Vietnamesen möglichst authentisch erscheinen. Doch so viel Mühe er sich auch gibt, am Ende ist es doch wieder eine Kriegserzählung aus amerikanischer Sicht, die vietnamesischen Komparsen nur austauschbare Figuren für ein bisschen Lokalkolorit und er selbst ist um eine weitere Frustration reicher.

„Ah ja, der Amerasier, für immer gefangen zwischen zwei Welten. Nie weiß er, wo er hingehört. Stellen Sie sich vor, Sie würden nicht an dieser ständigen Verwirrung leiden, an diesem ständigen Konflikt zwischen Orient und Okzident, den sie innerlich austragen müssen und der über Ihren Kopf hinweg ausgetragen wird.“

Der Erzähler, der noch nicht mal seinen Namen verrät, von dem auch niemals erfährt, wie er aussieht, ist ein Musterbeispiel für einen unzuverlässigen Erzähler. Niemals kann man sicher sein, wem seine Loyalität wirklich gilt und an welchen Stellen er wirklich in einer moralischen Zwickmühle ist. Nach einem zweiten Mord lasten zusätzlich noch zwei Geister auf seinem Gewissen, die ihm überall hin folgen und ihn nicht unbedingt zurechnungsfähiger erscheinen lassen. Der Sympathisant hat in den USA für viel Aufsehen gesorgt, weil es eine der wenigen Erzählungen über den Vietnam-Krieg ist, die das Geschehen nicht aus US-amerikanischer Perspektive schildern. Tatsächlich ist es eine spannende Abwechslung, den Bericht von jemandem zu lesen, der mittendrin steckt, dessen Heimat vom Krieg zerstört wurde, der nicht „nur“ als Soldat einer fremden Macht mit dabei war. Als Spion, der ideologisch der einen Seite verbunden ist, persönlich aber oft genug der anderen, bezieht der Erzähler auch keine klare Stellung und findet schwer, den internen Konflikt Vietnams zu beurteilen. Wenn er im Roman danach gefragt wird, antwortet er ausweichend, statt Stellung zu beziehen und nimmt so den Lesenden nicht die Entscheidung ab, auf wessen Seite man nun besser stehen sollte.

Aller Spannung zum Trotz fand ich den Roman zum Teil aber auch ein wenig langatmig. Über lange Strecken ist nicht klar, wo der Erzähler hin will und was sein nächster Plan ist. Das weiß er eben auch einfach nicht, so ist der Charakter aufgebaut. Außerdem ist er auf beiden Seiten von Befehlen abhängig und kann im Grunde nur machen, was ihm entweder der General oder der Kommandant befehlen. Diese Episoden ziehen sich zum Teil nicht unerheblich, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass Der Sympathisant ein interessanter, spannender und lesenswerter Spionageroman ist.


Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant. Gelesen als eBook in der Ausgabe Blessing 2017. Übersetzung durch Wolfgang Müller. Originalausgabe: The Sympathizer bei Atlantic Monthly Press 2015.

Das Zitat stammt von S. 77/406.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Jasper Fforde: The Woman Who Died a Lot

Im siebten und bisher letzten Teil* der Thursday Next-Reihe versetzt Fforde seine Protagonistin Thursday in eine Art Vorruhestand. Nachdem der sechste Teil für sie nicht ganz glimpflich geendet hat, soll sie ein bisschen kürzer treten und ist kein Teil der SpecOps mehr sondern Bibliothekarin. Aber es wäre kein Thursday Next-Roman wenn sich ihre Rolle einfach darauf beschränken würde, die nächsten 300 Seiten „Psst!“ zu sagen. Schon bei ihrem ersten offiziellen Einsatz – sie soll die Bibliothek im Kloster der Blessed Lady of the Lobster sichten – gibt es beinahe Tote. Offenbar ist die Goliath Corporation noch immer daran interessiert, die komplette und vollständige Macht über den Planeten und die Menschheit zu erlangen. Und auch in ihrer neuen Rolle bleibt Thursday ihre Erzfeindin.

Fforde_ThursdayVII

Noch dazu muss sie ihren Sohn Friday davon abhalten einen Mord zu begehen, der vorherbestimmt ist und auch noch versuchen, den Zorn der Global Standard Deity in den Griff zu kriegen. Teile ihrer Heimatstadt Swindon stehen nämlich unmittelbar davor, durch eine himmlische Feuersäule göttlichen Zorns vernichtet zu werden. Verkompliziert wird das alles dadurch, dass Goliath Thursday ständig durch Doubles ersetzt, was erhöhte Vorsichtsmaßnahmen nötig macht und zumindest auf der Double-Seite eine ganze Reihe Opfer fordert.

„Working in fiction gives one a somewhat tenuous hold on reality, but it’s not the hold that’s tenuous – it’s the reality: which reality, whose reality, does it matter anyway – and will there be cake.“

Nachdem ich von Teil V und VI der Serie nicht mehr sehr begeistert war, habe ich zu diesem einen überraschend leichten Zugang gefunden. Trotzdem fand ich, dass The Women Who Died a Lot nicht mehr viel mit dem Beginn der Serie zu tun hatte. Der Charme der ersten Teile ist die Buchwelt, in der Thursday sich bewegt und in der sie auf viele Charaktere trifft, die man aus der Literatur kennt. Die „Technologie“ dieser Welt und fast alle Referenzen und Witze beziehen sich auf irgendeine Art auf Bücher und das Lesen. Seit Thursday die Fähigkeit verloren hat, sich in diese Welt einzulesen und erst recht, seit sie kein Literary Agent der SpecOps mehr ist, verliert dieser Teil immer mehr an Bedeutung und verschwindet in diesem Buch ganz. Das Schicksal ihres Sohnes, die genialen Erfindungen ihrer Tochter und eine weitere, imaginäre Tochter sowie der damit verbundene Kampf gegen ihre langjährige Feindin Aorins spielen eine weit größere Rolle. Bücher verkommen dabei beinahe zur Nebensache.

Die Handlung aber ist immerhin stringenter als im ziemlich wirren Vorgänger und die Gags wirken weniger recycelt. Dennoch würde ich mich sehr wünschen, dass Thursday, wenn sie irgendwann mal zurückkehrt, wieder mehr in den Büchern unterwegs ist und ihr die kreative Pause gut getan hat und die wirklich guten Ideen nicht in den anderen Projekten stecken. So oder so werde ich, nachdem ich nun schon beim siebten Teil bin, natürlich auch den achten lesen, das ist ja klar.

* ein achter Teil ist seit Jahren geplant. Derzeitiger Stand ist laut Autor, dass jetzt erst ein reihenloses Buch über Häschen kommt, dann Dragon Slayer 4, dann Shades of Grey 2 und dann Thursday Next 8. Also mal sehen. Für Shades of Grey 2 wird es aber auch ernsthaft Zeit.


Jasper Fforde: The Woman Who Died a Lot. Hodder & Stoughton 2013. 380 Seiten. Erstausgabe beim gleichen Verlag 2012. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

Helen Dunmore: A Spell of Winter

Cath und Rob wachsen um die Jahrhundertwende bei ihrem Großvater auf einem Landsitz im englischen Nirgendwo auf. Die Mutter hat sich abgesetzt und lebt gerüchteweise irgendwo in Frankreich, der Vater wurde kurz nach ihrem Verschwinden in ein Sanatorium eingewiesen. Als Ersatz gilt den beiden Haushälterin und Kindermädchen Kate, die zusammen mit dem übrigen Personal das beste gibt, den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Denn trotz großzügiger Ländereien kreist der Pleitegeier über dem Landsitz, darüber können auch die rauschenden Bälle nicht hinwegtäuschen. Rettung verspricht der Nachbar George Bullivant, der aus einem Austen-Roman sein könnte, nicht nur einen ausgesuchten Kunstgeschmack sondern auch Ländereien in Italien hat und glücklicherweise auch Interesse an Cath. Die aber ist viel zu sehr in ihrer eigenen Welt verhaftet und hat zudem noch eine inzestuöse Beziehung zu ihrem Bruder, die ihr immer selbstverständlicher vorkommt, von der sie aber auch weiß, dass niemals jemand davon erfahren darf.

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Kamila Shamsie: A God in Every Stone

Es ist eine ungewöhnliche Chance, die Vivian Rose Spencer 1914 bekommt: die junge Archäologin darf mit der Erlaubnis ihres Vaters an einer Ausgrabung im türkischen Labraunda teilnehmen. Leiter der Ausgrabung ist der Armenier Tahsin Bey, ein Freund ihres Vaters, mit dem sie bald tiefe Gefühle verbinden. Sie plant schon zukünftige Sommer in der Türkei als Mrs. Bey, doch als die Archäologen nach Wochen abgeschiedener Ausgrabungen wieder in die Zivilisation zurückkehren erfahren sie mit Schrecken vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Alle sind sich einig, dass der Spuk in wenigen Monaten der Vergangenheit angehören wird. Vivian kehrt schnellstmöglich in die Heimat zurück und arbeitet in Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht als Krankenschwester. Ihre Briefe in die Türkei bleiben unbeantwortet, eine verspätete Weihnachtskarte an die Familie ist das einzige Lebenszeichen von Tahsin.

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Hilary Mantel: Wolf Hall

Thomas Cromwell spielt in der englischen Geschichte als Wegbereiter der anglikanischen Kirche und bedeutender Berater Henry VIII eine große Rolle. Allerdings taucht er in der Geschichtsschreibung oft als dunkle, geheimnisvolle und oft eher böse und intrigante Figur auf. Mantel weist daraufhin, dass die Wahrnehmung dieses Mannes bis zum viktorianischen Zeitalter eine ganz andere und deutlich positiver war. Erst zu dieser Zeitpunkt begann das Bild des „Emporkömmlings“ ins negative zu kippen. Anders als die meisten anderen Menschen im majestätischen Umfeld hatte Cromwell seine hohe Position nicht qua Geburt sondern durch harte und gute Arbeit erlangt. Als Sohn eines Schmiedes hatte er Jura studiert, war durch Europa gereist, hatte bemerkenswerte Kunstkenntnisse erlangt und mehrere Sprachen erlernt. Er war ein enger Vertrauter Henry VIII und hatte im Laufe der Jahre mehrere wichtige Ämter in dessen Umfeld inne. In diesem Roman tritt er vor allem auch als Vertrauter Anne Boleyns auf, der zweiten Frau des Königs. Cromwell war maßgeblich daran beteiligt, die Abspaltung der anglikanischen Kirche von der katholischen voranzutreiben und so letztendlich eine Ehe zwischen Boleyn und Henry zu ermöglichen. Wenig verwunderlich, dass er sich mit dieser Aktion nicht nur Freunde machte.

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Essen aus Büchern: Pear Belle Hélène aus Ali Smiths „The Accidental“

„Ich esse es ja! Aber nicht unter falschem Namen.“ Birne Helene ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das berüchtigste Dessert deutscher Popkultur. Und da Pappa ante Portas nun wirklich einer meiner ganz großen Lieblinge ist, ist es mir eine besondere Freude, euch heute Birne Helene zeigen zu können. Das Gericht stammt dieses mal aus The Accidental, einem Roman von Ali Smith. In diesem Roman verlebt die Familie Smart einen grauenhaften Urlaub, der von der Ankunft Ambers durcheinander gebracht wird. Amber, die niemand kennt, die aber trotzdem bleibt.

„Unsere Birne Helene ist mit Vanillesoße und wird immer gerne genommen.“ Birne Helene wurde um 1870 von niemand geringerem als Auguste Escoffier entwickelt, anlässlich der Aufführung von „Die schöne Helena“, einer Oper von Offenbach. Damals wurden die Birnen in Läuterzucker pochiert, mit kandierten Veilchen bestreut und mit Vanilleeis und Schokoladensauce serviert. Heute nimmt man, zumindest zu Hause, wahrscheinlich eher Birnen aus der Dose und Schokoladensauce aus der Flasche, vermutlich auch im Haushalt der Familie Smart:

„I thought Pears Belle Hélène, he told Eve. I just need to heat it. I’ll do it in a minute.“

Vater Michael schlägt diesen ungeplanten Impro-Nachtisch vor. Ich glaube nicht, dass er zufällig gerade Birnen pochiert hat, aber wir machen das jetzt mal richtig. Und zwar so:

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Sue Black: Alles, was bleibt

Sue Blacks Arbeit dürfte auf viele Menschen erstmal abschreckend und verstörend wirken: sie ist forensische Anthropologin. Wenn irgendwo eine nicht identifizierbare Leiche gefunden wird, ist es ihre Aufgabe, herauszufinden, wie dieser Mensch einmal hieß, wo er gelebt hat und ob es vielleicht noch eine Familie gibt, die in Ungewissheit lebt und der es helfen kann, die vermisste Person wenigstens ordentlich zu beerdigen.

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Black arbeitet dabei nicht nur in ihrer Heimat, dem schottischen Dundee, sondern gehört auch einem internationalen Team an, das gerufen wird, wenn es irgendwo auf der Welt eine Menge Leichen zu identifizieren gilt. So war sie beispielsweise nach dem Kosovokrieg damit betraut, Menschen zu identifizieren, die in Massengräbern verscharrt wurden. Als ein Tsunami die Asiens traf und mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen, tat ihr Team das möglichste, die Toten sicher zu identifizieren. Die Hinweise, welche die Toten dabei geben, sind sehr spannend und den meisten sicher unbekannt. Klar, Knochenlängen sagen etwas über die Größe des Menschen, Verknöcherungsgrade etwas über das Alter aus. Aber wer weiß denn schon, dass man irgendwo im Kopf eine winzige Höhle namens otische Kapsel hat, die sich beim ungeborenen Kind entwickelt, sich danach nie wieder verändert und für immer Rückschlüsse darauf zulässt, welcher Umgebung die schwangere Mutter zum Zeitpunkt des fraglichen Entwicklungsstadiums ausgesetzt war?

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Garry Disher: Bitter Wash Road

Es ist einsam im australischen Tiverton. Ein Kaff, so klein, dass die Polizeidienststelle von nur einem Beamten besetzt ist, der im angrenzenden Haus auch gleich wohnt. Im Moment ist es Constable Hirsch, der dort seinen Dienst versieht. Freiwillig kommt niemand an diesen Ort, auch Hirsch hat den Aufenthalt einer Strafversetzung zu verdanken. In seiner Heimatstadt Adelaide hat er korrupte Kollegen ans Messer geliefert, während man ihm selbst nichts hat nachweisen können. Dass er sich wirklich nichts hat zu Schulden kommen lassen, können nicht mal seine Eltern glauben.

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