Menschliche Abgründe – „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ von Flannery O’Connor

In den USA gilt Flannery O’Connor als eine literarische Größe, im deutschsprachigen Raum allerdings ist sie kaum bekannt. Mit Keiner Menschenseele kann man noch trauen liegen nun zehn Erzählungen in deutscher Übersetzung vor, die alle eins gemeinsam haben: sie sind abgrundtief böse und verstörend. O’Connors Erzählungen entstanden in den 50er-Jahren und sind angesiedelt im US-amerikanischen Süden, mitten im Bible Belt, wo die Menschen anständig und gottesfürchtig sind, bigott und rassistisch. O’Connor hat ein Gespür für Grenzen und überschreitet sie gekonnt, inhaltlich wie sprachlich. In ihrem Ton ist sie ebenso vulgär und verletzend wie ihre Figuren, was auch in der deutschen Übersetzung beibehalten wurde.

Die Geschichten sind allesamt von einer bissigen Ironie durchzogen und überraschen mit listigen Wendungen. Selbst wenn man spätestens nach der dritten Geschichte ahnt, dass keine einzige gut ausgehen wird, so gelingt der Autorin doch beinahe jedes mal eine überraschende Wendung. Da wird eine ganze Familie das Opfer einer kriminellen Bande, eine Braut wird bei der Hochzeitsreise kurzerhand an einer Raststätte ausgesetzt und ein junges Mädchen fällt auf einen Mann herein, der es nur auf ihre Prothese abgesehen hat.  

„Dem Jungen stand seine Zukunft ins Gesicht geschrieben. Er würde Bankier werden. Nein, schlimmer. Er würde ein kleines Kreditinstitut betreiben. Sheppard wollte, dass der Junge gut und selbstlos würde, und beides war unwahrscheinlich.“

O’Connor, selbst Katholikin, scheint keine hohe Meinung von ihrem evangelikal geprägten Umfeld in Georgia gehabt zu haben. Ihre Geschichten leben sehr von der Fallhöhe zwischen der ehemaligen Plantagen-Herrlichkeit und der inzwischen heruntergewirtschafteten Realität. Die Autorin lässt keine Gelegenheit aus, ihren Mitmenschen ihren Snobismus und ihren abstoßenden Rassismus unter die Nase zu reiben. Etliche von ihnen lässt sie böse darüber stolpern. 

Keiner Menschenseele kann man noch trauen ist ein sehr unterhaltsamer und vielseitiger Einblick in das Werk O’Connors. Ihre Beobachtungsgabe und ihr Blick für das Groteske sind ebenso bemerkenswert wie die Nonchalance, mit der sie in die tiefsten Abgründe menschlicher Niedertracht blickt. Dabei sind viele Motive ihrer Erzählungen unverändert aktuell. Flannery O’Connor ist eine außergewöhnliche und einzigartige Autorin, deren Werk auch im deutschsprachigen Raum eine Wiederentdeckung verdient. Diese Sammlung ist da schon ein sehr guter Anfang. 


Flannery O’Connor: Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys. Aus dem Amerikanischen von Anna und Dietrich Leube. Arche 2018, 343 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 247 aus dem Text „Denn die Lahmen werden die Ersten sein“.

Essen aus Büchern: White Lay Angel Cake aus Cynthia Bonds „Ruby“

Celias legendärer white angel cake begleitet einen ein ganz gutes Stück durch Ruby. Der Roman handelt von der titelgebenden Protagonistin Ruby Bell, die nach langer Abwesenheit zurückkehrt in die Kleinstadt Liberty, in der sie aufgewachsen ist. Die meisten bringen ihr nur Spott und Ablehnung entgegen. Eine Ausnahme ist nur Ephram, der Ruby auch Jahre nach ihrem Weggang nicht vergessen konnte und sich freut, sie wieder in seiner Nähe zu wissen. Ephram lebt auch als erwachsener Mann noch mit seiner Schwester Celia zusammen, die er nun bitten muss, einen Kuchen für seine Freundin zu backen. Er selbst ist nicht dazu in der Lage. Obwohl Celia von Ruby ebenso wenig hält wie der Rest der Stadt, lässt sie sich erweichen. Und das, obwohl dieser Kuchen keine kleine Aufgabe ist, vor allem da Celia sich weigert, irgendwelche elektrischen Geräte zu benutzen:

She made it in that pocket before dawn, when the aging night gathered its dark skirts and paused in the stillness. She made it with twelve new eggs, still warm and flecked with feathers. She washed them and cracked them, one at a time, holding each golden yolk in her palm as the whites slid and dropped through her open fingers. She set them aside in her flowered china bowl. In the year 1974, Celia Jennings still cooked in wood-burning stove, she still used a whisk and muscle and patience to beat her egg whites into foaming peaks. She used pure vanilla, the same sweet liquid she had poured into Saturday night baths before their father, the Reverend Jennings, arrived back in town. The butter was from her churn, the concetioner’s sugar from P & K. And as the stirred the dawn into being, a dew drop of seat salted the batter. The cake baked and rose with the sun.

Selten erfährt ein Kuchen so viel literarische Aufmerksamkeit! Celia gönnt sich kein einziges Stück, schneidet für ihren lieben Bruder aber eines ab, das er nicht essen möchte, weil seine alte Freundin alles haben soll, einen ganzen, unversehrten Kuchen. Celia ist wenig begeistert. Durch fast ganz Liberty muss Ephram den Kuchen tragen, begleitet vom Spott und Angriffen seiner Mitmenschen. Einmal stürzt er fast und kann das empfindliche Teil nur durch vollen Körpereinsatz retten. Fast 100 Seiten braucht er, bis er vor Rubys Tür steht, und dann erfährt er noch nicht einmal Dankbarkeit. Ruby, ausschließlich mit Feindseligkeiten rechnend, attackiert den armen Ephram und der Kuchen landet im Dreck. Gegessen wird er trotzdem, Ruby hat es sich schon lange abgewöhnt, wählerisch zu sein.

White Angel Cake, auch als Angel Food Cake bekannt, ist ein Kuchen, der sehr viel Eiweiß enthält, 12 wie bei Celia, oder sogar mehr. Diese Eier werden zu einem sehr festen Schaum aufgeschlagen und mit relativ wenig Mehl und viel Zucker vermengt. Die Konsistenz ist dadurch auch nach dem Backen sehr locker und „wolkig“, ein deutlicher Kontrast also zur dunklen, harten und schmutzigen Existenz von Ruby. Kaum jemand kann so weit von fluffigen Wolken und himmlischen Heerscharen entfernt sein, wie sie. Kein Wunder, dass sie vor diesem zartem Wunderwerk erschrickt.

White Angel Cake

  • 12 Eiweiß (Raumtemperatur!)
  • 140 g Mehl
  • 150 g Zucker
  • 200 g Puderzucker
  • 1/2 TL Salz
  • 3 TL Zitronensaft
  • 1,5 TL Vanilleextrakt

Bevor es ans Backen geht, hier noch ein kleiner Exkurs zur Form: White Angel Cake ist rund, hat eine glatte Oberfläche und in der Mitte ein rundes Loch. Diese Formgebung erreicht man nur mit einer speziellen Backform. Wenn man die nun nicht hat und nicht gleich eine kaufen möchte, kann man eine Springform und eine leere Dose, z. B. eine Getränke- oder Konservendose benutzen. Der Kuchen wird dann nicht so hoch wie das Original, erspart einem aber eine weitere wenig genutzt Kuchenform im Küchenschrank. 

Falls ihr also auf diese improvisierte Form ausweichen möchtet, geht ihr vor wie folgt: ein Blatt Backpapier so zurechtschneiden, dass es auf den Boden der Springform passt. Die Dose ebenfalls in Backpapier einwickeln. Sollte das Backpapier sich nicht von selbst um die Dose rollen (Papier von der Rolle macht das normalerweise) von innen mit etwas Klebeband befestigen. Die Dose mittig in der Springform platzieren. Wer die richtige Form hat, kann sich das sparen und muss nur den Boden mit Papier auslegen.

Den Ofen auf 180° C Umluft vorheizen. 

In einer Schüssel Zucker, Mehl und Salz vermischen. Sieben, bis die Mischung ganz fein ist. Den Puderzucker ebenfalls sieben, bis es keine Klümpchen mehr gibt. 

In einer zweiten Schüssel die Eiweiße aufschlagen, bis sie schaumig werden. Dann den Zitronensaft zugeben und weiter schlagen, bis der Schaum ganz steif wird. Nun nach und nach den Puderzucker unterrühren, immer nur einen Esslöffel und warten, bis der Zucker eingearbeitet ist.

Wenn der Zucker eingearbeitet ist, den Vanilleextrakt zur Eimischung geben und dann die Mehlmischung nach und nach vorsichtig mit einem Löffel unterheben, immer nur ein Viertel der Masse auf einmal.

Den Teig in die vorbereitete Form geben und im vorgeheizten Ofen ca. 40 – 45 Minuten backen. Die Form nicht ganz füllen, der Kuchen geht noch auf. Nach etwa 15 Minuten prüfen, wie die Oberfläche aussieht, und evtl. mit Alufolie abdecken. Der Kuchen ist fertig, wenn er auf Druck leicht nachgibt. Prüft das aber bitte nicht zu oft, es kann sein, dass der Kuchen zusammenfällt, wenn die Tür zu oft geöffnet wird.

Die Backzeit könnt ihr nutzen, um euch Gedanken darüber zu machen, worauf ihr den Kuchen stürzt. White Angel Cake muss über Kopf auskühlen, sonst sackt er zu einer klebrigen Masse zusammen. Die richtigen Formen habe eine entsprechende Vorrichtung und wer eine Dose benutzt, die höher ist als der Kuchen, kann das alles darauf ausbalancieren.

Wenn der Kuchen fertig ist, aus dem Ofen nehmen und auf dem Kopf 2 – 3 Stunden auskühlen lassen. Anschließend vorsichtig die Dose entfernen, den Kuchen auf einen Teller stürzen und das Backpapier entfernen. White Angel Cake kann einfach so gegessen werden, schmeckt aber auch mit Beeren oder Schlagsahne gut.  

Das Aufschneiden ist etwas tricky, man drückt den Kuchen dabei schnell zusammen. Celia benutzt in Ruby einen Draht, ansonsten geht auch ein sehr scharfes Messer. Dafür belohnt einen der White Angel Cake dann tatsächlich mit himmlischer Fluffigkeit und es ist, als würde man sich gabelweise Wolken in den Mund schaufeln.


Die Rezept stammt im Wesentlichen von der Seite recipeland, ich habe es allerdings etwas verändert.

Die Zitate stammen aus Cynthia Bond: Ruby. Two Roads 2015.

Ein Sommer im Tessin, ein Leben fürs Schreiben – „Was wir scheinen“ von Hildegard Keller

In den letzten Monaten ihres Lebens, im Sommer 1975, reiste Hannah Arendt noch einmal ins Tessin. Diesen Sommer verbrachte sie in Tegna, besuchte von dort aus Freunde und selbstverständlich schrieb sie auch. Diese Reise nimmt Hildegard Keller als Ausgangspunkt, um die große politische Theoretikerin auf ihr Leben zurückblicken zu lassen, auf ihre Flucht in die USA, ihr Freundschaften mit den intellektuellen Größen ihrer Zeit und den Eichmann-Prozess, der ihr nicht immer willkommenen Ruhm einbrachte.

Keller wagt sich mit Was wir scheinen an eine der Großen des 20. Jahrhunderts und an eine Frau, die mit ihrem Werk und ihren Aussagen sehr polarisiert hat. Besonders ihr bekanntestes Werk Eichmann in Jerusalem sorgte für lang anhaltende Kontroversen und führt noch immer dazu. Bis heute werden immer wieder kritische Stimmen laut, die sich nicht selten auch am Untertitel Ein Bericht von der Banalität des Bösen stoßen. Von der Kritik blieb auch Arendts Privatleben nicht unberührt, aber auch ihr weiteres Schreiben nahm eine andere Wendung. Einige Freundschaften zerbrachen, oder wurden zumindest arg strapaziert. Zugleich aber bedeutete der Eichmann-Prozess großen Ruhm für die Theoretikerin, die sich einige Zeit vor Interview-Anfragen kaum retten konnte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Gespräch mit Günter Gaus, aus dem im Roman großzügig zitiert wird. Aber auch darüber hinaus kann Keller sich in ihrer Charakterisierung Arendts auf einen großen Fundus stützen. 

„Briefe, und eben ganz besonders Schreibebriefe, in denen erinnert und nachgedacht und gefühlt wird, die waren nach `33 ihr Leben gewesen. Ohne Übertreibung ihr Leben.“

Arendt schrieb für ihr Leben gerne und täglich, sei es nun politische Theorie oder eben ihre mit Begeisterung geführte Korrespondenz mit Freunden und Freundinnen auf der ganzen Welt, mit Bekannten und Studierenden. Vieles, was Arendt im Roman in den Mund und in die Feder gelegt wird, entstammt eben jenen Quellen. Historisch akkurat ist der Roman dabei allerdings nicht und will es auch gar nicht sein. Was wir scheinen zeigt Hannah Arendt nicht primär in ihrer öffentlichen Rolle, sondern legt den Fokus auf ihr Privatleben und ihr übriges schriftstellerisches Werk. 

Die Worte, die Hildegard Keller ihrer Protagonistin zuschreibt, sind geprägt von ihrer Geburt in Hannover, ihrer Kindheit in Königsberg und auch von langen Jahren in den USA. Hannah Arendt war es stets wichtig, ihre Muttersprache nicht zu verlieren und beharrte darauf, die Sprache sei ja nicht das, was verrückt geworden sei in Deutschland. Dennoch blieb sie natürlich nicht unbeeinflusst von ihrer sprachlichen Umgebung und verwendete englische Begriffe und Redewendungen, im Roman wie in Interviews. Trotz aller Verankerung in der Realität aber ist Hannah Arendt in diesem Roman eine Figur, die bewusst nicht strikt den Pfad ihrer Biographie entlang schreitet. Es ist eben trotz aller Fakten und fundierter Recherche keine Biographie, kein Nacherzählen von Leben und Werk, sondern der Versuch, darzustellen, was nach dem legendären Eichmann-Buch mit Arendt, mit ihrem Leben und nicht zuletzt mit ihrem Werk passierte. Ihre späteren Veröffentlichungen waren von Philosophie und politischer Theorie geprägt. Dass Arendt auch Dichterin war und sich an einer Fabel versuchte, die auch in diesen Roman eingebunden ist, ist weit weniger bekannt. Mit dem Bild vor Augen, dass man im allgemeinen von ihr hat, wundert es einen auch fast.

Die Protagonistin wirkt authentisch, ihre Worte und Taten begründet, auch wenn es etliche künstlerische Freiheiten gibt in diesem Roman. Arendt fällt doch nie aus der Rolle. Am Frühstückstisch in Tegna sitzend kann sie auf ein bewegtes Leben und ein beeindruckendes Werk zurückblickend. Ihr dabei zu folgen eröffnet nicht nur eine interessante Sichtweise auf Arendt als Person, sondern gibt auch Einblicke in ihr Schreiben und Denken, die es sich zu entdecken lohnt. 


tl;dr: Was wir scheinen schildert Hannah Arendts Rückblick auf ihr Leben. Der Roman geht ins Private, ohne indiskret zu werden und lässt die große Denkerin nahbar werden. Bei aller künstlerischen Freiheit wirkt die Charakterisierung authentisch.


Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Eichborn 2021, 568 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 549.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar. 

Schwer zu tragen – „Reisen mit leichtem Gepäck“ von Tove Jansson

Die Schriftstellerin und Grafikerin Tove Jansson ist in Deutschland und der Welt vor allem wegen ihrer Mumins bekannt und beliebt. Doch auch jenseits der Grenzen des Mumintals hinterließ sie ein abwechslungsreiches schriftstellerisches Werk, das vor allem Erzählungen umfasst. Einige davon finden sich in deutscher Übersetzung im Band Reisen mit leichtem Gepäck.

Um das Reisen an sich geht es dabei nur in wenigen Texten. In der titelgebenden Erzählung trifft man auf einen Reisenden, der seinen Alltag hinter sich gelassen hat, keinerlei Erinnerungen mit sich nimmt und davon träumt, unbeschwert durch die Welt zu treiben. Seine Mitreisenden aber, die auch fern der Heimat verzweifelt an ihren Erinnerungen hängen, machen ihm da einen gehörigen Strich durch die Rechnung. 

„vor den Familienkleinodien hatte ich nicht gezögert und auch nicht vor diesem liebenswerten Kleinkram, der voller Erinnerung an…. ja, an emotionale Episoden des eigenen Lebens steckt – nein, davor am allerwenigsten! Die Tasche wurde so leicht wie mein leichtsinniges Herz und enthielt lediglich das, was man für eine alltägliche Übernachtung im Hotel benötigte.“

Andere Texte sind weniger leichtfüßig, wie beispielweise die Erzählung um den frühen Tod eines Sportlehrers, der sich das Leben nimmt. Während die meisten Eltern seiner Schüler davon wenig berührt werden, schließlich kannte man sich kaum, wird eine Mutter völlig aus der Bahn geworfen und macht sich schreckliche Vorwürfe, sein Unglück nicht bemerkt zu haben. Zwei Erzählungen siedelt Jansson auf beinahe menschenleeren Inseln an, wo sie selbst so gerne ihre Sommer verbrachte. In „Die Möwen“ versucht ein zerstrittenes Paar, in der Einsamkeit ihre Beziehung zu retten, scheitert jedoch an den unterschiedlichen Allianzen mit den Seevögeln auf der Insel. Beinahe hasserfüllt beobachtet der Mann, wie seine Frau jeden Tag eine Möwe füttert, die es eindeutig auf die Eiderentenküken abgesehen hat, die unter seinem persönlichen Schutz stehen. Nur in einer Gewalttat sieht er noch einen Ausweg. In „Das Ferienkind“ verzweifelt eine Familie an ihrem Feriengast, den sie mit dem Leben auf der Insel etwas Gutes tun wollte. Doch der Junge entpuppt sich bald als mäkeliger Besserwisser und droht der gesamten Familie den Sommer zu ruinieren. 

Die insgesamt zwölf Erzählungen sind inhaltlich sehr unterschiedlich. Alltägliches steht neben Surrealem, Humorvolles neben Tragischem. Allen Texten gemein ist Janssons einfacher, schnörkelloser und direkter Stil. Hinter ihrem unkomplizierten Ton stecken tiefe Weisheiten und hintergründige Erzählungen, die ungeahnte Tiefen und Abgründe der menschlichen Seele aufdecken. Daran liegt es wohl auch, dass Janssons Figuren bei aller Leichtfüßigkeit doch einiges zu schleppen haben, so leicht ihre Koffer auch sein mögen. 


tl;dr: Reisen mit leichtem Gepäck enthält zwölf sehr unterschiedliche Erzählungen, in denen schnörkellos und humorvoll die Unwägbarkeiten des Lebens und die Abgründe der Seele aufgedeckt werden.


Tove Jansson: Reisen mit leichtem Gepäck. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Urachhaus 2016, 188 Seiten. Originalausgabe unter dem Titel Resa med lätt bagage 1987 bei Schildts Förlags Ab, Helsinki.

Das Zitat stammt von S. 74.

Kosmischer Inzest – „The Ventriloquist’s Tale“ von Pauline Melville

Der Bauchredner in Pauline Melvilles Roman erzählt eine Geschichte, die in südamerikanischen Volksmythen eine häufige ist: Mond und Sonne sind Geschwister, der Mond der Bruder, die Sonne die Schwester. Tag für Tag jagen sie einander über den Himmel, bis sie bei einer Sonnenfinsternis in einem inzestuösen Akt vereint werden. Diesen Mythos nimmt Melville als Ausgangspunkt, um die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie zu schildern. 

In Guyana siedelt sie die Familie McKinnon an, die ihren Namen von einem schottischen „Freidenker“ hat, der sich in der Rupununi-Savanne angesiedelt und eine Familie gegründet hat. Über drei Generationen hinweg wird die Geschichte dieser Wapisiana-Familie erzählt, deren Untergang mit der Liebesbeziehung zwischen den Geschwistern Beatrice und Danny beginnt, den Kindern des Schotten. Zur Zeit der Sonnenfinster 1919 beschließen die beiden, fortan als Mann und Frau zu leben und tauchen unter in den Weiten des Hinterlandes von Guyana. Noch viele Jahre später leidet ihre Schwester Wifreda an den Folgen dieser Beziehung, die sie als Verrat empfindet. Im hohen Alter reist Wifreda noch einmal in die Hauptstad Georgetown, wo sie sich einer Operation unterziehen muss. Begleitet wird sie von ihrem Neffen Chofy, der prompt seine Familie vergisst und ebenfalls eine gefährliche Affäre beginnt. Er verliebt sich in Rosa, die nach Guyana gekommen ist, um auf den Spuren Evelyn Waughs zu wandeln.

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Für die Frau von heute – „Cuca“ von Alfonsina Storni

Die Schriftstellerin Alfonsina Storni, die im Tessin geboren wurde und den größten Teil ihres Lebens in Argentinien verbrachte, ist im deutschsprachigen Raum so gut wie unbekannt. Das zu ändern hat sich Hildegard Keller nun mit ihrer „Edition Maulhelden“ zur Aufgabe gemacht. Für diese Edition übersetzt sie seit einiger Zeit Texte aus dem sehr abwechslungsreichen Werk Stornis. In Lateinamerika ist Storni vor allem für ihre Lyrik bekannt, sie schrieb aber auch für Zeitschriften. Literaturkritik gehörte dabei ebenso zu ihrem Repertoire wie Reisereportagen und Kurzgeschichten.

Cuca enthält eine Auswahl all dieser Gattungen. Den Beginn bilden einige sehr unterschiedliche Erzählungen. Storni verarbeitet darin sowohl ihre Erfahrungen als Lehrerin, als auch Reiseeindrücke wie die tiefe Freundschaft zu einer Vogelspinne namens Catalina, die im Hotelzimmer der Erzählerin lebt. Ein wiederkehrendes Thema ist auch die gehobene und eigentlich schon abgehobene „bessere Gesellschaft“ von Buenos Aires. Storni beweist darin eine genaue Beobachtungsgabe und einen kritischen, reflektierten Blick.  Andere Texte wie der über die titelgebende Dame namens Cuca sind surreal und phantastisch. In ihren „Zugfensterheften“ notierte Storni Eindrücke einer Reise, die sie von Buenos Aires an der Ostküste bis nach Traful an der Grenze zu Chile unternahm. „Die Distanzen: Das ist Argentiniens Feind“ konstatierte die Autorin irgendwo auf der letzten Etappe hinter Bariloche. Aber immerhin bescherte die lange Reise ihr Einblicke in das Land und seine Leute von der öden Pampa bis zum mondänen Badeort an den Ufern des Correntoso-Sees, dessen Reiz auch Storni sich nicht entziehen konnte: „Eiskaltes Wasser, strahlende Sonne, das Paradies.“

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Essen aus Büchern: Brioche aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

Es ist ein deprimierendes Café, in dem Antoine Roquentin, Erzähler von Sartres Der Ekel an einem nebligen Morgen landet. Der Kellner im Café Mably weist ihm missmutig einen Tisch in einer dunklen Ecke zu, die einzigen anderen Gäste sind ein merkwürdiges Paar, zwei Künstler, die ihr Engagement in der Stadt beendet haben. Die Künstlerin ist ausgesprochen nervös, ihr Begleiter so schweigsam, dass es dem Erzähler unangenehm ist, in der Stille auch nur ein Streichholz anzureißen:

„Sie war mit einem großen Blonden zusammen, der eine Brioche aß, ohne einen Ton von sich zu geben.“

Roquentin selbst hätte gerne ein Hörnchen zu seinem Kaffee gegessen, der Kellner stellt ihm aber nur schweigend den Korb mit den Resten der Künstler auf den Tisch. Bald darauf löscht er auch die Lampe im Gastraum, denn zwei Lampen für einen einzigen Gast, das sieht der Chef nicht gerne. Der Chef, Herr Fasquelle, ist um diese Zeit sonst schon im Café und Roquentin vertreibt sich die Zeit damit, sich vorzustellen, wie er tot in seiner Wohnung über dem Café liegt. Ein Herzschlag, mutmaßt er. Ob es so ist, erfährt man aber nicht mehr, der Erzähler verlässt das Café auf der Suche nach Licht.

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Auf dem Weg zu einer neuen Menschheit – „Maddaddam“ von Margaret Atwood

Mit Maddaddam beendet Margaret Atwood ihre dystopische Trilogie, die sich mit den Folgen einer verheerenden Seuche befasst, die fast die gesamte Menschheit ausgerottet hat. Dieser Band konzentriert sich auf Toby, Zeb und einige andere ehemalige Gardener, denen es vor allem dank kluger Vorratshaltung und strikter Hygienregeln gelungen ist, einigermaßen unbeschadet durch die Seuche zu kommen. An den Rändern einer zerstörten Stadt haben sie nun Zuflucht gefunden in einem verlassenen Haus und versuchen, ihr Überleben auch weiterhin mit Gemüseanbau und Waffengewalt zu sichern.

Dabei haben sie Gesellschaft von einer Gruppe Craker, jenen perfekten Menschen, die Crake geschaffen hat, um die Welt nach der Seuche neu zu bevölkern. Sie sind zwar überirdisch schön, allerdings auch von begrenztem Verstand und grenzenlos naiv, was ihre Mitbewohner einiges an Nerven kostet. Erschwerend hinzu kommt, dass irgendwo in den Wäldern noch Reste der fiesen Killer-Brigade lauern, mit denen Toby und ihre Wegbegleiterinnen schon im Vorgängerband zu tun hatte. Der unerbittliche Überlebenskampf nach der „wasserlosen Flut“ geht also weiter.

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Kurze Runde

Heute gibt es eine kurze Runde durch drei Bücher: in Dismatria schildert die Autorin Igiaba Scego ihre Rassismus-Erfahrungen in Italien, Jonathan Lethem erzählt in Alan, der Glückspilz von Alltäglichem wie Absurdem und Dilek Güngör befasst sich in Ich bin Özlem mit den Identitäts-Fragen einer Tochter türkischer Eltern.

Entwurzelt

Dismatria und weitere Texte von Igiaba Scego

Die Autorin Igiaba Scego ist in Italien als Journalistin, Schriftstellerin und Rednerin bekannt. Dabei  gilt ihr Interesse vor allem dem Kolonialismus und dem Rassismus. Scego wurde in Italien geboren, ihre Eltern stammen allerdings aus Somalia. Somalia ist für sie vor allem das Land ihrer Mutter, das ihr ewig verschlossen bleibt, ausgedrückt in dem von ihr geprägten Begriff „Dismatria“. Für Scego selbst ist ein Leben in Somalia keine Option, zugleich aber fällt es ihr schwer, in Italien Heimat zu finden. Im Freiburger nonsolo Verlag sind nun drei ihrer Texte in deutscher Übersetzung erschienen, ergänzt durch ein ausführliches Vorwort der Romanistin Martha Kleinhans. Einen wenig beachteten Blickwinkel bietet dabei vor allem der Text „Als die Italiener keine Weißen waren“, der sich mit Ressentiments gegenüber italienischen Einwander*innen in den USA befasst und erneut verdeutlicht, wie subjektiv und bar jeder objektiven Grundlage rassistische Konstrukte sind.

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Der lange Atem Leningrads – „Ice Road“ von Gillian Slovo

Slovos Roman über Leningrad und seine bewegte Geschichte findet seinen Anfang im ewigen Eis. Dorthin hat es Irina Davydovna verschlagen als Teil einer Expedition an Bord der Cheliuskin, die im driftenden Eis zerquetscht wird. Irina gehört zu den Überlebenden und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Leningrad, von wo aus sie den Rest der Geschichte erzählt. 

This is my city: the city that I love. In my lifetime I have left its borders only twice, the first time into peril and the second to Moscow and deception. Twice is enough for me. I have lived through Leningrad’s darkest times. I have seen its pain and I have also seen its heroism. I am part of it.

An der Seite ihrer Freundin Natascha, Tochter des hochrangigen Partei-Funktionärs Boris Aleksandrovich, erlebt sie Leningrad in seiner Schönheit und seinem Elend. Die Stadt ist gerade im Umbruch, als Irina von ihrer Arktis-Expedition zurückkehrt. Die Revolution ist geglückt, nun ist es an den ehemaligen Revolutionären zu Funktionären zu werden und den Erhalt ihrer Macht zu sichern. Und das mit allen Mitteln. Irina hat zwar nie hohe Funktionen inne, ist bei ihrer Tätigkeit als Reinigungskraft und Haushälterin den Großen und Mächtigen aber oft ganz nah. Ihre Erzählung beginnt 1934, umfasst die Stalinschen Säuberungen, in denen Natascha ihren geliebten Ehemann verliert, und endet während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Die titelgebende Ice Road spielt dabei nur über eine relativ kurze Zeit eine Rolle. Die auch als „Straße des Lebens“ bekannte Route führte ab dem Winter 1941 über den zugefrorenen Ladogasee und wurde von der Roten Armee genutzt, um die Belagerten mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Die Lage Leningrads war dennoch prekär. Im Roman spielt diese titelgebende Versorgungsstraße natürlich ihre Rolle als Lebensader für die Belagerten, findet aber kaum Erwähnung.

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