Women’s Prize for Fiction für Ruth Ozeki

Ruth Ozeki wurde am 15.06.2022 für ihren vierten Roman The Book of Form and Emptiness mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Der Roman erzählt die Geschichte von Benny, der nach dem Tod seines Vaters beginnt, die Stimme von Dingen zu hören. Überfordert von der Stimmenvielfalt zu Hause findet er einen Rückzugsort in der örtlichen Bücherei, wo er einigen interessanten Charakteren begegnet.

Ozeki berichtet, dass sie sich in ihrer Kindheit oft vorgestellt habe, wie es wäre, wenn die Ding um sie herum ein Bewusstsein hätten und dass sie sich bis heute manchmal fragt, welche Geschichten sie wohl zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten.

Die Jury ist begeistert von Ozekis Fähigkeit, so unterschiedliche Themen wie Tod und Verlust, Neurodiversität, Klimawandel und Jazz zu einem stimmigen Roman zu verknüpfen, der dann auch noch voller Humor ist.

Der Roman erscheint im September unter dem Titel Die leise Last der Dinge bei Eisele.

Im Beitrag zur im März erschienen Longlist sind alle nominierten Titel zu finden.

Ein gefährlicher Gast – „Carmilla, die Vampirin“ von Sheridan Le Fanu

Die junge und schöne Halbwaisin Laura lebt mit ihrem Vater und etlichen Bediensteten fürstlich aber abgelegen in der Steiermark. Als Kind hatte das junge Mädchen ein schreckliches Erlebnis: in einer Nacht kam eine Frau in ihr Zimmer, biss sie in die Brust und verschwand gleich darauf wieder. Ein Albtraum, so versucht ihre Amme sie zu beruhigen. Aber steckt da wirklich nicht mehr dahinter?

Zwölf Jahre nach diesem mysteriösen Erlebnis häufen sich seltsame Zwischenfälle in der Gegend. Ein Freund des Vaters verliert seine junge Tochter an eine nicht näher benannte Krankheit. In mehreren Familien werden junge Frauen krank und siechen binnen weniger Tage dahin. Und plötzlich verunfallt eine adlige Familie quasi direkt vor Lauras Haustür. Einer schönen Frau und ihrer schönen Tochter (die Menge der schönen Frauen in diesem Roman ist enorm) gehen die Pferde durch und die Tochter verliert das schöne Bewusstsein. Die Mutter ist ganz aufgelöst, sie ist auf lebenswichtiger Mission! Auch nur eine Stunde Verzögerung bringt alles in Gefahr! Lauras Vater lässt sich hinreißen, die Tochter bei sich aufzunehmen, bis ihre Mutter in wenigen Wochen ihre Mission beendet haben wird.

Ein fataler Fehler, denn Carmilla ist, das wissen wir schon aus dem Titel des Buchs, eine waschechte Vampirin. Laura erkennt in ihr sofort die mysteriöse Frau, die sie vor zwölf Jahren schon heimgesucht hat. Faszinierend, sagt Carmilla, auch sie erinnert sich, in dieser Zeit von Laura geträumt zu haben. Die beiden werden sofort engste Freundinnen, auch wenn Carmilla sich manchmal komisch verhält. Als sie religiöse Hymnen hört, fängt sie an zu schreien und läuft ganz blau an. Auch scheint sie nachts im Schlaf herumzuwandeln, denn anders lässt es sich kaum erklären, dass ihr Bett nachts oft leer ist und sie anderntags nicht mehr weiß, wo sie war.

Aber erst, als es Laura immer schlechter geht und sie von merkwüridgen Albträumen heimgesucht wird, wird der Vater misstrauisch. Erst fragt er einen Arzt, dann einen Pfarrer. Und das Ergebnis, zu dem beide kommen, lässt natürlich gar keine Zweifel übrig: Der niederträchtigen Blutsaugerin muss endlich das Handwerk gelegt werden!

„Sie fesselte und faszinierte mich, sie war so schön und von so einnehmendem Wesen.“

Carmilla ist eine der erste Vampir-Geschichten überhaupt und erschien noch lange vor dem weit berühmteren Dracula. Natürlich ist sie auch viel schöner und begehrenswerter als ihre männlichen Nachfolger. Die erotischen Schwingungen zwischen Laura und Carmilla kann man kaum überlesen, auch wenn es vor allem von Carmilla in Richtung Laura schwingt. Letztere ist mit ihren neuartigen Gefühlen gegenüber der rätselhaften Schönen noch etwas überfordert. Aber eine richtige Liebe ist es natürlich nicht, erklärt der Arzt am Ende: Vampirinnen verhalten sich gegenüber ihren Opfern nur so, dass man es für Liebe halten könnte. Eigentlich begehren sie aber nur das Blut der jungen Frauen. Aber das macht gar nichts, Carmilla oder Millarca oder Mircalla – unter all diesen Namen tritt die Schönheit auf – wurde zum Prototyp der manchmal lesbischen, immer aber erotischen Vampirin. Als echter Horror-Schocker geht die Novelle heute natürlich nicht mehr durch. Trotz meiner lächerlich geringe Grusel-Toleranz hat dieser Roman mir keine schlaflosen Nächte beschert. Für Vampir-Fans ist dieser Prototyp des Genres sicher ein Muss, für alle anderen zumindest eine kurzweilige und angenehm altmodische Lektüre.


Sheridan Le Fanu: Carmilla, die Vampirin. Übersetzt von Helmut Degner. Diogenes 2011, 128 Seiten. Die Novelle wurde 1872 verfasst und erschien erstmals in In a Glass Darkly, einer Erzählungssammlung des Autors.

Das Zitat stammt von S. 33.

Annäherung im Outback – „The Idea of Perfection“ von Kate Grenville

Weniger als 1.500 Einwohhner hat Karakarook in New South Wales und doch ist es wichtig genug um gleich zwei Menschen aus Sydney in die Kleinstadt zu bringen: Der unter Höhenangst leidende Ingenieur Douglas Cheeseman soll den Abriss und Neubau einer historischen Holzbrücke leiten, Harley Savage soll mit der Einrichtung eines Heimatmuseums helfen. Beide haben nicht nur ihre Arbeit mit in die Kleinstadt gebracht, sondern auch ihre Vergangenheit. Unter den aufmerksamen Augen der Kleinstadtbevölkerung nähern sich beide an, ohne es zu wollen.

Harley hatte eigentlich vor, niemanden mehr in ihr Leben zu lassen, seit der letzte ihrer drei Ehemänner sich umgebracht hat und dass auf so brutale Weise, dass sie glaubt, es läge an ihr und in ihr. Doch als sie kaum zehn Minuten in der Stadt ist, drängt sich schon das erste Lebewesen in Form einer herrenlosen Hündin in ihr Leben. Sie hat überhaupt keine Lust, sich um sie zu kümmern, kauft aber nur dieses eine Mal eine Dose Hundefutter. Und von da an jeden Tag, immer ein letztes Mal. Den Rest ihrer Tage verbringt sie damit, den Leuten zu erklären, was wirklich interessante Ausstellungsstücke für das Karakarook Pioneer Heritage Museum sind und arbeitet an einem Quilt, den niemand versteht, weil er zu „zeitgenössisch“ ist.

Douglas traut sich sonst nicht, mit Frauen zu sprechen. Eigentlich traut er sich gar nicht, überhaupt mit irgendwem zu sprechen. Ein Ingenieur mit Höhenangst – peinlich genug. Kein Wunder, dass er nur die langweiligen Projekte in der Provinz bekommt. Die Brücke in Karakarook würde er eigentlich gerne erhalten und wüsste auch, wie. Aber natürlich traut er sich nicht, das mit seinem Vorgesetzten zu diskutieren. Seit seine Ex-Frau ihm mehrfach gesagt hat, wie sehr er alle mit seiner Begeisterung für Beton und Brücken langweilt, hält er sich mit dem Thema lieber zurück. Doch obwohl er so weit unter dem Radar bleibt, wie es irgend geht, gerät er zwischen die Fronten. Die Leute vom Heimatmuseum wollen die Brücke erhalten, um Touristen anzulocken, während andere die Schnauze voll haben von den verdammten Ökos und künftig über eine anständige Betonbrücke fahren wollen.

„There were times when the light in the country seemed bright enough to burn the flesh right off your bones.“

Den Hintergrund dieser beiden Geschichten bildet das verschlafene Karakarook, das insektenumschwirrt an der Biegung eines Flusses in der australischen Hitze vor sich hin staubt. Viel passiert hier nicht, umso interessanter ist das Treiben der anderen und insbesondere der beiden Fremden. Unter dem Licht der heißen Sonne werden die Unvollkommenheiten der Menschen gnadenlos ausgeleuchtet. Damit kommen die sie unterschiedlich gut zurecht, am schlechtesten unter ihnen wohl Bankdirektorengattin Felicity Porcelline, die signifikante Teile ihres Tages damit verbringt, sich so zu bewegen, dass ihre Haut nicht faltig wird. Aber auch das übrige Romanpersonal hat mit seinen Unzulänglichkeiten zu kämpfen: krumme Nähte im Quilt, langweilige Gesprächsthemen, abgetragene Klamotten, schlechte Haarschnitte – perfekt ist in ganz Karakarook überraschenderweise niemand.

Die Stärke von The Idea of Perfection liegt gar nicht so sehr im Plot, der zugegebenermaßen nicht so sehr einzigartig ist. Allerdings hat Grenville eine große Beobachtungsgabe und auch die Gabe, ihre Beobachtungen lebensecht aufs Papier zu bringen. Sie beschreibt misslungene Dates so schrecklich, dass man am liebsten selbst den Raum verlassen würde und Anfälle von Höhenangst so unmittelbar, dass man beim Lesen selbst schwitzige Hände kriegt. Das in Verbindung mit ein paar dann doch sehr originellen Ideen ergibt ein sehr gelungenes Gesamtbild.


tl;dr: Ein gut erzählter Roman über zwei Menschen, die ihre eigenen Unvollkommenheiten akzeptieren müssen. Der Plot ist solide gebaut aber nicht wahnsinnig originell, Grenville punktet allerdings mit einer extrem ausgeprägten Beobachtungsgabe.


Kate Grenville: The Idea of Perfection. Picador 2001, 401 Seiten. Erstausgabe Pan Macmillan Australia 1999. Eine Übersetzung von Anne Rademacher und Karina Of ist 2001 unter dem Titel Eine Ahnung von Vollkommenheit erschienen. Beide Versionen sind derzeit nur antiquarisch erhältlich. (Die englische Ausgabe habe ich versehentlich doppelt gekauft, also wenn es jemand lesen möchte, meldet euch gerne.)

Das Zitat stammt von S. 339.

Mit diesem Roman gewann Grenville 2001 den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Women’s Prize for Fiction.

Essen aus Büchern: Chettinad Curry aus Meena Kandasamys „When I hit you“

Essen kann, wenn man es nicht nur essen, sondern auch kochen muss, eine nervtötende, zermürbende Angelegenheit sein. Das gilt vor allem dann, wenn man kein besonders großes Interesse am Kochen hat und eigentlich lieber andere Dinge im Leben tun würde, statt jeden verdammten Tag am Herd zu stehen. So geht es der Erzählerin in Meena Kandasamys When I Hit You. Sie heiratet noch recht jung und folgt ihrem Ehemann in eine Stadt fern ihrer Heimat, in der sie niemanden kennt. In ihrem neuen Leben erwartet ihr Ehemann, den sie vorher als liebevoll und interessant kennengelernt hat, dass sie ihm ergeben dient. Selbstverständlich darf sie nicht arbeiten gehen, bald schon darf sie auch keine Kontakte außerhalb ihrer Familie mehr haben. Müßiggang sieht ihr Mann nicht gern – wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, erwartet er ein sauberes Heim und eine warme Mahlzeit. Wenn er das nicht bekommt, sind die Strafen drakonisch. Wenn er es bekommt, auch. Schon sehr früh in ihrer Ehe fühlt die Frau sich wie eine Schauspielerin, stets darauf bedacht, eine perfekte Ehefrau in einem sonnendurchfluteten Heim darzustellen.

„I must figure out a way to show on screen how even a small space of confinement begins to grow in the mind of the woman who inhabits it with her sorrows, how the walk from the bedroom to the door of the house becomes a Herculean task, or how the thought of checking on the slow-cooking chicken Cettinad curry when she is busy reading a book becomes an impossible chore.“

Der Roman ist ein ausgesprochen grausames Zeugnis einer gewaltvollen Beziehung. Es gibt kaum eine Strafe, die der jungen Frau nicht widerfährt und immer wieder hofft sie, es würde besser, wenn sie ihre Aufgaben nur besser macht. Besser putzen, besser kochen, besser still sein.

Das Chettinad Curry kann man kaum noch mit Freude essen, wenn man die Frau denkt, die es im Roman kocht. In vielen Texten steht Essen für Heimat, Familie und Geborgenheit. Bei Kandasamy hat es eine andere Bedeutung. Von der ärgerlichen Verpflichtung wird es bald zu einem weiteren angstbehafteten Element im Alltag der Protagonistin, eine weitere Möglichkeit, etwas falsch zu machen. Zu wenig, zu viel, zu warm, zu kalt, zu früh, zu spät – es gibt so viel, was daneben gehen kann. When I Hit You ist sicher ein extremes Beispiel, aber das Gefühl, sich so viel Mühe zu geben und es am Ende doch nicht allen recht zu machen, teilen viele, die Kochverantwortung tragen.

Hier also ein Rezept für alle, die keinen Bock haben, sich heute für unperfektes Abendessen anmaulen zu lassen und keine Lust haben, zu beantworten was „das Schwarze da ist“ (Mohn. Auf Brötchen magst du das). Lest es, während die TK-Pizza im Ofen ist.

Chettinad Curry für ein sehr hungriges Ehepaar oder vier Personen

  • 500 g Huhn
  • 2 TL Öl
  • 1 große Zwiebel, gehackt
  • 2 Curryblätter
  • 2 große Tomaten
  • 1 Lorbeerblatt
  • 300 ml Wasser

Marinade:

  • 1 Msp Kurkuma
  • 1/4 TL Chilipulver
  • 1 EL Joghurt
  • 1 EL Knoblauch-Ingwer-Paste
  • Salz

Gewürze:

  • 1 EL Mohnsaat
  • 60 g Kokosraspel
  • 1 EL Koriandersamen
  • 1 TL Fenchelsamen
  • 3/4 TL Kumin
  • 1/2 TL Pfefferkörner, schwarz
  • 1 TL Kashmiri Red Chili Powder
  • 3 grüne Kardamom-Kapseln
  • 4 Nelken
  • 1/2 TL Zimt, gemahlen
  • etwas Wasser

Das Huhn in mundgerechte Stücke schneiden. Alle Zutaten der Marinade vermischen und das Fleisch darin mindestens 2 Stunden marinieren.

In einer Pfanne ohne Öl auf niedriger Hitze Koriandersaat rösten. Nach einigen Minuten Kardamom, Kreuzkümmel, Fenchel, Pfeffer, Zimt und Nelken zugeben. 3 – 4 weitere Minuten anrösten, bis die Gewürze ein deutlich wahrnehmbares Amoma entwickeln.

Mohn, Kokosraspel und Chilipulver unterrühren und nochmals 3 – 4 Minuten rösten. Dann die komplette Mischung in einen Mixer geben und mit etwas Wasser zu einer glatten Paste verarbeiten.

Die Gewürzmischung aus dem Mixer in eine Schüssel umfüllen und beiseite stellen. Im Mixer die Tomate pürieren.

Das Öl in einer Pfanne erhitzen. Lorbeer und Zwiebel darin dünsten, bis die Zwiebel durchsichtig wird. Das Huhn samt Marinade zugeben und mindestens 5 Minuten mitbraten. Mit den pürierten Tomaten ablöschen, dann die Gewüzpaste und die Curryblätter unterrühren. 300 ml heißes Wasser angießen. Die Pfanne abdecken und das Curry köcheln lassen, bis das Huhn gar ist, mind. 20 Minuten. Evtl. zwischendrin den Deckel entfernen, wenn das Curry dickflüssiger werden soll.


Meena Kandasamy: When I Hit You. Or, A Portrait of the Writer as a Young Wife. Atlantic Books 2018. 249 Seiten. dt.: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau. CulturBooks.

Das Zitat stammt von S. 21.

Alles außer Kunst – „Das neue Buch“ von Rafael Horzon

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Rafael Horzon in Das weiße Buch seine Lebens- und Schaffensgeschichte aufgeschrieben hat. Mehr als zehn Jahre, in denen einiges passiert ist und ebenfalls erzählt werden soll, so zumindest denkt Horzon es sich und fordert bei Suhrkamp, die nur auf diesen neuen Bestseller warten, einen fünfstelligen Vorschuss ein, den er nicht bekommt. Doch der wäre dringend nötig, denn die ganze Horzon GmbH schrammt, trotz überaus erfolgreicher Möbelsparte, immer wieder knapp an der Insolvenz vorbei.

Horzon macht sich also ans Werk und kommt keine Seite weit voran. Über Frauen und Sex solle er schreiben, rät ihm ein Freund, das sei eine Nobelpreis-Garant. Doch in Horzons Leben gibt es keine Frauen und ausdenken will er sich nichts. Er hält sich für völlig fantasielos und will außerdem kein Schriftsteller sein, sondern Autor. Da verbietet sich alles, was nicht Fakt ist.

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Variationen von Selbsthass – „Damenbart“ von Sarah Pines

In ihrem Debüt-Band Damenbart erzählt Pines Geschichten von unglücklichen, einsamen Menschen. Sie leben in Los Angeles und Buffalo, urlauben in Bacharach und verlieben sich in Griechenland. Die meisten von ihnen sind Frauen, alle sind verzweifelt. Die Texte lesen sich dabei ganz unterschiedlich. Nüchtern erzählt Pines von einer Frau, der Trägerin des titelgebenden Damenbarts, die an ihrem Geburtstag versetzt wird und sich aus lauter Verzweiflung die Nase bricht. Sachlich und ein wenig wehmütig wird die Geschichte der Schauspielerin Peg erzählt, ein schwarz-weißer Filmstar, der den Übergang in den Farbfilm nicht schafft – zu rot ist ihr Gesicht, zu hell ihre Augen – und sich vom Hollywood-Schriftzug stürzt. Gewalttätig und tragisch enden fast alle Geschichten. Gemeinsam haben sie einen Stil, der mit perfekt abgestimmten und teilweise sehr überraschenden aber überzeugenden Bildern überzeugt.

So werden die Texte auch nicht langweilig, obwohl sie doch einiges gemeinsam haben. Viele der Figuren sind mehr oder weniger abgehalfterte Schauspielerinnen, viele hassen ihre Ehemänner und trösten sich mit Liebhabern. Mit denen sind sie aber auch nicht zufrieden. Ein wenig fragt man sich, warum keine einzige von ihnen versucht, eine andere Erfüllung in ihrem Leben zu finden. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten von ihnen auch mit sich selbst nicht zufrieden sind und unter ihrem Selbsthass noch mehr leider als unter ihrer Einsamkeit. Sie stehen vor dem Spiegel und hassen sich dafür, dass alle ihre Kleider kneifen und ihre Haut nie wieder rosig und jung sein wird. Sie sind abgehängt von der Welt, von Farbfilm oder Netflix, verhöhnt von den Affären ihrer Männer, gescheiterte Figuren, die doch nur träge auf dem Sofa liegen. Wenn sie einkaufen fahren, ziehen sie sich nicht mehr richtig an, sondern stopfen nur schnell den Saum des Nachthemds in die Jogginghose. Unter dem Mantel sieht das keiner und für mehr ist keine Energie mehr da.

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Der Sound des letzten Sommertags – „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ von Christian Huber

Nur einen einzigen Tag, den 31. August 1999, lässt Huber seinen Protagonisten Krüger durchleben. Aber der hat es in sich. Immerhin ist es der letzte Tag des Sommers, vielleicht sogar der letzte Tag des letzten Sommers den die Menschheit erleben wird, denn wer weiß, wie die Jahrtausendwende laufen wird. Obwohl Krüger seine Sommerferien sonst am liebsten zu Hause vor dem Fernseher verbringt, lässt er sich an diesem Tag von seinem besten Freund Viktor überreden, Bett und Haus zu verlassen. Dass dieser Tag einer der ereignisreichsten seines Lebens sein wird, kann er da noch nicht ahnen.

„Aber ob Zukunft oder Ende der Welt, Hauptsache, irgendetwas passierte.“

Dabei fängt alles so normal an: Viktor beim Verteilen der lokalen Gratiszeitung helfen, ein bisschen mit dem BMX rumfahren, dann beim Müller Tony Hawk „ausprobieren“ bis der Filialleiter was sagt. Doch dann wird plötzlich Krügers Rucksack geklaut und das ausgerechnet vom schönsten Mädchen der Welt, das feuerrote Haare hat, keine Angst kennt und morgen schon nicht mehr da sein wird. Jacky heißt die mysteriöse Gestalt mit den himmelblauen Augen, in die Krüger sich nicht verlieben kann, weil niemand ihn je berühren darf. Er hat so große Angst, dass jemand seinen Oberkörper sieht oder auch nur berührt, dass er selbst bei größter Hitze zwei Shirts übereinander trägt und seit Jahren nicht mehr schwimmen war. Dabei hat er das früher gerne gemacht. Aber seit er für seine Aussehen in der Jungs-Umkleide ausgelacht wurde weiß er, dass er schrecklich entstellt ist und auf keinen Fall jemals wieder oberkörperfrei gesehen werden darf. Doch auch mit zwei Shirts übereinander lässt sich einiges erleben. Zu dritt ziehen Viktor, Krüger und Jacky los mit dem ehrgeizigen Ziel, Einlass bei der coolsten Party der Stadt zu kriegen, eine legendäre Hanf-Plantage zu finden und vor allem den letzten Tag des Sommers nicht zu verschwenden.

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Essen aus Büchern: Schottische Eier aus Jess Kidds „Heilige und andere Tote“

Schottische Eier sind ein Kleinod der britischen Küche und erfreuen sich auf der Insel großer Beliebtheit, auch als fertiger Snack aus dem Supermarkt. Bekannt sind sie dort als Scotch Eggs und ob das wirklich was mit Schottland zu tun hat, ist zumindest fraglich. Sowohl „scotching“ als Verb mit diversen Bedeutungen ist als möglicher Namensgeber im Gespräch, ebenso wie eine Firma namens Scott, die ein beliebtes Produkt im Sortiment hatte, dass den heutigen Scotch Eggs sehr ähnlich ist.

Woher auch immer der Name kommt: Schottische Eier im heutigen Sinne sind wachsweich gekochte Eier in einer Hülle aus Wurstbrät, die paniert und frittiert werden – letzteres wiederum lässt eine schottische Herkunft wahrscheinlich erscheinen. In Heilige und andere Tote ist diese Ikone der Snack-Kultur ein Teil einer Mahlzeit, die Sozialarbeiterin Maud ihrem Klienten Cathal Flood zum Tee serviert. Gedacht ist diese Mahlzeit als mögliche Annäherung zwischen Cathal und seinem Sohn Gabriel, zu dem er schon lange keinen Kontakt mehr hat und haben will. Gabriel sitzt noch nicht mal, als der zaghafte Annäherungsversuch schon scheitert:

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Von Seiten der Mutter – „Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane

Über vier Generationen spannt sich die Geschichte der anpassungsfähigen Chamäleondamen: Edith, Marita, Ellie und Hanne. Es beginnt mit Edith, die 1919 in ihrer Hochzeitsnacht aus dem Fenster klettert und zu dem Mann flieht, den sie eigentlich liebt. Damit setzt sie den Grundstein für eine Reihe von Frauen, die ihren eigenen Kopf haben und es verstehen, ihren Willen durchzusetzen. Die Familie lebt und bleibt vorerst im rumänischen Retschitza im Banat, als Teil der dort lebenden deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe. Erst in den 1980ern wird sich das ändern, als Ellies Mann über die Donau flieht und es nach Deutschland schafft, wohin Frau und Tochter Hanne ihm schließlich folgen können. Und dort findet die Geschichte auch ihr Ende, mit Hanne, die in Hamburg ihren Sohn großzieht. Erst mit Luis wird die Reihe der Töchter in der Familie unterbrochen.

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Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2022

Sechs Wochen ist es her, dass die Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht wurde. Inzwischen hat sich die Zahl derer, die auf den Titel hoffen dürfen, auf sechs reduziert. Im ursprünglichen Post habe ich nochmal die deutschen Übersetzungen aktualisiert, viel getan hat sich aber nicht. Immerhin vier von sechs Titeln der Shortlist sind in Übersetzung erschienen oder angekündigt und ich wäre doch überrascht, wenn nicht noch jemand Erdrich einkauft.

Das aber ist reine Spekulation, hier kommen jetzt die harten Fakten – die sechs nominierten Autorinnen auf der Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction:

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