Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

„And she, in spite of nature,
Of years, of country, credit, everything,
To fall in love with what she feared to look on?“

Zu einer Auseinandersetzung kommt es aber gar nicht mehr, weil die türkische Flotte in einem Sturm zerstört wird. Dennoch freut man sich auf Zypern über die Ankunft des sehr geschätzten Othello, wie der dortige Verwalter Montano nicht müde wird zu betonen. Cassio, der vor Othello ankommt, rühmt die Schönheit und Reinheit seiner jungen Frau Desdemona. Zumindest bis Iago auch ankommt und sich mit ein paar rassistischen und sexistischen Witzen endgültig ins Sympathie-Aus schießt. Er ist, wie er dem Publikum in einem aside anvertraut, der Überzeugung, dass Othello mit seiner Frau Emilia geschlafen habe. Einen Grund zu dieser Annahme hat er eigentlich nicht, aber es ist eben das, was Schwarze so machen. Also plant er Rache nach dem Motto „a wife for a wife“. Außerdem ist er auch einfach ein mieser Typ und will Othello eins auswischen.

Für seine Rache hat er sich einen feinen Plan ausgedacht: er will Cassio und Desdemona eine Affäre anhängen. Der immer noch in Desdemona verliebte Roderigo soll ihm dabei helfen. Bei einer Feier füllt er Cassio ab und versucht, ihm anzügliche Bemerkungen über Othellos Frau zu entlocken. Als ihm das nicht gelingt, bringt er Roderigo dazu, einen Streit mit Cassio zu provozieren. Als Montano schlichtend eingreifen will, sticht Cassio ihn nieder, woraufhin der entsetzte Othello ihn vom Dienst suspendiert. Iago kommt auch das natürlich sehr entgegen, damit ist sein Traumposten wieder frei. Cassio aber rät er, die Versöhnung mit Othello über Desdemona zu suchen.

Scan of a postcard
Henri Albers in der Rolle des superfiesen Iago. Möglicherweise Vorbild für Severus Snape.

Das Gespräch zwischen den beiden fädelt Iago so ein, dass Othello gerade noch sieht, wie Cassio sich von Desdemona entfernt, offenbar um Geheimhaltung bemüht. Iago fragt Othello hinterhältig, wie sicher er sich eigentlich sei, dass kein Grund zur Eifersucht bestünde. Außerdem bringt er ein Taschentuch von Desdemona in seinen Besitz, das er zwischen Cassios Hab und Gut versteckt. Das Taschentuch hat eine ganz besondere Bedeutung, denn es war das erste Geschenk, das Othello Desdemona jemals gemacht hat. Ein paar Sticheleien später ist Othello sicher, dass Cassio und Desdemona eine Affäre haben und fordert seinen Tod. Cassio findet inzwischen das Taschentuch, hat keine Ahnung woher es kommt und gibt es aus einer Laune heraus seiner Geliebten Bianca. Das wiederum bekommt nun Othello wieder mit, verliert endgültig die Nerven und will Desdemona hängen/vergiften/im Schlaf töten. Vorher quetscht er noch Desdemonas Zofe Emilia aus, die aber jede Möglichkeit einer Affäre vehement abstreitetet. Trotzdem konfrontiert Othello Desdemona auf sehr uncharmante Art mit seinen Vorwürfen und lässt sie völlig aufgelöst zurück.

Am gleichen Tag kommt ein venezianischer Bote nach Zypern, der Othello zurück beordert. Seinen Posten auf der Insel soll Cassio einnehmen. Das nimmt Iago zum Anlass, Roderigo nun dazu anzuspornen, Cassio zu töten. Dann würden Othello und Desdemona auf der Insel bleiben und Roderigo hätte eine neue Chance, Desdemonas Herz zu erobern. Othello ginge nämlich mitnichten zurück nach Venedig sondern mitsamt seiner Frau ins ferne Afrika. Roderigo ist tatsächlich blöd genug, Iago zu glauben. Und damit beginnt der große Showdown in Akt V:

In einer dunklen Gasse greift Roderigo wie besprochen Cassio an, verletzt ihn aber nicht tödlich. Im folgenden Kampf werden beide schwer verwundet. Iago kommt zum Ort des Geschehens und erdolcht Roderigo. Er behauptet, ihn in der Dunkelheit nicht erkannt und für einen Räuber gehalten zu haben. Mit Roderigo räumt Iago nicht nur einen Mitwisser sondern auch einen Gläubiger aus dem Weg. Er hat Rodergio viel Schmuck und Diamanten abgenommen und behauptet, sie Desdemona in seinem Namen zum Geschenk zu machen, was nie passiert ist. Währenddessen schleicht Othello sich in das Gemach seiner Gemahlin und erwürgt sie in ihrem Bett. Emilia wird Zeugin, schlägt Alarm und versichert ein letztes Mal, dass Desdemona sich nichts zu Schulden habe kommen lassen und im Gegenteil Iago ein mieser Lügner sei. Unter den herbeieilenden Männern ist auch Iago, der nun auch Emilia mit einem Messer angreift. Othello wirft sich noch dazwischen, kann aber nicht verhindern, dass sie tödlich verwundet wird. Inzwischen hat man beim toten Roderigo Briefe gefunden, die Iagos dunklen Plan verraten und auch der schwer verwundete Cassio schleppt sich noch einmal auf die Bühne, um Othello von seiner und Desdemonas Unschuld zu überzeugen. Othello erkennt seinen Fehler und die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Er ersticht sich selbst und stirbt auf Desdemonas Bett.

Drama genug? Dann geht es jetzt weiter mit Chevaliers Neuerzählung.

New Boy

Tracy Chevalier verlegt das Eifersuchtsdrama auf einen US-amerikanischen Schulhof in den 1970ern. Nur einen Monat bevor das Schuljahr endet, wird dort der ghanaische Diplomatensohn Osei eingeschult. Für Osei ist der Schulhof in Washington nun schon der vierte in sechs Jahren, davor war die Familie in London, Rom und New York beheimatet, und er weiß, dass es als „New Boy“ nie einfach ist. Für ihn ist es extra-schwer, weil er noch dazu schwarz ist. Das aber scheint seine Klassenkameradin Dee nicht zu stören. Sie ist von der ersten Sekunde an fasziniert vom neuen Mitschüler und seinen Geschichten aus fremden Städten. Mr. Brabant, der Klassenlehrer, betrachtet die Verbindung mit Skepsis und bereut schnell, Dee mit der Betreuung des neuen Schülers beauftragt zu haben. Zu spät – noch bevor die Frühstückspause endet, sind die beiden ein Paar.

TracyChevalier_NewBoy

Das missfällt auch dem fiesen Ian, der immer alle auf dem Schulhof um ihr Essensgeld erleichtert und Kinder von der Schaukel schubst. Ian kann sich selbst nicht helfen. Viel lieber wäre er fröhlich und beliebt wie der strahlende Casper. Als in der Mittagspause Osei an Caspers statt an seinem Tisch sitzen will, ist es für Ian mit der Freundschaft endgültig vorbei. Dem Neuen wird er schon zeigen, wer an der Schule wirklich das Sagen hat.

Über seine Freundin Mimi organisiert er sich ein Stiftemäppchen, dass Dee nur wenige Stunden früher von Osei bekommen hat. Dieses Mäppchen spielt er nun Caspers Freundin Blanca zu und macht Osei darauf aufmerksam, wie achtlos sein Geschenk weitergereicht wurde. Außerdem überredet er seinen Freund Rod dazu, Casper solange zu provozieren, bis dieser ihn schlägt. Osei beobachtet den Kampf und verliert nun nicht nur das Vertrauen in Dee sondern auch in Casper, den er bis dahin schon als neuen Freund gesehen hat.

„This school isn’t ready for a black boy.“

So weit, so Othello. Den Transport auf einen Schulhof überlebt das Eifersuchtsdrama aber nicht unbeschadet. Zum einen steht das Drama so oder so kurz vor seinem Ende. Das Schuljahr ist fast vorbei und die meisten Kinder werden nach dem Sommer eine andere Schule besuchen. Während das Drama für die Charaktere in Othello wirklich essenziell ist und die Konfrontation unvermeidbar, ist das Ende der verfahrenen Situation in New Boy für alle greifbar. Zum anderen wirkt der Streit aufgrund der Tatsache, dass alle Beteiligten in der sechsten Klasse sind, recht kindisch und irrelevant. Möglicherweise wollte Chevalier auch genau das damit aussagen. Und wer jemals in der sechsten Klasse war, wird sich erinnern, dass kein Streit kindisch und irrelevant war, sondern eine essentielle und nicht lösbare Konfliktsituation, die maximale diplomatische Anstrengungen aller Beteiligten und Nicht-Beteiligten erfordert. Auch Oseis Situation ist eine grundlegend andere als die von Othello. Osei ist neu und damit per se ein Außenseiter. Unabhängig von der Hautfarbe hat „der Neue“ an einer Schule nie einen leichten Stand und muss sich seine Position erst mühsam erarbeiten. Othello hat das eigentlich schon lange getan. Er ist ein anerkannter Feldheer, der seine erstaunlichen Fähigkeiten und seine Tapferkeit schon oft unter Beweis gestellt hat. Trotzdem ist er immer noch kein vollständig anerkanntes Mitglied der Gesellschaft und das nur aufgrund seiner Hautfarbe. Außerdem fehlt Othello im Gegensatz zu Osei der Rückhalt durch eine Familie. Osei kann sich immer darauf verlassen, dass er Unterstützung durch seine Eltern hat, wie furchtbar der Schultag auch gewesen sein mag. Othello hingegen ist völlig auf sich gestellt, seine einzige Hoffnung auf Unterstützung ist seine Frau Desdemona, weswegen der unterstellte Verrat umso schwerer wiegt. Zudem ist die Situation auf dem Schulhof überwacht und geregelt, was eine wirkliche Eskalation zwar nicht unmöglich aber sehr unwahrscheinlich macht. Zum einen sind Lehrkräfte anwesend, die steuernd und strafend eingreifen, zum anderen muss Fehlverhalten zu Hause den Eltern gebeichtet werden. Das reicht, um alle mehr oder weniger in Schach zu halten. Im Original fehlen diese Instanzen.

Trotz dieser deutlichen Abweichungen vom Stück gelingt Chevalier eine unterhaltsame und gut lesbare Neuerzählung. Viele Details des Stücks hat sie sinnvoll neu interpretiert wie etwa das Taschentuch, das durch ein Mäppchen ersetzt wurde. Die Charaktere des Romans bleiben ihren Rollen treu, allerdings bemüht sich Chevalier, die Handelnden mit etwas mehr Background auszustatten. Während beispielsweise Iago im Stück böse ist weil er es ist, wird Ians Verhalten mit ungünstigen familiären Voraussetzungen erklärt. Diese Charakterisierungen bleiben aber allesamt ziemlich an der Oberfläche. In ihren Handlungen und Reflektionen sind die Figuren nicht immer schlüssig. Für SechstklässlerInnen sind einige schon wirklich sehr weit entwickelt, vernünftig und sicher in ihrer Interpretation der Geschehnisse. Das wirkt an vielen Stellen nicht sehr authentisch. Interessant ist New Boy allerdings nur als Othello-Adaption. Ohne diesen Hintergrund ist es eine Erzählung über die komplizierten Verstrickungen in den Beziehungen von Prä-Pubertierenden und damit in etwa so aufregend wie der durchschnittliche Kuschelrock-Roman.


William Shakespeare: „Othello“. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 900-931.

Das Zitat stammt aus Akt I, Szene 3.

Das Bild von Iago ist um ca. 1903 in  „Hollansche Musici in den Vreemde“ in Den Haag erschienen. Es zeigt einen Darsteller aus der Verdi-Oper „Othello“. Der Urheber des Bildes ist unbekannt.

Tracy Chevalier: New Boy. Gelesen in der Ausgabe Vintage 2018. 188 Seiten. Erstausgabe Hogarth 2017. Deutsche Übersetzung von Sabine Schwenk unter dem Titel Der Neue 2018 bei Knaus erschienen.

Das Zitat stammt von S. 148.

Dieser Roman ist im Rahmen des Projekt Hogarth Shakespeare erschienen.

Christa Wolf: Kassandra

Kassandra, die schöne Frau, die alles vorhersah und auf die niemand hörte, deren Vorhersagen den Untergang Trojas hätten verhindern können, sitzt auf einem Schiff des Agamemnon und fährt ihrem Untergang entgegen. Auch das weiß sie, ihre eigene Zukunft sieht sie nicht rosiger als die ihres Volkes. Aufgewachsen als Tochter des trojanischen Königspaares lässt Kassandra sich zur Priesterin weihen, lebt ein privilegiertes Leben am Hof und in den Tempelanlagen und macht sich mit ihrer besonderen Gabe doch viele Feinde. In der griechischen Mythologie verlieh Apoll Kassandra zwar die Gabe der Seherin, legte dann aber den Fluch auf sie, dass niemand ihren Prophezeiungen glauben würde, als sie seine Liebe nicht erwiderte. Die daraus resultierenden „Kassandrarufe“ sind sprichwörtlich geblieben.

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“

Christa Wolf orientiert sich mit ihrer Interpretation des Kassandra-Stoffes nah am Vorbild aus der griechischen Sagenwelt. Unübersehbar aber bringt sie auch ihre eigene Perspektive und die aktuelle politische Lage in den Roman ein. Entstanden ist der Text ab dem Jahr 1980, 1982 hatte Wolf die Frankfurter Poetikdozentur inne und berichtete in diesem Rahmen auch über die Arbeit am Text. Für die Recherche hatte sie eine Griechenland-Reise unternehmen können, befasste sich aber auch sehr intensiv mit den griechischen Sagenstoffen und der verfügbaren Sekundärliteratur. Im Roman lassen sich deutliche Parallelen zur damals angespannten politischen Situation lesen. Im Roman stehen sich zwei Parteien gegenüber, die sich nicht offen angreifen, sich aber auch soweit in Schach halten, das eigentlich niemand mehr gefahrlos handlungsfähig ist. Die scheinbare Normalität des Lebens in Troja, die Märkte, die weiter abgehalten werden, die Feste, die weiter gefeiert werden, ist trügerisch. Jede Sekunde kann der Krieg losbrechen, auch wenn die königliche Familie nicht müde wird, das Gegenteil zu beteuern. Vorerst aber gibt es nur Bauernopfer.

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Kassandras Loyalität und ihr Zugehörigkeitsgefühl geraten zusehendes in Wanken. Familiär und emotional dem Königspaar Hekabe und Priamos verbunden, kann sie deren politische Entscheidungen später nicht mehr unterstützen. Auch der Emporkömmling Eumelos, Chef eines nie legitimierten aber immer stärker werdenden Sicherheitsapparates, belastet die Beziehung zu ihrem Vater zusehends. Schließlich weiß Kassandra nicht mehr, wen sie noch bezeichnen kann, wenn sie „wir“ sagt. Zuflucht findet sie in den Berge, wo eine Gruppe von Frauen, Anhängerin der Göttin Kybele, unter einfachsten Bedingungen lebt. In der Charakterisierung der Frauenfiguren, die oft ein sehr autarkes Leben führen, lässt Kassandra sich sehr leicht auch feministisch deuten.

Der Einstieg in den Roman hat mir sehr deutliche Schwierigkeiten bereitet. Es wimmelt von Namen und Figuren, deren Funktion nur manchmal erklärt und oft als bekannt vorausgesetzt wird. Auf den ersten Seiten habe ich mehr wikipedia-Artikel als eigentlichen Text gelesen, was schon recht frustrierend sein kann. Es gibt, darauf sei hingewiesen, kommentierte Ausgaben für die Schule, die den Einstieg erleichtern können, wenn man zufällig nicht alles über den Trojanischen Krieg weiß. Es lohnt sich aber, sich durch die ersten Seiten zu quälen und es dauert auch nicht lange, bis man zumindest einen groben Überblick über das trojanische Who-Is-Who hat. Der Rest des Romans ist eine scharfe, sehr kluge und sprachlich dichte Analyse der politischen Situation eines Staates, der hier Troja heißt. Kassandra ist als sehr interessante Figur konstruiert und der solide mythologische Unterbau ist beeindruckend. Zurecht bis heute Schullektüre ist Kassandra mühsam aber lesenswert.


Christa Wolf: Kassandra. Suhrkamp 2008. 178 Seiten. Erstausgabe Luchterhand 1983.

Das Zitat stammt von S. 21

Essen aus Büchern: Taralli aus Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“

Neapel liegt direkt am Meer, doch für Lila und Elena, die beiden Protagonistinnen der „neapolitanischen Saga“ von Elena Ferrante, ist das bunte Strandleben unvorstellbar weit entfernt. Die beiden wachsen in ärmlichen Verhältnissen im Rione auf und kennen das Meer nur vom Hörensagen.

Für die reicheren, mächtigeren Familien im Viertel hingegen ist der Strand nur ein einfacher Tagesausflug, wie in dieser Episode aus Meine geniale Freundin:

„Einmal hatten Nino Sarratore und seine Schwester darüber gesprochen, in einem Tonfall von Leuten, die es normal finden, dass man dort manchmal hinging und Taralli knabberte oder Frutti di Mare aß.“

Taralli bezeichnen im allergrößten Teil Italiens ein Gebäck aus einem Brotteig, das zu Kränzen gelegt und, ähnlich wie Bagels, vor dem Backen in siedendes Wasser gegeben wird. Neapel allerdings dreht da sein eigenes Ding. Dort sind vor allem Taralli sugna e mandola verbreitet, Taralli mit Schweineschmalz und Mandel. Diese werden vor dem Backen nicht gekocht und enthalten eine recht hohe Menge Pfeffer, was sie deutlich würziger macht als die regulären Taralli. Auch die Form ist etwas anders, bei den neapolitanischen Taralli werden die Teigstränge nicht einzeln zu Kränzen gedreht sondern umeinander gedreht wie bei diesem Rezept hier.

TaralliCol

Für ca. 12-16 Taralli:

  • 400 g Weizenmehl 00
  • 120 ml lauwarmes Wasser
  • 120 g Schweinschmalz
  • 20 g Hefe
  • 2 TL Salz
  • 2 TL gemahlener Pfeffer
  • 100 g ungeschälte Mandeln

2/3 der Mandeln hacken, den Rest beiseite stellen. Die Hefe im Wasser auflösen. In einer Schüssel Mehl, Wasser und gehackte Mandeln verrühren. Salz und Pfeffer zugeben und nach und nach den Schmalz unterarbeiten.

Abgedeckt ca. 30 Minuten gehen lassen. Anschließend kleine Portionen des Teiges abnehmen und Schnüre von ca. 20 cm Länge und 1/2 cm Dicke daraus formen. Das ist am Anfang tatsächlich gar nicht so einfach. Ich fand es am Anfang leichter, den Teig in Stränge zu drücken und diese dann rund zu formen.

Jeweils zwei Stränge umeinander drehen und einen Kranz daraus formen. Die Enden gut zusammendrücken und die Kränze auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Jeweils 3-4 der übrig gebliebenen Mandeln auf die Taralli legen und etwas andrücken. Das Blech mit einem Tuch abdecken und die Taralli weitere 2 Stunden gehen lassen.

Den Ofen auf 160°C Umluft vorheizen und die Taralli ca. 25-30 Minuten backen bis sie braun werden.

Die Taralli sind sehr würzig, der Teig ziemlich mürbe. Gegessen werden sie gerne zu einem Glas Wein oder einem kalten Bier.


Das Zitat stammt von S. 87 von Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Suhrkamp 2016.

Stefan Gärtner: Putins Weiber

Waldemar, genannt Putin, lebt mit seiner Lebensgefährtin Vera in Frankfurt. Als er sie nach einer Fortbildung vom Bahnhof abholt, beichtet sie, dass sie ihn betrogen hat. Statt aber gleich vom Beziehungsende zu sprechen, macht sie ihm einen Vorschlag: sie wollen eine Zeit getrennt leben und Putin hat nun auch eine Frau, einen Seitensprung frei. Erst ist ihm überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, ihm fällt auch keine ein, aber dann bringt sein Freund Georg ihn auf eine Idee: er soll all die Frauen aufsuchen, bei denen er sich vor Jahren nicht getraut hat. Und so beginnt Putins Reise durch Deutschland und seine Vergangenheit. Mareike, Manuela, Mona, Mimi, Marie heißen die Gesuchten oder auf dem Weg zufällig Getroffenen. Erfolg hat er natürlich bei den wenigsten.

„Betrogen, fürchte ich, habe ich jemand anderen, und zwar durch Unterlassen, und dann bin ich geflohen, weil da, wo mal zu Hause war, irgendein Sven ans Telefon ging.“

Schließlich, man weiß nicht genau wie viel Zeit vergangen ist, verschlägt es den Frankfurter Putin nach Bielefeld, wo er sich mit diversen skurrilen Gestalten ein trostloses Mietshaus teilt und seine Nachbarin begehrt, deren Namen nicht mit M beginnt, bei der er aber auch nicht mehr Erfolg hat. Auch Vera, erfährt man in einem kurzen Perspektivwechsel, scheint es nicht viel besser zu ergehen. Sie flüchtet sich nach Berlin (wohin auch sonst) wo sie zwar eine nette Mitbewohnerin aber sonst nur wenig Anschluss findet. Für Liebe scheint in ihrem Leben auf jeden Fall ebenfalls erstmal kein Platz mehr zu sein.

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Carol Shields: Larry’s Party

Laurence Weller, genannt Larry, geboren 1952 als Sohn britischer Einwanderer, wächst im ruhigen Winnipeg auf. Er benimmt sich vernünftig, kleidet sich ordentlich und arbeitet als Florist. Florist ist er eher zufällig geworden, einer von nur zwei männlichen Schülern im entsprechenden Kurs am College. Als er Ende zwanzig ist, lernt er Dorrie kennen und heiratet sie noch bevor man die Schwangerschaft sieht. Die Hochzeitsreise allerdings, eine Gruppenreise durch England, stellt sein Leben auf den Kopf. Interessiert an Pflanzen aller Art ist er begeistert von der Vielzahl der Hecken, die es entlang der Route zu sehen gibt. Der Irrgarten in Hampton Court ist eine Offenbarung für ihn. Entgegen der Absprache mit der Gruppe trödelt er lange in den grünen Gängen herum, bekommt Ärger mit seiner jungen Frau, aber hat auch für alle Zeiten sein Herz an dieses Element der Gartenbaukunst verloren.

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Kaum ist die junge Familie Weller mit dem verdächtig bald geborenen Sohn in ihr kleines Heim in Winnipeg gezogen, beginnt Larry, das Haus in einem Irrgarten zu verstecken. Geld und Zeit investiert er sehr zum Ärger von Dorrie nicht in die Renovierung des Badezimmers, sondern in den stetigen Ausbau seines ersten Irrgartens. Ein später angestrebter Umzug in ein größeres, schöneres Haus scheitert daran, dass er sein Herzensprojekt nicht einfach umpflanzen kann. Nach wenigen Jahren wird Larrys erste Ehe geschieden und er beginnt ein neues Leben als Irrgarten-Bauer in Chicago. Als einer von wenigen Spezialisten weltweit bringt er es mit seiner Firma A/MAZING Inc. zu einigem Ruhm.

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Becky Chambers: The Long Way to a Small, Angry Planet

2014 stand Becky Chambers vor der Entscheidung: neuen Job suchen oder Roman schreiben? Mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion gelang es ihr, die joblose Zeit zu überbrücken und sich auf ihre schriftstellerische Tätigkeit zu konzentrieren. Das Ergebnis, die Geschichte der jungen Rosemary, die ihren ersten Job an Bord eines Raumschiffes bekommt, wurde zum Überraschungserfolg und wurde für jeden Preis in greifbarer Nähe nominiert. In diesem Sommer erscheint nun schon der dritte Roman von Chambers.

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Hier aber soll es um den ersten gehen, der an Bord des Raumschiffs Wayfarer spielt. Kapitän Ashby hat als Ergänzung für seiner chaotischen Crew die junge Rosemary angeheuert, deren undankbarer Job fortan die Organisation aller Bordangelegenheiten ist. Erst noch schüchtern taut sie doch schnell auf in Gesellschaft der sympathischen Crew, die aus den verschiedensten Ecken des Universums stammt. Längst nicht alle von ihnen sind humanoid und es braucht einiges diplomatisches Geschick und Geduld um so viele Bedürfnisse, Besonderheiten, Arme und Schuppen unter einen Hut zu bringen. Und gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass die Crew zusammenhält. Die Wayfarer ist ein Bohrschiff, das Wurmlöcher durchs Universum legt und so für schnelle und effiziente Verbindungen sorgt. Ashby hat nun einen besonders gut bezahlten, aber auch riskanten Job an Land gezogen: sie sollen einen neuen Tunnel bauen zum Planeten Hedra Ka, dem Hauptplaneten der aggressiven Toremi, die erst vor kurzem der Allianz der Galactic Common beigetreten sind. Der Weg ist lang und der Planet potentiell feindselig, aber die Wayfarer scheut die Herausforderung nicht.

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Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday

Wie es sich für einen Dubliner Roman gehört, spielt Molly Fox’s Birthday an einem einzigen Tag, dem 21.06. Diesen einen Tag verbringt eine namenlose Erzählerin, Theaterautorin, in Molly Fox’s Haus und versucht, an ihrem neuen Stück zu arbeiten. Molly Fox selbst taucht in diesem Roman ebenso wenig auf wie ihr Geburtstag, den die Schauspielerin lieber nicht feiert und stattdessen alleine in New York verbringt. Die Erzählerin fühlt sich trotzdem ständig von ihr umgeben, denn Mollys Haus ist randvoll mit Erinnerungen an Theatererfolge, Reisen und Freundschaften. Ständig in Gedanken bei der alten Freundin kommt die Erzählerin nicht dazu, auch nur einen Satz zu Papier zu bringen. Stattdessen hängt sie Erinnerungen an die gemeinsame Zeit nach, an die erste gemeinsame Produktion und die gemeinsamen Freunde. Vor allem Andrew, den sie seit Studienzeiten kennt, spielt eine große Rolle in ihren Erinnerungen, ebenso wie ihr Bruder Tom, der Priester geworden ist.

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Essen aus Büchern: Kugel aus Ann Patchetts „The Magician’s Assistant“

Kugel ist ein Auflauf aus der jüdisch-aschkenasischen Küche und teilt seine etymologischen Wurzeln wahrscheinlich mit dem Gugelhupf. Es gibt eine süße Variante, die vor allem aus Eiernudeln und verschiedenen Milchprodukten besteht und eine herzhafte, die vor allem aus Kartoffeln besteht. In The Magician’s Assistant allerdings ist recht eindeutig die süße Variante gemeint, ausgestellt in der Süßwarenvitrine des traditionellen jüdischen Restaurants Canter’s Deli, in dem Protagonistin Sabine der Versuchung kaum widerstehen kann:

„She couldn’t remember the last time she had eaten, and she put her hand on the overflowing pastry case and leaned towards the glass, suddenly mesmerized by kugel.“

Die süße Variante ist auch bekannt als Lokshen Kugel, wobei ‚Lokshen‘ die Nudeln bezeichnet, oder als Noodle Kugel, was mühelos den phonetischen Sieg davon trägt. Über die Jahrhunderte haben sich natürlich sehr viele Varianten entwickelt. Fast in allen süßen Kugel-Rezepten findet man Rosinen, manchmal auch andere (Trocken)früchte, Zitronenzesten oder Apfelmus. Oft werden nur Zucker und Zimt über die Masse gestreut, manchmal aber auch Toppings wie zerbröselte Kekse, Streusel oder Cornflakes. Es war mir nicht möglich, herauszufinden, was Canter’s Deli sein Kugel nun genau macht, deswegen habe ich mich einfach für eine möglichst traditionelle Variante entschieden. Es ist einfach, es ist sehr lecker, es ist super variabel, aber ich warne euch – es ist auch eine riesige Milchprodukte-Schlacht.

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Emma Henderson: Grace William Says it Loud

Grace wird 1946 als drittes Kind der Londoner Familie Williams geboren. Schnell wird ihrer Mutter klar, dass ihre jüngste Tochter sich anders und langsamer entwickelt als ihre älteren Geschwister. Sie wächst sehr langsam, lernt spät und nur mit Mühe laufen und kommt nie über Zwei-Wort-Sätze hinaus, die sie in die Welt schreit, trotz aller Therapiebemühungen kaum in der Lage, ihre Zunge zu beherrschen. In winzigen Schritten geht es voran, doch als Grace sechs Jahre alt ist erkrankt sie an Kinderlähmung. Nur knapp überlebt sie in einer Eisernen Lunge, einer ihrer Arme aber und ein Bein werden stark in Mitleidenschaft gezogen. Nelson nennt sie den jetzt beinahe nutzlosen Arm und hinkt fortan noch schiefer durchs Leben.

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Aussichtslos, sagt er Arzt. Grace werde niemals in der Lage sein, eine Schule zu besuchen oder ein eigenständiges Leben zu führen. Er empfiehlt, sie in eine spezielle Einrichtung zu schicken und so landet Grace im Alter von zehn Jahren in „The Briar“. Dem Zeitgeist entsprechend dient diese Einrichtung fast ausschließlich der Verwahrung von Menschen mit diversen Behinderungen. Sinnvolle Therapie- oder Beschäftigungsangebote gibt es kaum für die dort lebenden, dafür sind die Schikanen und Strafen des Personals umso ausgefeilter und brutaler. Ohne genau zu wissen warum, verbringt Grace Tage in dunklen „Strafräumen“, hungert und wird gezwungen, erniedrigende Arbeiten zu verrichten. Ihre einzige Stütze ist ihr Freund Daniel, Sohn eines halbseidenen aber angebeteten Antiquitätenhändlers, ein Epileptiker, der bei einem Unfall beide Arme verloren hat. Er zeigt Grace in den ersten Tagen alles nötige und wird später ihre erste und einzige große Liebe.

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Joolz Denby: Billie Morgan

Billie, eine auf die fünfzig zugehende Geschenkartikelladen-Besitzerin aus Bradford, lebt zurückgezogen in einem kleinen Häuschen, hat zwei Katzen und duscht mit Teebaumöl-Duschgel. Doch nicht immer verlief ihr Leben in so geordneten Bahnen. In ihrer Jugend ist sie Teil der Hippie-Bewegung, bis sie nach einem brutalen Vorfall ihren ehemaligen Freunden den Rücken kehrt und sich auf die Suche nach loyaleren Kreisen macht. Sie findet sie bei den „Devil’s Own“, einer Rockergang, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt, aber immerhin den Zusammenhalt groß schreibt. Dort lernt sie auch ihren späteren Mann Mickey kennen, mit dem zusammen sie eine furchtbare Gewalttat begeht. Der Mann, der dabei stirbt, ist ein kleinkrimineller Außenseiter, er ist aber auch der Freund von Jas, die von ihm schwanger ist, und die sich, nachdem sie jetzt alleine da steht, hilfesuchend an Billie klammert. Sie ahnt nicht, wen sie zur Patentante, zum Schutzengel für ihren Natty ernannt hat.

„It was just a fact, that violence was as much part of me as love, honour and pride. It had given me iron strength of will over the years, but sometimes it demanded a price for that daily control.“

Billie ist von Jas Hilflosigkeit und ihrer Drogenabhängigkeit oft genervt und überfordert, ihre Schuldgefühle erlauben es ihr aber nicht, der Freundin und ihrem Sohn den Rücken zu kehren. Manchmal wünscht sie sich, sie hätte sich damals einfach der Polizei gestellt, dann wäre ihre Strafe jetzt abgesessen und vergolten. So plagen sie auch nach Jahren noch schlimme Alpträume und auch ihre Ehe ist kurz nach der Tat in die Brüche gegangen. Zu allem Überfluss startet nun noch eine Tageszeitung eine Reihe über Vermisstenfälle die nie aufgeklärt wurden und die Mutter des Toten will noch einen letzten Versuch starten, ihren Sohn zu finden. Billie gerät in Panik. Was, wenn jetzt doch noch alles ans Licht kommt?

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