Die Staatsfeindin, die ich liebte – „Home Fire“ von Kamila Shamsie

Isma, Aneeka und Parvaiz Pasha sind noch jung, als ihre Mutter stirbt. Ihren Vater haben sie kaum gekannt. Er war Jiihadist, hat lange im Ausland gekämpft und ist schließlich auf dem Weg nach Guantanamo gestorben. Also ist es an Isma, die jüngeren Geschwister großzuziehen. Die Zwillinge Aneeka und Parvaiz sind von ihrer Kindheit an unzertrennlich und kaum eine Minute getrennt. Trotzdem merkt Aneeka zu spät, dass ihr Bruder drauf und dran ist, den gleichen gefährlichen Weg einzuschlagen wie sein Vater.

Die zweite wichtige Familie im Roman ist die des britischen Innenministers Karamat Lone. Selbst Moslem, führt er eine harten Kampf gegen religiöse Hardliner und fordert von den britischen Muslimen, möglichst angepasst zu leben. Damit spielt er auch eine große Rolle im Leben der Familie Pasha. Er weigert sich, Untersuchungen anstellen zu lassen, was mit dem Vater der Familie passiert ist, obwohl er britischer Staatsbürger war. Und er entzieht, wo immer möglich, jedem die Staatsbürgerschaft, der sich des Terrorismus verdächtig macht. Das trifft Parvaiz und seine Schwestern hart. Denn Parvaiz, der von einer Karriere in der Tontechnik träumt, lässt sich tatsächlich bequatschen, als Teil eines vermeintlich harmlosen „Medienteams“ nach Ar-Raqqa zu gehen. Die Schwestern, und besonders Aneeka, haben aber einen ganz eigenen Weg gefunden, den Innenminister unter Druck zu setzen. Und dieser Weg geht über seinen Sohn Eamonn.

„The world was dark and then there you were, blazing with light. How can anyone fail to love hope?“

Beiden Familien ist gemein, dass sie sehr oft anti-muslimische Resentiments erfahren. Die Kinder eines getöteten Jihadisten, gelistet in jeder internationalen Datenbank, überwacht und an jedem Flughafen verhört, natürlich mehr als der Innenminister Großbritanniens, der in eine „gute (weiße) Familie“ einheiraten konnte. Wie so oft bei Kamila Shamsie ist auch in Home Fire das Private sehr politisch. Eamonns Verbindung mit Aneeka, der Tochter eines Jihadisten, sorgt erst für eine ganz private Krise in der Familie Lone und dann für einen mittelgroßen Politskandal. Lone steht schon bald vor der Frage, ob für seinen Sohn die gleichen Gesetze gelten sollen wie für jeden anderen britischen Bürger auch. Und vor der Frage, wie lange er für seine Überzeugungen im Gästezimmer schlafen will, in das ihn seine Frau vorerst verbannt hat.

Und wie so oft bei Kamila Shamsie verliert der Roman irgendwann seine klare Linie. Home Fire lehnt sich gewollt und deutlich an Antigone an, was über weitere Strecken gut funktioniert. Wie so viele Adaptionen klassischer Werke krankt aber auch diese an der eingeschränkten Übertragbarkeit der Geschichte. Der erste Teil des Romans, geschildert schwerpunktmäßig jeweils aus der Perspektive einer der drei Geschwister, funktioniert sehr gut. Auch die Idee, einen muslimischen Innenminister in Großbritannien einzusetzen, ist ein sehr interessantes und gelungenes Gedankenexperiment. Im letzten Drittel aber driftet der Roman dann so sehr in die griechische Tragödie ab, dass er deutlich an Glaubhaftigkeit verliert. Während man in der Tragödie noch alles mit dem Tun der Götter erklären kann, wirken scheinbar willentlich heraufbeschworene Sandstürme im modernen Karachi doch etwas gekünstelt. Den antik inspirierten Ausgang hätte dieser Roman, der sonst so aktuell und auch tragisch genug ist, gar nicht gebraucht.


tl;dr: Starker Start, schwächeres Finish – Shamsie verlegt die Handlung von „Antigone“ in eine britisch-muslimische Familie und verliert unterwegs leider an Drive und Linie. 


Kamila Shamsie: Home Fire. Bloomsbury 2018. 264 Seiten. Originalausgabe ebd. 2018.  Eine deutsche Übersetzung von Nicolas Hansen ist unter dem Titel Hausbrand im Berlin Verlag erschienen. 

Das Zitat stammt von S. 97.

Kamila Shamsie hat mit diesem Roman 2018 den Women’s Prize for Fiction gewonnen. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

Beengte Verhältnisse – „The Weight of Water“ von Anita Shreve

Anita Shreves Roman The Weight of Water beruht auf einer wahren Begebenheit: Im Winter 1873 wurden auf Smuttynose, einer winzigen Insel vor der Küste New Hampshires, die norwegischen Immigrantinnen Karen und Anethe Christensen im Schlaf überrascht und ermordet. Maren Hontvedt konnte fliehen, versteckt sich die ganze Nacht über hinter einem Felsen und rettet so gerade noch ihr Leben. Später gab sie an, ihr ehemaliger Untermieter Louis habe gewusst, dass die Ehemänner der Frauen in dieser Nacht nicht da seien und sei in das Haus eingedrungen, um Geld zu stehlen. Vom Widerstand der Frauen überrascht, habe er die Nerven verloren. Louis Wagner wurde für schuldig befunden und gehängt.

Im Roman kommt nun mehr als hundert Jahre später die Fotojournalistin Jean auf die Insel, um Bilder für eine Reportage zu machen. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas und ihrer Tochter Billie unternimmt sie dafür eine Bootstour zu der Inselgruppe, begleitet von Thomas Bruder und seiner neuen Lebensgefährtin. Zwischen eben dieser Lebensgefährtin und Thomas nimmt Jean bald ein deutliches Kribbeln wahr, das alle Alarmglocken bei ihr schrillen lässt. Hat sich ihr Mann so schnell in die jüngere, attraktivere Frau verguckt, die zu allem Überfluss seine Arbeit als Dichter verehrt? Jean traut sich kaum noch, die beiden alleine in einem Raum zu lassen. Das muss sie nun aber zumindest gelegentlich machen, denn ihre Arbeit erfordert vollen Einsatz. In einem Archiv in Portsmouth hat sie Unterlagen entdeckt, die ein ganz neues Licht auf den Fall werfen und die offizielle Version der Mordnacht schon nach wenigen Seiten hochgradig fragwürdig erscheinen lassen.

Anita Shreve stellt in The Weight of Water zwei Familien- und Partnerschaftssituationen gegenüber, die eine gewisse Unausweichlichkeit gemeinsam haben. Historisch ist das die norwegische Familie, die ihren Platz auf der winzigen und kargen Insel gefunden hatte. Jean staunt, als sie in den Resten der Fundamente steht, wie wenig Raum zwei Ehepaare sowie diverse Gäste und Untermieter sich teilen mussten. Sie selbst lebt nur vorübergehend in den sehr beengten Dimensionen eines Segelboots, ist aber schon nach wenigen Tagen genervt davon, dass man alles aus dem Leben der anderen mitbekommen muss und kein Raum für Privatsphäre bleibt. Die Problematiken schaukeln sich in beiden Fällen gleichermaßen hoch: während die Situation auf dem Boot immer mehr von Eifersucht und nicht ausgesprochenen Fragen vergiftet wird, liest Jean weiter in dem Dokument, das sie im Archiv gefunden hat und in dem Maren ihre Lebensgeschichte erzählt. Dieses Dokument wird, im Wechsel mit Jeans Teil, im Roman wiedergegeben. Auch in dieser Geschichte verschärfen sich die Konflikte zusehends und sind irgendwann an einem Punkt, an dem eine Versöhnung ebenso unmöglich wird wie ein Rückzug.

„Many fisher-families experience lives of isolation but ours was made all the greater because of the unique geographical properties of an island in the North Atlantic Ocean, which properties then convey themselves to the soul.“

In beiden Fällen gelingt es der Autorin, die vergiftete Atmosphäre und die allgegenwärtigen Spannungen spürbar zu schildern. Der historische Teil allerdings ist nicht durchweg überzeugend. Es wird schnell klar, dass Maren nicht in allen Punkten die Wahrheit sagt, man beginnt aber auch recht schnell zu ahnen, was wirklich hinter der Tat steckt. So schnell, dass der Part ziemlich vorhersehbar wird. Shreve verlässt sich dabei ausschließlich auf ihre poetische Freiheit. In der Realität gab es juristisch niemals Zweifel an Wagners Schuld, allerdings beteuerte er mit solcher Vehemenz seine Unschuld, dass große Teile der Bevölkerung gewillt waren, ihm zu glauben. Shreves Auflösung, so interessant angelegt sie ist, wäre allerdings nur mit sehr, sehr vielen Zufällen denkbar gewesen. Trotz dieser Schwächen bleibt der Text spannend und hat seine Stärken vor allem in den nervenaufreibenden Beziehungen zwischen den Charakteren.


tl;dr: In The Weight of Water schildert Shreve eine weitere mögliche Auflösung für einen realen Mordfall, der sich vor über hundert Jahren zugetragen hat. Dabei gelingt es ihr, die Beziehungen zwischen den Charakteren packend zu schildern, ihr „alternatives Ende“ allerdings hat deutlichere Schwächen.


Anita Shreve: The Weight of Water. Abacus 1998. 246 Seiten. Originalausgabe Little, Brown and Company 1997. Die deutsche Übersetzung von Mechthild Sandberg ist unter dem Titel Das Gewicht des Wassers 1997 bei Piper erschienen.

Der Roman wurde 2000 unter gleichem Titel unter anderem mit Sean Penn und Elizabeth Hurley verfilmt.

Das Zitat stammt von S. 139.

Mit diesem Roman stand Shreve 1998 auf der Shortlist für den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Ein standhafter Eigenbrötler – „Sweetland“ von Michael Crummey

Auf Sweetland, einer kleinen Insel vor der Küste Neufundlands, leben die Menschen seit zwölf Generationen. Unter den Begründern der Gemeinschaft waren auch die Vorfahren von Moses Sweetland, der heute noch auf der Insel lebt. Doch die Insel ist nicht mehr, was sie einmal war. Vom Fischfang kann kaum noch jemand leben, das Geld wartet auf dem Festland und auf den Ölbohrinseln. Die Jungen gehen weg und nehmen die beschwerliche Heimreise nur im äußersten Notfall auf sich. Es sind nur noch wenige, die ausharren, aus Sentimentalität oder weil sie woanders auch keine Chancen haben. Da kommt das Angebot der Regierung gerade recht: 100.000 Dollar Starthilfe sollen alle bekommen, die freiwillig gehen. Allerdings nur, wenn wirklich alle gehen. Die Lokalregierung hat kein Interesse mehr daran, die kostspielige Infrastruktur der Insel inklusive Strom, Internet und Fähre aufrechterhalten zu müssen. Die meisten Familien springen sofort darauf an, nur einige wenige zögern und wollen ihre Heimat nicht verlassen. Der sturste unter ihnen bleibt der siebzigjährige ehemalige Leuchtturmwärter Moses Sweetland. Er kann sich nicht vorstellen, seinen Lebensabend woanders zu verbringen und lässt sich auch von den anonymen Drohungen nicht schrecken, die ihn am Ende beinahe täglich erreichen.

„Es sind nicht die Sechzigerjahre, Mr Sweetland. Dieser Schritt wird dem Ort nicht aufgezwungen. Wir zahlen für die Umsiedlung der Bewohner, wie es von uns verlangt wurde. Doch wir werden nicht die Verantwortung für einen Verrückten mitten im Atlantik übernehmen, wenn alle anderen weg sind.“

Neufundland ist für den kanadischen Autor Michael Crummey ein literarisches Heimspiel. Er wurde in Buchans geboren und wuchs dort auf. Neben den sehr speziellen Lebensumständen der dortigen Bevölkerung ist, wie auch in Die Unschuldigen, die Einsamkeit in Sweetland ein vorherrschendes Thema. Der Protagonist lebt alleine, seit seine gesamte Familie verstorben ist. Geheiratet hat er nie, nicht zuletzt weil er nach einem Unfall sichtbare und großflächige Narben hat, derer er sich schämt. All seine Aufmerksamkeit und Liebe konzentriert er auf Jesse, den Enkel seiner verstorbenen Schwester. Jesses Entwicklung verläuft anders als geplant und er lässt nur wenige in seine Nähe. Moses allerdings begleitet er treu beim Fischen und Fallenstellen und unterhält ihn mit diversen Fakten über die lokale Flora und Fauna, die er von wikipedia kennt.

In der zweiten Hälfte des Romans erfährt Sweetlands Einsamkeit noch einmal eine ganz neue Qualität. Er lässt sich schlussendlich überreden, die Vereinbarung zu unterschreiben. Mit der Insel und seiner Vergangenheit hat er abgeschlossen, so glaubt er. Doch dann passiert etwas, das ihn doch zum Bleiben bewegt und er findet einen Weg, seine Abreise zu verhindern. Er hat diesen Schritt groß geplant und ausreichend Vorräte angelegt, außerdem kennt er die Insel und ihre Gewässer gut genug um sich mit Fisch und Wild versorgen zu können. Auch einen kleinen Gemüsegarten hegt er seit Jahren. Doch ohne die anderen ist Sweetland eben doch nur ein großer Fels irgendwo im Atlantik und Moses, so zurückgezogen er immer schon war, fürchtet bald den Bezug zur Realität zu verlieren.

Als Kenner Neufundlands gelingt es Crummey auch in diesem Roman, die Landschaft und die dort lebenden Menschen eindrucksvoll zu schildern. Leider gerät die Übersetzung an einigen Stellen etwas holprig und mitunter schleichen sich kleine Fehler ein, die einen beim Lesen stocken lassen. Doch Sweetland ist bevölkert von einer Reihe eigentümlicher aber glaubhafter Charaktere, die das wieder ausbügeln. Die Beziehungen untereinander sind rau aber ehrlich und herzlich, gewachsen über Jahrzehnte. Wie auch in Die Unschuldigen ist das Leben geprägt von einer gewissen Monotonie, ausgerichtet immer am Jahreslauf, den Möglichkeiten und Erfordernissen des Wetters. Unterbrochen wird dies beinahe nur durch die Erzählung von einem aufsehenerregenden Ereignis: vor Jahren hat Moses ganz zufällig ein Rettungsboot voll Geflüchteter aus Sri Lanka aufgegabelt und an Land gebracht. Kurze Zeit war Sweetland im Fokus des allgemeinen Interesses, bevölkert von ReporterInnen und auf allen Kanälen. Dieser Erzählstrang bietet etwas Abwechslung, wirkt aber auch fast deplatziert, denn die Geretteten verschwinden so schnell wie sie gekommen sind und hinterlassen keine sichtbaren Spuren auf Sweetland. Die übrigen Erzählstränge aber fassen gut ineinander und erzählen überzeugend die Geschichte eines Mannes, der eine Insel nicht nur im Namen, sondern auch in jeder Faser seines Körpers trägt.


tl;dr: Sweetland schildert, mit Herz und Brutalität, ein Leben, das heute kaum noch möglich scheint. Bis auf einen losen Erzählstrang ein überzeugender Roman mit einer gewissen Melancholie.


Michael Crummey: Sweetland. Aus dem Englischen von Peter Groth. Mitteldeutscher Verlag 2020. 399 Seiten. Originalausgabe: Sweetland. Doubleday Canada 2014.

Das Zitat stammt von S. 15.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Essen aus Büchern: Specksuppe aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Bei den Buddenbrooks wird fürstlich getafelt, erst recht, wenn man Gäste hat. Die Familie ist wohlhabend und zeigt es, das Tafeln dient nicht zuletzt der Repräsentation. Das spricht sich herum und so hat die im Alter immer mehr frömmelnde Konsulin ständig Besuch von Pastoren aus dem ganzen Land, die vorgeblich zur geistlichen Unterstützung anreisen, über Tage bleiben und sogar mehr verschlingen als die ewig hungrige Klothilde. Zu Ehren der Gäste lässt die Konsulin unbeirrt auffahren, was Küche und Speisekammer zu bieten haben. Tochter Tony, da noch Mme Grünlich, geht das gehörig auf die Nerven, vor allem da es nun auch noch Usus geworden ist, mit den Predigern auf Durchreise morgendliche Bibelstunden mit Anwesenheitspflicht durchzuführen. Als die Konsulin sich eines Tages mit Migräne von den Pflichten als Gastgeberin entschuldigen muss, sieht Tony ihre Stunde gekommen und weist die Köchin an, Specksuppe zu servieren,

„das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken, Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Rüben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die niemand auf der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran gewöhnt war.“

Tony gibt sich entsetzt, als der Prediger keine Freude an der Suppe findet und freut sich, dass er auf das „nächste Gericht“ hofft, denn das wird es nicht geben. Die gehaltvolle Specksuppe ist keine Vorsuppe, sondern der einzige Gang, gefolgt nur von einem „kleinen Après“, und auch da hat Tony ganze Arbeit geleistet: statt eines köstlichen Puddings, der sonst so oft aufgetischt wird bei den Buddenbrooks, gibt es nur Arme Ritter mit Apfelgelee. Der Geistliche bleibt hungrig an diesem Tag und nicht einmal Thomas kann sich dazu überwinden, seine Schwester dafür zu tadeln. Übrigens ist diese Anekdote so auch über Elisabeth Mann übermittelt, einer Tante Thomas Manns, die ihm als ziemlich offenes Vorbild für Tony diente (was innerhalb der Familie für einigen Unmut sorgte).

Die Specksuppe ist in ganz Schleswig-Holstein und angrenzenden Gebiete Norddeutschlands verbreitet und existiert natürlich in vielfältigen Varianten. Alle Rezepte bauen allerdings auf eine Mischung aus sauren und süßen Zutaten, wozu die norddeutsche Küche ja ohnehin neigt. Backpflaumen sind, ebenso wie Kerbel, in fast allen Rezepten ein Muss. Auch Klößchen sind eine beliebte Einlage, finden bei Thomas Mann allerdings keine Erwähnung.

Für einen sehr großen Topf Specksuppe:

  • 600 g Katenschinken
  • 300 g Bauchspeck, geräuchert
  • 1 Bund Suppengrün (Sellerie, Lauch, Karotten)
  • 1 EL Butter
  • 250 g Blumenkohl, in Röschen geteilt
  • 250 g Kartoffeln, geschält und gewürfelt
  • 250 g Steckrübe (oder Pastinake oder Kohlrabi), geschält und gewürfelt
  • 1 Zwiebel, geschält und gewürfelt
  • 1 Bund Kerbel
  • 150 g Backpflaumen
  • 150 g Birne im Glas
  • 100 g grüne Bohnen
  • 100 g Erbsen, gegart (oder TK)
  • Salz und Pfeffer
  • Zucker und Essig

Am Vorabend Schinken und Speck in einen Topf geben, mit Wasser bedecken und mind. 12 Stunden wässern. Die Backpflaumen vierteln und in eine Schüssel mit Wasser geben.

Am nächsten Tag die Pflaumen aus dem Wasser nehmen und abtropfen lassen. Speck und Schinken 4 Std. köcheln lassen. Den dabei entstehenden Schaum hin und wieder abschöpfen. Nach Ablauf der Garzeit das Fleisch entnehmen und zur Seite legen.

Das Suppengemüse putzen und in mundgerechte Stücke schneiden. Die Butter in einem großen Topf zerlassen, das Suppengemüse und die Zwiebel darin kurz anrösten. Mit der Fleischbrühe ablöschen, die Kartoffel- und Rübenwürfel hinzugeben, 15 Minuten köcheln lassen. Sollte zu wenig Flüssigkeit da sein, mit Gemüsebrühe aufgießen. Während das Gemüse kocht, Schinken und Speck in mundgerechte Stücke schneiden. Blumenkohl und Bohnen zur Suppe geben und weitere 10 – 15 Minuten garen, bis Bohnen und Blumenkohl gar, aber noch bissfest sind. In der Zwischenzeit die Blätter vom Kerbel zupfen und die Birne in mundgerechte Stücke schneiden.

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Den Topf von der Flamme nehmen, gegarte Erbsen, Fleisch, Kerbel, Pflaumen und Birne unterrühren. 2 – 3 EL des Birnen-Saftes hinzugeben. Alles weitere 5 Minuten abgedeckt ziehen lassen, anschließend Suppe mit Salz und Pfeffer und Zucker oder Essig abschmecken. Heiß servieren.

Aber die entscheidende Frage ist ja: kann man mit diesem Essen ungeliebten Besuch für alle Zeiten vertreiben? Ich finde, man kann. Nachdem ich den völlig zerkochten Schinken aus dem Wasser geholt habe und er dabei komplett zerfiel, stand ich zehn Minuten schwer atmend auf dem Balkon, versuchte, gegen die aufsteigende Übelkeit anzukämpfen, und überlegte, den ganzen Krempel einfach wegzukippen. Von der tapfer erkämpften fertigen Suppe habe ich einen Löffel probiert und sofort aufgegeben. Der ostfriesische Freund hat dafür völlig begeistert zwei Teller verschlungen und dabei Dinge wie „sehr salzig, aber fruchtig“ und „wie Kassler, aber weicher. Ich find’s super“ vor sich hin gemurmelt. Offenbar haben wir es bei dieser Suppe wirklich mit einem kulinarischen Nord-Süd-Gefälle zu tun. Ich finde, so eine Suppe zu servieren, ist reine Boshaftigkeit und nicht sehr vornehm von Tony!


Die Zitate in Text und Bild stammen von S. 242 von Thomas Mann: Buddenbrooks. Fischer TB, 54. Auflage 2004. 758 Seiten.

Beim Rezept habe ich mich an einem orientiert, das bei Gute Küche nachzulesen ist, sowie an einem weiteren, das im Buch Bei Thomas Mann zu Tisch von Sybil Gräfin Schönfeldt zu finden ist.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Navigation in einer zerstörten Welt – „The Great Fire“ von Shirley Hazzard

Der Zweite Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei, als Alfred Leith als Gast das Haus des Australiers Driscoll im japanischen Kure betritt. Leith hat auf britischer Seite gekämpft, hat Freunde sterben sehen und wurde selbst schwer verwundet. Davon allerdings hat er sich beinahe komplett erholt, als er nun, mit Orden behangen und mit Ehrerbietungen bedacht, seine Reise durch Asien antritt, wo er ein Buch beenden will. In Kure lernt er Helen und Ben kennen, die Kinder seiner Gastgeber. In ihrer Isolation sind die beiden stark aufeinander fixiert. Ben ist an Friedreich-Ataxie erkrankt, seine elfengleiche Schwester ist seine größte Stütze in seinem stetigen Niedergang. Auch das Herz von Leith erobert sie im Sturm, obwohl sie gerade erst 17 ist, 15 Jahre jünger als der ehemalige Soldat. Die Zuneigung besteht allerdings auf beiden Seiten. Helen vermutet nicht weniger als einen kosmischen Plan hinter der Reise ihrer Familie um den halben Planeten, die nun in Kure endet, wo sie Aldred kennenlernen muss.

Ergänzend zu Aldreds Geschichte wird die von Peter Exley erzählt, einem jungen Mann, der mit ihm im Krieg war. Auch er bereist nun Asien, allerdings ist er mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen befasst. Die beiden Männer treffen sich in Hongkong, beide in der Überzeugung, dass China bald für die Welt verloren sein wird und die ihre letzte Chance auf eine Reise durch das Land wahrnehmen wollen. Exley ist der etwas gröbere Gegenpart von Aldred, nicht weniger tapfer, aber weniger feinfühlig und musisch, weniger agil.

Um diese Figuren herum zeichnet Hazzard ein Bild der kolonialen wie europäischen Welt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bei allem Leid, dass Aldred und Exley erfahren, können sie sich noch glücklich schätzen. Aus der britischen Heimat gibt es mit jeder Post neue Meldungen über die katastrophale Versorgungslage, Essen in Dosen und fehlendes Benzin. Und überhaupt: sie haben überlebt. Hazzard setzt auf Introspektive statt Action. Der Roman ist ausgesprochen zurückhaltend geschrieben, große Ereignisse kommen in federleichten Nebensätzen daher und schnell kann man entscheidende Momente überlesen. Die Handlung des Romans konzentriert sich auf Gespräche, geführt bei Tee und Spaziergängen, auf Tischgesellschaften und auf Briefe, die ihren Empfängern vorausreisen und sie im Hotel bereits erwarten. Auch Leith Kriegserinnerungen spielen eine große Rolle, erscheinen aber durch Hazzards sehr zurückgenommenen Stil bei aller Grausamkeit nicht blutrünstig und brutal.

„Oh, the vast distances, forlorn partings, terrible journeys. The loneliness.“

Hazzard gelingt es, vor allem ihre männlichen Protagonisten als hoffnungsfrohe oder zumindest -volle Menschen zu charakterisieren, die nach Jahren der Dunkelheit und Verletzung versuchen herauszufinden, wer sie sind und wer sie sein können, abseits der großen Front. Doch auch die Frauen dürfen hoffen, zumindest auf ein wenig Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Einigen gelingt das schon sehr gut. Durch ihren sehr eigenen Stil gleitet Hazzard bei aller Gefühligkeit und Liebesschwüren dabei nie ins schwülstig-romantische ab und umschifft geschickt alle Kitsch-Klippen, die auf den Kriegsheimkehrer und seine Angebetete lauern. Der sehr zurückgenommene Stil und die reduzierte Handlung machen den Einstieg ein wenig mühsam. Keine großen Worte und dramatischen Szenen sind da, die einen unmittelbar in ihren Bann ziehen würden. Aber das langsame Hineinwaten in die Handlung lohnt sich und führt am Ende dann doch in ungeahnte Tiefen.


tl;dr: The Great Fire erzählt ohne große Worte aber mit viele Tiefe von Menschen, die versuchen, nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Platz zu finden in einer zerrütteten Welt.


Shirley Hazzard: The Great Fire. Virago 2004. 314 Seiten. Originalausgabe Farrar, Straus & Giroux 2003. Eine deutsche Übersetzung von Barbara Rojahn-Deyk ist 2006 unter dem Titel Das große Feuer bei Carl Hanser erschienen.

Das Zitat stammt von S. 152.

2004 war Hazzard mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Mit Hoffnung an Bord: „Boat People“ von Sharon Bala

Als das Frachtschiff aus Sri Lanka im kanadischen Hafen anlegt, ist die Erleichterung an Bord groß. Auf dem überladenen Schiff befinden sich asylsuchende Tamilen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in der seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Sie alle haben Verfolgung erfahren, Bombardements überlebt und Morde mitangesehen. Aber sie stehen auch unter dem Verdacht, selbst schuldig geworden zu sein. Jeder Passagier ist ein potenzielles Mitglied der Tamil Tigers und damit des Terrorismus verdächtig. Männer und Frauen werden getrennt in Gefängnissen untergebracht, bis über ihr weiteres Schicksal entschieden wird. Ihnen zur Seite stehen Jurist*innen, die der tamilische Bund organisiert. Unter ihn ist unter anderem die Jura-Studentin Priya, deren Eltern selbst aus Sri Lanka stammen, die aber nur wenig Kenntnis der Kultur hat und kaum Tamil spricht. Lieber würde sie ohnehin im Körperschaftsrecht arbeiten, statt sich durch finstere Einzelschicksale zu arbeiten. Die Entscheidung über Abschiebung oder Bleiberecht liegt unter anderem in den Händen von Grace, einer Richterin, deren Großeltern aus Japan nach Kanada gekommen sind.

Mit ihr und ihrer Familie kommt ein weiteres Kapitel kanadischer Einwanderungsgeschichte in den Roman. Nachdem Kanada Japan 1942 den Krieg erklärt hatte, wurden rund 90% der japanisch-stämmigen Bevölkerung British Columbias in Lagern inhaftiert. Ihr Besitz wurde zu großen Teilen gepfändet, ihre Unternehmen aufgelöst. Unter den Betrffenen ist im Roman auch Graces Mutter, die als Kind im Lager Slocan leben musste und erlebte, wie ihrer Familie Besitz und Lebensgrundlage entzogen wurde. Im Alter und mit einer fortschreitenden Demenz-Erkrankung kommt vieles davon wieder hoch und sie kämpft so verzweifelt wie aussichtslos um das Haus, das ihrer Familie gehörte. Sie ist eine der lautesten Stimmen für die Asylsuchenden weil sie nicht mitansehen kann, wie nun eine neue Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft als verdächtig gilt, so wie es einst ihr widerfahren ist.

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Drückend enges Gilead – „Home“ von Marilynne Robinson

Der fiktive Ort Gilead, Iowa ist geografisches Zentrum eines ganzen Erzählzyklus von Marilynne Robinson, zu dem auch Home zählt. In diesem Roman kehrt Glory Boughton in den beschaulichen Ort ihrer Kindheit zurück. Gerade hat sie eine kurz vor dem Altar gescheiterte Beziehung hinter sich und pflegt nun ihre rapide alternden Vater, den ehemaligen Reverend Boughton. Das Leben der beiden plätschert ereignislos dahin, als plötzlich Jack vor der Tür steht, älterer Bruder von Glory und verlorener Sohn des Reverend, der sich trotz anderslautender Versprechungen seit mehr als 20 Jahren nicht hat blicken lassen. Nach vielen harten Jahren gelobt er nun Besserung und versucht wieder Fuß zu fassen in der Kleinstadt, die ihm niemals verzeihen wird, dass er als Jugendlicher geklaut hat und fast nie in der Kirche war. Mit ihm kämpft Glory, die verzweifelt darum bemüht ist, dem Vater in seinen letzten Tagen auf dieser Welt eine große Enttäuschung zu ersparen.

Home spielt zeitgleich mit Robinsons Roman Gilead. Während in letzterem Ames, Reverend Boughtons bester Freund, eine tragende Rolle spielt, ist er in Home nur hin und wieder zu Besuch und gefragter Gesprächspartner. Als moralische Instanz aber ist er eine feste Größe, besonders in der Beurteilung von Jack und seiner ehemaligen wie gegenwärtigen Missetaten. Wie auch Reverend Boughton ist Ames Geistlicher und die theologischen Diskussionen der beiden Männer können schon recht detailliert und weitschweifig werden.

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Women’s Prize for Fiction 2020 für Maggie O’Farrell

Die diesjährige Gewinnerin des Women’s Prize for Fiction heißt Maggie O’Farrell. In ihrem nun ausgezeichneten Roman Hamnet befasst sie sich mit dem jung verstorbenen Sohn von Anne Hathaway und William Shakespeare. Zu internationaler Bekanntheit brachte die irisch-britische Autorin es 2017 mit dem Bestseller I am, I am, I am: Seventeen Brushes With Death. In diesen Memoiren schildert sie Momente und Zeiten, in denen ihr Leben auf Messers Schneide stand. Diese Auseinandersetzung mit dem Tod findet sich nun auch in Hamnet wieder. Mit ihrem historischen Roman setzte sie sich gegen Angie Cruz, Bernardine Evaristo, Natalie Haynes, Hilary Mantel und Jenny Offill durch.

Der Roman ist unter dem Titel Judith und Hamnet in deutscher Übersetzung bei Piper erschienen.

An der kargen Küste Neufundlands – „Die Unschuldigen“ von Michael Crummey

Die Unschuldigen in Michael Crummeys Roman von der kanadischen Ostküste sind wirklich völlig unschuldig an ihrem Leid. Die Geschwister Evered und Ada wachsen im späten 18. Jahrhundert als Kinder von Fischern auf, die aus den kalten Gewässern gerade genug holen, um die Familie zu ernähren. Im Herbst verkaufen sie ihre Produktion an Bord der Hope, immer in der Furcht, dass die im Gegenzug erworbenen Lebensmittel nicht reichen werden um die Familie über den Winter zu bringen. Ein drittes Kind, eine Tochter, stirbt im Alter von wenigen Monaten. Als Evered noch nicht ganz zwölf ist und Ada gerade neun, sterben die Eltern kurz nacheinander an einer schweren Krankheit. Die Kinder kennen nichts als das Leben in der Bucht, selbst den in der Nähe liegenden kleinen Ort Mockbeggar kennen sie nur dem Namen nach.

Sie machen also da weiter, wo die Eltern aufgehört haben. Evered fährt mit dem Boot hinaus, fängt Kapelan und Kabeljau, Ada bestellt die Felder und sammelt Beeren. Als im Herbst endlich die Hope am Horizont auftaucht, ist die Ernüchterung groß: die Ausbeute aus der Arbeit der beiden Kinder ist so gering, dass sie kaum etwas dafür bekommen. Noch dazu hat der Vater ihnen Schulden hinterlassen. Aber die beiden sind so stur wie verzweifelt. Sie sind nicht bereit, ihre Bucht zu verlassen. Über die Jahre gelingt es ihnen, dem kargen Land genug für den eigenen Lebensunterhalt abzutrotzen. Mehr wird es nie, sie leben immer am absoluten Minimum. Aber da sie genau so aufgewachsen sind, fehlt ihnen auch nichts. Außer vielleicht ein paar Nährstoffen – nach einem besonders harten Winter verliert Evered einige Zähne.

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Das Geständnis zum Tode – „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Young-Ha Kim

Byongsu Kim, 70 Jahre alt, lebt zurückgezogen in einem Dorf in Südkorea. Vor seiner Pensionierung war er als Tierarzt tätig und widmete sich in seiner Freizeit dem Serienmord. Das aber hat er schon lange an den Nagel gehängt. Nun erfreut er sich an seinem Bambushain, liest Klassiker und schreibt Gedichte. Seit bei ihm Alzheimer diagnostiziert wurde, lebt seine Tochter Unhi bei ihm und pflegt ihn aufopferungsvoll. Als Byongsu Kim erfährt, dass in der Nachbarschaft erneut ein Serienmörder unterwegs ist, ist er erst beleidigt. Erstens ist das sein Revier und zweitens ist der Neue garantiert nicht so gut wie er. Aber schon bald überwiegt die Sorge, der Mörder könne es auf Unhi abgesehen haben. Er beschließt, vor seinem Tod einen allerletzten Mord zu begehen, um seine Tochter zu schützen.

Er hat keine Angst vor dem Tod, wohl aber davor, seine Tat nicht vollenden zu können, bevor ihm die Realität endgültig entgleitet. In Tagebüchern, auf Zetteln und auf einem Tonbandgerät versucht der Ex-Serienmörder verzweifelt, alles festzuhalten, was er macht, sagt und denkt. Oft erinnert er sich nicht mehr, was er am Vortag gemacht hat und hat Schwierigkeiten, Traum und Realität zu trennen. Auch als Leserin weiß man nicht, was man dem alten Mann glauben kann und wie man seine Erzählungen zu deuten hat. Dies betrifft nicht nur die aktuellen Ereignisse, sondern auch die Geständnisse seiner Morde, die er vor Jahrzehnten begangen hat. Vieles erzählt er in mehreren Fassungen.

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