Schottische Eier aus Jess Kidds „Heilige und andere Tote“

Schottische Eier sind ein Kleinod der britischen Küche und erfreuen sich auf der Insel großer Beliebtheit, auch als fertiger Snack aus dem Supermarkt. Bekannt sind sie dort als Scotch Eggs und ob das wirklich was mit Schottland zu tun hat, ist zumindest fraglich. Sowohl „scotching“ als Verb mit diversen Bedeutungen ist als möglicher Namensgeber im Gespräch, ebenso wie eine Firma namens Scott, die ein beliebtes Produkt im Sortiment hatte, dass den heutigen Scotch Eggs sehr ähnlich ist.

Woher auch immer der Name kommt: Schottische Eier im heutigen Sinne sind wachsweich gekochte Eier in einer Hülle aus Wurstbrät, die paniert und frittiert werden – letzteres wiederum lässt eine schottische Herkunft wahrscheinlich erscheinen. In Heilige und andere Tote ist diese Ikone der Snack-Kultur ein Teil einer Mahlzeit, die Sozialarbeiterin Maud ihrem Klienten Cathal Flood zum Tee serviert. Gedacht ist diese Mahlzeit als mögliche Annäherung zwischen Cathal und seinem Sohn Gabriel, zu dem er schon lange keinen Kontakt mehr hat und haben will. Gabriel sitzt noch nicht mal, als der zaghafte Annäherungsversuch schon scheitert:

„Mr Flood blickt auf. ‚Und du kannst dich gleich wieder verpissen.‘ Gabriel geht hinter mir den Gartenweg hinunter, in einer Hand einen Teller mit mundgerecht geschnittenen Schottischen Eiern.“

Das Gespräch verläuft so schlecht, wie dieser Beginn es vermuten lässt und das Schicksal der schottischen Eier bleibt ungeklärt. Immerhin aber bricht die ganze Katastrophe ein wenig das Eis zwischen Maud und Cathal. Während er jedes der von ihr geschmierten Sandwiches an einen Fuchs im Garten verfüttert, erzählt er die ersten Details aus seinem Familienleben, in dessen Tiefen Maud nicht weniger als einen vertuschten Mord vermutet.

Falls ihr also mal einen Eisbrecher braucht, sind Schottische Eier wohl zumindest einen Versuch wert. Und in Zeiten von Speiseöl-Knappheit auch ein Zeichen besonderer Wertschätzung.

Schottische Eier

6 Stück

  • 8 Eier
  • 600 g Bratwurst, roh bzw. Bratwurstbrät
  • 2 EL gehackter Schnittlauch
  • 2 EL gehackte Petersilie
  • 1 großzügige Prise gemahlene Muskatnuss
  • 1 EL Senf
  • 50 g Mehl
  • 150 g Semmelbrösel
  • Öl zum Frittieren

6 der Eier 7 Minuten lang kochen – das Ziel ist wachsweich, man sollte aber bedenken, dass die Eier stabil genug sein müssen um geschält und in Wurst eingepackt zu werden. Die Eier nach der Kochzeit in kaltem Wasser abschrecken und pellen.

Die Wurst aus der Hülle entfernen und mit den Kräutern, Muskatnuss und Senf gründlich vermengen. In sechs gleich große Portionen teilen.

Die übrigen zwei Eier in eine Schüssel schlagen und gründlich verrühren. Die Semmelbrösel und das Mehl jeweils in einen tiefen Teller geben.

Nun werden die Eier zunächst mit der Wurstmasse ummantelt, dann paniert und frittiert. Dazu die Wurst-Portionen etwas flach drücken, das Ei in Mehl wälzen und anschließend vorsichtig mit der Wurstmasse umhüllen. Kleinere Löcher und Lücken lassen sich mit leicht angefeuchteten Händen einfach verschließen. Noch einmal in Mehl wälzen, dann mit Ei umhüllen und im Paniermehl wenden. Noch einmal ins Ei geben und mit einer weiteren Schicht Paniermehl bedecken. So mit allen 6 Eiern verfahren.

Das Frittierfett auf 150°C erhitzen und die Schottischen Eier darin jeweils ca. 4 – 5 Minuten goldbraun ausbacken.

Kann man gut mit allem essen, was man sonst zu Frikadellen essen würde.


Das Zitat stammt von S. 82 von Heilige und andere Tote von Jess Kidd, DuMont 2018.

Das Rezept orientiert sich an dem für „Proper Scotch Eggs“ von Jamie Oliver.

Von Seiten der Mutter – „Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane

Über vier Generationen spannt sich die Geschichte der anpassungsfähigen Chamäleondamen: Edith, Marita, Ellie und Hanne. Es beginnt mit Edith, die 1919 in ihrer Hochzeitsnacht aus dem Fenster klettert und zu dem Mann flieht, den sie eigentlich liebt. Damit setzt sie den Grundstein für eine Reihe von Frauen, die ihren eigenen Kopf haben und es verstehen, ihren Willen durchzusetzen. Die Familie lebt und bleibt vorerst im rumänischen Retschitza im Banat, als Teil der dort lebenden deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe. Erst in den 1980ern wird sich das ändern, als Ellies Mann über die Donau flieht und es nach Deutschland schafft, wohin Frau und Tochter Hanne ihm schließlich folgen können. Und dort findet die Geschichte auch ihr Ende, mit Hanne, die in Hamburg ihren Sohn großzieht. Erst mit Luis wird die Reihe der Töchter in der Familie unterbrochen.

Hergane erzählt die Geschichte nicht linear, sondern in vielen kurzen, dichten Kapiteln, die in Zeit und Raum springen. Von Reschitza geht es nach Hamburg, zurück ins romantische Fuchsental und an die Küste des Schwarzen Meeres. Viele der kurzen Kapitel könnten dabei schon für sich stehen, als Mikro-Erzählungen zu den Überschriften, die ihnen vorangestellt sind: Es drückt, es reist, es irrt. Statt auf weitschweifige Ausführungen setzte Hergane auf Schlaglichter aus dem Leben der vier Frauen. Herganes Sprache ist dabei schlicht und schnörkellos, ihren Protagonistinnen legt sie in Dialogen manchmal den derb wirkenden Dialekt der Banater Berglanddeutschen in den Mund. Nach und nach ergibt sich ein Bild der Familien, die über die Reihe der Mütter zusammengehalten werden, in Rumänien wie in Deutschland. Die Männer, die an der Seite der Frauen auftauchen, sind fast durch die Bank nutzlos oder schlimmeres. Sie lügen und betrügen, sie schlagen und verschwinden. Maritas Mann bringt sie sogar ins Gefängnis, für einen Betrug, den er selbst begangen hat.

„Los mer zu, Kind, du und ich, wir sind ein Krokodil, wir gehen nicht unter, nein besser, Chamäleons sind wir, wir passen uns überall an und kommen durch, ich hab dir noch immer Essen aufn Tisch geschafft und die Chance auf einen ordentlichen Beruf hätte ich dir auch besorgt, damit du dein eigenes Geld verdienst und von keinem Mann abhängig sein musst.“

Unabhängig wollen die Chamäleondamen sein, ihr eigenes Geld verdienen, nicht auf einen Mann angewiesen sein. Und doch bleiben sie. Wenn ihre Männer nach ihren Fehltritten wieder angekrochen kommen und auf Knien um Verzeihung bitten, blicken sie auf sie herab und denken, das Kind muss doch einen Vater haben. Selbst Ellie, die von ihrem Mann mehr als einmal grün und blau geschlagen wird, schafft es nicht, sich von ihm zu lösen. Sie alle bläuen der nächsten Generation ein, diesen Fehler nicht zu machen und doch geht es immer so weiter. Es scheint, als hätte Edith nicht nur eine Reihe willensstarker Frauen in die Welt gebracht, sondern auch den Fluch, dass keine von ihnen mit ihrer wahren Liebe leben darf. Stark bleiben die Frauen dennoch, auch wenn die Wellen hochschlagen, egal ob sie als Vaterlandsverräterinnen gebrandmarkt werden, oder in der neuen deutschen Heimat während ihres Dialekts ausgelacht werden.

Hergane erzählt reduziert und auf den Punkt. Trotzdem kommen die Emotionen in dieser Familiengeschichte nicht zu kurz. Fast jede der Episoden ist griffig und gut komponiert. Manchmal gerät allerdings das Große und Ganze ins Schlingern und der Roman droht, seinen Fokus zu verlieren. Er fängt sich aber auch schnell wieder. Ebenso wie seine Protagonistinnen, die manchmal nicht weiterwissen im Leben, aber wissen, es muss ja weitergehen und bald wieder auf die Füße kommen. Meistens pragmatisch, manchmal rührend und fast immer unbeirrbar- so lässt Hergane ihre Chamäleondamen mehr als ein Jahrhundert europäischer Geschichte erleben.


Yvonne Hergane: Die Chamäleondamen. Maro Verlag 2020, 240 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 110.

Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2022

Sechs Wochen ist es her, dass die Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht wurde. Inzwischen hat sich die Zahl derer, die auf den Titel hoffen dürfen, auf sechs reduziert. Im ursprünglichen Post habe ich nochmal die deutschen Übersetzungen aktualisiert, viel getan hat sich aber nicht. Immerhin vier von sechs Titeln der Shortlist sind in Übersetzung erschienen oder angekündigt und ich wäre doch überrascht, wenn nicht noch jemand Erdrich einkauft.

Das aber ist reine Spekulation, hier kommen jetzt die harten Fakten – die sechs nominierten Autorinnen auf der Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction:

Lisa Allen-Agostini: The Bread the Devil Knead
Nach außen wirkt Alethea tough und selbstbewusst. Sie ist Managerin einer schicken Boutique und hat ihr Leben scheinbar im Griff. Zu Hause aber leidet sie unter den Misshandlungen ihres Partners, gegen den sie sich nicht wehren kann. Als sie miterlebt, wie eine Frau von ihrem eifersüchtigen Freund umgebracht wird, versteht, dass sie schnell und mutig handeln muss, wenn sie nicht ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen will. Langsam versteht sie, wie sie die Frau werden konnte, die sie heute ist und muss entscheiden, welche Frau sie in Zukunft sein will.

Die Jury hat Allen-Agostini mit dem detaillierten Setting des Romans und der authentischen Stimme ihrer Protagonistin begeistert.

Louise Erdrich: The Sentence
Flora, die nervigste Kundin eines kleinen Buchladens, stirbt im November 2019. Ein ganzes Jahr lang, von Allerheiligen bis Allerheiligen, geht ihr Geist noch in ihrer Stammbuchhandlung um. Tookie, die gerade erst angefangen hat, dort zu arbeiten, muss einen Weg finden mit diesem Geist umzugehen, während ganz Minneapolis und die ganze Welt und der Last einer Pandemie ächzt.

Erdrich konnte die Jury mit dieser emotionalen und tiefgehenden Geistergeschichte überzeugen, die hinterfragt, ob es wirklich nur die Geister der Toten sind, die uns heimsuchen.

Ruth Ozeki: The Book of Form and Emptiness
dt. Übersetzung: Die leise Last der Dinge, erscheint im September 2022
Nach dem Tod seines Vaters beginnt Benny, Stimmen zu hören. Ehemals unbelebte Dinge scheinen nun mit ihm zu sprechen. Zugleich beginnt seine Mutter, die Dinge zu horten. Überwältigt von der Stimmenvielfalt in seinem zu Hause flieht Benny in die Ruhe der örtlichen Bibliothek. Dort lernt er andere Menschen kennen, die diesen Ort für seine Ruhe schätzen und lernt, auf das richtige zu hören.

Die Jury lobt Ozeki für ihre unvergesslichen Charaktere und die kunstvolle Verknüpfung von Jazz, Klimakrise und unserer Bindung an das Materielle.

Meg Mason: Sorrow and Bliss
dt. Übersetzung: Was wir wollen
Martha ist fast vierzig, ohne Job und ohne Freunde, aber immerhin glücklich verheiratet mit ihrer Jugendliebe Patrick. Zumindest denkt sie das. Doch über der Frage, ob sie ein Kind willen oder nicht, zerstreiten sich die beiden und plötzlich steht Martha ganz alleine da und versucht zu ergründen, wie es wo weit kommen konnte.

Mit dieser sehr persönlichen Geschichte über Mutterschaft, Kindheit und die Suche nach alten Traumata konnte Mason die Jury begeistern.

Elif Shafak: The Island of Missing Trees
dt. Übersetzung: Das Flüstern der Feigenbäume
1974 werden die Freunde Kostas und Defne von der Politik getrennt, ihre Heimat Zypern in zwei Teile gerissen. Nur in einer Taverne in einer Grenzstadt können sie sich noch treffen. In ihrer Mitte steht ein uralter Feigenbaum. Als er Zypern verlässt, nimmt Kostas einen Ableger des Baumes mit und hofft, in London so ein Stück Heimat zu haben. Dieser Baum ist der einzige Teil Zyperns sein, den seine Tochter Ada kennenlernt. Bis sie beschließt, ihre Wurzeln in der Ferne zu suchen.

Die Jury äußert sich begeistert über diese magische Erzählung von Identität und Herkunft, Liebe und Trauma, Gedenken und Vergessen.

Maggie Shipstead: The Great Circle
dt. Übersetzung: Kreiseziehen, erscheint im Juni 2022
Marian Graves Herz gehört der Fliegerei. Freiheit und Gefahr sind die treibenden Kräfte ihres Lebens, die Liebe ist ihr relativ egal. Nun steht ihr größter Triumph bevor: Ein Flug von Pol zu Pol. Doch der große Traum endet mit einer Bruchlandung im ewigen Eis. Jahrzehnte später soll die Schauspielerin Hadley die Rolle der Marian Graves spielen und ist bald besessen von dieser außergewöhnlichen Frau und ihrem rasanten Leben.

Das also ist das halbe Dutzend, von denen eine Autorin in wenigen Wochen zur Siegerin ernannt werden wird. Am 15. Juni wird die Jury um Vorsitzende Mary Ann Sieghart ihren Entschluss bekanntgeben.

Das grausame Ende einer ganzen Welt – „So war’s eben“ von Gabriele Tergit

Tergit nimmt sich in ihrem dritten großen Gesellschaftsroman einiges vor. Sie portraitiert die jüdische Berliner Gesellschaft in Ost- und Westberlin, ihre Glanzzeit, ihre Verfolgung, das Elend und das Exil. Mehr als 70 Personen sind in den Dramatis Personae I und II aufgelistet: Die Familien Stern und Kollmann, Mayers und Jacobys, der deutsche General von Rumke und ein buntes Gemisch aus „Figuren am Rande“. Aufstrebende Journalistinnen tummeln sich in ihren Reihen neben etablierten Regisseuren, feinen Damen und angehenden Revolutionären, Internationalisten und Erzkonservativen.

Der Roman beginnt noch während des Kaiserreichs mit dem Kapitel „Damentee in den neunziger Jahren“. Wie auch bei den Effingers besteht Tergits Romanpersonal zunächst vor allem aus der „feinen Gesellschaft“, die von der Autorin mit einem deutlichen Augenzwinkern charakterisiert wird. Die familiären und gesellschaftlichen Verflechtungen sind das wichtigste in diesen Kreisen und das ganze Streben der Frauen gilt dem guten Eindruck. Während die Männer Karriere machen, ist der gesellschaftliche Teil ihr Beitrag zum Erfolg der Familie. Ein verpatzter Damentee ist da schon höchst blamabel. Dass einige von ihnen in absehbarer Zeit Teile der mondänen Wohnungen vermieten müssen, um sich auch nur über Wasser halten zu können, ahnt da noch niemand. Doch längst nicht alle schweben durch diese erlauchten Kreise. Tergit schildert nicht nur das Leben der reichen, sondern auch der ganz bescheiden und ganz durchschnittlich lebenden Familien der Zeit, mit all ihren Brüchen, Hoffnungen und Sorgen.

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Die Entdeckung neuer Welten – „Die Paradiese von gestern“ von Mario Schneider

Ella und René sind jung, verliebt und auf einem einzigartigen Abenteuer. Direkt nach dem Fall der Mauer nutzen sie die neu gewonnene Reisefreiheit und fahren nach Frankreich, in das Land, dessen Kultur sie verbindet. Sie waren noch niemals da, sind aber die einzigen in ihrem Freundeskreis, die Französisch sprechen und die alten Meister der französischen Literatur mit Begeisterung lesen. Dass das Frankreich aus den Romanen Prousts nicht mehr existiert, merken sie natürlich gleich, aber im alten Anwesen der Familie de Violet finden sie etwas, das fast ebenso aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Einst waren die de Violets eine sehr wohlhabende und angesehen Familie, nun aber hat die betagte Charlotte den Kampf gegen den Verfall aufgegeben. Schon vor Jahrzehnten musste sie das herrschaftliche Anwesen zum Hotel umbauen – ein Fauxpas, den man ihr innerhalb der erlauchten Kreise nie verzeihen konnte. Doch auch das hat nicht gereicht, um die horrenden Kosten für die Bewirtschaftung einzubringen. Charlotte erträgt die Situation nicht mehr und hat mit ihrem Familienbesitz und ihrem Leben im Grunde schon abgeschlossen, als plötzlich doch noch unerwartet zwei Gäste vor der Tür stehen: René und Ella.

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Zornige Jugend – „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ von Yade Yasemin Önder

Ein Jahr und einen Tag nach der Katastrophe von Tschernobyl wird die Erzählerin dieses Romans in einer unbedeutenden Stadt in Westdeutschland geboren. Ihren Eintritt in die Welt verortet sie gleich zum Einstieg mit Hilfe einer Katastrophe und nicht weniger katastrophal geht die Geschichte weiter.

Als sie gerade acht Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Sie erinnert ihn als einen wahren Koloss von fast vierhundert Kilo, an dessen Tod sie glaubt, Schuld zu tragen. Immerhin habe er sich, so erzählt sie, an einer Kreissäge tödlich verletzt, als er der Tochter eine Schaukel bauen wollte. Ob das so stimmt – man weiß es nicht. Önders Erzählerin ist ausgesprochen unzuverlässig und oft genug weiß man nicht, ob das Erzählte der kindlichen Erinnerung entspringt, reine Phantasie ist oder als reine Metapher gelesen werden muss: ein Haus, das mitten auf einer Wiese steht mit einem Boden aus Gras, Hannelore Kohl und ihr dicker Mann als joviale Nachbarn, eine Hochzeitsnacht unterm Esstisch. Önders Roman besteht aus Sequenzen, die mal verzweifelt und mal zornig sind, und in die man sich immer wieder einfinden muss. Erzählt wird vor allem aus Kindheit und Jugend der Erzählerin die nun wirklich nicht leicht war, soviel kann man sich aus den Splittern zusammensetzen.

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Fremde Heimat – „Auf der Straße heißen wir anders“ von Laura Cwiertnia

Karlotta, oder Karla wie sie genannt werden will, wächst auf in Bremen Nord, in einer Gegend, die allgemein als gescheitert gilt. Hierher hat es vor Jahrzehnten ihre Großmutter Maryam verschlagen, als sie den großen Versprechen Glauben schenkte und als angeworbene Arbeiterin von der Türkei nach Deutschland kam. Als Armenierin kann sie in der Türkei keinen Frieden finden und auch keine geregelte Arbeit mehr. Seit einem furchteinflößenden Pogrom gegen die nicht-türkischstämmige Bevölkerung im Land nennt sie sich draußen auf der Straße nur noch Meryem, und ihren kleinen Sohn Avi ruft sie sicherheitshalber Ali. Bloß nicht auffallen, nur nicht anecken. Im Ausland hoffte sie, Ruhe und ein sicheres Auskommen zu finden, nur für einige Jahre. Schnell merkt sie, dass die Realität weit weniger rosig ist, als die Hoffnungen, die man ihr gemacht hat. Dennoch kehrt sie nie mehr zurück.

Ihr Sohn folgt ihr nach vielen Jahren, heiratet eine deutsche Frau und bekommt eine deutsche Tochter, der er den deutschesten Namen von allen gibt – Karl und Otto in einem, Karlotta. In ihrer Kindheit begreift Karlotta, dass ihre Familie aus der Türkei kommt und auch, dass sie nicht wie ihre türkischen Freundinnen ist. Was Armenier sind, das weiß sie nicht genau und in ihrer Familie wird auch nicht darüber gesprochen. Eine zweite Heimat in der Ferne, das haben nur ihre Freundinnen, die in jedem Sommer die Großmütter auf den Prinzeninseln besuchen. Karlotta und ihre Eltern bleiben in Bremen oder fahren nach Griechenland, wenn das Geld mal reicht.

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Essen aus Büchern: Spartakistenpudding aus „Die rote Köchin“

In Die rote Köchin erzählt die Bauhaus-Schülerin Hannah R. von ihrer Zeit an der legendären Weimarer Institution und von ihrer Tätigkeit als Köchin und Mitglied einer spartakistischen Zelle. Von ihrer Tätigkeit als Köchin finanziert sie die Aktivitäten der Gruppe und verköstigt in Volksküchen die werktätige Bevölkerung. Zu jedem der kurzen Kapitel gehört ein Rezept, das auf die eine oder andere Art zum Inhalt passt.

Das Kapitel um den Spartakistenpudding widmet sich keinem geringeren als Gropius höchstselbst, der den Pudding sehr gelobt haben soll, so zumindest schildet es Hannah R. Serviert wird der Pudding 1922 zur feierlichen Einweihung des Denkmals der Märzgefallenen, das Gropius auf dem Weimarer Friedhof schuf. Es erinnerte an die Männer und Frauen, die beim Widerstand gegen den Kapp-Putsch getötet wurden. Das Denkmal wurde 1936 zerstört und zehn Jahre später neue errichtet.

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Mobilität neu denken – „Autokorrektur“ von Katja Diehl

Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind – zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man einen Blick auf Deutschlands Straßen wirft. Autos, wo das Auge hinfällt. Die werden nicht nur immer mehr, sondern auch immer größer und fordern damit immer mehr Raum. Längst ist es normal, dass private PKW im öffentlichen Straßenraum abgestellt werden, auch da wo es zu Lasten derer geht, die nicht im Auto unterwegs sind. Auf vielen Gehwegen ist gar kein Durchkommen mehr, schon gar nicht für Menschen, die mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl unterwegs sind. Keinem anderen Privatgut wird so dauerhaft so viel öffentlicher Raum zugestanden.

Muss das so sein? Warum schwärmen wir nach dem Urlaub von den verkehrsberuhigten Innenstädten Südeuropas, wo man so wunderbar in der Sonne einen Kaffee trinken kann, akzeptieren aber die übrigen 50 Wochen lang, dass vor unserer Tür nur Blech steht? Denn tatsächlich werden Autos kaum gefahren und stehen den ganzen Rest des Tages irgendwo rum. Geht das nicht anders?

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Der Blick ins Innere – „Sight“ von Jessie Greengrass

Wie können wir wissen, wie es in uns aussieht? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Erzählerin diese kurzen Romans, sondern auch Generationen von Wissenschaftlern und Gelehrten. Mit Strahlen, Autopsien und Psychoanalysen versucht der Mensch seit Ewigkeiten zu verstehen, was in ihm vorgeht, physisch wie psychisch.

Die Erzählerin nimmt ihre zweite Schwangerschaft als Ausgangspunkt, um über all das nachzusinnen. Sight bewegt sich dabei irgendwo zwischen Roman und Essay und wird nur lose zusammengehalten von der Rahmenhandlung einer Schwangerschaft. Innerhalb dieser bewegt die Erzählerin sich zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Erlebtem und Gelesenem.

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