Urlaubslektüre

Es ist selten, dass ich so wenig zum Lesen komme wie im Urlaub. Entweder habe ich Besuch, mit dem ich Leuchttürme angucken muss oder ich bin selber unterwegs. Ich habe dann zwar immer ein Buch dabei, aber ich kann draußen so schlecht lesen, weil es oft so viel zu gucken gibt. Wenn ich wegfahre, dann meistens in Städte, die ich mir angucken muss und deren Rotwein ich trinken muss und dann kann ich abends auch nicht mehr. Meine einzige Hoffnung sind lange Wartezeiten an Flughafenterminals.

Diese Erfahrungswerte außer Acht lassend habe ich wie immer einen Stapel Urlaubslektüre angehäuft – wenn ich zwei davon schaffe, bin ich froh und glücklich.

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Wenig handgepäckgeeignet ist mit guten 1000 Seiten Fahlmann von Christopher Ecker. Das hab ich vor Jahren mal vom Verlag bekommen, fast komplett gelesen und dann aus irgendwelchen Gründen 150 Seiten vor Schluss aufgehört. Dabei ist es brillant! Es geht zum einen um einen saarländischen Bestattungsunternehmer/Studenten/Schriftsteller, zum anderen um die Tendaguru-Expedition, über die er schreibt – meine monatliche Dosis Kolonialgeschichte. Und es ist ein wirklich selten gutes Buch. Vielleicht konnte ich es nicht über mich bringen, die Sache zu beenden. Jetzt also nochmal.

Vielleicht eher was für den Strand ist Jasper Ffordes First Among Sequels, der fünfte Teil der Thursday Next-Reihe. Ich lese die Reihe eigentlich seit vier Jahren, bin hier aber steckengeblieben weil – wichtiger Grund – ich diesen Band nicht mit dem passenden Cover bekommen habe. Ich bin da sonst nicht so, aber bei Thursday Next hat es mich echt aus dem Konzept gebracht. Als ich dann endlich das „richtige“ Cover hatte, hatte ich irgendwie das Interesse verloren.

Sicher auch super für den Strand ist How to Be an Existentialist von Gary Cox. Existenzialismus ist mein On/Off-Interesse seit ich 17 war und mein damaliger Freund glaubte, er sei Existentialist. Das war mein erster Kontakt damit und ich dachte ziemlich schnell, dass er eigentlich eher Nihilist sei, 15 Jahre später denke ich, dass er vor allem ein ziemlicher Vollpfosten war. Ein diffuses Interesse allerdings ist geblieben (an Sartre, nicht am Freund, auch wenn er das immer noch anzuehmen scheint).

An Elena Ferrantes Meine geniale Freundin führt zur Zeit ja wohl kein Weg vorbei. Gehypte Bücher machen mich misstrauisch und die englischen Cover schrecken mich total ab, aber fünf quergelesene Seiten haben mir sehr gefallen. Also mal sehen.

Mit Shylock is My Name steht der zweite Teil der Hogarth-Reihe auf der Liste. Es ist eine Adaption von „Der Kaufmann von Venedig“ und ich bin gespannt, was Jacobson draus macht. Das Drama werde ich auch nochmal lesen müssen, das ist zu lange her.

Pessoas Buch der Unruhe ist meine eigentliche Urlaubslektüre, denn es geht nach Lissabon. Laut Großhändler sollte in diesem Monat auch Boca do Inferno im Taschenbuch erscheinen, das kommt jetzt aber wohl erst im Frühjahr. Die Dame beim Reiseveranstalter war extrem unkulant und offensichtlich auch verständnislos und ich konnte meine Reise nicht mehr kostenfrei stornieren, deswegen muss es jetzt das sein.

Die letzten beiden auf der Liste sind Margaret Atwood mit Lady Oracle und Virginia Woolf mit Orlando, weil ich, kurz und knapp, auf die beiden einfach mal wieder Bock hatte.

Aber ich komm ja eh zu nichts davon!

Joseph Roth: Hiob

hiob„Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet werden?“

 Mendel Singer ist gläubiger Jude, zu Beginn der Erzählung in den 1910ern gerade dreißig Jahre alt und lebt in Russland. Seinen Lebensunterhalt verdient er mehr schlecht als recht als Lehrer. Von dem Gehalt müssen seine Frau Deborah leben sowie die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam und Menuchim.

Deborah ist ständig unzufrieden mit dem wenigen, was die Familie hat, doch eigentlich ist es ganz gut um sie bestellt. Bis zur Geburt Menuchims, der schwer krank ist. Seine Gliedmaßen sind nicht vollständig entwickelt, er kann nicht laufen und lernt das sprechen fast gar nicht. Nur das Wort „Mama“ lernt er spät und wiederholt es von da an unablässig. Eine Strafe Gottes, vermuten die Eltern, auch wenn sie nicht wissen wofür. Der konsultierte Rabbi verspricht eine Genesung des Jungen, wenn die Eltern nur Geduld haben und ihn nicht verlassen. Die älteren Geschwistern ärgern und quälen Menuchim, weil sie seinetwegen Nachteile haben und gehänselt werden.

Die beiden ältesten Jungen, Jonas und Schemarjah, sollen zur Armee gehen, was besonders Deborah große Sorgen bereitet. Jonas hingegen stört das gar nicht. Ihm ist es ganz recht, dem engen Schtetl zu entkommen und er meldet sich bereitwillig zu den Kosaken. Schemarjah hingegen gelingt mithilfe eines Schleusers die kostspielige Flucht in die USA. Jahre später steht ein Amerikaner vor der Tür, Mac, ein Freund Schemarjahs, der jetzt Sam genannt wird und es in New York zu einigem Wohlstand gebracht hat. Auch ist er verheiratet und hat ein Kind. Seiner Familie schickt er Geld und das Angebot, ihnen bei einer Auswanderung zu helfen. Doch was ist mit Menuchim? Es geht ihm noch immer nicht besser und die anstrengende Reise kommt für ihn nicht in Frage. Als aber Mendel entdeckt, dass seine schöne Tochter Mirjam sich mit Kosaken eingelassen hat, ist die Überfahrt beschlossene Sache.

Und so bricht die Familie Singer auf in Richtung New York. Menuchim bleibt zurück bei einem jungen Ehepaar, das dafür das Haus der Singers bekommt und es bleibt die schwache Hoffnung, dass er eines Tages wird nachkommen können. Doch die Situation in Europa ändert sich schlagartig, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Niemand weiß, wie es um Menuchim bestellt ist, der zur Behandlung nach St. Petersburg geschickt werden sollte und auch von Jonas hört man nichts. Schließlich zieht auch Sam mit Kriegseintritt der USA in den Kampf. Das Leben Mendel Singers scheint verflucht zu sein, er hadert mit Gott, weiß nicht, was er getan hat, um den Zorn des Allmächtigen auf sich zu ziehen. Wie Hiob fühlt er sich, dessen Glaube und Gottestreue grausam geprüft werden. Doch was ist mit den Wundern, die Hiob dafür erfährt? Wo bleiben die Wunder im Leben Mendel Singers?

Joseph Roth hat eine beeindruckende Lebensgeschichte eines Mannes geschrieben, der ohne viel eigenes Zutun von einer Station zur nächsten geworfen wird, ein Unglück nach dem anderen erfährt und schließlich in eine tiefe Glaubenskrise verfällt. Er versteht nicht, warum ihm so viel Schlechtes widerfährt, nachdem er sich nie versündigt hat, immer gebetet hat, immer nach der Heiligen Schrift gelebt hat. Einzig die Liebe zu seiner Frau war nicht so tief, wie es in der Ehe sein sollte. Doch reicht das aus für so viel Unglück? Der erste Teil der Geschichte spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem russischen Schtetl, der zweite Teil dann bis in die 20er-Jahre in New York. Die beiden Welten stehen in einem so großen Kontrast, dass Mendel Singer es bei seiner Ankunft kaum verkraften kann. Einmal in seinem Viertel angekommen, wird er dort schnell heimisch, weigert sich aber, es jemals zu verlassen. Selbst als Sam eine bessere Unterkunft bezahlen kann, bleibt er in der winzigen, von Ungeziefer befallenen Wohnung.

Roth versteht es sehr gut, die Konflikte Singers darzustellen und sein Leiden deutlich werden zu lassen. Mendels Krise ist eine religiöse, problemlos aber auch auf völlig weltliche Verzweiflung übertragbar. Die Ausweglosigkeit der familiären Situation spitzt sich immer mehr zu und wird, zusammen mit dem Hintergrund des Kriegs und der ständigen Ungewissheit um das Leben der Söhne, zu einer dichten schwarzen Wolke, die drohend über allem schwebt. Ich habe das Hörbuch auf dem Weg zur Arbeit gehört und bin an einer Stelle mit einer besonders grausamen und unerwarteten Wendung* so unwillkürlich stehengeblieben, dass ich danach so tun musste, als interessiere ich mich brennend für das Berliner-Angebot beim Bäcker (und dabei können die hier nicht mal Berliner. Sie nennen sie nicht Kräppel, was der erste Fehler ist, und dann machen sie auch zu wenig Zucker in den Teig).

Das Hörbuch habe ich eher zufällig heruntergeladen, weil ich ein halbes audible-Guthaben übrig hatte, das irgendwohin musste. Erst ganz am Ende habe ich erfahren, dass die Lesung eine NDR-Produktion von 1979 ist. Ich wäre gnädiger gewesen mit Papierrascheln, Atemgeräuschen und der Trockenheit der Lesung. Manchmal aber hat mich das wahnsinnig gemacht. Wenn man dieses leichte Schmatzen hört, wenn der Sprecher den Mund öffnet, ruiniert mir das ganz schnell jedes Hörbuch. Zudem werden Hörbücher mittlerweile generell völlig anders umgesetzt als in dieser Produktion, es ist eben wirklich eine ganz klassische Lesung ohne allzu große Modulation oder sonstige aufregende Extras.

* Spoiler! Es war die Stelle an der Mac die Nachricht von Sams Tod überbringt und Deborah sich erst alle Haare ausreißt, was ich schon sehr unschön fand, und dann tot zusammenbricht.


Joseph Roth: Hiob. Mittlerweile gemeinfrei, lieferbar u.a. bei dtv. 192 Seiten, € 7,90. Erstausgabe Kiepenheuer 1930. Gehört in der ungekürzten NDR-Fassung 1979. Sprecher: Hans Paetsch. Regie: Klaus Stieringer. Der Audio Verlag 2015. ca. 6,5 Stunden, ca. € 10,-.

Das Zitat stammt aus Kapitel 95 des Hörbuchs. Entspricht Kapitel 8 des 2. Teils.

Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

ortandemdiereiseendet„Der einzige… Krieg, den du kämpfst… ist der für das, was dir gehört. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen.“

Eine der zentralen Figuren des Romans, Odidi, wird in den Straßen Nairobis erschossen, so beginnt der Roman. Seine Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück um den Leichnam zusammen mit ihrem Vater Nyipir in ihre Heimat im Norden Kenias zu überführen. Ihre Mutter Akai kann den Schmerz nicht ertragen und verschwindet in der Wüste noch bevor das Grab für Odidi ausgehoben werden kann.

In diesem emotionalen Chaos taucht auch noch Isaiah Bolton auf, der mit Odidi im Haus der Familie verabredet war. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters Hugh, dem das Haus gehört haben soll. Ajany kennt den Namen nur zu gut – er steht auf der ersten Seite aller Bücher in der Bibliothek und ihre Fragen nach ihm, dem unbekannten Besitzer der Bücher, wurden nie beantwortet. Auch jetzt will Nyipir den britischen Störenfried am liebsten sofort vom Hof jagen, doch Ajany begrüßt ihn als Gast ihres Bruders.

Eine große Hilfe kann sie ihm aber nicht sein, zu sehr ist sie von der Trauer überwältigt und macht sich schließlich wieder nach Nairobi auf um ihren Bruder zu suchen. Sie spricht mit ehemaligen Hochschullehrern, Geschäftspartnern und der Frau, die bald sein Kind zur Welt bringen wird. So setzt sie Stück für Stück ein Bild des Mannes zusammen, der ihr Bruder war. Ein unbestechlicher Idealist, der immer seine moralischen Maximen über Profit und Einfluss gestellt hat. Und der am Ende sterben musste, weil er die falschen Lieder gesungen hat. In den chaotischen Zuständen nach der Wahl 2007 rächt er sich an einem ehemaligen Freund, der ihn und die gemeinsamen Ideale verraten hat, und gerät so in das Visier der Polizei. Auf seiner Flucht wird er erschossen.

Was in diesem Roman zusammengesetzt wird, ist aber nicht nur die Geschichte der Familie Oganda sondern auch die Geschichte des ganzen Landes, beginnend mit Hugh Bolton und seiner Frau Selene, die nach Kenia kommen, als es noch britische Kolonie ist. Der Roman erzählt von der bewegten und blutigen Geschichte Kenias, die den meisten deutschen LeserInnen in diesen Details kaum vertraut sein dürfte und in dieser Intensität schon gar nicht. Er handelt von den brutalen Aufständen 1969 und ihren Folgen, von einem Land dessen Amtssprachen Nyipir zufolge Englisch, Swahili und Schweigen sind. Schweigen über das eigene Leid, über begangenen Verrat, über eigene Geheimnisse und die anderer. Schweigen, das Leben retten kann.

Dieses Schweigen gilt es nun zu brechen. Konflikte werden ausgefochten, es wird gestohlen, geschossen und gebrandschatzt und ein jahrzehntealtes Skelett wird aus seinem Höhlenversteck geholt und endlich begraben in der Hoffnung, dass nun alle Beteiligten Ruhe finden können.

Owuors Stil ist recht außergewöhnlich. Sie schreibt oft in kurzen, abgehackten Sätzen, in denen die Brutalität der Geschehnisse aber überzeugend transportiert wird. Viele Situation sind von Feindseligkeit geprägt und die Gespräche fallen entsprechend knapp aus – kein Wunder in einem Land, dessen dritte Amtssprache Schweigen ist. Manchmal ist es fast mühsam, alle Anspielungen und Zusammenhänge zu verstehen. Es gibt ein Glossar, das die wichtigsten Dinge erläutert, trotzdem habe ich ein paar wikipedia-Artikel gebraucht um hinterher zu kommen. Lesen lässt sich das Buch sicher auch ohne dieses Wissen, dann verpasst man aber die Chance, neben einem wirklich guten Familienroman auch ein eindringliches Zeitdokument zu lesen. Und mal im Ernst – wie viel kenianische Geschichte liest man denn sonst?

Wuoth Ogik heißt das Haus, in dem Ajany und Odidi aufgewachsen sind. Erbaut von Hugh Bolton, benannt von Nyipir, der damals noch sein Diener war. Der Ort, an dem die Reise endet heißt es übersetzt, ein nicht ernst gemeinter Vorschlag Nyipirs, der nach dreieinhalb Jahren Wanderschaft mit Bolton des Reisens überdrüssig war. Im Laufe des Romans verfällt es immer mehr. Jedes aufgedeckte Geheimnis scheint einen Stein mehr aus den Mauern zu lösen bis schließlich fast nichts mehr übrig ist. Das vorletzte Kapitel beginnt mit dem Wort „Abreisewelle“. Der Ort, an dem die Reise endet hat ausgedient und wird zum Ausgangspunkt neuer Reisen.

Am Anfang ist es schwer, in den Text zu kommen. Die vielen ungewohnten Namen und der rapide Schreibstil machen es nicht einfach, einen Zugang zu finden. Am Anfang des zweiten Kapitels war ich schon so verwirrt, dass ich drei Anläufe brauchte um zu verstehen, dass „Kahle Weiden“ nicht noch ein Name ist. Wer sich aber bis dahin durchgebissen hat, wird mit einem beeindruckenden, brutalen aber subtilen Roman belohnt, der wirklich seinesgleichen sucht.

Eine weitere Rezension findet ihr bei buchlese.


Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet. Aus dem Englischen übersetzt von Simone Jakob. DuMont 2016. 512 Seiten, € 22,99. Originalausgabe: Dust. Alfred A. Knopf 2014.

Zitat: S. 19

Shakespeare: The Winter’s Tale – Jeanette Winterson: The Gap of Time

Bevor ich mit Wintersons A Gap of Time, dem ersten Tei des Hogarth-Projekts, angefangen habe, wollte ich erst nochmal die Vorlage, „The Winter’s Tale“ lesen. Es ist wirklich, wirklich lange her, dass ich zuletzt Shakespeare gelesen habe und gerade dieses Stück habe ich sogar nie zuvor gelesen. Es ist eines seiner unbekannteren und wird verhältnismäßig selten gespielt. Tatsächlich ist die Story auch etwas merkwürdig. Anscheinend war der Titel für ein zeitgenössisches Publikum Hinweis genug, dass es sich hier um eine etwas verschrobene Geschichte mit Happy End handelt. Das also passiert:

The Winter’s Tale

„but I am sure, `tis safer to avoid what’s grown than question how `tis born.“

Das Stück spielt in Sizilien und Böhmen. Böhmen hat bei Shakespeare eine Küste, das ist wichtig zu wissen. In Sizilien treffen wir auf Leontes und Polixenes, Könige der beiden Länder und befreundet seit Kindertagen.

Polixenes ist nun schon seit neun Monaten zu Besuch bei Leontes und findet, es sei an der Zeit, mal wieder im heimatlichen Böhmen (dem mit der Küste) nach dem Rechten zu sehen. Nein, sagt Leontes, es ist doch gerade so nett, bleib doch noch ein bisschen, wenn ich dich nicht überreden kann, kann es vielleicht meine Frau Hermione. Hermione kann und das sehr schnell. Das macht Leontes misstrauisch und auf einmal ist er sicher, dass Polixenes und Hermione eine Affäre haben. Hermione ist hochschwanger, von wem wohl? Vielleicht von einem gewissen böhmischen König, der seit (Zufall?!) neun Monaten zu Gast ist? Seinem Vertrauten Camillo legt er dies dar und Camillo schwört bei allem, was ihm einfällt, dass die beiden keine Affäre haben. Dennoch beauftragt Leontes Camillo damit, Polixenes bei nächster Gelegenheit zu vergiften. Camillo verspricht dies, verrät den Plan aber in Wahrheit an Polixenes und flieht mit diesem zusammen vor seinem durchgedrehten König nach Böhmen.

Als Leontes dies erfährt, ist er umso mehr von der Richtigkeit seines Verdachts überzeugt, entzieht Hermione den gemeinsamen Sohn Mamillius und lässt sie in den Kerker werfen. Um ein gültiges Urteil zu erhalten, entsendet er zwei Boten zum Orakel von Delphi, nutzt die Zeit aber schonmal, das Vergehen seiner Frau öffentlich zu verkünden, obwohl der ganze Hofstaat vom Gegenteil überzeugt ist. Auch die Geburt der Tochter kann ihn nicht milde stimmen, schließlich hält er sie für einen Bastard und verlangt, dass sie sofort getötet wird. Seine Berater, allen voran Antigonus, können ihn in letzter Minute umstimmen und erreichen, dass das Baby an einem entlegenen Ort ausgesetzt werden darf.

Kaum ist Antigonus mit dem Kind aus der Tür, kommen die Boten aus Delphi zurück. Im Urteil des Orakels wird Leontes als „eifersüchtiger Tyrann“ betitelt und es wird vorhergesagt, dass er keinen Erben haben wird, solange „das Verlorene“ nicht wiederhergestellt ist. In dieser Sekunde stürmt ein Diener auf die Bühne – Prinz Mamillius ist tot, er hat die Entehrung seiner geliebten Mutter nicht verkraftet und ist einer tagelangen Krankheit erlegen. Königin Hermione bricht daraufhin zusammen und stirbt kurz darauf ebenfalls. Zu spät erkennt Leontes, wie falsch sein Handeln war.

Perdita
Perdita. Gemälde von Anthony Frederick Augustus Sandys

In der Zwischenzeit hat Antigonus mit der Königstochter die böhmische Küste erreicht. Im Traum ist ihm Hermione erschienen, die ihm diesen Ort für die Aussetzung vorschlug und ihn bat, das Kind Perdita zu nennen. Er nimmt Abschied von Perdita und wird, bevor es zu rührselig wird, von einem Bären von der Bühne gejagt und getötet. Niemand kann Leontes also sagen, wo seine Tochter ist. Perdita wird bald von einem Schäfer gefunden, der sie in seine Obhut nimmt. Man hat einige Gegenstände bei ihr gelassen, die sie als Angehörige eines Adelshauses kennzeichnen, um dem Finder die Entscheidung leichter zu machen.

15 Jahre später. Florizel, Sohn von Polixenes und somit Prinz von Böhmen benimmt sich seltsam, berichtet der noch immer in Böhmen lebende Camillo dem interessierten Vater. Der Grund: Florizel hat eine völlig unangemessene Beziehung mit der schönen Schäferstochter Perdita. Er will sich mit ihr verloben, ohne Polixenes etwas zu sagen, der erfährt aber von dem Plan, rastet jetzt auch aus, enterbt Florizel und verurteilt den Schäfer zum Tode. Entrüstet verlässt Florizel samt Verlobter das Land und reist auf Camillos Rat und Vermittlung hin nach Sizilien, wo er auf begeisterten Empfang durch den noch immer trauernden Leontes hofft.

Die letzten 15 Jahre hat Leontes damit verbracht, Buße zu tun für das, was er seiner Frau und seinem Sohn angetan hat. Entgegen aller Ratschläge wollte er auch nicht noch einmal heiraten um so die Chance auf einen neuen Thronfolger zu haben. Doch mit der Ankunft Perditas, seiner Erbin, erfüllt sich nun das Orakel auf anderem Weg. Plötzlich stehen auch noch Polixenes und der Schäfer vor der Tür, die von Camillo erfahren haben, wo Florizel und Perdita sich aufhalten. Der Schäfer erklärt, dass Perdita eine Prinzessin ist und zeigt zum Beweis die Gegenstände, die er bei ihr gefunden hat. Da die Schwiegertochter in spe nun doch von Adel ist, hat Polixenes nichts mehr gegen die Verbindung und weil jetzt ohnehin schon alle super-happy sind, erwacht noch eben eine Statue Hermiones zum Leben und die verstoßene Königin weilt wieder unter den Lebenden. Hochzeit,  Freude, Vorhang.

Die letzten Zeilen des Dramas lauten „lead us from hence, where we may leisurely each one demand and answer to his part performed in this wide gap of time“, dass also jeder erzählen soll, was er in dieser langen Zeitspanne, die seit dem letzten Beisammensein vergangen ist, getan und erlebt hat.

Jetzt, gute 400 Jahre später, nimmt sich Jeanette Winterson der ganzen Angelegenheit nochmal an und macht daraus einen Roman. Und das sieht dann so aus:

The Gap of Time

„I didn’t start it. I can’t stop it.“

JeanetteWinterson_TheGapofTime

Leo, der sein Geld mit Investitionen und Spekulationen verdient (sein Unternehmen heißt Sicilia) lebt auf großem Fuße mit Frau Hermione (genannt MiMi) und Sohn Milo in London. Dort zu Besuch ist sein Schulfreunde Xeno, der in New Bohemia lebt und mit dem er vor sehr langer Zeit mal eine Affäre hatte. Xeno hat einen Sohn namens Zel, mit dessen Mutter er aber keine Beziehung hat und nie hatte. Der krankhaft eifersüchtige Leo ist überzeugt, dass das Kind seiner hochschwangeren Frau von Xeno sein muss. Folgerichtig schickt er das Kind wenige Wochen nach der Geburt mit seinem Angestellten Tony nach New Bohemia, wo er die kleine Perdita an den richtigen Vater Xeno übergeben soll. Soweit kennen wir das alles.

Auch in diesem Fall geht die Übergabe schief. Tony trifft Xeno nicht an und dunkle Gesellen sind hinter der recht hohen Bargeldsumme her, die er von Leo für diesen kleinen Gefallen bekommen hat. Tony wird getötet und Perdita fällt, samt Geld und Herkunftshinweis, Shep und seinem Sohn Clo in die Hand, die das Geld in ein Seafood-Restaurant, „The Fleece“ investieren. Perdita ist klar, dass sie adoptiert wurde, ist aber in ihrer neuen Familie vollkommen glücklich.

Selbstverständlich finden auch in dieser Adaption Zel und Perdita viele Jahre später zueinander und stellen so ein Band wieder her, dass zwischen Leo und Xeno gekappt wurde.

Wenn auch das Setting grundlegend verändert wurde, bleibt Winterson den vorgegebenen Strukturen und Charakteren weitestgehend treu. Das ist gut umgesetzt, zugleich aber auch die große Schwäche des Romans. Denn so richtig rund sind die meisten Charaktere und viele Situationen nicht. Bei einer Geburtstagsfeier für Shep beispielsweise kommen zum Teil wildfremde Menschen zusammen und führen innerhalb kürzester Zeit Gespräche über den freien Willen und ähnlich tiefschürfende Themen. Wenn das nicht zufällig ein Philo-Studenten-Stammtisch ist, funktioniert das halt leider nicht so richtig. Auch in vielen anderen Szenen scheint das Handeln der Personen nur halbherzig motviert zu sein und vieles „ist halt so“. Man muss beim Lesen wirklich im Auge behalten, dass es eine Shakespeare-Adaption ist, Ms Winterson kann nicht viel machen.

Als Adaption aber ist der Roman wirklich gut gelungen. Winterson konzentriert sich sehr auf den Orakelspruch aus dem Original, dass das Verlorene wiederhergestellt werden muss und spielt auch viel mit dem Konzept von Zeit. Welche Zeit wir erleben und welche wirklich vergeht und was möglich sein könnte, wenn Zeitreisen, auch nur für Minuten, realistisch wären, wie viel man retten könnte, vielleicht sogar ein Leben. Die große Moral bei ihr ist das Vergeben. Denn nichts kann wiederhergestellt werden, nichts kann wiedergefunden werden, wenn Menschen nicht bereit sind, anzuerkennen, dass genug Buße getan wurde und am Ende verzeihen.

„The Winter’s Tale“ hat Winterson ausgewählt, weil die Geschichte für sie, die selbst ein Adoptivkind ist, eine persönliche Bedeutung hat und man merkt der Adaption an, dass sie sich sehr mit dem Stoff auseinandergesetzt hat. Es sei darauf hingewiesen, dass in diesem Buch enorm viel geflucht wird. So viel, dass es selbst mir aufgefallen ist, was einiges ist. Die fuck-Dichte ist wirklich beeindruckend und wer sowas nicht leiden kann, muss was anderes lesen. Zudem würde ich sehr empfehlen, erst das Shakespeare-Stück zu lesen. Es ist ein Drama, es dauert nicht mehr als zwei Stunden und man findet wirklich eine Menge sehr charmanter Anspielungen und Zitate im Roman, die einem entgehen, wenn man nur die Zusammenfassung kennt.


William Shakespeare: „A Winter’s Tale“. Erste Aufführung 1611, im Druck zuerst erschienen 1623. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 320-348. Deutscher Titel: „Das Wintermärchen“. Lieferbar u.a. in der Reclam-Ausgabe.

Jeanette Winterson: The Gap of Time. Penguin 2016. 288 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe Hogarth 2015. Deutsche Übersetzung: Der weite Raum der Zeit. Übersetzt von Sabine Schwenk. KNAUS 2016. 288 Seiten, € 19,99. Erster Teil der Reihe Hogarth Shakespeare.

Die Zitate stammen aus Akt I, Szene 2 (Camillo) bzw. S. 226.

Shakespeare neu erzählt – Hogarth Shakespeare

William Shakespeares Werk zählt zweifelsohne zu den Klassikern der Weltliteratur und irgendwas von ihm kennt jeder. Seit über 400 Jahren werden seine Stücke gespielt, übersetzt, gemalt, verfilmt, als Comic adaptiert und neu erzählt. Seit 2015 erscheinen nun die ersten Bände aus der Reihe „Hogarth Shakespeare“, die ich sehr spannend finde. In diesem Projekt werden Shakespares Dramen von bekannten AutorInnen neu erzählt. Die englischsprachigen Titel erscheinen bei Penguin, die deutschen Übersetzungen bei KNAUS. Bisher veröffentlicht oder in konkreter Planung sind folgende Titel (Daten der englischen Titel nach Crown Publishing):

Jeanette Winterson: The Gap of Time, Oktober 2015. Deutsche Übersetzung: Der weite Raum der Zeit, April 2016. Basierend auf Das Wintermärchen.

Howard Jacobson: Shylock Is My Name, Februar 2016. Deutsche Übersetzung: Shylock, April 2016. Basierend auf Der Kaufmann von Venedig.

Anne Tyler: Vinegar Girl, Juni 2016. Deutsche Übersetzung: Die störrische Braut, Oktober 2016. Basierend auf Der Widerspenstigen Zähmung.

Margaret Atwood: Hag-Seed, Oktober 2016. Deutsche Übersetzung noch nicht angekündigt. Basierend auf Der Sturm.

Jo Nesbø: Titel noch nicht bekannt, voraussichtlich April 2017. Basierend auf Macbeth.

Tracy Chevalier: Titel noch nicht bekannt, voraussichtlich Juni 2017. Basierend auf Othello.

Edward St. Aubyn: Titel noch nicht bekannt, voraussichtlich März 2018. Basierend auf King Lear.

Gillian Flynn: Titel noch nicht bekannt, voraussichtlich Mai 2021. Basierend auf Hamlet.

Fortführen werde ich diese Liste auf der Seite „Hogarth Shakespeare“ und ich hoffe, sie noch eine ganze Zeit ergänzen zu können. Es scheint noch nicht sicher zu sein, ob nach den angekündigten acht noch weitere Romane erscheinen, dazu finde ich sehr widersprüchliche Angaben, aber zumindest die angekündigten werde ich lesen.

Für das Projekt wurde ein kurzes Video produziert in dem die ersten AutorInnen erzählen, was Shakespeares Werke für sie bedeuten und warum sie sich ihre Texte ausgesucht haben:

Ich finde die Reihe sehr interessant und bin gespannt, wie die sehr unterschiedlichen AutorInnen mit den Stoffen umgehen werden, die sie sich ausgesucht haben. Besonders auf Atwood und Tyler freue ich mich sehr. Ich bin aber auch gespannt, ob Flynn aus Hamlet die Psychokiste macht, die ich von ihr erwarte.

Über Hinweise auf Beiträge von anderen BlogerInnen freue ich mich sehr!

Jonathan Franzen: The Corrections

thecorrections„Your parents are not supposed to be your best friends. There’s supposed to be some element of rebellion. That’s how you define yourself as a person.“

Ich habe sehr lange überlegt, was ich über The Corrections noch sagen soll. Denn ich habe das Gefühl, dass in den 15 Jahren seit Erscheinen alles schon gesagt wurde und zwar mehrfach.

Aber nochmal ganz knapp für alle, die das Buch noch nicht kennen: Enid Lambert wünscht sich, dass noch ein letztes mal alle ihre Kinder und Enkelkinder nach St. Jude im Mittleren Westen der USA kommen, wo sie mit ihrem an Parkinson erkrankten Mann Alfred lebt. Die Kinder Chip, Denise und Gary leben mittlerweile an der Ostküste, Gary ist verheiratet und hat drei Söhne, die beiden anderen Kinder sind derzeit partner- und kinderlos. Nach diesem letzten Weihnachtsfest, so hat Enid es Gary versprochen, verkaufen sie das verwahrlosende Haus und suchen eine Wohnung, die besser für Alfred geeignet ist. Garys Frau Caroline ist aber unter gar keinen Umständen bereit, mitsamt Kindern nach St. Jude zu reisen, weil sie die ganze Familie Lambert für eine Zumutung hält.

Das ist die Grundsituation, vor der sich diverse andere Konflikte entspinnen. Chip scheitert als Drehbuchautor und lässt sich auf sehr zwielichtige Geschäfte in Litauen ein, Denise verliert ihren Job, nachdem sie eine Affäre mit der Frau ihres Chefs hat und Gary versucht alles um seiner Frau zu beweisen, dass er nicht depressiv ist, während Alfred von einem Kreuzfahrtschiff stürzt.

Gelesen habe ich das Buch das erste mal 2003, kurz nachdem es auf deutsch erschienen war und ich eine begeisterte Rezension gelesen hatte. In der taz, glaube ich. Ich war 17 und las klügere Zeitungen als der Rest meiner Stufe, in denen klügere Bücher empfohlen wurden, als der Rest überhaupt ahnen konnte. Es war ein Wunder, dass ich je etwas anderes getragen habe als schwarze Rollkragenpullover. Aber ich hatte einige davon. Also brauchte ich auch ein extra-kluges Buch für die Buchvorstellung im Englisch-Leistungskurs, ging in den Buchladen und bestellte The Corrections. Ich hatte nicht auf die Seitenzahl geachtet. Als ich kam, um das Buch zu holen, wollte ich das natürlich nicht zugeben (wer sagt schon gerne „oh Gott, so dick?!“ wenn er im Buchladen steht, vor allem wenn man klug und 17 ist), kaufte und las es. Und es war eine Tortur. Wie soll man denn auch The Corrections lesen, wenn man „anxiety“ nachschlagen muss? Da scheitert man schon auf den ersten zehn Seiten vier mal. Ich malte ein wirres Personendiagramm inklusive aller unbedeutender Nebenfiguren auf eine Overhead-Folie und stolperte mich durch ein Buch, das ich nur zur Hälfte verstanden hatte. Der Rest des Kurses hatte im wesentlichen die Harry-Potter-Bände unter sich aufgeteilt, der Applaus am Ende war verhalten. Lieber Englisch-LK von Herr Listmann, es tut mir leid, dass ich euch mit dieser Buchvorstellung gequält habe und danke, dass niemand „prätentiöse Bitch“ auf meine Seite in der Abizeitung geschrieben hat.

In diesem Jahr dachte ich nun, mit dem Wissen was „anxiety“ bedeutet, wäre es Zeit, das Buch nochmal zu lesen. An vieles konnt ich mich noch erinnern, vieles war aber auch nur als ein Haufen Verwirrung in meinem Kopf abgespeichert. Was genau Corecktall macht, das Medikament, in das die Lamberts all ihre Hoffnung stecken, hab ich überhaupt erst jetzt kapiert. Und das ist kein kleiner Teil der Handlung. Ich konnte mich allerdings noch sehr gut an die Szene erinnern in der Chip mit Gitanas spricht, der in russichen Gefängnissen gefoltert worden ist. Chip beschreibt sein eigenes Leben in der amerikanischen Gesellschaft als „a different kind of prison“ und ich hatte gerade Sartres Geschlossene Gesellschaft („Die Hölle, das sind immer die anderen“) gelesen und auch nur zur Hälfte verstanden und dachte ‚Chip, wie recht du hast! Das ist der wahrste Satz aller Zeiten!‘. 13 Jahre später denke ich ‚Chip, halt die Klappe, komm klar, such dir mal nen Job der nicht Internetbetrug ist und hör halt auf, Studentinnen zu vögeln‘. Und deswegen muss man für Tätowierungen 18 sein.

Schon bei Erscheinen wurde der Roman in den Himmel gelobt und hat sich in den letzten 15 Jahren zum neuen Standard des amerikanischen Familienromans entwickelt. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich dann nicht so richtig umgehauen war. The Corrections ist zweifelsohne ein sehr guter Roman, aber ich habe in der Zwischenzeit auch eine Tonne anderer amerikanischer Familienromane gelesen, darunter The Position, A Spool of Blue Thread und The Middlesteins, wobei ja die beiden letzteren thematisch auch ziemlich nah an Franzen sind. Und am Ende sind die sich alle sehr ähnlich, schließlich bewegen sie sich ja auch alle im gleichen Mikrokosmos. Sie sind aber auch alle nach Franzen erschienen und hätte ich The Corrections vor 15 Jahren schon verstanden, wäre es vermutlich auch für mich die Offenbarung gewesen, die es für viele war. Möglicherweise hat Franzen den Familienroman wirklich neu erfunden, auf jeden Fall wird es da mal Zeit für einen neuen Goldstandard, es kann doch nicht noch 100 Jahre alles die neuen Buddenbrooks sein.

Bemerkenswert finde ich übrigens, dass auf meiner Ausgabe David Foster Wallace den Lobeshymnen-Platz auf dem Cover bekommen hat. Weil es viel darüber sagt, was David Foster Wallace vor 15 Jahren war und was Jonathan Franzen noch nicht war.

Wer nochmal eine richtige Rezension lesen will, findet diese unter anderem bei der New York Times, dem Guardian und Perlentaucher.


Jonathan Franzen: The Corrections. Fourth Estate 2002.653 Seiten, ca. € 8,-. Erstausgabe Farrar Straus Giroux 2001.

Das Zitat stammt von S. 68

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

americanahIn America you don’t get to decide what race you are. It is decided for you.

Ifemelu sitzt in einem Haarsalon in Trenton und lässt sich die Haare flechten. Nach 15 Jahren in den USA, mit einem gut bezahlten Job an der Universität Princeton, Eigenheim und fester Beziehung will sie nach Nigeria zurückkehren. Als Americanah, wie die Rückkehrenden dort genannt werden.

Aufgewachsen ist Ifemelu als Tochter einer fast fanatisch gläubigen Christin in Lagos. Noch zu Schulzeiten lernt sie ihre große Liebe Obinze kennen, mit dem zusammen sie auch studiert und eine Zukunft plant. Doch die Militärdiktatur im Land wirkt sich zunehmend negativ auf ihr Leben und das ihrer Familie aus. Die sicher geglaubte Zukunft mit Obinze wird ein vages Hoffen und so lässt sie sich schließlich von seiner Begeisterung für die USA anstecken und bewirbt sich um ein Studienvisum, das sie dank einer bürgenden Angehörigen auch bald bekommt. Obinze will nachkommen, doch seine Anträge werden wieder und wieder abgelehnt.

Mit ihrem Visum kann Ifemelu in den USA nicht legal arbeiten, ihre Versuche, mit einem fremden Ausweis Arbeit zu finden, scheitern. Als sie schließlich ihre Miete nicht mehr zahlen kann, prostituiert sie sich. Unfähig, Obinze dies zu gestehen, bricht sie den Kontakt abrupt ab.

In ihren Jahren in den USA lernt sie bald das Konzept von Rasse kennen, das ihr vorher fremd war. In Nigeria war sie nicht schwarz, nun ist sie es plötzlich. Und zwar nur schwarz. Für die weiße Mehrheitsbevölkerung ist es irrelevant, ob sie aus Nigeria, Ghana oder Jamaika kommt. Ihre Erfahrungen damit verarbeitet sie in ihrem Blog mit dem Titel „Raceteenth Or Various Observations About American Blacks (Those Formerly Known As Negroes) By A Non-American Black“. Dieser Blog wird innerhalb kürzester Zeit zu einem unerwarteten Erfolg, tausende lesen und kommentieren und schließlich wird sie zu einer gefragten Rednerin zu diesem Thema.

Ifemelus Haare sind nicht nur der Einstieg in den Roman sondern bleiben auch das ganze Buch über ein wichtiges Thema. Denn Ifemelus lockige Haare gelten als „unprofessionell“, zumindest wenn sie nicht geglättet sind. Nach ihrem ersten Versuch, diese Glättung chemisch durchzuführen, fallen ihr die Haare gleich büschelweise aus und sie beschließt, von nun an einen Afro zu tragen. Doch so sehr sie ihre neuen Haare letztendlich liebt, ist sie immer noch verunsichert als sie Bilder von den Exfreundinnen ihres Partners findet, mit langen, glatten, glänzenden Haaren. Als sie schließlich beschließt, ihre Haare für die Rückkehr nach Nigeria flechten zu lassen, muss sie bis nach Trenton fahren, weil es in ihrer gutsituierten Wohngegend Princeton keinen Haarsalon gibt, der so etwas anbietet. Haare werden zu einem Bild für Rasse, dafür, wie etwas implizit eingefordert wird, das Ifemelu nicht ohne große Umstände leisten kann. Ihr Haar ist einfach nicht glatt und sie findet, dass diese Tatsache schlicht akzeptiert werden sollte, dass ein Afro nicht als unprofessionell oder gar ungepflegt gelten sollte.

Aus dem Haarsalon nimmt sie das erste Mal seit Jahren per Mail Kontakt mit Obinze auf. Sein Jugendtraum, Bürger der USA zu werden, hat sich nie erfüllt. Mit einem Studienvisum konnte er einige Zeit in Großbritannien leben, wurde aber wenige Minuten vor seiner Eheschließung mit einer EU-Bürgerin verhaftet und abgeschoben. Nun lebt er wieder in Lagos, ist jetzt aber ein erfolgreicher und wohlhabender Geschäftsmann mit Familie.

Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Während des gesamten ersten Teils sitzt Ifemelu beim Haareflechten und es wird ihre Geschichte bis zu diesem Punkt erzählt. Immer wieder springt die Handlung zurück zum Friseur, wo zwischenzeitlich auch andere Frauen auftauchen und ihre Haare flechten lassen. Die Erzählung bleibt aber weitestgehend chronologisch. In diesem ersten Teil spielt auch der Blog eine große Rolle. Es werden immer wieder Blogposts zitiert, was erzähltechnisch ein erstaunlich smarter Weg ist, kurze Ausschnitte zur Rassenproblematik im Text unterzubringen, die fast schon kurze Essays sind, ohne dass es gezwungen wirkt oder gar die Handlung stört.

Der zweite Teil ist ihrem neuen Leben in Nigeria gewidmet. Nachdem Ifemelu ihren Blog Raceteenth gelöscht hat, weil es in Nigeria sinnlos ist, über Rasse zu schreiben, eröffnet sie nun einen neuen, in dem sie vom Leben in Lagos berichtet, von Eigenheiten und Vorfällen, die ihr als Americanah besonders auffallen. Auch dieser Blog, „The Small Redemptions of Lagos“ ist schnell sehr erfolgreich. Übrigens hat Adichie zeitweise tatsächlich einen gleichnamigen Blog betrieben, der auch immer noch online ist, seit Herbst 2014 aber nicht mehr aktualisiert wurde.

Americanah thematisiert auf packende Art den Rassenkonflikt in den USA. Adichie legt den Finger in die Wunde und hört nicht auf, bloß weil es weh tut. Die Debatte zieht sich durch das ganze Buch und zwar so prominent, dass die Handlung, Ifemelus Lebensgeschichte, eigentlich ein Vehikel dieses Diskurses ist. Nebensächlich oder unglaubwürdig wird sie aber keinesfalls und tatsächlich sind ja auch Ifemelus Leben und ihre Erfahrungen mit Rassenkonflikten untrennbar verbunden. Die Sichtweise ist authentisch und begründet – die Autorin selbst stammt aus Nigeria und lebt seit einigen Jahren auch in den USA. Americanah ist eine Geschichte von Rasse und der sozioökonomischen Bedeutung von Hautfarbe, speziell in den USA. Auch das Thema Migration spielt eine große Rolle und wird von den Charakteren ganz unterschiedlich behandelt. Es ist nicht Ifemelus Traum, in den USA zu leben, sie nimmt die Möglichkeit aber wahr, um ihrem Leben mehr Planungssicherheit zu verleihen. Ein „richtiger“ Grund für eine Emigration ist das für viele aber nicht, von Migranten erwartet man Hunger oder Krieg als Motiv, das eigene Land zu verlassen. Obinze geht, mehr auf Drängen seiner Mutter als aus eigenem Antrieb, nach Großbritannien und ist fast erleichtert, als er im Flugzeug zurück sitzt. Er hat, anders als viele seiner unfreiwilligen Mitreisenden, keinerlei Ambitionen, sein Glück mit einer erneuten Einreise zu versuchen. Trotz der sehr deutlichen Präsenz dieser Themen sieht man nie den erhobenen Zeigefinger, es wird nie langatmig oder belehrend. Stattdessen ist Americanah ein sehr kluger, sympathischer, gut unterhaltender Roman.

Gehört habe ich das Buch in der englischsprachigen Hörbuchfassung, gelesen von der Schauspielerin Adjoa Andoh, die eine sehr beachtliche Leistung liefert. Die Stimmen der einzelnen Charaktere werden, inklusive verschiedener Dialekte und Akzente, so unterschiedlich dargestellt, dass die Geschichte und ihre Figuren noch lebendiger werden.


Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Gelesen von Adjoa Andoh. Whole Story Audio Books 2013. ca. 17,5 Stunden, ca. € 25,-. Originalausgabe: Americanah. Alfred A. Knopf 2013. Letzte deutschsprachige Ausgabe: Americanah. Fischer 2015.

Das Zitat stammt aus Kapitel 37

Essen aus Büchern: Sandesh aus Neel Mukherjees „In anderen Herzen“

Idee der Reihe „Essen aus Büchern“ ist es ja, möglichst mir unbekannte Gerichte nachzukochen bzw. -backen. Und davon ist In anderen Herzen nun wirklich randvoll. Vieles davon ist nun leider gar nicht so leicht rekonstruierbar, da der Roman in Kalkutta spielt und einige der verwendeten Zutaten, vor allem Früchte, Gemüse und einige Meerestiere in Deutschland praktisch nicht zu bekommen sind.

Deshalb habe ich mich für Sandesh entschieden, was die bengalische Süßigkeit schlechtin zu sein scheint. Sogar die ungeliebte Purba bekommt was davon ab, als die Geburt eines Sohnes gefeiert wird:

„Eines abends kommt Purnima mit einer schicken Schachtel sandesh von Ganguram herunter. ‚Baishakhi hat einen Sohn bekommen‘, sagt Purnima und überreicht Purba die Pappschachtel, ‚deswegen verteile ich jetzt Süßigkeiten.'“

Im Buch werden diese Delikatessen traditionell bei Ganguram gekauft, einem Geschäft, das es wirklich gab und auch bis heute gibt. Der Online-Shop listet nicht weniger als 38 Sorten Sandesh, die sich mir nicht alle erschließen. Allen gemeinsam ist, dass die Basis Paneer (a.k.a. Chhena) ist, der mit unfassbaren Mengen Zucker vermengt und anschließend meistens zu kleinen Kugeln oder anderen Figuren geformt wird. Paneer ist ein indischer Käse, der gewonnen wird, indem man Milch mit Hilfe einer Säure, i.d.R. Zitronensaft oder Essig zum Ausflocken bringt. Anschließend wird die Molke abgeseiht und die verbleibende Masse wird gepresst. Das Ergebnis erinnert vage an Ricotta.

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Zutaten:

  • 1 l frische Vollmilch
  • 2 TL Zitronensaft
  • 125 g Puderzucker
  • 1/4 TL gemahlener Kardamom
  • Nüsse, Mandeln, Früchte oder anderes zum Dekorieren
  • außerdem braucht man ein Sieb und ein Abseihtuch, wobei auch Mull, Leinen oder anderer feinmaschiger Stoff funktioniert

Die Milch in einem Topf zum Kochen bringen. Sobald die Milch kocht, den Zitronensaft dazu geben, sodass sie ausflockt. Die ausgeflockte Milch 1-2 Minuten ruhen lassen. Das Abseihtuch in einem Sieb ausbreiten und die Milch durch das Tuch abgießen, sodass die Molke abfließt. Die Rückstände vorsichtig auspressen (Achtung – das ist sehr, sehr heiß) und den Paneer im Tuch so aufhängen, dass er abtropfen kann. Evtl. nochmal nachpressen.

Nach ca. 1 Stunde sollte der Paneer etwas abgetropft sein und soweit ausgekühlt, dass man ihn weiterverarbeiten kann. Den Paneer in eine Schüssel geben und zu einem geschmeidigen Teig kneten, dann den Zucker und den Kardamom zugeben. In einigen Rezepten wird anderer Zucker als Puderzucker verwendet, z.B. Rohrzucker, was natürlich auch möglich ist, dann ist das Ergebnis aber eher braun als weiß. Weiter kneten bis wieder eine glatte Masse entsteht.

Die Zucker-Paneer-Masse in eine Pfanne geben und bei geringer Hitze ca. 7-8 Minuten erhitzen, sodass noch etwas Flüssigkeit austritt. Der Paneer darf aber nicht trocken werden, er muss immer noch etwas Feuchtigkeit haben. Auf keine Fall sollte Fett austreten oder das Eiweiß gerinnen. Sobald der Paneer am Rand rissig wird, vom Herd nehmen. Abkühlen lassen, nochmal gut durchkneten und dann kleine, abgeflachte Kugeln aus der Masse formen. In die Mitte kann man eine Mulde drücken, in die man z.B. Nüsse zur Dekoration legen kann.

Eine sehr ausführliche Anleitung mit Fotos für jeden Schritt gibt es bei foodviva.

Das Ergebnis ist quietschesüß. Wer mit gezuckerter Kondensmilch aufgewachsen ist, kann sich vermutlich dafür begeistern, ich fand es wirklich zu süß. Mein Freund war ganz angetan oder behauptet es zumindest. Außerdem war mein Sandesh grieselig und hat mich von der Konsistenz an Gulab Jamun erinnert, was es glaube ich nicht soll. Für alle, denen Süßigkeiten nicht süß genug sein können, ist Sandesh aber genau das richtige und mal eine nette Abwechslung.


Das Zitat stammt von S. 555 der deutschen Erstausgabe, die 2016 bei Kunstmann erschienen ist.

Carlos Fuentes: Happy Families

„Loving means not talking about love“ happyfamilies

Die an Tarotkarten erinnernden Bilder auf dem Cover scheinen schon daraufhin zu deuten – Familie ist Schicksal. Sie ist die Vorsehung, der man nicht entkommen kann, ob man nun will oder nicht. Und sie ist die kleinste Scherbe des Spiegels der Gesellschaft, ein Mikrokosmos, in dem man jedes Detail des Gesamtbilds wiederfinden kann.

Fuentes erzählt in seinen Kurzgeschichten von sechzehn Familien, die vor allem ihr Unglück gemeinsam haben. An irgendeinem Punkt scheitern in diesem Buch alle Familien. Söhne, die sich gegen ihre Väter auflehnen, Töchter, die durch ihre despotischen Väter in lebenslanges Unglück gestürzt werden, ein Mann, der sich in die falsche Frau verliebt.

Doch all diesen Familien geht es bei allem empfundenen Unglück verhältnismäßig gut – sie gehören der mexikanischen Mittel- bis Oberschicht an, ein Mann ist sogar Präsident, die meisten haben Hausangestellte, zumindest aber leben sie alle recht komfortabel. Unterbrochen werden diese Familiengeschichten von den Chören der weniger Glücklichen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben müssen und in abgehackten, verstörenden Sprechgesängen von Gewalt, Drogenkriegen und Bandenrivalitäten berichten. Auch diese Klagelieder werden von Menschen in ihren Funktionen als Familienmitglieder angestimmt: die bedrohten Töchter, die perfekten Ehefrauen, die Kinder der guten Familien. Sie stehen für die gesamte Gesellschaft, für die Gewalt in den Straßen von Mexico City, für von Machismo geprägte Strukturen.

Durch ihr Auftreten vermischen sie die gesellschaftlichen Aspekte mit dem Mikrokosmos der dargestellten Familien und verdeutlichen, dass die eine Struktur immer die andere bedingt und entscheidend prägt. Die Regeln der Gesellschaft sind auch die Regeln der Familie. Den dargestellten Personen ist es nahezu unmöglich, aus den Gewohnheiten und Regeln auszubrechen, die von der Familie auferlegt sind. Besonders deutlich wird dies in der Erzählung von den drei Schwestern, deren Vater forderte, dass sie zehn Jahre nach seinem Tod Trauer tragen müssen. Dass sie nicht heiraten, keine Kinder kriegen und sich nicht einmal selbst nackt betrachten dürfen. Auch zehn Jahre nach seinem Tod ist keine der Schwestern in der Lage, dem Vater gegenüber ungehorsam zu sein, als laste ein geheimnisvoller Fluch auf ihnen und nicht ein simpler Befehl. Themen aller Erzählungen sind vor allem die patriarchal geprägten Machtstrukturen in Gesellschaft und Familie, soziale Gefälle und daraus resultierende Gewalttaten sowie die koloniale Vergangenheit des Landes sowie die Schwierigkeiten, die diese bis heute mit sich bringt. Deutlich wird dies vor allem in der Geschichte eines Künstlers indigener Abstammung, der ein Mädchen tötet, weil er die Angst vor dem Wilden, die er in ihren Augen sieht, nicht mehr erträgt.

Unglücklich ist jede der „Happy Families“ in diesem Buch. Das aber ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit der Erzählungen. Fuentes versucht, möglichst unterschiedliche Familien darzustellen – Verwitwete, jung Verheiratete, ein homosexuelles Paar, eine Mutter, deren Tochter ermordet wurde. Leider schafft er es nicht, diese einzelnen Episoden zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, auch wenn einige wenige Personen in mehreren Erzählungen auftauchen. So bleibt es bei einer Sammlung von Kurzgeschichten, die einen Bruchteil der mexikanischen Gesellschaft porträtiert. Die meisten davon sind allerdings überzeugend.


Carlos Fuentes: Happy Families. Übersetzt von Edith Grossmann. Bloomsbury 2009. 331 Seiten, ca. € 13,-. Originalausgabe: Todas las familias felices. Alfaguara 2006.

Das Zitat stammt von S. 48

Valerie Fritsch: Winters Garten

Winters_Garten„Während draußen die Welt in tausend Stücke fiel, schliefen die Menschen miteinander, weil sie nicht anderes anzufangen wussten mit ihren heilgebliebenen Körpern, als sie zusammenzukleben zwischen all den Scherben.“

Valerie Fritsch ist einigen vielleicht noch vom letztjährigen Bachmann-Preis präsent, wo sie den Kelag-Preis und den Publikumspreis bekam für ihren Text „Das Bein“. Winters Garten ist ihr zweiter Roman.

Anton Winter wächst auf in einem Haus, das von einem riesigen Garten umgeben ist. Der Garten trägt ewig Früchte, er wächst auf inmitten von sattem Grün, verschwenderischer Fülle und nie versiegender Fruchtbarkeit. Die Welt, die dieses Paradies umgibt, ist nicht relevant für sein Leben. Es gibt eine Stadt am Meer, in die seine Großeltern gelegentlich fahren, die aber von den anderen Bewohnern des Hauses gemieden wird, so gut es geht. Sie brauchen nichts von der Welt da draußen. Doch es gibt auch Misstöne und seltsam anmutende Elemente in all dieser Perfektion. Die Großmutter hatte mehrere Fehlgeburten, die Föten bewahrt sie in Einmachgläsern auf, die im Keller zwischen der eingemachten Ernte des letzten Jahres stehen. Anton ist fasziniert von ihnen, von den Gebilden, die noch gar nicht als Kind erkennbar sind und von den fast fertigen Kindern, die mit winzigen, zur Faust geballten Händchen in den Gläsern schweben. Vor diesem Regal kann er Stunden verbringen.

Viele Jahre später hat Anton dieses Paradies verlassen. Warum, erfährt man erst sehr spät im Buch. Er lebt jetzt in der Stadt am Meer, die er so lange gemieden hat und ist Vogelzüchter. Er wohnt im höchsten Haus der Stadt und züchtet Vögel auf seiner Dachterrasse, wo sich Käfig an Käfig reiht.

Doch die Welt hat keine Zukunft mehr, ihr Untergang steht unmittelbar bevor. Die Sonne scheint fast nicht mehr, ununterbrochen regnet es und am Hafen treffen sich große Menschengruppen um sich gegenseitig zu erschießen, so aussichtslos ist die Situation. Durch die Stadt streunen hungrige Hunde und wilde Tiere, die aus einem Zirkus freigelassen wurden, in einem Hinterhof, den langen Hals an die Mauer gelehnt, skelettiert langsam eine Giraffe.

In diesem apokalyptischen Chaos trifft Anton auf Frederike und lernt das erste mal in seinem Leben die Liebe kennen. Eine Liebe, die bedingungslos ist und in der es keine Angst gibt, dass sie irgendwann vergehen könnte, weil es kein irgendwann mehr gibt. Frederike war Soldatin, arbeitet nun aber im Krankenhaus, weil es der einzige Ort in der Stadt ist, der ihr überhaupt noch Hoffnung geben kann. Denn ungeachtet der Aussichtslosigkeit kommen hier jeden Tag Kinder auf die Welt, deren Mütter auf sie achten und für sie sorgen, als hätten sie tatsächlich die Chance, eines Tages ihre ersten Schritte zu machen.

Die eigentliche Handlung dieses kurzen Romans ist sehr knapp gehalten und die Erzählweise ist eher darauf ausgelegt, Bilder zu erschaffen, als Handlung voranzutreiben. Man folgt einer kleinen Gruppe von Menschen, erst zwei, dann vier Personen, auf ihrem Weg durch die dunklen Tage. Valerie Fritsch stellt einzelne Bilder nebeneinander, Eindrücke aus einer Welt am Abgrund, die Anton Winter in seiner Umgebung findet: „Die Städte sterben. Das Land ist krank. Die Vögel fliegen fort. Immer weht der Wind.“ (73) Gedanken über den Untergang, über Liebe ohne Zukunft, über Hoffnung, von der jeder weiß, dass sie vergebens ist, nehmen viel Raum ein. Die Bedrohung bleibt sehr unkonkret. Als Leserin erfährt man nicht, was die Welt zerstören wird, und auch die Romanfiguren scheinen es nicht zu wissen. Bestrebungen, den Untergang aufzuhalten, gibt es nicht (mehr). Frederike fragt Anton, wie er sich das Ende vorstelle und offenbar hat er eine ganz andere Idee davon als sie. Es scheint keinen großen Knall zu geben, sondern einen graduellen Zersetzungsprozess, der die Welt oder zumindest alles Leben darauf am Ende auslöschen wird. Wann genau es so sein wird, scheint aber auch nicht abschließend geklärt zu sein.

Winters Garten ist kein Apokalypse-Roman wie man ihn erwarten würde, sondern ein Roman über die Konstanten des menschlichen Lebens, die nicht verhandelbar zu sein scheinen. An die Menschen sich klammern, auch wenn es offensichtlich unvernünftig ist und sinnlos. Glaube ist nicht dabei, aber Liebe und Hoffnung sind die beiden Größen, die Anton und Frederike am Leben halten, die sie davon abhalten, an den Massenselbstmorden teilzunehmen. Durch die aneinandergereihten Bilder entsteht eine düstere Endzeitstimmung, die in scharfem Kontrast zur Idylle steht, die am Anfang des Romans geschildert wird. Von der Sprache der Autorin war ich beim Bachmann-Preis schon begeistert und wurde auch von diesem längeren Text nicht enttäuscht.


Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp 2016. 153 Seiten, € 10,-. Originalausgabe: Suhrkamp 2015.

Das Zitat stammt von S. 60