Women’s Prize for Fiction – der Stand nach einem Jahr

Vor einem Jahr habe ich voller Enthusiasmus ein Leseprojekt gestartet, das zumindest ehrgeizig ist, möglicherweise aber auch nur wahnsinnig. Wer es damals nicht mitbekommen hat – seit Januar 2017 lese ich mich durch alle Shortlists des Preises, der seit 1996 verliehen wird, erst Orange Prize for Fiction hieß, dann Bailey’s Prize for Fiction und jetzt, nach dem Wegfall des Großsponsors, unter Women’s Prize for Fiction firmiert. Der Preis wird, wie der aktuelle Name auch verrät, für ein fiktives Werk verliehen, das von einer Frau und auf englisch verfasst wurde. Als das Projekt im Januar gestartet ist, standen 126 Bücher auf der Liste, mit den Nominierten aus 2017 sind es nun also 132.

StatWPF

Überrascht war ich, als ich festgestellt habe, dass ich vor Beginn des Projekts gerade mal 7 der Titel gelesen hatte. Gefühlt hatte ich deutlich mehr Bücher in der Hand, die mit der Orange Prize-Nominierung geworben haben, aber das müssen dann wohl Longlist-Nominierungen gewesen sein. In diesem Jahr habe ich 27 weitere gelesen. Das klingt sehr wenig, ist aber immerhin fast genau die Hälfte der Bücher, die ich überhaupt gelesen habe. Dennoch werde ich mit diesem Projekt wohl noch einige Zeit zu tun haben.

Das entscheidende ist ja aber nicht, wie viel man liest, sondern wie gut, und da sieht es ganz passabel aus. Viele der Titel, die ich durch das Projekt lesen „musste“ hätte ich sonst nie in die Hand genommen. Anne Enrights Rosaleens Fest beispielsweise klang mir immer zu harmlos, zu sehr nach klassischem Familienroman. Wie gut und vor allem stilistisch ausgefeilt der Roman war, hat mich dann doch überrascht. Es freut mich, dass Enright und ich uns mindestens ein weiteres mal begegnen werden. Einige andere Autorinnen fand ich auch vorher schon großartig. Dass ich die Romane von Atwood, Adichie und Ali Smith mögen würde, war nun wirklich keine Überraschung. Dafür habe ich in diesem Jahr aber auch das erste mal Bücher von großen und bekannten Autorinnen wie Zadie Smith und Hilary Mantel gelesen. Auch wenn es reichlich Gelegenheit gegeben hätte, habe ich das vorher nie getan.

Aber es gab auch das andere Ende der Skala. Das 2016 nominierte Die Launenhaftigkeit der Liebe war eines der schlechtesten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Platte, klischeehafte Figuren, ausgelutschte Formulierungen und eine Story, die jedem Heftroman Ehre machen würde – und das ausgerechnet 2016! Mit Ein wenig Leben, dem schon erwähnten Rosaleens Fest und The Glorious Heresies standen da sonst halt echt Knaller auf der Shortlist und es ist mir ein Rätsel, was dieser Roman da macht. Auch Anne Tylers Ladder of Years war ein Negativbeispiel. Stilistisch geht der Roman noch klar, die Handlung ist trotzdem unverzeihlich blöd. Dieses Buch war 1996 Tylers erste von bisher drei Shortlist-Nominierungen und leidet vielleicht auch unter seinem Alter.

Mein genereller und erster Eindruck, nachdem ich ja noch nicht mal ein Drittel gelesen habe, ist ein recht positiver. Ich bin angenehm überrascht, wie breit aufgestellt die Romane thematisch und stilistisch sind. Mein Eindruck war oft, dass eher harmlose Literatur von Frauen verlegt und damit auch für Preise nominiert wird. Nicht, weil sie harmloser schreiben, sondern weil die mutigeren Sachen „kein Publikum finden würden“ und deshalb nicht oder eher bei kleinen Verlag erscheinen, wo sie entsprechend wenig Aufmerksamkeit bekommen. Tatsächlich sind auch wahnsinnig viele Familienromane auf den Listen. Nicht alle davon sind harmlos, wie beispielsweise Purple Hibiscus. Ich glaube feststellen zu können, dass die Themen in den letzten Jahren mutiger und die Sprache weniger gemäßigt geworden ist. Mein bestes Beispiel dafür ist McInerneys hinreißend rotziges Glorious Heresies, das leider nicht übersetzt wurde, aber von allen gelesen werden sollte, deren Englisch reicht. Auch Ali Smiths How to be Both ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch progressiv bis experimentell. Muss auch gelesen werden, ist auch übersetzt worden. Andererseits ist das im gleichen Jahr nominierte Ein leuchtend blauer Faden recht zahm. Aber wie gesagt – das ist auch nur ein erster Eindruck und bei weitem noch nicht validiert und das wird es vielleicht auch nie werden.

Im Jahr 2018 geht es also weiter und ich hoffe, mindestens 30 weitere Titel lesen zu können. Aber ab und an muss es auch mal was anderes sein als 20 Jahre alte Literatur englischsprachiger Frauen. Wie es weitergeht, könnt ihr auf der Seite Women’s Prize for Fiction verfolgen, die ich regelmäßig aktualisiere.

5 Gedanken zu “Women’s Prize for Fiction – der Stand nach einem Jahr

  1. Scherbensammlerin 30. Dezember 2017 / 14:47

    Ich erinnere mich an deinen Vorsatz und finde ihn nach wie vor sehr gut. Auch mir ist es bis Oktober gelungen viel mehr Romane von Frauen zu lesen als sonst. Aber nicht die von der Liste, außer Blauer Hibiskus. Diesen Titel habe ich beim Blogsdurchforsten irgendwo aufgeschnappt. Bis auf zwei Titel, liegen aber wieder Bücher von Männern auf meinem Stapel… Aber ist es nicht komisch, dass Autorinnen einen spaziellen Frauenpreis benötigen?

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    • Marion 30. Dezember 2017 / 20:59

      Ja, das ist es.
      Die Idee für den Preis entstand ja, nachdem 1991 nur männliche Autoren für den Booker Prize auf der Shortlist standen. 2017 war zumindest die Finalisten-Liste für den National Book Award 50:50. Einerseits würde ich mir wünschen, dass es den Women’s Prize for Fiction nicht mehr braucht. Andererseits werden da einfach sehr oft sehr gute Bücher ausgezeichnet. Das gilt natürlich aber auch für diverse andere Preise.
      Die Liste hat für mich den Vorteil, dass ich Bücher lese, die ich sonst nicht gelesen hätte und dabei durchaus positiv überrascht werde. Der Nachteil ist, dass ich auch Bücher lese, bei denen ich schon beim Klappentext skeptisch werde und dann auch in meinem ersten Urteil bestätigt werde. Mal sehen, was 2018 bringt.

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      • Scherbensammlerin 31. Dezember 2017 / 15:49

        Anregungen in diesem Wust und Autorinnen auf die wir sonst nicht stoßen, das macht ja auch Sinn. Irgendwann werden Frauen keinen Frauenpreis mehr brauchen. Prost und guten Rutsch!

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  2. thehateyougive 31. Dezember 2017 / 17:38

    Die gebundene Ausgabe von „Rosaleens Fest“ hat aber auch so ein ganz furchtbares Cover. Die Art, die du blind für die Tante kaufst, deren Geschmack du nicht kennst.

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