Elif Shafak: Ehre

In Ehre befasst sich Elif Shafak mit einem Mord, der in einer kurdisch-türkischen Familie verübt wird, nachdem der älteste Sohn die Ehre seiner Familie in Gefahr sieht. Die Geschichte beginnt friedlich in einem entlegenen Dorf in der Türkei, in dem die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila aufwachsen, beide eine weitere Enttäuschung in einer Reihe von Kindern, die alle einfach kein Junge werden wollten. Viele Jahre später lebt Pembe mit ihrem Mann, der eigentlich Jamila heiraten wollte, in London und hat drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Jamila ist in der Heimat geblieben und lebt zurückgezogen als „jungfräuliche Hebamme“ und Heilerin in einer bescheidenen Hütte in den Bergen.

„Wir Topraks waren doch in dieser Stadt nur Statisten – eine halb türkische, halb kurdische Familie am falschen Ende von London.“

Das Leben in London ist für Pembe grau und freudlos, an den ewig grauen Himmel kann sie sich nie gewöhnen. Auch ihr Mann Adem kämpft mit seiner trostlosen und monotonen Arbeit in einer Fabrik, während er zusehends der Spielsucht verfällt. Der älteste Sohn Iskender, von seiner Mutter als Stammhalter und „Sultan“ verwöhnt und verzogen, verfällt immer mehr in patriarchale Rollenbilder und Vorstellungen. Jamila bleibt währenddessen in einer archaischen Umgebung, in der sich seit Jahrhunderten nichts verändert hat. Sie sammelt Kräuter, hilft bei riskanten Geburten und heilt Kranke, für die es in den kargen Bergen keine andere Hilfe mehr gibt.

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Während ich den Anfang des Buchs noch ganz gerne mochte, fand ich es danach mit jedem Kapitel blöder. Nicht nur waten beide Handlungsstränge knietief durch Klischees, die Sprache ist auch völlig überladen mit Bildern, Metaphern und Vergleichen. Kaum ein Kapitel endet ohne einen Satz, den man nicht so in „365 schöne Sprüche für jeden Tag“ drucken könnte. Jamila weiß nicht einfach viel über Kräuter, sie „spricht die Sprache der Kräuter“. Der Koch Elias kocht nicht einfach nur gut, sondern „spricht die Sprache der Gewürze und Aromen“. Außerdem benutzt er in der Küche seines Restaurants nur Holzwerkzeuge und keinen kalten Edelstahl. Lass das mal nicht die Behörden hören, Elias! Und ist unsere Vergangenheit nicht wie eine verschrammte Truhe auf dem Dachboden, deren Verschlüsse hartnäckig immer wieder aufsprigen, wie fest wir sie auch zu schließen versuchen?

Am schlimmsten aber trifft es Iskender, der im Gefängnis sitzt. Eines Tages bekommt er einen neuen Zellennachbarn, der vorgibt, in Brunei geboren worden zu sein, in Wahrheit aber direkt aus einem Paulo Coelho-Roman kommt. Möchte man sich das vorstellen wie das ist, mehrere Monate mit einem lebenden, permanent plappernden Coelho-Zitatelexikon auf engstem Raum eingesperrt zu sein? Spätestens da wird doch jedes fühlende Wesen zum Axtmörder.

Erschwerend hinzu kommt, dass die meisten Charaktere auch nicht sauber ausgearbeitet sind, ihre inneren Konflikte sich gar nicht oder nur unvollständig zeigen und ihr Handeln nicht immer motiviert scheint. Sie fahren auf den Schienen, denen das Leben oder die Tradition ihnen vorgibt, die meisten Abweichungen vom Weg geschehen ohne Vorwarnung und Erklärung und sind dadurch nicht immer glaubhaft und schlüssig. Zudem ist der Roman randvoll von mehr oder weniger subtiler Mystik, die man sicher mögen kann, mich aber irgendwann nur noch genervt hat. Von Elif Shafak, die ich aus Artikeln und Interviews schon kannte und schätze, hätte ich tatsächlich einen interessanteren, differenzierteren, weit weniger verkitschten und überladenen Roman erwartet, als Ehre es ist.


Elif Shafak: Ehre. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber Pocket 2015. 524 Seiten. Originalausgabe: Honour. Viking 2012.

Das Zitat stammt von S. 81

Zadie Smith: White Teeth

White Teeth war Zadie Smiths erster Roman und verschaffte ihr quasi über Nacht einen festen Platz unter den Größen der britischen Literatur. Der Roman ist recht umfangreich, sowohl was die Seitenzahl als auch die Fülle der Themen anbelangt. Glaube, Religion, Fundamentalismus, Extremismus, Feminismus, Liebe, Coming of Age, Kolonialismus, Herkunft und Identität werden allesamt in diesem Roman behandelt, und dann habe ich sicher noch einige Themen vergessen.

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Kern der ganzen Geschichte sind die Familien Jones und Iqbal, deren Väter vor Jahrzehnten mal im gleichen Krieg zufällig im gleichen Panzer saßen. Der eine kommt aus Großbritannien, der andere aus Bangladesh. Nun leben beide, verheiratet und mit Kindern, nicht weit voneinander entfernt in London. Samad Iqbal leidet sehr unter seiner Situation als Einwanderer. Er fühlt sich nie wirklich willkommen und hofft, dass seine beiden Söhne nicht von der britischen Kultur assimiliert werden. Für ihn kann das Leben in England nie mehr als ein vorübergehender Zustand sein und seine Söhne sollen unter gar keinen Umständen ihre Wurzeln vergessen. Archie Jones heiratet nach einem Suizidversuch die deutlich jüngere Clara, Tochter jamaikanischer Einwanderer und bis vor kurzem überzeugte Zeugin Jehovas.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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