Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2018

Wie jedes Jahr am Welttag des Buches wurde heute die Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction veröffentlicht – sechs weitere Titel für mein wpf-Projekt.  Die Liste der Kandidatinnen verkürzt sich auf folgende Hoffnungsträgerinnen:

Jesmyn Ward: Sing, Unburied, Sing: Der Roman, an dem in den letzten Monaten kaum ein Weg vorbei ging, erzählt von den Geschwistern Jojo und Kayla, die bei ihren Großeltern aufwachsen, da ihre Mutter nicht in der Lage ist, sich um sie zu kümmern. Die Kindheit der beiden ist von Armut und Rassismus geprägt. Als ihr Vater aus dem Gefängnis entlassen werden soll, machen Mutter und Kinder sich auf den Weg, um ihn abzuholen. Auf deutsch erschienen unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt.

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Charlotte Mendelson: When We Were Bad

An einem Wintertag hat sich die Familie Rubin mit zahlreichen Angehörigen und Freunden in der Synagoge versammelt. Sohn Leo heiratet seine Verlobte Naomi – oder auch nicht. Sekunden, bevor die Zeremonie beginnen soll, überlegt er es sich anders und brennt mit seiner Geliebten Helen durch. Für seine Mutter Claudia, die als Rabbinerin der Gemeinde als die perfekte Mutter und Familienvorsteherin gilt, ist das die totale Katastrophe. In wenigen Wochen soll ihr neues Buch erscheinen und die grandios inszenierte Hochzeit wäre die ideale Promotion gewesen. Fehltritte der Familienmitglieder sind im Moment einfach nicht drin, so viel Rücksicht darf sie erwarten.

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Das gilt auch für Tochter Frances, die in ihrer Ehe kreuzunglücklich und mit ihrer Mutterrolle überfordert ist und für Ehemann Norman, dessen Bücher immer weniger erfolgreich als die seiner Frau sein müssen. Nur die jüngeren Geschwister Simeon und Emily dürfen machen, was sie wollen, während die Familie zu akzeptieren hat, dass sie für normale Lohnarbeit und „das Leben da draußen“ einfach nicht gemacht sind. Bis ein rettender Einfall ihres Weges kommt, wohnen sie eben noch zu Hause. Während an allen Fronten Konflikte ausgefochten werden und neue Wege gefunden werden müssen, plant Claudia ein riesiges Seder-Essen zu Pessach, knapp vor Erscheinen ihres neuen Buchs, das ihren Status als vorbildliche Matriarchin und Gemeindevorsteherin zementieren soll. Dass sie währenddessen in großer Sorge um ihre eigene Gesundheit ist, darf niemand merken.

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Jill Dawson: Fred & Edie

Im Oktober 1922 laufen die Eheleute Edith und Percy Thompson auf dem Rückweg vom Theater die Londoner Belgrave Road entlang, als ein Mann aus einem Gebüsch springt und Percy Thompson mit drei Messerstichen so schwer verwundet, dass er noch am Tatort stirbt. Der Täter wird nur wenig später gefasst. Es ist Frederick Bywaters, der Liebhaber von Edith Thompson. Nur wenig später stehen beide wegen gemeinschaftlich geplanten Mordes vor Gericht, worauf die Todesstrafe steht.

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Frederick Bywaters und das Ehepaar Thompson 1921. Foto aus dem Archiv der Associated Newspapers Press.

Jill Dawson hat sich dem Fall aus Ediths Sicht angenommen. Aus dem Gefängnis heraus schreibt sie Briefe an Fred, obwohl sie weiß, dass sie diese nicht wird abschicken dürfen. Sie schreibt über ihr Leben an der Seite von Percy und den Verletzungen, die damit einhergingen, über das erste Treffen mit Fred, damals noch der Freund ihrer Schwester, und der so vorsichtigen wie gefährlichen Affäre, die sich in der Folge entwickelte. Sie freut sich auf die Verhandlungstage, an denen sie die enge Zelle verlassen darf und vor allem auf das Wiedersehen mit Fred. Doch die Verhandlungen sind auch mühsam und beschämend, denn entgegen ihrer Bitte hat Fred ihre Briefe, die sie vor der Tat an ihn geschrieben hat, nicht vernichtet. Nun dienen sie als Beweismittel, denn neben intimen Details der Beziehung sind dort auch Pläne festgehalten, Percy mit Gift oder Glassplittern im Essen aus dem Weg zu räumen.

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2018

Pünktlich um Mitternacht am Internationalen Frauentag gibt es traditionell die Longlist des Preises, der nach einigen Jahren als „Baileys Prize“ jetzt wieder ohne Sponsoren-Namen ist. Die Finanzierung übernimmt jetzt eine „Sponsoren-Familie“, bestehend aus Baileys, dem Finanzdienstleister Deloitte und der National Westminster Bank.

Über eine Platzierung auf der Longlist freuen sich dieses Jahr:

Nicola Barker: H(A)PPY. Der hochgelobte Roman, der als „postapokalyptisches Alice im Wunderland“ bezeichnet wird, spielt in einer Welt, in der es keine Angst, keinen Tod und keinen Hass gibt und wirft die Frage auf, ob und wie so eine Gesellschaft funktionieren kann.

Elif Batuman: The Idiot. deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Idiotin. Begleitet Selin, Literaturstudierende in Harvard, auf ihren ersten Schritten ins Leben als Erwachsene.

Joanna Cannon: Three Things About Elsie. Über Elsie muss man erstens wissen, dass sie eine sehr gute Freundin ist, die zweitens immer dafür sorgt, dass man sich besser fühlt und drittens etwas kompliziertes, was dieser Roman erklärt. Ein gefeierter Roman über Alter und Demenz.

Charmaine Craig: Miss Burma. Angelehnt an die Geschichte ihrer eigenen Familie erzählt die Autorin eine Geschichte der Kang, einer ethnischen Gruppe, die in Myanmar seit Jahrzehnten verfolgt wird.

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Naomi Alderman: The Power

Überall auf der Welt entdecken pubertierende Mädchen auf einmal eine neuartige Kraft in ihrem Körper: mit einem Organ, das sich in etwa in Höhe der Schlüsselbeine befindet, können sie Elektrizität erzeugen und über ihre Hände abgeben. Einige entwickeln dabei eine solche Kraft, dass sie Menschen töten können, zumindest aber schwer verletzen. Die jungen Frauen geben ihre Kräfte an die älteren weiter und bald gibt es fast keine Frau mehr auf der Welt, die nicht in der Lage wäre, sich mit Stromstößen zu wehren oder andere anzugreifen. Für die Männer wird es gefährlich. Man rät ihnen, nachts nicht alleine auf der Straße zu sein und die Frauen nicht unnötig zu provozieren, etwa durch aufreizendes Verhalten. In einigen Gegenden auf der Welt kommt es zu Tumulten und Straßenschlachten. Die Frauen rächen sich an jenen, die sie über Jahrzehnte und Jahrhunderte brutal unterjocht haben. Viele vermuten eine göttliche Kraft dahinter und wenden sich an „Mother Eve“, die Anweisungen von Gott (weiblich) erhält. Mother Eve hieß mal Allie und hat den Vater ihrer Pflegefamilie getötet. Treu an ihrer Seite ist Roxy, eine der stärksten Frauen der Welt, die als Tochter eines Gangsterbosses mit recht wenig Skrupel aufgewachsen ist. An Frauen wie diesen ist es nun, eine neue Weltordnung aufzubauen.

„When the people change, the palace cannot hold.“

Eingebettet ist die Handlung in den Bericht eines Historikers. Alderman selbst tritt im Roman auch auf, allerdings nicht als Erzählerin, sondern als Leserin. Sie selbst hat den Text bekommen von eben diesem Historiker, einem Freund, der um ihre Meinung bittet. Sie beide leben in einer weit entfernten Zukunft, und der Historiker erläutert den rasanten und beinahe mystischen Aufstieg der Frauen. Staunend schreibt er von Anzeichen dafür, dass in einer grauen Vorzeit die Männer stärker und mächtiger waren als die Frauen. Allerdings sind die Beweise rar und die Theorie höchst gewagt.

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Jane Mendelsohn: Himmelstochter

Amelia Earhart, in Deutschland weit weniger bekannt als in den USA, war eine Flugpionierin und Frauenrechtlerin. 1927 überquerte sie als erste Frau den Atlantik in einem Flugzeug, da allerdings noch als Passagierin. 1929 war sie Teilnehmerin des Women’s Air Derby, das in der Presse spöttisch als „Powder Puff Derby“, als „Puderquastenrennen“ bezeichnet wurde. Wütend berief Earhart eine Versammlung von Pilotinnen ein, die den Luftfahrt-Club „Ninety-Nines“ gründeten, um Frauen in der Luftfahrt zu fördern. 1930 wurde sie die erste Präsidentin der Vereinigung, die bis heute besteht. 1937 wollte sie im Flugzeug die Welt umrunden, verscholl aber im Pazifik östlich von Papua-Neuguinea. Dass weder das Wrack ihres Flugzeugs noch sterbliche Überreste der Pilotin gefunden oder eindeutig identifiziert werden konnten, lässt viel Raum für Spekulationen.

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Rose Tremain: The Colour

1864 gehen Harriet und Joseph Blackstone in Christchurch von Bord eines Passagierschiffes, das sie den ganzen Weg von England in eine verheißungsvolle Zukunft in Neuseeland gebracht hat. Mit dabei ist Josephs Mutter Lilian, die man nicht alleine zurücklassen wollte. Sie selbst allerdings wollte durchaus alleine zurückgelassen werden und hat kein Interesse daran, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. In den Bergen der Südinsel soll eine prosperierende Farm entstehen, mit einem Gemüsegarten, Schafherden und Milchkühen. Doch der Start ist holprig, vor allem weil Joseph an entscheidenden Stellen nicht auf den Rat anderer hört. Neue Hoffnung scheint es zu geben, als Joseph beim Graben eines Teichs (in dem er Forellen halten will, obwohl ihm alle sagen, dass Forellen fließendes Wasser brauchen) ein vielversprechendes Glitzern im Wasser entdeckt, das er als Gold erkennt. „Die Farbe“, wegen der die Männer in Horden nach Neuseeland kommen, alle in der Hoffnung, den ganz großen Fund zu machen. Nachdem die ersten Krumen Gold gewonnen sind, kann ihn nichts mehr aufhalten.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

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Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle

1956 kommen Sabine und George Harwood als jungvermähltes Ehepaar aus England nach Trinidad. Drei Jahre soll George in der dortigen Zweigstelle seines Unternehmens arbeiten, danach wollen sie wieder zurück nach England gehen. George ist begeistert von der neuen Heimat auf Zeit, liest alles über die Insel, liebt ihre Geräusche und Gerüche. Sabine ist verzweifelt. Als sie Trinidad das erste Mal sieht, noch bevor das Schiff überhaupt anlegt, hasst sie die Hitze und die wuselige Geschäftigkeit im Hafen. Während die Leinen festgemacht werden, versteckt sie sich in der Kabine und fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an. Doch sie will sich tapferer zeigen als die anderen verhätschelten Expat-Gattinnen und nicht nur jammern. Die drei Jahre werden wohl auszuhalten sein. Dass sie weit länger bleiben wird, ahnt sie da noch nicht.

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Die Zeit, in der die Harwoods nach Trinidad kommen, ist denkbar ungünstig. Große Teile der Inselbevölkerung haben nun nicht gerade auf noch mehr Briten gewartet. Eric Williams ist der neue Stern am politischen Himmel, seinen Reden auf dem zentralen Woodford Square lauschen tausende begeisterte Anhänger. Mit den Worten „Massa day done“ fordert er den Abzug der weißen Ausländer, die erst mit Sklavenhaltung und nun mit einseitigen Machtstrukturen schon viel zu lange die Bevölkerung Trinidads unterdrücken. Sabine sieht sich mehr und mehr offenen Anfeindungen ausgesetzt, sie traut sich kaum noch in die Öffentlichkeit und erlebt ihr Dasein auf Trinidad als Zustand permanenter Bedrohung. Ihre wiederholte Bitte, die Insel endlich zu verlassen, nimmt George nicht ernst. Alleine traut Sabine sich aber auch nicht zurück nach England.

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Women’s Prize for Fiction – der Stand nach einem Jahr

Vor einem Jahr habe ich voller Enthusiasmus ein Leseprojekt gestartet, das zumindest ehrgeizig ist, möglicherweise aber auch nur wahnsinnig. Wer es damals nicht mitbekommen hat – seit Januar 2017 lese ich mich durch alle Shortlists des Preises, der seit 1996 verliehen wird, erst Orange Prize for Fiction hieß, dann Bailey’s Prize for Fiction und jetzt, nach dem Wegfall des Großsponsors, unter Women’s Prize for Fiction firmiert. Der Preis wird, wie der aktuelle Name auch verrät, für ein fiktives Werk verliehen, das von einer Frau und auf englisch verfasst wurde. Als das Projekt im Januar gestartet ist, standen 126 Bücher auf der Liste, mit den Nominierten aus 2017 sind es nun also 132.

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