Was man alles überleben kann – „Ruby“ von Cynthia Bond

Ruby Bell wächst Ende der 1940er Jahre in Ost-Texas auf. Ihre Mutter ist ohne sie nach New York gegangen und sobald sie alt genug ist, folgt Ruby ihr. Liberty, die Kleinstadt, aus der die Familie stammt, ist ein trostloses, abgelegenes Nest und Ruby hat allen Grund, von dort fortzugehen. Besonders die Tatsache, dass sie schwarz ist, macht das Leben dort schwer für sie. Erst ein Trauerfall bringt sie viele Jahre später wieder zurück. Die Stadtbewohner machen sich lustig über die feine Dame, die mit Handschuhen und Stöckelschuhen aus dem Greyhound-Bus steigt. Doch vielen ist sie auch unheimlich. Ruby bewohnt ein Haus draußen am See, von wo man nachts gruselige Schreie hört und sie scheint auch immer merkwürdiger und verwahrloster zu werden. Nur einer hält ihr seit Jahrzehnten die Treue: Ephram, Sohn eines fanatischen Predigers, der von seiner Schwester großgezogen wurde und Ruby nicht vergessen konnte, seit er sie als Achtjähriger das erste Mal gesehen hat.

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Liberty ist eine erzkonservative Kleinstadt in Texas. Ein sehr offen gelebter Rassismus bedeutet für die schwarzen EinwohnerInnen eine ständige Gefahr. In fast jeder Familie fällt mindestens ein Mensch dem Ku Klux Klan zum Opfer. Das strikt geregelte Sozialleben innerhalb der Gemeinschaft geht über alles und wer aus der Reihe tanzt, wird schnell zum gemiedenen Außenseiter. Umso mehr ist Ephrams Schwester Celia besorgt, als ihr Bruder sich plötzlich wieder so brennend für Ruby interessiert. Mit seinem Ruf steht natürlich auch ihrer auf der Kippe.

Soweit das Kleinstadtleben, das mit seiner abgeschiedenen Lage mitten im Wald schon genug unheimliche Kulisse bietet. Was aber in diesem Buch und insbesondere mit Ruby passiert, ist ein Albtraum für sich. Erst nach und nach kommt heraus, was vor Rubys Flucht nach New York alles passiert ist und es ist ein reines Horrorkabinett. Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Mord, archaische Rituale nebst plastisch geschilderten Tieropfern – Cynthia Bond erspart ihren LeserInnen absolut nichts. Je weiter man im Roman kommt, desto tiefer versinkt man in diesem Morast aus Grausamkeit. Als Ruby wieder nach Liberty zurückkehrt, ist ihr Körper ihr herzlich egal geworden. Sie hat schon lange aufgegeben, um körperliche Unversehrtheit zu kämpfen. Nur ihre Seele – auf die legt sie Wert. Und auf die Seelen „ihrer Kinder“. Nachts im Wald hört und sieht sie Geister ermordeter Kinder und sieht es als ihre Pflicht an, ihnen zu helfen. Denn dort ist auch der Dyboù unterwegs, ein böser Geist, der in Menschen fahren kann und so Ruby und den kleinen Geistern ohne Unterlass nachstellt. Und dies sind nur einige der phantastischen Elemente, die Cynthia Bond in ihrem Roman unterbringt. Die Erzählung ist durchwachsen von magischem Realismus, angefangen bei der Voodoo-Zauberin Ma Tante bis hin zu Haaren, die Erinnerungen festhalten und weitergeben können.

„Ain’t nobody ever gone answer your cries. You can fill a well with tears, and all you gonna get is drowned.“

Ruby ist der Debüt-Roman von Cynthia Bond und wurde ein schlagartiger Erfolg. Die Autorin scheint ihre Stil auf Anhieb gefunden zu haben. Es gelingt ihr, die düstere Atmosphäre in jeder Hinsicht einzufangen. Die Grausamkeiten, die geschildert werden, sind zum Teil an Blutrünstigkeit und Perversion nicht mehr zu überbieten, erwecken aber nicht den Eindruck, als reine Sensation in den Roman geschrieben worden zu sein. Das hat der Roman auch überhaupt nicht nötig. Und Bond selber auch nicht. Vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus der eigenen Familiengeschichte oder aus ihrer Arbeit im sozialen Bereich. Das macht die Geschichte nun aber wirklich nicht leichter verdaulich. Ruby beschreibt den finsteren Sumpf aus Rassismus, Sexismus und Misogynie, der für viele Alltag war und ist und macht deutlich, mit welcher Kraftanstrengung es verbunden ist, dem zu entkommen. Bond hat einen sehr mutigen und ambitionierten Debüt-Roman geschrieben, der gut und stimmig komponiert ist, aber durchaus seine Ecken und Kanten hat. Angst vor der Dunkelheit, besonders der der menschlichen Seele, sollte man allerdings nicht haben.


Cynthia Bond: Ruby. Two Roads 2015. Originalausgabe Hogarth 2014. Eine deutsche Übersetzung konnte ich leider nicht finden.

Das Zitat stammt von S. 51.

Bond war mit diesem Roman auf der Shortlist des Baileys Women’s Prize for Fiction 2016. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

Erzwungene Männlichkeit – „Annabel“ von Kathleen Winter

Das erste Kind von Jacinta und Treadway, einem Ehepaar, das in einer abgeschiedenen Kleinstadt in Labrador lebt, wird ohne eindeutiges Geschlecht geboren. Treadway ist bei der Geburt nicht dabei, zunächst wissen nur Jacinta und ihre Freundin und Geburtshelferin Thomasina davon. Jacinta ist erst überfordert, dann träumt sie von ungeahnten Möglichkeiten: männliche und weibliche Qualitäten, Mut und Warmherzigkeit, Jagdgeschick und Instinkt vereint in einer Person. Doch sie weiß, dass die Realität auf den Schulhöfen des ländlichen Kanada anders aussehen wird. Diese Belastung will sie ihrem Kind ungern zumuten. Also wird es halt ein Mädchen, beschließen Jacinta und Thomasina. Ein Junge, entscheiden Treadway und Dr. Ho mit seinem Phallometer. Das Kind wird auf den Namen Wayne getauft und künftig als Junge großgezogen. Treadway, der als Trapper den Lebensunterhalt der Familie bestreitet, nimmt Wayne besonders früh mit auf die Jagd und hat ein scharfes Auge darauf, dass alle weiblichen Tendenzen möglichst früh unterbunden werden.

I mean we try to make the baby comfortable as a male in his own mind, and in the minds of other people who are in his life now or will be in the future.

Anders ist es bei Thomasina: Sie nennt Wayne Annabel, nach ihrer jung verstorbenen Tochter und bleibt dabei. Wayne versteht den Namen lange als „Ambel“ und hält es für einen unsinnigen Kosenamen. Die beiden haben eine innige Bindung und Thomasina, nach wie vor als einzige eingeweiht, unterstützt jede Entwicklung von Wayne, ob sie nun eher als männlich oder weiblich angesehen wird. Waynes Eltern erzählen ihrem Kind nicht, welche Entscheidung sie getroffen haben. Sie erklären nicht, wogegen oder wofür die verschiedenen Pillen sind, die Wayne jeden Tag nehmen muss. Mit fortschreitender Pubertät aber haben die beiden die ganzen Angelegenheit immer weniger im Griff. Die Hormone sind schwieriger einzustellen, Wayne hat deutlich weniger Bartwuchs als die anderen in der Klasse, ist zu schlank gebaut, die Gesichtszüge bleiben zu weich und ein kleiner, aber sichtbarer Brustansatz sorgt für blöde Kommentare. Aber erst als es zu einem medizinischen Zwischenfall kommt, setzt Thomasina den Eltern die Pistole auf die Brust: sie müssen Wayne die Wahrheit sagen, sonst macht sie das. Besonders für den Männlichkeitsverfechter Treadway wird das zu einer extrem belastenden Situation.

Kathleen Winter Annabel

Annabel spielt in den 1970er Jahren in Labrador. Die Lage der Kleinstadt ist weit ab vom Schuss und die Lebensweise der Menschen scheint sich über Jahrhunderte kaum verändert zu haben. Die Männer leben als Trapper, sind monatelang in den dichten Wäldern unterwegs und schlafen in einfachen Hütten. Zu ihren Häusern in der Stadt und zu ihren Familien kehren sie nur für wenige Monate im Sommer zurück. Für die daheimgebliebenen Frauen können die Winter lang und einsam werden. Die Rollen, die Frauen und Männern zugeschrieben und zugestanden werden, sind hier sehr klar definiert. Für Waynes Kampf und die eigene Identität bildet diese Gesellschaft den idealen Hintergrund. Wayne wächst damit auf, dass es nur „sie“ oder „er“ geben kann und dass die einmal angetretene Position dann auch mit Inbrunst ausgefüllt werden muss. Die Stimmen, die dem widersprechen, sind selten und leise.

Kathleen Winter hat einen überzeugenden Roman über Intersexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit geschrieben. An den Stellen, an denen es um medizinische Eingriffe oder sexuelle Erfahrungen geht, ist der Romane sehr, sehr zurückhaltend. Das schont das Schamgefühl der Leserschaft, ist aber nicht immer gut für den Text.  Manchmal siegt auch die symbolhafte Funktion eines Erzählstrangs über die Glaubhaftigkeit. Dass ein umherfliegender Glassplitter eine Stimmbandverletzung hervorruft, die fast zum Stimmverlust führt, fand ich beispielsweise nicht ganz plausibel. Andere Erzählstränge geraten über lange Zeit in Vergessenheit, bis sie an unerwarteter Stille wieder aufgenommen und dann sofort abgerissen werden. Nichts davon stört allerdings die zugrundeliegende Struktur des Romans. Annabel ist zurückhaltend, aber mit sicherem Stil erzählt und entwickelt dabei einen ruhigen und stetigen Fluss.


Kathleen Winter: Annabel. Jonathan Cape 2011. 461 Seiten. Eine Taschenbuch-Ausgabe ist derzeit bei Vintage lieferbar. Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht ausfindig machen.

Das Zitat stammt von S. 49

Kathleen Winter war mit diesem Roman 2011 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Die Frauen von 2019 – Mein Beitrag zur Frauenleserin-Blogparade

Ende Dezember drängt er sich geradezu auf, der Jahresrückblick. Wie auch im letzten Jahr ruft deshalb Frauenleserin Kerstin Herbert zur Blogparade auf. Das Ziel dieser Parade: Mal durchzählen, wie viele Bücher von Frauen man im letzten Jahr eigentlich gelesen hat. Im letzen Jahr fiel die Zählung meiner Lektüre mit 42 : 18 eindeutig zu Gunsten der Autorinnen aus. Und wie sieht’s dieses Jahr aus? Um das herauszufinden, stellt Kerstin wieder die gleichen Fragen wie beim letzten mal und ich beantworte sie auch in diesem Jahr sehr gerne:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich 2019 mit Ach und Krach wieder 60 Bücher. 18 Bücher davon wurden von Männern geschrieben, ein Buch war eine Anthologie, die ich als „neutral“ gewertet habe. Ohne es darauf angelegt zu haben, ist meine Quote also fast wieder exakt wie im letzten Jahr – 41 : 18. 28 der Bücher von Autorinnen entfallen dabei allerdings auf das Women’s Prize for Fiction-Projekt. Wer weiß, wie’s ohne das aussähe.

Rezensiert habe ich fast alle dieser 60 Bücher. Nichts geschrieben habe ich zu einer Emmanuel Levinas-Einführung, weil ich das Gefühl hatte, mich da doch sehr weit aus dem Fenster zu lehnen. Ebenso nichts geschrieben habe ich über Peichls Wie man Dinge repariert, so ratlos hat es mich zurückgelassen. Es müssten also 58 Rezensionen sein, 41 davon zu Büchern von Frauen. Die Rezensionen zu Büchern aus den letzten Tagen des alten Jahres erscheinen zum Teil auch erst jetzt im Januar, nachgezählt habe ich das alles aber nicht.

Welches Buch einer Autorin ist Dein Lesehighlight in 2019? (Warum?)

Eines meiner Highlights im letzten Jahr war sicher A Girl is a Half-formed Thing von Eimear McBride, das mich stilistisch sehr begeistert hat. Betrachtet man nur die Geschichte, hat mir aber auch Hannah Kents Seelenhaus sehr gefallen. Sie beschreibt darin die Geschichte einer wegen Mordes verurteilten Frau, die in einem finsteren isländischen Winter auf ihre Hinrichtung wartet.

Welche Autorin hast Du in 2019 für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Neben der bereits erwähnten Eimear McBride hat es mir Meena Kandasamy mit When I Hit You in diesem Jahr besonders angetan. Ihre Schilderung einer gewalttätigen Ehe, die im März übrigens auch auf Deutsch erscheint, war sowohl sprachlich als auch in der Darstellung der häuslichen Gewalt extrem beeindruckend. Ich bin sicher, dass das nicht das letzte Buch war, das ich von ihr gelesen habe.

Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich besonders beeindruckt (und warum?)

Ich habe es mal wieder geschafft, fast Biographie-frei aus diesem Jahr zu gehen. Einzig eine über Mentona Moser habe ich gelesen, die fand ich aber nicht sehr gelungen, obwohl Mosers Geschichte durchaus außergewöhnlich ist. Wenn ich es also an meiner Lektüre festmachen müsste, hat mich wohl die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir, festgehalten in Seelenhaus, am nachhaltigsten beeindruckt. Magnúsdóttir war die letzte Person, die 1830 auf Island hingerichtet wurde. Das ist sicher kein sehr schöner Grund, in die Geschichte einzugehen, aber als Person kommt sie in diesem Roman doch sehr gut weg und man kann sich sehr gut vorstellen, dass vieles davon wahr ist.

Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2020 unbedingt lesen?

Jede Menge. Griffbereit liegen hinter unter anderem Frankkissstein von Winterson, Paradise von Toni Morrison und A Conspiracy of Stars von Olivia A. Cole, von der ich ja aber auch immer noch hoffe, dass sie endlich mal den dritten Teil ihrer Tasha-Trilogie veröffentlicht. Und dann läuft ja auch nach wie vor das wpf-Projekt – dort stehen noch fast 60 Bücher auf der to-read-Liste. Da kommt sicher wieder einiges zusammen!

Gebrochene Herzen in der Landverschickung – „The Very Thought of You“ von Rosie Alison

1939 ist London von der Angst vor deutschen Bombenangriffen erfüllt. Eltern wird geraten, ihre Kinder auf dem Land in Sicherheit bringen. Und so entschließt sich auch Roberta schweren Herzens dazu, ihre achtjährige Tochter Anna auf eine Schule in Yorkshire zu schicken. Anna spielt im Rest des Romans nur noch die Rolle der kindlich-unschuldigen Beobachterin, eine Entwicklung über den Alterungsprozess hinaus gibt es nicht, deshalb muss sie nicht weiter erwähnt werden.

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Die Schule in Yorkshire befindet sich im noblen Herrenhaus Ashton Park, das vom Ehepaar Elizabeth und Thomas Ashton großzügigerweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurde. Elizabeth macht das allerdings nur, weil sie selbst gerne ein Kind hätte und einfach nicht schwanger wird, mit wie vielen Männern sie auch schläft. Die Eröffnung der Schule ist ein verzweifelter Versuch, diese große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Ihr Mann Thomas sitzt seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl und hat jede Hoffnung auf wahre Liebe aufgegeben, bis die junge Lehrerin Ruth in Ashton Park auftaucht und sich als herzensgute Frau mit tiefen Augen entpuppt.

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An der Grenze zur Realität – „If I Told You Once“ von Judy Budnitz

Es ist eine märchenhafte Welt, in der Ilana aufwächst, in einem abgelegenen Dorf inmitten verschneiter Wälder. Man kann erahnen, dass es irgendwo in Sibirien sein könnte. Schon in ihrer Kindheit erlebt sie Unglaubliches. Ihr Bruder Ari ist so groß und stark wie ein Bär, die Mutter hat heilende Kräfte und Menschen sind von Dibbukim besessen. Als Ilana es nicht mehr aushält in der Enge des Dorfes, macht sie sich auf zu einem Hafen, von dem sie gehört hat. Von dort sollen Schiffe in eine andere Welt fahren.

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Budnitz erzählt im Grunde eine Auswanderungsgeschichte, das aber in großen Teilen geprägt von Phantastik und magischem Realismus. Was wahr ist und was nicht, ist nicht immer leicht herauszufinden. Man kann sich aus den verschiedenen Geschichten allerdings erschließen, dass Ilana kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa ein Schiff besteigt, das sie und ihren Mann in die USA bringt, wahrscheinlich nach New York. Die Geschichte folgt Ilana und ihren weiblichen Nachkommen noch drei Generationen lang, bis zu ihrer Urgroßenkelin Naomie.

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Vom schweren Weg aus der Gewalt – Meena Kandasamy: „When I Hit You. Or, A Portrait of the Writer as a Young Wife“

Die namenlose Protagonistin in Kandasamys Roman heiratet sehr jung und zieht mit ihrem Mann nach Mangalore, wo er an der Universität arbeitet. Sie spricht die lokale Sprache nicht, findet zunächst keine Anstellung und noch weniger Anschluss und bleibt zunächst zu Hause. Als Autorin und Übersetzerin kann sie schließlich auch von dort aus ein wenig arbeiten.

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Nach nur wenigen Tagen Ehe beginnt schon der Terror. Beim Abendessen beginnt ihr Mann, sich mit Streichhölzern Verbrennungen zuzufügen. Er will erst aufhören, wenn sie ihren Facebook-Account deaktiviert. Also schreibt sie einen letzten schnellen Post, behauptet eine kurze Auszeit zu brauchen, um in ihrem neuen Leben anzukommen, und deaktiviert das Konto. Wenige Tage später gibt er ihr das Passwort zu seinem Mail-Konto und verlangt das ihre. Wenn sie nichts zu verbergen habe, könne sie es ihm ja geben. Er beginnt, ihre Mails zu beantworten und deaktiviert schließlich das Internet ganz, solange er nicht zu Hause ist. Sie bekommt ein neues Handy, dessen Nummer niemand kennt. Er schneidet sie von ihrem bisherigen Leben vollkommen ab, weil er Angst hat, dass sie Kontakt zu anderen Männern haben könnte, dass sie Ex-Freunde anruft. Das alles reicht aber immer noch nicht, um ihn zu beruhigen. Er wirft ihr vor, dass sie immer noch an sie denke, dass sie andere Männer in Gedanken liebe.

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Unauffindbar in Seattle – Maria Semples „Where’d You Go, Bernadette“

Als Bee geboren wird, hängt ihr Leben am seidenen Faden. Sie ist so blau, dass ihre Mutter Bernadette beschließt, sie Bandakrishna zu nennen. Fünfzehn Jahre später findet sie die Idee so blöd, dass sie Wert darauf legt, dass ihre Tochter überall unter „Bee“ läuft, so auch bei der bevorstehenden Antarktis-Kreuzfahrt. Die ist ein besonderer Wunsch von Bee, der ihr anlässlich eines Schulabschlusses mit lauter Einsen im Zeugnis gewährt werden soll.

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Für Bernadette ist diese Kreuzfahrt der reinste Horror. Erstens wird sie leicht seekrank, zweitens hasst sie Menschen. Nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen, sondern auch in Seattle, der Heimat der Familie. In Bees Schule wird Wert darauf gelegt, dass auch die Eltern sich in den Alltag einbringen. Bernadette hat darauf so wenig Lust, dass sie sich schnell mit der gesamten Liga der vorbildhaften Mütter anlegt, die total gerne Schulausflüge begleiten. Die nun bevorstehende Kreuzfahrt klingt für sie so fürchterlich, dass sie laut überlegt, einfach zu verschwinden. Und tatsächlich – kurz bevor es losgehen soll, geht Bernadette nur kurz aufs Klo und wird danach nicht mehr gesehen. Where’d You Go, Bernadette ist der Versuch ihrer Tochter, die Spur aufzunehmen und mit Hilfe von Mails, Zeitungsausschnitten und anderen Schriftstücken herauszufinden, wo ihre Mutter jetzt sein könnte.

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Leben im totalitären Matriarchat – Laline Paulls „The Bees“

Der Beginn des Romans liest sich wie klassische Science Fiction: Lebewesen, die in einem Raumschiff leben, über Fühler kommunizieren, ihr Wissen in mythischen Tänzen weitergeben und sich mit den Füßen orientieren. Ein Volk, das in einer strengen Hierarchie lebt, in der jede ihren Platz hat, Widerstand zwecklos ist und der Kampf gegen andere Völker erbarmungslos ausgefochten wird.

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Allerdings ist das Raumschiff eine höchst irdische Angelegenheit. Es ist ein Bienenstock, der am Rande einer Wiese steht. In ihm wird Flora 717 geboren. Zu groß und zu hässlich weicht sie so sehr von der Norm ab, dass sie eigentlich sofort getötet werden soll. Doch dank ihrer erstaunlichen Fähigkeiten wird sie erfolgreicher Teil eines Experiments, lässt die angeborene Kaste der Reinigungsbiene hinter sich und gehört schließlich sogar zum engsten Kreis der Königin. Die Königin ist das wichtigste Wesen im Volk, Mutter aller und Mittelpunkt allen Handelns. Doch nicht nur ihre Rolle ist festgelegt. Jede einzelne Biene hat ihre Funktion, ihre Ermächtigungen und ihre Grenzen. In Spur gehalten wird das alles vom kollektiven Bewusstsein, dem „Hive Mind“. Wenn jemand abweicht oder gar Rebellion droht, wird erbarmungslos kurzer Prozess gemacht. Mit Selbstkritik-Sitzungen hält man sich in der totalitären Honig-Republik nicht auf. Wer nicht spurt, fliegt und zwar in mindestens zwei Teilen.

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Ja wo laufen sie denn? – Jane Smileys „Horse Heaven“

Um es vorweg zu nehmen – bei Horse Heaven habe ich getan, was ich für das gesamte „Women’s Prize„-Projekt ausgeschlossen hatte: Ich habe es abgebrochen. Nach 274 von 699 Seiten habe ich es schlicht nicht mehr ausgehalten. Ich weiß nicht, was in die Jury gefahren ist, diesen Roman auf eine Shortlist zu setzen, auf der auch Margaret Atwood und Ali Smith standen.

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Horse Heaven ist ein Roman über Rennpferde und Pferderennen. Die ersten hundert Seiten hatte ich noch die Hoffnung, es könnte eigentlich um komplexe zwischenmenschliche Beziehungen gehen von Leuten, die eben auch Pferde besitzen oder mit ihnen arbeiten. Aber es geht um die Pferde. Wie sie gestriegelt, massiert, geritten, gemustert, geschätzt, verletzt, verkauft und gekauft werden. Sie heißen Residual, Epic Steam und Limitless, sind Englische Vollblüter und Rennpferde. Ihre Herkunft wird peinlich genau benannt.

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Großkatzen im Krisengebiet: Téa Obrehts „The Tiger’s Wife“

Natalia, eine junge Ärztin, ist auf Reisen, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Sie ist aufgewachsen in einem unbenannten Balkanstaat, von dem man ahnen kann, dass es Serbien ist. Nun reist sie in den ehemals verfeindeten Nachbarstaat, wo sie Waisenkinder medizinisch versorgen soll. Ihr Großvater ist vor wenigen Tagen ganz in der Nähe verstorben, in einem Dorf kurz hinter der Grenze. Von seiner Krebserkrankung wusste nur Natalia. Nun bekommt sie von der aufgebrachten Witwe den Auftrag, seine persönliche Habe aus dem fernen Krankenhaus zu holen, denn nur so kann seine Seele Frieden finden.

„The forty days of the soul begin on the morning after death. That first night, before the forty days begin, the soul lies still against sweated-on pillows and watches the living fold the hands and close the eyes, choke the room with smoke and silence to keep the new soul from the doors and the windows and the cracks in the floor so that it does not run out of the house like a river.“

Und das ist eigentlich auch schon die gesamte Rahmenhandlung des Romans. Obreht erzählt vor allem aber die Geschichte des Großvaters, die auch eine Geschichte Jugoslawiens und seiner Konflikte ist. Aufgewachsen ist der Großvater in einem kleinen Dorf am Rande eines Waldes, doch schon aus dieser Zeit kann er Geschichten erzählen, die man kaum glauben kann. Von einem Tiger, der eine Frau im Dorf gehabt haben soll und von einem Jäger, der selbst zum Bären wurde. Und auch einen engen Verwandten des Todes, den unsterblichen Gavran, hat der Großvater kennengelernt.

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