Das Tagebuch einer Dienstmagd – „The Observations“ von Jane Harris

Bessy ist auf dem Weg von Glasgow nach Edinburgh, als es sie zufällig nach Castle Haivers verschlägt. Zwar gibt es dort nur einen abgelegenen Hof und nicht das erhoffte Schloss zu besichtigen, dennoch ist der Abstecher ein Glücksfall für Bessy. Mit dem Tod ihres Dienstherren Mr. Levy hat sie ihre Anstellung als Hausmädchen in Glasgow verloren und sucht nun verzweifelt eine neue. Das zumindest erzählt sie Hausherrin Arabella Reid. Die merkt zwar recht schnell, dass Bessy nur einen Bruchteil der behaupteten Fähigkeiten tatsächlich beherrscht, dennoch stellt sie das Mädchen ein. Denn Bessy hat in ihrer vorherigen Anstellung Lesen und Schreiben gelernt, eine seltene Fähigkeit für Dienstmädchen und für Arabella Reid eine essentielle. Denn wichtiger als saubere Böden ist ihr, dass ihre Mädchen jeden Abend ein detailliertes Journal über das schreiben, was sie am Tag getan und erlebt haben.

Und nicht nur das: Arabella vermisst Bessy und die Zunahme ihrer Muskeln regelmäßig und lässt sie merkwürdige Übungen durchführen, die für Bessy überhaupt keinen Sinn ergeben. Aber Arabella zuliebe spielt sie mit. Ein bisschen merkwürdig kommt ihr das alles aber schon vor. Ebenso die Geschichten, die sie im Dorf hört, über den geheimnisvollen Tod ihrer Vorgängerin Nora. Gibt es ein dunkles Geheimnis in Castle Heivers? Als Arabella und ihr Mann das Haus für eine Einladung verlassen, nutzt Bessy die Gelegenheit und stöbert in den Schubladen ihrer Dienstherrin. Dort findet sie The Observations, ein Buch, das Arabella über ihre Dienstmädchen schreibt. In ihren Untersuchungen versucht sie zu bestimmen, was ein perfektes Dienstmädchen ausmacht. Der Abstand von Auge zu Nase? Die Haarfarbe? Oder der Grad der Unterwürfigkeit? Neben ihren Beobachtungen findet Bessy dort auch einige nicht so nette Anmerkungen über sich selbst. Tief beleidigt und verletzt, will sie zunächst sofort den Haushualt verlassen. Dann aber besinnt sie sich und entwickelt einen Racheplan, der so gut ist, dass sie ihn schon bald selber nicht mehr stoppen kann.

„I was no more than a ‚thing‘ to Arabella, a thing that might be experimented upon, toyed with and cast aside at a whim when it had outgrown its use.“

Harris spielt mit der Glaubwürdigkeit ihrer Figuren. Bessy erzählt den Roman als eine Art Bericht, den sie für zwei Herren schreibt, das geht aus ihren Aussagen hervor. Mit ihrer forschen und unverblümten Art könnte man sie direkt ins Herz schließen. Ihre sehr direkte Ausdrucksweise trägt deutlich dazu bei, macht viel ihres Charmes und aus und bringt einen gewissen Humor in den Roman, so düster er auch werden mag. Man ahnt aber schon nach ein paar Seiten, dass sie ihren Bericht schönt, um in einem etwas besseren Licht dazustehen. Auch die anderen Charaktere des Romans scheinen es mit der Ehrlichkeit nicht immer so genau zu nehmen. Arabella lässt Bessy völlig im Unklaren über ihre ominösen Versuche und der angebliche Unfalltod von Nora wirft Fragen auf. Auch der unsympathische Pfarrer und der überinteresssierte Dorfarzt scheinen eigene Interessen zu verfolgen. Immer, wenn man glaubt zu wissen, wer lügt und wer die Wahrheit sagt, taucht ein paar Seiten später ein neuer Aspekt auf, der einen zwingt, alles wieder zu hinterfragen. Am Ende ist es schon fast ein ganzer Kriminalfall, den Bessy lösen muss. Wenn sie denn wirklich Bessy heißt.

The Observations ist im Grunde ein Krimi, ein bisschen Psychothriller vielleicht, vor historischem Hintergrund. Bessy hat, das kann man vielleicht noch verraten, bisher nicht als Hausmädchen gearbeitet, sondern in einem raueren Geschäftszweig. Ihre schroffe und abgeklärte Art, gepaart mit aufrichtiger Freundschaft und Anteilnahme, lässt sie zu einem sehr sympathischen Charakter werden. Man ist gerne bereit, ihr die paar kleinen Fehler zu verzeihen und fiebert bei ihrer Suche nach der Wahrheit mit. Denn die sucht sie nicht um ihretwillen, sondern für Arabella Reid, die sie trotz allem ins Herz geschlossen hat. Das durchdachte Spiel mit den verschiedenen Ebenen und Wahrnehmungen macht den Roman komplexer, als die Geschichte allein es hergeben würde. The Observations fängt die düstere Atmosphäre des abgelegenen Gutshauses gekonnt ein und erzählt die dunkle Geschichte eines vermeidbaren Unglücks.


Jane Harris: The Observations. faber and faber 2006, 414 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Judith Schwaab ist unter dem Titel Das Vermächtnis der Magd bei Goldmann bzw. Page & Turner erschienen. Da viel des Witzes des Romans auf Bessys Akzent und ihrer Ausdrucksweise beruht, würde ich in diesem Fall empfehlen, nach Möglichkeit das Original zu lesen.

Das Zitat stammt von S. 102.

Harris war mit diesem Roman 2007 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Gezeichnete Erinnerung – „Painter of Silence“ von Georgina Harding

In der rumänischen Stadt Iași, die in den 1950ern ein ausgesprochen tristes Bild abgibt, kommt eines Tages ein Mann an, dem man ansieht, dass die letzten Jahre hart für ihn waren. Er schleppt sich bis vor die Tür des Krankenhauses und bricht dort zusammen. Papiere hat er nicht dabei, er weigert sich, zu sprechen und augenscheinlich kann er weder lesen noch schreiben. Eine Krankenschwester beschließt, ihn Ioan zu nennen, nach ihrem Sohn, der nie aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Als ihre Kollegin Safta von dem geheimnisvollen Patienten hört, ahnt sie gleich, dass es Augustin ist und dass er hier ist, weil er nach ihr gesucht hat.

Ihr Verdacht bestätigt sich. Als Kinder haben Safta und Augustin viel Zeit miteinander verbracht. Augustins Mutter war die Köchin von Saftas Familie und als Kinder haben die Gleichaltrigen oft miteinander gespielt und wurden eine Zeit auch gemeinsam unterrichtet, bis man beschloss, dass es sinnlos ist, Augustin etwas beibringen zu wollen. Er ist seit seiner Geburt gehörlos und die Lehrkräfte finden keinen Weg, mit ihm zu kommunizieren. Die unbeholfenen Versuche, ihm dooch noch das Sprechen beizubringen, scheitern allesamt. Schließlich findet er selbst einen Weg, sich der Welt mitzuteilen, indem er zeichnet. Mit einfachsten Mitteln und selbstgemischten Farben zeichnet er seine Umwelt und erzählt über seine Bilder das, was er in Worten nicht äußern kann. Safta hofft, dass sie ihn auch jetzt wieder über diesen Weg erreichen kann. Sie bringt ihm Papier und Stifte, doch zunächst rührt Augustin nichts davon an. Sie versucht, Augustins Mutter oder überhaupt jemanden in der alten Heimat Poiana zu erreichen, aber keiner ihrer Briefe wird beantwortet.

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Women’s Prize for Fiction für Ruth Ozeki

Ruth Ozeki wurde am 15.06.2022 für ihren vierten Roman The Book of Form and Emptiness mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Der Roman erzählt die Geschichte von Benny, der nach dem Tod seines Vaters beginnt, die Stimme von Dingen zu hören. Überfordert von der Stimmenvielfalt zu Hause findet er einen Rückzugsort in der örtlichen Bücherei, wo er einigen interessanten Charakteren begegnet.

Ozeki berichtet, dass sie sich in ihrer Kindheit oft vorgestellt habe, wie es wäre, wenn die Ding um sie herum ein Bewusstsein hätten und dass sie sich bis heute manchmal fragt, welche Geschichten sie wohl zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten.

Die Jury ist begeistert von Ozekis Fähigkeit, so unterschiedliche Themen wie Tod und Verlust, Neurodiversität, Klimawandel und Jazz zu einem stimmigen Roman zu verknüpfen, der dann auch noch voller Humor ist.

Der Roman erscheint im September unter dem Titel Die leise Last der Dinge bei Eisele.

Im Beitrag zur im März erschienen Longlist sind alle nominierten Titel zu finden.

Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2022

Sechs Wochen ist es her, dass die Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht wurde. Inzwischen hat sich die Zahl derer, die auf den Titel hoffen dürfen, auf sechs reduziert. Im ursprünglichen Post habe ich nochmal die deutschen Übersetzungen aktualisiert, viel getan hat sich aber nicht. Immerhin vier von sechs Titeln der Shortlist sind in Übersetzung erschienen oder angekündigt und ich wäre doch überrascht, wenn nicht noch jemand Erdrich einkauft.

Das aber ist reine Spekulation, hier kommen jetzt die harten Fakten – die sechs nominierten Autorinnen auf der Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction:

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Der Blick ins Innere – „Sight“ von Jessie Greengrass

Wie können wir wissen, wie es in uns aussieht? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Erzählerin diese kurzen Romans, sondern auch Generationen von Wissenschaftlern und Gelehrten. Mit Strahlen, Autopsien und Psychoanalysen versucht der Mensch seit Ewigkeiten zu verstehen, was in ihm vorgeht, physisch wie psychisch.

Die Erzählerin nimmt ihre zweite Schwangerschaft als Ausgangspunkt, um über all das nachzusinnen. Sight bewegt sich dabei irgendwo zwischen Roman und Essay und wird nur lose zusammengehalten von der Rahmenhandlung einer Schwangerschaft. Innerhalb dieser bewegt die Erzählerin sich zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Erlebtem und Gelesenem.

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Women’s Prize for Fiction – Die Longlist 2022

Wie immer am 08. März wurden auch gestern die Bücher bekanntgegeben, die es beim diesjährigen Women’s Prize for Fiction auf die Longlist geschafft haben. Sechzehn sehr verschiedene Bücher, über Freundschaft, Liebe, Krieg und Dystopien, die seit dem letzten Frühjahr in Großbritannien erschienen sind, sind in dieser Auswahl zu finden. Einige eigentlich erwartbare Namen fehlen in diesem Jahr, dafür sind auch einige ganz neue Stimmen dabei. Diese Autorinnen dürfen sich Hoffnung auf den Titel machen:

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Die Strafe der ewigen Verbannung – „Circe“ von Madeline Miller

Circe, Tochter des Sonnengottes Helios, hat in der Mythologie nicht den besten Ruf. Mit magischen Kräften ausgerüstet sitzt sie auf ihrer Insel, lockt nichtsahnende Männer und verwandelt dann alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, in Schweine oder Schlimmeres. Prominentestes Beispiel sind sicher die Männer des Odysseus, die sie erst in ihren Schweinekoben gesteckt und dann nebst ihrem prominenten Kapitän unnötig lang auf der Insel festgehalten haben soll. Nachdem nun wohl Gras über diese Sache gewachsen ist, lässt Miller Circe jetzt selbst zu Wort kommen und erzählen, wie das aus ihrer Sicht alles war.

Und das klingt alles ganz anders: Von frühster Kindheit fühlt Circe sich in ihrer Familie und am Hof ihres Vaters ausgesondert. Sie gilt als sonderbar, ihre Geschwister verlachen sie wegen ihrer krächzenden Stimme, die Götter nehmen sie nicht ernst und ihre erste große Liebe Glaucos will lieber die schöne Nymphe Scylla heiraten. Doch Circe hat ein schlummerndes Talent, das sie selbst erst spät entdeckt. Sie ist eine Hexe und kann mit Hilfe von Kräutern und Essenzen zaubern. Sie verwandelt Menschen in Unsterbliche, Männer in Schweine, Fische in Schafe – ein Wort der Circe genügt und die Welt steht Kopf. Damit kommt sie sogar gegen die Götter an, selbst wenn sie nicht mit ihnen auf einer Stufe steht. Nach einem magischen Fehltritt und einer ordentlichen Ansage von Zeus bleibt Helios keine Wahl, als seine Tochter auf die Insel Aiaia ins Exil zu verbannen, von wo aus sie später ihren wenig rühmlichen Einzug in die Odyssee nehmen wird.

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Ein seltener Fund – „The Mermaid and Mrs. Hancock“ von Imogen Hermes Gowar

Es ist ein ungeheurer Fund, den Kapitän Jones seinem Arbeitgeber Jonah Hancock präsentiert. Eine echte Meerjungfrau hat er von seiner letzten Reise mitgebracht! Leider war die so teuer, dass er dafür das Schiff versetzen musste, eines der besten in Hancocks Flotte. Jones ist sich allerdings sicher, dass eine echte Meerjungfrau besser ist als jedes Schiff der Welt. Doch die Kreatur, die er mit großem Gewese auspackt, ist nicht, was Hancock sich erwartet hätte. Statt einer betörenden Sirene liegt vor ihm auf dem Tisch eine groteske Kreatur, die aussieht, als hätte jemand einen Affen und einen Fisch zusammengenäht. Aber was soll er nun noch tun? Das Schiff ist nun mal weg und so entschließt er sich, mit der Meerjungfrau zumindest ein wenig Geld zu verdienen.

Zusammengebastelte „Meerjungfrauen“, die Reisende von exotischen Orten mitbrachten, waren eine Zeitlang der letzte Schrei und durften in keinem gutsortierten Kuriositätenkabinett fehlen. Das in diesem Video gezeigte Exemplar wurde auf einer Japanreise erworben und landete unter dem Namen „Fiji Mermaid“ in der berühmten Sammlung von P. T. Barnum.

Jonah Hancock ist ein gesetzter Mann. Nach dem frühen Tod seiner Frau leben nur noch seine Nicht Sukie und eine Angestellte mit ihm im Haushalt. Er betreibt Handel mit Übersee und vermietet einige bescheidene Quartiere – gerade genug für ein bequemes Leben ohne großen Trubel. Das ändert sich schlagartig, als er seine Meerjungfrau in einem Londoner Kaffeehaus ausstellt und die halbseidene Mrs. Chappell darauf aufmerksam wird. Sie ist Zuhälterin für die ganz noble Gesellschaft und immer auf der Suche nach einer Attraktion für ihre betuchte Kundschaft. Über sie lernt Hancock die Highclass-Kurtisane Angelica kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Und sie verspricht ihm sogar ihre Liebe. Unter einer kleinen Bedingung: Sie will ihre eigene Meerjungfrau haben. Ein unmögliches Unterfangen, das ist Hancock und auch Angelica klar. Dennoch startet Hancock einen neuen Versuch.

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Amazonen Undercover – „Girl, Woman, Other“ von Bernadine Evaristo

Die Menschen, die einem in Evaristos Roman Girl, Woman, Other begegnen, sind alle auf ihre Art außergewöhnlich. Sie selbst sehen sich nicht immer so, aber viele von ihnen sind sehr selbstbewusste Frauen, die ihren Weg gehen und sich bewusst sind, dass sie damit anecken. Manchmal reichen da schon Kleinigkeiten wie eine außergewöhnlicher Kleidungsstil, manchmal ist es gleich der ganze Lebenswandel. In einem Kapitel bündelt Evaristo jeweils die Lebenswege von drei Personen, die sich besonders nahe stehen. Aber auf subtilere Art sind die meisten der Biographien miteinander verbunden.

Was ihnen gemein ist: sie alle sind Schwarz, sie alle definieren sich als weiblich oder wurden an einem Punkt ihres Lebens so sozialisiert. Den Rahmen bildet die Aufführung von „The Last Amazon of Dahomey“, einem skandalösen Theaterstück von Amma, das es unglaublicherweise auf die ganze große Bühne geschafft hat. Amma ist Theaterregisseurin und -autorin und zugleich verbindendes Element der meisten Menschen, die in diesem Roman auftauchen und natürlich auch bei ihrer großen Premiere: Carol, die nicht versteht, warum ihre nigerianische Mutter auf keinen Fall, dass sie einen Weißen heiratet. Dominique, die sich Hals über Kopf verliebt und zu spät merkt, dass ihre Partnerin gewalttätig wird. Shirley, die als Lehrerin immer allen helfen will und sich in Ammas glamourösem Freundeskreis ziemlich Fehl am Platz fühlt. Nicht alle definieren sich als Feministinnen und sind es vielleicht doch.

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Sage mir, Muse – „A Thousand Ships“ von Natalie Haynes

Mit tausend Schiffen sollen die Griechen einst ausgerückt sei, um die schöne Helena aus den Armen ihres trojanischen Entführers zu retten und nach Hause zu ihrem rechtmäßig angetrautem Ehemann zu bringen. Tausend Schiffe, die kampferprobte Männer an Land spuckten, um über Jahre die Stadt zu belagern und die Bevölkerung zu zermürben. Ihre Taten wurden in Epen besungen, in Kunstwerken verewigt und sind noch dreitausend Jahre später Schulstoff.

Doch was wurde aus jenen, die nicht mit ausrückten? Die zu Hause blieben, sich nicht ins Schlachtengetümmel stürzten, stattdessen Wunden pflegten, Essen kochten, Kinder gebaren? Was ist mit den Ehefrauen, Töchtern, Sklavinnen der tapferen und vielbesungenen Helden? Diese Frage stellt sich auch Natalie Hayes und beantwortet sie gleich in A Thousand Ships.

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