Heather O’Neill: Lullabies for Little Criminals

Lullabies for Little Criminals ist die Geschichte der zwölfjährigen Baby, die bei ihrem Vater Jules in Montreal aufwächst. Baby ist ihr wirklicher Name – ihre Eltern waren gerade fünfzehn, als sie geboren wurde, und hielten das für einen guten Namen. Ihre Mutter starb so jung, dass Baby sich gar nicht mehr an sie erinnern kann. Ihr Vater ist gerade Ende zwanzig, mit der Situation völlig überfordert und schwer drogenabhängig. Zusammen mit seiner Tochter zieht er von heruntergekommener Wohnung zu dreckigem Hotel und hält sich mit halbseidenen Gelegenheitsjobs über Wasser. Doch Baby ist zufrieden damit. Sie kennt es nicht anderes, es ist ihr Leben, und ihr Vater liebt sie aufrichtig. Zweimal lebt sie bei Pflegefamilien, während ihr Vater versucht, einen Entzug durchzustehen.

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Chloe Hooper: A Child’s Book of True Crime

Die junge Kate Byrne hat es in das tasmanische Nest Endport verschlagen. Dort unterrichtet sie an einer Grundschule und hat eine Affäre mit Thomas, dem Vater eines Schülers. Thomas ist mit seiner Familie nach Endport gezogen, weil seine Frau Veronica dort für ihren Roman recherchieren wollte. Sie hat eine wahre Kriminalgeschichte geschrieben über einen Mordfall, der sich in dem Städtchen ereignet hat und nie vollständig aufgeklärt wurde. Die junge Ellie wurde vor zwölf Jahren von Margot, der eifersüchtigen Frau ihres Liebhabers, brutal niedergemetzelt. Margot wurde danach nie wieder gesehen, nur ihren Wagen fand man an den berüchtigten Selbstmörderklippen. Erst zu spät fiel den Ermittlern auf, dass nicht alle Spuren zueinander passten. In Endport selbst ist das Interesse an der neuen Aufwicklung eher gering, man wäre froh, ließe man dieses Kapitel einfach auf sich beruhen.

Doch nun scheint das Leben der nächsten Ehebrecherin in Gefahr zu sein. Als Kate eines Tages die Tür zum Klassenraum abschließt, hat jemand von außen „I KNOW“ in die Tür geritzt. Nachts klingelt ständig das Telefon. Nur wenig später versagen die Bremsen ihres betagten Autos. Hat die betrogene Ehefrau es auf sie abgesehen? Ist gar Margot wiedergekehrt und nimmt stellvertretend erneut Rache an einer jungen Frau, die eine Familie zerstören will? Oder steigert Kate sich, wie Thomas glaubt, in ihre unbegründeten Ängste einfach nur hinein?

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Margaret Atwood: The Blind Assassin

Laura Chase war eine begnadete Autorin. Leider konnte ihr erster und einziger Roman The Blind Assassin erst posthum veröffentlicht werden. Bei einem tragischen Unfall verstarb sie mit gerade Anfang 20, aus dem Nachlass hat ihre Schwester Iris Chase Griffen den Roman veröffentlicht. Seitdem ist es an ihr, das schriftstellerische Erbe ihrer Schwester zu wahren und zu verwalten. Iris ist mittlerweile weit jenseits der 80, lebt wieder in ihrer Heimatstadt Port Ticonderoga und hat begonnen, ihre Memoiren zu verfassen. An einen Unfall hat sie keine Minute lang geglaubt, sie war sich immer sicher, dass Laura Selbstmord begangen hat. Nun schreibt sie über ihr Leben und das ihrer Schwester und versucht herauszufinden, an welchem Punkt alles entgleist ist.

„But in life, a tragedy is not one long scream. It includes everything that led up to it. Hour after trivial hour, day after day, year after year, and then the sudden moment: the knife stab, the shell-burst, the plummet of the car from the bridge.“

Die Familie Chase war über Generationen die Spitze der Gesellschaft im kanadischen Port Ticonderoga. Nach dem frühen Tod der Mutter wachsen die Chase-Schwestern beim Vater auf, unterstützt von der Haushälterin Reenie und einer wechselnden Reihe Hauslehrer. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920ern geht es auch mit den Chase-Fabriken bergab. Die einzige Rettung für Töchter und Vermögen sieht Iris Vater in einer Ehe zwischen Iris und seinem Geschäftspartner Richard Griffen. Wie schlimm soll es schon werden, fragt sich Iris und fragt sie Reenie. Viel, viel schlimmer, ist die Antwort. In Iris Retrospektive entspinnt sich langsam die Geschichte einer leidlich glücklichen Kindheit, gefolgt von einer Ehe, die von psychischer wie physischer Gewalt geprägt ist. Unterbrochen werden Iris Memoiren von einem weiteren Erzählstrang, in dem ein Mann einer Frau eine Geschichte erzählt. Eine ziemlich absurde SciFi-Geschichte, die später einmal ein Roman werden soll, die Geschichte eines blinden Mörders.

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Deirdre Purcell: Love Like Hate Adore

Angela Devine lebt in Dublin unter nicht ganz leichten Umständen. Ihre Mutter ist sehr früh an den Folgen ihrer Drogensucht gestorben und hat die achtzehnjährige Angela mit ihrem damals zwei Monate alten Halbbruder James zurückgelassen. Das ist mittlerweile 19 Jahre her. James hat, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, als Kurierfahrer ins Berufsleben gefunden, und Angela jongliert mit vier Jobs um die laufenden Kosten decken zu können. Aber die beiden kommen schon irgendwie über die Runden.

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Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht und James sprechen will. Eine Frau hat Anzeige gegen ihn erstattet, weil er sie vergewaltigt haben soll. Angelas Welt bricht zusammen. Denn wie viele Fehler ihr Bruder auch haben mag, die Faulheit, die Trinkerei, die Verschlossenheit – ein Vergewaltiger könnte er nicht sein. Aber was, wenn doch?

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Nicole Krauss: The History of Love

Ich weiß nicht, ob Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer zu viel oder zu wenig über ihre jeweiligen Bücher gesprochen haben, aber 2005 haben sie den gleichen Roman veröffentlicht. Ein Kind, dessen Vater früh verstorben ist, fährt kreuz und quer durch New York auf der Suche nach Hinweisen, die ihm bei der Lösung eines Rätsels helfen können. Eine Schtetl-Geschichte kommt vor und natürlich geht es um die ganz große Liebe. Zwischendurch gibt es formale Extravaganzen wie Seiten, auf denen nur ein einziger Satz steht.

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Was bei Extremely Loud and Incredibly Close Oskar Schell war, ist in The History of Love Alma Singer. Almas Vater ist früh an einer Krankheit gestorben und sie lebt nun mit ihre Mutter und ihrem Bruder Bird in New York. Bird glaubt, einer der 36 Gerechten zu sein, baut eine Arche für die bevorstehende Flut und muss einmal wöchentlich mit einem Psychologen darüber sprechen. Alma hält die Erinnerung an ihren Vater aufrecht, indem sie alles über essbare Pflanzen in der Wildnis lernt und in einem Daunenschlafsack schläft, so wie ihr Vater es angeblich einst getan hat.

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Aminatta Forna: The Memory of Love

Elias Cole liegt im Sterben. Nach einem langen und bewegten Leben lassen ihn nun seine Lungen im Stich. Doch vor seinem Tod muss er noch etwas loswerden. Die Geschichte seiner Liebe zu und Besessenheit von Saffia, die er in jungen Jahren als Frau seines Kollegen Julius kennengelernt hat. Da kommt ihm Adrian gerade recht. Adrian ist ein britischer Psychologe, der für eine Hilfsorganisation nach Sierra Leone gereist ist. Er soll Menschen helfen, die nach dem Bürgerkrieg teils schwer traumatisiert sind. Es gelingt ihm aber zunächst nicht, zu den Menschen durchzudringen und die meisten Therapieansätze enden nach der ersten Sitzung. So hat er eine Menge Zeit, Coles Beichte abzunehmen.

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Im Krankenhaus findet Adrian einen Freund in Kai. Der junge Chirurg stammt aus Sierra Leone und hat im Gegensatz zu vielen Kollegen das Land nicht verlassen, auch wenn er seit dem Krieg unter schweren Albträumen leidet und einige Teile der Stadt meidet, weil die Erinnerungen zu schrecklich sind. Die beiden werden Freunde, obwohl Kai Adrians Rolle immer kritisch sieht. Er ist, wie viele seiner Landsleute, genervt von den vielen Menschen, die über Hilfsorganisationen ins Land kommen, viel zu meckern haben, oft wenig helfen und doch ewigen Dank erwarten. Die internationale Gemeinschaft habe, findet er, so lange weggeschaut, dass man auch jetzt ohne sie zurechtkomme. Die obligatorische Vorstellungsfrage, mit welcher Agentur man im Land sei, wird im Laufe des Romans zum Running Gag. Die Menschen, die aus dem Ausland nach Sierra Leone kommen, wollen vor allem vor etwas fliehen, so Kais Beobachtung. Es dauert nicht lange, bis er herausfindet, dass dieses etwas in Adrians Fall eine völlig desolate Ehe ist.

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Xiaolu Guo: Kleines Wörterbuch für Liebende

Als Zhuang in London den Flieger verlässt, könnte der Kulturschock größer kaum sein. Sie ist die Tochter chinesischer Bauern, die nach jahrelanger harter Arbeit eine Schuhfabrik eröffnen konnten. Ihre Tochter soll bessere Chancen haben als sie und so schicken sie Zhuang nach England, wo sie ein Jahr lang einen Sprachkurs besuchen soll. China hat sie bis dahin nie verlassen, englische Sprachkenntnisse hat sie fast gar nicht. Mühsam tastet sie sich heran, liest sich durch ihr Wörterbuch, schreibt Wort für Wort in ihr Notizbuch, das sie am Ende des Jahres gefüllt haben will.

„Ich bin erbärmliche Mensch, spreche erbärmliche Englisch und komme aus erbärmliche kleine Stadt in Südchina. Wir kennen dort nicht edel.“

Sie traut sich kaum, das Hostel zu verlassen, hadert mit dem ungemütlichen Wetter und findet das Essen, vor allem das Frühstück, im Grunde ungenießbar. Rettung findet sie in Kinos, wo sie die unterrichtsfreie Zeit in Doppelvorstellungen von Hollywood-Klassikern totschlägt. Dort lernt sie eines Tages einen Mann kennen, der ihr schön und interessant erscheint. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, sie missversteht und glaubt, es sei für immer.

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Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe

Annie, eine junge Frau aus London, kauft für unvernünftige 75 £ ein Gemälde in einem Trödelladen. Es heißt, aber das weiß sie da noch nicht, „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ und wird die Kunstwelt und ihr Leben auf den Kopf stellen. Ein halbes Jahr später wird es Gegenstand einer Sensations-Auktion sein, die den Auftakt zum Roman bildet. Denn hinter diesem Bild sind sie alle her: reiche Russen, die investieren wollen, ein Scheich, der ein Museum gründen will und nicht zuletzt Memling Winkleman, der ganz besonders und aus existenziellen Gründen an diesem Gemälde hängt.

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Hannah Rothschild kennt sich aus in der Welt der Kunst, denn das ist ihr Beruf, wenn sie nicht gerade Romane schreibt. In ihrem Buch bringt sie viel unter über Altersbestimmung, der schwierigen Suche nach Fälschungen und dem Irrsinn des Kunstmarkts, auf dem Gemälde nicht mehr als erhebende Kunst betrachtet werden sondern als eine schlichte Investition, mit der er sich zu spekulieren lohnt. Ich glaube Frau Rothschild unbesehen, dass sie sich auskennt in dieser Welt und sie grundsätzlich auch darstellen kann. Hier aber werden Klischees so derart in Reihe bemüht, dass das Lesen manchmal mühsam wird. Es gibt zahlreiche Nebenfiguren, die sehr unterschiedlich große Rollen spielen, aber jede von ihnen ist ein wandelndes Klischee. Reiche Russen ohne Geschmack, exaltierte Homosexuelle, Rapstars in Begleitung halbnackter Frauen. Wer halt so alles ein Bild kaufen will.

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Linda Grant: When I Lived in Modern Times

Kurz nach Kriegsende ist Evelyn Sert auf einmal Waise. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, ihre Mutter, die in einem Friseursalon gearbeitet und ihr das Handwerk beigebracht hat, verstirbt plötzlich. Sie ist Jüdin und das eröffnet ihr nun plötzlich die Perspektive, ins neue gelobte Land Palästina auszuwandern, damals noch Britisches Mandat.

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Doch der erhoffte begeisterte Empfang bleibt aus. Sie kann nichts, was im neuen Land gebraucht wird und landet erstmal im Kibbuz. Mühsam versucht sie, sich in die ungewohnte Gemeinschaft einzugliedern, und begreift schnell, dass sie weitaus mehr Britin als Jüdin ist. Zwischen Feldarbeit unter sengender Sonne, Latrinenreinigung und einer unerwiderten Schwärmerei wächst ihre Frustration zusehends. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit packt sie ihre Sachen und reist nach Tel Aviv, der gerade neu entstehenden weißen Stadt am Meer, in der sich ein Bauhaus-Gebäude ans nächste reiht und es bis in die Nacht so warm ist, dass die Leute es nur draußen in den Cafés aushalten. Schnell tut sich aber ein neues Problem auf – Evelyn ist unter falschem Namen und nur als Touristin eingereist. Mit blondierten Haaren und gezupften Brauen wird sie schnell Priscilla Jones, eine Britin, deren Mann als Polizist in Tiberias stationiert ist. Die nötigen Papiere sind mit den richtigen Kontakten kein Problem.

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Kate Atkinson: Life After Life

Ursula Todd wird 1910 geboren, die Nabelschnur um ihren Hals, und schafft es nicht mal zum ersten Atemzug.

Ursula Todd wird 1910 geboren, der gerade rechtzeitig eintreffende Arzt kann ihr Leben retten, sie ertrinkt beim Baden mit der Schwester.

Ursula Todd wird 1910 geboren, wird am Strand von einem zufällig anwesenden Maler gerettet und rutscht, als sie versucht, ihre Puppe zu retten, vom Dach.

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Und so geht es immer weiter, denn Ursula kann vieles, nur nicht liegen bleiben. Ihr Leben beginnt immer wieder von neuem, immer wieder bekommt sie die Chance, Dinge zu ändern und zu sehen, wie ihre Zukunft davon beeinflusst wird. Zumindest glaubt Ursula das, ihre Mutter Sylvie hingegen ist besorgt um ihre Tochter und ihre starken Déjà-vus, die sie manchmal sogar gewalttätig werden lassen. Auch ihr Psychiater glaubt eher nicht an Ursulas ständige Wiedergeburt. Allerdings lässt auch Atkinson da eine kleine Hintertür offen. Ursula beginnt in jungen Jahren, an starken und häufigen Kopfschmerzen zu leiden, die mit den Jahren immer schlimmer werden, deren Ursache aber niemals abschließend geklärt werden kann. Auch Atkinson klärt nicht darüber auf, was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass es für Ursula Todd tatsächlich nur ein einziges Leben gab, begleitet von einer sich langsam entwickelnden Gehirnerkrankung, die starke Déjà-vus auslöst. Wobei diese Erklärung neue Logikfehler mit sich bringen würde, die man sich genauer ansehen müsste. Hab ich nicht gemacht, dazu kam mir die Idee zu spät.

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