Menschliche Makel – „Fault Lines“ von Nancy Huston

Vier Generationen verbindet Nancy Huston in Fault Lines durch ein gemeinsames Merkmal: Sie alle tragen das gleiche Muttermal, wenn auch an unterschiedlichen Stellen ihres Körpers. Der letzte in der Reihe, der sechsjährige Sol, trägt es an der Schläfe. Für seine Mutter ist das ein nicht akzeptabler Makel an ihrem sonst makellosen Sohn. Sie will es entfernen lassen, vorgeblich wegen der erhöhten Krebsgefahr. Doch so leicht lassen sich die verbindenden Elemente einer Familie nicht wegschneiden. Kurz nach der OP entwickelt Sol eine gefährliche Entzündung.

Sol ist eines von vier etwa sechsjährigen Kindern, deren Geschichten in diesem Roman erzählt werden. Von ihm aus geht Huston immer eine Generation zurück, über seinen Vater Randall, seine Großmutter Sadie und schließlich zu seiner Urgroßmutter Erra, deren Leben im Terrorregime des Nationalsozialismus begann. Sol lebt nun als überbehütetes Kind in den USA. Seine Eltern, besonders seine Mutter, erlauben ihm alles und feiern auch die kleinsten Erfolge. Dafür ist Sol nicht etwa dankbar, sondern wird zutiefst bösartig. Den Computer seiner Mutter nutzt er, um sich im Internet Videos von Enthauptungen und anderen Gräueltaten anzusehen.

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Familiäre Erwartungshaltung – „Stay With Me“ von Ayòbámi Adébáyò

Als Akin und Yejide sich das erste mal im Kino begegnen, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Wenige Jahre später sind sie verheiratet und eigentlich glücklich. Zum perfekten Glück fehlt den beiden allerdings ein Kind, das findet vor allem Akins Familie und seine Mutter. Ihr Sohn muss einen Nachkommen zeugen, komme was wolle. Nachdem man bei diversen Untersuchungen kein Problem feststellen kann, schleppt Akins Mutter Yejide von Wunderheiler zu Wunderheiler, damit ihre Stieftochter bloß endlich schwanger wird. Als das nichts hilft, greift sie zu einer pragmatischen Lösung: Akin braucht einfach eine Zweitfrau, die mit der jungen Funmi auch schnell gefunden ist.

Yejide ist schockiert. Sie selbst ist die Tochter einer ersten Ehefrau und wurde von den weiteren Frauen ihres Vaters immer so schlecht behandelt, dass für sie nie etwas anderes in Frage kam, als eine monogame Ehe. Und nun ist da Funmi. Nach der Wut kommt bald die Angst. Was, wenn Funmi vor ihr schwanger wird? In einem letzten Versuch besucht Yejide einen weiteren Wunderheiler, der ihr verspricht, dass sie wenigen Tagen schwanger sein wird. Doch obwohl Yejides Bauch dicker und dicker wird und sie sogar die Tritte des Kindes spürt, ist beim Ultraschall nichts zu sehen. Akins vorsichtige Andeutungen, dass sie vielleicht wirklich nicht schwanger sein könnte, strapazieren die ohnehin unter Druck stehende Ehe noch weiter.

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Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

Die Brüder Harold und George Silver waren sich noch nie grün. Verwandte erinnern sich an Schlägereien bei Familienfesten und Harold ist sich sicher, dass George ihn töten wollte. Als Erwachsene haben sie ein zivilisierteres, wenn auch nicht unbedingt besseres Verhältnis. Bis zu der Nacht, in der George in die Psychiatrie kommt, nachdem er einen Unfall mit mehreren Toten verursacht und vielleicht sogar provoziert hat. Harold und Georges Frau Jane beginnen eine Affäre, von der George trotz seiner Abwesenheit bald Wind bekommt. Er entkommt aus der Psychiatrie und tötet Jane.

„You grow up thinking your family is normal enough, and then, all of a sudden, something happens and it is so not normal, and you have no idea how it got that way, and there’s really nowhere to go from here – it will never be anywhere near normal again.“

Die gemeinsamen Kinder des Ehepaares sind nun Harolds Verantwortung, der völlig überfordert ist mit jedem Aspekt der Situation. Die Umstände sind ausgesprochen tragisch, Homes gelingt es aber überraschend gut, das Absurde daran hervorzuheben ohne jemals pietätlos zu sein. Harold gerät in eine völlig neue Welt. Als Historiker mit Spezialisierung auf Nixon kommt er eher schlecht als recht über die Runden, während George erfolgreich in der Unterhaltungsindustrie war und beide Kinder an teuren Privatschulen untergebracht hat. Harold weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht, er weiß nicht, wie man mit viel Geld umgeht und er weiß auch noch nicht so richtig, wie man mit dem Internet umgeht. Das führt skurrilen Bekanntschaften auf Dating-Plattformen, die mehr oder wenig explizit geschildert werden. Homes Humor reicht von knochentrocken bis burlesk und ist manchmal fast ein bisschen überdreht.

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Selbstsuche in der Kleinstadt – „The Short History of a Prince“ von Jane Hamilton

Walters Zeit als Prinz währt kurz. Als Teenager ist er ein nicht sehr vielversprechendes Ballett-Talent. Für eine Nebenrolle im „Nussknacker“ in seiner Heimatstadt Chicago reicht es nicht, dafür darf er in einem Provinz-Theater gleich die Rolle des Prinzen tanzen. Die Inszenierung ist so schlecht, dass es ihm sogar peinlich ist, dass seine Familie zur Aufführung kommen will. Seine bescheidene Ballett-Karriere kriegt mit dieser Blamage eine deutliche Bruchstelle. Ohnehin ist es eine schwierige Zeit für ihn und seine Familie. Sein Bruder Daniel ist an Krebs erkrankt, der sich langsam als unheilbar entpuppt und Walter ist verwirrt angesichts seiner Gefühle für Ballett-Freund Mitch. Trost und Ruhe findet die Familie im Anwesen an Lake Margaret, das seit Generationen in Familienbesitz und mittlerweile ein Vermögen wert ist. Es ist der Anlaufpunkt für alle Familienfeiern, lange Sommerwochen und Ruhepol für alle, die einen brauchen.

Knapp 25 Jahre später steht die Zukunft des Hauses auf dem Spiel: Tante Sue, Mehrheitseignerin des Anwesens, will verkaufen. Ihr ist es egal, ob an ein Familienmitglied oder irgendeinen Fremden, oder zumindest behauptet sie das. Walter kann da nicht helfen, als Lehrer in einer Kleinstadt verdient er gerade genug, um die Miete für ein karg möbliertes Appartement aufzubringen. Das ist auch nicht sein einziges Problem. Mitte der 90er-Jahre sieht er kaum eine Möglichkeit, in eben dieser Kleinstadt offen homosexuell zu leben, von seiner mangelnden Beziehungsfähigkeit mal ganz abgesehen. Auch an seiner Befähigung als Lehrer zweifelt er fortwährend, da er sich außer Stande sieht, jedes Jahr eine andere Klasse voll schwerfälliger Teenager für die Feinheiten und Möglichkeiten der Literatur zu begeistern.

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Was auf den Überlebenden lastet – „Fugitive Pieces“ von Anne Michaels

Jakob Beer, Kind polnischer Juden, ist im Alter von sieben noch so klein und schmächtig, dass er sich problemlos in einem Schrank verstecken kann. Von dort aus wird er Zeuge, wie seine Eltern von Wehrmachts-Soldaten ermordet werden und seine ältere Schwester Bella verschleppt wird. Tagelang stolpert er durch den Wald, bis er Athos in die Arme läuft, einem griechischen Archäologen, der das prähistorische Dorf Biskupin ausgräbt. Er wird sein Retter und Ziehvater. Jakob wächst bei Athos auf der Insel Zakynthos auf, lernt Griechisch, Englisch und die Grundlagen der Geographie und hofft Jahr um Jahr, irgendwo eine Spur seiner Schwester zu finden, die vielleicht doch überlebt haben könnte.

„While I was living with Athos on Zakynthos, learning Greek and English, learning geology, geography, and poetry, Jews were filling the corners and crakcs of Europe, every available space. They buried themselves in strange graves, any space that would fir their bodies, absorbing more room than war allotted them in the world.“

Auch in späteren Jahren, bis weit in sein Erwachsenenalter hinein, will Jakob sich kaum an die Jahre seiner Kindheit erinnern, an die Fassungslosigkeit und die Verzweiflung seiner Eltern. Lieber stürzt er sich in die Geschichte, befasst sich mit lange verschwunden Kulturen, als die eigene Vergangenheit anzurühren. Er findet Ausdruck und Trost in der Poesie und wird ein anerkannter und bekannter Lyriker. Doch seine Vergangenheit kommt ihm immer wieder dazwischen, die nicht bewältigbare Trauer um seine verlorene Schwester zerstört sogar eine langjährige Beziehung.

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Women’s Prize for Fiction – Shortlist 2021

Zum 26. mal wird nun der Women’s Prize for Fiction verliehen. Nach der Bekanntgabe der Longlist vor wenigen Wochen sah die Jury um Autorin Bernadine Evaristo sich mit Angriff konfrontiert, weil der Roman einer trans Frau nominiert worden war. Die Autorin Torrey Peters, mit ihrem Roman Detransition, Baby Kandidatin für den Preis, berichtete in Interviews von Angriffen auf ihre Person, die nach der Nominierung vor allem über Soziale Medien erfolgten. Der „Wild Women Writing Club“ warf Peters in einem offenen Brief vor, ihr Roman habe keine weibliche Perspektive. Unterzeichnet war der Brief auch von prominenten und leider toten Autorinnen wie Currer Bell und Daphne DuMaurier. Die Organisator*innen entgegneten, der Preis sei offen für alle, „who [are] legally defined as a woman“. Eben diese Formulierung sorgt vor zwei Jahren schon für größeren Ärger, als Akwaeke Emezi nominiert war. Emezi definiert sich als nicht binär und betrachtete die Pflicht, sich für den Preis als Frau ausweisen zu müssen, als Affront.

Geändert hat sich nach Emezis Weigerung, weiterhin Bücher für den Preis einzureichen, erstmal nichts. Ob die erneute Diskussion in diesem Jahr zu einem Umdenken in der Organisation führt, wird sich zeigen müssen. Auf die Shortlist hat Peters es in diesem Jahr nicht gebracht. Dafür dürfen diese sechs Frauen weiter auf den Preis hoffen:

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Zum Schweigen gebracht – „Do Not Say We Have Nothing“ von Madeleine Thien

Li-ling, Tochter chinesischer Einwanderer, lebt mit ihrer Mutter in Vancouver. Ihr Vater hat sich 1989 bei einer Reise nach Hongkong vom Dach eines Hauses gestürzt. Den Schmerz kann Li-ling ihm nicht verzeihen. Nur wenig später taucht Ai-Ming in Vancouver auf. Sie ist die Tochter einer Familie, mit der Li-lings Vater eine lange Verbindung hatte und muss China wegen ihrer Beteiligung an Protesten auf dem Tiananmen-Patz verlassen. Während Li-ling fast völlig ahnungslos ist, warum ihre Eltern China verlassen haben, weiß Ai-Ming eine Menge darüber und erzählt ihr eine lange Geschichte über tiefe Freundschaften, die Liebe zur Musik und die Folgen der Kulturrevolution.

Die Verbindung von Ai-Ming und Li-ling besteht vor allem über ihre Väter, die in Shanghai gemeinsam am Konservatorium gearbeitet und studiert haben, bis die Kulturrevolution die Karriere der beiden beendete. Ai-Mings Vater Sparrow, einen Komponisten, traf es dabei härter. Er konnte sich mit der neuen Linie nicht anfreunden, wollte nicht abrücken von seinen großen Vorbildern in der klassischen Musik zugunsten einer volksnäheren Musik. Statt an seinen Kompositionen zu arbeiten, endet er in einer Fabrik, in der er die Einzelteile von Radios verlötet. Und damit kommt er noch glimpflich davon – etliche in seiner Familie landen als Rechtsabweichler in Arbeitslagern und kommen gar nicht oder als gebrochene Menschen zurück.

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Augen zu und durch – „Milkman“ von Anna Burns

Milkman ist überhaupt kein Milchmann. Noch nie hat ihn jemand im Viertel Milch verkaufen sehen und warum er so heißt, weiß niemand mehr. Unbestritten aber ist seine Rolle: er ist einer der wichtigsten Paramilitärs der Stadt, seine Augen und Ohren sind überall. Kein Wunder, dass der namenlosen Erzählerin des Romans Angst und Bange wird, als er plötzlich auf sie aufmerksam wird. Aufmerksamkeit ist das letzte, was sie in ihrem Leben brauchen kann.

Die Erzählerin wächst auf in einer nordirischen Stadt, inmitten des Nordirlandkonflikts. Beinahe alle außerhalb ihres streng katholischen Viertels sind Feinde. Diejenigen, die auf der falschen Seite der Straße leben, in der falschen Hälfte der Stadt und erst recht diejenigen, die jenseits der Grenze leben und sich weigern, Nordirland freizugeben. In jeder Familie gibt es mindestens einen Mann, einen Sohn oder einen Bruder, der bei Kämpfen getötet wurde. In manchen sind es fast alle. Nicht-politische Handlungen und Aussagen gibt es nicht in diesem Klima. Namen sind politisch, Autos sind politisch, Beziehungen sind politisch, Bücher sind politisch, Religion ist politisch. Politik ist alles, was zählt.

„So the Hollywood phenomenon of sexual prowling would have been overshadowed, as everything here was overshawdowed, by the main topic of conversation in this place.“

S. 183

Mit ihrem unguten Gefühl gegenüber Milkman ist die Erzählerin völlig allein. Er macht ja nichts. Sexualstraftaten werden von den de facto regierenden Paramilitärs des Viertels streng geahndet, aber was soll man Milkman denn vorwerfen? Er hält die Erzählerin auf dem Heimweg auf und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Er läuft auf einmal neben ihr, als sie im Park joggt. Er lauert ihr nach dem Französisch-Unterricht auf und bietet ihr wieder an, sie nach Hause zu fahren. Er lässt fallen, wie schade es wäre, würde ihr Freund von einer Autobombe getötet. Das alles verunsichert sie zutiefst, ist ja aber keine Straftat. Zur Ablenkung steckt sie weiter ihre Nase in Bücher, die spätestens im 19. Jahrhundert spielen, weil sie das 20. furchtbar findet und versucht, alles um sie herum auszublenden so gut es eben geht. Selbst auf dem Heimweg nimmt sie die Augen nicht von den Seiten und lenkt sich so von der Zerstörung und Gewalt um sie herum ab. In ihrer Nachbarschaft gilt sie schon deshalb als seltsam. Milkmans Avancen erregen noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit. Als zukünftige Geliebte eines wichtigen Paramilitärs, denn das gilt als ausgemacht, zieht sie jetzt schon Missgunst und Neid auf sich. Für die Erzählerin gilt das keinesfalls als ausgemacht, sie möchte viel lieber mit ihrem Vielleicht-Freund zusammenziehen. Aber bald muss sie sich eingestehen, dass sie eigentlich überhaupt keine Wahl hat.

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Die unerträgliche Banalität des Seins – „Die Idiotin“ von Elif Batuman

Als Selin das erste Mal die heiligen Hallen von Harvard betritt, ist sie völlig überfordert. Hier anstellen, da anstellen, hier eine Mail-Adresse zugeteilt bekommen, dort für Kurse einschreiben. Beistand findet sie bei ihren Mitbewohnerinnen Hannah, die sie mehr mag und Angela, die sie weniger mag. Sie belegt Kurse in Linguistik, darstellender Kunst und Russisch, wo sich alle russische Namen aussuchen müssen, außer Svetlana und Ivan, dem ungarischen Mathematik-Studenten, in den Selin sich sofort und unglücklich verliebt. Sie schreibt Mails im Computer-Labor, findet spannende Ähnlichkeiten zwischen Ungarisch und Türkisch, isst in der Cafeteria und grübelt über der Sapir-Whorf-Hypothese. Und daraus besteht der gesamte erste Teil des Romans.

„Ich wusste nicht, wie man in eine andere Stadt zog oder Sex hatte oder einen richtigen Job oder wie ich jemanden dazu bringen sollte, sich in mich zu verlieben, oder wie ich etwas lernen sollte, das nicht nur meiner persönlichen Weiterentwicklung diente.“

S. 339/347

Im zweiten Teil reist sie immerhin mit Svetlana aus dem Russisch-Kurs nach Paris, wo sie in der Wohnung einer offenbar reichen Tante Svetlanas direkt gegenüber dem Musée d’Orsay wohnen und an der Seine joggen gehen. Montmartre ist ihr zu aufregend. Im weiteren Verlauf des Sommers reist Selin nach Ungarn, weil Ivan es auch tut. Damit das weniger auffällt, nimmt sie an einem Programm teil, im Rahmen dessen sie Englischunterricht für die Landbevölkerung geben soll. Dieser Teil des Romans, in dem Selin viele und sehr unterschiedliche Kontakte knüpft, und skurrile Situationen erlebt, ist alles, was den Roman aus der völligen Bedeutungslosigkeit rettet. 

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Women’s Prize for Fiction – Longlist 2021

Gestern Abend wurde die Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction veröffentlicht. Auch, wenn die Titel kein Teil meines Leseprojekts mehr sein werden, will ich sie euch trotzdem nicht vorenthalten. Auf der Liste stehen viele Unbekannte, darunter auch einige Debütantinnen, aber auch Dauerbrennerin Ali Smith hat es mit dem letzten Teil ihrer Jahreszeiten-Reihe geschafft, neben einigen anderen bekannten Namen. Die Übersetzungslage ist wie immer bei Erscheinen der Longlist ausgesprochen dünn – nach Bekanntgabe der Shortlist und Siegerinnenehrung ergänze ich hier nochmal.

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