Das Leben nach der Bombe – „Burnt Shadows“ von Kamila Shamsie

Hiroko Tanaka hat sich gerade mit dem deutschen Immigranten Konrad Weiss verlobt, als die Bombe über Nagasaki abgeworfen wird. Die drei Kraniche, die auf dem Rücken ihres Kimonos eingestickt waren, brennen sich als ewige Erinnerung an diesen Tag in ihre Haut. Konrad stirbt nur wenige hundert Meter von ihr entfernt. Zwei Jahre später packt Hiroko die Sehnsucht nach der weiten Welt und sie reist nach Indien, wo Konrads Schwester lebt, die den Briten James Burton geheiratet hat. Ursprünglich wollte sie dort nur kurz vorbeischauen, doch dann bleibt sie über Monate, wird eine enge Freundin von Konrads Schwester und verliebt sich in Sajjad Ashraf, einen Angestellten des Ehepaars. Sie schlägt alle Warnungen in den Wind und entschließt sich, ihn zu heiraten.

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Es ist und bleibt Hirokos Schicksal, von den Unwägbarkeiten der Geschichte und den Verstrickungen der Politik hin und her geworfen zu werden. Der Mann, in den sie sich verliebt, ist Moslem und kann nach der Spaltung von Indien und Pakistan nicht mehr in seiner Heimatstadt Delhi leben. Die beiden starten ein neues Leben in Karachi. Einmal von der Macht der Bombe in die Welt hinaus geschleudert, scheint Hiroko nichts mehr schrecken und halten zu können. Sie leidet auch nur wenig darunter, dass sie in der neuen Nachbarschaft immer als fremd gilt und ob ihrer mangelnden Religiosität mit großem Argwohn beäugt wird. Ihrem Sohn Reza macht es viel mehr zu schaffen, dass er aufgrund seines Aussehens als fremd erkannt wird.

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Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2020

Gute sechs Wochen nach der Bekanntgabe der Longlist des 25. Women’s Prize for Fiction wurde heute die Shortlist bekanntgegeben. Statt im Rahmen der sonst üblichen Feier konnte die Bekanntgabe in diesem Jahr aus bekannten Umständen nur online stattfinden.

In der Hoffnung, dass später im Jahr wieder Veranstaltungen möglich sein werden, wurde die Preisverleihung von Juni auf September verlegt. Aber hier ist erstmal die Shortlist:

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Ein englischer Zauberberg – „The Dark Circle“ von Linda Grant

Leonard Lynskey steht die Welt offen. Er lebt in der Metropole London, die Jahre nach dem Weltkrieg sind voller Entbehrungen, aber auch voller Möglichkeiten. Lenny ist entschlossen, sie zu nutzen. Er ist jung, gewitzt und hat einen Onkel, der Einfluss genug hat, seinen Neffen quasi überall unterzubringen. Bei einer Tauglichkeitsuntersuchung aber bekommt er einen jähen Dämpfer: bei ihm wird Tuberkulose diagnostiziert. Seine Schwester Miriam hat er bereits angesteckt. Nur wenig später sind die beiden auf dem Weg nach Kent, wo sie in einem Sanatorium behandelt werden sollen.

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Diesen vergleichsweise luxuriösen Aufenthalt haben sie dem neu gegründeten National Health Service zu verdanken. Die Geschwister aus dem East End gehören zu den ersten Patienten, die den Aufenthalt nicht aus eigener Tasche zahlen. Das übrige Klientel der Einrichtung ist nicht nur krank, sondern auch wohlhabend und kultiviert und auch hinreichend skurril um Leben in den Roman zu bringen. Das Sanatorium ist ein noch leidlich schicker, langgezogener Bau auf einer Anhöhe, alle Zimmer mit Balkonen, die ein bewaldetes Tal und das darin liegende Dorf überblicken. Miriam, die sich nur für Klatschzeitschriften, Make-Up und Frisuren interessiert, landet auf einem Zimmer mit der leidenden Literaturstudentin Valerie, während Lenny sich Zeit und Unterkunft mit Automobilverkäufer Colin teilt. Die Behandlungsmethoden im Sanatorium sind ineffizient, brutal oder beides. Miriam liegt tagelang neben Valerie auf dem Balkon und atmet vor sich hin, während man bei Lenny einen Lungenflügel künstlich kollabieren lässt in der Hoffnung, er möge sich dadurch erholen. Bei einigen werden gleich ganze Teile des Brustkorbs entfernt. Mögliche Hilfe verspricht das neue Antibiotikum Streptomycin, doch davon kann der NHS vorerst nur fünf Dosen auftreiben.

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Große Visionen und humanitäre Katastrophe – „Half of a Yellow Sun“ von Chimamanda Ngozi Adichie

Es sind unruhige Zeiten, in denen Adichies Roman über die Hälfte der Sonne spielt. Nigeria ist er seit kurzem, seit 1960 unabhängig, doch es ist ein fragiles Konstrukt. Die Grenzen des neuen Staates basieren allein auf kolonialer Strategie, die Konflikte zwischen den mehrheitlich muslimischen Volksgruppen im Norden und dem christlich geprägten Süden brodeln.

Chimamanda Ngozi Adichie - Half Of A Yellow Sun

Ugwu, ein Junge aus einem kleinen Dorf, wird mitten in den Konflikt gerissen, als er Hausdiener bei Odenigbo wird, einem Dozenten an der neuen Universität von Nsukka, der ersten im Land, die nicht von kolonialen Herrschern gegründet wurde. Odenigbo ist ein glühender Feind des Kolonialismus und stolzer Igbo. Seinem radikalen Charme verfällt der halbe Campus, der regelmäßig zu Diskussionsrunden bei ihm zusammenkommt, aber auch die schöne Olanna, Tochter reicher Eltern, die es in Lagos zu solidem Wohlstand gebracht haben. Die beiden sind natürlich nicht so begeistert, dass die vielversprechende Tochter sich mit einem Sozialisten einlässt und lieber an der neuen Universität unterrichtet als die Firmengeschäfte zu übernehmen. Zum Glück ist da noch Zwillingsschwester Kainene, die ein bisschen mehr Geschäftssinn besitzt, sich aber ausgerechnet in den Briten Richard verliebt, der ein Buch über die nigerianische Volkskunst schreiben will.

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Große Stories und gekränkte Eitelkeit – „Eveless Eden“ von Marianne Wiggins

Es ist 1986, eine enorme CO2-Wolke aus dem Nyos-See hat gerade knapp 1.700 Menschen getötet, als sich Noah und Lilith das erste mal in einer Bar begegnen. Er ist nach Kamerun gekommen um im Auftrag seiner Zeitung über den Vorfall zu berichten, sie tingelt als freie Fotografin von Krisenherd zu Unglücksort. Noah bewundert ihre Arbeit schon lange, war aber immer davon ausgegangen, dass sich hinter ihrem Künstlernamen Divi ein Mann verbirgt. Welche Frau ist denn schon so mutig und reist in Kriegsgebiete und macht dann auch noch so gute Fotos? Er weiß noch nicht, wer sie ist, da nutzt er schon die erste sich bietende Gelegenheit, sie unter ihrem Regencape zu begrapschen. Ja, so ekelhaft ist Noah und so ekelhaft bleibt Noah. Dennoch findet er Lilith wenig später in seinem Hotelzimmer. Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, die ein jähes Ende findet, als Lilith vor einem Heiratsantrag flüchtet und vor ein Auto läuft.

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Das Auto wird gesteuert von Adam Pentrú, rumänischer Handelsminister. Das erfährt Noah aber erst später, als Lilith schon längst mit Adam durchgebrannt ist und er sich manisch in die Idee verbeißt, dass dieser Pentrú irgendwie Dreck am Stecken haben muss, dass es etwas geben muss, mit dem er ihn festnageln kann, aus dem Verkehr ziehen kann, kurz: Lilith zurückerobern kann. Da das nicht so schnell geht, vergewaltigt er Lilith stattdessen, als er sie im Kontext des Mauerfalls kurz im Berliner Tiergarten trifft.

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Gefallene Frauen und unversöhnliche Männer – „Paradise“ von Toni Morrison

Die Handlung von Paradise beginnt mit einer Gewalttat, einem Angriff auf ein Kloster. Es sind Männer aus dem nahen Dorf Ruby, die das Frauen-Refugium attackieren, bewaffnet mit Seilen und Gewehren.

Das Kloster hat den Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, wird aber immer noch von allen so genannt. Es ist lange her, dass es einem Orden gehörte und Nonnen dort lebten. Nun ist es eine Unterkunft für Frauen, die sonst keinen Ort finden, an dem sie leben können oder wollen. Mavis, deren Kinder in einem überhitzten Auto starben, Gigi, die ziellos und selbstbewusst durch die Staaten tingelt, Seneca, deren Mutter abgehauen ist und die in verschiedenen Pflegefamilien aufwuchs. Die Berührungspunkte mit dem Dorf sind gering und beschränken sich im wesentlichen auf den Verkauf von Produkten aus dem Gemüseanbau der Frauen. Doch wo die Frauen auftauchen sorgen sie für Unmut. Zu knapp ist ihre Kleidung, zu laut ihr Lachen, zu unverheiratet ihr Familienstand.

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2020

25th-anniversary-logoHeute morgen wurde die Longlist des 25. Women’s Prize for Fiction (Ex Orange Prize) veröffentlicht. In der Jury sind in diesem Jahr Martha Lane Fox, Scarlett Curtis (Autorin und Gründerin von The Pink Protest), Melanie Eusebe (Mitgründerin des Black British Business Award), Viv Groskop (Comedian und Journalistin) und Paula Hawkins, am bekanntesten sicher durch Girl on the Train. Und das hier sind die 16 Titel, die aus 152 Einreichungen ausgewählt wurden:

Deepa Anappara: Djinn Patrol on the Purple Line

Die „Djinn Patrol“ besteht aus drei neunjährigen Kindern. Sie gründen die Gruppe, als ein Junge aus ihrer Schule scheinbar spurlos verschwindet und die Autoritäten sich hilflos zeigen. Sie beginnen auf dem Basar der Stadt und weiten ihre Suche immer weiter aus, bis es auch für sie gefährlich wird. Anappara thematisiert vor diesem Hintergrund die aktuellen Bewegungen und Schwierigkeiten der indischen Gesellschaft.

deutsche Übersetzung: Die Detektive vom Bhoot-Basar. Rowohlt, März 2020.

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Wie erleuchtet darf ein Familienvater sein? – „Einmal Buddha und zurück“ von Anne Donovan

Jimmy, Maler und Tapezierer aus Glasgow, entdeckt mit Ende dreißig den Buddhismus für sich. Statt abends mit seinem Bruder in den Pub zu gehen, meditiert er in seinem Zimmer und verbringt Wochenenden in buddhistischen Seminarzentren. Seine zwölfjährige Tochter Anne Marie reagiert ungläubig aber neugierig, seine Frau Liz ist bald einfach nur noch genervt. Sie glaubt, dass das alles nur eine Phase ist, kocht vegetarische Mahlzeiten und hofft, dass ihm die Idee mit der Enthaltsamkeit bald selbst blöd vorkommt.

„Ich versuchte, geduldig zu sein und ihm zuzuhören, aber wenn er diesen Blick hatte, kam man nicht mehr an ihn ran, alle anderen waren ihm egal. Und wie er darüber redete – als ob das alles neu wäre, als ob er den Quatsch höchstpersönlich erfunden hätte.“

Doch Jimmys Weg zur Erleuchtung wird ihm immer ernster und schließlich zerkracht das Ehepaar sich so sehr, dass er auszieht und fortan im Meditationsraum des buddhistischen Zentrums übernachtet. Nach dem ersten Schrecken beginnt Liz sich zu fragen, ob das nicht auch ganz gut so ist. Mit ihren 33 Jahren entdeckt sie, dass es auch ein Leben jenseits gibt von Jimmy, mit dem sie jetzt schon seit 17 Jahren zusammen ist.

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Gute Katholiken – „Liars and Saints“ von Maile Meloy

Mitten im Krieg heiraten Yvette Grenier und Teddy Santerre in Santa Barbara. Yvettes Familie wird ihr nie verzeihen, dass sie Kanada verlässt, um einen Amerikaner zu heiraten. Beide stammen aus streng katholischen Familien, beide meinen es ernst mit Heim und Ehe. Als Teddy seine Karriere als Flieger bei der Armee endlich hinter sich gebracht hat, steht dem jungen Glück inklusive zweier Töchter nichts mehr im Weg.

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Außer vielleicht besagte Töchter. Obwohl ihre Eltern alles für das Seelenheil von Margot und Clarissa geben, werden die beiden doch von den wilden 60er-Jahren mitgerissen. Margot wird schwanger vom Tanzlehrer, Clarissa verliebt sich einen Hippie und hört auf, BHs zu tragen. Um zumindest größeren Schaden abzuwenden, zieht Yvette Margots Sohn Jamie als ihren auf und tut, als sei er eben ein Nachzügler. Dass Jamie nicht ihr Sohn ist, hält sie sogar vor ihrem Mann lange geheim. Natürlich stürzt das die Familie auf lange Sicht in größere Schwierigkeiten.

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Aufstieg und Stillstand – „NW“ von Zadie Smith

Leah und Keisha wachsen gemeinsam auf in Londons Nordwesten, in Wohnblöcken, die nach wichtigen Philosophen benannt sind: Bentham, Locke, Russel, Hobbes, Smithes heißen die Koordinaten ihrer Jugend. Dass sie dort nicht bleiben wollen, ist beiden schnell klar. Denn trotz der vielversprechenden Namen ist ihre Wohngegend so trost- wie chancenlos. Wer bleibt, endet oft genug in Drogenabhängigkeit und Kleinkriminalität. Leah und Keisha haben große Pläne, studieren und versuchen, das beste aus ihrer Herkunft zu machen. Keisha muss sich dabei immer mehr anstrengen als Leah. Als Schwarze kann sie sich die rebellischen Eskapaden ihrer rothaarigen Freundin nicht erlauben. Ihre Mutter war immer darauf bedacht, dass ihre Kinder unter dem Radar bleiben, nie auffallen, sich immer ein kleines bisschen besser benehmen, bloß nicht unangenehm auffallen. Schließlich ändert Keisha sogar ihren Namen und wird als Natalie eine erfolgreiche Anwältin. So erfolgreich, dass Leah, die es „nur“ zur Sachbearbeiterin beim Sozialamt gebracht hat, sich bei ihren Einladungen zwischen all den etablierten Jurist*innen oft fehl am Platz fühlt. Natalies Einladungen geben ihr, die immer noch im Nordwesten lebt, das Gefühl, nur noch Staffage aus alten Tagen zu sein.

„She had been asked to pass the entirety of herself through a hole that would accept only part.“

Die Freunde ihrer Kindheit und ihre Geschwister, die in den Wohnblocks bleiben, folgen dem Weg der ihnen qua Geburt vorherbestimmt scheint. Einige werden früh Eltern, viele werden drogenabhängig, ebenso viele halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser. Dabei machen sie auch vor Ihresgleichen nicht halt. Der Roman beginnt mit Shah, einer ehemaligen Schulkameradin Leahs, die ohne jede Skrupel mit einer rührseligen Geschichte 30 Pfund von Leah ergaunert. Und Nathan, in den Leah früher heimlich verschossen war, lebt mittlerweile auf der Straße. Felix, der ebenfalls im Viertel aufgewachsen ist, scheint es endlich geschafft zu haben, scheint einen Weg aus seiner Misere gefunden zu haben, als er überfallen und erstochen wird. Der Nordwesten lässt einen nicht so einfach gehen.

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