Im Schatten des Barden – „Hamnet“ von Maggie O’Farrell

Hamnet ist uns, dem Namen nach zumindest, allen wohlbekannt. Als Prinz von Dänemark hat sein Vater ihm einen ewigen Platz in der Literaturgeschichte geschaffen. Der berühmte Vater aber spielt in diesem Roman kaum eine Rolle. Zu Beginn und als junger Mann ist er noch präsent, aber dann werden seine Aufenthalte in London länger und länger, die Besuche in Stratford immer seltener. Viel mehr ist es seine Frau, im Nachlass ihres Vater als Agnes Hathaway benannt, die ausnahmsweise mal im Scheinwerferlicht steht. Ihr weltberühmter Mann wird nicht einmal namentlich erwähnt. 26 Jahre alt ist Agnes, schön, geheimnisvoll und mit beinahe magischen Fähigkeiten beschenkt, als sie sich in den gerade achtzehnjährigen Lateinlehrer ihrer Halbbrüder verliebt. Für den Vater des Lateinlehrers, einen in finanzielle Schieflage geratenen Handschuhmacher, kommt sie gerade recht. Immerhin bringt sie ein nicht unansehnliches Erbe mit. Was mit hinter ihrem Rücken über sie sagt, ist da erstmal zweitrangig, ebenso wie ihr für eine erste Ehe ziemlich hohes Alter.

„What a way out it would be for the boy, she heard a woman at the market whisper, behind her back. You can see why he’d want to marry into money and get away from the father.“

Und so kommt Agnes in die Familie des Handschuhmachers und kurz danach auch Susanna, die erste Tochter des Ehepaars. Zwei Kinder werden es sein, die an Agnes Todesbett stehen werden, das hat sie in einer Vision vorausgesehen. Agnes ist hellsichtig. Sie kann nicht nur ihre Zukunft sehen, sondern auch die anderer Menschen. Wenn sie jemandem die Hand gibt, fühlt sie seine Gedanken und sein Schicksal. Umso überraschter ist sie, als am Ende ihrer zweiten Schwangerschaft zwei Kinder in der Wiege liegen: Judith und Hamnet. Das ist eines mehr, als sie gesehen hat. Aber das Schicksal kennt die Zukunft eben noch ein bisschen besser als sie: Im Alter von elf Jahren stirbt Hamnet an der Pest, während seine Zwillingsschwester knapp überlebt.

Agnes ist untröstlich und glaubt, nicht nur als Mutter, sondern auch als Heilkundige versagt zu haben. Ihr Mann glänzt derweil immer mehr durch Abwesenheit. Sie macht ihm keinen Vorwurf. Sie war es, die ihn ermutigt hat, nach London zu gehen, wo er zunächst die Handschuhe seines Vaters verkaufte und nun als Autor und Schauspieler brilliert. Die beiden planen einen baldigen Nachzug der Familie, doch immer wieder wird der Zeitpunkt aufgeschoben. Schließlich muss das Ehepaar sich eingestehen, dass die Trennung eine endgültige ist. Doch immerhin ist Agnes mit dem Verdienst ihres Mannes bald die reichste Frau in Stratford und kann das beengte Quartier der Handschuhmacher-Familie gegen ein luxuriöses Haus tauschen.

Der Glanz des Vaters wird in diesem Roman so konsequent abgeschirmt, dass genug Raum bleibt für seine Familie, die sonst so wenig Beachtung findet. Dargestellt wird der Vater nicht als großer Dichter, sondern als Ehemann und Vater, verliebt, überfordert, reumütig, trauernd und vor allem abwesend. Zu sagen hat er wenig. Umso mehr kommt Agnes zu Wort. Sie kann nicht nur in die Zukunft sehen, sondern sie versteht auch viel von Heilpflanzen und -kräutern und ist eine gefragte Frau, wenn die Bevölkerung Heilung und Beistand sucht. Vor allem aber ist sie sehr sensibel und darauf bedacht, nicht die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen. Was „sich gehört“ ist Agnes von Kindesbeinen an herzlich egal. Weder von ihrer Stiefmutter noch von ihrem Mann lässt sie sich jemals etwas gefallen.

O’Farrell hat kaum eine Basis, auf der sie das Leben von Agnes Hathaway rekonstruieren könnte. Aufzeichnungen über sie sind rar und beschränken sich beinahe auf die wesentlichen Eckdaten von Geburt und Tod. Dementsprechend frei kann die Autorin in dem sein, was sie Agnes zuschreibt und zutraut und das ist einiges. Agnes Hathaway in Hamnet ist ein wilder und stürmischer Freigeist, eine Frau, die sich für keine Konventionen interessiert und von ihrem Mann bedingungslose Liebe fordert. Sie hat keine Angst, sitzengelassen zu werden, denn sie weiß sehr gut, dass sie auch alleine ihren Weg gehen wird. O’Farrell schafft eine starke Figur, die zugleich aber unnahbar und wenig greifbar wirkt. Sie ist so wenig Teil dieser historischen Welt, dass sie beinahe surreal scheint. Als Ausnahmeerscheinung bleibt sie dennoch glaubhaft, wenn man sich manchmal auch wünschen würde, dass sie irgendwann mal was genauso macht wie der Rest der Welt. Manchmal schießt O’Farrell mit ihrem Porträt dieser sehr ungewöhnlichen Frau dann doch über das Ziel hinaus. Vor allem der titelgebende Hamnet tritt hinter seiner Mutter und ihrem diffusen Glanz zurück. Bis zu seinem Tod wird er nicht viel mehr als ein oberflächlich charakterisierter Junge, wie es ihn tausendfach geben könnte. O’Farrells Überlegungen zu Hathaway sind interessant und gut umgesetzt. Der Roman funktioniert aber dann doch nur, weil sie die große Unbekannte an Shakespeares Seite war. Ohne das wäre der Roman ein fast stereotyper historischer Roman über eine Frau mit magischen Kräften.


tl;dr: In Hamnet beschreibt O’Farrell ein denkbares Leben Agnes Hathaways, die sie als sehr mutige und freigeistige Frau mit besonderen Kräften charakterisiert. Ihre Überlegungen sind außergewöhnlich und interessant, allerdings schießt sie zuweilen über das Ziel hinaus.


Maggie O’Farrell: Hamnet. Tinder Press 2020. 372 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Anne-Kristin Mittag ist unter dem Titel Judith und Hamnet bei Piper erschienen.

Das Zitat stammt von S. 73.

2020 gewann O’Farrell mit diesem Roman den Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

7 Gedanken zu “Im Schatten des Barden – „Hamnet“ von Maggie O’Farrell

  1. soerenheim 31. August 2021 / 13:40

    Ich bin fast zum Gegenteiligen Schluss gekommen. Ich finde Hamnet liest sich bessere, wenn man ihn nicht im weitesten Sinne als Shakespeare-Roman nimmt (was man nicht zwingend muss, wenn man die… wie hießen die Dinger… Paratexte? ignoriert). Dann ist es ein im historischen Setting überzeugender mild fantastischer Roman über die Ehefrau irgendeines großen Dichters & man kann sich die fruchtlosen „wird das Shakespeare geracht“-Überlegungen sparen.
    Und: Endlich mal Fantasy, in der es um alltägliche Menschen, alltägliche Probleme geht. Nicht zum Schluss doch wieder Apokalypse mit Drachen…

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    • schiefgelesen 31. August 2021 / 18:38

      Ob der Roman Shakespeare gerecht wird, habe ich mich tatsächlich gar nicht gefragt. Der ist ja sowieso kaum da. Es ist natürlich auch ein Shakespeare-Roman, trotzdem er namentlich nie genannt wird. Wenn man aber sonst was über Shakespeare liest oder sieht ist seine Frau eine Leerstelle. Ich habe 795 mal Shakespeare in Love gesehen und da sagt er nur, sie sei so viel älter als er und es sei „ein kaltes Bett“ und dann habe ich nochmal gelesen, dass er ihr im Testament sein zweitbestes Bett vermacht hat. Jetzt habe ich mich auch nie besonders viel mit Shakespeares Privatleben befasst. Ich find es also ganz spannend, dass diese Leerstelle gefüllt wird.
      Wenn man aber mal davon absieht, ist es ein Roman über eine heilkundige Frau im Mittelalter, deren eines Kind an der Pest stirbt. Das muss keine schlechte Geschichte sein, besonders interessieren würde sie mich persönlich jetzt aber nicht.
      Eine Drachenapokalypse hätte da gerade noch gefehlt!

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      • soerenheim 31. August 2021 / 18:51

        Ich hatte diese 2. Bett-Geschichte mal recherchiert & da scheint die Forschung jetzt dazu tendieren, dass es bei dem berühmten Testament eher um zusätzliche, bessere Absicherung beim damaligen Erbrecht ging, als um eine Herabsetzung. Für Hamnet wird, wenn ich das richtig sehe, eine mögliche, aber nahezu die böswilligste Interpretation herangezogen. Und um genau solche Debatten zu vermeiden (du weißt wie Anglisten sind, wg dem Buch gibt es sicher Prügeleien im Pausenraum) hätte ich es besser gefunden, das ganze noch ein bisschen weiter von Mr. S. Speare wegzurücken (es ist tatsächlich nur durch Widmung und Werbung _wirklich_ an ihn geknüpft, alles andere macht unser Vorwissen…) Ich finde das Buch nämlich wirklich gut gearbeitet, das Szenario sehr überzeugend & dieses milde Fantasy/Hexendings beißt sich mE etwas mit der Shakespeare-Geschichte.

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        • schiefgelesen 31. August 2021 / 22:10

          Findest du dieses Beißen gut oder schlecht? Ich fand das nämlich auch, also dass es sich beißt, aber das hat mir gerade gefallen. Man hätte aus Agnes ja alles mögliche machen können, auch einen viel alltäglicheren Charakter. Ich finde es gut, dass sie eben diese Begabungen hat, auch wenn sie natürlich manchmal doch sehr spirituell sind und mir das manchmal auch zu viel war, aber das ist nun wirklich subjektiv.
          Die Geschichte die ich von dem Bett kenne, und die meiner Erinnerung nach auch in Hamnet erwähnt wird, ist übrigens diese: das Ehebett war das erste Bett der Shakespeares. Später, als mehr Geld da war, wurde ein neues Bett angeschafft, das Agnes aber nie wollte und das immer nur als Gästebett genutzt wurde. In dem Roman werden nie Gäste erwähnt, aber gut. Also hätte Agnes mit dem besten Bett eben das Gästebett geerbt, nicht aber das ihr viel liebere Ehebett.
          Und was die Shakespeare-Referenzen betrifft, ist ja wohl schon der Titel die allerdeutlichste. Man hätte ein Buch, das von Agnes handelt, ja auch einfach Agnes nennen können, da hätte niemand an ein Shakespeare-Stück gedacht.

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          • soerenheim 31. August 2021 / 22:27

            mich hat das beißen eher gestört… es hat sowas von selling point & ich finde in eine so stark historisch verortete Geschichte passt diese Art von Magie dann nicht mehr so gut.

            Ja, die Bett-Geschichte kenne ich ähnlich, nur so, dass das „beste“ Bett in bürgerlichen Haushalten für gewöhnlich, nicht nur bei den Shakespeares, das Gästebett sein soll…

            klar, das Buch macht rund um den Text schon alles, um auf Shakespear anzuspielen, aber im Text wird wenn ich nichts überlesen habe, das nie fest gemacht und dagegen einiges getan, um wieder Distanz zu schaffen… zB auch die Wahl von „Agnes“ statt „Anne“. Die zweite Namensvariante war mir zB gar nicht bekannt.

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  2. Scherbensammlerin 31. August 2021 / 20:09

    Es gibt da diesen Spielfilm von 2018, All is True, da spielt Judy Dench Shakespeares Ehefrau und auch für das zweitbeste Bett finden sie eine Deutung. Nur ohne zweites Gesicht und Ahnungen.

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