Der Herzschlag des Dschungels – „State of Wonder“ von Ann Patchett

Die erschütternde Nachricht erreicht Marina Singh auf einem hauchdünnen Bogen Luftpost-Papier: ihr Laborkollege Anders Eckman, der im Auftrag des gemeinsamen Arbeitgebers im brasilianischen Urwald unterwegs war, ist dort an einer nicht näher definierten Krankheit verstorben. Oder ist er gar nicht tot? Anders Frau und die Firma, für die er gearbeitet hat, wollen Gewissheit haben. So wird es Marinas Mission, sich auf seinen Spuren ebenfalls ins Dschungel-Abenteuer zu stürzen.

Dort forscht an einem Nebenarm des Rio Negro Annick Swenson seit Jahren an einem sensationellen Medikament: sie hat entdeckt, dass die Frauen der dort lebenden Lakashi bis ins hohe Alter gebärfähig bleiben und glaubt, dem Grund auf der Spur zu sein. Ihr Arbeitgeber wittert ungeahnte Möglichkeiten – die ewige Fruchtbarkeit würden sich viele Frauen in den USA sicher einiges kosten lassen. Marinas Verhältnis zu Annick Swenson ist ausgesprochen angespannt. Als Medizinstudentin hat sie unter Swensons Aufsicht einen folgenschweren Fehler begangen und danach der praktizierenden Medizin für immer abgeschworen. Sie hat sich diesen Fehler nie verziehen und ist sich sicher, dass auch Swenson noch immer voller Vorwürfe sein wird. Doch schon bald nach ihrer chaotischen Ankunft in Manaus beginnt sie zu ahnen, dass Swenson mit ihrem vorherigen Leben nicht mehr viel zu tun haben wird und wahrscheinlich auch von ihrem Arbeitgeber und Geldgeber gar nicht so viel wissen will. Marina fürchtet bald, dass es Dr. Swenson bei ihrem Projekt gar nicht um ewige Fruchtbarkeit in Pillenform geht.

Überfordert und geplagt von Albträumen, welche die Malaria-Prophylaxe bei ihr auslöst, wirft Marina sich in den Dschungel. Sie ist überwältigt von der Temperatur, der Geräuschkulisse und den ständigen Insektenangriffen. Die ihr völlig fremde Kultur der Lakashi, bei denen nun auch sie lebt, macht es ihr noch schwerer. Und dann ist da auch noch die graue Eminenz Dr. Swenson, die weder Lust hat, gegenüber ihrem Arbeitgeber irgendwelche Rechenschaft abzulegen, noch die dauernd ausgesandten Spione zu bespaßen. Der Dschungel und die darin lebenden Menschen geraten dabei fast zur Spielwiese. Zwar gibt Dr. Swenson sich Mühe, das Leben der Menschen wenig zu beeinflussen, aber besonders die Frauen nutzt sie dennoch für ihre Experimente. Regelmäßig nimmt sie ihnen Blut ab, um ihre Hormonspiegel zu bestimmen. So urtümlich das Leben im Wald sein soll, so sehr ist es doch den Regeln eines US-amerikanischen Pharmakonzerns unterworfen, dessen ureigenstes Interesse sicher nicht die Bewahrung indigener Kulturen ist. Selbst Dr. Swenson, die seit Jahren bei den Lakashi lebt und mit ihnen arbeitet, spricht ihre Sprache nicht einmal rudimentär und ihr Einfluss auf die Gemeinschaft scheint sich darauf zu beschränken, dass die Lakashi einen diffusen Respekt, vor allem aber Angst vor ihr haben.

„Research doesn’t happen in a Petri dish, you know, and mice only go so far. It’s the human trials that make the difference. Sometimes you have to be the one to roll up your sleeve.“

Marinas Reise in den Dschungel wird für sie eine Erfahrung, die alles verändert. Mit all dem Ballast, den sie mit sich herumträgt, kann sie zu den Lakashi gar nicht reisen. An jeder Station ihrer Reise verliert sie mehr und mehr Gepäck, bis am Ende selbst ihre letzte Wechselbekleidung verloren geht. Den Rest ihrer Zeit verbringt sie in dem abgelegten Kleid einer Lakashi-Frau, das sie als unförmig empfindet, und das ihr viel zu kurz ist. Mit ihrer dunklen Haut und ihren schwarzen Haaren, die sie bald geflochten trägt wie die Lakashi, wird sie von einer Touristin sogar für eine gehalten. Aber zum „going native“ fehlt ihr dann doch noch einiges. Marina ist über weite Teile des Buchs ein seltsam passiver Charakter. Sie tut, was man ihr sagt, scheint an nichts besonders interessiert zu sein, bleibt blass und wenig definiert. Damit trifft sie es immer noch besser als die übrigen Ärzt*innen in Brasilien, die, mit Ausnahme von Dr. Swenson, nur aus biographischen Eckdaten bestehen und keine Eigenschaften besitzen, außer dass sie gerne forschen.

State of Wonder ist eine zeitgenössische Antwort auf und Ergänzung von Conrads Herz der Finsternis. Der Kolonialismus, den Patchett hier beschreibt, ist nominell natürlich keiner, de facto aber einfach nur die Ausbeutung einer sehr kleinen und sehr schwachen Bevölkerungsgruppe durch einen sehr großen und sehr mächtigen Konzern. Insofern wirft der Roman natürlich einige sehr interessante Fragen auf, die auch in der Geschichte von ihren Charakteren diskutiert werden. Nur leider gelingt es den Figuren nicht, mit diesen Themen durchgehend Schritt zu halten. Sie bleiben auf der Strecke, während die Handlung an Spannung gewinnt, nur um dann am Ende in weniger als 30 Seiten zu einem überstürzten Ende gebracht zu werden. State of Wonder startet mit einer guten Idee, verliert sich dann aber in unwahrscheinlichen Zufällen und unrunden Charakteren. Gut lesbar und unterhaltsam ist das Buch natürlich trotzdem, wie Patchett eben meistens ist. Das Wunder darin hat sich mir allerdings nicht offenbart.


tl;dr: Als eine Art postkoloniale Reaktion auf Das Herz der Finsternis wirft Patchett in ihrem Roman einige spannende ethische Fragen auf. Allerdings geraten die Charaktere zu schwach, als dass sie die Thematik dauerhaft tragen könnten.


Ann Patchett: State of Wonder. Gelesen in der Ausgabe Harper Perennial 2012, 384 Seiten. Erstausgabe Harper 2011. Eine deutsche Ausgabe in der ÜBersetzung von Werner Löcher-Lawrence ist unter dem Titel Fluss der Wunder beim Berlin Verlag erschienen.

Das Zitat stammt von S. 295.

2012 war Patchett mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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