In den Trümmern des Empire – „The Inheritance of Loss“ von Kiran Desai

In Kalimpong, einer Stadt in der indischen Peripherie am Fuße des mächtigen Himalaya, wird die junge Sai eines Tages bei ihrem Großvater abgeliefert, bei dem sie von nun an leben soll. Sie ist Waisin und bisher in einem Internat großgeworden. Der Großvater, ehemals Richter im indischen Kolonialstaat und in Cambridge ausgebildet, ist völlig desillusioniert von der Welt im allgemeinen und vom englischen Empire im besonderen. Einst hielt er viel von den eleganten Briten. Doch seitdem er versucht hat, Teil ihrer Gesellschaft zu werden und nur verlacht wurde, empfindet er nur noch Groll gegen sie und ihre überhebliche Art.

Die beiden teilen sich das einst herrschaftliche Haus mit dem namenlosen Koch, der sein ganzes Talent dafür aufbringt, den Hausstand beisammenzuhalten und all seine Hoffnung in seinen Sohn steckt, der es endlich nach New York geschafft hat. Seine Generation sieht die Zukunft nicht mehr in einer englischen Universität, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie so viele Migranten erkennt er vor Ort schnell, dass seine Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Als illegalisierter Einwanderer arbeitet er für einen Hungerlohn in einer schäbigen Restaurantküche, schläft in überfüllten Appartements oder gleich auf dem Küchenboden. Seinem Vater gegenüber muss er das alles natürlich als große Erfolgsgeschichte verkaufen.

„Still a world, my friend, where one side travels to be a servant, and the other side travels to be treated like a king.“

Kiran Desai befasst sich in ihrem Roman mit der Frage, was die Briten in Indien bei ihrem Rückzug hinterlassen haben. Sai erbt den titelgebenden Verlust auf sehr direkte Weise: Ihre beiden Eltern sind tot, und das Erbe, das ihr Großvater ihr hinterlassen könnte, ist denkbar freudlos. Das soziale Umfeld, in dem sie sich bewegt, ist in einer nostalgischen Erinnerung ans Empire hängengeblieben. Das größte Glück liegt für die meisten im Ausland, sei es nun England oder die USA, in Indien selbst sieht kaum jemand eine leuchtende Zukunft für sich oder seine Kinder. Dabei ist das Leben in Darjeeling für die wenigen Familien, die im Empire ihr Glück gefunden hatten, noch immer recht komfortabel. Großzügige Anwesen und Bedienstete gehören für viele zum ganz normalen Lebensstandard. Das ändert sich plötzlich, als in den 80er-Jahren der Ghorka-Aufstand losbricht: von Seiten nepalesischer Nationalisten werden Forderungen nach einem eigenen Land, Ghorkaland, laut. Viele von ihnen haben als Söldner in der britischen und indischen Armee gedient, sind gut ausgebildet und kampfbereit und vor allem sind sie wütend. Sie haben keine Lust mehr zuzusehen, wie sie und ihre Landsleute in Armut leben, wie auf ihre Kosten Profite gemacht werden. Die Oberschicht Darjeelings hat nicht mehr viel zu Lachen. Sai trifft das ganz besonders hart: ihr Hauslehrer Gyan, in den sie gar nicht so heimlich verliebt ist, schließt sich der Bewegung an und meidet seine ehemalige Schülerin. Nach einem Überfall fürchtet sie sogar, er könne sie an die Rebellen verraten haben.

The Inheritance of Loss zeichnet ein buntes, aber nicht verkitschtes Bild Indiens, erzählt von der majestätischen Schönheit Darjeelings, ohne die Berge zur reinen Kulisse zu machen. Der Roman ist lose und abwechslungsreich gestrickt aus Briefen, Rückblenden und verschiedenen Perspektiven, und doch stringent erzählt. Desai konstruiert ganz verschiedene Blickweisen auf die Situation, doch allen Charakteren ist gemein, dass das britische Weltreich sie enttäuscht zurückgelassen hat. Diese Perspektive wird erweitert um die der modernen Migration, den Erwartungen und Enttäuschungen, die sich zwischen den Kontinenten spannen. Mit nur wenigen Figuren wirft Desai einen umfassenden und sehr kritischen Blick auf den Postkolonialismus, stellt dabei aber immer das Erzählen in den Vordergrund.


tl;dr: Desai schildert in The Inheritance of Loss die Folgen des Kolonialismus in Indien und konstruiert überzeugende Perspektiven auf den Postkolonialismus und neue Migrationsbewegungen. Dabei vergisst sie aber nie, das Erzählen und Unterhalten in den Vordergrund zu stellen.


Kiran Desai: The Inheritance of Loss. Hamilton 2006. 336 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Robin Detje ist unter dem Titel Erbin des verlorenen Landes beim Berlin Verlag erschienen.

Das Zitat stammt von S. 269.

2007 war Desai mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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