Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

Die Kunstwissenschaftler Monty Kipps und Howard Belsey sind Erzrivalen. Sie haben nicht nur völlig verschiedene Ansichten zu Rembrandt, sondern auch dazu, wie Universitäten und Bildung aussehen sollten und eigentlich zur Welt an sich. Ihr aktueller Kleinkrieg ist an einem Selbstporträt Rembrandts entbrannt und noch weit davon, beigelegt zu werden, als Monty als Gastdozent ausgerechnet an Howards College im beschaulichen Wellington unterrichten soll. In der Kleinstadt und erst recht am kleinen College ist es völlig unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Dabei hat Howard auch ohne Monty schon genug Ärger: Nach dreißig Jahren Ehe hat er seine Frau betrogen, die gar nicht daran denkt, ihm zu verzeihen.

On Beauty konzentriert sich vor allem auf die Familie Belsey, bestehend aus Howard, seiner Frau Kiki und den Kindern Levi, Jerome und Zora. Mit ihnen und ihrem konservativen Gegenpart, der Kipps-Familie, bringt Zadie Smith eine enorme Fülle von Themen und Konflikten in den Roman, ohne, dass es konstruiert wirkt. Eines der vorherrschenden Themen des Romans ist Rassismus, der den Figuren in unterschiedlichem Ausmaß begegnet und der sie auf verschiedene Arten beschäftigt. Kiki Belseys ist Schwarz und sowohl sie als auch ihre Kinder werden im weißen Wellington gelegentlich mit Argwohn betrachtet, besonders Levi, der auch durch seine Kleidung negativ auffällt. Er selbst definiert sich mehr als alle anderen Familienmitglieder als Teil einer diskriminierten Minderheit, sucht einen Ausweg aus der behüteten Mittelschicht und wird mit seinem Engagement für Haiti politisch aktiv. Damit bildet er einen Gegenpol zu seinem Vater, der sein Leben und ein Forschen ausschließlich der Ästhetik verschrieben hat und das so sehr, dass ihm der Bezug zur Realität vor lauter Schönheit manchmal fast abhanden kommt: Während sein gesamtes Kollegium schon lange auf Powerpoint umgestellt hat, kritzelt Howard immer noch auf Overhead-Folien herum.

„‚Art is the Western Myth‘, announced Howard, for the sixth year in a row, ‚with which we both console ourselves and make ourseves.‘ Everybody wrote that down.“

Sein Steckenpferd ist die Malerei und insbesondere die Forschung zu Rembrandt. Doch Schönheit und Kunst kommt auch in vielen anderen Ausprägungen im Roman vor. Damit verbunden ist auch die Frage, wer entscheidet, was Kunst ist, wer sie produziert und produzieren darf und wem sie am Ende zu welchem Preis gehört. So hat es sich Claire, Poetin und Dozentin für kreatives Schreiben, zur Aufgabe gemacht, unentdeckte Talente für ihre Kurse zu finden und zu fördern. Darunter sind immer auch einige, denen der Zugang zum College auf anderen Wegen verwehrt bleibt, weil ihre Noten nicht gut genug sind oder sie es einfach nicht bezahlen können. Einigen in Wellington, vor allem Monty Kipps, ist das ein Dorn im Auge. Sie wollen das College als elitäre Welt erhalten. Claire aber brennt für Formen der Erzähl- und Dichtkunst, die sie in einem alternativen Kulturzentrum in Boston entdeckt. Dass sie auch HipHop als Reimkunst anerkennt, irritiert viel ihrer Kolleg*innen. Monty Kipps sieht sich derweil mit Anschuldigungen konfrontiert, weil er einem haitianischen Künstler Werke von signifikantem Wert für viel zu wenig Geld abgeschwatzt haben soll. Das Problem kann Howard nicht haben. Die Ästhetik, die er akzeptieren kann, ist so reduziert, dass im ganzen Haus kein Bild hängt. Nicht zuletzt ist auch die Schönheit von Körpern ein Thema. Kiki, groß gewachsen und nicht gerade schlank, liebt ihren Körper, leidet aber auch unter den Kommentaren und Blicken, die ihr in der Öffentlichkeit zuteil werden. Es trifft sie, wie Mädchen von Kindesbeinen an erzogen werden, ihre Körper zu hassen und sie nicht schön zu finden, aus welchen nichtigen Gründen auch immer. Dass ihr Mann sich für seine Affäre ausgerechnet eine Frau aussucht, die körperlich das Gegenteil von ihr ist, verletzt sie tief.

Mit On Beauty ist Smith ein facettenreicher und sehr solide erzählter Roman gelungen, der das Familienleben ebenso glaubhaft und nachvollziehbar schildert wie die Ränkespiele des universitären Alltags. Die Charaktere sind bei aller familiären Verbundenheit sehr unterschiedlich gezeichnet. Jedem von ihnen verleiht Smith eine eigene und wiedererkennbare Stimme. Nur Jerome, der stille und religiöse Sohn der Belseys, geht im Roman wie auch in der Familie ein wenig unter. Bei allem Menschlichen bleibt der Roman aber seinem Titel treu: Am Ende ist es die Schönheit, die das Handeln der Figuren begründet, ihren inneren Kompass ausrichtet und ihnen Antrieb gibt. Doch was schön und Schönheit ist, müssen sie alle für sich selbst erfahren.


tl;dr: Mit On Beauty ist Zadie Smith ein großer Roman gelungen über die Schönheit und ihre treibende Kraft im Leben von Menschen, aber auch über ihre Vielfältigkeit.


Zadie Smith: On Beauty. Penguin 2005. 442 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Marcu Ingendaay ist unter dem Titel Von der Schönheit bei KiWi lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 155.

Mit diesem Roman gewann Smith 2006 den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

8 Gedanken zu “Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

  1. soerenheim 29. Juni 2021 / 14:42

    Ich finde es faszinierend, wie konsequent Smith nicht einen Autorinnen-Stil kultiviert, der von Buch zu Buch gleich klingt, sondern immer wieder einen Stil neu aus dem Stoff entwickelt. White Teeth hatte noch etwas von einem geerdeten Rushdie. Schnell, tough, auch poetisch, manchmal ein wenig unkontrolliert, um nicht zu sagen wild, aber ohne das magische Drumherum. London NW wird zurecht mit Ulysses verglichen und On Beauty lässt, wenn man Vergleiche suchen möchte, eher an Updike oder vll sogar Mann denken… was ja wieder nur konsequent dieses Gutbürgerliche Uni-Millieu spiegelt…

    Du hast sicher auf englisch gelesen…? Vll kannst du ein Problem lösen, das ich mit der Übersetzung hatte: Da kam in einem Rap Sabrina Setlur vor. Das steht nicht im Original, oder?

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    • schiefgelesen 29. Juni 2021 / 14:56

      Was den Stil angeht, gebe ich dir Recht. Es ist der vierte Roman, den ich von ihr gelesen habe und man weiß nie, worauf man sich einlässt. Nur London ist eine verlässliche Größe.

      Sabrina Setlur kommt wie du vermutest hast nicht vor, auch wenn es mich sehr gefreut hätte. Ist es einer der Raps von Carl? Ich kann mal durchblättern und sehen, was ich finde. Ich erinnere mich, dass es viel um Tupac Shakur und Notorious B.I.G. ging, aber die hätte man ja sicher auch einem deutschen Publikum zugetraut.

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      • soerenheim 29. Juni 2021 / 15:00

        Ja, ich glaube es war einer seiner Raps… glaube sonst rapt auch keiner mit Text?

        Das hatte mich auch echt gewundert, ich dachte die Zeit in der man Stars ersetzt sei seit den 90ern vorbei und sowieso auf Sitcoms beschränkt. Und wenn überhaupt dann doch bitte Tic Tac Toe 😀

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        • schiefgelesen 29. Juni 2021 / 15:02

          Es gibt diese Szene im Bus Stop, da rappen auf jeden Fall die haitianischen Aktivisten. Ich bin mir aber gerade nicht sicher, ob der Text auch wiedergegeben wird.

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          • soerenheim 29. Juni 2021 / 15:06

            Ich hatte es leider aus der Bibliothek (deshalb auch auf deutsch)… hatte damals versucht, die Stelle zu ergooglen, aber ein Kindle-Kauf war mir dann doch zu teuer. Aber irgendwann will ich mir eh alle Hörbücher zulegen, dann finde ich es heraus 😀

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            • soerenheim 29. Juni 2021 / 17:03

              wow, du hast es gefunden. hatte es damals auch mit google books probiert, aber es hat die stelle einfach nicht ausgespuckt.

              Macht es noch unverständlicher… da gibt es ja gar keine Anspielung auf eine mittelmäßige Rapperin im Original.

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