Verborgen vor der Welt – „Room“ von Emma Donoghue

Für den fünfjährigen Jack ist „Room“ die ganze Welt. Für seine Mutter ist es ein Gefängnis, in dem sie seit sieben Jahren ausharren muss, ein winziges Verlies, in dem ihr Entführer sie gefangen hält. Sie spricht beinahe nicht über ihren Peiniger, aber wenn sie muss, nennt sie ihn Old Nick. Als sie Anfang zwanzig war hat er sie auf einem Parkplatz unter einem Vorwand in seinen Van gelockt und in einen fluchtsicher und schalldicht ausgebauten Gartenschuppen gesperrt.

Die Erzählung erinnert stark an den Fall Fritzl und ist sicher nichts für schwache Nerven. Old Nick kommt an fast jedem Abend in das Gefängnis, um seine Gefangene zu vergewaltigen. Auch Jack ist das Ergebnis einer Vergewaltigung. Obwohl Old Nick Jack und seine Mutter gefangen hält, lässt er keine Gelegenheit aus, sie spüren zu lassen, dass sie ihm eine Last sind. Allein das Geld, das er für ihre Lebensmittel ausgeben muss, für Strom und Wasser, für Zahnpasta und Seife, für Annehmlichkeiten wie Bücher oder eine Topfpflanze. Unbezahlbar das Ganze! Von seinen Gefangenen erwartet er stille Dankbarkeit. Widerspruch und Aufruhr bestraft er, indem er tagelang den Strom abstellt oder den beiden auf andere Art das Leben noch unerträglicher macht. Früher hat Jacks Mutter mehrfach versucht zu fliehen, doch seit ihr Sohn da ist, wagt sie es nicht mehr aus Angst vor Old Nicks Rache bei einem weiteren misslungenen Versuch.

Donoghue lässt die gesamte Geschichte von Jack erzählen. Durch diesen erzählerischen Kniff nimmt sie der Geschichte einiges an Grausamkeit. Denn für Jack ist das Leben im schalldichten Schuppen völlig normal. Er kennt den Rest der Welt nur aus dem Fernsehen. Seine Mutter hat ihm erzählt, dass das alles Fantasie ist. Er sehnt sich nicht nach der Freiheit, er vermisst weder Freunde noch Familie und er ahnt nicht, wie begrenzt sein ganzes bisheriges Leben in Wirklichkeit ist. Seiner Mutter gelingt es, ihn vor Old Nick zu schützen. Nachts, wenn Old Nick in den Schuppen kommt, versteckt sie ihren Sohn im Schrank. Old Nick soll ihn nicht einmal zu Gesicht bekommen. So begreift Jack ihn zwar als Gefahr, erfährt aber keine direkte Gewalt durch ihn.

„I don’t want there to be bad stories and me not know them.“

Diese Zentrierung auf Jack funktioniert erzählerisch sehr gut und nimmt der Geschichte vor allem das Reißerische. Allerdings ist die Erzählweise besonders zu Beginn aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Mit Jacks sehr limitierter Welt muss man erstmal zurecht kommen und versuchen zu ergründen, was jenseits seines Verständnisses liegt. Er hat sich angewöhnt, die Gegenstände in Room als Individuen zu betrachten, die Namen und eine Art Identität haben. Teppich, Löffel und Fernbedienung betrachtet er fast eher als Haustiere denn als Gegenstände. Auch das ist zu Beginn sehr irritierend und die Geschichte braucht einige Zeit, um überhaupt in Fahrt zu kommen. Das liegt auch daran, dass natürlich in Room ein Tag exakt dem anderen gleicht. Erst, als Jacks Mutter anfängt, einen riskanten Fluchtplan zu schmieden und vor allem nachdem Jack die Welt draußen kennenlernen kann, erweitert sich sein Blickfeld und die bis dahin etwas träge Erzählweise nimmt Fahrt auf.

Allerdings gelingt es Donoghue mit eben dieser Sichtweise und diesem Stil, dieses sehr schwierige Thema feinfühlig und ohne Sensationsgier zu behandeln. Mit Jack als emotionalem Stoßdämpfer bleibt der Roman in einem Rahmen, der relativ leicht zu ertragen ist. Er begegnet den Umständen mit argloser Neugier, nicht mit der verzweifelten Angst seiner Mutter, die durch die Geschehnisse schwer traumatisiert ist. Donoghues Roman fußt zwar auf bekannten Fällen, die in der Presse breitgetreten wurden, man hat aber an keiner Stelle das Gefühl, dass sie sich einfach an diesen bedient, um einen möglichst aufmerksamkeitserregenden Roman zu schreiben. Room ist eine ungewöhnlich zurückhaltende Schilderung unvorstellbarer Grausamkeiten, was die ein oder andere stilistische Unebenheit wieder ausbügelt. Dranbleiben lohnt sich in diesem Fall.


tl;dr: Schwacher Start, stärkeres Finish: Room erzählt die Geschichte einer Frau, die sieben Jahre in einem umgebauten Schuppen gefangen gehalten wird. Berichtet wird von ihrem fünfjährigen Sohn Jack, was die Grausamkeiten gut abdämpft, manchmal aber auch ganz schön mühsam ist.


Emma Donoghue: Room. Back Bay Books 2011. 361 Seiten. Erstausgabe Harper Collins 2010. Eine deutsche Übersetzung von Armin Gontermann ist unter dem Titel Raum bei Piper erschienen. Der Roman wurde mit Brie Larson und Jacob Tremblay in den Hauptrollen verfilmt.

Das Zitat stammt von S. 248.

2011 war Donoghue mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

3 Gedanken zu “Verborgen vor der Welt – „Room“ von Emma Donoghue

  1. Christoph 6. Oktober 2021 / 13:43

    Die (ziemlich gelungene) Verfilmung habe ich damals im Kino gesehen — das Buch wollte ich im Anschluss daran zwar auch bald lesen, aber irgendwie ist dann doch immer wieder etwas dazwischen gekommen.

    Gefällt 1 Person

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