Toxische Beziehungen – „First Love“ von Gwendoline Riley

Neves Ehe ist am Ende. Aus Liebe zum deutlich älteren Edwyn ist sie vor einigen Jahren aus dem Norden Englands nach London gezogen und scheint dort nun festzusitzen. Aus der einst zärtlichen, verspielten Liebe ist ein Kampf geworden, in dem es darum geht, wer die andere Person besser verletzen kann. Meistens gewinnt Edwyn. Er leidet an einer Krankheit, die ihm permanente Schmerzen verursacht, wird wehleidig und selbstgerecht. Mehrere Monate, nachdem Neve sich an einem Abend zu sehr betrunken hat, wirft er ihr noch immer diesen peinlichen Zwischenfall vor und lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu erwähnen. Ihr Verhalten ist ihm zu ruppig, ihre Ansichten zu naiv, überhaupt ihre ganze Art zeugt von einem Intellekt, der seinem deutlich unterlegen ist. Es ist überzeugt, dass Neves ganzes Verhalten darauf ausgerichtet ist, ihn zu belasten und zu ärgern.

Neve hat dem wenig entgegenzusetzen. Eine Zeitlang versucht sie noch, es ihm recht zu machen, doch dann beobachtet sie seine Ausbrüche nur noch mit distanzierter Belustigung. Sie hat gelernt, dass er zwar bellt, aber nicht mehr beißen wird. Stattdessen denkt sie nach über die Beziehungen in ihrem Leben, und was man aus Liebe erträgt.

Ihr bisheriges Leben bietet dazu reichlich Anschauungsmaterial: Die erste Ehe ihrer Mutter wurde geschieden, nachdem sie jahrelange Gewalt durch ihren Mann und Vater ihrer Kinder ertragen hat. Auch Neve und ihr Bruder haben beide so ihre Schwierigkeiten mit dem Vater, wenn auch Gewalttätigkeit nicht dazu zählt. Späte Versuche, die Beziehung noch zu retten, sind zum Scheitern verurteilt. Sowohl selbst als auch in ihrem direkten Umfeld hat Neve bisher nur Beziehungen erfahren, die auf irgendeine Art psychisch belastend waren.

„They were happy with a home, a husband and children. This silly feminist shit, it’s beneath you. Women were happy!“

Mit First Love hat Riley einen sehr intimen Roman geschrieben, der bei aller Härte auch viel Humor hat, besonders in den kleinlichen Streitigkeiten zwischen Neve und ihrem Mann. Der Roman ist sehr kurz, die Handlung sehr reduziert, das Erzählte aber relevant. Die Einsichten in eine Beziehung, die so gewalttätig ist, fast ohne dabei körperlich zu werden, sind schmerzhaft. Mit jedem Streit und jeder Gemeinheit fragt man sich mehr, warum Neve nicht geht. Zugleich beantwortet die Frage sich mit Blick auf ihre bisherigen Beziehungen. Ob sie das jemals wird hinter sich alssen können, ist fraglich. Zu sehr ist sie von ihrer ersten Liebe geprägt.


Gwendoline Riley: First Love. Granta 2017. 176 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 150.

Mit diesem Roman war Riley 2017 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

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