Nothing is free in America – „Dominicana“ von Angie Cruz

Ana ist gerade 13 Jahre alt, als der mehr als doppelt so alte Juan beschließt, dass sie seine Frau werden soll. Das Angebot kann sie nicht ausschlagen. Er ist einer der Ruiz-Brüder, die es in New York zu Wohlstand gebracht haben und vorteilhafte Geschäfte für ihre Familie versprechen. Anders als ihre Schwestern und Freundinnen hat Ana nie von einem Leben in den USA geträumt. Aber es ist der Traum ihrer Generation und ihrer Familie und irgendjemand muss ihn eben leben. Pech für Ana, dass es gerade sie trifft. Als sie 15 ist, holt ihr Bräutigam sie ab. Die Hochzeitszeremonie besteht darin, dass Juan gefälschte Papiere besorgt, nach denen sie erstens 19 und zweitens seine Frau ist und am nächsten Morgen landet sie schon in New York.

Ana träumt davon, zur Schule zu gehen, Englisch zu lernen, vielleicht sogar zu studieren. Sie will ein eigenes Unternehmen gründen und ein eigenes Auto fahren, schöne Kleider tragen und ein selbstständiges Leben führen. Nichts davon erwartet sie in New York. Die riesige Stadt überfordert sie, aber Juan lässt sie ohnehin nicht alleine aus der Wohnung. Während er arbeiten ist, hütet sie das Haus, putzt und kocht und verkauft Bekannten ihres Mannes Anzüge, die vom Lastwagen gefallen sind. Von Schule und Ausbildung ist keine Rede mehr. Sie solle fordern, hatte ihre Mutter ihr geraten: Kleider, Geld, Schmuck. Doch wenn sie fordert, sagt Juan nur nein, er könne es sich nicht leisten. Zu allem Überfluss hat Juan auch noch eine Beziehung zu einer anderen Frau, und das schon seit Jahren. Ana bleibt nichts, als es zu akzeptieren. Heimlich legt sie Dollar für Dollar zur Seite und hofft, davon bald einen Flug nach Hause zahlen zu können, denn New York wird niemals ihr zu Hause sein, das weiß sie sofort. Einen Lichtblick in dieser hoffnungslosen Situation gibt es erst, als Juan für mehrere Wochen verreist. In der Dominikanischen Republik ist ein Krieg ausgebrochen, Juan muss dort nach dem Rechten und seinem Besitz sehen. Ana bleibt alleine in New York zurück und kann endlich die Freiheit erleben, die sie sich von den USA erhofft hatte.

„I feel like our cicken back home. Let in and out, at their owner’s will.“

Cruz erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die Teil einer der ersten Einwanderungsbewegungen aus ihrem Land ist. Es gibt kaum andere Menschen aus der Dominikanischen Republik, sie fühlt sich fremd und unverstanden, allein in einer fremden Kultur. Die fehlenden Sprachkenntnisse isolieren sie zusätzlich, nicht einmal zum Smalltalk mit den Nachbar*innen reicht ihr Englisch. Juan ist ihr keine Hilfe bei der Eingewöhnung. Auch er hat praktisch nur Kontakte innerhalb der winzigen Gemeinschaft von Dominikaner*innen. Ana und ihre Familie träumen davon, dass New York einmal die Heimat vieler Dominikaner*innen sein wird, dass ihre Musik in den Clubs läuft und ihr Essen an jeder Straßenecke verkauft wird. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Durch das Fenster ihrer Wohnung, ihr einziges zur amerikanischen Kultur, beobachtet Ana, wie Malcolm X nach dem Anschlag auf ihn aus dem Audubon Ballroom getragen wird. Sie beobachtet die Menschen auf der Straße, ihren Alltag, ihre Proteste, ihre Energie. Sie wünscht sich, Teil davon zu sein, weiß aber nicht, wo und wie sie anfangen soll. Ohne es zu wollen, verliert Ana sich im amerikanischen Traum: heute noch verkauft sie auf einem Parkplatz Pasteten an hungrige Fabrikarbeiter, aber morgen schon wird ihr eine ganze Restaurantkette gehören. So zumindest ist der Plan.

Die Geschichte gerät sehr persönlich und nahbar, ohne dabei das Universelle der Migrationserfahrung zu verlieren. Nur gelegentliche historische Ankerpunkte erinnern daran, wann die Geschichte spielt. Ana könnte heute ebenso verloren sein wie 1965. Mit ihr schafft Cruz eine unwiderstehliche Protagonistin: Ana ist tough, erfinderisch, smart und viel widerstandsfähiger, als man zunächst glaubt. Bei all dem bleibt sie aber unschuldig und manchmal fast kindlich. Eben genau so, wie Juan sich sein Mädchen vom Land gewünscht hat. Ob aus ihr noch ein Big City Girl werden kann, scheint manchmal ein wenig fraglich, aber Ana kann sich durchbeißen, das lernt man in der Dominikanischen Republik auch auf dem Land. Und man wünscht ihr auf jeden Fall sehr, dass ihre Version des amerikanischen Traums Wirklichkeit werden kann.


tl;dr: Dominicana erzählt auf anrührende und authentische Art die Geschichte der 15-jährigen Ana, die mit großen Träumen nach New York kommt und alle ihre Hoffnungen enttäuscht sieht. Mit einem Mann, der sie nicht schätzt und ihr kaum Freiheiten gibt, muss sie selbst ihren Weg finden in dieser überfordernden, angsteinflößenden Stadt.


Angie Cruz: Dominicana. Hodder and Stoughton 2020. 336 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt worden.

Das Zitat stammt von S. 79.

2020 war Cruz mit diesem Roman auf der Shortlist für den Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

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