Der Tod kommt durch den Schornstein – „Hogfather“ von Terry Pratchett

Auch in Pratchetts Scheibenwelt ist Weihnachten ein ganz besonderer Tag – nur heißt er Hogswatch und die Geschenke werden vom Hogfather gebracht. Zumindest sonst ist das immer so und es muss auch so sein, denn sonst geht am nächsten Tag die Sonne nicht auf. Leider ist der Hogfather in diesem Jahr verhindert. Die Auditors of Reality haben beschlossen, etwas gegen den unsinnigen Glauben an ihn zu unternehmen und haben den Assassinen Teatime (sprich: Te – a – ti – me) auf ihn angesetzt. Damit der Glaube in dieser Nacht nicht schwindet, ist schnelles und entschlossenes Handeln gefragt. Mit beherztem Ho Ho Ho und künstlichem Bart kraxelt nun der Tod persönlich die Schornsteine der Scheibenwelt herunter, um die Geschenke zu bringen. Auch seine Enkelin Susanne hängt schneller in der Sache drin, als ihr lieb ist und muss ihren Teil dazu beitragen, den Glauben an Zahnfeen, Monster unter dem Bett und ähnliche Kreaturen am Leben zu erhalten.

„‚AND YOU MEAN THAT BECAUSE OF THIS THE POOR GET POOR THINGS AND THE RICH GET RICH THINGS?‘
’s right,‘ said Albert. That’s the meaning of Hogswatch.‘

Weiterlesen

An der Grenze zur Realität – „If I Told You Once“ von Judy Budnitz

Es ist eine märchenhafte Welt, in der Ilana aufwächst, in einem abgelegenen Dorf inmitten verschneiter Wälder. Man kann erahnen, dass es irgendwo in Sibirien sein könnte. Schon in ihrer Kindheit erlebt sie Unglaubliches. Ihr Bruder Ari ist so groß und stark wie ein Bär, die Mutter hat heilende Kräfte und Menschen sind von Dibbukim besessen. Als Ilana es nicht mehr aushält in der Enge des Dorfes, macht sie sich auf zu einem Hafen, von dem sie gehört hat. Von dort sollen Schiffe in eine andere Welt fahren.

Budnitz_IfIToldYouOnce.jpg

Budnitz erzählt im Grunde eine Auswanderungsgeschichte, das aber in großen Teilen geprägt von Phantastik und magischem Realismus. Was wahr ist und was nicht, ist nicht immer leicht herauszufinden. Man kann sich aus den verschiedenen Geschichten allerdings erschließen, dass Ilana kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa ein Schiff besteigt, das sie und ihren Mann in die USA bringt, wahrscheinlich nach New York. Die Geschichte folgt Ilana und ihren weiblichen Nachkommen noch drei Generationen lang, bis zu ihrer Urgroßenkelin Naomie.

Weiterlesen

Vom schweren Weg aus der Gewalt – Meena Kandasamy: „When I Hit You. Or, A Portrait of the Writer as a Young Wife“

Die namenlose Protagonistin in Kandasamys Roman heiratet sehr jung und zieht mit ihrem Mann nach Mangalore, wo er an der Universität arbeitet. Sie spricht die lokale Sprache nicht, findet zunächst keine Anstellung und noch weniger Anschluss und bleibt zunächst zu Hause. Als Autorin und Übersetzerin kann sie schließlich auch von dort aus ein wenig arbeiten.

Kandasamy_WhenIHitYou.jpg

Nach nur wenigen Tagen Ehe beginnt schon der Terror. Beim Abendessen beginnt ihr Mann, sich mit Streichhölzern Verbrennungen zuzufügen. Er will erst aufhören, wenn sie ihren Facebook-Account deaktiviert. Also schreibt sie einen letzten schnellen Post, behauptet eine kurze Auszeit zu brauchen, um in ihrem neuen Leben anzukommen, und deaktiviert das Konto. Wenige Tage später gibt er ihr das Passwort zu seinem Mail-Konto und verlangt das ihre. Wenn sie nichts zu verbergen habe, könne sie es ihm ja geben. Er beginnt, ihre Mails zu beantworten und deaktiviert schließlich das Internet ganz, solange er nicht zu Hause ist. Sie bekommt ein neues Handy, dessen Nummer niemand kennt. Er schneidet sie von ihrem bisherigen Leben vollkommen ab, weil er Angst hat, dass sie Kontakt zu anderen Männern haben könnte, dass sie Ex-Freunde anruft. Das alles reicht aber immer noch nicht, um ihn zu beruhigen. Er wirft ihr vor, dass sie immer noch an sie denke, dass sie andere Männer in Gedanken liebe.

Weiterlesen

Unauffindbar in Seattle – Maria Semples „Where’d You Go, Bernadette“

Als Bee geboren wird, hängt ihr Leben am seidenen Faden. Sie ist so blau, dass ihre Mutter Bernadette beschließt, sie Bandakrishna zu nennen. Fünfzehn Jahre später findet sie die Idee so blöd, dass sie Wert darauf legt, dass ihre Tochter überall unter „Bee“ läuft, so auch bei der bevorstehenden Antarktis-Kreuzfahrt. Die ist ein besonderer Wunsch von Bee, der ihr anlässlich eines Schulabschlusses mit lauter Einsen im Zeugnis gewährt werden soll.

Semple_Bernadette.jpg

Für Bernadette ist diese Kreuzfahrt der reinste Horror. Erstens wird sie leicht seekrank, zweitens hasst sie Menschen. Nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen, sondern auch in Seattle, der Heimat der Familie. In Bees Schule wird Wert darauf gelegt, dass auch die Eltern sich in den Alltag einbringen. Bernadette hat darauf so wenig Lust, dass sie sich schnell mit der gesamten Liga der vorbildhaften Mütter anlegt, die total gerne Schulausflüge begleiten. Die nun bevorstehende Kreuzfahrt klingt für sie so fürchterlich, dass sie laut überlegt, einfach zu verschwinden. Und tatsächlich – kurz bevor es losgehen soll, geht Bernadette nur kurz aufs Klo und wird danach nicht mehr gesehen. Where’d You Go, Bernadette ist der Versuch ihrer Tochter, die Spur aufzunehmen und mit Hilfe von Mails, Zeitungsausschnitten und anderen Schriftstücken herauszufinden, wo ihre Mutter jetzt sein könnte.

Weiterlesen

Emily St John Mandels „Station Eleven“

Georgien scheint weit weg zu sein, als die Nachrichten einer dortigen Grippe-Welle die USA erreichen. Ein besonders aggressiver Erreger der Schweinegrippe ist mutiert und befällt nun auch Menschen. Wer die ersten Krankheits-Symptome zeigt, hat noch 24 bis 48 Stunden zu leben, eine Heilung gibt es nicht, auch keine Impung. Als die erste Maschine mit Infizierten aus Moskau eintrifft, ist es schon lange zu spät. Die Seuche breitet sich rasant über den ganzen Kontinent, die ganze Welt aus und tötet fast alle, die auf ihr leben.

StMandel_StationEleven.jpg

Die wenigen, die es schaffen, hoffen noch einige Wochen auf Rettung und beginnen dann, in der völlig veränderten Welt ein neues Leben aufzubauen. Einige von ihnen finden sich in einer Art Wanderzirkus zusammen. Sie tingeln durch Kanada und den Norden der USA, tauschen Shakespeare-Stücke und Symphonie-Konzerte gegen Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Doch ihre Wege sind voller Gefahren. Die neue Gesellschaft ist auch zwanzig Jahre später noch im Aufbau, neue Siedlungen entstehen, andere brechen zusammen und nicht alle wollen ihren Lebensunterhalt mit ehrlichen Mitteln bestreiten.

Weiterlesen

Leben im totalitären Matriarchat – Laline Paulls „The Bees“

Der Beginn des Romans liest sich wie klassische Science Fiction: Lebewesen, die in einem Raumschiff leben, über Fühler kommunizieren, ihr Wissen in mythischen Tänzen weitergeben und sich mit den Füßen orientieren. Ein Volk, das in einer strengen Hierarchie lebt, in der jede ihren Platz hat, Widerstand zwecklos ist und der Kampf gegen andere Völker erbarmungslos ausgefochten wird.

20190923_214017_resize_12.jpg

Allerdings ist das Raumschiff eine höchst irdische Angelegenheit. Es ist ein Bienenstock, der am Rande einer Wiese steht. In ihm wird Flora 717 geboren. Zu groß und zu hässlich weicht sie so sehr von der Norm ab, dass sie eigentlich sofort getötet werden soll. Doch dank ihrer erstaunlichen Fähigkeiten wird sie erfolgreicher Teil eines Experiments, lässt die angeborene Kaste der Reinigungsbiene hinter sich und gehört schließlich sogar zum engsten Kreis der Königin. Die Königin ist das wichtigste Wesen im Volk, Mutter aller und Mittelpunkt allen Handelns. Doch nicht nur ihre Rolle ist festgelegt. Jede einzelne Biene hat ihre Funktion, ihre Ermächtigungen und ihre Grenzen. In Spur gehalten wird das alles vom kollektiven Bewusstsein, dem „Hive Mind“. Wenn jemand abweicht oder gar Rebellion droht, wird erbarmungslos kurzer Prozess gemacht. Mit Selbstkritik-Sitzungen hält man sich in der totalitären Honig-Republik nicht auf. Wer nicht spurt, fliegt und zwar in mindestens zwei Teilen.

Weiterlesen

Ja wo laufen sie denn? – Jane Smileys „Horse Heaven“

Um es vorweg zu nehmen – bei Horse Heaven habe ich getan, was ich für das gesamte „Women’s Prize„-Projekt ausgeschlossen hatte: Ich habe es abgebrochen. Nach 274 von 699 Seiten habe ich es schlicht nicht mehr ausgehalten. Ich weiß nicht, was in die Jury gefahren ist, diesen Roman auf eine Shortlist zu setzen, auf der auch Margaret Atwood und Ali Smith standen.

20190816_214558.jpg

Horse Heaven ist ein Roman über Rennpferde und Pferderennen. Die ersten hundert Seiten hatte ich noch die Hoffnung, es könnte eigentlich um komplexe zwischenmenschliche Beziehungen gehen von Leuten, die eben auch Pferde besitzen oder mit ihnen arbeiten. Aber es geht um die Pferde. Wie sie gestriegelt, massiert, geritten, gemustert, geschätzt, verletzt, verkauft und gekauft werden. Sie heißen Residual, Epic Steam und Limitless, sind Englische Vollblüter und Rennpferde. Ihre Herkunft wird peinlich genau benannt.

Weiterlesen

Großkatzen im Krisengebiet: Téa Obrehts „The Tiger’s Wife“

Natalia, eine junge Ärztin, ist auf Reisen, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Sie ist aufgewachsen in einem unbenannten Balkanstaat, von dem man ahnen kann, dass es Serbien ist. Nun reist sie in den ehemals verfeindeten Nachbarstaat, wo sie Waisenkinder medizinisch versorgen soll. Ihr Großvater ist vor wenigen Tagen ganz in der Nähe verstorben, in einem Dorf kurz hinter der Grenze. Von seiner Krebserkrankung wusste nur Natalia. Nun bekommt sie von der aufgebrachten Witwe den Auftrag, seine persönliche Habe aus dem fernen Krankenhaus zu holen, denn nur so kann seine Seele Frieden finden.

„The forty days of the soul begin on the morning after death. That first night, before the forty days begin, the soul lies still against sweated-on pillows and watches the living fold the hands and close the eyes, choke the room with smoke and silence to keep the new soul from the doors and the windows and the cracks in the floor so that it does not run out of the house like a river.“

Und das ist eigentlich auch schon die gesamte Rahmenhandlung des Romans. Obreht erzählt vor allem aber die Geschichte des Großvaters, die auch eine Geschichte Jugoslawiens und seiner Konflikte ist. Aufgewachsen ist der Großvater in einem kleinen Dorf am Rande eines Waldes, doch schon aus dieser Zeit kann er Geschichten erzählen, die man kaum glauben kann. Von einem Tiger, der eine Frau im Dorf gehabt haben soll und von einem Jäger, der selbst zum Bären wurde. Und auch einen engen Verwandten des Todes, den unsterblichen Gavran, hat der Großvater kennengelernt.

Weiterlesen

Die riskante Suche nach der Wahrheit – Manda Scotts „Hen’s Teeth“

Mitten in der Nacht erhält Kellen einen Anruf. Ihre Ex-Freundin Bridget ist tot. Sie eilt zu der Farm, die sie mal gemeinsam besessen und bewohnt haben und findet Bridget friedlich entschlafen im Bett vor. Herzinfarkt sagt der herbeigerufen Hausarzt, eine Überdosis Temazepam sagt die Gerichtsmedizinerin. An einen Selbstmord glauben aber weder Kellen noch Bridgets neue Freundin Caroline. Nun ist es an den beiden Frauen und ihren Freundinnen, die Umstände von Bridgets Tod aufzuklären. Dass sie sich dabei selbst in tödliche Gefahr begeben, versteht sich von selbst. Denn Bridget wusste mehr, als sie wissen durfte und je mehr die selbsternannten Ermittlerinnen erfahren, umso knapper wird ihre Zeit.

„Bridget? Mentor, teacher, friend and, a long, long time ago, my lover. The only one who ever counted.“

Von der Story her ist Hen’s Teeth erstmal ein ganz normaler Krimi, der in Glasgow und dem ländlichen Umland der Stadt angesiedelt ist. Was dieses Buch aus der Masse herausstechen lässt, ist der Umstand, dass nahezu alle handelnden Personen homosexuelle Frauen sind. Wer es nicht ist, ist Polizist, ein Pony oder potenziell verdächtig. Und ich glaube, das war auch der Grund, weshalb Hen’s Teeth für den Orange Prize for Fiction nominiert war. Der literarische Anspruch ist nämlich nicht unbedingt literaturpreisverdächtig. Das ist nun aber auch nichts, was ich von einem Krimi erwarten würde. Als Krimi aber funktioniert die Geschichte sehr gut. Die Frauen, die an der Aufklärung des Mordes beteiligt sind, ergänzen sich zufällig ziemlich gut und so ist es kein Problem für sie, in der Pathologie herumzuschnüffeln, Laborergebnisse zu bekommen und sich in IT-Systeme einzuhacken. Letzteres ist übrigens sehr charmant (und selbstverständlich) auf dem Stand von 1996. So gibt es eine sehr schöne Szene, in der sehr viele wertvolle Minuten verstreichen, weil die unglaubliche Menge mehrerer hundert MB auf einen Stapel Disketten kopiert werden muss.

Weiterlesen

Der Teufel trägt pink – „A Short History of Tractors in Ukrainian“ von Marina Lewycka

Lange bevor der Hundertjährige aus dem Fenster stieg und unsinnig lange Titel zum Erfolgsgarant wurden, landete Marina Lewycka mit Eine kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch schon einen Überraschungserfolg auf dem deutschen wie internationalen Markt. Die Mischung aus skurrilen aber liebenswerten Charakteren, einer nicht allzu komplexen Story und einer positiven Message funktioniert halt fast immer.

20190803_113539.jpg

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau schlägt das Herz von Nikolai, dem 84-jährigen Vater von Vera und Nadezhda wieder höher: er hat Valentina kennengelernt, eine attraktive und lebensfrohe Ukrainerin, die so gerne in England leben und seinen Lebensabend versüßen will. Obwohl Vera und Nadia hektisch versuchen zu intervenieren, läuten bald die Hochzeitsglocken und Valentina und ihr angeblich hochbegabter Sohn Stanislav werden Teil der Familie Mayevskyj. Und schon geht genau das Drama los, das die Töchter befürchtet hatten: Valentina ist eine aufgetakelte, egomanische, aggressive Hexe in pinken Minikleidern. Sie will einen neuen Ofen, einen neuen Staubsauger, ein neues Auto, ein neueres, schickeres Auto und noch so dies und das. Ihrem neuen Mann gegenüber verhält sie sich kaltherzig, mitunter sogar gewalttätig. Da lässt selbst die überzeugte Feministin Nadia alle schwesterliche Solidarität fahren und überdenkt auch noch schnell ihre liberale Meinung zum Asylrecht. Die pinke Hexe muss zurück wo sie herkommt, und das so schnell es geht. Aber lässt sich der verliebte Vater so einfach zu einer Scheidung überreden?

„I have a feeling that something terrible is going on, but I can see that my father is alive and excited for the first time since my mother died.“

Weiterlesen