Große Visionen und humanitäre Katastrophe – „Half of a Yellow Sun“ von Chimamanda Ngozi Adichie

Es sind unruhige Zeiten, in denen Adichies Roman über die Hälfte der Sonne spielt. Nigeria ist er seit kurzem, seit 1960 unabhängig, doch es ist ein fragiles Konstrukt. Die Grenzen des neuen Staates basieren allein auf kolonialer Strategie, die Konflikte zwischen den mehrheitlich muslimischen Volksgruppen im Norden und dem christlich geprägten Süden brodeln.

Chimamanda Ngozi Adichie - Half Of A Yellow Sun

Ugwu, ein Junge aus einem kleinen Dorf, wird mitten in den Konflikt gerissen, als er Hausdiener bei Odenigbo wird, einem Dozenten an der neuen Universität von Nsukka, der ersten im Land, die nicht von kolonialen Herrschern gegründet wurde. Odenigbo ist ein glühender Feind des Kolonialismus und stolzer Igbo. Seinem radikalen Charme verfällt der halbe Campus, der regelmäßig zu Diskussionsrunden bei ihm zusammenkommt, aber auch die schöne Olanna, Tochter reicher Eltern, die es in Lagos zu solidem Wohlstand gebracht haben. Die beiden sind natürlich nicht so begeistert, dass die vielversprechende Tochter sich mit einem Sozialisten einlässt und lieber an der neuen Universität unterrichtet als die Firmengeschäfte zu übernehmen. Zum Glück ist da noch Zwillingsschwester Kainene, die ein bisschen mehr Geschäftssinn besitzt, sich aber ausgerechnet in den Briten Richard verliebt, der ein Buch über die nigerianische Volkskunst schreiben will.

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Große Stories und gekränkte Eitelkeit – „Eveless Eden“ von Marianne Wiggins

Es ist 1986, eine enorme CO2-Wolke aus dem Nyos-See hat gerade knapp 1.700 Menschen getötet, als sich Noah und Lilith das erste mal in einer Bar begegnen. Er ist nach Kamerun gekommen um im Auftrag seiner Zeitung über den Vorfall zu berichten, sie tingelt als freie Fotografin von Krisenherd zu Unglücksort. Noah bewundert ihre Arbeit schon lange, war aber immer davon ausgegangen, dass sich hinter ihrem Künstlernamen Divi ein Mann verbirgt. Welche Frau ist denn schon so mutig und reist in Kriegsgebiete und macht dann auch noch so gute Fotos? Er weiß noch nicht, wer sie ist, da nutzt er schon die erste sich bietende Gelegenheit, sie unter ihrem Regencape zu begrapschen. Ja, so ekelhaft ist Noah und so ekelhaft bleibt Noah. Dennoch findet er Lilith wenig später in seinem Hotelzimmer. Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, die ein jähes Ende findet, als Lilith vor einem Heiratsantrag flüchtet und vor ein Auto läuft.

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Das Auto wird gesteuert von Adam Pentrú, rumänischer Handelsminister. Das erfährt Noah aber erst später, als Lilith schon längst mit Adam durchgebrannt ist und er sich manisch in die Idee verbeißt, dass dieser Pentrú irgendwie Dreck am Stecken haben muss, dass es etwas geben muss, mit dem er ihn festnageln kann, aus dem Verkehr ziehen kann, kurz: Lilith zurückerobern kann. Da das nicht so schnell geht, vergewaltigt er Lilith stattdessen, als er sie im Kontext des Mauerfalls kurz im Berliner Tiergarten trifft.

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Gefallene Frauen und unversöhnliche Männer – „Paradise“ von Toni Morrison

Die Handlung von Paradise beginnt mit einer Gewalttat, einem Angriff auf ein Kloster. Es sind Männer aus dem nahen Dorf Ruby, die das Frauen-Refugium attackieren, bewaffnet mit Seilen und Gewehren.

Das Kloster hat den Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, wird aber immer noch von allen so genannt. Es ist lange her, dass es einem Orden gehörte und Nonnen dort lebten. Nun ist es eine Unterkunft für Frauen, die sonst keinen Ort finden, an dem sie leben können oder wollen. Mavis, deren Kinder in einem überhitzten Auto starben, Gigi, die ziellos und selbstbewusst durch die Staaten tingelt, Seneca, deren Mutter abgehauen ist und die in verschiedenen Pflegefamilien aufwuchs. Die Berührungspunkte mit dem Dorf sind gering und beschränken sich im wesentlichen auf den Verkauf von Produkten aus dem Gemüseanbau der Frauen. Doch wo die Frauen auftauchen sorgen sie für Unmut. Zu knapp ist ihre Kleidung, zu laut ihr Lachen, zu unverheiratet ihr Familienstand.

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Ein gebrochenes Herz und die beste Vinaigrette – „Heartburn“ von Nora Ephron

Rachel Samstat, geborene New Yorkerin, ist ihrem Mann Mark Feldmann zu Liebe nach Washington gezogen. Sie ist Autorin von Kochbüchern und hat seit einiger Zeit auch eine eigene Fernsehsendung. Mark ist ein erfolgreicher Journalist, das Ehepaar hat bereits ein Kind und Rachel ist schwanger mit dem zweiten. Mark und Rachel bewegen sich in Washingtons höchsten Kreisen, dinieren mit Promis und Diplomaten. Klatsch und Tratsch sind an der Tagesordnung und am heißesten wird gerade die Frage diskutiert, mit wem Freundin Thelma eine Affäre hat. Denn sie hat eine, das ist allen klar. Nach wochenlangem Rätselraten findet Rachel es heraus: es ist ihr Mann Mark. All die Tage, an denen er behauptete, Glühbirnen kaufen zu gehen und ohne zurückkam – er hat sie genutzt, um Thelma zu treffen. Tief verletzt steigt Rachel in den nächsten Flieger und setzt sich ab ins New Yorker Elternhaus. Sie ist am Boden zerstört und nicht bereit, zu verzeihen oder irgendwelche Kompromisse einzugehen. Sie macht so gute Vinaigrettes, wie kann Mark das alles aufs Spiel setzen?

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Heartburn ist eine sehr, sehr autobiographisch inspirierte Beziehungs- und Scheidungsgeschichte. Norah Ephron war Journalistin und Autorin etlicher Romane und Drehbücher, u. a. schrieb sie die Drehbücher für Harry und Sally und Schlaflos in Seattle. Der Mann, der im Roman Mark heißt, hieß in der Realität Carl Bernstein, war der Journalist, der die Watergate-Affäre auffliegen ließ und Ephrons zweiter Mann. Zusammen waren sie ein extrem erfolgreiches Paar, das einen festen Platz in der High Society von Washington hatte. Ephron hatte allerdings von Anfang an ihre Zweifel, da Bernstein sie schon vor der Hochzeit betrogen hatte und so hielt die Ehe dann auch nur knappe vier Jahre. Das Ende wurde eingeläutet von Bernsteins Affäre mit der späteren Labour-Politikerin Margaret Jay.

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Der Fluch der undankbaren Töchter – Shakespeares „King Lear“ und „Dunbar“ von Edward St Aubyn

Shakespeares Tragödie um den König Lear ist vermutlich um etwa 1605 entstanden und gehört bis heute zu seinen meistgespielten Werken. Sie basiert auf dem sagenumwobenen König Lier, der in vorrömischer Zeit in England regiert haben soll und zu Shakespeares Zeit dank diverser Überlieferungen sehr bekannt und auch gerade sehr en vogue war.

Für die Reihe „The Hogarth Shakespeare“ hat Edward St Aubyn diese Tragödie in die Gegenwart übertragen. Statt eines Königsreichs vererbt der Patriarch in der Neuerzählung ein Medien-Imperium.

King Lear

Der alternde König Lear möchte abdanken und plant, sein Reich unter seinen drei Töchter Goneril, Regan und Cordelia aufzuteilen. Doch wer soll wieviel kriegen? Das will er davon abhängig machen, wer ihn am meisten liebt. Diese Frage also richtet er an seine drei Töchter. Während Goneril und Regan sich in Liebes- und Ehrfurchtsbekundungen überschlagen, sagt Cordelia nur, ihre Liebe kenne keine Worte. Sie liebe ihn eben so, wie eine Tochter ihren Vater liebt. Lear ist wenig beeindruckt von dieser Aussage, enterbt die ehrliche Cordelia und teilt sein Reich unter den Schleimerinnen Goneril und Regan auf. Während die beiden sich nebst ihren Gatten an ihre jeweiligen Höfe zurückziehen, geht Cordelia mit dem König von Frankreich von dannen, der sie auch ohne Erbteil heiraten will.

Der zweite Familienkonflikt, der sich in der Tragödie ereignet, ist der zwischen Gloucester und seinen beiden Söhnen, dem illegitimen Edmund und dem legitimen Edgar (nicht verwechseln!). Der intrigante Edmund behauptet Gloucester gegenüber, dass Edgar ihn töten will. Gloucester glaubt das und hat es nun seinerseits auf Edgar abgesehen. Edmund erzählt wiederum Edgar, dass Gloucester ihn (warum auch immer!) töten will und rät ihm zur Flucht. Edgar flieht in die Heide, wo er bald auf Lear treffen soll.

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Wie erleuchtet darf ein Familienvater sein? – „Einmal Buddha und zurück“ von Anne Donovan

Jimmy, Maler und Tapezierer aus Glasgow, entdeckt mit Ende dreißig den Buddhismus für sich. Statt abends mit seinem Bruder in den Pub zu gehen, meditiert er in seinem Zimmer und verbringt Wochenenden in buddhistischen Seminarzentren. Seine zwölfjährige Tochter Anne Marie reagiert ungläubig aber neugierig, seine Frau Liz ist bald einfach nur noch genervt. Sie glaubt, dass das alles nur eine Phase ist, kocht vegetarische Mahlzeiten und hofft, dass ihm die Idee mit der Enthaltsamkeit bald selbst blöd vorkommt.

„Ich versuchte, geduldig zu sein und ihm zuzuhören, aber wenn er diesen Blick hatte, kam man nicht mehr an ihn ran, alle anderen waren ihm egal. Und wie er darüber redete – als ob das alles neu wäre, als ob er den Quatsch höchstpersönlich erfunden hätte.“

Doch Jimmys Weg zur Erleuchtung wird ihm immer ernster und schließlich zerkracht das Ehepaar sich so sehr, dass er auszieht und fortan im Meditationsraum des buddhistischen Zentrums übernachtet. Nach dem ersten Schrecken beginnt Liz sich zu fragen, ob das nicht auch ganz gut so ist. Mit ihren 33 Jahren entdeckt sie, dass es auch ein Leben jenseits gibt von Jimmy, mit dem sie jetzt schon seit 17 Jahren zusammen ist.

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Gute Katholiken – „Liars and Saints“ von Maile Meloy

Mitten im Krieg heiraten Yvette Grenier und Teddy Santerre in Santa Barbara. Yvettes Familie wird ihr nie verzeihen, dass sie Kanada verlässt, um einen Amerikaner zu heiraten. Beide stammen aus streng katholischen Familien, beide meinen es ernst mit Heim und Ehe. Als Teddy seine Karriere als Flieger bei der Armee endlich hinter sich gebracht hat, steht dem jungen Glück inklusive zweier Töchter nichts mehr im Weg.

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Außer vielleicht besagte Töchter. Obwohl ihre Eltern alles für das Seelenheil von Margot und Clarissa geben, werden die beiden doch von den wilden 60er-Jahren mitgerissen. Margot wird schwanger vom Tanzlehrer, Clarissa verliebt sich einen Hippie und hört auf, BHs zu tragen. Um zumindest größeren Schaden abzuwenden, zieht Yvette Margots Sohn Jamie als ihren auf und tut, als sei er eben ein Nachzügler. Dass Jamie nicht ihr Sohn ist, hält sie sogar vor ihrem Mann lange geheim. Natürlich stürzt das die Familie auf lange Sicht in größere Schwierigkeiten.

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Aufstieg und Stillstand – „NW“ von Zadie Smith

Leah und Keisha wachsen gemeinsam auf in Londons Nordwesten, in Wohnblöcken, die nach wichtigen Philosophen benannt sind: Bentham, Locke, Russel, Hobbes, Smithes heißen die Koordinaten ihrer Jugend. Dass sie dort nicht bleiben wollen, ist beiden schnell klar. Denn trotz der vielversprechenden Namen ist ihre Wohngegend so trost- wie chancenlos. Wer bleibt, endet oft genug in Drogenabhängigkeit und Kleinkriminalität. Leah und Keisha haben große Pläne, studieren und versuchen, das beste aus ihrer Herkunft zu machen. Keisha muss sich dabei immer mehr anstrengen als Leah. Als Schwarze kann sie sich die rebellischen Eskapaden ihrer rothaarigen Freundin nicht erlauben. Ihre Mutter war immer darauf bedacht, dass ihre Kinder unter dem Radar bleiben, nie auffallen, sich immer ein kleines bisschen besser benehmen, bloß nicht unangenehm auffallen. Schließlich ändert Keisha sogar ihren Namen und wird als Natalie eine erfolgreiche Anwältin. So erfolgreich, dass Leah, die es „nur“ zur Sachbearbeiterin beim Sozialamt gebracht hat, sich bei ihren Einladungen zwischen all den etablierten Jurist*innen oft fehl am Platz fühlt. Natalies Einladungen geben ihr, die immer noch im Nordwesten lebt, das Gefühl, nur noch Staffage aus alten Tagen zu sein.

„She had been asked to pass the entirety of herself through a hole that would accept only part.“

Die Freunde ihrer Kindheit und ihre Geschwister, die in den Wohnblocks bleiben, folgen dem Weg der ihnen qua Geburt vorherbestimmt scheint. Einige werden früh Eltern, viele werden drogenabhängig, ebenso viele halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser. Dabei machen sie auch vor Ihresgleichen nicht halt. Der Roman beginnt mit Shah, einer ehemaligen Schulkameradin Leahs, die ohne jede Skrupel mit einer rührseligen Geschichte 30 Pfund von Leah ergaunert. Und Nathan, in den Leah früher heimlich verschossen war, lebt mittlerweile auf der Straße. Felix, der ebenfalls im Viertel aufgewachsen ist, scheint es endlich geschafft zu haben, scheint einen Weg aus seiner Misere gefunden zu haben, als er überfallen und erstochen wird. Der Nordwesten lässt einen nicht so einfach gehen.

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Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

Arlington Park ist eine Vorstadtsiedlung, die ausnahmsweise nicht im US-amerikanischen Suburbia liegt, sondern im Dunstkreis von London. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere, die Männer arbeiten viel, die Kinder besuchen gute Schulen und die Frauen schmeißen den Haushalt. Der gesamte Roman spielt an nur einem einzigen regnerischen Tag und fokussiert sich dabei auf fünf Frauen, die unterschiedlich zufrieden sind mit dem Leben in der Vorstadt-Idylle.

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Es beginnt mit Juliet, die an diesem einen Tag, den der Roman ihr gibt, noch sauer ist auf den Vorabend, an dem ein Mann sie mal wieder nicht ernst genommen hat und sie sich nicht richtig gewehrt hat. Juliet ist im Grunde kreuzunglücklich in Arlington Park, wo sie mit ihrem Doktortitel an einer Schule unterrichtet, die sie einst mit großen Plänen verließ. Nun darf sie an einem Freitag im Monat den Literaturclub leiten und ihr Mann muss ausnahmsweise die Kinder von der Schule abholen. Eine logistische Meisterleitung, vor allem für Juliet. Sie ist sich sicher: Männer bringen Frauen in der Ehe um, Stück für Stück, Tag für Tag sterben die Frauen ein kleines bisschen mehr.

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Willkommen im gelobten Land – „Digging to America“ von Anne Tyler

Als Jin-Ho und Sooki im August 1997 das erste mal amerikanischen Boden betreten, werden sie von einer großen Gesellschaft in Empfang genommen. Bitsy und Brad Donaldson haben monatelang darum gekämpft, ein Kind aus Korea adoptieren zu können und haben die gesamte Familie samt Camcorder an den Flughafen verfrachtet, um den Moment der Ankunft von Jin-Ho erleben zu können. Bescheidener geht es zu bei Familie Yazdan, die fast unbemerkt Sookie in Empfang nimmt. Aber eben nur fast unbemerkt. Als die Donaldsons feststellen, dass eine andere Familie ihr Schicksal teilt, erklären sie die Yazdans fast schon zu ihren neuen besten Freunden.

Anne Tyler Digging to America

Über die Jahre entwickelt sich tatsächlich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Familien, auch wenn die Donaldsons es gelegentlich übertreiben. Vor allem Bitsy glaubt am weltbesten über Kindererziehung Bescheid zu wissen und verurteilt die Familie Yazdan dafür, dass Sooki jetzt Susan heißt und nicht in koreanischen Kleidern herumläuft. Jin-Ho würden sie nie auf diese Art ihres Erbes berauben. Jedes Jahr treffen die beiden Familien sich und feiern den „Tag der Ankunft“, jedes mal singen alle gemeinsam „She’ll be coming round the mountain“ und sehen das Video an, das die Familie Donaldson am Flughafen aufgenommen hat.

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