Essen aus Büchern: Empanadas Dulces aus Barbara Kingsolvers „The Lacuna“

Harrison Shepherd, Protagonist in Kingsolvers Roman The Lacuna hat keinen leichten Start ins Leben. Das Beziehungsleben seiner Mutter ist unstet, die Wahl ihrer Wohnorte ebenso. Dass er mal bei den ganz Großen der Kunst und Politik mitmischen würde, hätte man bei dem holprigen Start gar nicht geglaubt. Und doch ist er am Ende Leibkoch Diego Riveras und Vertrauter seiner Frau Frida Kahlo.

Zu verdanken hat er das Leandro, Koch in einem Haushalt, in dem er und seine Mutter eine Zeitlang leben. Geduldig bringt der begeisterte Koch dem Jungen alles bei, was er über Teige und ihre Füllungen weiß. Das befähigt Harrison später, Farben in genau der Konsistenz anzurühren, die Rivera für sein gigantisches Fresko im Palacio Nacional braucht. Der ist so nachhaltig beeindruckt vom talentierten Hilfsarbeiter, dass er ihn später als Koch in seinen Haushalt holt. Von da an geht es für Harrison steil bergauf.

Directions for making empanadas dulces

They can be triangular, or curled like snails with the filling inside. The dough is the same, either way: white flour with lard and a little salt rubbed in. Beat egg yolks into a little cold water (as many eggs as Olunda will spare), then mix the liquid lake into the volcano of flour.

Der Haushalt von Diego und Kahlo ist chaotisch und mitunter spartanisch. Die Küche ist winzig und muss ohne einen Ofen auskommen. Aber kein Problem – das nebenan gelegene Restaurant hilft gerne und oft. Trotz der einschränkenden Umstände gelingt es Harrison, immer wieder die tollsten Spezialitäten auf den Tisch zu bringen. Und das beeindruckt vor allem Rivera, der glaubt, die Dienerschaft halte sich streng an die fantastischen Rezepte seiner Frau.

What he doesn’t know is the servants did the cooking, not her, right from the beginning when they still lived with her parents. After they moved here, secretly she had the most meals picked up from the San Angel next door.

Rivera liebt das Rezept so sehr, dass er seinen Koch nötigt, es aufzuschreiben, falls er ihn jemals verlassen sollte. Ob Harrison das wirklich macht, erzählt der Roman nicht. Für den Fall der Fälle ist hier ein Rezept für Empanadas mit zwei süßen Füllungen:

Empanadas Dulces

Teig:

  • 300 g Weizenmehl
  • 80 g Schweine- oder Butterschmalz
  • 1 Eigelb
  • 1 Prise Salz
  • ca. 50 ml kaltes Wasser

Das Eigelb in das Wasser einrühren. Alle Zutaten zu einem glatten Teig verarbeiten, evtl. etwas mehr Wasser zugeben, wenn der Teig zu trocken wird. Er muss so geschmeidig sein, dass er sich später ausrollen lässt.

Luftdicht abgedeckt mind. 1 Stunde kaltstellen.

In dieser Zeit eine der beiden Füllungen vorbereiten:

Variante 1: Ananas-Füllung

  • 1 kg Ananas
  • 200 g Rohrzucker
  • 200 ml Wasser
  • Sternanis
  • evtl. Speisestärke

In einem kleinen Topf den Rohrzucker in Wasser auflösen, zum Kochen bringen und etwa 20 Minuten köcheln lassen, bis die Flüssigkeit eindickt.

In der Zwischenzeit die Ananas in kleine Stücke schneiden und in einem größeren Topf erhitzen. Je nach Geschmack 2 – 4 Sternanis zugeben. Nach und nach die Zuckermischung angießen. Das Fruchtfleisch sollte immer etwas bedeckt sein. Köcheln lassen, bis die Ananas weich wird und sich mit einem Löffel zerdrücken lässt. Dann den Sternanis rausnehmen und die Ananas pürieren. Bei niedriger Temperatur eindicken lassen, bis kaum noch Flüssigkeit vorhanden ist. Ggf. mit etwas Speisestärke andicken. Vor der Weiterverarbeitung etwas auskühlen lassen.

Die Ananas-Füllung kann man sowohl für schneckenförmige Empanadas verwenden, als auch für dreieckige. Hier beschrieben wird die schneckenförmige Variante, für die dreieckigen s. Variante 2.

Den Ofen auf 160°C (Umluft) vorheizen.

Den Teig auf der bemehlten Arbeitsfläche dünn ausrollen. Die Teigplatte auf ein Stück Backpapier geben. Die Füllung gleichmäßig auf dem Teig verteilen, dabei einen etwa 1,5 cm breiten Streifen an einer langen Seite freilassen. Diesen Streifen mit etwas Wasser befeuchten. Von der anderen Längsseite her den Teig vorsichtig zu einer möglichst festen Schnecke aufrollen. An der Nahtstelle etwas andrücken. Mit einem scharfen Messer (der Text verlangt eine Machete) die Teigrolle in etwa 3 – 4 cm dicke Stücke schneiden. Die Teigrollen mit einer offenen Seite nach oben auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech setzen.

Bei 160° C etwa 15 – 20 Minuten backen. Auf einem Kuchengitter auskühlen lassen.

Variante 2: Milchcreme-Füllung

  • 500 ml Milch
  • 125 g Zucker
  • 4 Eigelb
  • 2 EL Maisstärke
  • etwas Wasser
  • 1/2 Zimtstange oder gemahlenen Zimt

Die Milch mit dem Zucker vermischen, die Zimtstange hineingeben und alles zum Kochen bringen. In der Zwischenzeit die Maisstärke in etwas Wasser auflösen. Die Eigelbe verrühren und die Speisestärke unterrühren.

Wenn die Milch kocht, den Topf vom Herd ziehen, die Zimtstange entnehmen und die Milch etwa fünf Minuten abkühlen lassen. Dann unter ständigem Rühren die Ei-Stärke-Mischung in dünnem Strahl eingießen. Den Topf wieder auf den Herd stellen und die Creme langsam erhitzen, bis sie deutlich andickt. Sie darf nicht mehr kochen.

Die Creme muss so fest sein, dass sie in ausgekühltem Zustand nicht mehr vom Löffel fließt. Wenn die Creme fertig ist, in eine Schüssel umfüllen und fast vollständig erkalten lassen.

Wenn die Creme erkaltet ist, den Ofen auf 160°C (Umluft) vorheizen.

Den Teig dünn ausrollen und in Quadrate schneiden. Die Größe kann beliebig gewählt werden, das Füllen wird aber schwieriger, je kürzer die Kanten werden. Ich würde mir unter 8 cm Kantenlänge nicht antun, aber wenn ihr die Herausforderung schätzt, macht sie gerne kleiner. Eine kleine Schüssel mit etwas Wasser bereit stellen und ein Backblech mit Backpapier auslegen.

Auf jedes der Quadrate einen Löffel Creme geben. Die Ränder müssen sich noch zusammenklappen lassen, ohne dass die Füllung herausquillt. Die Ränder mit etwas Wasser anfeuchten, zum Dreieck zusammenklappen und die Ränder sehr sorgfältig zusammendrücken. Dazu kann auch eine Gabel benutzt werden. Die Creme wird gleich im Ofen jede Lücke finden, die ihr übersehen habt.

Die Dreiecke auf das Backblech legen und die Empanadas bei 160°C etwa 15 – 20 Minuten backen, bis sie leicht braun werden. Auf einem Kuchengitter auskühlen lassen.


Barbara Kingsolver: The Lacuna. Faber and Faber 2010.

Die Zitate stammt von S. 151 – 152.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Essen aus Büchern: Moussaka aus Lionel Shrivers „We Need To Talk About Kevin“

Eine ganz wichtige Funktion, die Essen erfüllt, ist die der Urlaubserinnerung. Essen macht nicht nur satt, es erinnert einen auch an einen Sommerabend am Mittelmeer, an dem man in einer Taverne direkt am Strand bei Sonnenuntergang… und so weiter. Auch Eva in Lionel Shrivers We Need To Talk About Kevin geht es da nicht anders. Als Herausgeberin einer überaus erfolgreichen Reiseführer-Reihe ist sie weit gereist und weltgewandt. Erst kürzlich ist sie von einer einmonatigen Recherche-Reise aus Griechenland zurückgekehrt. Jetzt sitzt sie in ihrem stylischen Appartement in Tribeca und wartet auf ihren Mann, der seinerseits von einer Dienstreise zurückkehren soll. Um ihn vielleicht doch noch von Auberginen überzeugen zu können, will sie ihn mit einer Moussaka beglücken:

„On an ethnic roll, I’d made a pan of moussaka, with which I planned to convince you that, nestled against ground lamb with loads of cinnamon, you did like eggplant after all.“

Doch er kommt und kommt und kommt nicht. Der Gedanke an einen verpassten Flug kann sie nicht beruhigen, sie rechnet erst mit dem Schlimmsten und dann mit dem Allerschlimmsten. Als die Moussaka schon ganz dunkel und vertrocknet ist, fasst sie einen Entschluss, der ihr Leben ruinieren wird: Wenn sie oder ihr Mann sterben, soll nicht nur gesammelter Reise-Kitsch und dreckige Wäsche von ihnen bleiben. Sie will ein Kind und zwar sofort.

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Essen aus Büchern: Chicken à la King aus Richard Yates „Easter Parade“

Sarah und Emily Grimes, die jungen Protagonistinnen in Easter Parade, sind stolz auf ihren Vater. Er lebt in New York und schreibt für die New York Sun, die wichtigste Zeitung der Stadt, die Überschriften, was die wichtigste Stelle in der ganzen Redaktion ist. Da sind sich Sarah und Emily sicher und es ist das, was sie den anderen Kindern sagen, wenn sie fragen, warum er nicht mehr nach Hause nach New Jersey kommt. Weil er eben in New York unabkömmlich ist.

Der Besuch beim Vater gerät dann allerdings zur Enttäuschung. Die New York Sun ist, das findet sogar der Vater selbst, keine besonders gute Zeitung und er hat nicht mal einen eigenen Schreibtisch. Am Rande eines großen Tisches sitzt er und korrigiert Artikel. „Wenn ich sehr talentiert wäre, würde ich vermutlich woanders hingehen, aber ich bin nur – ihr wißt schon – ich bin nur ein Mann am Redaktionstisch, ein Korrektor“, gesteht er seinen Töchtern beim Mittagessen, zu dem er sich einen großzügigen Aperitif gönnt:

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Essen aus Büchern: Potage sicilienne aus Gabriele Tergits „Effingers“

In den Effingers schildert Tergit das Schicksal gleich mehrerer Familien, besonders aber natürlich das der titelgebenden Effingers. Bevor es mit denen aber so richtig losgeht, müssen sie erst bei Oppners einheiraten, so wie es einst Bankiers-Tochter Selma Goldschmidt getan hat. Damit das geschieht, müssen aber erstmal Karl Effinger und Annette Oppner beim Essen nebeneinander sitzen. Und wo ginge das besser, als bei der großen Einweihungsfeier von Oppners neuem Haus in der noblen Tiergartenstraße? Nun fällt leider „Selma das Besorgen großer Gesellschaften so schwer“ und Schwägerin Eugenie, Gesellschaftsdame von Welt, schaltet sich hilfreich ein. Sie hat quasi immer Gäste und versteht sich bestens mit Trottke, den man heute wohl als Caterer bezeichnen würde.

Das Gespräch von Eugenie Goldschmidt und dem treuen Trottke ist ein Musterbeispiel an Standesdünkel, der sich in der Wahl der Speisen manifestiert. Während Eugenie noch ganz dem Kaviar verhaftet ist, gelingt es Trottke mit viel Überredungskunst und hohen Referenzen doch, sie von einer Suppe zu überzeugen:

„Nehmen Sie Suppe, gnädige Frau, Suppe regt an. Potage sicilienne, vorzüglich, wir haben Potage sicilienne erst gestern zum Grafen Schwerin geliefert, wo sie viel Anklang fand.“
„Nein“, sagte Eugenie, „Ich kenne meinen Schwager, er wird doch Kaviar im Eisblock wollen. Potage ist ein bisschen plebejisch.“
„Plebejisch?“ sagte Trottke empört. „Gnädige Frau, bei der Gräfin Zetwitz wurde mit Potage angefangen.“

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Essen aus Büchern: Rogan Josh aus Arundathi Roys „The Ministry of Utmost Happiness“

Arundathi Roys zweiter Roman The Ministry of Utmost Happiness wurde fast 20 Jahre lang sehnsüchtig erwartet. Als er endlich erschien, merkte man ihm deutlich an, womit die Autorin sich in den beiden Jahrzehnten beschäftigt hatte: Der Roman ist sehr politisch geworden und besonders der Kampf um Kaschmir spielt eine ganz zentrale Rolle. Dieser Kampf ist eines der großen Themen im Roman, an ihm zerbrechen Freundschaften und Menschen opfern ihm ihre Leben, sowohl metaphorisch, als auch ganz real. Bei so viel Kaschmir darf natürlich Rogan Josh nicht fehlen, eines der klassischen Gerichte Kaschmirs, das einigen sogar als Nationalgericht gilt.

Im Roman ist es sowohl Teil eines großen Festessens, das die legendäre Anjum ausrichtet, als auch eine Art Versöhnung zwischen zwei ehemaligen Freunden, die sich über den Kaschmir-Konflikt zerstritten haben. Es sind Biplab und Musa, die an der Universität gute Freunde waren. Doch als Biplab eine Laufbahn in der Regierung einschlägt und Musa sich dem bewaffneten Untergrund anschließt, ist das Geschichte. Als bindendes Glied bleibt Tilo, Mieterin einer von Biplabs Wohnungen und Freundin Musas. Für Musa versteckt sie Papiere und Waffen im Tiefkühler, die er eines Tages dort abholen will. Zu seiner Überraschung trifft er aber nicht auf Mieterin Tilo, sondern auf Vermieter Biplab. Um irgendwie an den Tiefkühler zu kommen, schlägt er großmütig vor, ein Abendessen zu kochen. Zu seiner Enttäuschung findet er aber nur ein Kilo Hammel und keinen der ersehnten Gegenstände. Aber immerhin lässt sich daraus Rogan Josh machen. Doch selbst beim Kochen können die beiden den Konflikt nicht ruhen lassen:

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Essen aus Büchern: Shepherd’s Pie aus Sarah Waters „The Night Watch“

Die Beziehung von Julia und Helen in Sarah Waters The Night Watch steht unter ständiger Spannung. Das liegt nicht nur daran, dass die beiden in den 1940er-Jahren leben und ihre homosexuelle Beziehung unter allen Umständen geheim halten müssen, sondern auch ganz maßgeblich an Helens Eifersucht. Sie ist die häuslichere, zurückhaltendere der beiden und lebt in ständiger Sorge, dass die leuchtende, schöne, talentierte Julia einfach geht. Dass sie eine bessere Partnerin findet und ihre Sachen packt.

So ist es auch an diesem Abend, an dem Helen in eine leere Wohnung zurückkommt. Panisch öffnet sie die Schränke, um zu sehen, ob Julias Kleidung, ihre Koffer, ihr Schmuck noch da sind. Alle ist an seinem Platz, aber wo ist Julia? Warum hat sie keine Notiz hinterlassen, und mit wem ist sie überhaupt unterwegs? Um ihre Sorgen in den Griff zu kriegen, beschließt Helen, schonmal das Abendessen vorzubereiten:

„She gathered together the ingredients for a shepherd’s pie. She said to herself that by the time the pie had gone into the oven, Julia would be home.“

S. 142
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Essen aus Büchern: Lemon Meringue Pie aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party, der Roman um den Irrgartenbauer Larry Weller, tauchte bei „Essen aus Büchern“ schon mit einem Lancashire Hotpot auf. Den hat er, wie auch das heutige Essen, seiner Mutter Dot zu verdanken, die für ihren Sohn keine Mühe scheut:

She’s a housewife, Larry’s mother, a maker of custard sauce, a knitter of scarves, a fervent keeper of baby pictures and family scrapbooks, but this is her real work: sorrowing, remembering.“

S. 45

An seinem dreißigsten Geburtstag steht Larry bei Dot in der Küche herum, hält sich an seinem Bier fest und versucht, das alles irgendwie durchzustehen. Natürlich hat seine Mutter ihm auch einen Kuchen gebacken. Aber nicht irgendeinen schnöden Rührkuchen, sondern eine Zitronen-Baiser-Tarte, den Lieblingskuchen ihres Sohns. Den bereitet sie natürlich nicht vor, sondern macht ihm frisch am gleichen Tag – seitdem sie ihre Schwiegermutter versehentlich mit verdorbenen Bohnen umgebracht hat, trägt sie ständige Angst um das Essen, das sie ihrer Familie serviert:

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Kulinarisches zwischen den Seiten – was das Essen in Büchern macht

Im Mai 2016, vor fünf Jahren, habe ich das erste Mal einen Beitrag über Essen in Büchern verfasst. Seitdem lese ich kein Buch, ohne darauf zu achten, wer wann was isst. Längst nicht alles davon findet Eingang in die Reihe. Auch einige Freund*innen schicken mir mittlerweile Beobachtungen aus ihrer Lektüre zu. Viele sagen mir, dass sie vorher nie darauf geachtet hätten. Dabei ist es eigentlich fast nicht zu übersehen.

Kaum ein Roman kommt ohne eine Szene aus, in der gegessen wird. Das kann opulent ausgestaltet oder beiläufig erwähnt sein. Aber das Essen an sich ist ein so fundamentaler Bestandteil des menschlichen Seins, dass man es nicht unterschlagen kann. Und es schreibt sich netter darüber als über Toilettengänge, die ähnlich fundamental sind und eine unvermeidbare Folge des Essens. Zudem hat die Nahrungsaufnahme einen sozialen Aspekt, der Toilettengängen oft fehlt. Eine Ausnahme ist vielleicht Milkman von Anna Burns, da finden zentrale Szenen in Clubtoiletten statt und gegessen wird kaum.

Die große Tischgesellschaft

Die Binsenweisheit „Du bist, was du isst“ hat auch in der Literatur ihre Gültigkeit. Über Mahlzeiten, besonders solche mit Gästen, wird repräsentiert und identifiziert. Eines der prominentesten Beispiele sind sicher die Festmahle, die von der Familie Buddenbrook aufgetischt werden. Also Familie Buddenbrook zahlt und ihre Dienstboten tischen auf. Kräutersuppe, Fischgang, Schinken mit Schalottensauce, Plettenpudding, Käse nebst begleitenden Weinen – für diese Speisenfolge braucht es im Haus in der Mengstraße keinen besonderen Anlass. Fürstlich sind natürlich nicht nur die Speisen, sondern auch das Geschirr. Man isst vom guten Meißener mit Goldrand und trinkt aus schweren Gläsern. Wer da nicht mithalten kann, ist kein echter Buddenbrook. Mit seinen ständigen Magenverstimmungen outet sich Christian schon früh als das schwächste Glied der Familie. Er kann nicht Teil der Tafelrunde sein, nicht Teil der bürgerlich-dekadenten Gesellschaft, in der seine Familie sich bewegt. Später, als er noch versucht, Teil des Geschäfts zu werden, wird seine Unfähigkeit noch größer. Nicht nur seine Verdauung leidet, er klagt über generelle Schluckbeschwerden, was seine Familie ungeheuer albern findet: „Du wagst nicht, schlucken zu wollen… Nein, du machst dich ja lächerlich!“ wirft Schwester Antonie ihm vor.

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Essen aus Büchern: Rhubarb Pie aus Toni Morrisons „Paradise“

Die Hauptfiguren von Morrisons Paradise leben an einem recht besonderen Ort: Sie haben sich zusammengefunden in einem ehemaligen Kloster, das später als Schule genutzt wurde und nun seit einigen Jahren ohne kirchlichen Anschluss von ihnen bewohnt und verwaltet wird. Eigentlich wollen sie nichts, als dort in Ruhe leben und wirtschaften, doch ihre Wahl des Zusammenlebens erzeugt Ablehnung und Hass in Ruby, dem nächstgelegen Ort. Frauen, die ohne Not in einer Gemeinschaft ohne Männer leben – was soll das sein? Einer der wenigen friedlichen Anknüpfungspunkte zwischen dem ehemaligen Kloster und der Dorfgemeinschaft ist der Lebensmittelverkauf der Frauen. Als das Kloster noch von Nonnen bewohnt wurde, haben diese einen ansehnlichen und ertragreichen Garten angelegt, der von den heutigen Bewohnerinnen noch immer gepflegt wird. Vor einigen Jahren waren die Erzeugnisse so gut, dass sich sogar die Einwohner*innen von Ruby gelegentlich dazu herabgelassen haben, sie zu kaufen. Über die Stadtgrenzen hinaus aber haben die Frauen sich einen sensationellen Ruf erworben:

„Most of their customers in 1955 drove trucks between Arkansas and Texas. Ruby citizens seldom stopped to buy anything other than pepers, since they were supreme cooks themselves and made or gew what they wanted. Only in the sixties, when times were fat, did they join the truckers and look upon what they called Convent-bred chickens as superior enough to their own to be worth a journey. Then they would also try a little jalapeño jelly, or acorn relish. Pecan saplings planted in the forties were strong in 1960. The Convent sold the nuts, an when pies from the harvest were made, they went as soon as posted. They made rhubarb pie so delicious it made customers babble, and the barbecue sauce got a haevenly reputation based on the hellfire peppers.“

Aber auch Jahre später ist der Rhubarb Pie weit bekannt. Gigi, eine der späteren Bewohnerinnen des Convents, lernt im Zug einen Mann namens Dice kennen. Das erste, was ihm zu Ruby einfällt, ist der legendäre Kuchen:

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Essen aus Büchern: Hühnerbuletten de Volaille aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“

Es ist ein merkwürdiger Mann, dem die Schriftsteller Berlioz und Besdomny in Bulgakows Klassiker Meister und Margarita begegnen. Er ist seltsam gekleidet und spricht zwar fließend Russisch, das aber mit deutlichem Akzent. Ein Ausländer muss er sein, beschließen die beiden bald. Er redet allerlei Merkwürdiges und Verschrobenes und prophezeit dem ungläubigen Berlioz, er würde bald von der Tram überfahren werden. Der glaubt natürlich kein Wort, verliert aber wirklich nur wenige Minuten später den Kopf, als eine Straßenbahn über ihn fährt.

Da ist er gerade auf dem Weg zur Sitzung der Schriftstellervereinigung MASSOLIT, deren Vorsitzender er ist. Die mehr oder weniger illustren Damen und Herren treffen sich um zehn Uhr abends im Gribojedowhaus, dessen obere Räume als Clubraum dienen und das im unteren Bereich über ein Restaurant verfügt, das sich nicht nur bei den MASSOLIT-Mitgliedern größter Beliebtheit erfreut. Verstimmt wartet man auf den inzwischen kopflosen Berlioz, über dessen Ableben seine Kollegen noch nicht informiert wurden. Um zwölf schließlich beschließt man, dass er wohl nicht mehr kommt und geht hinunter zum Essen, wo man aufgrund der vorgerückten Stunde keinen Platz mehr auf der Terrasse bekommt. Das sorgt zunächst für weitere Verstimmung, die aber bald vergessen ist, als der Abend sich zu einem rauschenden Fest entwickelt. Der Stimmung tut dann auch die Nachricht von Berlioz Tod keinen Abbruch mehr. Zwar überlegt man kurz, ein Telegramm zu verfassen, aber was sollte das denn Berlioz nun noch nützen? Tot ist eben tot.

„‚Ja, er ist tot, er ist tot… Aber wir leben noch!‘
Ja, eine Weile schlug die Trauer hoch, doch sie hielt sich nur kurz und sank wieder in sich zusammen, schon kehrten die ersten an ihren Tisch zurück, kippten, zunächst verstohlen, dann ganz offen einen Schnaps und aßen nach. Wirklich, wozu sollen die Hühnerbuletten de Volaille umkommen? Wie können wir Michail Alexandrowitsch helfen? Dadurch, daß wir hungrig bleiben? Wir leben doch!“

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