Zerfallende Erinnerung – „The Wilderness“ von Samantha Harvey

In seiner Blütezeit war Jake ein erfolgreicher Architekt. Er war besessen von der Idee, in seiner alten Heimat Lincolnshire das lichtdurchflutete Haus seiner Träume ins dunkle Moor zu stellen. Inspiriert von einer Voliere im Londoner Zoo sollte es ganz aus Glas sein und aussehen, als käme es mitten aus dem Moor. Mit dem Versprechen eines Kirschbaum-Idylls hinter dem Haus gelingt es ihm, seine Frau Helen auch von der Genialität seines Plans zu überzeugen. Sie verlassen London und ziehen nach Lincolnshire, wo sie zwei Kinder bekommen und ihre Ehe ruinieren.

Viele Jahre später lebt Jake als Witwer, sein Sohn ist im Gefängnis – immerhin einem, das Jake entworfen hat – und einem Gedächtnis, das ihn immer mehr im Stich lässt. Alzheimer, sagt die Frau mit den roten Haaren, die er regelmäßig trifft und deren Namen er sich nicht merken kann. Sie verlangt von ihm, dass er Wortreihen lernt und behält, Uhren malt und Zeitstränge. Seine Misserfolge frustrieren Jake. Dagegen hilft, wie schon seit Jahren, mindestens ein Mint Julep am Tag, die er in Rekordzeit runterstürzen kann. An seiner Seite ist Eleanor, eine Jugendfreundin, die seit Ewigkeiten in ihn verliebt ist und die jetzt endlich mit ihm leben kann, ihn umsorgen und ihm helfen kann. Jetzt, da er jeden Tag ein bisschen mehr verschwindet. Jetzt, da er sich fast jeden Tag wundert, wer die nette Frau ist, die sein Essen kocht, seine Wäsche sortiert und ihn zu der anderen Frau mit den roten Haaren begleitet.

„I am telling you, and you must listen: where you are from, what is yours, what is home – sometimes these are not the point.“

Seine Erinnerung lässt ihn nicht nur immer mehr im Stich, sie spielt ihm auch Streiche. Anscheinend, aber das erfährt man als Leserin nur nach und nach, erinnert er Dinge, die so nicht stattgefunden haben. Besonders in seiner jüngeren Vergangenheit verschieben sich die Realitäten. Es ist ein Puzzle, das man langsam zusammensetzen muss, um die Person zu finden, die Jake einmal war. Die Spurensuche gestaltet sich zuweilen recht mühsam und Harvey macht es einem auch nicht leichter. Manche Erinnerungen muss Jake mehrfach durchgehen, sich von verschiedenen Punkten nähern, um dann vielleicht noch ein kleines Detail zu finden, einen kleinen Schritt weiter zu kommen in dem undurchdringbaren Chaos, das in seinen Erinnerungen herrscht.

Jake auf seinen Wegen in seine Erinnerungen zu folgen ist mühsam, manchmal schmerzhaft und braucht Geduld. The Wilderness ist ein wunderbar zart erzählter Roman, der sich in die dunkle, abweisende Kulisse des Moors hervorragend einfügt. Es ist kein einladender Ort zum Leben, dort am Rande der Wildnis, wo dauernd Schüsse aus dem Wald hallen. Doch Jake hat es immerhin versucht. Nun werden auch seine Gedanken zusehendes eine Wildnis, der feste Grund im Morast zerstörter Erinnerung immer seltener.


tl;dr: The Wilderness erzählt die Geschichte eines nicht immer einfachen Lebens, bestehend aus mühsam zusammengeklaubten Erinnerungen, die Jake seinem Gehirn abtrotzt, das durch seine Alzheimer-Erkrankung zusehends geschädigt wird.


Samantha Harvey: The Wilderness. Jonathan Cape 2009, 328 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Barbara Heller ist unter dem Titel Tage der Verwilderung bei DVA erschienen.

Das Zitat stammt von S. 137.

Harvey war mit diesem Roman 2009 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Ein Gedanke zu “Zerfallende Erinnerung – „The Wilderness“ von Samantha Harvey

  1. soerenheim 20. August 2022 / 8:16

    Klingt lesenswert. Vor allem aber springt das schöne Cover ins Auge & dünn ist der Roman auch noch… meist von Vorteil.

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