Die Bürden vergangener Leben – „The Hundred Secret Senses“ von Amy Tan

Olivia Laguni wächst als Tochter eines chinesischen Immimgranten und einer US-Amerikanerin in den USA auf. Über ihre halb-chinesische Herkunft macht sie sich wenig Gedanken und sie beeinflusst ihren Alltag kaum. Doch als ihr Vater jung auf dem Sterbebett liegt, gesteht er seiner Frau, in China bereits eine Tochter zu haben. Und diese will er nun unbedingt in den USA wissen. Er stirbt, bevor dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, doch seine Frau setzt trotzdem alles daran, Kwan aufzutreiben und zu ihr zu holen. Olivia ist nicht begeistert von der neuen und deutlich älteren Schwester, mit der sie das Zimmer teilen muss und die wegen ihrer fremden Art und Sprache ausgelacht und gehänselt wird. Doch Kwan überschüttet Olivia mit Liebe und Fürsorge. Und hält sie zu ihrem Ärger abends mit Geistergeschichten wach. Denn Kwan ist überzeugt, „Yin-Augen“ zu haben, mit denen sie Geister sehen kann und sie ist auch sicher, sich an ein altes Leben zu erinnern, in dem sie und Olivia sich ebenfalls kannten.

Another wife? A daughter in China? We were a modern American family. We spoke English. Sure, we ate Chinese food, but take-out, like everyone else.“

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Beengte Verhältnisse – „The Weight of Water“ von Anita Shreve

Anita Shreves Roman The Weight of Water beruht auf einer wahren Begebenheit: Im Winter 1873 wurden auf Smuttynose, einer winzigen Insel vor der Küste New Hampshires, die norwegischen Immigrantinnen Karen und Anethe Christensen im Schlaf überrascht und ermordet. Maren Hontvedt konnte fliehen, versteckt sich die ganze Nacht über hinter einem Felsen und rettet so gerade noch ihr Leben. Später gab sie an, ihr ehemaliger Untermieter Louis habe gewusst, dass die Ehemänner der Frauen in dieser Nacht nicht da seien und sei in das Haus eingedrungen, um Geld zu stehlen. Vom Widerstand der Frauen überrascht, habe er die Nerven verloren. Louis Wagner wurde für schuldig befunden und gehängt.

Im Roman kommt nun mehr als hundert Jahre später die Fotojournalistin Jean auf die Insel, um Bilder für eine Reportage zu machen. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas und ihrer Tochter Billie unternimmt sie dafür eine Bootstour zu der Inselgruppe, begleitet von Thomas Bruder und seiner neuen Lebensgefährtin. Zwischen eben dieser Lebensgefährtin und Thomas nimmt Jean bald ein deutliches Kribbeln wahr, das alle Alarmglocken bei ihr schrillen lässt. Hat sich ihr Mann so schnell in die jüngere, attraktivere Frau verguckt, die zu allem Überfluss seine Arbeit als Dichter verehrt? Jean traut sich kaum noch, die beiden alleine in einem Raum zu lassen. Das muss sie nun aber zumindest gelegentlich machen, denn ihre Arbeit erfordert vollen Einsatz. In einem Archiv in Portsmouth hat sie Unterlagen entdeckt, die ein ganz neues Licht auf den Fall werfen und die offizielle Version der Mordnacht schon nach wenigen Seiten hochgradig fragwürdig erscheinen lassen.

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Drückend enges Gilead – „Home“ von Marilynne Robinson

Der fiktive Ort Gilead, Iowa ist geografisches Zentrum eines ganzen Erzählzyklus von Marilynne Robinson, zu dem auch Home zählt. In diesem Roman kehrt Glory Boughton in den beschaulichen Ort ihrer Kindheit zurück. Gerade hat sie eine kurz vor dem Altar gescheiterte Beziehung hinter sich und pflegt nun ihre rapide alternden Vater, den ehemaligen Reverend Boughton. Das Leben der beiden plätschert ereignislos dahin, als plötzlich Jack vor der Tür steht, älterer Bruder von Glory und verlorener Sohn des Reverend, der sich trotz anderslautender Versprechungen seit mehr als 20 Jahren nicht hat blicken lassen. Nach vielen harten Jahren gelobt er nun Besserung und versucht wieder Fuß zu fassen in der Kleinstadt, die ihm niemals verzeihen wird, dass er als Jugendlicher geklaut hat und fast nie in der Kirche war. Mit ihm kämpft Glory, die verzweifelt darum bemüht ist, dem Vater in seinen letzten Tagen auf dieser Welt eine große Enttäuschung zu ersparen.

Home spielt zeitgleich mit Robinsons Roman Gilead. Während in letzterem Ames, Reverend Boughtons bester Freund, eine tragende Rolle spielt, ist er in Home nur hin und wieder zu Besuch und gefragter Gesprächspartner. Als moralische Instanz aber ist er eine feste Größe, besonders in der Beurteilung von Jack und seiner ehemaligen wie gegenwärtigen Missetaten. Wie auch Reverend Boughton ist Ames Geistlicher und die theologischen Diskussionen der beiden Männer können schon recht detailliert und weitschweifig werden.

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Ein hölzerner Hauptdarsteller – „Great House“ von Nicole Krauss

Nicole Krauss‘ dritter Roman Great House handelt von vier sehr verschiedenen Personen, die jeweils für sich ihre Geschichte erzählen, alle verknüpft durch einen Schreibtisch mit 19 Schubladen unterschiedlicher Größe. Es ist ein riesiges und dunkles Möbelstück, gemacht für ein beeindruckendes Arbeitszimmer, das in den kleinen Wohnungen späterer Nutzer*innen fehl am Platz und manchmal fast bedrohlich wirkt.

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Die erste Besitzerin, die man kennenlernt ist Autorin Nadia, die nur vorübergehend auf den Schreibtisch aufpassen soll, während sein Eigentümer Daniel Varsky sich in Chile aufhält. Doch dort gerät er in die Fänge des Pinochet-Regimes und verschwindet spurlos. Erst 25 Jahre später steht eine Frau vor der Tür, die behauptet, Varskys Tochter zu sein und den Schreibtisch für sich beansprucht. Damit beginnt ein Roman, der die Biographien von Menschen in den USA, Israel und Großbritannien verknüpft, deren Leben auf die eine oder andere Art von diesem Schreibtisch berührt wurden. Damit einher geht eine Geschichte Europas, die stark von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust geprägt ist.

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Essen aus Büchern: Waldorf salad aus Margaret Atwoods „The Blind Assassin“

Waldorf Salad, ein Klassiker aus dem gleichnamigen Hotel, war über viele Jahre ein wahnsinnig schickes Essen – kein Wunder bei der Herkunft. Im Waldorf Astoria wird er noch immer serviert, heute mit Trüffel. Sellerie und Apfel sind nämlich nicht sehr schick.

In The Blind Assassin heiratet die Protagonistin Iris einen bedeutend älteren Mann und lernt zuvor ihre zukünftige Schwägerin kennen, stilecht beim Lunch im noblen Arcadian Court. Winifred, die baldige Schwägerin, segelt gerne, möchte Freddie genannt werden und trägt Lippenstift in der Farbe shrimp. Iris ist überfordert und unsicher und dankbar, dass Winifred ihr die Entscheidung abnimmt, was sie essen soll:

„She called me „dear“, and said that the Waldorf salad was marvellous. I said that would be fine.“

Marvellous! Das finde ich wirklich ein großes Wort für Waldorf Salad. Lecker ist er trotzdem, so unspektakulär er sein mag.

Ausgesucht habe ich dieses Essen aus Büchern offensichtlich weil das Zitat so schön ist und nicht, weil Waldorf Salad ein so komplexes Rezept wäre. Hier kommt trotzdem eins:

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Das Schönste in ganz Pennsylvania – „Das Holländerhaus“ von Ann Patchett

Cyril Conway steht gerade erst am Anfang seiner Immobilien-Karriere, da entdeckt er schon das schönste Haus in ganz Pennsylvania. Es ist der aufgegebene Besitz der niederländisch-stämmigen Familie VanHoebeek, die ihr Vermögen mit Zigaretten aufgebaut hat und nun komplett von der Bildfläche verschwunden ist. Es bleibt eine beeindruckende Villa mit Ballsaal, tiefen Fensterbänken und Delfter Kacheln am Kamin. Das Haus ist ein Vermögen wert und weit über dem, was Cyril sich eigentlich leisten kann. Dennoch schenkt er es seiner Frau und wohnt bald mit Köchin, Kindermädchen und den Kindern Danny und Maeve in dem prachtvollen Bau. Seine Frau allerdings bleibt nicht mehr lange. Sie fühlt sich schlecht in dem ganzen Luxus und beschließt, die Familie zu verlassen, um den Armen in Indien zu helfen.

Ihre Kinder leiden sehr unter dem plötzlichen Verlust der Mutter und auch die innige Beziehung zum Hauspersonal kann das natürlich nicht wett machen. Der Vater bleibt indessen distanziert und fremd, mit Danny verbringt er fast nur Zeit, wenn die beiden am Samstag zusammen ihre Runden drehen, um die Miete aus Cyrils Wohnungen zu kassieren. An all das erinnert sich Danny jetzt, mehrere Jahrzehnte später, während er von seiner Kindheit und Jugend erzählt, die durchgehend vom prächtigen Heim der Familie geprägt bleibt.

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Wissenschaft außer Kontrolle – „Oryx & Crake“ von Margaret Atwood

Jimmy und Crake wachsen auf in einer dystopischen Welt, die völlig denkbar erscheint. Diese Welt wird nicht mehr von Regierungen kontrolliert sondern von einigen wenigen Großkonzernen, die an der stetigen Verbesserung der Welt und der Nutzbarkeit der Erde arbeiten. Es werden Tierhybriden gezüchtet, die das beste aus zwei Rassen vereinen sollen, Schweine, in deren Körper Ersatz-Organe heranwachsen und Hühner, die nur noch aus Brustfilet bestehen. Dieser Einsatz ist dringend nötig, denn seit es nicht mehr regnet und die Winter nicht mehr existieren, ist Nahrung knapp geworden. Echte Nahrungsmittel gibt es nur noch für die Elite, der Rest gibt sich mit Imitaten zufrieden. Jimmy und Crake haben das Glück, dass ihre Eltern in der Forschung arbeiten und somit das Recht (und die Pflicht) haben, in einer der hochgeföhnten Siedlungen zu leben, die den Systemrelevanten vorbehalten bleibt. Der Rest der Menschheit lebt im Pleeblands genannten Umland, wo es erst recht keine echte Nahrung, keine Schulen und kaum medizinische Versorgung gibt.

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Doch auch die gruseligste Dystopie ist mal vorbei und so treffen wir Snowman, wie Jimmy jetzt heißt, in einem verwüsteten Niemandsland, wo er, in ein altes Laken gehüllt, auf einem Baum lebt. In seiner Nähe leben Craker, genetisch perfekt aufgestellte Menschen, denen jede Argwohn fehlt und Crake als ihren Gott anbeten. Jimmy finden sie seltsam, aber seit er behauptet, es sei Crakes Gebot, dass sie für ihn einen Fisch pro Woche fangen, bekommt er wenigstens etwas Eiweiß.

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Essen aus Büchern: Peach Cobbler aus Attica Lockes „Black Water Rising“

In Black Water Rising rettet Jay eine Frau aus einem Bayou in Texas. Dass er damit eine Menge Leute gegen sich aufbringt, kann er da noch nicht ahnen. Aber schon bald wird ihm klar, dass er sich mit den falschen Leuten angelegt hat und sein eigenes Leben und das seiner Familie auf dem Spiel steht. Hilfe hofft er in der Gemeinde von Reverend Boykins zu finden. Bei einem gemeinsamen Abendessen gibt es nicht nur wichtige Hinweise auf mögliche Hintermänner, sondern auch noch Dessert und Kaffee von Mrs. Boykins:

„Mrs. Boykins stands to collect their plates, carrying them into the kitchen. A few minutes later, she returns with a peach cobbler and a fresh pot of coffee.“

Cobblers sind vor allem im Süden der USA verbreitet, wo es sie seit der britischen Kolonialzeit gibt. Sie bestehen in der Regel aus einer Sorte Obst, die mit Teig überbacken wird. Gegessen werden sie lauwarm, gerne mit Vanilleeis oder -sauce. Und gemacht wird Peach Cobbler so:

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Mörderjagd am Mississippi – „The Little Friend“ von Donna Tartt

Harriet ist erst wenige Monate alt, als ihr neunjähriger Bruder Robin im Garten der Familie ums Leben kommt. Es sieht nach einem Unfall aus, doch schnell werden die ersten Stimmen laut, die überzeugt sind, dass es sich um einen Mord handelt. Die Ermittlungen laufen ins Nichts und irgendwann wird der Fall zu den Akten gelegt. Zwölf Jahre später ist Harriet ein mutiges, kluges, belesenes und starrköpfiges Mädchen geworden und setzt es sich in den Kopf, in ihren Sommerferien aufzuklären, wer ihren Bruder auf dem Gewissen hat. Das ist gar nicht so leicht, denn in ihrer Familie gilt der Tod des Jungen als Tabu.

„Harriet’s house was a sleepy house – for everybody but Harriet, who was wakeful and alert by nature.“

Zusammen mit ihrem besten Freund Haley hat sie aber schnell einen ersten Verdächtigen ausgemacht: Danny Ratliff, der mit ihrem Bruder in eine Klasse ging und am Tag seines Todes in der Nähe gesehen wurde. Mittlerweile lebt er mit seinen drei Brüdern und seiner Großmutter in einem Trailer, ist drogenabhängig und in diverse halbseidene Geschäfte verwickelt. Welche Kettenreaktion ihre Ermittlungen auslösen werden, ahnt Harriet nicht, als sie anfängt, die Ratliffs auszuspionieren.

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Zwei unglückliche Schwestern – „Easter Parade“ von Richard Yates

Die Schwestern Sarah und Emily Grimes haben keine Chance, glücklich zu werden, das stellt der Autor gleich im ersten Satz fest. Mit ihrer Mutter Pookie ziehen nach der Scheidung der Eltern von Randbezirk zu Vorstadt, immer um New York kreisend. Ihre Kindheit ist eine Abfolge neuer Häuser, neuer Schulen und neuer Freundinnen – wenn es denn gut läuft. Verzweifelt buhlen die beiden um die Gunst des Vaters, der in New York geblieben ist und bei einer wichtigen Zeitung arbeitet. Dass er da einen völlig öden und unglamourösen Job hat, blenden beide erfolgreich aus.

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Dabei sollen die beiden Töchter es eigentlich besser haben, so das erklärte Ziel von Pookie. Und zumindest bei Sarah scheint das auch ganz gut zu klappen. Sie heiratet den attraktiven Spross der aus England stammenden Familie Wilson. Sehr vornehm und sogar mit Landbesitz auf Long Island. Emily studiert immerhin, schafft es aber leider nicht, sich anständig zu verloben. Dafür legt sie in New York eine ganz anständige Karriere hin. Doch wie angekündigt ist das Glück den beiden Frauen nicht hold. Der Landsitz der Familie Wilson entpuppt sich als gammelige Bude und der vornehme Gatte als Tyrann. Sarah hält tapfer mit Alkohol dagegen. Emily leidet derweil unter einem wenig erfüllenden Job und immer wieder zerbrechenden Beziehungen. Der soziale Aufstieg, den Mutter Pookie so sehr erhofft hatte, hält nur kurz, was er verspricht.

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