Mühsamer Weg in die Welt – „A Gate at the Stairs“ von Lorrie Moore

Tassie Keltjin, Tochter eines Kartoffel-Farmers aus dem Mittleren Westen der USA, kommt zum Studium in die Kleinstadt Troy, deren Bevölkerung vor allem aus Studierenden besteht. Wahllos belegt sie Kurse in Sufismus, Weinkunde und Hüftmobilisierung und macht sich auf Jobsuche. Nach einigen Anläufen bekommt sie das Angebot, bei Sarah und ihrem Mann Edward als Kindermädchen zu arbeiten. Das Kind allerdings gibt es noch nicht. Sarah ist noch nicht einmal schwanger und wird es auch nicht mehr werden. Sie und ihr Mann haben sich entschlossen, ein Baby zu adoptieren.

Schließlich halten sie Mary im Arm, ein Mädchen, das die Adoptions-Agentur ihnen eigentlich gar nicht anbieten wollte. Denn Mary ist Schwarz und mit fast zwei Jahren auch schon älter als die meisten Adoptiveltern es sich wünschen. Doch Sarah und Edward kann das alles nicht schrecken und schon bald liegt Emmie, wie sie nun heißt, in ihrem neuen Gitterbett. Doch die Herausforderung ist größer, als zunächst gedacht. Sarah und Tassie begegnen bei ihren Spaziergängen mit Emmie immer wieder mehr oder weniger offenem Rassismus. Weiße Frauen mit einem Schwarzen Baby? Da glauben scheinbar alle zu wissen, was los ist.

Während das im Grunde ein interessantes Thema wäre und sicher auch eine interessante Erfahrung für die beiden Frauen, bleibt der gesamte Roman samt seiner Charaktere ganz schön blass. Die Geschichte wird aus der Sicht von Tassie erzählt, die recht ahnungs- und emotionslos durch ihr erstes College-Jahr stolpert. Sie schildert alles so distanziert, als würde sie die Welt durch eine sehr dicke Glasscheibe sehen oder als hätte man ihr irgendwas sehr Abschirmendes verschrieben. Sarah bleibt zweidimensional und schemenhaft, ihr Mann erst recht. Man weiß gar nicht so richtig, warum er im Roman ist. Er sitzt immer mal am Küchentisch, mehr trägt er zur Handlung kaum bei. Ein paar Mal gibt es Handlungsstränge aus denen etwas werden könnte. So lernt Tassie in einem Seminar einen Mann kennen, der Brasilianer ist und in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Dass der Brasilianer kein Portugiesisch spricht, dafür aber einen Gebetsteppich besitzt, macht sie erst sehr spät stutzig. Ebenso haben Sarah und Edward eine Hintergrundgeschichte, die spannend beginnt, dann aber so absurd weitergeht, dass sie das ganze Gerüst des Romans ins Wanken bringt.

„When you are white and you adopt a black child, don’t you feel yourself pulled down a notch socially?“

Die Frage des Rassismus wird vor allem erörtert durch eine Art Selbsthilfegruppe, die Sarah ins Leben ruft und die aus Eltern besteht, deren Kinder eine andere Hautfarbe haben als sie. Diese Gruppe trifft sich wöchentlich und übernimmt es hilfreich, die gesamte Rassismus-Erfahrung zu sammeln, aufzuarbeiten und auch schon für die Leser*innen einzusortieren. Man hätte es vielleicht eleganter und weniger plakativ lösen können. Immerhin aber illustriert diese Gruppe ganz schön, wie sehr sich Mitglieder einer Mehrheit feiern, sobald sie irgendetwas für eine Minderheit tun, selbst wenn dies eigentlich aus reinem Egoismus geschieht.

A Gate at the Stairs erzählt eine fast gänzlich unspektakuläre Geschichte aus der Sicht einer Protagonistin, die von ihrem Umfeld kaum etwas mitzubekommen scheint. Meistens kommt Tassie vollkommen naiv und unbeholfen rüber, dann wieder hat sie tiefe Einsichten, die man ihr nicht zugetraut hätte und die auch wirklich nicht zu ihr und ihrer Lebenserfahrung passen. Wo die Geschichte nicht unspektakulär ist, ist sie nicht immer glaubwürdig. Also: alles ganz und gar nicht rund. Dabei ist Moores Stil flüssig und sicher – er hätte einen besseren Roman verdient.

Immerhin – das soll nicht unerwähnt bleiben – hat der Roman einen erstaunlich schönen Abschluss: „Reader, I did not even have coffee with him“.


tl;dr: Flüssig und sicher schreibt Moore eine Geschichte, die vielleicht Hand und Fuß hat, dann aber an den falschen Stellen. Schade um den schönen Stil!


Lorrie Moore: A Gate at the Stairs. Vintage Contemporaries 2010. 321 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Patricia Klobusiczky ist unter dem Titel Ein Tor zur Welt beim Berlin Verlag erschienen.

Das Zitat stammt von S. 238.

2010 war Moore mit diesem Roman für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Sieg um jeden Preis – „The Sport of Kings“ von C. E. Morgan

Henry Forge, Nachkomme einer reichen Farmer-Familie in Kentucky, hat schon als Kind große Pläne. Er will sein Leben nicht wie sein Vater an den Maisanbau vergeuden, sondern als Züchter von Vollblutpferden bekannt und noch viel reicher werden. Sein Vater – erzkonservativ, Rassist, Sexist, Tyrann – will davon nichts hören. Doch kaum ist der unter der Erde, baut Henry schon die ersten Ställe. Und tatsächlich wird sein Traum wahr. Mit riskanten Zuchtmanövern und schnellen Pferden macht er unter Kennern des „Sports der Könige“ bald von sich reden. Nur seine Frau kann er damit auf Dauer nicht begeistern. Sie hat bald genug von dem Familiendespoten, der zwar mit dem Maisanbau abgeschlossen hat, aber sonst fast alle Ansichten seiner Vaters ungefiltert übernommen hat. Sie lässt die junge Tochter Henrietta auf der Farm zurück und sucht ihr Glück in Europa.

Henrietta wiederum verliebt sich eines Tages Hals über Kopf in den Stallburschen Allmon, der sehr zum Verdruss Henrys Schwarz ist und aus überhaupt keinem guten Haus. Die Erbin des Hauses Forge ist drauf und dran den Ruf ihres Vaters zu ruinieren, schlimmer noch, den ganzen Namen Forge. Henry, der seine Ansprüche an genetische Reinheit nicht nur an Rennpferde stellt, sieht sich ein weiteres Mal gezwungen, der Evolution auf fragwürdige Art unter die Arme zu greifen.

Morgans Roman handelt vordergründig von Rennpferden und der abstrusen Welt, in der sie gezüchtet, gehandelt und trainiert werden, eigentlich dient ihr das aber nur als Kulisse für eine Roman über den amerikanischen Süden mit all seinen Untiefen, vergessenem Horror und Reichtum, der nur auf Ausbeutung basiert. Die Logik hinter der Pferdezucht, die Bedingungslosigkeit, mit der die Tiere ausgenutzt und für Profit ruiniert werden, nutzt sie als Startpunkt um einen Menschenschlag zu charakterisieren, der sich für nichts als den eigenen Erfolg interessiert. Den Gegenpol bildet Allmon, dessen Leben die andere Hälfte des Romans gewidmet ist. Er ist ohne Vater aufgewachsen in einem der ärmsten Viertel der Stadt, mit einer Mutter, die kein Geld hatte, um ihre schwere Erkrankung behandeln zu lassen. In die Pferdewelt kommt er nur über einen holprigen Umweg: es ist Teil seiner Rehabilitation als Strafgefangener, in einem Projekt für ausgediente Rennpferde zu arbeiten. Dort, wo er sich um die zerschundenen Reste einer erfolgsverliebten Oberschicht kümmert, entdeckt er seine wahre Passion und einen neuen Traum. Er will selbst ein Pferd besitzen, Vollblüter züchten und sie auf Rennen präsentieren. Doch in dieser Welt, deren Regeln er nicht verstehen kann, ist kein Platz für ihn und seine Hautfarbe.

„Why was he here? To grasp the very things that had been stolen from him, the things he wasn’t allowed to touch.“

The Sport of Kings ist ein ambitioniertes Werk, das sich vieler Themen annimmt und tief in der Geschichte des US-amerikanischen Südens gräbt. Überfrachtet wirkt der Roman dennoch nicht, die Handlung fügt sich recht mühelos in den Rennzirkus ein. Dass diejenigen, die den Sport dominieren, alles andere als königliches Veralten an den Tag legen, versteht sich dabei fast von selbst. Morgan schreckt nicht davor zurück, brutale Szenen explizit zu schildern. Schläge, Folter, Mord und Vergewaltigung gehören unweigerlich in diese Geschichte von Macht und Dominanz. Denn um nichts anderes geht es am Ende. Pferde und Menschen werden gebrochen, misshandelt, gehandelt und von der herrschaftlichen Fassade ist am Ende im wahrsten Sinne des Wortes nicht nicht mehr viel übrig.

Morgan überzeugt mit einem sehr gradlinigen Stil, der vor wenig Halt macht und doch nicht vulgär wird, und einer sehr ordentlich konstruierten Handlung. Weit ab von allen romantischen Ideen über Farmleben und Pferdesport liefert sie einen smarten Roman mit Tiefgang.


tl;dr: Wenig Pferde, viel Gesellschaft. Morgan liefert in ihrem Roman keine romantische Geschichte über das Glück dieser Erde, sondern eine knallharte Erzählung über den Rassismus in Amerikas Süden.


C. E. Morgan: The Sport of Kings. 4th Estate 2017. 545 Seiten. Originalausgabe bei Farrar, Straus and Giroux. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Gunkel ist unter dem Titel Der Sport der Könige bei Luchterhand erschienen.

Das Zitat stammt von S. 331.

2017 war dieser Roman auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Essen aus Büchern: Chicken à la King aus Richard Yates „Easter Parade“

Sarah und Emily Grimes, die jungen Protagonistinnen in Easter Parade, sind stolz auf ihren Vater. Er lebt in New York und schreibt für die New York Sun, die wichtigste Zeitung der Stadt, die Überschriften, was die wichtigste Stelle in der ganzen Redaktion ist. Da sind sich Sarah und Emily sicher und es ist das, was sie den anderen Kindern sagen, wenn sie fragen, warum er nicht mehr nach Hause nach New Jersey kommt. Weil er eben in New York unabkömmlich ist.

Der Besuch beim Vater gerät dann allerdings zur Enttäuschung. Die New York Sun ist, das findet sogar der Vater selbst, keine besonders gute Zeitung und er hat nicht mal einen eigenen Schreibtisch. Am Rande eines großen Tisches sitzt er und korrigiert Artikel. „Wenn ich sehr talentiert wäre, würde ich vermutlich woanders hingehen, aber ich bin nur – ihr wißt schon – ich bin nur ein Mann am Redaktionstisch, ein Korrektor“, gesteht er seinen Töchtern beim Mittagessen, zu dem er sich einen großzügigen Aperitif gönnt:

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In den Trümmern des Empire – „The Inheritance of Loss“ von Kiran Desai

In Kalimpong, einer Stadt in der indischen Peripherie am Fuße des mächtigen Himalaya, wird die junge Sai eines Tages bei ihrem Großvater abgeliefert, bei dem sie von nun an leben soll. Sie ist Waisin und bisher in einem Internat großgeworden. Der Großvater, ehemals Richter im indischen Kolonialstaat und in Cambridge ausgebildet, ist völlig desillusioniert von der Welt im allgemeinen und vom englischen Empire im besonderen. Einst hielt er viel von den eleganten Briten. Doch seitdem er versucht hat, Teil ihrer Gesellschaft zu werden und nur verlacht wurde, empfindet er nur noch Groll gegen sie und ihre überhebliche Art.

Die beiden teilen sich das einst herrschaftliche Haus mit dem namenlosen Koch, der sein ganzes Talent dafür aufbringt, den Hausstand beisammenzuhalten und all seine Hoffnung in seinen Sohn steckt, der es endlich nach New York geschafft hat. Seine Generation sieht die Zukunft nicht mehr in einer englischen Universität, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie so viele Migranten erkennt er vor Ort schnell, dass seine Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Als illegalisierter Einwanderer arbeitet er für einen Hungerlohn in einer schäbigen Restaurantküche, schläft in überfüllten Appartements oder gleich auf dem Küchenboden. Seinem Vater gegenüber muss er das alles natürlich als große Erfolgsgeschichte verkaufen.

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Das Ende ist nah – „Weather“ von Jenny Offill

Lizzies Leben ist aufreibend. Sie hat nicht nur Mann und Kind, sondern auch eine Mutter, deren Glaube langsam ans Fanatische grenzt und einen drogenabhängigen Bruder, der sich wochenlang bei ihr einquartiert. Ihr Berufsleben als Bibliothekarin ist da nicht ganz so turbulent. Dann allerdings wendet sich Sylvia, eine ehemalige Dozentin an sie. Sie ist eine Art populäre Intellektuelle, die landesweit Vorträge hält und mit ihrem Podcast „Hell and High Weather“ ein riesiges Publikum erreicht. Ihr Hauptthema: der Klimawandel, die Zerstörung der Welt und wie uns das alle ruinieren wird. Aus ihrer Zuhörerschaft erreichen sie inzwischen so viele Mails, dass sie jemanden braucht, der sie beantwortet. Und das wird nun eine weitere Aufgabe für Lizzie.

„I swear the hippie letters are a hundred times more boring than the end-timer ones. They are all about composting toilets and water conversation and electric cars and how to live lightly on the earth while thinking ahead for seven generations.“

Lizzie liest Mails und noch mehr Mails, von besorgten Eltern, selbstgerechten Hippies und paranoiden Preppern. Sie hört jede Folge des Podcasts und liest Tonnen von Büchern zu dem Thema. Es dauert nicht lange, bis auch sie vom nahenden Ende der Welt überzeugt ist. Macht das alles noch Sinn? Gibt es irgendwo auf dieser Welt noch eine sicheren Ort? Wird es ihn auch in dreißig Jahren noch geben? Das sind die Fragen, die sie bewegen, während sie ihrem Sohn beim Spielen zuschaut. Sie sieht eine Katastrophe auf sich zurollen, deren Ausmaß sie noch nicht abschätzen kann. Zur Entspannung besucht sie einen Meditationskurs, aber die sehr pragmatische Einstellung ihrer Lehrerin macht eigentlich alles nur noch schlimmer. Ihr Gefühl vergleicht die New Yorkerin Lizzie mit der Zeit nach 9/11, als eine spürbare Anspannung in der Luft lag und alle über das gleiche Thema sprachen und die gleiche Angst hatten.

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Der Herzschlag des Dschungels – „State of Wonder“ von Ann Patchett

Die erschütternde Nachricht erreicht Marina Singh auf einem hauchdünnen Bogen Luftpost-Papier: ihr Laborkollege Anders Eckman, der im Auftrag des gemeinsamen Arbeitgebers im brasilianischen Urwald unterwegs war, ist dort an einer nicht näher definierten Krankheit verstorben. Oder ist er gar nicht tot? Anders Frau und die Firma, für die er gearbeitet hat, wollen Gewissheit haben. So wird es Marinas Mission, sich auf seinen Spuren ebenfalls ins Dschungel-Abenteuer zu stürzen.

Dort forscht an einem Nebenarm des Rio Negro Annick Swenson seit Jahren an einem sensationellen Medikament: sie hat entdeckt, dass die Frauen der dort lebenden Lakashi bis ins hohe Alter gebärfähig bleiben und glaubt, dem Grund auf der Spur zu sein. Ihr Arbeitgeber wittert ungeahnte Möglichkeiten – die ewige Fruchtbarkeit würden sich viele Frauen in den USA sicher einiges kosten lassen. Marinas Verhältnis zu Annick Swenson ist ausgesprochen angespannt. Als Medizinstudentin hat sie unter Swensons Aufsicht einen folgenschweren Fehler begangen und danach der praktizierenden Medizin für immer abgeschworen. Sie hat sich diesen Fehler nie verziehen und ist sich sicher, dass auch Swenson noch immer voller Vorwürfe sein wird. Doch schon bald nach ihrer chaotischen Ankunft in Manaus beginnt sie zu ahnen, dass Swenson mit ihrem vorherigen Leben nicht mehr viel zu tun haben wird und wahrscheinlich auch von ihrem Arbeitgeber und Geldgeber gar nicht so viel wissen will. Marina fürchtet bald, dass es Dr. Swenson bei ihrem Projekt gar nicht um ewige Fruchtbarkeit in Pillenform geht.

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Nothing is free in America – „Dominicana“ von Angie Cruz

Ana ist gerade 13 Jahre alt, als der mehr als doppelt so alte Juan beschließt, dass sie seine Frau werden soll. Das Angebot kann sie nicht ausschlagen. Er ist einer der Ruiz-Brüder, die es in New York zu Wohlstand gebracht haben und vorteilhafte Geschäfte für ihre Familie versprechen. Anders als ihre Schwestern und Freundinnen hat Ana nie von einem Leben in den USA geträumt. Aber es ist der Traum ihrer Generation und ihrer Familie und irgendjemand muss ihn eben leben. Pech für Ana, dass es gerade sie trifft. Als sie 15 ist, holt ihr Bräutigam sie ab. Die Hochzeitszeremonie besteht darin, dass Juan gefälschte Papiere besorgt, nach denen sie erstens 19 und zweitens seine Frau ist und am nächsten Morgen landet sie schon in New York.

Ana träumt davon, zur Schule zu gehen, Englisch zu lernen, vielleicht sogar zu studieren. Sie will ein eigenes Unternehmen gründen und ein eigenes Auto fahren, schöne Kleider tragen und ein selbstständiges Leben führen. Nichts davon erwartet sie in New York. Die riesige Stadt überfordert sie, aber Juan lässt sie ohnehin nicht alleine aus der Wohnung. Während er arbeiten ist, hütet sie das Haus, putzt und kocht und verkauft Bekannten ihres Mannes Anzüge, die vom Lastwagen gefallen sind. Von Schule und Ausbildung ist keine Rede mehr. Sie solle fordern, hatte ihre Mutter ihr geraten: Kleider, Geld, Schmuck. Doch wenn sie fordert, sagt Juan nur nein, er könne es sich nicht leisten. Zu allem Überfluss hat Juan auch noch eine Beziehung zu einer anderen Frau, und das schon seit Jahren. Ana bleibt nichts, als es zu akzeptieren. Heimlich legt sie Dollar für Dollar zur Seite und hofft, davon bald einen Flug nach Hause zahlen zu können, denn New York wird niemals ihr zu Hause sein, das weiß sie sofort. Einen Lichtblick in dieser hoffnungslosen Situation gibt es erst, als Juan für mehrere Wochen verreist. In der Dominikanischen Republik ist ein Krieg ausgebrochen, Juan muss dort nach dem Rechten und seinem Besitz sehen. Ana bleibt alleine in New York zurück und kann endlich die Freiheit erleben, die sie sich von den USA erhofft hatte.

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Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

Die Kunstwissenschaftler Monty Kipps und Howard Belsey sind Erzrivalen. Sie haben nicht nur völlig verschiedene Ansichten zu Rembrandt, sondern auch dazu, wie Universitäten und Bildung aussehen sollten und eigentlich zur Welt an sich. Ihr aktueller Kleinkrieg ist an einem Selbstporträt Rembrandts entbrannt und noch weit davon, beigelegt zu werden, als Monty als Gastdozent ausgerechnet an Howards College im beschaulichen Wellington unterrichten soll. In der Kleinstadt und erst recht am kleinen College ist es völlig unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Dabei hat Howard auch ohne Monty schon genug Ärger: Nach dreißig Jahren Ehe hat er seine Frau betrogen, die gar nicht daran denkt, ihm zu verzeihen.

On Beauty konzentriert sich vor allem auf die Familie Belsey, bestehend aus Howard, seiner Frau Kiki und den Kindern Levi, Jerome und Zora. Mit ihnen und ihrem konservativen Gegenpart, der Kipps-Familie, bringt Zadie Smith eine enorme Fülle von Themen und Konflikten in den Roman, ohne, dass es konstruiert wirkt. Eines der vorherrschenden Themen des Romans ist Rassismus, der den Figuren in unterschiedlichem Ausmaß begegnet und der sie auf verschiedene Arten beschäftigt. Kiki Belseys ist Schwarz und sowohl sie als auch ihre Kinder werden im weißen Wellington gelegentlich mit Argwohn betrachtet, besonders Levi, der auch durch seine Kleidung negativ auffällt. Er selbst definiert sich mehr als alle anderen Familienmitglieder als Teil einer diskriminierten Minderheit, sucht einen Ausweg aus der behüteten Mittelschicht und wird mit seinem Engagement für Haiti politisch aktiv. Damit bildet er einen Gegenpol zu seinem Vater, der sein Leben und ein Forschen ausschließlich der Ästhetik verschrieben hat und das so sehr, dass ihm der Bezug zur Realität vor lauter Schönheit manchmal fast abhanden kommt: Während sein gesamtes Kollegium schon lange auf Powerpoint umgestellt hat, kritzelt Howard immer noch auf Overhead-Folien herum.

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Menschliche Makel – „Fault Lines“ von Nancy Huston

Vier Generationen verbindet Nancy Huston in Fault Lines durch ein gemeinsames Merkmal: Sie alle tragen das gleiche Muttermal, wenn auch an unterschiedlichen Stellen ihres Körpers. Der letzte in der Reihe, der sechsjährige Sol, trägt es an der Schläfe. Für seine Mutter ist das ein nicht akzeptabler Makel an ihrem sonst makellosen Sohn. Sie will es entfernen lassen, vorgeblich wegen der erhöhten Krebsgefahr. Doch so leicht lassen sich die verbindenden Elemente einer Familie nicht wegschneiden. Kurz nach der OP entwickelt Sol eine gefährliche Entzündung.

Sol ist eines von vier etwa sechsjährigen Kindern, deren Geschichten in diesem Roman erzählt werden. Von ihm aus geht Huston immer eine Generation zurück, über seinen Vater Randall, seine Großmutter Sadie und schließlich zu seiner Urgroßmutter Erra, deren Leben im Terrorregime des Nationalsozialismus begann. Sol lebt nun als überbehütetes Kind in den USA. Seine Eltern, besonders seine Mutter, erlauben ihm alles und feiern auch die kleinsten Erfolge. Dafür ist Sol nicht etwa dankbar, sondern wird zutiefst bösartig. Den Computer seiner Mutter nutzt er, um sich im Internet Videos von Enthauptungen und anderen Gräueltaten anzusehen.

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Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

Die Brüder Harold und George Silver waren sich noch nie grün. Verwandte erinnern sich an Schlägereien bei Familienfesten und Harold ist sich sicher, dass George ihn töten wollte. Als Erwachsene haben sie ein zivilisierteres, wenn auch nicht unbedingt besseres Verhältnis. Bis zu der Nacht, in der George in die Psychiatrie kommt, nachdem er einen Unfall mit mehreren Toten verursacht und vielleicht sogar provoziert hat. Harold und Georges Frau Jane beginnen eine Affäre, von der George trotz seiner Abwesenheit bald Wind bekommt. Er entkommt aus der Psychiatrie und tötet Jane.

„You grow up thinking your family is normal enough, and then, all of a sudden, something happens and it is so not normal, and you have no idea how it got that way, and there’s really nowhere to go from here – it will never be anywhere near normal again.“

Die gemeinsamen Kinder des Ehepaares sind nun Harolds Verantwortung, der völlig überfordert ist mit jedem Aspekt der Situation. Die Umstände sind ausgesprochen tragisch, Homes gelingt es aber überraschend gut, das Absurde daran hervorzuheben ohne jemals pietätlos zu sein. Harold gerät in eine völlig neue Welt. Als Historiker mit Spezialisierung auf Nixon kommt er eher schlecht als recht über die Runden, während George erfolgreich in der Unterhaltungsindustrie war und beide Kinder an teuren Privatschulen untergebracht hat. Harold weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht, er weiß nicht, wie man mit viel Geld umgeht und er weiß auch noch nicht so richtig, wie man mit dem Internet umgeht. Das führt skurrilen Bekanntschaften auf Dating-Plattformen, die mehr oder wenig explizit geschildert werden. Homes Humor reicht von knochentrocken bis burlesk und ist manchmal fast ein bisschen überdreht.

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