Castle Freeman: Männer mit Erfahrung

Mitten in den Wäldern von Vermont wohnt Lillian, seit kurzem allein. Ihr Freund Kevin ist abgehauen nachdem es Ärger mit dem Gesetz gab. Das Gesetz ist in dem verschlafenen Ort nicht zwingend die Polizei, sondern erstmal Blackway, ein Kleiderschrank von einem Mann, der vor nichts und niemand halt macht und es gewohnt ist, seinen Willen zu kriegen. Nun rückt er Lillian auf die Pelle. Er steht im Auto vor ihrem Haus und beobachtet sie, schlägt eine Scheibe ihres Wagens ein und bringt zu guter Letzt auch noch ihre Katze um. Lillian verliert die Nerven, stürmt mitten in der Nacht mit einem Obstmesser bewaffnet aus dem Haus und sucht Hilfe beim Sheriff des Ortes. Tja, sagt der, ohne Beweise können man halt nicht viel machen. Er rät ihr, sie solle halt abhauen. Lillian sieht das aber nicht ein, schließlich hat sie nichts falsch gemacht.  Schließlich verweist man sie an Whizzer, einen kauzigen alten Mann, der mit seinen Freunden den ganzen Tag in einer alten Fabrik die Zeit totschlägt. Die Hilfe, die Whizzer hat, ist auch nicht, was Lillian sich vorstellt: Nate, ein großer junger Mann, der klüger als ein Pferd aber dümmer als ein Traktor sein soll und Lester, der unschätzbaren Alters ist und nur noch schlecht zu Fuß. Aber das ist die Hilfe die eben gerade da ist und so heftet das merkwürdige Trio sich an Blackways Fersen.

„‚Tja‘, sagte Whizzer, ‚ich weiß nicht, ob sie dumm oder intelligent ist und ob es hier gefällt oder nicht – jedenfalls ist sie da. Und noch was sage ich euch: Mir scheint, diesmal ist Blackway an die Falsche geraten.'“

Der namenlose Ort scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Es überrascht einen fast, wenn Menschen plötzlich von Videorekordern spreche. Denn so, wie sie in ihrer aufgegeben Fabrik sitzen, Bier trinken und Poker spielen, hätten sie es auch vor hundert Jahren tun können. Der wichtigste Wirtschaftszweig der Region ist noch immer der Holzabbau, und auch wenn die Stämme nun nicht mehr von Pferden aus dem Wald gezogen werden, ist in den Wäldern von Vermont vor langer, langer Zeit die Uhr stehengeblieben zu sein. Fremden gegenüber ist man noch immer misstrauisch und unterstellt Menschen aus der Stadt grundsätzlich erstmal, sie hielten sich für etwas besseres.

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Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

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Essen aus Büchern: Kugel aus Ann Patchetts „The Magician’s Assistant“

Kugel ist ein Auflauf aus der jüdisch-aschkenasischen Küche und teilt seine etymologischen Wurzeln wahrscheinlich mit dem Gugelhupf. Es gibt eine süße Variante, die vor allem aus Eiernudeln und verschiedenen Milchprodukten besteht und eine herzhafte, die vor allem aus Kartoffeln besteht. In The Magician’s Assistant allerdings ist recht eindeutig die süße Variante gemeint, ausgestellt in der Süßwarenvitrine des traditionellen jüdischen Restaurants Canter’s Deli, in dem Protagonistin Sabine der Versuchung kaum widerstehen kann:

„She couldn’t remember the last time she had eaten, and she put her hand on the overflowing pastry case and leaned towards the glass, suddenly mesmerized by kugel.“

Die süße Variante ist auch bekannt als Lokshen Kugel, wobei ‚Lokshen‘ die Nudeln bezeichnet, oder als Noodle Kugel, was mühelos den phonetischen Sieg davon trägt. Über die Jahrhunderte haben sich natürlich sehr viele Varianten entwickelt. Fast in allen süßen Kugel-Rezepten findet man Rosinen, manchmal auch andere (Trocken)früchte, Zitronenzesten oder Apfelmus. Oft werden nur Zucker und Zimt über die Masse gestreut, manchmal aber auch Toppings wie zerbröselte Kekse, Streusel oder Cornflakes. Es war mir nicht möglich, herauszufinden, was Canter’s Deli sein Kugel nun genau macht, deswegen habe ich mich einfach für eine möglichst traditionelle Variante entschieden. Es ist einfach, es ist sehr lecker, es ist super variabel, aber ich warne euch – es ist auch eine riesige Milchprodukte-Schlacht.

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T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

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Matt Ruff: Lovecraft Country

H.P. Lovecraft ist heute vor allem als genreprägender Autor von Horroliteratur bekannt. Besonders sein Cthulhu-Mythos hat Kultstatus erlangt, aber auch die Erforschung geheimen Wissens ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Ebenso wie Rassismus – wenn Lovecrafts Verteidiger auch betonen, dass dieser eher kulturell als hardline biologisch determiniert gewesen sei, sind einige seiner Äußerungen halt schon hart. Der Begriff „Lovecraft Country“ bezeichnet ein Gebiet in Massachusetts, bestehend aus realen und fiktiven Orten, in denen Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos ansiedelte und in dem auch die meisten darauf aufbauenden Werke anderer AutorInnen spielen.

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In dieses Gebiet verschlägt es nun Atticus, seinen Onkel George und seine Freundin Letitia. Die drei sind auf wichtiger Mission, denn sie suchen Atticus Vater Montrose, der auf der Suche nach familiären Verbindungen einem geheimnisvollen Fremden in diese Gegend gefolgt sein soll. Die Reise ist für die drei besonders gefährlich, denn sie sind schwarz und die Geschichte spielt in den 1950ern, als die Jim Crow Laws noch in voller Blüte standen. Schwarze dürfen nicht in allen Hotels übernachten, werden in kaum einem Restaurant bedient und eine simple Reifenpanne kann ein großes Problem werden, wenn weit und breit keine Werkstatt bereit ist zu helfen. Immerhin ist mit George eine gewisse Expertise an Bord. Er ist der Herausgeber eines Reiseführers mit sicheren Adressen für Schwarze, dem Safe Negro Travel Guide – erschreckenderweise musste es dieses Buch tatsächlich bis in 1960er geben, allerdings unter dem Titel The Negro Motorist Green Book. Doch trotz seines Wissens gerät die Reise zu einem höchst gefährlichen Roadtrip und nur mit Müh und Not schaffen sie es in das abgelegene Dorf, in dem sie Montrose vermuten. Doch das ist erst der Anfang. Denn kaum ausgestiegen finden sie sich in den Fängen eines rassistischen Geheimordens, der in Atticus den Hüter magischer Fähigkeiten vermutet. Plötzlich ist die ganze Familie verwickelt in eine uralte, hochkomplexe und noch dazu sehr riskante Logen-Fehde.

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Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

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Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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Truman Capote: Summer Crossing

Als Truman Capote 1984 starb, gründete sein Ruhm weniger auf seinen Romanen als auf seiner spektakulären Selbstinszenierung. Sein großer Erfolg mit dem True Crime-Roman In Cold Blood war da schon fast zwanzig Jahre her und seinen letzten Roman Answered Prayers konnte er nicht mehr fertigstellen. Er wurde erst posthum veröffentlicht. Ebenfalls posthum veröffentlicht wurde sein eigentlich erster Roman Summer Crossing. Er schrieb ihn in den 40er-Jahren und vergrub das Manuskript in einer Schublade. Später behauptete er, er habe den Text zerstört, weil er ihm nicht mehr gefallen habe. In Wahrheit aber hatte er die Hefte einfach in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn zurückgelassen und der mit der Entrümpelung beauftragte Hausmeister bewahrte sie, zusammen mit anderen Erinnerungsstücken, auf. So tauchte das Romanmanuskript 2004 beim Auktionshaus Sotheby’s auf und konnte 2005 veröffentlicht werden.

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Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

ScottsboroBoys
Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Tom Disch: Endzone – Letzte Gedichte

Der US-amerikanische Autor Tom Disch dürfte, obwohl in seinem Genre sehr bekannt, hierzulande fast nur ernsthaften SciFi-Fans ein Begriff sein. Für seine Romane, die er unter seinem vollen Namen Thomas M. Disch veröffentlichte, erhielt er unter anderem mehrfach den renommierten Nebula Award. Als er 2008 Suizid beging, hinterließ er aber auch eine beachtliche Gedichtsammlung. Einige davon veröffentlichte er in seinen letzten Lebensjahren auf seinem Blog endzone, der noch immer online ist.

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Seinem Selbstmord voraus gingen drei Jahre, in denen ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgte. Nachdem sein Lebensgefährte Charles Naylor an einer Krebserkrankung gestorben war, drohte ihm der Verlust der ehemals gemeinsamen Wohnung, die auf Naylors Namen lief und auch das Landhaus des Paares wurde durch einen Wasserschaden unbewohnbar. Zudem litt Disch selbst mit Ende 60 an verschiedenen Erkrankungen, die eine gesellschaftliche Teilhabe immer schwieriger machten. Sein literarisches Schaffen war fast völlig zum Erliegen gekommen, außer ein paar eher unbedeutenden Veröffentlichungen in Kleinverlagen konnte er keine Erfolge mehr verzeichnen.

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