Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

„And she, in spite of nature,
Of years, of country, credit, everything,
To fall in love with what she feared to look on?“

Zu einer Auseinandersetzung kommt es aber gar nicht mehr, weil die türkische Flotte in einem Sturm zerstört wird. Dennoch freut man sich auf Zypern über die Ankunft des sehr geschätzten Othello, wie der dortige Verwalter Montano nicht müde wird zu betonen. Cassio, der vor Othello ankommt, rühmt die Schönheit und Reinheit seiner jungen Frau Desdemona. Zumindest bis Iago auch ankommt und sich mit ein paar rassistischen und sexistischen Witzen endgültig ins Sympathie-Aus schießt. Er ist, wie er dem Publikum in einem aside anvertraut, der Überzeugung, dass Othello mit seiner Frau Emilia geschlafen habe. Einen Grund zu dieser Annahme hat er eigentlich nicht, aber es ist eben das, was Schwarze so machen. Also plant er Rache nach dem Motto „a wife for a wife“. Außerdem ist er auch einfach ein mieser Typ und will Othello eins auswischen.

Für seine Rache hat er sich einen feinen Plan ausgedacht: er will Cassio und Desdemona eine Affäre anhängen. Der immer noch in Desdemona verliebte Roderigo soll ihm dabei helfen. Bei einer Feier füllt er Cassio ab und versucht, ihm anzügliche Bemerkungen über Othellos Frau zu entlocken. Als ihm das nicht gelingt, bringt er Roderigo dazu, einen Streit mit Cassio zu provozieren. Als Montano schlichtend eingreifen will, sticht Cassio ihn nieder, woraufhin der entsetzte Othello ihn vom Dienst suspendiert. Iago kommt auch das natürlich sehr entgegen, damit ist sein Traumposten wieder frei. Cassio aber rät er, die Versöhnung mit Othello über Desdemona zu suchen.

Scan of a postcard
Henri Albers in der Rolle des superfiesen Iago. Möglicherweise Vorbild für Severus Snape.

Das Gespräch zwischen den beiden fädelt Iago so ein, dass Othello gerade noch sieht, wie Cassio sich von Desdemona entfernt, offenbar um Geheimhaltung bemüht. Iago fragt Othello hinterhältig, wie sicher er sich eigentlich sei, dass kein Grund zur Eifersucht bestünde. Außerdem bringt er ein Taschentuch von Desdemona in seinen Besitz, das er zwischen Cassios Hab und Gut versteckt. Das Taschentuch hat eine ganz besondere Bedeutung, denn es war das erste Geschenk, das Othello Desdemona jemals gemacht hat. Ein paar Sticheleien später ist Othello sicher, dass Cassio und Desdemona eine Affäre haben und fordert seinen Tod. Cassio findet inzwischen das Taschentuch, hat keine Ahnung woher es kommt und gibt es aus einer Laune heraus seiner Geliebten Bianca. Das wiederum bekommt nun Othello wieder mit, verliert endgültig die Nerven und will Desdemona hängen/vergiften/im Schlaf töten. Vorher quetscht er noch Desdemonas Zofe Emilia aus, die aber jede Möglichkeit einer Affäre vehement abstreitetet. Trotzdem konfrontiert Othello Desdemona auf sehr uncharmante Art mit seinen Vorwürfen und lässt sie völlig aufgelöst zurück.

Am gleichen Tag kommt ein venezianischer Bote nach Zypern, der Othello zurück beordert. Seinen Posten auf der Insel soll Cassio einnehmen. Das nimmt Iago zum Anlass, Roderigo nun dazu anzuspornen, Cassio zu töten. Dann würden Othello und Desdemona auf der Insel bleiben und Roderigo hätte eine neue Chance, Desdemonas Herz zu erobern. Othello ginge nämlich mitnichten zurück nach Venedig sondern mitsamt seiner Frau ins ferne Afrika. Roderigo ist tatsächlich blöd genug, Iago zu glauben. Und damit beginnt der große Showdown in Akt V:

In einer dunklen Gasse greift Roderigo wie besprochen Cassio an, verletzt ihn aber nicht tödlich. Im folgenden Kampf werden beide schwer verwundet. Iago kommt zum Ort des Geschehens und erdolcht Roderigo. Er behauptet, ihn in der Dunkelheit nicht erkannt und für einen Räuber gehalten zu haben. Mit Roderigo räumt Iago nicht nur einen Mitwisser sondern auch einen Gläubiger aus dem Weg. Er hat Rodergio viel Schmuck und Diamanten abgenommen und behauptet, sie Desdemona in seinem Namen zum Geschenk zu machen, was nie passiert ist. Währenddessen schleicht Othello sich in das Gemach seiner Gemahlin und erwürgt sie in ihrem Bett. Emilia wird Zeugin, schlägt Alarm und versichert ein letztes Mal, dass Desdemona sich nichts zu Schulden habe kommen lassen und im Gegenteil Iago ein mieser Lügner sei. Unter den herbeieilenden Männern ist auch Iago, der nun auch Emilia mit einem Messer angreift. Othello wirft sich noch dazwischen, kann aber nicht verhindern, dass sie tödlich verwundet wird. Inzwischen hat man beim toten Roderigo Briefe gefunden, die Iagos dunklen Plan verraten und auch der schwer verwundete Cassio schleppt sich noch einmal auf die Bühne, um Othello von seiner und Desdemonas Unschuld zu überzeugen. Othello erkennt seinen Fehler und die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Er ersticht sich selbst und stirbt auf Desdemonas Bett.

Drama genug? Dann geht es jetzt weiter mit Chevaliers Neuerzählung.

New Boy

Tracy Chevalier verlegt das Eifersuchtsdrama auf einen US-amerikanischen Schulhof in den 1970ern. Nur einen Monat bevor das Schuljahr endet, wird dort der ghanaische Diplomatensohn Osei eingeschult. Für Osei ist der Schulhof in Washington nun schon der vierte in sechs Jahren, davor war die Familie in London, Rom und New York beheimatet, und er weiß, dass es als „New Boy“ nie einfach ist. Für ihn ist es extra-schwer, weil er noch dazu schwarz ist. Das aber scheint seine Klassenkameradin Dee nicht zu stören. Sie ist von der ersten Sekunde an fasziniert vom neuen Mitschüler und seinen Geschichten aus fremden Städten. Mr. Brabant, der Klassenlehrer, betrachtet die Verbindung mit Skepsis und bereut schnell, Dee mit der Betreuung des neuen Schülers beauftragt zu haben. Zu spät – noch bevor die Frühstückspause endet, sind die beiden ein Paar.

TracyChevalier_NewBoy

Das missfällt auch dem fiesen Ian, der immer alle auf dem Schulhof um ihr Essensgeld erleichtert und Kinder von der Schaukel schubst. Ian kann sich selbst nicht helfen. Viel lieber wäre er fröhlich und beliebt wie der strahlende Casper. Als in der Mittagspause Osei an Caspers statt an seinem Tisch sitzen will, ist es für Ian mit der Freundschaft endgültig vorbei. Dem Neuen wird er schon zeigen, wer an der Schule wirklich das Sagen hat.

Über seine Freundin Mimi organisiert er sich ein Stiftemäppchen, dass Dee nur wenige Stunden früher von Osei bekommen hat. Dieses Mäppchen spielt er nun Caspers Freundin Blanca zu und macht Osei darauf aufmerksam, wie achtlos sein Geschenk weitergereicht wurde. Außerdem überredet er seinen Freund Rod dazu, Casper solange zu provozieren, bis dieser ihn schlägt. Osei beobachtet den Kampf und verliert nun nicht nur das Vertrauen in Dee sondern auch in Casper, den er bis dahin schon als neuen Freund gesehen hat.

„This school isn’t ready for a black boy.“

So weit, so Othello. Den Transport auf einen Schulhof überlebt das Eifersuchtsdrama aber nicht unbeschadet. Zum einen steht das Drama so oder so kurz vor seinem Ende. Das Schuljahr ist fast vorbei und die meisten Kinder werden nach dem Sommer eine andere Schule besuchen. Während das Drama für die Charaktere in Othello wirklich essenziell ist und die Konfrontation unvermeidbar, ist das Ende der verfahrenen Situation in New Boy für alle greifbar. Zum anderen wirkt der Streit aufgrund der Tatsache, dass alle Beteiligten in der sechsten Klasse sind, recht kindisch und irrelevant. Möglicherweise wollte Chevalier auch genau das damit aussagen. Und wer jemals in der sechsten Klasse war, wird sich erinnern, dass kein Streit kindisch und irrelevant war, sondern eine essentielle und nicht lösbare Konfliktsituation, die maximale diplomatische Anstrengungen aller Beteiligten und Nicht-Beteiligten erfordert. Auch Oseis Situation ist eine grundlegend andere als die von Othello. Osei ist neu und damit per se ein Außenseiter. Unabhängig von der Hautfarbe hat „der Neue“ an einer Schule nie einen leichten Stand und muss sich seine Position erst mühsam erarbeiten. Othello hat das eigentlich schon lange getan. Er ist ein anerkannter Feldheer, der seine erstaunlichen Fähigkeiten und seine Tapferkeit schon oft unter Beweis gestellt hat. Trotzdem ist er immer noch kein vollständig anerkanntes Mitglied der Gesellschaft und das nur aufgrund seiner Hautfarbe. Außerdem fehlt Othello im Gegensatz zu Osei der Rückhalt durch eine Familie. Osei kann sich immer darauf verlassen, dass er Unterstützung durch seine Eltern hat, wie furchtbar der Schultag auch gewesen sein mag. Othello hingegen ist völlig auf sich gestellt, seine einzige Hoffnung auf Unterstützung ist seine Frau Desdemona, weswegen der unterstellte Verrat umso schwerer wiegt. Zudem ist die Situation auf dem Schulhof überwacht und geregelt, was eine wirkliche Eskalation zwar nicht unmöglich aber sehr unwahrscheinlich macht. Zum einen sind Lehrkräfte anwesend, die steuernd und strafend eingreifen, zum anderen muss Fehlverhalten zu Hause den Eltern gebeichtet werden. Das reicht, um alle mehr oder weniger in Schach zu halten. Im Original fehlen diese Instanzen.

Trotz dieser deutlichen Abweichungen vom Stück gelingt Chevalier eine unterhaltsame und gut lesbare Neuerzählung. Viele Details des Stücks hat sie sinnvoll neu interpretiert wie etwa das Taschentuch, das durch ein Mäppchen ersetzt wurde. Die Charaktere des Romans bleiben ihren Rollen treu, allerdings bemüht sich Chevalier, die Handelnden mit etwas mehr Background auszustatten. Während beispielsweise Iago im Stück böse ist weil er es ist, wird Ians Verhalten mit ungünstigen familiären Voraussetzungen erklärt. Diese Charakterisierungen bleiben aber allesamt ziemlich an der Oberfläche. In ihren Handlungen und Reflektionen sind die Figuren nicht immer schlüssig. Für SechstklässlerInnen sind einige schon wirklich sehr weit entwickelt, vernünftig und sicher in ihrer Interpretation der Geschehnisse. Das wirkt an vielen Stellen nicht sehr authentisch. Interessant ist New Boy allerdings nur als Othello-Adaption. Ohne diesen Hintergrund ist es eine Erzählung über die komplizierten Verstrickungen in den Beziehungen von Prä-Pubertierenden und damit in etwa so aufregend wie der durchschnittliche Kuschelrock-Roman.


William Shakespeare: „Othello“. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 900-931.

Das Zitat stammt aus Akt I, Szene 3.

Das Bild von Iago ist um ca. 1903 in  „Hollansche Musici in den Vreemde“ in Den Haag erschienen. Es zeigt einen Darsteller aus der Verdi-Oper „Othello“. Der Urheber des Bildes ist unbekannt.

Tracy Chevalier: New Boy. Gelesen in der Ausgabe Vintage 2018. 188 Seiten. Erstausgabe Hogarth 2017. Deutsche Übersetzung von Sabine Schwenk unter dem Titel Der Neue 2018 bei Knaus erschienen.

Das Zitat stammt von S. 148.

Dieser Roman ist im Rahmen des Projekt Hogarth Shakespeare erschienen.

Essen aus Büchern: Kugel aus Ann Patchetts „The Magician’s Assistant“

Kugel ist ein Auflauf aus der jüdisch-aschkenasischen Küche und teilt seine etymologischen Wurzeln wahrscheinlich mit dem Gugelhupf. Es gibt eine süße Variante, die vor allem aus Eiernudeln und verschiedenen Milchprodukten besteht und eine herzhafte, die vor allem aus Kartoffeln besteht. In The Magician’s Assistant allerdings ist recht eindeutig die süße Variante gemeint, ausgestellt in der Süßwarenvitrine des traditionellen jüdischen Restaurants Canter’s Deli, in dem Protagonistin Sabine der Versuchung kaum widerstehen kann:

„She couldn’t remember the last time she had eaten, and she put her hand on the overflowing pastry case and leaned towards the glass, suddenly mesmerized by kugel.“

Die süße Variante ist auch bekannt als Lokshen Kugel, wobei ‚Lokshen‘ die Nudeln bezeichnet, oder als Noodle Kugel, was mühelos den phonetischen Sieg davon trägt. Über die Jahrhunderte haben sich natürlich sehr viele Varianten entwickelt. Fast in allen süßen Kugel-Rezepten findet man Rosinen, manchmal auch andere (Trocken)früchte, Zitronenzesten oder Apfelmus. Oft werden nur Zucker und Zimt über die Masse gestreut, manchmal aber auch Toppings wie zerbröselte Kekse, Streusel oder Cornflakes. Es war mir nicht möglich, herauszufinden, was Canter’s Deli sein Kugel nun genau macht, deswegen habe ich mich einfach für eine möglichst traditionelle Variante entschieden. Es ist einfach, es ist sehr lecker, es ist super variabel, aber ich warne euch – es ist auch eine riesige Milchprodukte-Schlacht.

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T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

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Matt Ruff: Lovecraft Country

H.P. Lovecraft ist heute vor allem als genreprägender Autor von Horroliteratur bekannt. Besonders sein Cthulhu-Mythos hat Kultstatus erlangt, aber auch die Erforschung geheimen Wissens ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Ebenso wie Rassismus – wenn Lovecrafts Verteidiger auch betonen, dass dieser eher kulturell als hardline biologisch determiniert gewesen sei, sind einige seiner Äußerungen halt schon hart. Der Begriff „Lovecraft Country“ bezeichnet ein Gebiet in Massachusetts, bestehend aus realen und fiktiven Orten, in denen Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos ansiedelte und in dem auch die meisten darauf aufbauenden Werke anderer AutorInnen spielen.

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In dieses Gebiet verschlägt es nun Atticus, seinen Onkel George und seine Freundin Letitia. Die drei sind auf wichtiger Mission, denn sie suchen Atticus Vater Montrose, der auf der Suche nach familiären Verbindungen einem geheimnisvollen Fremden in diese Gegend gefolgt sein soll. Die Reise ist für die drei besonders gefährlich, denn sie sind schwarz und die Geschichte spielt in den 1950ern, als die Jim Crow Laws noch in voller Blüte standen. Schwarze dürfen nicht in allen Hotels übernachten, werden in kaum einem Restaurant bedient und eine simple Reifenpanne kann ein großes Problem werden, wenn weit und breit keine Werkstatt bereit ist zu helfen. Immerhin ist mit George eine gewisse Expertise an Bord. Er ist der Herausgeber eines Reiseführers mit sicheren Adressen für Schwarze, dem Safe Negro Travel Guide – erschreckenderweise musste es dieses Buch tatsächlich bis in 1960er geben, allerdings unter dem Titel The Negro Motorist Green Book. Doch trotz seines Wissens gerät die Reise zu einem höchst gefährlichen Roadtrip und nur mit Müh und Not schaffen sie es in das abgelegene Dorf, in dem sie Montrose vermuten. Doch das ist erst der Anfang. Denn kaum ausgestiegen finden sie sich in den Fängen eines rassistischen Geheimordens, der in Atticus den Hüter magischer Fähigkeiten vermutet. Plötzlich ist die ganze Familie verwickelt in eine uralte, hochkomplexe und noch dazu sehr riskante Logen-Fehde.

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Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

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Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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Truman Capote: Summer Crossing

Als Truman Capote 1984 starb, gründete sein Ruhm weniger auf seinen Romanen als auf seiner spektakulären Selbstinszenierung. Sein großer Erfolg mit dem True Crime-Roman In Cold Blood war da schon fast zwanzig Jahre her und seinen letzten Roman Answered Prayers konnte er nicht mehr fertigstellen. Er wurde erst posthum veröffentlicht. Ebenfalls posthum veröffentlicht wurde sein eigentlich erster Roman Summer Crossing. Er schrieb ihn in den 40er-Jahren und vergrub das Manuskript in einer Schublade. Später behauptete er, er habe den Text zerstört, weil er ihm nicht mehr gefallen habe. In Wahrheit aber hatte er die Hefte einfach in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn zurückgelassen und der mit der Entrümpelung beauftragte Hausmeister bewahrte sie, zusammen mit anderen Erinnerungsstücken, auf. So tauchte das Romanmanuskript 2004 beim Auktionshaus Sotheby’s auf und konnte 2005 veröffentlicht werden.

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Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

ScottsboroBoys
Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Tom Disch: Endzone – Letzte Gedichte

Der US-amerikanische Autor Tom Disch dürfte, obwohl in seinem Genre sehr bekannt, hierzulande fast nur ernsthaften SciFi-Fans ein Begriff sein. Für seine Romane, die er unter seinem vollen Namen Thomas M. Disch veröffentlichte, erhielt er unter anderem mehrfach den renommierten Nebula Award. Als er 2008 Suizid beging, hinterließ er aber auch eine beachtliche Gedichtsammlung. Einige davon veröffentlichte er in seinen letzten Lebensjahren auf seinem Blog endzone, der noch immer online ist.

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Seinem Selbstmord voraus gingen drei Jahre, in denen ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgte. Nachdem sein Lebensgefährte Charles Naylor an einer Krebserkrankung gestorben war, drohte ihm der Verlust der ehemals gemeinsamen Wohnung, die auf Naylors Namen lief und auch das Landhaus des Paares wurde durch einen Wasserschaden unbewohnbar. Zudem litt Disch selbst mit Ende 60 an verschiedenen Erkrankungen, die eine gesellschaftliche Teilhabe immer schwieriger machten. Sein literarisches Schaffen war fast völlig zum Erliegen gekommen, außer ein paar eher unbedeutenden Veröffentlichungen in Kleinverlagen konnte er keine Erfolge mehr verzeichnen.

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Naomi Alderman: The Power

Überall auf der Welt entdecken pubertierende Mädchen auf einmal eine neuartige Kraft in ihrem Körper: mit einem Organ, das sich in etwa in Höhe der Schlüsselbeine befindet, können sie Elektrizität erzeugen und über ihre Hände abgeben. Einige entwickeln dabei eine solche Kraft, dass sie Menschen töten können, zumindest aber schwer verletzen. Die jungen Frauen geben ihre Kräfte an die älteren weiter und bald gibt es fast keine Frau mehr auf der Welt, die nicht in der Lage wäre, sich mit Stromstößen zu wehren oder andere anzugreifen. Für die Männer wird es gefährlich. Man rät ihnen, nachts nicht alleine auf der Straße zu sein und die Frauen nicht unnötig zu provozieren, etwa durch aufreizendes Verhalten. In einigen Gegenden auf der Welt kommt es zu Tumulten und Straßenschlachten. Die Frauen rächen sich an jenen, die sie über Jahrzehnte und Jahrhunderte brutal unterjocht haben. Viele vermuten eine göttliche Kraft dahinter und wenden sich an „Mother Eve“, die Anweisungen von Gott (weiblich) erhält. Mother Eve hieß mal Allie und hat den Vater ihrer Pflegefamilie getötet. Treu an ihrer Seite ist Roxy, eine der stärksten Frauen der Welt, die als Tochter eines Gangsterbosses mit recht wenig Skrupel aufgewachsen ist. An Frauen wie diesen ist es nun, eine neue Weltordnung aufzubauen.

„When the people change, the palace cannot hold.“

Eingebettet ist die Handlung in den Bericht eines Historikers. Alderman selbst tritt im Roman auch auf, allerdings nicht als Erzählerin, sondern als Leserin. Sie selbst hat den Text bekommen von eben diesem Historiker, einem Freund, der um ihre Meinung bittet. Sie beide leben in einer weit entfernten Zukunft, und der Historiker erläutert den rasanten und beinahe mystischen Aufstieg der Frauen. Staunend schreibt er von Anzeichen dafür, dass in einer grauen Vorzeit die Männer stärker und mächtiger waren als die Frauen. Allerdings sind die Beweise rar und die Theorie höchst gewagt.

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