T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

Delaney und seine Familie in der schicken Wohnsiedlung Arroyo Blanco plagen ganz andere Sorgen. Die Nachbarn berichten von Einbrüchen und Vandalismus, ein Tor soll die Siedlung nun vor Unbefugten schützen, dann gleich eine ganze Mauer. Delaney ist dagegen. Er will nicht hinter einer Mauer leben und findet auch nicht, dass die Bedrohung „von außen“ so groß ist. Doch dann tötet ein Kojote seinen Hund, an einem Haus tauchen beleidigende Schmierereien auf und im Canyon hinterlassen die illegal Campierenden unschönen Müll. Nach und nach wachsen Zweifel in ihm: sind die Mexikaner doch nicht so harmlos, wie er immer dachte?

„No offense, but it’s beginning to look like fucking Guadalajara or something down there.“

Boyle gelingt es hervorragend, die in der Siedlung vorherrschende vorgebliche Toleranz einzufangen. Man hat ja im Grunde gar nichts gegen Mexikaner. Aber dass sie auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt herumlungern und auf Arbeit warten, geht dann doch zu weit. Dennoch haben die wenigsten ein Problem damit, eben diese Mexikaner für ein paar Dollar die Stunde im Garten arbeiten zu lassen. Schließlich arbeiten sie hart und klagen nicht. Zahlen aber auch keine Steuern! Während am Anfang die meisten Bewohner noch strikt gegen ein Tor oder gar eine Mauer um die Siedlung sind, braucht es nur ein paar kleine Vorfälle, von den Befürwortern geschickt aufgebauscht, um die Stimmung zum Kippen zu bringen. Am Ende traut sich kaum noch jemand, gegen die Mauer zu sein, denn ihre Verfechter haben sich schnell auf die moralisch sichere Seite gebracht. Wer die Mauer nicht will, wünscht seinen Nachbarn Einbruch, Mord und stetige Angst. Diesen Stimmungsumschwung in der Siedlung stellt Boyle sehr treffend und mit schöner Ironie dar.

So gut getroffen und packend diese Entwicklung ist, so schleppend fand ich den Einstieg in den Roman. In der ersten Hälfte entwickelt sich der Konflikt in Arroyo Blanco nur schleppend und der Fokus der Erzählung ist bei Cándido und América. Und bei den beiden passiert in dieser Zeit nicht sehr viel. Der Alltag ist vom immer gleichen verzweifelten Kampf um ein paar Dollars, ein bisschen Essen im Topf geprägt. Das kann in dieser Geschichte auch anders gar nicht sein, dennoch habe ich das Lesen in diesen Abschnitten ein wenig mühsam gefunden, weil einfach so gar nichts neues passiert. Aber in der zweiten Hälfte nimmt der Roman dann Fahrt auf – sehr zu Cándidos Nachteil, der dadurch nur in noch schnellerer Folge von noch schwereren Unglücken getroffen wird.

Insgesamt ist Boyle mit Tortilla Curtain ein smarter, bissiger, ironischer und größtenteils sehr unterhaltsamer Roman gelungen, der exakt so statt 1997 auch 2017 hätte erscheinen können. Sicher mit ein Grund dafür, dass dieser Roman auch eine beliebte Schullektüre ist.


T. C. Boyle: Tortilla Curtain. Bloomsbury 1997. 355 Seiten. Erstausgabe Viking Press 1995. 1998 in deutscher Übersetzung von Werner Richter unter dem Titel América erschienen, derzeit lieferbar bei dtv.

Das Zitat stammt von S. 192

Matt Ruff: Lovecraft Country

H.P. Lovecraft ist heute vor allem als genreprägender Autor von Horroliteratur bekannt. Besonders sein Cthulhu-Mythos hat Kultstatus erlangt, aber auch die Erforschung geheimen Wissens ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Ebenso wie Rassismus – wenn Lovecrafts Verteidiger auch betonen, dass dieser eher kulturell als hardline biologisch determiniert gewesen sei, sind einige seiner Äußerungen halt schon hart. Der Begriff „Lovecraft Country“ bezeichnet ein Gebiet in Massachusetts, bestehend aus realen und fiktiven Orten, in denen Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos ansiedelte und in dem auch die meisten darauf aufbauenden Werke anderer AutorInnen spielen.

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In dieses Gebiet verschlägt es nun Atticus, seinen Onkel George und seine Freundin Letitia. Die drei sind auf wichtiger Mission, denn sie suchen Atticus Vater Montrose, der auf der Suche nach familiären Verbindungen einem geheimnisvollen Fremden in diese Gegend gefolgt sein soll. Die Reise ist für die drei besonders gefährlich, denn sie sind schwarz und die Geschichte spielt in den 1950ern, als die Jim Crow Laws noch in voller Blüte standen. Schwarze dürfen nicht in allen Hotels übernachten, werden in kaum einem Restaurant bedient und eine simple Reifenpanne kann ein großes Problem werden, wenn weit und breit keine Werkstatt bereit ist zu helfen. Immerhin ist mit George eine gewisse Expertise an Bord. Er ist der Herausgeber eines Reiseführers mit sicheren Adressen für Schwarze, dem Safe Negro Travel Guide – erschreckenderweise musste es dieses Buch tatsächlich bis in 1960er geben, allerdings unter dem Titel The Negro Motorist Green Book. Doch trotz seines Wissens gerät die Reise zu einem höchst gefährlichen Roadtrip und nur mit Müh und Not schaffen sie es in das abgelegene Dorf, in dem sie Montrose vermuten. Doch das ist erst der Anfang. Denn kaum ausgestiegen finden sie sich in den Fängen eines rassistischen Geheimordens, der in Atticus den Hüter magischer Fähigkeiten vermutet. Plötzlich ist die ganze Familie verwickelt in eine uralte, hochkomplexe und noch dazu sehr riskante Logen-Fehde.

„Egal, was sie dir antun, hinterher ist es, als wäre nichts geschehen. Du sollst einfach bloß dankbar sein, dass du überhaupt noch am Leben bist.“

Die Idee, Lovecrafts Mythen mit dem Rassismus in den USA zur Zeit der Jim Crow Laws zu verbinden, fand ich großartig. Gerade zu Beginn des Romans wird auch oft thematisiert, wie sehr besonders Science Fiction, Horror und angrenzende Genres von rassistischen Stereotypen geprägt sind und wie sehr das Atticus als gerne lesenden schwarzen Jungen betroffen hat. Auch die Auswirkungen der Jim Crow Laws auf sehr alltägliche Situationen im Leben der schwarzen Bevölkerung ist enorm und erschreckend. Immer wieder erzählen Charaktere im Buch wahre Horrorstorys über Gewalt im Alltag bis hin zu organisierten Angriffen und Mord. Es steht zu befürchten, dass Ruff sich nichts davon ausdenken musste. Leider schafft er es nicht, dieses packende und solide Grundgerüst adäquat zu füllen. Möglicherweise ist alles in bester Lovecraft-Manier und ich kenne Lovecraft einfach nicht genug, um das zu würdigen. In jedem Fall auf Lovecrafts Konto aber gehen die Geheimlogen, die Spukgeschichten und die Tore in fremde Welten. Einige dieser Handlungsstränge fand ich aber insgesamt recht verworren, voll abrupter Brüche und nicht immer schlüssig.

Hinzu kommt, aber das kann man Ruff nicht anlasten, eine Übersetzung, die in weiten Teilen sperrig, oft unelegant und manchmal auch wirklich unpräzise ist. Wenn eine Schachtel Nudeln scheppernd zu Boden fällt, passt das Bild halt nicht. Was soll denn da scheppern, bitte? Und wenn jemand mit einem Rupfensack auf dem Kopf in ein Haus einsteigt, wird die Spannung dadurch ruiniert, dass ich erst 15 Minuten recherchieren muss, was ein Rupfensack ist und dann bei twitter fragen muss, wer das Wort kennt um auszuschließen, dass ich der einzige Depp bin, der nicht weiß, was ein Rupfensack ist. Für alle, die es auch nicht wussten: Rupfen bezeichnet ein leinwandbindiges Gewebe aus Jute oder Flachs und spielt im weiteren Verlauf der Handlung keine Rolle mehr. Der englische Begriff „burlap sack“ für diese Art Sack ist hingegen sehr verbreitet und bekannt und die Übersetzung ist also fachlich völlig korrekt, aber eben auch nicht sehr elegant. Das waren jetzt zwei Beispiele, die mir in Erinnerung geblieben sind, aber bis auf einige Szenen ist die Übersetzung den ganzen Text über schwerfällig, stolpert und holpert sich so hindurch. Das ist schade, weil ich glaube, dass der Roman dadurch einiges verliert. Ob die Action-Szenen ihre unfassbare Steifheit nun aber der Originalfassung oder der Übersetzung zu verdanken haben, weiß ich nicht, allerdings hab ich selten so wenig mitreißende Prügeleien gelesen.

Mein Gesamteindruck des Romans ist dann auch ein durchwachsener. Die Idee hatte viel Potenzial, die Handlung kommt aber nicht so richtig hoch. Auch Ruffs Darstellung rassistischer Diskriminierungen ist durchaus ambitioniert, wirkt manchmal aber auch etwas unstimmig. Das dürfte zumindest mit daran liegen, dass er diese Erfahrungen selbst nicht machen musste. Der Roman ist voll von guten Ansätzen und Ideen, die meisten davon schaffen es aber einfach nicht, dem dunklen Schatten zu entkommen, der sich bedrohlich durch die Wälder von Lovecraft Country wälzt. Was schade ist, sie haben am Ende sehr gefehlt.


Matt Ruff: Lovecraft Country. Hanser 2018. Derzeit lieferbar als Hardcover (432 S.) und eBook. Übersetzt von Anna und Wolf Heinrich Leube. Originalausgabe unter dem Titel Lovecraft Country erschienen 2016 bei Harper Collins.

Das Zitat stammt von S. 96/331 der eBook-Fassung.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

Was diese beiden Geschichten außer dem Handlungsort verbindet, hat sich mir nicht erschlossen. Sie sind zwar gut und flüssig miteinander verknüpft, aber die eine braucht die andere nicht. Vor allem braucht der titelgebende Mammutkäse die Elflinge nicht – die Geschichte um Margaret und ihre Familie hätte schon alleine einen passablen Roman abgegeben. Keinen besonders aufregenden, zugegeben. Aber da rettet auch Manda mit ihren gelegentlichen Auftritten nicht mehr viel, auch wenn sie vielleicht die aufregendste Person in diesem Roman ist, was aber mit daran liegt, dass gerade ihr Innenleben nicht in aller Ausführlichkeit betrachtet wird. Manda ist die einzige größere Rolle, die nicht permanent über ihre Gefühle sprechen oder in Kontemplationen versunken spazieren gehen muss. Sie darf ihre Geheimnisse und ihre nicht hinterfragte Hillbilly-Biographie behalten. Manda darf in die Luft schießen und nicht darüber nachdenken.

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Für alle anderen Charaktere beherzigt Holman eisern die Regel „show, don’t tell“ und zeigt den Leserinnen alles und mehrfach. Augusts Mutter Evelyn beispielsweise ist nicht sehr angetan davon, dass August mit Anfang vierzig dann doch noch ausziehen will. Sie sagt das August, sie sagt das ihrem Mann, ihr Mann erzählt es Margaret und redet auch nochmal darüber mit August, bis wir uns alle ganz sicher sein können: Evelyn findet das nicht so gut. Tatsächlich hat der Roman so viele Redundanzen und nicht besonders relevante Szenen, dass man ihn schmerzlos um ein Viertel hätte kürzen können. Schmerzlos aber ist fast der gesamte Roman. Er ist ganz unterhaltsam, er liest sich leicht, es tut nicht weh. Außer dem Ende – das ist so kitschig-süß, dass einem die Plomben wehtun, aber das soll hier nicht verraten werden. The Mammoth Cheese ist eine nette Bauernhof-Dorf-Geschichte für zwischendrin, die, das muss man sagen, auch durchaus ihre Momente mit Tiefgang hat. Besonders Pollys Coming-of-Age-Geschichte ist gut und überzeugend geschildert, ihre Zerrissenheit zwischen der Loyalität zu ihrer Mutter und der Farm und dem Streben nach einem anderen, freieren Leben. Ebenso Mandas Krise, die ein großes emotionales Potenzial hat, aber an den entscheidenden Stellen gekappt wird. Der Roman ist auf gar keinen Fall blöd, aber Holman verliert sich im Gewirr ihrer Handlung und die Erzählung gerät dadurch häufiger aus dem Fokus. Das ist schade, denn an schriftstellerischem Können mangelt es ihr sicher nicht. Sie wagt keine großen Experimente, schreibt aber stilsicher und sehr lesbar. Durch die Vielfalt der Themen die in diesen Roman gestopft werden, wird der Mammutkäse allerdings am Ende eine ziemlich unrunde Angelegenheit.


Sheri Holman: The Mammoth Cheese. Virago Press 2004. Erstausgabe Atlantic Monthly Press 2003. 468 Seiten. Derzeit nicht lieferbar. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

Das Zitat stammt von S. 208.

The Mammoth Cheese war 2005 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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Truman Capote: Summer Crossing

Als Truman Capote 1984 starb, gründete sein Ruhm weniger auf seinen Romanen als auf seiner spektakulären Selbstinszenierung. Sein großer Erfolg mit dem True Crime-Roman In Cold Blood war da schon fast zwanzig Jahre her und seinen letzten Roman Answered Prayers konnte er nicht mehr fertigstellen. Er wurde erst posthum veröffentlicht. Ebenfalls posthum veröffentlicht wurde sein eigentlich erster Roman Summer Crossing. Er schrieb ihn in den 40er-Jahren und vergrub das Manuskript in einer Schublade. Später behauptete er, er habe den Text zerstört, weil er ihm nicht mehr gefallen habe. In Wahrheit aber hatte er die Hefte einfach in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn zurückgelassen und der mit der Entrümpelung beauftragte Hausmeister bewahrte sie, zusammen mit anderen Erinnerungsstücken, auf. So tauchte das Romanmanuskript 2004 beim Auktionshaus Sotheby’s auf und konnte 2005 veröffentlicht werden.

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Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

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Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Tom Disch: Endzone – Letzte Gedichte

Der US-amerikanische Autor Tom Disch dürfte, obwohl in seinem Genre sehr bekannt, hierzulande fast nur ernsthaften SciFi-Fans ein Begriff sein. Für seine Romane, die er unter seinem vollen Namen Thomas M. Disch veröffentlichte, erhielt er unter anderem mehrfach den renommierten Nebula Award. Als er 2008 Suizid beging, hinterließ er aber auch eine beachtliche Gedichtsammlung. Einige davon veröffentlichte er in seinen letzten Lebensjahren auf seinem Blog endzone, der noch immer online ist.

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Seinem Selbstmord voraus gingen drei Jahre, in denen ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgte. Nachdem sein Lebensgefährte Charles Naylor an einer Krebserkrankung gestorben war, drohte ihm der Verlust der ehemals gemeinsamen Wohnung, die auf Naylors Namen lief und auch das Landhaus des Paares wurde durch einen Wasserschaden unbewohnbar. Zudem litt Disch selbst mit Ende 60 an verschiedenen Erkrankungen, die eine gesellschaftliche Teilhabe immer schwieriger machten. Sein literarisches Schaffen war fast völlig zum Erliegen gekommen, außer ein paar eher unbedeutenden Veröffentlichungen in Kleinverlagen konnte er keine Erfolge mehr verzeichnen.

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Naomi Alderman: The Power

Überall auf der Welt entdecken pubertierende Mädchen auf einmal eine neuartige Kraft in ihrem Körper: mit einem Organ, das sich in etwa in Höhe der Schlüsselbeine befindet, können sie Elektrizität erzeugen und über ihre Hände abgeben. Einige entwickeln dabei eine solche Kraft, dass sie Menschen töten können, zumindest aber schwer verletzen. Die jungen Frauen geben ihre Kräfte an die älteren weiter und bald gibt es fast keine Frau mehr auf der Welt, die nicht in der Lage wäre, sich mit Stromstößen zu wehren oder andere anzugreifen. Für die Männer wird es gefährlich. Man rät ihnen, nachts nicht alleine auf der Straße zu sein und die Frauen nicht unnötig zu provozieren, etwa durch aufreizendes Verhalten. In einigen Gegenden auf der Welt kommt es zu Tumulten und Straßenschlachten. Die Frauen rächen sich an jenen, die sie über Jahrzehnte und Jahrhunderte brutal unterjocht haben. Viele vermuten eine göttliche Kraft dahinter und wenden sich an „Mother Eve“, die Anweisungen von Gott (weiblich) erhält. Mother Eve hieß mal Allie und hat den Vater ihrer Pflegefamilie getötet. Treu an ihrer Seite ist Roxy, eine der stärksten Frauen der Welt, die als Tochter eines Gangsterbosses mit recht wenig Skrupel aufgewachsen ist. An Frauen wie diesen ist es nun, eine neue Weltordnung aufzubauen.

„When the people change, the palace cannot hold.“

Eingebettet ist die Handlung in den Bericht eines Historikers. Alderman selbst tritt im Roman auch auf, allerdings nicht als Erzählerin, sondern als Leserin. Sie selbst hat den Text bekommen von eben diesem Historiker, einem Freund, der um ihre Meinung bittet. Sie beide leben in einer weit entfernten Zukunft, und der Historiker erläutert den rasanten und beinahe mystischen Aufstieg der Frauen. Staunend schreibt er von Anzeichen dafür, dass in einer grauen Vorzeit die Männer stärker und mächtiger waren als die Frauen. Allerdings sind die Beweise rar und die Theorie höchst gewagt.

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Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

„Das gebrochene Herz, vor dem er weggelaufen ist, hat ihn eingeholt. Endlich.“

Früh am Morgen bricht Kweku Sai im Garten seines Hauses in Accra zusammen und stirbt an einem Herzinfarkt. Kweku, gefeierter Chirurg, der die Symptome kannte und hätte erkennen können, sogar müssen. Tausende Kilometer entfernt in Boston versteht sein Sohn Olu nicht, wie das passieren konnte. Jetzt ist es an ihm, seine Geschwister Sadie, Taiwo und Kehinde zusammenzutrommeln, damit sie alle zur Beerdigung des Vaters reisen können, des Vaters, der die Familie vor langer Zeit verlassen hat. Er hat Frau und Kinder und eine Menge Schulden in Boston zurückgelassen und ist zurückgegangen nach Ghana, wo er mit einer neuen Frau lebte. Verstehen und verzeihen konnte das niemand.

Auch Mutter Fola lebt mittlerweile wieder in Ghana, wo sie ein Haus geerbt hat. Dort treffen sich nun die Kinder der Famile Sai, um ein weiteres Mal Abschied vom Vater zu nehmen. Schon die Verteilung der Schlafzimmer endet in einer Krise. Zu viele unausgesprochene Konflikte und Verletzungen stehen im Raum, alle sind vorsichtig darauf bedacht, niemandem auf die Füße zu treten und keine Grenzen zu übertreten. Was dann aber natürlich doch passiert.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

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