Porträt einer massakrierten Kultur – „There There“ von Tommy Orange

Kaum ein anderes Buch im englischsprachigen Raum wurde von Kritik und Medien im letzten Jahr so einhellig gefeiert wie Tommy Oranges Debütroman There There. Er beschreibt darin das Leben der Native Americans in Oakland, einer urbanen Minderheit, an die in Deutschland kaum jemand denkt, wenn es wieder mal um Rassismus in den USA geht. Dass es innerhalb dieser Gruppe massive Schwierigkeiten gibt, ist allerdings längst bekannt. Tommy Orange schreibt von Familien, die gezeichnet sind von Alkoholismus, Gewalt und enormen Suizidraten, denen die Behörden und Hilfseinrichtungen ratlos gegenüber stehen. Er erzählt von der strukturellen Gewalt, die seit der Ankunft der Pilgrim Fathers auf die bereits vorhandene Bevölkerung Nordamerikas ausgeübt wurde, von systematischen Massenmorden und der Einsicht, die bis heute fehlt. Der Titel There There bezieht sich auf ein Zitat von Gertrude Stein, die, gleich den Charakteren des Romans, ebenfalls eine Zeit ihres Lebens in Oakland verbrachte. Als sie nach Jahren der Abwesenheit zurückkehrte in die vermeintliche Heimat, fand sie ihr ehemaliges Wohnviertel völlig verändert vor und schrieb in ihrer Autobiographie, es gäbe kein „there there“ mehr für sie in dieser Stadt.

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In seinem Roman lässt Orange zwölf verschiedene Charaktere zu Wort kommen, die sehr verschieden mit ihrer Herkunft umgehen und ihre Stellung in der Gesellschaft unterschiedlich begreifen. Einige von ihnen sind sehr stolz auf ihr Erbe, anderen ist es kaum bewusst. Die Stimmen sind so unterschiedlich, dass der Roman zumindest im ersten Drittel eher wie eine Kurzgeschichtensammlung wirkt. Noch dazu wechseln auch die Erzählperspektiven permanent. Erste Person, zweite Person, dritte Person, auktorialer Erzähler – alles dabei. Erst nach und nach wird klar, dass die Personen mehr gemeinsam haben als ihre geographische Herkunft und dass sie alle an einem Punkt zuammentreffen werden: dem ersten großen Powwow in Oakland.

„We are Indians and Native Americans, American Indians and Native American Indians, North American Indians, Natives, NDNs and Ind’ins, Status Indians and Non-Status Indians, First Nation Indians and Indians so Indian we either think about the fact of it every single day or we never think about it at all.“

Die Personen, die Orange in seinem Roman einführt, stehen gleichberechtigt nebeneinander. Zwar tauchen einige Charaktere häufiger auf als andere, eine richtige Hauptfigur aber gibt es nicht. Dadurch, dass jede Figur erstmal nur ein paar Seiten bekommt, und fast alle ihrer Handlungen parallel ablaufen, ist es aber auch nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. Man braucht schon ein ziemlich gutes Namensgedächtnis, um am Ende noch durchzublicken, wer warum auf dem Powwow ist. Oder einen guten Spickzettel.

Das war für mich dann auch schon die größte Schwäche des Romans. Dass die vielen einzelnen Handlungen kein geschlossenes Bild ergeben, gehört aber durchaus zum Konzept des Romans, der die verschiedenen Geschichten ohne Wertung nebeneinander laufen lässt. Ähnliches macht übrigens auch eine der Romanfiguren. Der Künstler hat eine Förderung dafür bekommen, Geschichten aus der Community der Native Americans aufzuzeichnen. Ob es Geschichten geben wird und was er damit machen will, weiß er noch nicht. Erstmal lässt er nur die Kamera laufen und gibt jedem 200 $, der möglicherweise was zu erzählen hat.

Auch der Autor selbst hat was zu erzählen. In einem Vor- und einem Zwischenspiel erzählt er nüchtern und faktisch von kruden Rassentheorien, blutigen Massakern und einer Gruppe von Menschen, die extreme Ungerechtigkeit erdulden musste und heute am Rande einer Gesellschaft lebt, die ihre Probleme nicht erkennt. Für alle, die unbedarft an die Thematik herangehen, ist das eine sinnvolle Einführung um zu verstehen, warum Orange nicht eine einzige glatte Biographie in seinem Roman beschreibt.

Stilistisch legt Orange vor allem da los, wo es um das kulturelle Erbe der Native Americans geht und um junge Amerikaner, die das erste mal erkennen, dass das ihre Heimat sein könnte. Dadurch, dass einige Charaktere nur sehr kurze Auftritte haben, ist kaum eine Entwicklung oder Tiefe in ihnen erkennbar. Für Identifikationsleser*innen ist das Buch leider nichts. Stattdessen versucht Orange, möglichst jedem problembehafteten Aspekt gerecht zu werden, vom Fetalen Alkoholsyndrom bis zum Drogenhandel. Das ist verständlich, manchmal aber auch fast zu viel des Guten. Auch die nebeneinander laufenden Erzählstränge sind manchmal ein bisschen verwirrend. Es macht aber auch großen Spaß, sie beim Lesen nach und nach zu verbinden. There There ist ein nicht ganz eingängiges, dafür aber sehr breit aufgestelltes und spannendes Porträt einer Subkultur, die auch der Autor nicht zu retten vermag, nicht mal literarisch.


Tommy Orange: There There. Alfred A. Knopf 2018. 290 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Dort Dort für August bei Hanser angekündigt.

Das Zitat stammt von S. 136 der o. g. Ausgabe.

Essen aus Büchern: Chicken Pot Pie aus Anne Tylers „Vinegar Girl“

Tyler scheint ein große Fan von Chicken Pot Pie zu sein. Er taucht auf in Ladder of Years (S. 106, als eines der Gerichte, das sich die Protagonistin im Diner leisten kann), in Vinegar Girl (dazu gleich mehr) und, soweit ich mich erinnere, auch in A Spool of Blue Thread, aber da kann ich die Seite nicht mehr finden. Ich bin auf Anne Tyler seit Ladder of Years nicht mehr sehr gut zu sprechen, weil das ein so unverzeihlich blödes Buch war, und das Ideal der immer zurücksteckenden und verzeihenden Mutter und Hausfrau so ekelhaft hochgehalten hat. In Vinegar Girl gibt es keine Mutter mehr und stattdessen muss die Haushältern Mrs Larkin das mütterliche Ideal vertreten und in der Küche für Begeisterung sorgen. 

Mrs Larkin used to make a wonderful chicken pot pie.“

Was genau so wonderful an Mrs Larkins Pie war, wird nicht ausgeführt. Grundsätzlich sei gesagt, dass es unzählige Varianten von Chicken Pot Pie gibt – mit Mürbeteig und Blätterteig, einfach als gedeckter Auflauf oder als „richtiger“ Pie. Letzteres scheint eher in Großbritannien verbreitet zu sein und da dieser Roman in den USA spielt, habe ich mich für die einfache gedeckte Variante entschieden. Dann habe ich mir ausgedacht, dass Mrs Larkin sicher gerne die Sendung von Julia Child gesehen hat und habe deshalb einen Chicken Pot Pie nach ihrem Rezept gemacht. Haltlose Mutmaßung. Mrs Larkins Pie könnte ein völlig anderer sein. Dieses Rezept hier reicht auf jeden Fall für eine mittelgroße Auflaufform und macht 4-6 Personen satt:

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Women’s Prize for Fiction für Tayari Jones

Gestern wurde der diesjährige Women’s Prize for Fiction an Tayari Jones für ihren Roman An American Marriage verliehen. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt: “This is an exquisitely intimate portrait of a marriage shattered by racial injustice. It is a story of love, loss and loyalty, the resilience of the human spirit painted on a big political canvas – that shines a light on today’s America. We all loved this brilliant book.”

Jones erzählt in ihrem Roman die Geschichte eines Paares, Roy und Celestial, die in den Südstaaten leben, und als Schwarze rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Dies gipfelt in der unrechtmäßigen Festnahme Roys. Wo vorher große Liebe war, sind nun große Zweifel und noch größere Hindernisse. Denn die Justiz von der Unschuld eines Schwarzen zu überzeugen, ist in den Südstaaten alles andere als leicht.

In deutscher Übersetzung ist der Roman unter dem Titel In guten wie in schlechten Tagen bei arche erschienen.

Nicht blöd, nur langsam – „Lottery“ von Patricia Wood

Perry L. Crandall ist nicht blöd, er ist nur langsam. Er kann 76 IQ-Punkte vorweisen, darauf ist er stolz und es ist sein Beweis, dass er nicht blöd ist. Wenn man ihm Aufgaben zeigt, dann macht er sie auch ordentlich. Nur manchmal dauert es halt ein kleines bisschen länger. Seine Mutter war mit seiner Erziehung überfordert, deshalb ist er bei seinen Großeltern aufgewachsen. Mittlerweile ist er 32 Jahre alt, arbeitet im Hafen bei einem Schiffsausstatter, ist verliebt in Cherry, die er aus dem Supermarkt kennt und sein bester Freund ist Keith, mit dem er arbeitet und in der freien Zeit segeln geht.

„Retarded. Idiot. These are words I know. They mean foolish or stupid. I am not foolish. I am not stupid. I am not retarded. I am slow.“

Das alles läuft wunderbar, bis sein Leben zwei ganz entscheidende Wendungen nimmt. Erst stirbt seine Großmutter. Perry zieht das den Boden unter den Füßen weg. Sie war nicht nur seine wichtigste Bezugsperson, sie hat ihm auch geholfen einzuschätzen, was richtig oder falsch ist, wer es gut mit ihm meint und wer gemein zu ihm ist. Und dann, in einer zweiten entscheidenden Wendung, gewinnt er 12.000.000 Dollar in der Staatslotterie. Auf einmal ist er reich und berühmt wird er kurz danach. Doch mit dem Reichtum kommen – natürlich – auch die Neider und Geier. Seine Brüder, mit denen er über Jahre keinen Kontakt mehr hatte, erinnern sich plötzlich an ihn. Auch seine Mutter taucht aus der Versenkung auf. Perry schreibt Scheck um Scheck. Allerdings nie über mehr als 500 Dollar – denn mehr als zwei Nullen passen in seiner sorgfältigen aber ungelenken Schrift nicht auf das Stück Papier.

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Besitzen und besessen werden – „Property“ von Valerie Martin

Manon Gaudet, Pflanzerstochter aus New Orleans, ist jung, schön und günstig verheiratet. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist die großzügig angelegte Plantage des Ehepaars Gaudet heillos überschuldet und das Verhältnis zwischen den beiden so kühl, dass Manon niemals den Namen ihres Mannes erwähnt, sondern ihn immer nur „my husband“ nennt. Dass der Sohn von Sklavin Sarah ihm wahnsinnig ähnlich sieht, ist auch nicht gerade hilfreich für das eheliche Verhältnis. So ist die Ausgangssituation, auf die Valerie Martin ihren Roman über Besitz und Abhängigkeit aufbaut.

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Das offensichtlich brutalste Besitzverhältnis in Property ist die Sklaverei. Für Manon, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist es völlig normal, von gekauften Dienstboten umgeben zu sein. Auch ihr Vater hatte selbstverständlich Sklav_innen und verstand sie nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als eine Art soziales Experiment. Immer wieder dachte er sich neue Methoden aus, wie er sie motivieren und disziplinieren konnte, um dann tief enttäuscht zu sein, wenn seine Untergebenen nicht so reagierten, wie er sich wünschte. Dennoch veröffentlichte er verschiedene Schriften über seine sehr ernsthaften Versuche. Manons Mann hingegen ergötzt sich an sadistischen Spielen mit den Sklaven und lässt kaum eine Nacht verstreichen, in der er nicht Sarah in sein Schlafzimmer zitiert. Manon stört das sehr, vor allem aber, weil Sarah eigentlich ihr gehört, immerhin war sie ein Hochzeitsgeschenk ihrer Tante.

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Alte Jungfern auf der Walz – „Spinsters“ von Pagan Kennedy

1968 ist ein ereignisreiches Jahr. Bobby Kennedy und Martin Luther King werden ermordet, in Memphis sorgt der „sanitation strike“ für Aufregung, überall in den USA formiert sich Widerstand gegen den Vietnam-Krieg und Frannies Vater stirbt. Letzteres ist der Nation herzlich egal, zieht Frannie aber den Boden unter den Füßen weg, denn ihr Vater nimmt ihre Identität mit ins Grab. Mit Mitte dreißig definiert Frannie sich ausschließlich als seine Tochter, die ihn nach dem frühen Tod der Mutter und durch eine langsame, grausame Krankheit hindurch gepflegt hat. Nach seinem Tod kann sie nur noch Frannie sein, hat aber keine Ahnung, wie man das macht, was man darf, was man trägt. Hilfe findet sie bei ihrer Schwester Doris, die, ebenfalls unverheiratet, auch noch im Haushalt des Vaters lebt. Gemeinsam folgen sie der Einladung einer Tante, einer weiteren „alten Jungfer“, die ohne Mann in Virginia lebt. Frannie freut sich. Von der Tante kann sie lernen, wie man so lebt als unverheiratete Frau, als „spinster“.

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Doch Doris hat andere Pläne. Sie will mehr sehen von diesem großen Land und hält es nicht lange aus im eintönigen Leben ihrer Tante. Wohl oder übel schließt Frannie sich ihr an und gemeinsam fahren sie im Plymouth Valiant quer durch die USA. Sie verbringen Stunde um Stunde auf dem Highway, kommen in Motels unter, essen in austauschbaren Diners, kaufen neue Kleider, reden, reden und streiten. Doris fängt an zu rauchen. Frannie lässt sich versehentlich eine neue Frisur verpassen. Vor allem für Frannie bedeutet die neue Freiheit aber auch Unsicherheit. Sie fürchtet ständig, dass Doris jemand anderen finden könnte, einen Mann, eine neue Freundin, irgendjemand, mit dem sie weiter zieht und Frannie alleine zurücklässt. Sie kann sich nicht vorstellen, ihr Leben mit irgendjemand anderem als ihrer Schwester zu verbringen. Für sie war immer klar, dass die Reise nur eine Unterbrechung ist und sie am Ende wieder nach New Hampshire fahren werden, wo sie weiter unverheiratet zusammenleben werden. Mit alten Kleidern und gewohnter Frisur. Doch die vielen Kilometer Asphalt, die die beiden Schwestern hinter sich lassen, werden langsam zum unsichtbaren Hindernis.

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Auf Rückholmission in Paris – „Foreign Bodies“ von Cynthia Ozick

Bea Nightingale, Tochter europäischer Einwanderer mit dem Namen Nachtigal, lebt in den 50er-Jahren in bescheidenen Verhältnissen in New York. Sie ist Ende vierzig, hat jung geheiratet und wurde jung geschieden. Nun arbeitet sie als Lehrerin und wohnt noch immer in dem kleinen Appartement, das sie einst mit ihrem Mann bezog. Ihre wenig erfolgreichen Versuche, an einer Jungenschule die Liebe zu Literatur zu lehren, kann ihr Bruder Marvin nicht ernst nehmen. Deshalb ist es für ihn völlig klar, dass Bea Zeit hat, nach Frankreich zu reisen, um seinen Sohn Julian ausfindig zu machen und zur Heimkehr zu bewegen. Julian vertrödelt, zumindest nach den Ansichten seines Vaters, Zeit und Geld in Paris, wo er vom Leben als Schriftsteller träumt und in Cafés kellnert. Die Geschichte erinnert nicht zufällig an Die Gesandten von Henry James – Ozick gibt James als ihr großes literarisches Vorbild an, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Das Cover von Cynthia Ozicks Foreign Bodies. Zu sehen ist eine Frau in einem eleganten Kleid, die aus dem Fenster auf eine Straße schaut.

Als Bea Nightingale in Paris ankommt, muss sie erkennen, dass ihre Mission ziemlich aussichtslos ist. Julian ist zwar so plan- wie mittellos, aber auch jung verheiratet und hat nicht das geringste Interesse, in den väterlichen Haushalt zurückzukehren. Seine große Liebe ist die deutlich ältere Lili, die aus Bulgarien geflohen und wie so viele in Paris gestrandet ist. Zu allem Überfluss gerät auch Marvins Tochter Iris in die romantischen Klauen von Paris. Für ihren Vater ist sie das Musterkind, eine erfolgreiche Studentin und sicher bald bekannte Wissenschaftlerin. Doch beim Versuch, ihren Bruder zurück zu holen, kann auch sie sich dem Zauber der Freiheit nicht entziehen. Bea fühlt sich für all das verantwortlich. Ihr Bruder erwartet regelmäßige Berichte, doch immer öfter sieht Bea sich genötigt, ihm Dinge zu verschweigen oder ihn sogar anzulügen. Bald wagt sie es gar nicht mehr, in anzurufen, da sie einen Wutausbruch fürchtet. Nur in knappen Briefen unterrichtet sie ihn noch über die für ihn wenig erfreulichen Geschehnisse im fernen Europa.

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Der feine Unterschied zwischen tot und begraben – „Sing, Unburied, Sing“ von Jesmyn Ward

Es ist ein ungewöhnlicher Roadtrip, zu dem Leonie mit ihren Kindern Jojo und Kyla aufbricht. Endlich soll Michael, ihr Freund und Vater der Kinder, aus dem Gefängnis entlassen werden. Mit Leonies Freundin Misty im Schlepptau macht die Familie sich auf den Weg in den Norden Mississippis, um ihn in der Freiheit willkommen zu heißen.

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Die Beziehung zwischen Leonie und ihren Kindern ist zumindest angespannt. Seit Michael im Gefängnis ist, leben die drei bei Leonies Eltern, die für Jojo und Kyla zu Ersatzeltern geworden sind. Unterstützung von Michaels Eltern können sie nicht erwarten. Leonie ist schwarz, Michael ist es nicht, und dieser Umstand reicht, um die Beziehung und die daraus entstandenen Kinder von vornherein nicht zu akzeptieren. Ohnehin ist die Situation zwischen den beiden Familien deutlich angespannt, seit Michaels Cousin vor etlichen Jahren Leonies Bruder Given erschossen hat. Trotz anderslautenden Zeugenaussagen wurde die Tat damals als tragischer Jagdunfall zu den Akten gelegt.

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Barbara Kingsolver: The Lacuna

Harrison Shepherd wird als Sohn eines US-Bürgers und einer Mexikanerin in Washington D. C. geboren. 1929 kehrt seine Mutter mit ihm im Schlepptau nach Mexiko zurück, wo sie auf der Hacienda ihres neuen Partners leben. Morgens erwacht er zu den furchteinflößenden Schreien der Brüllaffen, seine Tage verbringt er einsam lesend in seinem Zimmer oder tauchend in er Bucht bei der Hacienda. Dort entdeckt er einen Tunnel, der ihn in eine andere Welt zu bringen scheint – seine Lakune. Seinen einzigen Freund findet er in Koch Leandro. Von ihm lernt er Rezepte, die ihm später noch viel weiter helfen werden. Das alles hält er in seinen Notizbüchern fest, die ein unentbehrlicher Anker für ihn werden und die er sein ganzes Leben lang weiterführen wird.

„You had better write all this in your notebook, she said, the story of what happened to us in Mexico. So when nothing is left of us but bones, someone will know where we went.“

Nach einer erneuten Trennung seiner Mutter kann für Harrison keine gute Schule bezahlt werden und er sucht sich stattdessen Gelegenheitsarbeiten. So kommt er erstmals in das Umfeld des berühmten Malers Diego Rivera, für dessen großes Wandbild in Mexiko City er den Putz anrührt. Später arbeitet er auch für seine noch berühmtere Frau Frida Kahlo, mit der ihn bald eine enge Freundschaft verbindet. Als das Haus der beiden zum Asyl für Leo Trotzki wird, arbeitet er auch als dessen Sekretär. Später lebt er als Schriftsteller in den USA und kriegt größere Probleme mit den Fragebögen zu „unamerikanischen Umtrieben“.

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Esi Edugyan: Half Blood Blues

Hieronimus Falk, genannt Hiero, ein Musiker deutsch-sengalesischer Herkunft, ist gerade zwanzig, als er 1940 in Paris ohne Papiere aufgegriffen und verhaftet wird. Sein Ruf als bester Jazz-Trompeter seiner Zeit ist da aber schon legendär. Seine Freunde Sid und Chip, die mit ihm in einer Band waren, erfahren nur, dass er in Mauthausen inhaftiert gewesen sein soll und kurz nach seiner Entlassung verstorben ist. Viele Jahre nach seinem Tod stehen seine wenigen Aufnahmen wieder hoch im Kurs und 1992 wird ein Festival zu seinen Ehren veranstaltet. Dazu sind auch Sid und Chip, beide mittlerweile jenseits der 80, eingeladen. Kurz vor der Abreise erhält Chip einen Brief aus Stettin, dessen Absender niemand geringerer sein soll als Hiero Falk. Er bittet um einen Besuch.

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Also reisen die beiden nach Europa, erst nach Berlin zum Festival, und dann nach Polen. Und hier hängt es leider gewaltig. Erstmal fliegen die beiden von Berlin nach Stettin. Das sind so runde 150 km. Jetzt spielt das 1992 und ich bin mit den damaligen Reisemodalitäten nur bedingt vertraut, aber ein Direktflug von Berlin nach Stettin erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Vor allem schlagen die beiden spontan am Flughafen auf und nehmen dann den nächsten Flug, den es halt gibt. In der Zeit hätte man wahrscheinlich nach Stettin radeln können. In Stettin müssen sie einen Bus nehmen, der sie in 12 Stunden ans Ziel bringen wird. 12 Stunden! Freunde, wo wollt ihr hin? So groß ist doch ganz Polen nicht! Und wenn euer Ziel so maximal weit von Stettin entfernt ist, sagen wir, ihr wolltet eigentlich an die slowakische Grenze, warum fliegt ihr dann ausgerechnet nach Stettin, um alles in der Welt? Ja okay, die Busreise wird für ein Gespräch gebraucht, aber so viel quatschen die beiden auch nicht, dass es die sinnloseste Reiseverbindung aller Zeiten rechtfertigen würde. Sie sind auch alt und schlafen viel. Ich fürchte, da hat die Kanadierin Edugyan unterschätzt, wie klein Europa ist.

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