Truman Capote: Summer Crossing

Als Truman Capote 1984 starb, gründete sein Ruhm weniger auf seinen Romanen als auf seiner spektakulären Selbstinszenierung. Sein großer Erfolg mit dem True Crime-Roman In Cold Blood war da schon fast zwanzig Jahre her und seinen letzten Roman Answered Prayers konnte er nicht mehr fertigstellen. Er wurde erst posthum veröffentlicht. Ebenfalls posthum veröffentlicht wurde sein eigentlich erster Roman Summer Crossing. Er schrieb ihn in den 40er-Jahren und vergrub das Manuskript in einer Schublade. Später behauptete er, er habe den Text zerstört, weil er ihm nicht mehr gefallen habe. In Wahrheit aber hatte er die Hefte einfach in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn zurückgelassen und der mit der Entrümpelung beauftragte Hausmeister bewahrte sie, zusammen mit anderen Erinnerungsstücken, auf. So tauchte das Romanmanuskript 2004 beim Auktionshaus Sotheby’s auf und konnte 2005 veröffentlicht werden.

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Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

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Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Tom Disch: Endzone – Letzte Gedichte

Der US-amerikanische Autor Tom Disch dürfte, obwohl in seinem Genre sehr bekannt, hierzulande fast nur ernsthaften SciFi-Fans ein Begriff sein. Für seine Romane, die er unter seinem vollen Namen Thomas M. Disch veröffentlichte, erhielt er unter anderem mehrfach den renommierten Nebula Award. Als er 2008 Suizid beging, hinterließ er aber auch eine beachtliche Gedichtsammlung. Einige davon veröffentlichte er in seinen letzten Lebensjahren auf seinem Blog endzone, der noch immer online ist.

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Seinem Selbstmord voraus gingen drei Jahre, in denen ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgte. Nachdem sein Lebensgefährte Charles Naylor an einer Krebserkrankung gestorben war, drohte ihm der Verlust der ehemals gemeinsamen Wohnung, die auf Naylors Namen lief und auch das Landhaus des Paares wurde durch einen Wasserschaden unbewohnbar. Zudem litt Disch selbst mit Ende 60 an verschiedenen Erkrankungen, die eine gesellschaftliche Teilhabe immer schwieriger machten. Sein literarisches Schaffen war fast völlig zum Erliegen gekommen, außer ein paar eher unbedeutenden Veröffentlichungen in Kleinverlagen konnte er keine Erfolge mehr verzeichnen.

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Naomi Alderman: The Power

Überall auf der Welt entdecken pubertierende Mädchen auf einmal eine neuartige Kraft in ihrem Körper: mit einem Organ, das sich in etwa in Höhe der Schlüsselbeine befindet, können sie Elektrizität erzeugen und über ihre Hände abgeben. Einige entwickeln dabei eine solche Kraft, dass sie Menschen töten können, zumindest aber schwer verletzen. Die jungen Frauen geben ihre Kräfte an die älteren weiter und bald gibt es fast keine Frau mehr auf der Welt, die nicht in der Lage wäre, sich mit Stromstößen zu wehren oder andere anzugreifen. Für die Männer wird es gefährlich. Man rät ihnen, nachts nicht alleine auf der Straße zu sein und die Frauen nicht unnötig zu provozieren, etwa durch aufreizendes Verhalten. In einigen Gegenden auf der Welt kommt es zu Tumulten und Straßenschlachten. Die Frauen rächen sich an jenen, die sie über Jahrzehnte und Jahrhunderte brutal unterjocht haben. Viele vermuten eine göttliche Kraft dahinter und wenden sich an „Mother Eve“, die Anweisungen von Gott (weiblich) erhält. Mother Eve hieß mal Allie und hat den Vater ihrer Pflegefamilie getötet. Treu an ihrer Seite ist Roxy, eine der stärksten Frauen der Welt, die als Tochter eines Gangsterbosses mit recht wenig Skrupel aufgewachsen ist. An Frauen wie diesen ist es nun, eine neue Weltordnung aufzubauen.

„When the people change, the palace cannot hold.“

Eingebettet ist die Handlung in den Bericht eines Historikers. Alderman selbst tritt im Roman auch auf, allerdings nicht als Erzählerin, sondern als Leserin. Sie selbst hat den Text bekommen von eben diesem Historiker, einem Freund, der um ihre Meinung bittet. Sie beide leben in einer weit entfernten Zukunft, und der Historiker erläutert den rasanten und beinahe mystischen Aufstieg der Frauen. Staunend schreibt er von Anzeichen dafür, dass in einer grauen Vorzeit die Männer stärker und mächtiger waren als die Frauen. Allerdings sind die Beweise rar und die Theorie höchst gewagt.

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Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

„Das gebrochene Herz, vor dem er weggelaufen ist, hat ihn eingeholt. Endlich.“

Früh am Morgen bricht Kweku Sai im Garten seines Hauses in Accra zusammen und stirbt an einem Herzinfarkt. Kweku, gefeierter Chirurg, der die Symptome kannte und hätte erkennen können, sogar müssen. Tausende Kilometer entfernt in Boston versteht sein Sohn Olu nicht, wie das passieren konnte. Jetzt ist es an ihm, seine Geschwister Sadie, Taiwo und Kehinde zusammenzutrommeln, damit sie alle zur Beerdigung des Vaters reisen können, des Vaters, der die Familie vor langer Zeit verlassen hat. Er hat Frau und Kinder und eine Menge Schulden in Boston zurückgelassen und ist zurückgegangen nach Ghana, wo er mit einer neuen Frau lebte. Verstehen und verzeihen konnte das niemand.

Auch Mutter Fola lebt mittlerweile wieder in Ghana, wo sie ein Haus geerbt hat. Dort treffen sich nun die Kinder der Famile Sai, um ein weiteres Mal Abschied vom Vater zu nehmen. Schon die Verteilung der Schlafzimmer endet in einer Krise. Zu viele unausgesprochene Konflikte und Verletzungen stehen im Raum, alle sind vorsichtig darauf bedacht, niemandem auf die Füße zu treten und keine Grenzen zu übertreten. Was dann aber natürlich doch passiert.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

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Annie Proulx: Accordion Crimes

Im späten 19. Jahrhundert baut ein Akkordeonbauer, einer der besten im Land, auf Sizilien ein grünes Akkordeon. Er lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen und die schwärmerischen Briefe eines ausgewanderten Cousins lassen ihn in immer mehr von einem besseren Leben in „La Merica“ träumen. Schließlich wagt er den Versuch, mit Sohn und grünem Akkordeon die große Reise anzutreten. Seine Frau soll später nachreisen, doch dazu kommt es nicht mehr. Nach nur wenigen Monaten in New Orleans wird er von einem (historisch verbrieften) Lynch-Mob ermordet.

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Sein Akkordeon, das die Grundlage seines neues Lebens werden sollte, macht sich ohne ihn auf die Reise und durchquert diverse Trödelläden, ein ganzes Jahrhundert und fast die kompletten USA. Dabei gerät es immer in die Hände von Einwanderern oder deren Nachkommen. Deutsche, Iren, Kanadier, Polen, Mexikaner – sie alle können mit diesem Instrument etwas anfangen. Dass die Besitzer oft ein schweres bis tödliches Schicksal ereilt, kann man dem Akkordeon kaum anlasten. Denn die meisten der porträtierten Einwanderer haben auch vor der Begegnung mit dem Instrument alles andere als ein leichtes Leben und schlagen sich geradeso durch. Es sind die „huddled masses yearning to breathe free“, die tatsächlich ihren Weg ins Land gefunden haben und den amerikanischen Traum längst ad acta gelegt haben.

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John Cheever: Bullet Park

Bullet Park ist das Suburbia-Ideal schlechthin. Hilfsbereite Nachbarn, gestutzte Rasenflächen, Väter im Pendlerzug nach New York. Einer von ihnen ist Eliot Nailles, der mit Frau Nellie und Sohn Anthony in einem der ordentlichen Häuser lebt. Er findet sein Leben aufregend genug, er ist bei der freiwilligen Feuerwehr, geht mit großem Ernst und Regelmäßigkeit in die Kirche und liebt seine Frau. Und er ist tablettenabhängig. Seine Arbeit bei einer Firma für Mundwasser hasst er so sehr, dass er Panikattacken bekommt, wenn er am Morgen ohne Tabletten in den Zug steigt. Seine Lebenssituation wird noch erschwert durch den Ärger mit Sohn Tony, der eines Morgens einfach nicht mehr aus dem Bett kommen will und dem auch die gerufenen Ärzte nicht helfen können.

„You can look all over the world but you won’t find neighbors as kind and thoughtful as the people in Bullet Park.“

Mit den Hammers kommen neue Nachbarn in die Vorstadt. Nailles fürchtet schon die Witze über die passenden Nachnamen, durch die die beiden Familien schicksalhaft verbunden zu sein scheinen. Dass die Hammers nicht gut nach Bullet Park passen, wird schon deutlich, als sie zwei Wochen nach ihrer Ankunft das erste Dinner veranstalten. Mrs. Hammer beleidigt nicht nur ihren Mann, sondern gleich die ganze Siedlung, die sie als Maskerade und Farce bezeichnet. Die Veranstaltung endet früh und wird nicht wiederholt.

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National Book Award Finalists 2017

Bevor morgen alle ganz aufgeregt werden wegen des Nobelpreises, kommen hier noch schnell die Finalisten des diesjährigen National Book Awards:

In der Kategorie Fiction noch dabei sind:

  • Elliot Ackerman: Dark at the Crossing 
  • Lisa Ko: The Leavers
  • Min Jin Lee: Pachinko
  • Carmen Maria Machado: Her Body and Other Parties: Stories
  • Jesmyn Ward: Sing, Unburied, Sing

und bei den Sachbüchern:

  • Erica Armstrong Dunbar: Never Caught: The Washingtons’ Relentless Pursuit of Their Runaway Slave, Ona Judge
  • Frances FitzGerald: The Evangelicals: The Struggle to Shape America
  • Masha Gessen: The Future Is History: How Totalitarianism Reclaimed Russia
  • David Grann: Killers of the Flower Moon: The Osage Murders and the Birth of the FBI
  • Nancy MacLean: Democracy in Chains: The Deep History of the Radical Right’s Stealth Plan for America

Wenig überraschend hat sich in puncto Übersetzung noch nichts getan. Bei den Sachbuch-Titeln würde ich auch eigentlich nicht damit rechnen, die sind alle schon sehr USA-spezifisch. Bei der Belletristik sind aber ein paar Titel da, denen ich internationalen Erfolg zutrauen würde, auf jeden Fall Elliot Ackerman und Jesmyn Ward. Vielleicht hat ja bei der Messe jemand Bock, ein paar Lizenzen zu kaufen. Ich möchte auch nochmal auf den durchaus bemerkenswerten Frauenanteil aufmerksam machen.

Die Preisverleihung folgt am 15.11., dann kann man die Gala auch live auf der Seite des National Book Award verfolgen.

 

Frank Witzel: Bluemoon Baby

Frank Witzels Debüt Bluemoon Baby fand 2001, als es bei Edition Nautilus (einer meiner Lieblingsverlage übrigens) erschien, recht wenig Aufmerksamkeit. Das änderte sich natürlich schlagartig, als er 2015 für den deutlich umfangreicheren manisch-depressiven Teenager den Buchpreis bekam. Bluemoon Baby ist deutlich schmaler, dafür aber auch deutlich versponnener.

Der Roman beginnt recht harmlos mit dem Gymnasiallehrer Hugo Rhäs, der in Mittelhessen sehr bescheiden in der ehemaligen Hausmeisterwohnung einer geschlossenen Fabrik lebt. Dort liest er, um dem trostlosen Arbeitsalltag zu entkommen, Beat-Autoren und arbeitet an einer eigenen Roman- bzw. Wirklichkeitstheorie. Was weder er noch die Leser zu Beginn ahnen können ist, dass Hugo Rhäs auf sehr komplizierte Weise verbunden ist mit dem Fall einer fanatisch religiösen Sekte in den USA, die mehrere Kinder in ihrer Gewalt haben soll, und die gerade mit Hilfe des gänzlich knochenlosen Jungen Douglas Douglas Jr. zum Aufgeben gezwungen werden soll. Und wer steckt dahinter? Ein Geheimdienst natürlich. Derzeit ist Rhäs größte Sorge aber noch die Frage, ob seine Kollegin Frau Helfrich wohl mal mit ihm ausgehen würde.

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