Freunde und Verrat – „Der Sohn des Akkordeonspielers“ von Bernardo Atxaga

David und Joseba wachsen gemeinsam in einem kleinen Dorf im Baskenland nahe Gernika auf. Jahre später kämpfen sie unter den Namen Ramuntxo und Etxeberria im Untergrund für ein unabhängiges Baskenland. Erst Jahrzehnte später und auf einem anderen Kontinent können sie sich wieder als David und Joseba in die Augen sehen.

Obaba ist ein kleines Dorf im Baskenland. Man kennt sich, aber vertraut sich nicht. David, der Sohn des Akkordeonspielers, wächst dort auf im politisch angespannten Klima der 1960er und 70er Jahre. Sein Vater Ángel ist als begabter Musiker geschätzt, als Vater aber jähzornig und aufbrausend. David verbringt so wenig Zeit wie möglich mit ihm und lebt stattdessen fast komplett auf dem Pferdehof seines Onkels. Schon als Jugendlicher lernt er, dass man außer seien engsten Freunden besser niemandem vertraut. Man weiß nie, wer auf welcher Seite steht und wer sie wie schnell zu wechseln bereit ist.

„Was ist von jemandem zu erwarten, der eine solche Vorgeschichte hat, der in einem politischen Umfeld aufwächst, in dem das Baskische selbst auf Grabsteinen verboten war?“

Zu seinen besten Freunden zählt Joseba, der schon früh schriftstellerisches Talent beweist und Augstín, den er später im Studium kennenlernt. Ihm vertraut er so sehr, dass er ihm sogar sein geliebtes Motorrad leiht. Er ist der erste aus seinem Freundeskreis, der in den bewaffneten Untergrund geht.

Doch vorerst verharrt der Roman in seiner trügerischen Idylle. Atxaga schildert das Dorfleben in Obaba in detaillierter Breite. Grüne, sanft geschwungene Hügel und ein Fluss, in dem Forellen schwimmen und in dem man im Sommer Abkühlung finden kann, Wälder, in denen man auch in der größten Hitze noch ausreiten kann und die erste Liebe beim Dorffest. Es dauert lange, bis diese Romantik von der Politik erschüttert wird, dann aber geschieht es nachhaltig.

David kann und will danach nicht mehr in Obaba leben. Ihn zieht es in die USA, wo er weiter Pferde züchten will. Doch das Baskenland und seine Sprache kann er nie so richtig hinter sich lassen. Er versucht, die Kultur an seine Töchter weiterzugeben, aber so recht gelingt es ihm nicht. Er hofft, dass sie später seine Memoiren lesen werden, an denen er lange gearbeitet hat. Von ihnen existieren nur drei Ausgaben, aber sie sind die Basis für diesen Roman.

Der Sohn des Akkordeonspielers nimmt sich seine Zeit. Liest man den Klappentext, so hat man den Eindruck, als handele der Roman vor allem von drei ETA-Kämpfern. Und das tut er im Grunde auch, aber die meiste Zeit kämpfen sie nicht für die ETA, sondern spielen Akkordeon, züchten Pferde oder sorgen ich um ihre Mütter. Davids Zeit im Untergrund ist selbstverständlich Teil seiner Memoiren, aber es ist ein Thema, dass er nicht gerne berührt, das er vor allem in Andeutungen abhandelt. Das liegt auch daran, dass er in dieser Zeit das Opfer eines Verrats geworden ist, und selbst Teil eines Verrats war, der ihn bis heute erschüttert. Die Hinweise darauf verdichten sich im Laufe des Romans zusehendes, werden aber erst im letzten Teil explizit. Und dann ergibt plötzlich rückblickend ganz viel einen Sinn und zerschlägt die ganze Illusion von Idylle. Zugegeben habe ich beim Lesen oft genug mit langsamen Erzähltempo und den ausufernden Beschreibungen und den ständigen Wiederholungen gehadert, aber am Ende funktioniert dieser Aufbau ganz fantastisch. Man muss nur Geduld haben und nicht auf die Bombenattentate warten. Die kommen auch, aber erst spät und in einem Halbsatz.


tl;dr: Ein manchmal fast behäbiger Roman über ein brisantes Thema, dessen grausamer Kern erst sehr spät, dafür aber mit voller Wucht ans Licht kommt.


Bernardo Atxaga: Der Sohn des Akkordeonspielers. Aus dem Spanischen übersetzt von Matthias Strobel. Insel 2006, 460 Seiten. Ursprünglich erschien der Roman 2003 unter dem Titel Soinujolearen semea auf Baskisch. Dieser Ausgabe liegt die Übersetzung El hijo del acordeonista von Asun Garikano und Bernardo Atxaga zugrunde.

Das Zitat stammt von S. 419.

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