Thomas Mann: Buddenbrooks

Ach ja, die Buddenbrooks. Sie waren vor guten zehn Jahren das erste Buch, das ich von Thomas Mann gelesen habe und damit der Grundstein einer großen Liebe. Ich hatte damals gehörigen Respekt vor diesem Großmeister der deuschen Literatur mit seinen legendären Bandwurmsätzen. Ich weiß nicht, warum das so oft das erste ist, was Menschen zu Thomas Mann einfällt, so lang sind seine Sätze nun wirklich nicht, da gibt es weitaus schlimmere (ich meine dich, Augusto Roa Bastos!).

Ich hatte das Buch dabei, als ich in einem Sommer mit drei Freundinnen nach Fehmarn gefahren bin, darunter zwei weitere Mann-Fans. Natürlich mussten wir nach Lübeck ins Thomas Mann-Haus und natürlich mussten wir in Travemünde die Vorderreihe entlang spazieren. In den Fotos dieses Urlaubs habe ich noch ein Bild von einem Haus gefunden, das wir als Residenz des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf auserkoren hatten. Ohne jede Grundlage, versteht sich. Mortons „auf den Steinen sitzen“ schaffte es sogar für einige Zeit in unseren aktiven Wortschatz.

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Eine Zusammenfassung der Handlung kann man sich ja eigentlich fast sparen. Die Geschichte beginnt, als der alte Johann Buddenbrook noch lebt und man gerade in das neue Haus mit Landschaftszimmer in der Mengstraße gezogen ist und sie endet, als der jüngste Johann Buddenbrook nicht mehr lebt und das repräsentable Haus schon lange verkauft ist. Und dazwischen? Dazwischen strotzt der Roman von Humor und Tragik, von Triumphen und Niederlagen und von jeder Menge Figuren, die einem über die knapp 760 Seiten ganz schön ans Herz wachsen.

Die Buddenbrooks halten noch etwas auf sich, allen voran Antonie. Man achtet peinlichst darauf, dass die Traditionen der Familie eingehalten werden, vor allem, dass man seinen Namen als Kaufmann nicht ruiniert. Denn auch wenn über der Haustür das Motto „Deus providebit“ prangt, ist der wahre Leitsatz der Familie doch „sey mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“. Über die Jahrzehnte, denen man der Familie folgt, ändert sich die Welt um die Buddenbrooks herum rapide. Lange, bevor der junge Hanno Buddenbrook sich mit Pavor Nocturnus quält, ist es mit der erholsamen Nachtruhe für die meisten Familienmitglieder schon vorbei.

„Schließe die Haustür! Mach‘ Alles zu! Es ist das Volk…“

Emporkömmlinge sind auf einmal die erste Familie in der Stadt und skrupellosere Kaufleute als die Buddenbrooks es sind, machen die weitaus besseren Geschäfte. Zu allem Überfluss gibt es plötzlich Revolten und neumodische Ideen, nach denen das gemeine Volk mehr Rechte haben sollte. Niemand kann über diese Umstände so empört sein wie Antonie Buddenbrook/Grünlich/Permaneder. Nach einer ersten gescheiterten Ehe hat sie das Leben gesehen und ist keine dumme Gans mehr und weiß sehr genau, wer sie auf der Straße zuerst  zu grüßen hat.

Tony war für mich, als ich die Buddenbrooks das erste mal las, eine tragische, bemitleidenswerte Figur. Und zwar nur. Ihre Unerträglichkeiten sind mir erst beim zweiten Mal so richtig aufgefallen. Sie will so gerne etwas für die Familie tun, schießt aber ständig über das Ziel hinaus und trifft mehr als ein mal die falschen Entscheidungen, während sie sich selbst auch furchtbar wichtig nimmt. Aber so richtig vorwerfen kann man ihr das trotzdem fast nicht, Tony kann nun einmal nicht aus ihrer Haut. Mit inbrünstiger Verehrung muss sie ihre Familie lieben und verehren und ihr ganzes Dasein in den Dienst der Buddenbrooks stellen.

Christian hingegen fand ich beim ersten mal nur lächerlich und anstrengend, mit zehn Jahren Abstand sehe ich aber auch durchaus sein tragisches Potenzial. Es liegt nicht in seiner Natur, den Ansprüchen seiner Familie Genüge zu tun, er muss in ihren Augen scheitern. Verständnis kann er dafür nicht erwarten, zu sehr sind seine Geschwister und Eltern in der Tradition verhaftet, in der Ausreißer schlicht nicht vorgesehen sind. Wie tragisch es für ihn endet, hatte ich in der Zwischenzeit schon vergessen. Ich hätte es ihm anders gewünscht.

Ach und Hanno. Der arme Hanno. Er selbst zieht einen Strich unter seinen Namen in der in Ehren gehaltenen Familienchronik und schließt sie damit vorzeit ab. „Ich glaubte… es käme nichts mehr“ rechtfertig er sich unbeholfen seinem Vater Thomas gegenüber. Und es kommt auch nichts mehr. Hanno passt nicht in diese Familie in der Zahlen und Haltung über alles gehen. Zu sehr ähnelt er seiner ätherischen Mutter Gerda, zu zärtlich liebt er seinen einzigen Freund, den verwahrlosten Kai Graf Mölln. Hanno erkrankt an Typhus und gegen den, so lernt man, hat man nur eine Chance, wenn man noch leben will. Hanno wird nicht einmal volljährig.

Ich finde die Buddenbrooks ein wirklich brillantes Buch. Die Charaktere sind in sich schlüssig, manchmal ironisch überzeichnet. Während alle Mitglieder der Familie eifrig bemüht sind, eine Fassade aufrecht zu erhalten, die mindestens so würdevoll ist wie die in der Mengstraße, blickt man beim Lesen weit dahinter und wird Zeuge der inneren Kämpfe und erfährt wie sehr jeder einzelne darunter leidet, nicht wirklich das erträumte Leben zu haben. Aber ein Bruch mit den familiären Konventionen scheint undenkbar. Die wenigen Randfiguren, die dies wagen, werden mit ewiger Verachtung gestraft. Vielleicht liegt es auch an dieser Starrheit, an diesem Festhalten an antiquierten Traditionen, dass die Familie untergehen muss. Sie passen einfach nicht mehr in die neuen Zeiten, sie sind und werden überholt.

Bei all der Tragik kommt aber auch Humor nicht zu kurz. Wie witzig Thomas Mann ist, habe ich erst beim zweiten Lesen gemerkt. Vielleicht war meine Ehrfurcht vor dem großen Meister beim ersten mal so groß, dass ich nicht auf Humor zu hoffen gewagt habe. Es gibt, das sei euch ans Herz gelegt, eine CD, auf der Loriot Texte von Thomas Mann vorliest. Ich glaube, man kann die nur noch als Download bekommen, aber sie heißt „Das Eisenbahnunglück“ und hat mir beim Verstehen des Mannschen Humor sehr, sehr geholfen.

Ich behaupte nicht, dass man die Buddenbrooks gelesen haben muss, man kann auch ohne diesen Roman ein langes und erfülltes Leben haben. Mich aber haben sie seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen und werden mich auch sicher noch viele Jahre begleiten und ich kann sicher nie wieder Scheibenhonig sehen, ohne an Morten Schwarzkopf zu denken. In meinen Augen gilt dieser Roman völlig zurecht als einer der ganz, ganz großen Klassiker.


Thomas Mann: Buddenbrooks. Fischer 2004. 758 Seiten, € 9,95. Neu durchgesehen anhand der Erstausgabe Fischer 1901.

Das Zitat stammt von S. 178

Jean-Paul Sartre: Der Ekel

Der Ekel, 1938 erschienen, ist Sartres erster Roman. Heute gilt er als eines der Standardwerke des Existenzialismus. Das klingt groß und kompliziert und sperrig – ist es aber nicht. Tatsächlich ist es ein sehr lesbarer, geradliniger und über lange Strecken sogar sehr unterhaltsamer Roman, den ich in nur wenigen Tagen gelesen habe.

„Ich fragte mich für einen Augenblick, ob ich die Menschen nicht lieben könnte.“

Der Roman handelt von Antoine Roquentin, der nach langen Reisen in die (fiktive) französische Stadt Bouville gekommen ist, um dort an seinem Buch über den Marquis de Rollebon zu arbeiten. Er lebt einsam und zurückgezogen, worunter er manchmal leidet. Allerdings ist es ihm auch fast nicht möglich, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen. Er fühlt sich nicht als Teil der Masse und empfindet oft sogar Ekel, wenn er in Gesellschaft ist. Allerdings weniger vor den Menschen selbst als vor der Existenz an sich und der Existenz die diese Menschen führen, so wie er selbst auch.

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Die reine Existenz von Dingen, die er berührt verursacht in ihm einen Ekel, der ihn lähmt. Es quält ihn, dass er nichts gegen seine eigene Existenz unternehmen kann, denn selbst nach dem Tod wäre er da, in Form von totem Fleisch und Knochen. Die Grundlosigkeit aller Existenz ist für ihn nicht zu verkraften. Über Tage kann Roquentin ohne diesen Ekel leben, aber die nächste Welle ist unvermeidbar.

Damit ist eines der Grundkonzepte des Existenzialimus schon mal angerissen. Auch das „Nichts“, das Sartre fünf Jahre später in Das sein und das Nichts ausführt, hat einen kurzen Auftritt. Der Fokus des Romans ist tatsächlich auf den philosophischen Konzepten, auf dem Gefühl des Ekels. Viel Handlung gibt es nicht. Der Ekel ist in Form eines Tagebuchs verfasst, das vor allem die Gedanken des Protagonisten bewahrt. Roquentin erlebt nicht viel, er geht in die Bibliothek um zu schreiben und manchmal geht er spazieren. Sein einziger Kontakt ist ein Mann, den er „der Autodidakt“ nennt und der ebenfalls täglich in der Bibliothek ist. Zwei mal treffen die beiden Männer sich auch privat, wobei das zweite Treffen zu Roquentins erster großer Krise und einem Wendepunkt im Roman führt.

Das düstere, einsame Umherstreifen und die teils bewusst gewählte Einsamkeit haben mich an Pessoas Hilfsbuchhalter Soares erinnert. Roquentins Aufzeichnungen aber sind reduzierter, präziser und zielgerichteter. Auch in seinen theoretischen und philosophischen Texten fand ich Sartre meistens sehr straight und lesbar – was nicht heißt, dass ich immer alles verstanden hätte. Ich finde Sartre oft auch wirklich witzig und weiß nicht, ob das seine Intention war. Das schwierige an diesem Text ist nicht, ihn auf einer sprachlichen Eben zu verstehen, sondern die Konzepte dahinter zu erfassen. Ich bin nicht sicher, ob mir das lückenlos gelungen ist, ich glaube aber eigentlich nicht.

Der Ekel ist kein Buch, das man beim ersten Lesen einfach so versteht. Aber das macht auch nichts, es ist nämlich gut genug um es irgendwann nochmal zu lesen. Bis dahin kann man ein paar der Ideen im Hinterkopf ablegen und sehen, ob sie sich vielleicht entwickeln.


Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Übersetzt von Uli Aumüller. 346 Seiten, € 9,99. 58. Auflage 2016. Erstveröffentlichung rowohlt 1982. Titel der Originalausgabe: La Nausée. Gallimard 1938.

Das Zitat stammt von S. 88.

Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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In einer völlig anderen Welt lebt Eugenes Schwester Ifeoma. Sie ist eine verwitwete Universitätsdozentin und hält sich und ihre Kinder gerade so über Wasser. Doch auch wenn es kein Gas zum Kochen gibt, ist ihr Haus voller Lachen und Freude. Ein paar Tage können Kambili und ihr Bruder Jaja dort leben und sehen, wie es auch sein kann, wenn nicht jeder Schritt strengsten Regeln unterworfen ist.

„That night, I dreamed that I was laughing, but it did not sound like my laughter, although I was not sure what my laughter sounded like.“

Mit 15 Jahren trägt Kambili dort das erste mal Hosen, hört nicht-christliche Musik, isst an einem Tisch mit Heiden und lacht, unglaublicherweise, das erste mal in ihrem Leben. Doch die Kontrolle durch den Vater ist übermächtig. Auch wenn viele Kilometer zwischen ihm und den Kindern liegen, können sie seinen Einfluss nicht abschütteln. Dennoch hilft die Zeit bei ihrer Tante den Kindern, sich in kleinen Schritten zu emanzipieren und die Entscheidungen des Vaters vorsichtig und langsam zu hinterfragen. Bei Jaja führt dies so weit, dass er an einem Palmsonntag nicht mehr mit in die Messe geht – dies führt zu einer Eskalation, die den Ausgangspunkt des Romans bildet.

Die Torturen, die Kambili und ihre gesamte Familie durchstehen müssen, sind enorm. Nicht nur wird der Vater regelmäßig gewalttätig gegen seine Familie, den Kindern ist es auch nicht möglich, normal aufzuwachsen. Die strenge Erziehung bewirkt, dass Kambili sich kaum etwas traut und vor Fremden kein Wort herausbringt. In der Schule gilt sie als eingebildeter Snob, der mit niemandem redet. Make-up, Hosen, Musik und Fernsehen sind verboten, was sie zu einer völligen Außenseiterin macht. Umso erstaunlicher und erschütternder ist es, wie ungebrochen Kambilis Liebe ist, wie sie immer zu ihrem Vater hält und darauf vertraut, dass er die richtigen Entscheidungen für sie treffen wird. Er wird entscheiden ob und was sie studiert und wen sie heiraten wird. Für Kambili ist das völlig klar. Die Geschichte ist aus ihrer Perspektive erzählt und in keinem Satz klagt sie über die Gewalttaten ihres Vaters. Nur manchmal fürchtet sie die Schmerzen, die sie in den nächsten Tagen zu erwarten hat. Aber wenn ihr Vater die Strafe für angemessen hält, dann wird es wohl so sein.

Während Eugene von seinen Kindern absoluten Gehorsam erwartet, weil er eben der Vater ist, verweigert er seinem eigenen Vater, Papa-Nnukwu, jeden Respekt. So lange er nicht von seinen heidnischen Göttern ablässt, darf er das Haus seines Sohnes nicht betreten und bekommt nur dann und wann ein paar Scheine von Eugenes Chauffeur zugesteckt. Auch Kambili und Jaja dürfen erst nach Intervention des Dorfes den Großvater für ein paar Minuten besuchen, dürfen ihn aber nicht berühren und in seinem heidnischen Haus nichts essen.

Diese grausame Familiengeschichte spielt sich ab vor dem Hintergrund der nigerianischen Militärdiktatur in den 90er Jahren. Nahezu jede Person im Roman ist von den Folgen des Regierungswechsels betroffen. Auch Kambilis Vater ist, trotz seiner beträchtlichen wirtschaftlichen Macht, Repressionen ausgesetzt, nachdem eine ihm gehörende Zeitung regierungskritische Texte veröffentlicht hat. Tante Ifeoma träumt davon, nach Amerika auszuwandern, wie so viele ihrer Kolleginnen es getan haben, nachdem die Universität sie schon seit Monaten nicht mehr bezahlt hat. Sie fürchtet, dass alle klugen Köpfe gehen werden und das Land denen überlassen, die die Militärdiktatur stützen.

Mit Purple Hibiscus hat Adichie einen beeindruckenden Roman geschaffen. Die Brutalität von Kambilis Situation findet ihren Ausdruck vor allem in der Subtilität, mit der sie geschildert wird. Ohne große Worte und ohne Pathos gelingt es der Autorin, einen kraftvollen und intensiven Text zu konstruieren, der unter die Haut geht. Es ist ein Roman über Fanatismus und über Nigeria und es ist auch ein Coming of Age-Roman inklusive ein bisschen erster Liebe. Und vor allem ist es ein sehr, sehr guter Roman.


Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus. Fourth Estate 2013. 307 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe GB Fourth Estate 2004. Deutsche Übersetzung unter dem Titel Blauer Hibiskus lieferbar bei Fischer Taschenbuch. 334 Seiten, € 10,99.

Das Zitat stammt von S. 88

Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

Karan Mahajan: The Association of Small Bombs

1996 explodiert eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi. Es ist eine kleine Bombe, es werden nur 13 Personen getötet und 30 weitere verletzt. Verantwortlich zeigt sich eine islamische Organisation, die vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts handelt. Der Konflikt zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit in Delhi ist für die Bewohner der Stadt nichts Ungewöhnliches, auch Sprengstoffattentate sind keine Seltenheit.

„And you know what happens when a bomb goes off? The truth about people comes out.“

Aber für das Ehepaar Khurana ändert sich mit dieser Explosion alles. Sie verlieren ihre beiden Teenager-Söhne Tushar und Nakul. Mansoor, ein enger Freund der beiden Jungen, wird schwer verletzt. Der Vorfall stellt das Verhältnis der Khuranas und den Eltern Mansoors auf eine harte Probe, denn Mansoor ist Moslem.

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Auch wenn er mit dem Leben davongekommen ist, hat Mansoor lange an den Folgen des Attentats zu leiden. Er hat Angst vor öffentlichen Plätzen und verlässt das Haus seiner Eltern kaum noch. Außerdem macht er sich schwere Vorwürfe, weil er im ersten Schock nach der Explosion einfach davongelaufen ist. Ihm war klar, dass seine Freunde nicht überlebt haben konnten, aber er hätte bei ihnen bleiben können, bis Hilfe kommt. Isoliert von der Außenwelt beschäftigt er sich viel mit seinem Computer und will schließlich Programmierer werden. Doch die Spätfolgen des Attentats hindern ihn auch daran, seine verletzten Handgelenke ertragen die starke Belastung nicht.

Eher zufällig gerät er in dieser Zeit in eine Gruppierung, die mit friedlichen Mitteln auf die schwierige Lage der muslimischen Bevölkerung aufmerksam machen will. In Mansoors Leben spielt Religion bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar keine Rolle, er betet nicht und versucht eher, seine Herkunft aus Furcht vor Diskriminierung zu verbergen. In dieser Gruppe aber trifft er Ayub, der sehr religiös ist und Mansoor überzeugen kann, dass der Glaube seine Schmerzen viel schneller wird heilen können als jede Wissenschaft. Unter seinem Einfluss wird Mansoor religiös, viel mehr als seine Eltern, und lehnt seine bisherigen Moralvorstellungen zunehmend ab.

Die Khuranas versuchen, den entscheidenden Bruch in ihrem Leben auf andere Art zu verarbeiten. Nach einer heftigen Ehekrise haben sie die „Association of Small Bombs“ ins Leben gerufen. Sie versuchen, den Verletzten und Hinterbliebenen von Bombenattentaten zu helfen. Denn, so ihre Erfahrung, anders als bei einem großen Unglück mit vielen Opfern ist man nach einem Zwischenfall mit so wenigen Toten ziemlich auf sich allein gestellt. Auch sechs Jahre nach dem Tod ihrer Söhne gibt es keine Verurteilungen und erst recht nicht die finanzielle Unterstützung, die ihnen zugesichert wurde.

Kurz gesagt erzählt der Roman von verschiedenen Wegen, mit Trauer umzugehen, von Gewalt und ihrer Rechtfertigung und von religiöser Radikalisierung. Das besondere dabei ist, dass beide Seiten gleichberechtigt dargestellt werden, die der „Opfer“ und die der „Täter“ bzw. ihrer Sympathisanten. Oft aber sind diese beiden Lager, wie in Mansoors Fall, gar nicht so leicht zu trennen. Darüber, wer juristisch schuldig ist oder nicht, entscheidet letzlich ein Gericht. Die moralische Schuld oder Unschuld aber ist eine völlig andere Frage, die Entscheidung darüber gänzlich subjektiv.

Als Idee klingt das sehr interessant, das Buch hat mich leider aber nicht überzeugt, schon gar nicht nach den vielen überschwänglichen Kritiken. An sehr vielen Stellen ist die Handlung zu vorhersehbar, vor allem Mansoors langsamer Weg von einem Jungen, für den Religion nur ein zufälliger Faktor seines Lebens ist zu einem überzeugten Moslem. Zudem bleibt der Roman sehr stark bei Mansoor bzw. der Gruppe, der er sich angeschlossen hat, und ist zu wenig bei den Khuranas. Dadurch wirkt ihre gesamte Entwicklung, ihre bröckelnde Beziehung und besonders ihre Trauerbewältigung fragmentarisch und nicht immer motiviert. Die beiden Erzählstränge, die eigentlich gleichberechtigt und gleich wichtig nebeneinander stehen, geraten dadurch aus dem Gleichgewicht.

Mahajans Roman behandelt zweifelsohne ein wichtiges und aktuelles Thema. Die Brillanz, die ihm häufig attestiert wird, sehe ich allerdings nicht, so wahnsinnig originell sind seine Ansätze dann auch nicht. In der literarischen Umsetzung dieser Ideen steuert er manchmal so stramm auf sein Ziel zu, dass die Entwicklung der Figuren dabei auf der Strecke bleibt.


Karan Mahajan: The Association of Small Bombs. Chatto & Windus 2016. 276 Seiten, ca. € 12,-.  Erstausgabe Viking 2016. Unter dem Titel In Gesellschaft kleiner Bomben erscheint der Roman in deutscher Übersetzung im Mai 2017 bei CulturBooks.

Das Zitat stammt von S. 223

Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy

In Black Mamba Boy erzählt Nadifa Mohamed die Geschichte ihres Vaters. Jama wächst in Somaliland auf, sein Vater verlässt die Familie früh um im Sudan als Fahrer Geld zu verdienen. Als er nicht zurückkehrt, geht seine Mutter mit Jama nach Aden, um dort Arbeit zu finden.

„the place where you are born is not always the best place for you, boy.“

Sie stirbt jung und Jama, nun völlig auf sich allein gestellt, macht sich auf den beschwerlichen Weg in den Sudan, von dem er nicht genau weiß, wo er überhaupt ist, um seinen Vater zu finden. Das alles passiert in den 1930ern, als Abessinien gerade von italienischen Truppen angegriffen wurde. Jamas Weg in den Sudan führt mitten durch das umkämpfte Gebiet. Auch er arbeitet für die italienischen Besatzer und wird Teil ihrer Armee. Der Umgang der Europäer mit den Afrikanern, die für sie und an ihrer Seite kämpfen, widert ihn zunehmend an. Auch er selbst erfährt Erniedrigungen und Demütigungen durch Vorgesetzte, findet aber nicht den Mut, zu fliehen. Erst als er mit eigenen Augen das Opfer eines sinnlosen Gewaltexzesses sieht, desertiert er und gelangt nach Eritrea, wo er sesshaft zu werden scheint. Doch getreu seinem Motto „Das einzige, was ein ruhender Mann findet, ist der Tod“, findet er auch dort auf Dauer keine Ruhe und setzt seinen Weg fort.

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Jasper Fforde: Shades of Grey – The Road To High Saffron

Bernard Marx and the Amazing Technicolour Dreamcoat könnt der Untertitel dieser Dystopie sein. In der Welt, in der Fforde seine Geschichte ansiedelt, wird die soziale Hierarchie ausschließlich nach der Farbwahrnehmung der Bewohner festgelegt. Ganz oben stehen diejenigen, die rot und blau sehen können, ganz unten die Grauen. Letztere verrichten alle Arbeit für die „oberen“ und haben nahezu keine Chance, aufzusteigen. Ehen werden nicht nach Sympathie sondern nach Farbe und wünschenswerten Mischverhältnissen geschlossen. Die Anklänge an vor allem Brave New World aber auch 1984 sind dabei nicht zu übersehen.

„Munsell tells us over and over again that inquisitiveness is simply the first step on a rocky road that leads to disharmony and ruin“

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Essen aus Büchern: Nga Sak Kin aus John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Wenn man “Nga Sak Kin” googled, findet man zwei Dinge. Zum einen Treffer mit Bezug auf Gottes Werk und Teufels Beitrag, zum anderen Artikel über verschiedene Feiertage in Myanmar, an denen angeblich besonders oft Nga Sak Kin gegessen wird. Offenkundig beziehen die Autoren dieser Texte ihr Wissen über die burmesische Küche von Irving. Ein Rezept zu finden war außergewöhnlich schwierig, vor allem weil die Schreibweise “Nga Sak Kin” selten bis gar nicht vorhanden zu sein scheint.

Die Familien aßen draußen auf einer Veranda. Sie gaben ihm Reis, Tee und jede Menge Sachen mit Curry. Als sein Fieber fiel, aß Wally Panthay Khowse (Nudeln mit Huhn), und Nga Sak Kin, Fischbällchen mit Curry. Dies waren die ersten Wörter, die seine burmesischen Retter ihm beizubringen versuchten.

Auf die richtige Spur in Form der phonetisch ähnlichen aber anders umgesetzten Schreibweise “Nga Soke” brachte mich ausgerechnet ein Buch über Surimi. Dass das Zeug sich in meinem Leben nochmal als hilfreich erweisen würde!

Auch im Roman führt der ungewohnte Name des Gerichts zu Missverständnissen. Wally nimmt zuerst an, es seien die Namen seines burmesischen Retters und seiner Frau, später wird es zu einem exotischen Segenswunsch, mit dem der jüngst aus den ehemaligen Kolonien zurückgekehrte Dr. Stone das Komitee des Waisenhauses beeindruckt.

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Meine Bücher für die letzten Winter – und die ersten Frühlingstage

2017 hat damit angefangen, dass ich etwas gewonnen habe und sogar ein Buch! Beim Geburtstags-Gewinnspiel von Poesierausch gab es Johnny und Jean von Präauer zu gewinnen und ich hatte Glück, was mich natürlich sehr gefreut hat. Wird sofort gelesen!

Auch ein Sachbuch steht dieses mal auf der Liste, nämlich Gift of the Crow von Marzluff. Marzluff kenne ich aus einigen Dokus über Krähen, die gucke ich mir erstaunlich oft an. Ich finde das ja super Vögel, auch wenn sie sehr laut werden können. Ich bin gespannt, was es noch über sie zu sagen gibt.

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Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

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Margaret Atwood: Lady Oracle

Joans Mutter wünscht sich eine hübsche, grazile Tochter, die zum Ballett geht, bei den Pfadfinderinnen beliebt ist und reizende Kleider tragen kann. Joan ist dick, hat keine Freundinnen und ihr Part bei der Ballettaufführung wird in letzter Minute gestrichen. Ihr Körper ist der Hauptschauplatz der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die es nicht schafft, wirkungsvoll einzugreifen, weder mit Bestechungen noch mit untergeschummelten Abführmitteln. Ihr Gewicht ist Joans Weg der Mutter zu zeigen, dass sie sie hasst und die wirkliche Machtposition innehat indem sie sich schlicht weigert, das repräsentable Töchterchen zu sein.

atwood_ladyoracleIhre einzige Freundin und Verbündete ist ihre Tante Louise, mit der sie eine Vorliebe für Liebesschnulzen und Essen teilt. Als Louise stirbt, hinterlässt sie Joan einen Großteil ihres Vermögens und eine zweite Identität – Joan unterschlägt die Geburtsurkunde und hat bald einen Pass, ein Konto und einen Autorenvertrag unter dem Namen Louise K. Delacourt. Zufällig hat Joan nämlich entdeckt, dass sie ein schriftstellerisches Talent für Kostümromanzen hat und davon ganz gut leben kann. Eher zufällig produziert sie dabei auch einen Gedichtband mit dem Namen Lady Oracle, das einzige Buch, das jemals unter ihrem richtigen Namen erscheint.

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