Sage mir, Muse – „A Thousand Ships“ von Natalie Haynes

Mit tausend Schiffen sollen die Griechen einst ausgerückt sei, um die schöne Helena aus den Armen ihres trojanischen Entführers zu retten und nach Hause zu ihrem rechtmäßig angetrautem Ehemann zu bringen. Tausend Schiffe, die kampferprobte Männer an Land spuckten, um über Jahre die Stadt zu belagern und die Bevölkerung zu zermürben. Ihre Taten wurden in Epen besungen, in Kunstwerken verewigt und sind noch dreitausend Jahre später Schulstoff.

Doch was wurde aus jenen, die nicht mit ausrückten? Die zu Hause blieben, sich nicht ins Schlachtengetümmel stürzten, stattdessen Wunden pflegten, Essen kochten, Kinder gebaren? Was ist mit den Ehefrauen, Töchtern, Sklavinnen der tapferen und vielbesungenen Helden? Diese Frage stellt sich auch Natalie Hayes und beantwortet sie gleich in A Thousand Ships.

Den Roman widmet sie den Frauen Trojas und Griechenlands, die ansonsten in der Mythologie zwar vorkommen, aber im Regelfall nur kleine und oft sehr passive Rollen spielen. Haynes schaut sich diese Frauen genauer an und stattet sie mit mehr Tiefe aus, mit Emotionen und Motiven in ihrem Handeln. Sie holt sie aus ihrer Rolle als Statistinnen heraus und stellt klar, dass der sagenumwobene Krieg um Troja keine reine Männersache war. Auch, wenn die Frauen in aller Regel nicht auf dem Schlachtfeld zu finden waren, beeinflusste der Krieg ihre Leben doch massiv und unveränderlich.

So unterschiedlich die Frauen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Geschichten. Einige von ihnen sind nicht einmal sterblich, einige sind mit erstaunlichen Fähigkeiten ausgestattet, die einen sind konfliktfreudig, andere wollen nur möglichst ungesehen durchkommen. Haynes erzählt ihre Geschichten nicht als durchgehenden Roman, sondern springt zwischen den einzelnen Figuren und erzählt jeweils nur kurze Episoden. Dennoch entsteht so ein zusammenhängendes Bild des Krieges, vom auslösenden Streit zwischen Aphrodite, Hera und Athene, wer die schönste von ihnen sei, bis zur Heimkehr des verirrten Odysseus zwanzig Jahre nachdem die letzte Schlacht geschlagen ist. Die Männer rücken dieses mal in den Hintergrund. Sie bleiben flache Figuren ohne viel Charakter, definiert oft vor allem über ihr nicht immer attraktives Äußeres. Haynes bleibt eng an den Quellen, denn so ganz unbesungen waren die Frauen des Altertums ja nun auch nicht, zumindest nicht die von höherer Geburt. Die weniger gut gestellten Frauen, die auch in Troja schon nichts zu melden hatten, die Kammerzofen und Ammen, die Köchinnen und Schäfersfrauen finden kaum eine Erwähnung. Ob sie es lebend aus der brennenden Stadt geschafft haben, ob sie ihre Kinder retten konnten, wessen Sklavin sie werden – man erfährt es nicht. Die, deren Stammbaum man nicht kennt, deren Männer und Söhne aber gleichwohl auf dem Schlachtfeld gestorben sind, bleiben weiter im mythischen Dunkel.

„She isn’t a footnote, she’s a person. And she – all the Trojan women – should be memoralized as much as any other person. Their Greek counterparts, too.“

Seinem Anspruch, den trojanischen Frauen eine Stimme zu geben, wird der Roman in diesem Punkt nicht gerecht. Es sind in erster Linie die trojanischen Prinzessinnen und die griechischen Königinnen, die hier zu Wort kommen. Sie werden dadurch natürlich nicht uninteressanter. Haynes verbindet die einzelnen Geschichten auf unerwartete Art miteinander und lässt aus den vielen Stimmen eine harmonische Erzählung entstehen.


tl;dr: Haynes Roman dreht sich statt um die Männer des trojanischen Krieges um ihre Frauen, Witwen und Sklavinnen. Das Romanpersonal setzt sich aus Altbekannten zusammen, Haynes überzeugt dabei aber mit einigen kompositorischen Elementen und überraschenden Ideen.


Natalie Haynes: A Thousand Ships. Mantle 2019, 345 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Das Zitat stammt von S. 109.

Haynes war mit diesem Roman 2020 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Sieg um jeden Preis – „The Sport of Kings“ von C. E. Morgan

Henry Forge, Nachkomme einer reichen Farmer-Familie in Kentucky, hat schon als Kind große Pläne. Er will sein Leben nicht wie sein Vater an den Maisanbau vergeuden, sondern als Züchter von Vollblutpferden bekannt und noch viel reicher werden. Sein Vater – erzkonservativ, Rassist, Sexist, Tyrann – will davon nichts hören. Doch kaum ist der unter der Erde, baut Henry schon die ersten Ställe. Und tatsächlich wird sein Traum wahr. Mit riskanten Zuchtmanövern und schnellen Pferden macht er unter Kennern des „Sports der Könige“ bald von sich reden. Nur seine Frau kann er damit auf Dauer nicht begeistern. Sie hat bald genug von dem Familiendespoten, der zwar mit dem Maisanbau abgeschlossen hat, aber sonst fast alle Ansichten seiner Vaters ungefiltert übernommen hat. Sie lässt die junge Tochter Henrietta auf der Farm zurück und sucht ihr Glück in Europa.

Henrietta wiederum verliebt sich eines Tages Hals über Kopf in den Stallburschen Allmon, der sehr zum Verdruss Henrys Schwarz ist und aus überhaupt keinem guten Haus. Die Erbin des Hauses Forge ist drauf und dran den Ruf ihres Vaters zu ruinieren, schlimmer noch, den ganzen Namen Forge. Henry, der seine Ansprüche an genetische Reinheit nicht nur an Rennpferde stellt, sieht sich ein weiteres Mal gezwungen, der Evolution auf fragwürdige Art unter die Arme zu greifen.

Morgans Roman handelt vordergründig von Rennpferden und der abstrusen Welt, in der sie gezüchtet, gehandelt und trainiert werden, eigentlich dient ihr das aber nur als Kulisse für eine Roman über den amerikanischen Süden mit all seinen Untiefen, vergessenem Horror und Reichtum, der nur auf Ausbeutung basiert. Die Logik hinter der Pferdezucht, die Bedingungslosigkeit, mit der die Tiere ausgenutzt und für Profit ruiniert werden, nutzt sie als Startpunkt um einen Menschenschlag zu charakterisieren, der sich für nichts als den eigenen Erfolg interessiert. Den Gegenpol bildet Allmon, dessen Leben die andere Hälfte des Romans gewidmet ist. Er ist ohne Vater aufgewachsen in einem der ärmsten Viertel der Stadt, mit einer Mutter, die kein Geld hatte, um ihre schwere Erkrankung behandeln zu lassen. In die Pferdewelt kommt er nur über einen holprigen Umweg: es ist Teil seiner Rehabilitation als Strafgefangener, in einem Projekt für ausgediente Rennpferde zu arbeiten. Dort, wo er sich um die zerschundenen Reste einer erfolgsverliebten Oberschicht kümmert, entdeckt er seine wahre Passion und einen neuen Traum. Er will selbst ein Pferd besitzen, Vollblüter züchten und sie auf Rennen präsentieren. Doch in dieser Welt, deren Regeln er nicht verstehen kann, ist kein Platz für ihn und seine Hautfarbe.

„Why was he here? To grasp the very things that had been stolen from him, the things he wasn’t allowed to touch.“

The Sport of Kings ist ein ambitioniertes Werk, das sich vieler Themen annimmt und tief in der Geschichte des US-amerikanischen Südens gräbt. Überfrachtet wirkt der Roman dennoch nicht, die Handlung fügt sich recht mühelos in den Rennzirkus ein. Dass diejenigen, die den Sport dominieren, alles andere als königliches Veralten an den Tag legen, versteht sich dabei fast von selbst. Morgan schreckt nicht davor zurück, brutale Szenen explizit zu schildern. Schläge, Folter, Mord und Vergewaltigung gehören unweigerlich in diese Geschichte von Macht und Dominanz. Denn um nichts anderes geht es am Ende. Pferde und Menschen werden gebrochen, misshandelt, gehandelt und von der herrschaftlichen Fassade ist am Ende im wahrsten Sinne des Wortes nicht nicht mehr viel übrig.

Morgan überzeugt mit einem sehr gradlinigen Stil, der vor wenig Halt macht und doch nicht vulgär wird, und einer sehr ordentlich konstruierten Handlung. Weit ab von allen romantischen Ideen über Farmleben und Pferdesport liefert sie einen smarten Roman mit Tiefgang.


tl;dr: Wenig Pferde, viel Gesellschaft. Morgan liefert in ihrem Roman keine romantische Geschichte über das Glück dieser Erde, sondern eine knallharte Erzählung über den Rassismus in Amerikas Süden.


C. E. Morgan: The Sport of Kings. 4th Estate 2017. 545 Seiten. Originalausgabe bei Farrar, Straus and Giroux. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Gunkel ist unter dem Titel Der Sport der Könige bei Luchterhand erschienen.

Das Zitat stammt von S. 331.

2017 war dieser Roman auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Im Sog des Rückwassers – „Und Nilas sprang“ von Maria Broberg

Maria Brobergs Debüt-Roman Und Nilas sprang hat ein ganz grundlegendes Problem, das nicht im Text liegt, sondern vielmehr im Klappentext und eigentlich auch im Titel. Das Drumherum des Buchs suggeriert, es ginge um einen Jungen, der verschwindet, vermutlich ertrinkt, und als würde dann viele Jahre später in der Aufklärung seiner Verschwindens-Umstände diverse alte Geschichten aufgerollt und Schicksale verknüpft. Das ist nicht, was passiert und wer (zurecht) mit dieser Erwartung an den Roman herangeht, wird in jedem Fall enttäuscht werden.

Eigentlich handelt der Roman nämlich von einem kleinen Dorf in Nordschweden, in dem schon sehr viel mehr passiert, bevor es Nilas überhaupt gibt und in dem sich auch nach seinem Verschwinden die Welt noch dreht, denn Nilas spielt überhaupt keine so große Rolle. Er ist auch noch sehr jung, als er verschwindet und existiert bis dahin vor allem in der Abhängigkeit von seinen Eltern und seinem älteren Halbbruder Håkan. Im schwedischen Original bringt er es vermutlich deshalb auch gar nicht erst auf die Titelseite. Statt des Kriminalfalls, den man fast erwartet, erzählt Broberg eine Familiengeschichte, die weitaus weniger spektakulär, aber keinesfalls schlechter ist.

Weiterlesen

Das Ende des Traumpaars – „Ordinary People“ von Diana Evans

Melissa und Michael sind ein viel bewundertes Traumpaar. Schön und erfolgreich leben sie das perfekte Familienglück mit ihren beiden Kindern in Süd-London nahe Crystal Palace. Dass das Glück eigentlich schon vorbei ist, ahnen nicht einmal ihre Freunde Damian und Stephanie, die mit ihren Kindern etwas außerhalb der gefährlichen Großstadt leben. Man ahnt es – auch bei den beiden läuft es nicht gerade rund.

Evans porträtiert zwei Paare in einer schwierigen Lebensphase. Die erste Verliebtheit ist schon lange vorbei, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, nun muss man sich mit dem Alltag und seinen Herausforderungen herumschlagen. Schon lange beinhalten die Textnachrichten, die man sich schreibt, keine Liebesschwüre mehr, sondern die Bitte, auf dem Heimweg noch eben Spülmittel zu besorgen. Am Wochenende kuschelt man nicht mehr verliebt im Bett, sondern streitet über den richtigen Aufbewahrungsort von Spannbetttüchern. Eigentlich wissen beide Paare, dass es so nicht weitergehen kann. Doch eingestehen wollen sie es sich nicht. Zu groß ist die Angst vor dem Ende und davor, den Kindern das vermeintlich glückliche Elternhaus zu nehmen. Besonders Michael und Melissa starten verbissen Versuch um Versuch. Sie lassen alte Dates wiederaufleben in der Hoffnung, auch das alte Glück wiederzufinden, stellen am Ende aber doch nur enttäuscht fest, dass es nicht mehr das Gleiche ist.

Weiterlesen

Die Kindheit in Protokollen – „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel

21 Monate verbrachte der namenlose Erzähler in Mischa Mangels Debüt Ein Spalt Luft allein mit seiner Mutter. Fast zwei Jahre, von seinem zweiten bis zu seinem vierten Lebensjahr, zu denen ihm niemand etwas sagen kann.

Kurz nach seiner Geburt entwickelte seine Mutter eine endogene Psychose, wie er aus Gutachten später rekonstruieren wird. Sie bricht alle Kontakte ab und verkriecht sich mit ihrem Sohn in ihrer Wohnung. Derweil kämpft der Vater um das alleinige Sorgerecht. Er ist besorgt um den Sohn, nicht nur um seine Sicherheit, sondern auch um seine Entwicklung. Er soll bei ihm und seiner neuen Partnerin aufwachsen.

Es gelingt und der Erzähler wächst, von gelegentlichen Wochenendbesuchen abgesehen, komplett beim Vater auf. Später bricht er den Kontakt zur Mutter ganz ab, sieht sie über Jahre nicht mehr. Dass sie Kontakt gesucht hat, um Bilder von ihm gebeten hat, das alles erfährt er erst, als er fast zwanzig Jahre alt ist. Als er volljährig wird, bietet sein Vater ihm an, ihm die Unterlagen von damals zu zeigen. Medizinische Gutachten, Gerichtsurteile, Protokolle des Jugendamts. Zwischen den amtlichen Schriftstücken finden sich aber auch die Bänder eines Anrufbeantworters, auf denen die Mutter den Vater wüst und wirr beschimpft.

„Frau ______ hält sich für gesund, ihr Verhalten für normal und wird ihr Leben weiterhin in dieser Form gestalten.“

Daraus setzt die Spurensuche des Erzählers sich zusammen. Nüchterne Feststellungen über den Zustand seiner Mutter, Protokolle darüber, wie ungeschickt sie mit ihm umgeht. Dazwischen immer wieder fragmentarische Erinnerungen an die Kindheit und Äußerungen des Vaters, der versucht, von der Entwicklung der Situation zu berichten, ohne seinen Sohn zu verletzen. Der Versuch, von anderen Familienmitgliedern mehr zu erfahren, erweist sich als ebenso schwer, wie den Kontakt zur Mutter zu stabilisieren. Die Gespräche zwischen den beiden scheinen sich in BAföG-Angelegenheiten zu erschöpfen.

Mangel bietet keine Lösung, keine einfache Rekonstruktion des Geschehen. Er nimmt einen mit auf eine vorsichtige Spurensuche, die so aufschlussreich wie frustrierend sein kann. Man folgt dem Erzähler, wie er sich langsam vortastet, Bruchstücke zusammensetzt, eigene Gedanken zu den Fakten findet, alte Erinnerungen ausgräbt und plötzliche Erkenntnisse gewinnt. Dabei ist der Stil durchaus experimentell und sehr fragmentarisch. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, wer spricht, wovon eine Szene handelt und ob sie überhaupt real ist. Wer hofft, in den Gerichtsakten eine definitive Antwort zu finden, wird enttäuscht werden. Den Erzähler allerdings scheint das nicht im Geringsten zu stören.


tl;dr: Mangel schickt seinen Erzähler auf eine so sensible wie harte Spurensuche nach fast zwei Jahren in seiner frühsten Kindheit, die möglicherweise für immer verloren sind. Ein experimentelles und sehr überzeugendes Debüt.


Mischa Mangel: Ein Spalt Luft. Suhrkamp 2021, 271 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 128.

Der ewige Traum vom Falken – „Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm“ von Felicitas Hoppe

Ze Wormez bî dem Rîne gibt es nicht so besonders viel, womit man überregional von sich reden machen könnte. Was es allerdings gibt, und was dann auch kulturell ausgeschlachtet wird, sind die Nibelungen, die dort einst gelebt haben sollen. Seit beinahe zwanzig Jahren gedenkt man dieser Tatsache mit den im Sommer stattfindenden Nibelungenfestspielen. Auf deren Bühne, gelegen direkt vor der Kulisse des Wormser Doms, lässt Felicitas Hoppe die sagenumwobenen Gestalten der politisch vorbelasteten Dichtung ihre Intrigen spinnen.

Sie bringt alle auf die Bühne, die in den Nibelungen Rang und Namen haben: Kriemhild und Brunhild, Siegfried, Gernot, Gunter und Giselher, Ute und Hagen. Und sie ergänzt das Personal um einige zusätzliche Rollen, unter anderem um einen Laien aus Worms, der den Tod geben muss, einen kommentierenden Zeugen im Ruderboot und um den Schatz, der es sonst nie auf die Bühne bringt, obwohl er ein so tragendes Element ist. Ähnlich einer beleidigten Fee darf er nun als Goldene Dreizehn auf einen Platz an der Festtafel hoffen, statt am Grunde des Rheins als Konfliktstoff vor sich hin zu rosten. Hoppe belässt es nicht bei einer Nacherzählung des Stoffes, sondern setzt ihn im Grunde schon voraus, geht darüber hinaus und spielt mit den Charakteren und den ideologischen Schatten, die ihnen folgen. Wer nicht zumindest in Grundzügen mit der Handlung vertraut ist, wird Schwierigkeiten haben, zu folgen, den stringent erzählt wird nicht. Hoppe erzählt viel mehr in szenischen Schilderungen, orientiert an einer modernen Inszenierung des Stoffs und eingeleitet jeweils durch eine an Stummfilme erinnernde Texttafel.

Weiterlesen

Aus dem belagerten Leningrad – „The Siege“ von Helen Dunmore

Anna Michailovna liebt es, den Sommer in ihrem Garten vor den Toren Leningrads zu verbringen. Dort pflegt sie die Rosen ihrer Mutter, sät und erntet und schläft in warmen Nächten im Gartenhaus. Immer dabei ist ihr kleiner Bruder Kolya, dem sie langsam beibringt, ihr beim Gärtnern zu helfen. Seit ihre Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, ist es an Anna, sich um den kleinen Bruder zu kümmern und um ihren Vater, einen Schriftsteller, der sich gründlich und nachhaltig mit der Sowjet-Regierung überworfen hat. Zum Ende des Sommers 1941, Anna denkt schon an die Ernte der Kartoffeln, machen beunruhigende Gerüchte die Runde: Die deutsche Wehrmacht rückt immer näher, im Leningrader Umland wird es gefährlich. Wie auch der Rest der Nachbarschaft packt Anna hastig ihre Sachen und kehrt in die Wohnung der Familie in Leningrad zurück, in die schützenden Grenzen der Stadt. Doch die vermeintliche Rettung wird zur Falle. Im Herbst 1941 beginnt die Blockade Leningrads, die über zwei Jahre dauern wird.

Dunmore schildert das Leben von Annas Familie, die zunächst noch tapfer versucht, sich den Deutschen in den Weg zu stellen. Der Vater, völlig ungeeignet für den Wehrdienst, kämpft an der Front, während Anna Verteidigungsgräben aushebt und hilft, Kinder aus der bedrohten Stadt zu evakuieren. Mitten in dem ganzen Chaos steht auch noch Marina vor der Tür, ehemals eine berühmte Schauspielerin und Ex-Geliebte ihres Vaters. Nur wenige Tage will sie bleiben, die Freundin, bei der sie eigentlich unterkommen wollte, ist gerade erkrankt. Man ahnt es schon: Sie wird nicht mehr gehen. Doch immerhin bringt sie Vorräte aus ihrem Garten mit. Das ist eine sehr willkommene Gabe, denn schon nach kurzer Zeit gehen die knappen Reserven der Stadt zur Neige. Leningrad ist angewiesen auf die Versorgung durch die Landwirtschaft im Umland, doch die Transporte können die deutschen Linien nicht mehr passieren. Wo es überhaupt noch etwas zu kaufen gibt, steigen die Preise ins Unermessliche.

Weiterlesen

Verborgen vor der Welt – „Room“ von Emma Donoghue

Für den fünfjährigen Jack ist „Room“ die ganze Welt. Für seine Mutter ist es ein Gefängnis, in dem sie seit sieben Jahren ausharren muss, ein winziges Verlies, in dem ihr Entführer sie gefangen hält. Sie spricht beinahe nicht über ihren Peiniger, aber wenn sie muss, nennt sie ihn Old Nick. Als sie Anfang zwanzig war hat er sie auf einem Parkplatz unter einem Vorwand in seinen Van gelockt und in einen fluchtsicher und schalldicht ausgebauten Gartenschuppen gesperrt.

Die Erzählung erinnert stark an den Fall Fritzl und ist sicher nichts für schwache Nerven. Old Nick kommt an fast jedem Abend in das Gefängnis, um seine Gefangene zu vergewaltigen. Auch Jack ist das Ergebnis einer Vergewaltigung. Obwohl Old Nick Jack und seine Mutter gefangen hält, lässt er keine Gelegenheit aus, sie spüren zu lassen, dass sie ihm eine Last sind. Allein das Geld, das er für ihre Lebensmittel ausgeben muss, für Strom und Wasser, für Zahnpasta und Seife, für Annehmlichkeiten wie Bücher oder eine Topfpflanze. Unbezahlbar das Ganze! Von seinen Gefangenen erwartet er stille Dankbarkeit. Widerspruch und Aufruhr bestraft er, indem er tagelang den Strom abstellt oder den beiden auf andere Art das Leben noch unerträglicher macht. Früher hat Jacks Mutter mehrfach versucht zu fliehen, doch seit ihr Sohn da ist, wagt sie es nicht mehr aus Angst vor Old Nicks Rache bei einem weiteren misslungenen Versuch.

Weiterlesen

Scotland My Mountain Hame – „Chrystal Croftangrys Geschichte“ von Sir Walter Scott

Die Geschichte von Chrystal Croftangry ist, wie das meiste aus Scotts Werk, in Deutschland kaum bekannt. Es handelt sich bei diesem Buch um eine Sammlung von Geschichten, die Scott schrieb, während er hochverschuldet seinen Broterwerb mit dem Verfassen einer umfassenden Napoleon-Biographie bestritt. Sein Protagonist ist ihm in vielem ähnlich: wie auch Scott ist Croftangry hochverschuldet, wenn auch aus anderen Gründen. Er ist ein auf Abwege geratener Sohn einer reichen Familie, der nach Jahren in der Fremde in seine schottische Heimat zurückkehrt und in Edinburgh wieder sein Glück machen will.

„Sie ließen sich nichts zuschulden kommen gegenüber Gott und den Menschen, die Croftangrys, und wie ich schon gesagt habe: Wenn sie auch nicht viel Gutes taten, so taten die doch auch nicht viel Schlechtes.“

Weiterlesen

Auf der Suche nach der Schöpfungsformel – „Die Sprache des Lichts“ von Katharina Kramer

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ So einfach kann Schöpfung sein – wenn man die richtige Sprache spricht. Davon waren die Menschen lange überzeugt. Wenn man Gottes Sprache finden und sprechen könnte, dann könnte man damit alles erschaffen, was man braucht. Licht, Gold, Macht, alles aus Worten geschöpft. Die aufgeregte Suche nach eben dieser Sprache legt Katharina Kramer ihrem Roman zu Grunde, den sie Ende des 16. Jahrhunderts spielen lässt.

Jacob Greve, in Ungnade gefallener Lateinlehrer auf Wanderschaft, trifft darin auf den Gauner Edward Kelley, der in ihm die Chance sieht, an richtig viel Geld zu kommen. Denn Jacob ist nicht nur Sprachlehrer, er ist ein wahres Sprachgenie. Sprache ist alles in seinem Leben, er kann sie in bunten Formen sehen, er kann jeden Dialekt erlernen und fast jeden sprachlichen Code dechiffrieren. Sein Sprachgefühl ist so fein, dass ihm schon der kleinste Fehler seiner Schüler fast körperliche Pein beschert. Wenn einer Gottes eigene Sprache rekonstruieren kann, dann Jacob Greve, da ist Edward sich sicher. Doch er ist nicht der einzige, der auf der Jagd nach dieser Sprache ist. Im Béarn, heute an der Spanisch-Französischen Grenze gelegen, arbeitet die junge Margarète Labé ebenfalls an der Entschlüsselung von Sprachen. Sie arbeitet für die Katholische Liga, die verbissen gegen die Calvinisten kämpft. Ob die Pfeifsprache, die von den Hirten im Béarn benutzt wird, ein erster Hinweis auf Gottes eigene Worte sein kann?

Weiterlesen