Es ist der Alltag, der uns zerstört – „Herr Oluf in Hunsum“ von Christopher Ecker

Herr Oluf in Hunsum berichtet von etwas ganz Alltäglichem und eigentlich unerträglich Langweiligem: Ein Philosophen-Kongress in einem Tagungshotel in etwas abgeschiedener Lage direkt am Deich. Zu sehen gibt es Kollegen und Schafe, zu hören vor allem Selbstgefälliges. Dorthin reist Professor Oluf Sattler im Auftrag seines Instituts um in einem Vortrag die bisherigen Geldgeber davon zu überzeugen, weiterhin Geldgeber zu bleiben. Dass das keine gute Idee ist, lässt einen gleich der erste Satz des Romans wissen: „Du hättest nicht fahren dürfen!“ Die Anklage gegen den Hauptdarsteller ist damit eröffnet.

Die Tat, die ihm vorgeworfen wird: Obwohl Frau und Kleinkind hohes Fieber haben, fährt Oluf Sattler zum Kongress. Er wirft sich das vor und seine Frau ihm wohl auch, denn schon direkt nach seiner Abreise reagiert sie nicht mehr auf seine Anrufe. Irgendwann geht nicht einmal mehr der Anrufbeantworter dran. Oluf Sattler malt sich das Schlimmste aus. Sein verzweifelter Versuch, seiner Frau eine E-Mail zu schreiben, ist zum Scheitern verurteilt: um sich einzuloggen, soll er eine Sicherheitsfrage beantworten und alle Bilder mit Autos antippen. Der Professor, der sich seit Jahren nur noch mit Bildern und Abbildungen befasst, versteht die Gedanken hinter dieser Frage nicht: ist ein Auto ohne Kennzeichen, also ein stillgelegtes Auto, überhaupt noch als Auto zu werten? Was macht ein Auto zum Auto? Und wie würde eine Person, die sich solche Rätsel ausdenkt, wohl darüber denken? Er scheitert wieder und wieder, länger und länger kann er seiner Frau keine Nachricht zukommen lassen, denn sein völlig veraltetes Handy verschickt auch keine SMS mehr.

Sattlers Schuldgefühl wächst mit jedem zurückgelegten Kilometer und zugleich kommen Erinnerungen hoch an eine fast vergessene und noch viel größere Schuld. In Gesprächen mit einem fiktiven Psychotherapeuten arbeitet er dieses und das gegenwärtige Versagen auf.

„Bleiben wir bei ‚Schuld‘. Es geht mir lediglich darum, was dieser Begriff für Sie bedeutet. Und wenn Sie wissen wollen, weshalb ich das in Erfahrung bringen will, gestehe ich es Ihnen vorsichtshalber gleich: Ich glaube, dass alles ist komplizierter, als Sie es sich zugestehen wollen.“

Das also passiert in der Realität oder zumindest an ihrem Rand, aber es wäre kein Ecker-Roman, wenn nicht irgendwann auch Oluf Sattler die Grenzen des Realen mutig überschreiten würde. Nur eine falsche Abbiegung hinter Hunsum liegt eine albtraumhaft veränderte Welt, aus der kein Weg mehr zurück ins Familienleben führt. Dort stolpert Oluf erst auf ein Stadtfest und von dort direkt in einen Mordfall. Oder ist das alles gar nicht wahr?

Mit Professor Oluf Sattler hat Ecker keinen Sympathen geschaffen. Sattler lebt ausschließlich in seiner akademischen Welt, deren einziger Zweck es ist, über Kunst nachzudenken und über sie zu schreiben. Sattler gefällt sich in der Rolle des Intellektuellen und spart den Professoren-Titel nicht einmal bei der Ansage auf dem privaten Anrufbeantworter aus. Wenn ein Taxi-Fahrer eine beiläufige Bemerkung über Hagebutten-Tee macht, hält Sattler ein Stegreif-Referat über die Symbolik der Hagebutte in der abendländischen Kulturgeschichte. Zugleich hat er aber schon vor Jahren den Anschluss verpasst und hat keine Ahnung mehr, worum es in der modernen Philosophie – die er ohnehin als Modephilosophie abtut – überhaupt geht. Das hindert ihn nicht daran, ein enorm gutes Bild von sich und seiner Meinung zu haben und auf alle anderen mit süffisanter Boshaftigkeit herabzublicken, insbesondere auf die dummen Massen, die sich ständig selbst reproduzieren, weil ihnen außer Reproduktion überhaupt nichts einfällt.

Herr Oluf in Hunsum ist ein fieser und abgründiger Roman, der alles dafür tut, seine Leser*innen ins Dunkle zu führen und darüber im Unklaren zu lassen, was eigentlich los ist. Es ist eine vertrackte Geschichte mit mehreren Ebenen, die aneinander stoßen, sich aneinander reiben und ineinander verkeilen und man ist in ständiger Gefahr, dazwischen zu geraten. Der Roman ist aber vor allem auf unfassbar kluge Art sehr, sehr unterhaltsam und zugleich wahnsinnig tragisch und eigentlich tieftraurig. Irgendwo zwischen Menschenverachtung, Barbapapa und Universitätsbetrieb spielt sich hier eine ganz große Geschichte ab.


tl;dr: Brillanter Roman über Kunst, Philosophie und eine unerträglichen Menschen. Unglaublich witzig und wahnsinnig tragisch.


Christopher Ecker: Herr Oluf in Hunsum. Mitteldeutscher Verlag 2021. 232 Seiten.

Das Zitat in der Überschrift stammt von S. 85, das im Text von S. 89.

Beim Mitteldeutschen Verlag weiß man um meine Begeisterung für Ecker. Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich herzlich danke.

Riskantes Mietverhältnis – „The Paying Guests“ von Sarah Waters

Kurz nach Ende des Krieges ist die Lage von Frances Wray und ihrer Mutter verzweifelt. Beide Söhne der Familie sind gefallen, der Vater ist ebenfalls verstorben, noch dazu mit einem Berg Schulden. Das große Stadthaus in einem Londoner Vorort ist teuer und zeitaufwendig im Unterhalt, an eine Dienerschaft ist gar nicht mehr zu denken. Schließlich entschließen die beiden Frauen sich, einige Räume an das junge Ehepaar Lilian und Leonard Baber zu vermieten, um ihre Schulden abtragen zu können. Das soziale Umfeld, ohnehin schon entrüstet, weil bei Wrays selber geputzt wird, bezeichnet die Untermieter lieber als „zahlende Gäste“, das riecht weniger nach sozialem Abstieg.

„One good thing about them being so young: they’ve only his parents to compare us with. They don’t know that we really haven’t a clue what we’re doing. So long as we act the part of the landladies with enough gusto, then landladies is what we we’ll be.“

Zu Beginn tun die Wrays sich schwer mit den neuen Mitbewohnern. Frances ist brüskiert von Leonards jovialer Art, während ihre Mutter entrüstet bemerkt, wie lange Lilian schläft und wie oft sie badet. Zunächst bleiben die beiden auf Distanz, nur gelegentliche Blicke ins Wohnzimmer und das Zusammentreffen in der Küche geben einen Eindruck vom Leben der anderen. Und diese Leben könnten auf den ersten Blick verschiedener kaum sein: während Frances sich mit Ende 20 schon zum alten Eisen zählt und sich mit ihrer Rolle als Haushälterin abgefunden hat, wirkt Lilian viel unbeschwerter und jünger, obwohl sie es in Jahren kaum ist. Einzig ihre Ehe mit Leonard scheint nicht immer einfach zu sein. Das verrät sie Frances schnell, nachdem zarte Freundschafts-Bande zwischen den beiden entstehen.

Schnell wird mehr daraus. Nach einem unbedachten Kuss entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen der verheirateten Lilian und ihrer Vermieterin. Doch wie soll es für die beiden weitergehen? Die konservative Gesellschaft der 1920er-Jahre lässt kaum Raum für eine gleichgeschlechtliche Beziehung, das hat Frances in jüngeren Jahren bereits leidvoll erfahren müssen. Sie weiß, dass ihre Mutter ihr einen weiteren Ausbruch aus der Norm nicht verzeihen würde. Und für Lilian kommt eine Scheidung kaum in Frage. Zwar träumen beide immer mal davon, gemeinsam durchzubrennen und eine glückliches, freies Leben zu führen, doch im Grunde wissen sie beide, dass sie weder den Mut, noch die finanziellen Mittel dafür haben. Doch dann zwingt sie ein völlig unerwarteter Zwischenfall zum Handeln und bringt ihren Lebensweg in eine neue, völlig unerwartete und nicht sehr willkommene Richtung.

Sarah Waters lässt sich Zeit für die Entwicklung der Figuren und ihrer Geschichte. Ein bisschen viel Zeit. Besonders die erste Hälfte des Romans hätte die ein oder andere Raffung durchaus vertragen. Waters verliert sich mitunter in noch mehr Bildern und noch mehr Vergleichen, noch mehr Erröten und hastigem Richten von Frisuren und Glätten von Kleidung. Der Roman ist in dieser ersten Hälfte so sehr auf Frances und Lilian und ihre aufkeimende Liebe fixiert, dass man Waters einzig zugute halten kann, dass das besondere an dieser Liebe eben ihre Unmöglichkeit ist. Ohne das wäre es eine unfassbar langatmige und fast banale Liebesgeschichte. Anders als in anderen Romanen von Waters tritt die Außenwelt massiv hinter der Liebe der Hauptcharaktere zurück, die sich ja auch nur hinter den verschlossenen Türen des Stadthauses abspielen darf. Die Zeitgeschichte liefert den Rahmen, aber beinahe keine Handlung. In der zweiten Hälfte des Romans geht es dann ein wenig mehr zur Sache, es kommt mehr Personal und Bewegung in die Geschichte, aber noch immer verlieren sich Szenen in Details und Bildern und werden unnötig in die Länge gezogen.

Die Grundhandlung des Romans ist überhaupt nicht schlecht, der Aufbau ist smart und funktioniert gut. Der sehr romantische und leidenschaftliche Teil ist ein guter Gegenpart zu dem viele sachlicheren zweiten Teil, in dem eine Liebe, die bisher nur im Schlafzimmer existieren konnte, sich plötzlich in einer sehr harschen und bedrohlichen Realität beweisen muss. Und das, ohne dabei als solche erkannt zu werden. Waters hat ausreichend Erfahrung im Schreiben lesbischer Liebesgeschichten vor 1945, das kriegt sie also alles gut hin. Die Geschichte hätte allerdings gut auf mindestens ein Viertel ihrer Seiten verzichten können.


tl;dr: Waters erzählt die Geschichte zweier Frauen, die sich Hals über Kopf ineinander verlieben. Ihre Liebe ist eine Unmöglichkeit im England der 1920er-Jahre und sie verharren in Ratlosigkeit, bis ein plötzlicher Zwischenfall eine dramatische Wende herbeiführt. Gute Geschichte, gut komponiert, aber auch mit langen, langen Längen.


Sarah Waters: The Paying Guests. Riverhead Books 2015. 638 Seiten. Erstausgabe ebd. 2014. Eine deutsche Übersetzung von Ute Leibmann ist unter dem Titel Fremde Gäste bei Lübbe erschienen.

Das Zitat stammt von S. 10.

Mit diesem Roman stand Waters 2015 auf der Shortlist für den Baileys Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction. Weitere Roman von Waters, die im Rahmen des Leseprojekts vorgestellt wurden sind Fingersmith und The Night Watch.

Toxische Beziehungen – „First Love“ von Gwendoline Riley

Neves Ehe ist am Ende. Aus Liebe zum deutlich älteren Edwyn ist sie vor einigen Jahren aus dem Norden Englands nach London gezogen und scheint dort nun festzusitzen. Aus der einst zärtlichen, verspielten Liebe ist ein Kampf geworden, in dem es darum geht, wer die andere Person besser verletzen kann. Meistens gewinnt Edwyn. Er leidet an einer Krankheit, die ihm permanente Schmerzen verursacht, wird wehleidig und selbstgerecht. Mehrere Monate, nachdem Neve sich an einem Abend zu sehr betrunken hat, wirft er ihr noch immer diesen peinlichen Zwischenfall vor und lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu erwähnen. Ihr Verhalten ist ihm zu ruppig, ihre Ansichten zu naiv, überhaupt ihre ganze Art zeugt von einem Intellekt, der seinem deutlich unterlegen ist. Es ist überzeugt, dass Neves ganzes Verhalten darauf ausgerichtet ist, ihn zu belasten und zu ärgern.

Neve hat dem wenig entgegenzusetzen. Eine Zeitlang versucht sie noch, es ihm recht zu machen, doch dann beobachtet sie seine Ausbrüche nur noch mit distanzierter Belustigung. Sie hat gelernt, dass er zwar bellt, aber nicht mehr beißen wird. Stattdessen denkt sie nach über die Beziehungen in ihrem Leben, und was man aus Liebe erträgt.

Ihr bisheriges Leben bietet dazu reichlich Anschauungsmaterial: Die erste Ehe ihrer Mutter wurde geschieden, nachdem sie jahrelange Gewalt durch ihren Mann und Vater ihrer Kinder ertragen hat. Auch Neve und ihr Bruder haben beide so ihre Schwierigkeiten mit dem Vater, wenn auch Gewalttätigkeit nicht dazu zählt. Späte Versuche, die Beziehung noch zu retten, sind zum Scheitern verurteilt. Sowohl selbst als auch in ihrem direkten Umfeld hat Neve bisher nur Beziehungen erfahren, die auf irgendeine Art psychisch belastend waren.

„They were happy with a home, a husband and children. This silly feminist shit, it’s beneath you. Women were happy!“

Mit First Love hat Riley einen sehr intimen Roman geschrieben, der bei aller Härte auch viel Humor hat, besonders in den kleinlichen Streitigkeiten zwischen Neve und ihrem Mann. Der Roman ist sehr kurz, die Handlung sehr reduziert, das Erzählte aber relevant. Die Einsichten in eine Beziehung, die so gewalttätig ist, fast ohne dabei körperlich zu werden, sind schmerzhaft. Mit jedem Streit und jeder Gemeinheit fragt man sich mehr, warum Neve nicht geht. Zugleich beantwortet die Frage sich mit Blick auf ihre bisherigen Beziehungen. Ob sie das jemals wird hinter sich alssen können, ist fraglich. Zu sehr ist sie von ihrer ersten Liebe geprägt.


Gwendoline Riley: First Love. Granta 2017. 176 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 150.

Mit diesem Roman war Riley 2017 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Die Revolution am Ende der Welt – „Der Himmel vor hundert Jahren“ von Yulia Marfutova

In einem abgelegenen russischen Dorf, in etwa zur Zeit der Revolution, hat der alte Ilja sich einen Ruf als mächtiger Seher erworben. Mit Hilfe eines mysteriösen Röhrchens kann er das Wetter voraussagen. In einem Dorf, das ausschließlich von der Landwirtschaft lebt, und in dem deshalb wirklich alles vom Wetter abhängt, ist das eine wertvolle Gabe. Doch nicht alle wollen dem fortschrittlichen Röhrchen glauben. Die Traditionsbewussteren hören lieber auf Pjotr, der mit den Flussgeistern reden kann und ihnen alle Geheimnisse entlockt.

Doch das sind nicht die einzigen Wege, in die Zukunft zu blicken: Als Iljas Frau Inna beim Kochen ein Messer herunterfällt, weiß sie, dass bald ein Mann zu Besuch kommen wird. Nun ist bald relativ und es dauert noch eine ganze Weile, aber dann bewahrheitet sich ihre weise Voraussicht, als Wadik im Dorf auftaucht. Er ist ein Fremder, abgemagert, ohne Schuhe und in einer abgewetzten Offiziersuniform. Auch er redet von der Zukunft und einer neuen Zeit und verlangt, dass in Iljas Haus die Ikonen abgehängt werden. Trotz seiner rätselhaften Herkunft hält Ilja viel von ihm. Lesen kann Wadik zwar auch nicht, aber trotzdem er kennt die Bücher der großen Männer und weiß, was darin steht.

Weiterlesen

Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

Die Kunstwissenschaftler Monty Kipps und Howard Belsey sind Erzrivalen. Sie haben nicht nur völlig verschiedene Ansichten zu Rembrandt, sondern auch dazu, wie Universitäten und Bildung aussehen sollten und eigentlich zur Welt an sich. Ihr aktueller Kleinkrieg ist an einem Selbstporträt Rembrandts entbrannt und noch weit davon, beigelegt zu werden, als Monty als Gastdozent ausgerechnet an Howards College im beschaulichen Wellington unterrichten soll. In der Kleinstadt und erst recht am kleinen College ist es völlig unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Dabei hat Howard auch ohne Monty schon genug Ärger: Nach dreißig Jahren Ehe hat er seine Frau betrogen, die gar nicht daran denkt, ihm zu verzeihen.

On Beauty konzentriert sich vor allem auf die Familie Belsey, bestehend aus Howard, seiner Frau Kiki und den Kindern Levi, Jerome und Zora. Mit ihnen und ihrem konservativen Gegenpart, der Kipps-Familie, bringt Zadie Smith eine enorme Fülle von Themen und Konflikten in den Roman, ohne, dass es konstruiert wirkt. Eines der vorherrschenden Themen des Romans ist Rassismus, der den Figuren in unterschiedlichem Ausmaß begegnet und der sie auf verschiedene Arten beschäftigt. Kiki Belseys ist Schwarz und sowohl sie als auch ihre Kinder werden im weißen Wellington gelegentlich mit Argwohn betrachtet, besonders Levi, der auch durch seine Kleidung negativ auffällt. Er selbst definiert sich mehr als alle anderen Familienmitglieder als Teil einer diskriminierten Minderheit, sucht einen Ausweg aus der behüteten Mittelschicht und wird mit seinem Engagement für Haiti politisch aktiv. Damit bildet er einen Gegenpol zu seinem Vater, der sein Leben und ein Forschen ausschließlich der Ästhetik verschrieben hat und das so sehr, dass ihm der Bezug zur Realität vor lauter Schönheit manchmal fast abhanden kommt: Während sein gesamtes Kollegium schon lange auf Powerpoint umgestellt hat, kritzelt Howard immer noch auf Overhead-Folien herum.

Weiterlesen

Familiäre Erwartungshaltung – „Stay With Me“ von Ayòbámi Adébáyò

Als Akin und Yejide sich das erste mal im Kino begegnen, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Wenige Jahre später sind sie verheiratet und eigentlich glücklich. Zum perfekten Glück fehlt den beiden allerdings ein Kind, das findet vor allem Akins Familie und seine Mutter. Ihr Sohn muss einen Nachkommen zeugen, komme was wolle. Nachdem man bei diversen Untersuchungen kein Problem feststellen kann, schleppt Akins Mutter Yejide von Wunderheiler zu Wunderheiler, damit ihre Stieftochter bloß endlich schwanger wird. Als das nichts hilft, greift sie zu einer pragmatischen Lösung: Akin braucht einfach eine Zweitfrau, die mit der jungen Funmi auch schnell gefunden ist.

Yejide ist schockiert. Sie selbst ist die Tochter einer ersten Ehefrau und wurde von den weiteren Frauen ihres Vaters immer so schlecht behandelt, dass für sie nie etwas anderes in Frage kam, als eine monogame Ehe. Und nun ist da Funmi. Nach der Wut kommt bald die Angst. Was, wenn Funmi vor ihr schwanger wird? In einem letzten Versuch besucht Yejide einen weiteren Wunderheiler, der ihr verspricht, dass sie wenigen Tagen schwanger sein wird. Doch obwohl Yejides Bauch dicker und dicker wird und sie sogar die Tritte des Kindes spürt, ist beim Ultraschall nichts zu sehen. Akins vorsichtige Andeutungen, dass sie vielleicht wirklich nicht schwanger sein könnte, strapazieren die ohnehin unter Druck stehende Ehe noch weiter.

Weiterlesen

Fordernde Sommerfrische – „To the Lighthouse“ von Virginia Woolf

To the Lighthouse zählt zweifelsohne zu den bekanntesten Romanen Woolfs und vermutlich auch der Literaturgeschichte. Doch was den Leuchtturm angeht, beginnt er mit einer Enttäuschung: Aufgrund des rauen Wetters ist ein Besuch gar nicht möglich. Damit entspinnt sich schon der erste Konflikt der Familie Ramsay, die im Roman die zentrale Rolle einnimmt. Mrs. Ramsay ist darum bemüht, ihrem enttäuschten Sohn ein Wunder in Aussicht zu stellen, während ihr Mann überzeugt ist, dass der Ausflug keinesfalls stattfinden kann und man dem Jungen keine unnötige Hoffnung machen sollen.

„They came to her naturally, since she was a woman, all day long with this and that; one wanting this, another that; the children were growing up; she often felt she was nothing but a sponge sopped full of human emotions.“

Die Familie Ramsay, angeführt vom angesehen Philosophen Mr. Ramsay als Familienoberhaupt, verbringt im ersten Teil des Romans (The Window) wie in jedem Jahr ihren Sommer auf der Isle of Skye. Die Ramsays leben in dieser Zeit mit ihre acht Kindern (acht! Und das mit einem Philosophengehalt!) in einem Haus ganz nah am Meer, hinter dem ein kleiner Garten sanft in Richtung Küste abfällt. Das sommerliche Idyll teilen die Ramsays mit einigen Gästen, darunter die Malerin Lily Briscoe und der Dichter Augustus Carmichael. Der Roman ist besonders auf das Innenleben seiner Figuren konzentriert: der Fokus springt von Person zu Person und erlaubt so unterschiedliche Sichtweisen, nicht so sehr auf das äußere Geschehen, als auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen und auf die inneren Konflikte der Personen. Viel Handlung enthält der erste Teil indessen nicht. Vor allem geht es darum, ob der geplante Ausflug nun stattfinden kann oder nicht (kann er nicht), um Spaziergänge in die Stadt und an den Strand und um ein Abendessen. Es ist die ganze träge Ereignislosigkeit eines freien Sommertages. Diese Trägheit ist natürlich nur oberflächlich, denn wie eben schon gesagt, ist der wahre Reichtum des Romans ja nicht in der Handlung zu suchen.

Weiterlesen

Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

Die Brüder Harold und George Silver waren sich noch nie grün. Verwandte erinnern sich an Schlägereien bei Familienfesten und Harold ist sich sicher, dass George ihn töten wollte. Als Erwachsene haben sie ein zivilisierteres, wenn auch nicht unbedingt besseres Verhältnis. Bis zu der Nacht, in der George in die Psychiatrie kommt, nachdem er einen Unfall mit mehreren Toten verursacht und vielleicht sogar provoziert hat. Harold und Georges Frau Jane beginnen eine Affäre, von der George trotz seiner Abwesenheit bald Wind bekommt. Er entkommt aus der Psychiatrie und tötet Jane.

„You grow up thinking your family is normal enough, and then, all of a sudden, something happens and it is so not normal, and you have no idea how it got that way, and there’s really nowhere to go from here – it will never be anywhere near normal again.“

Die gemeinsamen Kinder des Ehepaares sind nun Harolds Verantwortung, der völlig überfordert ist mit jedem Aspekt der Situation. Die Umstände sind ausgesprochen tragisch, Homes gelingt es aber überraschend gut, das Absurde daran hervorzuheben ohne jemals pietätlos zu sein. Harold gerät in eine völlig neue Welt. Als Historiker mit Spezialisierung auf Nixon kommt er eher schlecht als recht über die Runden, während George erfolgreich in der Unterhaltungsindustrie war und beide Kinder an teuren Privatschulen untergebracht hat. Harold weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht, er weiß nicht, wie man mit viel Geld umgeht und er weiß auch noch nicht so richtig, wie man mit dem Internet umgeht. Das führt skurrilen Bekanntschaften auf Dating-Plattformen, die mehr oder wenig explizit geschildert werden. Homes Humor reicht von knochentrocken bis burlesk und ist manchmal fast ein bisschen überdreht.

Weiterlesen

Neue Wege gehen – „Gilgi, eine von uns“ von Irmgard Keun

Gisela Kron hat einen festen Plan für ihr Leben: Sie will arbeiten, es zu etwas bringen, sich bilden und reisen. Vorerst macht sie das alles unter dem Namen Gilgi, der passt viel besser zu ihr. Später, wenn sie gesetzter ist, will sie Gisela heißen. Sie arbeitet als „Maschinenmädchen“ in einem Unternehmen und tippt den ganzen Tag Briefe über Strumpfwaren und Trikotagen en gros. Abends lernt sie in der Berlitz School Fremdsprachen, denn wer vorwärts kommen will, darf sich nicht ausruhen. Das hat Gilgi mit ihren 20 Jahren schon gut verstanden. An ihrem 21. Geburtstag jedoch erfährt sie vom grundsoliden Ehepaar Kron, dass sie nicht ihre Tochter ist, sondern adoptiert wurde. Gilgi zweifelt an der Beziehung zu ihren Eltern, erst recht, als sie herausfindet, dass auch Frau Täschner, eine bitterarme Schneiderin, die sie zur Adoption freigegeben hat, nicht ihre biologische Mutter ist.

Halt findet sie bei Martin, einem in den Tag lebenden Bohemien, der plötzlich ihre ganze Welt auf den Kopf stellt. Bisher hat Gilgi sich immer geweigert, dieses ganze Verliebtsein so ernst zu nehmen. Anderes war ihr wichtiger, ihre Freiheit, ihr eigenes Auskommen, Freundschaften. Nun wünscht Martin sich, dass sie weniger Zeit bei der Arbeit und mehr mit ihm verbringt und so nach und nach fällt es Gilgi immer leichter, morgens einfach liegen zu bleiben. Man kommt auch so ganz gut über die Runden. Doch ein kleiner Zweifel bleibt und nagt hartnäckig an Gilgi. Was ist nur aus ihren Idealen geworden? Will man die für einen dahergelaufenen Schriftsteller über Bord werfen?

Weiterlesen

Ein uralter Kampf – „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo

Ada, Protagonistin in Sharon Dodua Otoos Debüt-Roman Adas Raum erfährt so viele Repressionen auf so vielen Ebenen, dass dafür ein Leben gar nicht reicht. Deshalb muss sie gleich vier mal leben: 1459 in Totope an der Westküste Afrikas, wo sie und ihre Familie erste Begegnungen mit portugiesischen Seefahren haben. 1848 als Ada Lovelace, damals verlachte Vorreiterin heute unverzichtbarer Rechenwege. 1945 als Inhaftierte im KZ Buchenwald, wo sie zum Einsatz im Lagerbordell gezwungen wird. Und schließlich als junge Britin ghanaischer Herkunft, die hochschwanger und zunehmend verzweifelt in Berlin eine Wohnung sucht, während ihr der Brexit im Nacken sitzt und ihre Aufenthaltserlaubnis wanken lässt.

Zusammengehalten werden diese vier Leben nicht nur durch einen Vornamen, sondern auch durch niemand geringeren als Gott, die manchmal auch ein er ist, eine behütende, aber zurückhaltende Instanz, die sich eines weiteren guten Geistes bedient, um Adas Leben im Blick zu behalten. Dieser gute Geist begleitet Ada in Form von Gegenständen auf ihren Wegen durch die Geschichte, stets hoffend, das nächste mal als Mensch inkarniert zu werden und nicht mehr als Türklopfer oder Frühstücksei. Er ist es, der die Erzählung übernimmt, immer ganz nah an Ada und bemüht, Schaden von ihr abzuwenden. Gar nicht leicht, wenn man nur ein alter Besen ist.

Weiterlesen