Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Als kleines Kind hatte Juri einen schweren Verkehrsunfall. Erst wurde er vom Milchwagen erwischt, direkt danach von einer Straßenbahn. Auch vom Blitz wurde getroffen. Er ist wieder ganz gut hergestellt, aber sein Hirn ist immer noch ein bisschen kaputt. Manchmal fehlen ihm die richtigen Wörter, dann kommen zu viele. Dafür hat er ein offenes Gesicht das dazu führt, dass wildfremde Menschen ihm ihre Geheimnisse und Gefühle anvertrauen. Er lebt in der Hauptstadt mit seinem Vater, dem Zoo-Veterinär. Seine Mutter ist in einem Arbeitslager in Kolyma, kommt aber sicher bald zurück. Im Flur stehen immer zwei gepackte Koffer. Einer für seinen Vater, einer für ihn. Sie stehen nicht nebeneinander, denn eine gemeinsame Abreise ist unwahrscheinlich. Wenn der Vater abgeholt wird, soll Juri schnell seinen kleinen Koffer schnappen und bei einer Tante unterkommen.

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Doch dann werden tatsächlich beide zusammen abgeholt. Eines Tages stehen Männer vor der Tür und sagen dem Vater, er müsse mitkommen zu einem wichtigen Patienten. Ob Maus oder Elefant erfährt er nicht. Wenig später stehen die beiden vorm größten Elefanten überhaupt: Der Stählerne, der geliebte Onkel, der Architekt der Freude, Genosse Generalsekretär Josef Petrowitsch. Er sieht nicht gut aus und viel älter, als auf den Bildern, die man von ihm kennt. Die Diagnose des Vaters gefällt ihm dann auch gar nicht, er lässt ihn abführen, doch Juris freundliches Gesicht erfreut auch das Herz des Stählernen. Er darf bleiben und wird sein Vorkoster und Hüter allergrößter Geheimnisse. Dass ihn das selbst ihn Gefahr bringt, steht außer Frage.

„Was fangen wir nur mit dir an? Du siehst alles, aber du verstehst nichts.“

Juri wird gemeinhin als Trottel angesehen und akzeptiert. Selbst die Feinde des Stählernen sehen ihn nicht als ernste Bedrohung und versuchen, ihn mit kleinen Geschenken auf ihre Seite zu ziehen. Dadurch gewinnt er Einblicke in Intrigen und Machtstrukturen, die vor anderen verheimlicht werden. Der Blick des „nützlichen Vollidioten“ ist ebenso unvollständig wie entlarvend, zumindest für die Leser, denn Juri selbst versteht nicht viel von den Dingen, die um ihn herum passieren. Noch dazu ist er auch extrem gutgläubig und nimmt alles für bare Münze, was andere ihm versprechen. Beinahe schlafwandlerisch torkelt er durch die Zentrale der sowjetischen Macht, nimmt Dinge wahr und mit und merkt kaum, dass er mitten in den allerschönsten Putsch-Versuch geraten ist. Die Intriganten wiederum bemerken kaum, dass er weitaus mehr versteht, als er zugibt.

In der Schilderung der Ereignisse bleibt Wilson sehr nah an dem, was in den letzten Wochen in Stalins Leben geschehen ist. Alle Namen sind mehr oder weniger verändert, einige Orte bleiben zumindest vage, aber im Grunde folgt er den historischen Ereignissen. Auch die „Ärzteverschwörung“ wird thematisiert sowie etliche der Grausamkeiten, die Stalins Widersacher erfahren mussten. Auch einige Verschwörungstheorien baut er dabei ein, wie etwa die, dass nicht Stalins Leiche bei der öffentlichen Aufbahrung zu sehen war sondern eigens ein besser aussehender Doppelgänger umgebracht wurde. In einigen Rezensionen wurde Wilson deshalb für seine gute Recherche gelobt, aber seien wir ehrlich – das steht alles im wikipedia-Artikel. Und wo wir gerade schon ehrlich sind, so richtig umgehauen hat das Buch mich nicht. Es ist sehr unterhaltsam zu lesen, ich habe mich nicht gelangweilt, aber der Roman schwankt auch sehr in seiner Art der Erzählung. Mal ist es eine total harmlose  bis witzige Geschichte, dann gibt es wieder sehr brutale Folterszenen. Beeindruckend ist allerdings, mit welchem Gleichmut zumindest der Protagonist eben diese Folter zur Kenntnis nimmt.

Guten Morgen, Genosse Elefant ist ein unterhaltsamer Roman, der zumindest dann Spaß macht, wenn man wenigstens ein bisschen was über Stalins Leben und Sterben weiß. Ich bin nicht sicher, wie viel Sinn und Spaß dieser Roman macht, wenn das nicht gegeben ist. Besonderen Tiefgang oder ein Leseerlebnis das einen tiefen und bleibenden Endruck hinterlässt, sollte man so oder so aber nicht erwarten.


Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant. Übersetzt von Bernhard Robben. Kiepenheuer & Witsch 2018. Titel der Originalausgabe: The Zoo.

Das Zitat stammt von S. 192

Das Buch habe ich vom Verlag unverlangt und ohne Bedingungen vom Verlag erhalten. Danke dafür.

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Nach einer anstrengenden Schicht fährt der israelische Arzt Etan nach Hause zu seiner Familie. Dieses zu Hause ist seit kurzer Zeit in Beer Scheva, einer Stadt mitten in der Wüste, in die er unfreiwillig versetzt wurde. Zum Umzug aus Tel Aviv hat seine Frau ihn überredet, sich einen Jeep anzuschaffen, mit dem man durch die Wüste rasen kann. Das hat er nie getan und mittlerweile findet er die Idee auch nur noch lächerlich. In dieser Nacht aber, in der ein riesiger Mond am Himmel steht, überkommt ihn auf einmal der Wunsch, die Kraft des Jeeps doch mal zu nutzen. Mit aufgedrehter Musik rast er durch die Wüste, wirft im Rückspiegel einen Blick auf den beeindruckenden Mond und spürt auf einmal einen Aufprall. Er hat einen Menschen überfahren, der mitten in der Nacht auf der Straße unterwegs war. Er steigt aus, registriert die Schwere der Verletzung und weiß, dass das Unfallopfer nicht überleben wird. Er sieht auch, dass der Mann ein Schwarzer ist, ein unregistrierter Einwanderer vermutlich. Unwahrscheinlich, dass Angehörige einen Skandal aus der Geschichte machen. Ebenso unwahrscheinlich, dass ihn jemand gesehen hat. Etan steigt wieder ins Auto und fährt davon.

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Dass er seiner Schuld nicht davon fahren kann, registriert er am nächsten Morgen. Ständig hat er das Gesicht des Mannes vor Augen, der ihn noch einmal kurz angesehen hat. Und dann steht auch noch die Witwe des Mannes vor der Tür. Sie hat sein Portemonnaie am Unfallort gefunden und schlägt ihm einen Deal vor: sie schweigt, wenn er tut, was sie will. Was sie will ist nicht weniger als eine ärztliche Versorgung in der Unterkunft der Migranten, die am Rande eines Kibbuz leben. Die Männer und Frauen arbeiten schwarz in den Einrichtungen des Kibbuz, putzen und arbeiten in der Küche des Restaurants. Von da an verbringt Etan jede Nacht in einer alten Werkstatt wo er auf einem verrosteten Metalltisch Wunden verbindet, Durchfallerkrankungen behandelt und versucht, die Tuberkuloseverbreitung einzudämmen. Seine Frau darf von all dem nichts wissen, denn sie ermittelt als Kriminalbeamtin im Fall des getöteten Eritreers. Es ist unmöglich, sie ins Vertrauen zu ziehen. Immer weiter verstrickt Etan sich im Gewirr seiner Lügen und bald steht seine ganze Existenz auf dem Spiel.

„Dieser Mann, der zu Fuß ging – erst der nächste Schritt wird zeigen, ob er noch ein Mensch ist oder bereits etwas anderes, ein Wort, das man nur denken braucht, und schon erstarrt der Fuß in der Luft, mitten im Schritt, denn am Ende des Schritts könnte sich zeigen, dass der Mann, der zu Fuß ging, kein gehender Mensch mehr ist, oder überhaupt kein Mensch mehr, nur noch die Hülle eines Menschen, eine aufgesprungene Hülle, und der Mensch ist weg.“

Der Anfang des Romans ist packend. Gleich am Anfang geschieht der Unfall. Die Sprache ist knapp, beinahe abgehackt und stark. Man leidet mit dem verzweifelten Etan, der in der Situation völlig überfordert ist. Man weiß, dass er moralisch falsch handelt, Gundar-Goshen stellt seine Entscheidung aber als völlig nachvollziehbar dar. Das bleibt auch den ganzen Roman über so. Es gibt keine schwarz-weiß-Zeichnung, keine Unterteilung in gut und böse. Beinahe jede Person in diesem Roman hat gute Gründe für ihr Handeln, so grausam und falsch es einem auch zuerst erscheinen mag. Das erste Auftauchen von Sirkit, der Frau des getöteten Eritreers aber hat mir den Anfang schon wieder versaut. Etan hat sein Portemonnaie am Unfallort verloren und damit steht sie nun vor der Tür. Im Ernst – was besseres ist uns nicht eingefallen? Dieser Einstieg in die Erpressung ist so banal, dass er TKKG würdig wäre. Da werfen Täter auch ständig mit Ausweispapieren und Abholmarken aus der Reinigung um sich als wäre es Konfetti.

So interessant und gelungen die Figurenzeichnung an vielen Stellen auch ist, entwickelt der Konflikt sich zum Teil doch recht mühsam. Ich sehe ein, dass die enervierende Wiederholung Teil des Konflikts ist. Immer wieder muss Etan Ausreden finden, wo er in der Nacht war. Bei der Arbeit gibt er vor, krank zu sein oder sich um seine Kinder kümmern zu müssen. Verwundert erfährt seine Frau von Asthmaanfällen ihres Sohns, als sie auf der Station anruft und ihren Mann sprechen will. Der Konflikt als solcher bleibt die ganze Zeit bestehen und bewegt sich kaum von der Stelle, er bauscht sich nur immer mehr auf, wird größer und größer und schnell wird klar, dass der große Knall nicht mehr abzuwenden ist. Wie viel Knallpotenzial tatsächlich hinter dem ganzen Drama steckt, wird erst gegen Ende richtig deutlich. Das Finale hat es in sich und wirkt fast unpassend actionreich nach dem stillen und verzweifelten Kampf in der Negevwüste. Allerdings ist der Roman dabei auch ein interessantes Gesellschaftsporträt. Gundar-Goshen stellt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen dar, ihre Konflikte untereinander und das oft versteckte Misstrauen untereinander. Während kaum einer der Charaktere offen rassistisch handelt, hegen viele doch Ressentiments, vor denen sie selbst manchmal erschrecken.

Löwen wecken hat das Zeug zum Krimi, allerdings ist mir nicht ganz klar, warum die Autorin das so lange geheimhält. Das Augenmerk liegt auf dem psychologischen Konflikt, den die meisten Figuren allein mit sich ausmachen müssen. Die Hintergründe der Handelnden erfährt man nur zögernd nach und nach, so dass sich manche Verhaltensweisen erst rückblickend erschließen. Das ist natürlich auch sehr interessant, aber es hätte dem Roman auch gut getan, wäre nicht beinahe alles im letzten Viertel passiert.


Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken. Übersetzung aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber 2017. Originalausgabe 2014 unter dem Titel Leha’ir Arajot bei Kinneret.

Das Zitat stammt von S. 8

Grauenhafte Dinge aus Büchern: Tinned Pie aus Deirdre Maddens „Molly Fox’s Birthday“

In Molly Fox’s Birthday geht die namenlose Protagonistin für ein einfaches Mittagessen einkaufen. Sie hat sich vorher keinen Plan gemacht, der Laden ist klein, die Auswahl beschränkt:

„Battered and fried things being kept under warm glass, tinned pies – how far gone did you have to be to eat a tinned pie? – exhausted fruit and cart-load of lurid magazines.“

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mal Pie in der Dose gekauft habe. Es sah aus wie etwas, das einen glücklich machen könnte, wenn man Samstag zu viel getrunken hat und Sonntag auf dem Sofa liegt. Fett, Salz, Soße. Dieser Sonntag kam nie, oder er kam und dann habe ich doch Rollo bestellt, und langsam näherte der Pie sich seinem Verfallsdatum, das, als ich ihn kaufte, noch in ferner Zukunft lag.

Also Deckel runter und ab in den Ofen. Was sich unter dem Deckel befindet ist tatsächlich Fett, Salz, Soße. Aber in keiner Kombi, die irgendeinen Menschen glücklich machen könnte. Ich weiß nicht, wie viele von euch mit Mockturtle aus der Dose vertraut sind. Wer es kennt, stellt sich jetzt mal Mockturtle unter ambitionslosem Blätterteig vor. Alle anderen denken ersatzweise an die mieseste Gulaschsuppe, die sie je gegessen haben. Und alle freuen sich mit mir, dass der Pizzaladen in meiner Straße heute keinen Ruhetag hat.

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Steht noch die Frage im Raum „how far gone did you have to be to eat a tinned pie?“. Ich weiß es nicht. Außerhalb von akut lebensbedrohlichen Situationen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sowas essen möchte. Wirklich nicht. Und auch dann würde ich es vielleicht nicht essen, weil ich fürchten würde, von dieser unglaublichen Menge Fett Durchfall zu kriegen und meinen ohnehin lebensbedrohlichen Zustand durch Dehydrierung noch zu verschlimmern.

DON’T TRY THIS AT HOME!


Das Zitat stammt von S. 68 von Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday. Faber and Faber 2009.

Essen aus Büchern: Lamb Dawn Sock aus Zadie Smiths „White Teeth“

Das Personal von Zadie Smiths Roman White Teeth hat einen recht multi-ethnischen Hintergrund. Nun aber sind sie alle in London gestrandet und einer der Charaktere, Samad, verdient sein Geld im Restaurant eines entfernten Verwandten. Er hasst diesen Job mit Hingabe. In seiner Heimat Bangladesh hat er einen Studienabschluss erworben, der ihm in London nichts bringt. Die Gäste interessieren sich nicht einen Hauch für das Essen und die Kultur seiner Heimat, wollen zu allem immer nur Pommes und dann muss er auch noch ergeben dankbar sein für 15 Pence Trinkgeld.

„Lamb Dawn Sock and rice. With Chips. Thank you.
And fifteen pence clinked on China. Thank you, sir. Thank you so very much.“

Die Gerichte, die in diesem Restaurant serviert werden, sind maximal anglisiert und haben mit den Originalen nicht mehr viel zu tun. Lamb Dawn Sock ist natürlich nicht der richtige Name, sondern eine ebenfalls anglisierte Aussprache von Lamb Dhansak, einem Gericht der Parsi-Küche. Es handelt sich um geschmortes Lamm mit Linsen, in der Regel kommt auch noch Gemüse rein und eine ganze Menge Gewürze.

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Arundhati Roy: The Ministry of Utmost Happiness

20 Jahre liegen zwischen dem ersten Roman von Roy und diesem, ihrem zweiten. The God of Small Things war 1997 ein großer Erfolg und mit entsprechender Spannung wurde dieser Roman erwartet. In der Zwischenzeit war Roy allerdings nicht untätig. Sie ist politisch in Indien sehr aktiv und hat darüber mehrere Bücher geschrieben. Sie kämpft gegen den hinduistischen Nationalismus und setzt sich für die Rechte der Adivasis ein, Angehörige indigener Volksgruppen, die als Nicht-Hindus an vielen Stellen massiv benachteiligt werden. Für einige Zeit war sie mit maoistischen Guerilla-Truppen unterwegs und berichtete von ihrem Kampf gegen die Enteignung in ländlichen Gebieten. Außerdem spricht sie sich für die Unabhängigkeit Kaschmirs aus, was in The Ministry of Utmost Happiness sowohl deutlich durchklingt als auch eine große Rolle spielt. Trotz allen politischen Kämpfen hat sie aber doch noch Zeit fürs kreative Schreiben gefunden.

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Die Geschichte beginnt mit Anjum, einer Hijra, die in Delhi lebt. Ihre Eltern geben sich alle Mühe, sie als ihren Sohn Aftab aufzuziehen, doch als Aftab das erste mal eine Hijra sieht, die über den Markt stolziert, ist dieses Vorhaben endgültig gescheitert. Sobald es geht verlässt Anjum ihre Familie um mit den Hijras zu leben und wird eine gefragte und oft interviewte Aktivistin für die Rechte inter- und transsexueller Menschen. Eines Tages hat sie aber auch von den Hijras genug, verlässt die Gemeinschaft und geht zurück zu ihrer Familie, die mittlerweile allerdings geschlossen auf dem Friedhof liegt. Und dort lebt nun auch Anjum. Man lässt sie gewähren, als sie sich einen kleinen Verschlag baut und lässt sie weiter gewähren, als dieser Verschlag wächst und wächst und schließlich zu einem „Gasthaus“ wird, das alle aufnimmt, die sonst gerade keinen Platz finden.

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Rachel Cusk: Outline

Die bis knapp vor Ende namenlose Protagonistin in diesem Roman ist Autorin und verbringt eine kurze Zeit im Sommer in Athen um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Sonst erfährt man beinahe nichts über sie, was stellenweise irritierend ist, denn der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Ihr Alter ist nur anhand der Eckdaten abschätzbar, sie lebt in London, hat Kinder und hat sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt. Finanziell sieht es nicht besonders gut aus für sie. Über ihre Interessen, ihr Aussehen, ihre Vergangenheit oder ihre Herkunft aber erfährt man darüber hinaus absolut nichts.  Nach der Trennung, die noch nicht sehr lange her sein kann, ist sie in der Schwebe, weiß nicht, wie es weitergeht, ob sie jemals wieder in einer Beziehung leben will. Charakterisiert wird sie, wo überhaupt, nur durch ihre Reaktion auf die Geschichten anderer Menschen.

„This anti-description, for want of a bett way of putting it, had made something clear to her by a reverse kind of exposition: while he talked she began to see herself as a shape, an outline, with all the detail filled in around it while the shape itself remained blank.“

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Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

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Christa Wolf: Kassandra

Kassandra, die schöne Frau, die alles vorhersah und auf die niemand hörte, deren Vorhersagen den Untergang Trojas hätten verhindern können, sitzt auf einem Schiff des Agamemnon und fährt ihrem Untergang entgegen. Auch das weiß sie, ihre eigene Zukunft sieht sie nicht rosiger als die ihres Volkes. Aufgewachsen als Tochter des trojanischen Königspaares lässt Kassandra sich zur Priesterin weihen, lebt ein privilegiertes Leben am Hof und in den Tempelanlagen und macht sich mit ihrer besonderen Gabe doch viele Feinde. In der griechischen Mythologie verlieh Apoll Kassandra zwar die Gabe der Seherin, legte dann aber den Fluch auf sie, dass niemand ihren Prophezeiungen glauben würde, als sie seine Liebe nicht erwiderte. Die daraus resultierenden „Kassandrarufe“ sind sprichwörtlich geblieben.

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“

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Essen aus Büchern: Taralli aus Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“

Neapel liegt direkt am Meer, doch für Lila und Elena, die beiden Protagonistinnen der „neapolitanischen Saga“ von Elena Ferrante, ist das bunte Strandleben unvorstellbar weit entfernt. Die beiden wachsen in ärmlichen Verhältnissen im Rione auf und kennen das Meer nur vom Hörensagen.

Für die reicheren, mächtigeren Familien im Viertel hingegen ist der Strand nur ein einfacher Tagesausflug, wie in dieser Episode aus Meine geniale Freundin:

„Einmal hatten Nino Sarratore und seine Schwester darüber gesprochen, in einem Tonfall von Leuten, die es normal finden, dass man dort manchmal hinging und Taralli knabberte oder Frutti di Mare aß.“

Taralli bezeichnen im allergrößten Teil Italiens ein Gebäck aus einem Brotteig, das zu Kränzen gelegt und, ähnlich wie Bagels, vor dem Backen in siedendes Wasser gegeben wird. Neapel allerdings dreht da sein eigenes Ding. Dort sind vor allem Taralli sugna e mandola verbreitet, Taralli mit Schweineschmalz und Mandel. Diese werden vor dem Backen nicht gekocht und enthalten eine recht hohe Menge Pfeffer, was sie deutlich würziger macht als die regulären Taralli. Auch die Form ist etwas anders, bei den neapolitanischen Taralli werden die Teigstränge nicht einzeln zu Kränzen gedreht sondern umeinander gedreht wie bei diesem Rezept hier.

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Für ca. 12-16 Taralli:

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Stefan Gärtner: Putins Weiber

Waldemar, genannt Putin, lebt mit seiner Lebensgefährtin Vera in Frankfurt. Als er sie nach einer Fortbildung vom Bahnhof abholt, beichtet sie, dass sie ihn betrogen hat. Statt aber gleich vom Beziehungsende zu sprechen, macht sie ihm einen Vorschlag: sie wollen eine Zeit getrennt leben und Putin hat nun auch eine Frau, einen Seitensprung frei. Erst ist ihm überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, ihm fällt auch keine ein, aber dann bringt sein Freund Georg ihn auf eine Idee: er soll all die Frauen aufsuchen, bei denen er sich vor Jahren nicht getraut hat. Und so beginnt Putins Reise durch Deutschland und seine Vergangenheit. Mareike, Manuela, Mona, Mimi, Marie heißen die Gesuchten oder auf dem Weg zufällig Getroffenen. Erfolg hat er natürlich bei den wenigsten.

„Betrogen, fürchte ich, habe ich jemand anderen, und zwar durch Unterlassen, und dann bin ich geflohen, weil da, wo mal zu Hause war, irgendein Sven ans Telefon ging.“

Schließlich, man weiß nicht genau wie viel Zeit vergangen ist, verschlägt es den Frankfurter Putin nach Bielefeld, wo er sich mit diversen skurrilen Gestalten ein trostloses Mietshaus teilt und seine Nachbarin begehrt, deren Namen nicht mit M beginnt, bei der er aber auch nicht mehr Erfolg hat. Auch Vera, erfährt man in einem kurzen Perspektivwechsel, scheint es nicht viel besser zu ergehen. Sie flüchtet sich nach Berlin (wohin auch sonst) wo sie zwar eine nette Mitbewohnerin aber sonst nur wenig Anschluss findet. Für Liebe scheint in ihrem Leben auf jeden Fall ebenfalls erstmal kein Platz mehr zu sein.

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