Flickenteppich einer Identität – „153 Formen des Nichtseins“ von Slata Roschal

Ksenia ist vieles: sie ist Deutsche und Russin, Jüdin und Zeugin Jehovas, Mutter und Schriftstellerin. Als Kind ist sie mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, weil ihr Großvater jüdische Wurzeln geltend machen konnte. Ob die wirklich so sind, wie von ihm behauptet, weiß Ksenia nicht. In ihrem Leben spielt es eine viel größere Rolle, dass ihre Eltern Zeugen Jehovas sind und ihre Tochter somit auch. Zweimal die Woche geht es in die Versammlung, am Wochenende in den Missionsdienst. Und da stehen Ksenia und ihre Eltern nicht einfach irgendwo lächelnd mit dem Wachtturm in der Hand rum, sondern machen es richtig, gehen von Tür zu Tür. Die Röcke sind lang, die Regeln sind klar, alles Interesse an Weltlichem verpönt, Geburtstagsfeiern gibt es ebenso wenig wie ein Weihnachtsfest. Früh beginnt in ihr ein Emanzipationswunsch zu reifen. Die Versammlung nervt, die hässlichen Röcke sind ihr peinlich, aber noch größer ist die Angst vor der Behandlung als Abtrünnige, als Aussteigerin aus der Gemeinde. Einer ihrer Onkel hat es gewagt, über ihn spricht man aber nicht mehr und mit ihm erst Recht nicht mehr.

„Kinder, die sich entschieden, die Organisation zu verlassen, meist zur Volljährigkeit, bereiteten ihren Eltern nicht nur peinliche Momente, stellten sie nicht nur als versagende Erzieher bloß, diese Kinder entschieden sich für eine Welt, die von Satan regiert wurde, sie verzichteten auf das ewige Leben.“

Als Erwachsene hat sie es schließlich geschafft, aber die Selbstzweifel werden nicht weniger. In ihrer Beziehung ist sie nicht so richtig glücklich, aber auch bei weitem nicht unglücklich genug, um sie zu beenden. Sie leidet unter dem trotzigen Verhalten ihres Sohnes und fragt sich ständig, ob sie eine bessere Mutter sein könnte. Phasenweise hat sie Energie für gar nichts. Bringt den Sohn in den Kindergarten, sitzt dann stundenlang nur da und starrt an die Wand, bis sie ihn wieder abholen muss. Manchmal aber ist sie produktiv in ihrer Arbeit als Schriftstellerin oder Dolmetscherin, gewinnt sogar einen Preis in ihrer kleinen Heimatstadt.

153 Formen des Nichtseins ist ein nicht immer leicht zu greifender Text, zusammengesetzt aus kurzen Episoden und ganz verschiedenen Textstücken. Das Buch besteht sowohl aus Passagen, die von der Protagonistin erzählt werden, als auch aus Texten aus Kleinanzeigen, Foren und Publikationen der Zeugen Jehovas. Eine chronologische Anordnung gibt es nicht, eher eine assoziative. 153 dieser Texte setzt Roschal zusammen zu einer Collage, die in etwa abbildet, woraus Ksenia besteht, was sie sein könnte. Oder eben nicht sein könnte. Es ist ein komplexes Unterfangen, das ohne abschließende Antwort bleiben muss. Die Frage, woher sie kommt, bringt Ksenia auch als Erwachsene immer noch zum Stottern. Manchmal sagt sie dann, sie sei Jüdin, das ist eindeutig und exotisch. Aber egal, wie verzweifelt die Protagonistin mitunter auch ist, wird der Text nie schwermütig. Ksenia betrachtet sich und ihr Leben fast durchgehend mit einem ironischen Blick und bissigem Humor.

Roschals Debüt ist eigenartig im besten Sinne des Wortes und ein kraftvoller Text, der sich nicht auf traditionelle Erzählformen verlässt. Das muss er auch gar nicht. Die Erzählstimme ist eine sehr eigene und stimmige, die problemlos durch den Text trägt. Obwohl dieser aus lauter Versatzstücken besteht, ergibt sich am Ende ein sehr stimmiges und starkes Bild. Eine Bereicherung für die Literatur und hoffentlich nicht das letzte mal, dass wir von ihr lesen dürfen!


Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins. Homunculus 2022, 171 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 51.

Welt im Wandel – „Mahtab“ von Nassir Djafari

Die Zukunft seiner Familie kann nur in Europa liegen, davon ist Amin überzeugt. Zusammen mit seiner Frau Mahtab verlässt er deshalb Iran, um im ordentlichsten aller Länder zu leben: Deutschland. Dort sind die Behörden hilfsbereit und die Straßen sauber, dort lebt der Fortschritt. Und dort leben, Ende der 60er Jahre, auch Amin und Mahtab, mittlerweile Eltern von drei Kindern. Mahtab arbeitet als Krankenschwester und daran, die moderne Frau zu werden, die ihr Mann gerne in ihr sieht. Sie will Autofahren lernen und sich moderner kleiden, doch als ihre Tochter Azadeh plötzlich im Minirock herumläuft und Studentenproteste besucht, wird ihr das alles doch zu viel mit der Modernität.

„Sie wachsen in einem Land auf, in dem Recht und Gesetz gelten, wo die Behörden den Menschen helfen und sich ihnen nicht in den Weg stellen, wo nach einem Autounfall innerhalb von Minuten Polizei und Rettungswagen da sind, wo jede noch so winzige Baustelle mit rotem Band gesichert ist, damit sich niemand den Knöchel bricht. Wäre das nicht wunderbar?“

Von ihrer traditionsbewussten Mutter hat Mahtab gelernt, dass Frauen hilflose Opfer sind, die vor der Welt und dem Sittenverfall geschützt werden müssen. Und der schreitet rapide voran, gerade in Frankfurt. Als sich dann auch noch die blonde Buchhalterin Ursula zwischen sich und ihren Mann zu stellen droht, bröckelt Mahtabs Welt gewaltig. Nachdem sie schon überlegt hat, in den Iran zurückzukehren, entscheidet sie sich dann doch das erste mal in ihrem Leben für die Flucht nach vorne.

Djafari erzählt eine Exilgeschichte vor allem in der Biographie von drei Frauen: Mahtab, ihrer Mutter und ihrer Tochter Azadeh. Die Geschichte dieser drei Generationen ist zugleich eine Emanzipationsgeschichte. Ein Leben, wie Mahtab es führt, war für ihre traditionsbewusste Mutter undenkbar. Ebenso ist Mahtab überfordert mit den Lebensvorstellungen ihrer Tochter. Dass sie eine Beziehung mit einem Deutschen hat, schlimm genug. Dass der aber auch noch lange Haare trägt, ein Gammler ist – eine Schande. Und dass sie ihn nicht sofort heiraten will, sich nicht einmal verloben will, das ergibt in Mahtabs Werteraster überhaupt keinen Sinn.

Den rapiden Wertewechsel erlebt man aus der Sicht von Mahtab. Djafari schreibt ganz schnörkellos, in einer knappen und direkten Sprache, von Mahtabs freiem Fall, ihrer Verzweiflung und Verlorenheit. Die Welt, in der sie aufgewachsen ist, kann ihr in Frankfurt kein Halt mehr sein. Wie man ein neues Leben beginnt, lernt sie von einer, die es wissen muss, von ihrer ehemaligen Patientin Frau Rose, die als Jüdin aus Deutschland fliehen musste und erst im hohen Alter wieder zurückgekehrt ist. Sie hilft ihr bei der eigentlich ganz undenkbaren Handlung, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen, auf das in Zukunft ihr Gehalt gezahlt werden soll. Und sie gewährt ihr und ihren Söhnen Unterschlupf, als sie es bei Amin einfach nicht mehr aushält.

Mahtab erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch eine politische. Die politischen und kulturellen Umstände, seien es der Schah, der Vietnamkrieg oder die Erfindung der Antibabypille, brechen immer wieder in das Familienleben ein, nehmen die Mitglieder für sich ein und sorgen für Turbulenzen, wo Mahtab gerne nur Ordnung und Gewissheit hätte. Manchmal wirkt das Hin und Her der Figuren etwas aufreibend und ziellos, dennoch gelingt Djafari eine sympathische Exilgeschichte, die ihrer Hauptfigur nahe und wohlgesonnen ist, ohne den kritischen Blick zu verlieren.


Nassir Djafari: Mahtab. Sujet 2022, 338 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 141.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Sog der Elbe – „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff.

„Ihr lebt hier im Paradies!“ Diesen Satz haben Sophie und Thies schon oft gehört, seit sie die besetzten Häuser ihrer Studienzeit hinter sich gelassen haben und einen Resthof nahe Lüneburg gekauft haben. Dort leben sie nun mit Bodo und Inga, ihren besten Freunden, die sich auf dem Grundstück ebenfalls ein Haus gebaut haben. Ganz nah an der Elbe, mit Scheune, großem Garten und Tischtennisplatte. Fehlen nur noch die spielenden Kinder auf der Wiese. Und genau da beginnt das Martyrium von Thies und Sophie. Während Bodo und Inga zwei strahlende, fröhliche, begabte Kinder großziehen, klappt es bei ihnen zunächst gar nicht mit der Schwangerschaft. Und dann kommt Aaron. Aaron wird kein begabter Sänger, kein begnadeter Fußballspieler und auch nicht das beliebteste Kind in der Klasse.

Aaron ist von Anfang an „schwierig“ lässt seine Eltern und auch sonst niemanden an sich heran, wird gewalttätig. Thies, selbst Lehrer, und Sophie sind überfordert und zermürbt von der ständigen Anspannung, von den ewigen Gesprächen mit der Schulleitung. Ihre Beziehung leidet ebenso wie die Freundschaft zu Bodo und Inga, deren Glück die beiden ständig vor der Nase haben. Sie neiden ihnen das Familienglück, auch wenn sie das niemals zugeben würden. Als gerade mal wieder ein Schulverweis droht und Aarons Eltern endgültig mit ihrem Latein am Ende sind, als sie sich eingestehen müssen, dass sie wirklich und gar nicht mehr weiterwissen, kommt Aaron eines Abends nicht nach Hause. Zwei Tage später gibt die Elbe seinen leblosen Körper wieder frei.

„Sie schonten sich gegenseitig. Flüchteten in ihre eigenen Welten.“

Die Handlung des Romans setzt etwas mehr als ein Jahr nach diesem Unglück ein. Abwechselnd erzählt aus den Perspektiven von Sophie, Inga und Thies entwickelt sich das Bild von einer Familie in Schockstarre, von Menschen, die mit ihrem Leid und ihrer Trauer ganz unterschiedlich umgehen. Auch ein Jahr nach Aarons Tod ist völlig unklar, was in seinen letzten Stunden passiert ist. An einen Unfall wollen nicht alle glauben, aber es gibt keinerlei Zeugen, die etwas anderes gesehen hätten. Mitten in diese angespannte Situation herein platzt Mara, eine lebensfrohe Frau aus Kopenhagen. Sie behauptet, in der Gegend nach einem alten Freund ihrer Mutter zu suchen und wickelt auf dem alten Hof alle sofort um den Finger. Bald aber verstrickt sie sich in Widersprüche. Hat ihr Besuch am Ende ganz andere Gründe?

Unter ihrem echten Namen Susanne Kliem ist die Autorin seit Jahren mit Krimis erfolgreich. Mit Unter Wasser Nacht und unter Pseudonym wagt sie sich nun erstmal in andere Gefilde vor. Die Erfahrung im kriminalistischen Bereich aber merkt man auch diesem Roman deutlich an. Und das nicht nur, weil eine der Figuren Polizist ist. Zwar nehmen das Zwischenmenschliche und die versuchte Trauerbewältigung viel Raum ein, vom Geheimnisvollen aber hat die Autorin sich nicht ganz lösen können und das keinesfalls zum Nachteil des Romans. Die verschiedenen Perspektiven bringen Dynamik in den Roman, insbesondere da die Charaktere in dieser Phase ihres Lebens wenig miteinander teilen und so zum Teil nicht nur ganz unterschiedliche Sichtweisen, sondern auch ganz unterschiedliches Wissen zu Aarons Tod haben. Als Leserin kennt man sie zum Glück alle und ist somit immer einen Schritt voraus. Hauff erzählt den Roman in einem knappen, zackigen Ton, der wenig Raum für Abschweifungen gibt und einen nah bei der Handlung hält. Unter Wasser Nacht erzählt nicht nur eindrücklich von einem Ehepaar in einer enormen Krise, sondern hat auch merkliche Krimi-Anteile, die den Roman spannender werden lassen, als das Thema, das eher zur Reflektion einladen würde, es zunächst vermuten lässt.


Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht. Hanser 2022, 288 Seiten. Erstausgabe Hanser 2021.

Das Zitat stammt von S. 28.

Die Verlorene – „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas

Im März 1847 werden in der Pariser Rue d’Antin die Habseligkeiten einer schwer verschuldeten Dame versteigert. Die ehemalige Besitzerin war keine Unbekannte in der Stadt. Marguerite Gautier war eine glamouröse Gestalt, die gefragteste und schönste Kurtisane von ganz Paris, Dauergast in den Theatern der Stadt, Zierde jeder Runde. Gestorben aber ist sie ganz allein und mit gerade Mitte Zwanzig an einem Lungenleiden. Auch nach ihrem Tod verliert ihr Dasein nichts von seinem vermeintlichen Glamour und die Versteigerung zieht zahlreiche Schaulustige an, darunter auch den Erzähler von Die Kameliendame, der aus einer Laune heraus für einen enormen Preis eine Ausgabe von Manon Lescaut ersteht. Dieser Kauf bringt ihm kurze Zeit später die Bekanntschaft von Armand Duval ein, dem einzigen Mann, der Marguerite nicht nur begehrt und bewundert hat, sondern aufrichtig geliebt.

Armand Duval erzählt ihm die tragische Geschichte einer Liebe, die nicht sein konnte, von zwei Welten, die zu verschieden waren, um zu einer zu werden. Als Armand Marguerite kennenlernt, ist sie schon eine bekannte und etablierte Kurtisane. Wie jeder Mann verliebt er sich Hals über Kopf in sie. Aber als einziger Mann nimmt er Anteil an Marguerite selbst und an ihrer Krankheit. Das überzeugt selbst die kapriziöse Marguerite und sie ist bereit, ihm zuliebe ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Sie weiß genau, dass er ihr einen Lebenswandel, wie sie ihn jetzt führt, nicht finanzieren kann. Das kann kein Mann alleine. Das muss bisher aber auch kein Mann alleine. Ohne ein halbes Dutzend Liebhaber, die ihr hoffnungslos verfallen sind, kann Marguerite nicht mehr leben, wie bisher. Allein ihre Miete übersteigt Armands bei weitem nicht bescheidene Möglichkeiten. Und dennoch willigt sie ein, will mit ihrer Vergangenheit abschließen und ein ganz anderes Leben an Armands Seite führen. Schluss mit dem wilden Nachtleben, den Abenden im Theater, den Gesellschaften mitten in der Nacht. Doch Armands etablierte bürgerliche Familie kann eine Prostituierte in der Familie natürlich nicht dulden.

Die Kameliendame erzählt eine Geschichte, wie sie trauriger kaum sein könnte. Und doch haftet ihr ein Glamour an, der noch immer fasziniert und inspiriert. Dabei ist die Glitterschicht nur hauchdünn. Marguerite hat fast nichts außer ihrer Schönheit und die setzt sie skrupellos ein. Schön sein, begehrenswert sein ist ihr Lebensinhalt und ihr Beruf. Es ermöglicht ihr einen extraordinären Lebenswandel, es finanziert ihr ihn aber nicht. Marguerite lebt ständig auf Pump und ist vollkommen abhängig von dem Wohlwollen ihrer Gönner. Das zwingt sie regelmäßig dazu, ihre Zeit mit Männern zu verbringen, die sie ganz schrecklich findet, die aber ihre Miete zahlen. Marguerite aber ist das bald egal. Sie ist sich sicher, dass sie jung sterben wird, dass sie gar nicht alt genug werden wird, um zu bereuen und ist fest entschlossen, die Zeit, die ihr bis dahin bleibt, ausschließlich mit Amüsantem, mit Bonbons, Kaschmirschals und Theaterbesuchen zu füllen. Erst die Liebe zu Armand weckt in ihr die Idee, dass das vielleicht doch nicht ihre Erfüllung ist, dass es vielleicht einen anderen Weg gibt. Aber es ist zu spät.

„Schonung mag gut für die vornehmen Damen sein, die eine Familie und Freunde haben; wir dagegen sind verlassen, sobald wir der Eitelkeit oder der Begierde unserer Liebhaber nicht mehr genügen, und lange Abende stellen sich ein nach langen Tagen.“

Liebe ist in diesem Roman der einzige Weg aus dem Elend, der Weg zu Läuterung und Tugendhaftigkeit. Sie ist aber nicht stark genug, um den gesellschaftlichen Graben zu überwinden, der Marguerite vom Leben der Anständigen trennt. Vom Leben der Anständigen wohlgemerkt, die keinesfalls Gefahr laufen, ihr Ansehen zu verlieren, wenn sie sich die sexuellen Dienste einer Frau kaufen. Das ist okay und das macht ja auch irgendwie jeder. Nur verlieben darf man sich natürlich nicht. Aber wer würde denn auch.

Dumas begegnet diesen Umständen durchaus kritisch. Den jungen Frauen selbst aber begegnet der Erzähler, bei allem Wohlwollen, mit einer gewissen Überheblichkeit. Er findet sie vor allem entzückend in ihrer Naivität, mit ihrer Gier nach Schmuck und Diamanten, mit ihrer ständigen Jagd nach Amüsement. Er findet die ganzen Verhältnisse zwar etwas schwierig, das hält ihn aber nicht davon ab, sich an der Schönheit und Verruchtheit der Frauen zu ergötzen. Es ist mehr Mitleid als Verständnis, das er für sie empfindet. Mag sein, dass das Dumas eigenem Erleben geschuldet ist – er war einer der Männer, die ihr Herz und nicht wenig Geld an Marie Duplessis verloren, einer bekannten Kurtisane, die sehr jung an Tuberkulose starb. Es ist wohl müßig, sich zu fragen, wieviel Erinnerung an Duplessis noch in den manchmal fast schwülstigen Liebesschwüren steckt, von denen der Roman nur so wimmelt. Die Kameliendame hat ihren Status als Klassiker dennoch verdient, als ein berührender Roman mit einer Protagonistin, die ein zu frühes Ende findet, vorher aber noch aller Welt zeigen kann, was für ein großes Herz hinter der harten Glitzerfassade steckt.


Alexandre Dumas: Die Kameliendame. Aufbau Taschenbuch 2010. Aus dem Französischen übersetzt von Walter Hoyer. Titel der Originalausgabe: La Dame aux camélias.

Das Zitat stammt von S. 77.

Leben in sechs Welten – „Nachtbeeren“ von Elina Penner

Nelli Neufeld lebt unsichtbar. Sie ist fromme Mennonitin, Ausgewanderte, Eingewanderte, Plautdietsch-Sprecherin, Nesthäkchen, Oma-Kind, Mutter und Ehefrau, unterwegs in sechs Welten, die kaum Berührungspunkte haben. Ihre Lebensrealität nimmt kaum jemand wahr, sie fällt durch alle Raster, ist nicht deutsch und nicht russisch und auch nicht so richtig deutsch-russisch. An ihre ersten Jahre in der UdSSR hat sie kaum eine Erinnerung, erst die Reise nach Deutschland, die Enge in der Notunterkunft und die Schulzeit als Ausländerkind erinnert sie gut. Sie ist aufgewachsen in einer mennonitischen Familie, die unter sich plautdietsch spricht, eine niederdeutsche Sprache, die fast ausschließlich unter Russlandmennoniten gesprochen wird. Ihre Oma heißt Öma, die Urgroßmutter Öle Öma und das Brot, das es zu allen Anlässen gibt, Tweeback. Russisch und Deutsch kann sie – natürlich – auch.

„Ich war nicht deutsch, nicht russisch, also wurde ich religiös. Da wusste ich, woran ich war.“

Die Taufe in der Glaubensgemeinschaft erfolgt nicht gleich nach der Geburt, sondern erst, wenn ein Mensch selber entscheiden will und kann, im Glauben zu leben. Nelli bekennt sie sich erst nach dem Tod der Öma, bei der emotionalen Beerdigung und in der Hoffnung, dass es für Fromme ein Wiedersehen nach dem Tod gibt. Von da an lässt sie sich die Haare lang wachsen, trägt keine Hosen mehr und nur noch Röcke, die auch im Sitzen die Knie bedecken, entsagt dem Alkohol und verbannt den Fernseher. Die Aufgaben in ihrer Ehe mit Kornelius sind klar verteilt: Er arbeitet, sie bleibt zu Hause, ordnet sich unter, kocht und sorgt für makellose Sauberkeit in dem Haus das so groß sein muss, dass es die Entbehrungen der Notunterkunft vergessen lässt. Sohn Jakob lernt in der Jungschar und auf der christlichen Privatschule, dass er die Eltern ehren muss.

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Zerfallende Erinnerung – „The Wilderness“ von Samantha Harvey

In seiner Blütezeit war Jake ein erfolgreicher Architekt. Er war besessen von der Idee, in seiner alten Heimat Lincolnshire das lichtdurchflutete Haus seiner Träume ins dunkle Moor zu stellen. Inspiriert von einer Voliere im Londoner Zoo sollte es ganz aus Glas sein und aussehen, als käme es mitten aus dem Moor. Mit dem Versprechen eines Kirschbaum-Idylls hinter dem Haus gelingt es ihm, seine Frau Helen auch von der Genialität seines Plans zu überzeugen. Sie verlassen London und ziehen nach Lincolnshire, wo sie zwei Kinder bekommen und ihre Ehe ruinieren.

Viele Jahre später lebt Jake als Witwer, sein Sohn ist im Gefängnis – immerhin einem, das Jake entworfen hat – und einem Gedächtnis, das ihn immer mehr im Stich lässt. Alzheimer, sagt die Frau mit den roten Haaren, die er regelmäßig trifft und deren Namen er sich nicht merken kann. Sie verlangt von ihm, dass er Wortreihen lernt und behält, Uhren malt und Zeitstränge. Seine Misserfolge frustrieren Jake. Dagegen hilft, wie schon seit Jahren, mindestens ein Mint Julep am Tag, die er in Rekordzeit runterstürzen kann. An seiner Seite ist Eleanor, eine Jugendfreundin, die seit Ewigkeiten in ihn verliebt ist und die jetzt endlich mit ihm leben kann, ihn umsorgen und ihm helfen kann. Jetzt, da er jeden Tag ein bisschen mehr verschwindet. Jetzt, da er sich fast jeden Tag wundert, wer die nette Frau ist, die sein Essen kocht, seine Wäsche sortiert und ihn zu der anderen Frau mit den roten Haaren begleitet.

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Das Tagebuch einer Dienstmagd – „The Observations“ von Jane Harris

Bessy ist auf dem Weg von Glasgow nach Edinburgh, als es sie zufällig nach Castle Haivers verschlägt. Zwar gibt es dort nur einen abgelegenen Hof und nicht das erhoffte Schloss zu besichtigen, dennoch ist der Abstecher ein Glücksfall für Bessy. Mit dem Tod ihres Dienstherren Mr. Levy hat sie ihre Anstellung als Hausmädchen in Glasgow verloren und sucht nun verzweifelt eine neue. Das zumindest erzählt sie Hausherrin Arabella Reid. Die merkt zwar recht schnell, dass Bessy nur einen Bruchteil der behaupteten Fähigkeiten tatsächlich beherrscht, dennoch stellt sie das Mädchen ein. Denn Bessy hat in ihrer vorherigen Anstellung Lesen und Schreiben gelernt, eine seltene Fähigkeit für Dienstmädchen und für Arabella Reid eine essentielle. Denn wichtiger als saubere Böden ist ihr, dass ihre Mädchen jeden Abend ein detailliertes Journal über das schreiben, was sie am Tag getan und erlebt haben.

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Grantiges Genie – „Ein Mann der Kunst“ von Kristof Magnusson

Mit politischer Kunst ist KD Pratz in den 1980ern groß, reich und berühmt geworden. So berühmt, dass er es sich jetzt erlauben kann, hinter den dicken Mauern einer alten Burganalage zu leben und mit niemandem mehr zu sprechen. Sein künstlerisches Schaffen in den letzten Jahren ist reine Legende, gesehen hat davon bisher niemand etwas. Das aber schreckt den Förderverein des Frankfurter Wendhals Museums nicht ab. Die Kunstbegeisterten planen einen Neubau, der nur den Werken des großen Künstlers KD Pratz gewidmet sein soll. Pratz soll für Frankfurt das werden, was Beuys für Kassel ist.

Dafür aber muss man Pratz erstmal gewinnen. Zum Erstaunen aller scheint sogar zu gelingen – beim eigenen Neubau werden wohl selbst die größten Einsiedler schwach – und KD Pratz lädt den Förderverein auf seine Burg ein. Sogar sein Atelier will er zeigen, stellt Museumsdirektor Neuhuber in Aussicht. Also geht die Jahresreise des Fördervereines ausnahmsweise mal nicht in eine der internationalen Kunstmetropolen, sondern in einen etwas trostlosen Landgasthof in der Nähe von Rüdesheim. Von dort aus soll ein wenig Altarkunst und moderne Architektur besichtigt werden, vor allem aber die neuen Werke, die bald schon im Wendhals Museum hängen könnten. Besonders Ingeborg ist begeistert von der Aussicht. Seit Jahrzehnten schon ist sie eine glühende Verehrerin von KD Pratz und reist zu jeder Ausstellung, die auch nur einen Schnipsel seines Werks zeigt. Begleitet wird sie bei der Reise von Sohn Constantin, der auch der Ich-Erzähler des Romans ist. Allein aufgrund seines Alters sticht er aus der Gruppe heraus und kommentiert das weitere Geschehen aus einer etwas abseitigen Position. Er schätzt das Engagement des Fördervereins, daran lässt er keinen Zweifel, er sieht aber auch, dass der ganze Haufen doch etwas schrullig ist.

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Gezeichnete Erinnerung – „Painter of Silence“ von Georgina Harding

In der rumänischen Stadt Iași, die in den 1950ern ein ausgesprochen tristes Bild abgibt, kommt eines Tages ein Mann an, dem man ansieht, dass die letzten Jahre hart für ihn waren. Er schleppt sich bis vor die Tür des Krankenhauses und bricht dort zusammen. Papiere hat er nicht dabei, er weigert sich, zu sprechen und augenscheinlich kann er weder lesen noch schreiben. Eine Krankenschwester beschließt, ihn Ioan zu nennen, nach ihrem Sohn, der nie aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Als ihre Kollegin Safta von dem geheimnisvollen Patienten hört, ahnt sie gleich, dass es Augustin ist und dass er hier ist, weil er nach ihr gesucht hat.

Ihr Verdacht bestätigt sich. Als Kinder haben Safta und Augustin viel Zeit miteinander verbracht. Augustins Mutter war die Köchin von Saftas Familie und als Kinder haben die Gleichaltrigen oft miteinander gespielt und wurden eine Zeit auch gemeinsam unterrichtet, bis man beschloss, dass es sinnlos ist, Augustin etwas beibringen zu wollen. Er ist seit seiner Geburt gehörlos und die Lehrkräfte finden keinen Weg, mit ihm zu kommunizieren. Die unbeholfenen Versuche, ihm dooch noch das Sprechen beizubringen, scheitern allesamt. Schließlich findet er selbst einen Weg, sich der Welt mitzuteilen, indem er zeichnet. Mit einfachsten Mitteln und selbstgemischten Farben zeichnet er seine Umwelt und erzählt über seine Bilder das, was er in Worten nicht äußern kann. Safta hofft, dass sie ihn auch jetzt wieder über diesen Weg erreichen kann. Sie bringt ihm Papier und Stifte, doch zunächst rührt Augustin nichts davon an. Sie versucht, Augustins Mutter oder überhaupt jemanden in der alten Heimat Poiana zu erreichen, aber keiner ihrer Briefe wird beantwortet.

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In Harmonie mit allen – „Connect“ von Thea Mengeler

Auf den ersten Blick läuft Avas Leben richtig gut. Als Designerin in einer erfolgreichen Agentur ist sie kurz davor, richtig Karriere zu machen, am Wochenende ist sie zu hippen Partys eingeladen und besucht Vernissagen mit ihren ebenfalls hippen Freundinnen. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass sie das alles gar nicht mehr kann und am Wochenende kaum die Energie aufbringt, ihr Sofa zu verlassen. Das ändert sich, als sie bei einer Ausstellung zufällig ihre alte Bekannte Lina trifft. Lina ist viel gelassener als die Freundinnen aus der Agentur und nimmt sie mit zu einem Treffen von connect, einer Gruppe, in der die Barrieren zwischen den Menschen abgebaut werden sollen und die Menschen befähigen will, so zu leben, wie sie es wirklich wollen. Ava ist zunächst skeptisch. Bei den „Körperübungen“ fühlt sie sich befangen und die totale Offenheit zwischen den Mitgliedern ist ihr fremd. Doch um Zeit mit Lina zu verbringen, geht sie jede Woche mit zu den Treffen in einer ehemaligen Turnhalle und hört immer mehr Erfolgsgeschichten von Menschen, die es schaffen, mit Hilfe von connect endlich ein freies, zufriedenes Leben zu führen, losgelöst von den einengenden Konventionen der Gesellschaft und dem ständigen Erfolgsdruck. Schließlich nimmt sie sogar teil an einem Wochenendseminar auf dem „Airfield“, einem ehemaligen Flughafengelände, das die Gruppe als Zentrale nutzt. Dort trifft sie auch das erste mal auf Gründer und Guru Dev. Dev will natürlich nicht Guru genannt werden, denn bei connect sind alle gleich.

Auch ohne Schutzumschlag noch schön. An der Buchgestaltung hat die Autorin mitgewirkt.
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