Madeline Miller: The Song of Achilles

Griechische Mythologie hat mich noch nie gekriegt, das muss ich zugeben. Früher hatte ich mal ein Buch mit griechischen Sagen, von dem ich noch weiß, dass irgendjemand mit einem glühenden Pflock einer Kreaturen die Augen ausgebrannt hat – ich glaube, es war Odysseus und das Opfer ein Zyklop, womit er nur ein Auge hätte ausbrennen müssen, aber auch das war schockierend genug, so dass ich danach lieber wieder die Pferde-Internat-Sammelbände aus dem Club Bertelsmann gelesen habe. Ungefähr auf dem Level bin ich geblieben, außerdem kann ich mir die ganzen Namen immer nicht merken und gerate durcheinander und, ich glaube das habe ich schon mal gesagt, ich bin schlecht mit Schlachten. Das ist nun wirklich eine denkbar schlechte Voraussetzung für griechische Heldensagen.

Miller_SongOfAchilles

Nun, dank Women’s Prize for Fiction-Sieg landete nun The Song of Achilles auf meiner Leseliste. Ich hatte noch die Hoffnung, das hätte irgendeine metaphorische Bedeutung, aber nein. Es geht wirklich um Troja, um Achilles und um seinen Gefährten Patroclus. Die Beziehung der beiden ist je nach Quelle unterschiedlicher Natur – in einigen Versionen (Homer) verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, in anderen eine Liebesbeziehung (Aischylos). Miller hat sich in ihrer Variante für letzteres entschieden. Also auf geht’s – verwirrende Namen und Speerwerferei.

Achilles wächst als Prinz auf, er ist der Sohn des Königs Peleus und der Meernymphe Thetis, und der beste aller Griechen. Schon von Kindheit an hat er unglaubliche Fähigkeiten in ungefähr allem, was er anfasst. Vor allem ist er ein herausragender Kämpfer. Zeitgleich mit ihm wächst in einem anderen Königreich Patroclus auf, der seinen Vater in allem enttäuscht und schließlich versehentlich einen anderen Jungen umbringt. Die Strafe lautet Exil und so landet er als Zögling ebenfalls am Hof des Peleus, wo er zur Verwunderung aller der Favorit und engster Gefährte von Achilles wird. Von da an verbindet die beiden eine tiefe Liebe. Vor allem für Patroclus, der die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, ist ein Leben ohne Achilles bald undenkbar. Wenn die Prophezeiung sich erfüllt und Achilles in der Schlacht stirbt, wird auch Patroclus nicht mehr weiterleben können.

„The sorrow was so large it threatened to tear through my skin. When he died, all things swift and beautiful and bright would be buried with him.“

Miller bleibt in ihrer Erzählung der Geschichte eng an der klassischen Vorlage,  deswegen gibt es für die Plotline keine Punkte. Sie konzentriert sich in ihrer Version aber sehr auf die Beziehung der beiden Männer, die beide nicht besonders aufregend charakterisiert werden. Während Achilles der unangefochtene und strahlende Held ist, bleibt Patroclus seltsam farblos und ist mir in seiner unbedingten Anhänglichkeit manchmal schon auf die Nerven gegangen. Er tut sich vor allem dadurch hervor, dass er in jeder Disziplin der gemeinsamen Ausbildung (Kämpfen, Reiten, Lyra spielen) signifikant schlechter ist als Achilles. Einzig die Heilkunde liegt ihm. Als die beiden schließlich doch in die Schlacht um Troja ziehen, bleibt Patroclus meistens im Lager, kruscht im Zelt herum und kommt um vor Sorge, bis Achilles endlich wieder da ist. Über lange Strecken ist er ein nervöser Hausmann, der ohne Achilles nicht weiß, was werden soll. Es ist mir das ganze Buch über sehr schwergefallen zu sehen, was Achilles an Patroclus so anziehend fand und offenbar auch über lange Zeit anziehend findet. Es ist ja nicht, als hätte der größte aller Griechen keine anderen Angebote. Vor allem seine Mutter Thetis ist ständig bemüht, den in ihren Augen unwürdigen Exilanten durch was besseres zu ersetzen. Aber von außen sind Beziehungen ja oft nur schwer zu beurteilen.

Mein Eindruck des Romans war sehr durchwachsen. Einige Episoden habe ich gerne gelesen, andere fand ich wirklich schleppend. Manchmal ist es fast rührend, wie Patroclus glaubt, nicht mehr ohne Achilles leben zu können, an anderen Stellen ist es nur ermüdend, wie er die Schönheit seines Gefährten ein weiteres Mal bewundert und den goldenen Glanz seiner Haare lobt. Es ist eben nicht das ideale Buch, wenn man weder auf griechische Mythologie noch Liebesgeschichten steht, das muss ich auch zugeben. Wenn man das aber tut, ist man hier ganz gut bedient, denn zumindest stilistisch ist The Song of Achilles solide gemacht und gut lesbar. Und bei den Schlachten kann man auch mal quer lesen, man weiß ja, wie es mit Troja endet.


Madeline Miller: The Song of Achilles. Bloomsbury 2012. 352 Seiten. Originalausgabe beim gleichen Verlag 2011. Der Roman wurde durch Michael Windgassen übersetzt und ist unter dem Titel Das Lied des Achill beim Berlin Verlag lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 158.

2012 wurde dieser Roman mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

An einem Abend im Frühling treffen sich die beiden Schriftsteller Berlioz und Besdomny an den Moskauer Patriarchenteichen, wo sie ein wenig spazieren gehen und sich über Literatur unterhalten. Dort treffen sie auf den Ausländer Voland, der sich sehr merkwürdig benimmt, nur kryptisch auf Fragen zu seiner Person antwortet und Berlioz einen frühen Tod voraussagt, verursacht durch das Abtrennen seines Kopfes. Nur Minuten später kommt es tatsächlich zu einer unschönen Begegnung des Autors mit einer Straßenbahn. Und das ist erst der Beginn einer Reihe höchst seltsamer Vorkommnisse in der Stadt.

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Gemeinsam mit seinen Begleitern, unter anderem einem riesigen Kater namens Behemoth, bezieht der mysteriöse Ausländer Quartier in der Sadowaja 302b, Wohnung 50. Von dort aus verdingt er sich als Künstler vor ausverkauftem Haus, stiftet allerhand Verwirrung und sorgt dafür, dass die Nervenheilanstalt der Stadt einige Patienten mehr bekommt. Dass der geheimnisvolle Fremde nichts Gutes im Schilde führt, ist schnell klar. Dass er der Teufel höchstselbst ist, will aber niemand wahrhaben, obwohl viele, die ihm begegnet sind, genau das beschwören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht man, die Geschehnisse um den dunklen Magier mit Massenhypnose zu erklären. Volands Methoden sind hinterhältig und grausam, scheinen aber so treffsicher immer die Richtigen zu erwischen, dass man kaum an seinen Taten zweifeln kann.

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Austen im Funkloch – Val McDermids „Northanger Abbey“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Austen-Zitate sich größter Beliebtheit erfreuen, gerne auch als ganzer Roman. Pride and Prejudice and Zombies habe ich vor einiger Zeit mit großer Freude gelesen und mich nun auch an einen Teil des Austen-Projekts gewagt. Im Rahmen dieses Projekts wurden Austens Romane neu erzählt und dabei auch in die moderne Zeit verlegt. Ich habe bisher keines der Bücher gelesen, weil ich sehr skeptisch war – wenn man aus Austen die Empire-Kleider, die komplexen gesellschaftlichen Regeln und jedes „most ardently“, „ever so slightly“ und „oh but you must forgive me“ streicht, was bleibt denn dann? Im besten Fall „Clueless“, im schlimmsten Fall eine ziemlich dünne Story.

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Nun gab es aber beim von mir abonnierten Streaming-Dienst die Hörbuch-Version von Val McDermids Nacherzählung von Northanger Abbey. Vor mir lag eine lange und langweilige Zugfahrt und da erschien mir diese Geschichte, die ich als ganz witzig und spannend in Erinnerung hatte, als gute Option. Und die Krimiautorin Val McDermid konnte ich mir auch als gute Neuerzählerin vorstellen.

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Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

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Sarah Waters: The Night Watch

London, 1947. Der Zweite Weltkrieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern auch viele der BewohnerInnen rat- und hilflos zurückgelassen. Fünf von ihnen stehen im Mittelpunkt dieses Romans von Sarah Waters. Viv, die seit Jahren eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat und ihr Bruder Duncan, der den gesamten Krieg im Gefängnis verbracht hat. Das Liebespaar Julia und Helen, oft an ihre Grenzen getrieben von Helens Eifersucht, und Kay, die alleine lebt und noch nicht verwunden hat, was sie im Krieg als Sanitäterin gesehen hat.

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Zadie Smith: The Autograph Man

Alex-Li Tandem, halb chinesischer, halb jüdischer Herkunft, wächst in einem Vorort in der Einflugschneise von Heathrow auf und entdeckt früh seine Liebe zu Autogrammen. Die Liebe ist so groß, dass er als Erwachsener vom Handel mit Autogrammen leben kann und ein ausgewiesener Experte ist, wenn es um die Authentizität der teuren Unterschriften geht. In seinem Privatleben geht es nicht sehr aufregend zu. Er ist immer in der gleichen Nachbarschaft wohnen geblieben und hat immer noch die Freunde aus Kindertagen. Auch in seiner Beziehung, ebenfalls noch aus der Schulzeit, läuft es eher so mittelprächtig. Alex ist gelegentlichem Drogenkonsum nicht abgeneigt, übertreibt es in einer Nacht aber völlig. Als er zwei Tage später wieder völlig zu sich kommt, ist sein Auto Schrott, seine Freundin spricht kein Wort mehr mit ihm und in seiner Wohnung liegt ein Autogramm von Kitty Alexander. Kitty Alexander! Der von ihm angebeteten Schauspielerin schreibt er seit seiner Jugend jede Woche einen Brief und bittet um ein Autogramm, bisher aber ohne Erfolg. In Alex-Li keimt ein furchtbarer Verdacht: hat er in seiner Verzweiflung im Drogenrausch das Autogramm gefälscht? Er kennt Kittys Unterschrift so gut, dass er es könnte. Aber wen soll er fragen, ohne sich wahnsinnig zu blamieren? Zum Glück hat er – ebenfalls im Drogenrausch – einen Flug zu einer Autogramm-Messe in New York gebucht, wo Mrs. Alexander wohnt.

„This is the description of a struggle. Judge it accordingly.“

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Essen aus Büchern: Gougères aus Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“

Das neue Jahr in dieser Reihe beginnt, wie es für Jude St Francis in Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben endet. Nicht mit Drama, sondern mit Gougères. Das ist eines der Gerichte, die er für eine Silvesterfeier mit Freunden vorbereitet. Jude ist der engagierteste Koch im Freundeskreis und gibt keine Ruhe, ehe er nicht ein perfektes Abendessen serviert hat, auch wenn er als einziger ernsthaften Wert darauf legt. Völlig unnötig, finden seine Freunde, eine Pizza hätte es auch getan:

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst die verschissenen Gougères weglassen“, hörte er JB fröhlich sagen.“

In letzter Sekunde fällt ihm also am Vorabend ein, er müsse mehr Gougères machen und verliert plötzlich alle Nerven. Vielleicht liegt das daran, dass die Autorin ihn zwingt, eine Ausstechform zu benutzen. Eine Ausstechform, Hanya? Du kannst den armen Jude nicht mit einer Ausstechform und Brandteig arbeiten lassen, da ist es überhaupt kein Wunder, dass er die Nerven verliert. Nimm einen Spritzbeutel, Jude, nehmt einen Spritzbeutel liebe Lesende. Wenn ihr keinen habt und niemand euch einen leihen will, nehmt zwei Löffel, aber nehmt keine Ausstechform. Und los geht’s:

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Ernst Haffner: Blutsbrüder

In den frühen 1930ern, als die wirtschaftliche wie soziale Lage in Deutschland nicht sehr rosig war, berichtete Ernst Haffner erstmals von den Blutsbrüdern, einer Clique, wie es sie in Berlin zu dieser Zeit massenhaft gab. Die Gruppe besteht aus jungen Männern und Jungen, zum Teil nicht älter als 15 Jahre, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern leben und sich, so gut es eben geht, auf der Straße durchschlagen. Sie betteln, prostituieren sich und stehlen, schlafen in billigen Herbergen und vertrödeln die Zeit in warmen Kneipen.

Haffner_Blutsbrueder

Die Blutsbrüder bilden einen festen und solidarischen Verbund, teilen was sie haben und schützen die anderen. An die Zukunft denkt man nicht. Wenn einer mal dreißig, vierzig Mark hat, werden die noch am gleichen Abend versoffen, auch wenn man von dem Geld einen ganzen Monat lang eine billige Miete zahlen könnte. Sie alle wissen, dass ihre Zukunft ohnehin nicht viel zu bieten hat. Nach der verkorksten Jugend mit Strafanzeigen, Ausbrüchen aus Fürsorgeanstalten und Gefängnisaufenthalten glaubt keiner mehr, noch groß was erreichen zu können. Nach außen verhalten die Jungen sich gleichgültig bis skrupellos und können auch recht brutal werden.

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Die Frauenleserin-Blogparade und ein paar Worte zum Women’s Prize for Fiction

„Frauenleserin“ Kerstin Herbert ruft in diesem Jahr erstmals zu einer Blogparade auf. Dazu stellt sie einige Fragen, die man beantworten kann, aber nicht muss und die natürlich alle um das Thema „Literatur von Frauen“ kreisen. Ich wollte ja sowieso noch ein paar Worte zum „Women’s Prize for Fiction“-Leseprojekt verlieren und ich glaube, das kann man ganz gut verbinden. Also bitte:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich in diesem Jahr 60 Bücher (zugegeben – zwei hab ich noch nicht durch), 42 davon wurden von Frauen verfasst, 18 von Männern, in Quote also 70% zu 30%.  Grundsätzlich rezensiere ich eigentlich alles, was ich lese. Ohne jetzt nachgezählt zu haben, dürfte das Verhältnis da also gleich sein. Lediglich 20 der Bücher entfallen auf das wpf-Leseprojekt – bei meinem Jahresrückblick im vergangenen Jahr hatte ich noch gehofft, es auf 30 zu bringen. Aber auch schon damals hatte ich befürchtet, das nicht zu schaffen. Vor allem Mantels Schinken Wolf Hall, an dem ich wirklich zu knabbern hatte, hat mich da ausgebremst.

Stand der Dinge beim Leseprojekt ist nun, dass insgesamt 138 Bücher auf der Liste stehen, von denen ich bisher 54 gelesen habe. Mit dabei waren Bücher, die mich sehr beeindruckt haben, aber auch wieder andere, deren Preisverdächtigkeit sich mir nicht erschließt, obwohl auch kein totaler Ausreißer dabei war. Überhaupt nicht nachvollziehen konnte ich allerdings den Hype um Aldermans The Power. Besser als ganz okay konnte ich das nicht finden.

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Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

Der Bruder des Erzählers ist tot, damit beginnt der Roman. Der Erzähler, dessen Namen übrigens ebenso unbekannt bleibt wie der seines Bruders, erinnert sich an die letzte Nacht, in der die beiden sich gesehen haben. Neun Monate später stirbt der Bruder, ohne dass sie sich noch einmal gesehen haben. In dieser letzten Nacht stand der große Bruder auf einmal vor der Tür des kleinen, die ersten Biere schon hinter sich, diverse noch vor sich. Der kleine Bruder weiß, dass der große zu viel trinkt, oft genug hat er ihn mitten in der Nacht stockbetrunken angerufen. Trotzdem lässt er sich erweichen und folgt seinem Bruder in die kalte Nacht um eine Kneipe zu finden, in der sie noch weitertrinken können.

Diese eine Nacht nimmt einen beträchtlichen Teil des Romans ein und der große Bruder nutzt sie, um dem kleinen Bruder zu erklären, warum er sich so manisch mit Geschichte befasst, warum er kein Gräuel auslassen kann und jedes Detail wissen will. Nachdem er sich mit den NS-Verbrechen befasst hat, ist es nun Dutroux, von dessen Taten er alles wissen will und darum jedes Protokoll der Verhandlungen kennt. Ja, so fröhlich ist der Roman. Ich habe sehr gelitten mit dem Erzähler, der merkt, dass er schon lange ins Bett gehört, dass er viel zu viel getrunken hat und doch seinen Bruder reden lassen will, weil er merkt, dass er es muss und dass es wichtig ist für ihn. Die Kritik des Bruders an der Gesellschaft ist groß und umfassend und droht manchmal Theken-Style in bierseligen Pathos zu kippen, Helle schafft es aber, das Ruder immer noch kurz vorher herumzureißen.

„… aber das ist lange her, kleiner Bruder. Und jetzt gehen wir saufen.“

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