Die schlecht bezahlte Autorität – „Professor Unrat“ von Heinrich Mann

Die Geschichte des Professor Raat ist sicher vielen bekannt, nicht zuletzt durch die Verfilmung unter dem Titel „Der blaue Engel“. Seine Autorität baut dieses Erzbild des verstockten Gymnasiallehrers einzig auf seinen Titel und sieht sich umso mehr bedroht von subversiven Schülern, die ihm den Namen „Unrat“ anhängen. Dieser wenig schmeichelhafte Name hängt ihm nun schon seit Jahrzehnten nach und in seiner kleinen Heimatstadt sieht er sich umzingelt von Feinden, stets besorgt, irgendwo auf der Straße mit dem verhassten Spitznamen angesprochen zu werden. Der hat sich inzwischen fest etabliert, auch bei jenen, die schon lange nicht mehr zur Schule gehen. Dass viele ehemalige Schüler ihm durchaus nostalgische Wertschätzung entgegenbringen und ganz gerne an die Tage in seiner Klasse zurückdenken, merkt er nicht. Er nimmt den kleinsten Angriff auf seine Autorität so persönlich, dass er auf nicht weniger als Vernichtung sinnt und viel Energie darauf verwendet, verhassten Schülern den zukünftigen Lebensweg zu erschweren.

„Unrat, der sich von den Schülern hinterrücks angefeindet, betrogen und gehaßt wußte, behandelte sie seinerseits als Erbfeinde, von denen man nicht genug ‚hineinlegen‘ und vom ‚Ziel der Klasse‘ zurückhalten konnte.“

Anlass zum Ärger geben ihm im aktuellen Jahrgang vor allem die Schüler Ertzum, Kieselack und Lohmann, die er allein schon deswegen hasst, weil sie ein leichteres Leben haben als er. Zu allem Überfluss pflegen sie auch Umgang mit einer fragwürdigen Künstlerin, der schönen „Barfußtänzerin“ Rosa Fröhlich. Sie gastiert gerade in einem der wenigen feinen Theater der Stadt. Um Aufklärung bemüht sucht Unrat die Künstlerin mit einigem Aufwand auf, will ihr die Leviten lesen und verfällt ihr an nur einem Abend. Sein Untergang ist damit besiegelt.

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Ein literarisches Ausnahmetalent – „Vondenloh“ von Frank Witzel

Der Ich-Erzähler in Vondenloh lebt in der süddeutschen Kleinstadt Leinheim, wo er gemeinsam mit Helga Dahmel aufwuchs, die nun als Bettine Vondenloh literarische Erfolge feiert. Der Erzähler ist stolz darauf, dass er es war, dem Helga einst im Jugendzimmer schüchtern ihre ersten literarischen Versuche zeigte und nach seiner Meinung fragte. Nun ist ist sie eine feste Größe, nicht nur die Klatschzeitschriften reißen sich um sie, auch ganze Kongresse befassen sich nur mit ihrem Leben und Werk. In Jugendjahren glaubte der Erzähler, er sei eigentlich begabter als Helga. Doch unverständlicherweise gelang es nur ihr, eine Erzählung in der Gratis-Zeitschrift „Bäckerblume“ unterzubringen, während seine Einsendungen an die Redaktion unbeantwortet blieben.

Jahrzehnte später ist der Erzähler noch immer besessen von ihr. Als Bettine noch unter ihrem Geburtsnamen die Heimatstadt verließ, war noch kein einziger Roman geschrieben und doch glaubt er, niemand kenne und verstehe Vondenlohs Werk so gut wie er. Schließlich war er es, der sie mit den Romanen des österreichischen Schriftstellers Stieger vertraut machte, deren Spuren sich nun ganz eindeutig in ihrem Oeuvre finden lassen. Selbst ein Libretto hat er zu ihren Ehren geschrieben, zu dem bisher aber leider kein Komponist die Musik liefern wollte. Nun also hofft der Erzähler, in einer Talkshow Gelegenheit zu erhalten über die Schriftstellerin zu sprechen und schreibt in Vorbereitung einer entsprechenden Einladung schonmal alles auf. Bei seiner Suche nach Bettine, auf deren Heimkehr nach Leinheim er nun schon so lange vergeblich hofft, entdeckt er einige Wahrheiten über die Schriftstellerin, die ihre ganze Person in Frage zu stellen scheinen.

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Die Welt nach dem Virus – „The Year of the Flood“ von Margaret Atwood

Die „wasserlose Flut“ in Margaret Atwoods dystopischer Welt der Maddaddam-Trilogie wurde von vielen erwartet und doch hat sie kaum jemand überlebt. Die so bezeichnete Seuche und ihre verheerenden Folgen kennt man schon aus Oryx & Crake. Während es im ersten Teil noch so aussah, als sei Snowman der einzige Überlebende, lernt man in The Year of the Flood die Angehörigen einer religiösen Gruppe kennen, die sich „The Gardeners“ nennt. Schon lange vor der Flut haben diese Menschen zusammengefunden, um in einer Gemeinschaft zu leben, in der die als zerstörerisch empfundenen Praktiken ihrer Zeit abgelehnt und bekämpft werden. So essen sie kein Fleisch, nehmen keine Medizin, die von den großen Firmen produziert wird, kaufen keine neue Bekleidung und duschen nur sehr selten, um Wasser zu sparen. Und sie legen aufwändige Vorräte an, denn sie sind sicher, dass der Tag naht, an dem die Welt, wie man sie kennt, zusammenbrechen wird. Das wird zumindest einigen von ihnen noch das Leben retten.

„For the Waterless Flood is coming, in which all buying and selling will cease, and we will find ourselves thrown back upon our own resources, in the midst of God’s bounteous garden.“

Dass Protagonistin Toby zu ihnen findet, ist reiner Zufall. Sie interessiert sich weder besonders für Veganismus noch für Nachhaltigkeit und arbeitet in einem miesen Burgerladen, um sich über Wasser zu halten. Als sie aber vor ihrem Boss fliehen und untertauchen muss, sind die Gardeners ihre beste Möglichkeit. Schnell lernt sie die verschrobene Gemeinschaft schätzen, auch wenn sie etliche spirituelle Handlungen mit gehörigem Argwohn betrachtet. Die Gardener sind gottgläubige Umwelt-Verehrer. Jeder Tag in ihrem Kalender ist einem Menschen gewidmet, der sich in besonderer Weise für die Umwelt eingesetzt hat. Ihre Heiligen haben Menschenaffen erforscht, Insekten benannt und sich gegen Staudammprojekte gestellt. Der Roman ist durchsetzt von Gesängen der Gardeners zu Ehren der Elemente, Pflanzen und Tiere. Aufgeschrieben davon ist allerdings nicht, denn sie fürchten die Schrift und den Schaden, der entstehen kann, wenn Geschriebenes in die falschen Hände gerät. Alles was sie wissen, wird von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, besonders durch ihre spirituellen AnführerInnen, die sogenannten Adams und Eves.

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Von ihren Taten zu singen – „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Mit Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber eine außergewöhnliche Hommage geschrieben, für die sie in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Anne Weber lernte Anne Beaumanoir, genannt Annette, vor wenigen Jahren bei einer Podiumsdiskussion kennen. Im Anschluss hatten die beiden Gelegenheit, sich näher kennenzulernen und Weber war beeindruckt von dem, was die inzwischen über 90jährige zu berichten hatte. So beeindruckt, dass sie beschloss, ein Buch darüber zu schreiben und nicht nur ein Buch, sondern gleich ein Heldinnenepos. Denn Weber sah in Beaumanoir nicht weniger als eine der ganz seltenen Gelegenheiten, eine echte Heldin kennenzulernen.

Annette Beaumanoir wurde 1923 in der Bretagne geboren, wo sie in recht einfachen aber glücklichen Verhältnissen aufwuchs. Nach der Schule begann sie eine Medizinstudium, zugleich aber ihre politische Karriere. In dieser Zeit wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei und mehr oder weniger zufällig Teil der Résistance. Den Widerstand stellte sie nie in Frage und betrachtete ihn als ihre Pflicht, auch später, als die Nazi-Okkupation beendet war. Im Auftrag der kommunistischen Partei, aber auch in eigener Mission half sie anderen Menschen im Untergrund, organisierte Fluchtwege und Unterkünfte und rettete jüdische Menschen vor dem sicheren Tod. Für letzteres wurde sie, gemeinsam mit ihren Eltern, in späteren Jahren als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien ihr Leben etwas ruhiger zu werden. Sie beendete ihr Studium, wurde Neurologin, heiratete und bekam drei Kinder. Doch das Unrecht nagte weiter an ihr und so engagierte sie sich für die Front de Libération, die für eine Unabhängigkeit Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft kämpfte. Eine Verurteilung zu zehn Jahren Haft war die eine Folge, eine Flucht nach Algerien und jahrelange Trennung von ihren Kindern eine andere. Mittlerweile fast hundert Jahre alt, ist Beaumanoir noch immer als Rednerin und Zeitzeugin unterwegs und bemüht, ihre Überzeugungen weiterzutragen.

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Post-Sowjetische Trostlosigkeit – „Das Birnenfeld“ von Nana Ekvtimishvili

Das Birkenfeld liegt am Rande der georgischen Hauptstadt Tbilissi, in einem heruntergekommenen Außenbezirk, in dem die Straßen keine Namen, sondern Nummern haben. Direkt neben dem Feld liegt ein Internat für geistig beeinträchtigte Kinder, noch zu Sowjetzeiten errichtet und gemeinhin als Debilenschule bezeichnet. Eine der ehemaligen Schülerinnen ist die Protagonistin Lela, die mittlerweile zwar 18 ist, das Internat aus Mangel an Alternativen aber noch immer nicht verlassen hat. Es macht sich auch niemand die Mühe, sie bei der Suche nach Alternativen zu unterstützten oder auch nur hinauszuwerfen. So also bleibt sie, hält eine schützende Hand über ihre Lieblings-Kinder und schmiedet Mordpläne gegen Wano, ihren alten Geschichtslehrer, der sie als Kind über Monate missbraucht hat, was im Roman sehr explizit geschildert wird.

Besonders eng ist Lelas Verhältnis zum neunjährigen Irakli, den sie oft zu einer Nachbarin begleitet, von wo aus er seine Mutter anrufen kann. Die verspricht ihm wieder und wieder, ihn am nächsten Wochenende besuchen zu kommen und lässt sich dann doch nicht blicken. Für Irakli scheint es dennoch einen Weg aus dem Internat und dem Elend zu geben, als sich ein amerikanisches Paar für seine Adoption interessiert. Mit einer Emigration in die USA wäre er der erste Schüler, der es wirklich zu was gebracht hat im Leben.

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Diplomatische Mission im ewigen Eis – „Die linke Hand der Dunkelheit“ von Ursula K. Le Guin

Genly Ai, Gesandter einer interplanetaren Ökumene, wird zu einem entlegenen Planeten gesandt, dessen Länder er als Teil eben dieser Ökumene gewinnen soll. Der Planet, in der Sprache seiner Bewohner*innen Gethen genannt, ist für Ai ausgesprochen lebensunfreundlich. Es ist eigentlich immer kalt und es fallen unglaubliche Mengen Schnee. Für den Winter gibt es gesonderte Eingänge, drei Meter über dem Boden, denn so hoch liegt dann der dicht gepackte Schnee und die normalen Haustüren werden nutzlos. Große Teile des Planeten sind von einem ewigen Gletscher bedeckt. Die Nahrung ist karg und wenig abwechslungsreich.

Die Bewohner*innen des Planeten sind den Menschen des Planeten Erde sehr ähnlich, ihre Regungen und Bedürfnisse entsprechen im Kern jenen des Botschafters Ai. Doch einen ganz entscheidenden Unterschied gibt es doch: sie haben keine zwei biologischen Geschlechter. Ihr Geschlecht interessiert sie auch gar nicht, abgesehen von wenigen Tagen im Monat, der sogenannten Kemmer. In dieser Zeit nehmen sie ein Geschlecht an, das aber jedes mal ein anderes sein kann. So können alle Bewohner*innen Kinder zeugen und gebären, monogame Beziehungen sind bekannt, aber ausgesprochen selten. Ai, immer männlich und immer im Kemmer-Zustand, wird ausgesprochen argwöhnisch beäugt und gilt einigen als pervers. Seine Überforderung mit der ambivalenten Geschlechtlichkeit der Gethen-Bevölkerung ist allerdings auch deutlich spürbar. Er weiß nicht, wie er sie bezeichnen soll und legt sich schließlich aufs generische Maskulinum fest, stellt aber ständig auch „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften fest, wo keine sein können. Als der König von Karhide schwanger wird, ist es ganz um seine Kategorisierung geschehen. Für die Lesenden ist es natürlich auch nicht ganz leicht, mit dieser Sprache aus den bekannten Bildern auszubrechen. Wird eine Person immer als „er“ bezeichnet, hat man natürlich auch einen „er“ vor Augen, auch wenn hin und wieder darauf hingewiesen wird, dass es eben keine ständigen Geschlechter gibt, weder biologisch noch gesellschaftlich.

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Beengte Verhältnisse – „The Weight of Water“ von Anita Shreve

Anita Shreves Roman The Weight of Water beruht auf einer wahren Begebenheit: Im Winter 1873 wurden auf Smuttynose, einer winzigen Insel vor der Küste New Hampshires, die norwegischen Immigrantinnen Karen und Anethe Christensen im Schlaf überrascht und ermordet. Maren Hontvedt konnte fliehen, versteckt sich die ganze Nacht über hinter einem Felsen und rettet so gerade noch ihr Leben. Später gab sie an, ihr ehemaliger Untermieter Louis habe gewusst, dass die Ehemänner der Frauen in dieser Nacht nicht da seien und sei in das Haus eingedrungen, um Geld zu stehlen. Vom Widerstand der Frauen überrascht, habe er die Nerven verloren. Louis Wagner wurde für schuldig befunden und gehängt.

Im Roman kommt nun mehr als hundert Jahre später die Fotojournalistin Jean auf die Insel, um Bilder für eine Reportage zu machen. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas und ihrer Tochter Billie unternimmt sie dafür eine Bootstour zu der Inselgruppe, begleitet von Thomas Bruder und seiner neuen Lebensgefährtin. Zwischen eben dieser Lebensgefährtin und Thomas nimmt Jean bald ein deutliches Kribbeln wahr, das alle Alarmglocken bei ihr schrillen lässt. Hat sich ihr Mann so schnell in die jüngere, attraktivere Frau verguckt, die zu allem Überfluss seine Arbeit als Dichter verehrt? Jean traut sich kaum noch, die beiden alleine in einem Raum zu lassen. Das muss sie nun aber zumindest gelegentlich machen, denn ihre Arbeit erfordert vollen Einsatz. In einem Archiv in Portsmouth hat sie Unterlagen entdeckt, die ein ganz neues Licht auf den Fall werfen und die offizielle Version der Mordnacht schon nach wenigen Seiten hochgradig fragwürdig erscheinen lassen.

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Ein standhafter Eigenbrötler – „Sweetland“ von Michael Crummey

Auf Sweetland, einer kleinen Insel vor der Küste Neufundlands, leben die Menschen seit zwölf Generationen. Unter den Begründern der Gemeinschaft waren auch die Vorfahren von Moses Sweetland, der heute noch auf der Insel lebt. Doch die Insel ist nicht mehr, was sie einmal war. Vom Fischfang kann kaum noch jemand leben, das Geld wartet auf dem Festland und auf den Ölbohrinseln. Die Jungen gehen weg und nehmen die beschwerliche Heimreise nur im äußersten Notfall auf sich. Es sind nur noch wenige, die ausharren, aus Sentimentalität oder weil sie woanders auch keine Chancen haben. Da kommt das Angebot der Regierung gerade recht: 100.000 Dollar Starthilfe sollen alle bekommen, die freiwillig gehen. Allerdings nur, wenn wirklich alle gehen. Die Lokalregierung hat kein Interesse mehr daran, die kostspielige Infrastruktur der Insel inklusive Strom, Internet und Fähre aufrechterhalten zu müssen. Die meisten Familien springen sofort darauf an, nur einige wenige zögern und wollen ihre Heimat nicht verlassen. Der sturste unter ihnen bleibt der siebzigjährige ehemalige Leuchtturmwärter Moses Sweetland. Er kann sich nicht vorstellen, seinen Lebensabend woanders zu verbringen und lässt sich auch von den anonymen Drohungen nicht schrecken, die ihn am Ende beinahe täglich erreichen.

„Es sind nicht die Sechzigerjahre, Mr Sweetland. Dieser Schritt wird dem Ort nicht aufgezwungen. Wir zahlen für die Umsiedlung der Bewohner, wie es von uns verlangt wurde. Doch wir werden nicht die Verantwortung für einen Verrückten mitten im Atlantik übernehmen, wenn alle anderen weg sind.“

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Women’s Prize for Fiction 2020 für Maggie O’Farrell

Die diesjährige Gewinnerin des Women’s Prize for Fiction heißt Maggie O’Farrell. In ihrem nun ausgezeichneten Roman Hamnet befasst sie sich mit dem jung verstorbenen Sohn von Anne Hathaway und William Shakespeare. Zu internationaler Bekanntheit brachte die irisch-britische Autorin es 2017 mit dem Bestseller I am, I am, I am: Seventeen Brushes With Death. In diesen Memoiren schildert sie Momente und Zeiten, in denen ihr Leben auf Messers Schneide stand. Diese Auseinandersetzung mit dem Tod findet sich nun auch in Hamnet wieder. Mit ihrem historischen Roman setzte sie sich gegen Angie Cruz, Bernardine Evaristo, Natalie Haynes, Hilary Mantel und Jenny Offill durch.

Der Roman ist unter dem Titel Judith und Hamnet in deutscher Übersetzung bei Piper erschienen.

An der kargen Küste Neufundlands – „Die Unschuldigen“ von Michael Crummey

Die Unschuldigen in Michael Crummeys Roman von der kanadischen Ostküste sind wirklich völlig unschuldig an ihrem Leid. Die Geschwister Evered und Ada wachsen im späten 18. Jahrhundert als Kinder von Fischern auf, die aus den kalten Gewässern gerade genug holen, um die Familie zu ernähren. Im Herbst verkaufen sie ihre Produktion an Bord der Hope, immer in der Furcht, dass die im Gegenzug erworbenen Lebensmittel nicht reichen werden um die Familie über den Winter zu bringen. Ein drittes Kind, eine Tochter, stirbt im Alter von wenigen Monaten. Als Evered noch nicht ganz zwölf ist und Ada gerade neun, sterben die Eltern kurz nacheinander an einer schweren Krankheit. Die Kinder kennen nichts als das Leben in der Bucht, selbst den in der Nähe liegenden kleinen Ort Mockbeggar kennen sie nur dem Namen nach.

Sie machen also da weiter, wo die Eltern aufgehört haben. Evered fährt mit dem Boot hinaus, fängt Kapelan und Kabeljau, Ada bestellt die Felder und sammelt Beeren. Als im Herbst endlich die Hope am Horizont auftaucht, ist die Ernüchterung groß: die Ausbeute aus der Arbeit der beiden Kinder ist so gering, dass sie kaum etwas dafür bekommen. Noch dazu hat der Vater ihnen Schulden hinterlassen. Aber die beiden sind so stur wie verzweifelt. Sie sind nicht bereit, ihre Bucht zu verlassen. Über die Jahre gelingt es ihnen, dem kargen Land genug für den eigenen Lebensunterhalt abzutrotzen. Mehr wird es nie, sie leben immer am absoluten Minimum. Aber da sie genau so aufgewachsen sind, fehlt ihnen auch nichts. Außer vielleicht ein paar Nährstoffen – nach einem besonders harten Winter verliert Evered einige Zähne.

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