Selbstbestimmung auf vier Rädern – „Ungebremst durch Kermānschāh“ von Maryam Djahani

Taxifahren ist für Shohre viel mehr als nur ein Job. Seit sie ein junges Mädchen war, war es ihr Traum, den ganzen Tag mit ihrem eigenen Auto durch ihre Heimatstadt Kermānschāh zu fahren, Menschen, ihr Gepäck und ihre Geschichten von einem Ort zum anderen zu bringen. Trotz der Unterstützung durch ihren Vater wäre der Traum fast gescheitert.

Jung hat Shohre Hamed geheiratet, der von ihrer Idee nicht sehr begeistert war. Hamed hatte sich eine moderne Frau gewünscht, aber schnell muss Shohre feststellen, dass er mit „modern“ vor allem die Kleidung und andere Äußerlichkeiten meint. Auf eine Frau, die jeden Tag ihr eigenes Geld verdient, noch dazu in einem Taxi, hat er keine Lust. Deshalb lebt Shohre jetzt geschieden zusammen mit ihrer ebenfalls geschiedenen Cousine Mahbube in einer etwas heruntergekommen Wohnung, die Mahbube so gut wie nie verlässt. Stattdessen verkriecht sie sich in ihrem Zimmer, malt und raucht. Ihre Scheidung verkraftet sie deutlich schlechter als Shohre, vor allem da sie ihre Tochter nicht mehr sehen darf, die in der Ehe geboren wurde.

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Wer ist denn jetzt schuld? – „Effi Briest“ von Theodor Fontane

Wenige Bücher habe ich in der Schule so sehr gehasst wie Effi Briest. Man hält es offenbar für eine gute Idee, Siebzehnjährige dieses Buch lesen zu lassen, denn immerhin geht es ja um eine Siebzehnjährige. Trotzdem kommt das Buch erstaunlich schlecht an – wer ist Schuld daran? Liegt es an Effi? Am schrecklich langweiligen Baron von Instetten? Oder an Effis Affäre mit diesem furchtbar affektierten Major mit seinem albernen Bart?

An der Geschichte allein kann es jedenfalls nicht liegen, die verkauft sich in jedem Jahrzehnt wie blöd: eine etwas naiv wirkende junge Frau lässt sich auf einen Mann ein, der mehr als 20 Jahre älter ist, heiratet ihn bald darauf sogar. Geld hat er und einen guten Ruf, glänzende Karriereaussichten sowieso. Er führt sie in die Gesellschaft ein, kann ihr aber auf Dauer nicht das bieten, was sie braucht. Zu sehr stellt er seine eigene Karriere in den Mittelpunkt. Laura Müller und Michael Wendler machen damit seit Jahren nicht weniger als zehn Schlagzeilen pro Tag. Hätte Effi Instagram gebraucht? Ich glaube, sie wäre gar nicht unerfolgreich gewesen!

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Auf der Suche nach verwischten Spuren – „Das russische Rätsel“ von Sabine Huttel

Eigentlich ist Liane kein abenteuerlustiger Mensch. Der Ruhestand ist in greifbarer Nähe, ihr Leben in geregelten Bahnen, doch ein Geheimnis in ihrer Familie lässt sie einfach nicht los: Ihr Vater war in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und seine späte Rückkehr aus dem Krieg hat die Ehe ihrer Eltern und damit auch ihre Lianes eigene Kindheit stark beeinflusst. Den Vater erlebt Liane in ihrer Kindheit mitunter als abweisend und respekteinflößend. Seine Erlebnisse in den Kriegsjahren hängen dann wie ein dunkler Schatten über ihm. Er kann aber auch ganz anders sein, liebevoll und gelöst. Mit Liane aber spricht er nicht über das, was geschehen ist. Es scheint ihr, als müssten diese Jahre ein ewiges Geheimnis in der Vergangenheit ihres inzwischen verstorbenen Vaters bleiben.

„Mein Vater war zerbrochen. Der Krieg wütete weiter in ihm, verfolgte ihn bis in seine intimsten Regungen. Er beherrschte sein Nervensystem. Da gab es kein Entkommen.“

Doch plötzlich findet sich eine günstige Gelegenheit, Licht ins Dunkel zu bringen. Ein englischer Freund Lianes, der Russisch spricht, arbeitet gerade an der Universität in Moskau. Er bietet ihr an, sie auf der Suche zu begleiten und zu unterstützen. Ganz entgegen ihrer Gewohnheiten ergreift Liane die Gelegenheit, bucht Flüge und packt Koffer und ist schon bald auf dem Weg nach Russland. Über St. Petersburg, Moskau und Jekaterinburg reisen sie und ihr Freund in einem unerträglich heißen Sommer nach Djegtjarsk, einer kleinen Stadt, in der sich einst die Kriegsgefangenenlager 313 und 476 befanden. Die erhofften Antworten aber findet Liane in diesem entlegenen Ort nicht. Auch das Reichskriegsarchiv in Moskau entpuppt sich als Reinfall. Die Aufzeichnungen, die Liane sucht, scheint es gar nicht zu geben und falls doch, verbergen sie sich hinter den unüberwindbaren Mauern der russischen Bürokratie.

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Die Strafe der ewigen Verbannung – „Circe“ von Madeline Miller

Circe, Tochter des Sonnengottes Helios, hat in der Mythologie nicht den besten Ruf. Mit magischen Kräften ausgerüstet sitzt sie auf ihrer Insel, lockt nichtsahnende Männer und verwandelt dann alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, in Schweine oder Schlimmeres. Prominentestes Beispiel sind sicher die Männer des Odysseus, die sie erst in ihren Schweinekoben gesteckt und dann nebst ihrem prominenten Kapitän unnötig lang auf der Insel festgehalten haben soll. Nachdem nun wohl Gras über diese Sache gewachsen ist, lässt Miller Circe jetzt selbst zu Wort kommen und erzählen, wie das aus ihrer Sicht alles war.

Und das klingt alles ganz anders: Von frühster Kindheit fühlt Circe sich in ihrer Familie und am Hof ihres Vaters ausgesondert. Sie gilt als sonderbar, ihre Geschwister verlachen sie wegen ihrer krächzenden Stimme, die Götter nehmen sie nicht ernst und ihre erste große Liebe Glaucos will lieber die schöne Nymphe Scylla heiraten. Doch Circe hat ein schlummerndes Talent, das sie selbst erst spät entdeckt. Sie ist eine Hexe und kann mit Hilfe von Kräutern und Essenzen zaubern. Sie verwandelt Menschen in Unsterbliche, Männer in Schweine, Fische in Schafe – ein Wort der Circe genügt und die Welt steht Kopf. Damit kommt sie sogar gegen die Götter an, selbst wenn sie nicht mit ihnen auf einer Stufe steht. Nach einem magischen Fehltritt und einer ordentlichen Ansage von Zeus bleibt Helios keine Wahl, als seine Tochter auf die Insel Aiaia ins Exil zu verbannen, von wo aus sie später ihren wenig rühmlichen Einzug in die Odyssee nehmen wird.

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Essen aus Büchern: Boeuf en Daube aus Virginia Woolfs „To The Lighthouse“

Kein Blog, der sich mit Essen in der Literatur befasst, kommt dauerhaft um Boeuf en Daube nach einem Rezept von Mrs Ramsays Großmutter herum, wie es in To the Lighthouse serviert wird. Das liegt mit Sicherheit zum einen an der hervorragenden Qualität des Essens liegt („The Boeuf en Daube was a perfect triumph.“), aber auch an der Bedeutung, die das Abendessen an sich in der Geschichte einnimmt. Es ist eine der Schlüsselszenen des ersten Teils des Romans. Fäden laufen zusammen, Beziehungen werden plötzlich klar und noch einmal wird thematisiert, dass der ersehnte Ausflug zum Leuchtturm nicht wird stattfinden können. Vor allem für die zentrale Mrs Ramsay ist es die wichtigste Szene überhaupt.

Die Köchin der Ramsays hat nicht weniger als drei Tage auf das Gericht verwendet, das sie nun nicht ohne Stolz präsentiert:

„…and an exquisite scent of olives and oil and juice rose from the great brown dish as Marthe, with a little flourish, took the cover off. The cook had spent three days over that dish. And she must take great care, Mrs Ramsay thought, diving into the soft mass, to choose a specially tender piece for William Bankes. And she peered into the dish, with its shiny walls and its confusion of savoury brown and yellow meats, and its bay leaves and wine, and thought, This will celebrate the occasion – a curious sense rinsing in her, at once freakish and tender….“

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Das Debüt 2021 – Meine (extrem schwere) Entscheidung

2021 war die dritte Runde, die ich als Jury-Mitglied an der Entscheidung von „Das Debüt“ beteiligt war. Es war für mich das bisher stärkste Jahr und das mit der schwersten Entscheidung. Während in den vergangenen beiden Jahren immer recht schnell ein Roman ganz vorne und ein anderer schon weit abgeschlagen war, war das in dieser Runde gar nicht der Fall. Alle fünf Romane auf der Shortlist waren sehr stark und bei allen kann ich mir vorstellen, dass sie gewinnen könnten und bei allen fände ich es gerechtfertigt. Aber es hilft nichts, die Punkte müssen eben vergeben werden. Machen wir es kurz, nachdem ich lange mit mir gerungen habe – meine 3 Favoriten sind:

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Der nebulöse Gast – „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch

Die junge Erzählerin in Ariane Kochs Roman-Debüt Die Aufdrängung lebt ganz alleine in einem riesigen Haus in einer Kleinstadt am Fuße eines Berges. Schon vor langem wollte sie die Kleinstadt verlassen, hat sogar schon Kisten dafür gepackt, die nun aber in ungenutzten Räumen des Hauses verstauben. Sie schafft es einfach nicht, sich selbst zum Aufbruch zu bringen.

„Ich habe den Gast aufgenommen, weil Staubfäden von den Wänden hingen, weil irgendjemand diese Staubfäden wegmachen musste und weil das Gemüse im Kühlschrank zu verfaulen drohte.“

In diese Trägheit hinein stolpert eines Tages ein Gast. Wie er aussieht und wer er ist, bleibt den ganzen Roman über unklar. Er hat Finger wie Pinsel, scheint sehr behaart zu sein und dabei so fein, dass ein Windstoß ihn auseinanderwehen könnte. Die Erzählerin nimmt ihn mit nach Hause. Das ist alles andere als selbstverständlich und der Bürgermeister schreibt ihr dafür gar einen Dankesbrief. Es steht dem Ort gut zu Gesicht, dass in ihm so gastfreundliche Menschen leben. Doch schnell kippt die Stimmung. Der Gast nimmt immer mehr Raum ein, wird lästig und isst sogar alle Vorräte der Erzählerin auf. Das macht sie so wütend, dass sie gar nicht mehr einkaufen geht. Der Kontakt mit ihren Freunden und Bekannten wird seltener, so sehr ist sie mit ihm und seinen Forderungen beschäftigt. Eine gemeinsame Sprache scheinen die beiden nur zeitweise zu haben. Die Muttersprache der Erzählerin beherrscht der Gast nur unzureichend. Trotz alldem scheint sich zwischen den beiden durchaus eine gewisse Intimität einzustellen. Der Gast liegt vor dem Sofa, wenn die Erzählerin darauf sitzt, er liest ihr vor und zuweilen teilen sie die Matratze. Doch irgendwann macht selbst der Bürgermeister klar, dass es mit der Gastfreundschaft langsam mal ein Ende haben muss. Ein Gast ist eben ein Gast und dazu gehört, dass er irgendwann auch wieder abreist. Also muss er weg, aber wie sie ihn loswerden soll und ob sie ihn überhaupt loswerden will, ist der Erzählerin auch nicht klar.

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Verzweifelter Roadtrip – „Das Ungeheuer“ von Terézia Mora

Darius Kopp ist am Boden. Seine Frau und große Liebe Flora hat sich umgebracht. Ein Jahr ist das nun her. Ein Jahr, in dem er seine Wohnung nicht verlassen hat, nicht gearbeitet hat und immer noch keine Antwort darauf gefunden hat, wie es soweit kommen konnte und wie es weitergehen soll. Immer mehr Menschen bedrängen ihn, endlich aus seiner Trauer zu erwachen, endlich mal wieder zu duschen, einen neuen Job zu finden und sich zu überlegen, was mit der Asche seiner Frau passieren soll. Darius weiß es nicht.

Auf dem Laptop seiner Frau hat er Dateien gefunden, fast alle in ihrer Muttersprache Ungarisch verfasst. Er lässt sie übersetzen und dann fährt er los, auf der Suche nach einer Antwort und einem Ort, an dem Flora ihre letzte Ruhe finden kann. Er reist nach Budapest, von dort in das kleine Dorf, in dem sie aufgewachsen ist und dann, als er auch dort keine Lösungen findet, immer weiter, über Kroatien, Albanien, in die Türkei und nach Griechenland und schließlich nach Georgien. Die Asche hat er sich für eine gar nicht geringe „Gebühr“ nach Ungarn liefern lassen und weiß noch immer nicht, wohin damit, als er das Land schon wieder verlässt. Die Urne bleibt in seinem Kofferraum und begleitet ihn auf jeder Station seiner Reise.

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Der Wald hat Klauen – „Mama“ von Jessica Lind

Amira und Josef fahren raus aus Wien und rein in den Wald um einige Tage in einer abgelegenen Hütte zu verbringen, die schon lange Josefs Familie gehört. Er ist im nahen Dorf aufgewachsen und hat im Wald viele glückliche Tage mit seinem Vater verbracht. Amira ist angespannt. Sie versucht seit langem, schwanger zu werden und hofft, dass es bald endlich klappt. Der Zykluscomputer hat gute Chancen errechnet, doch ausgerechnet jetzt kommen Josef Zweifel, ob er wirklich Vater sein will.

Doch nicht nur das: Statt der erhofften Idylle erscheint der Wald Amira plötzlich gruselig und voller Geheimnisse. Eine herrenlose Hündin schleicht um die Hütte und am Waldrand taucht ein einsamer Wanderer auf, der zu ihr herüberstarrt. Wenn sie sich ihm nähert, verschwindet er spurlos. Und auch Josefs Tage in der Hütte waren offenbar nicht so schön, wie er immer erzählt hat. Bei einem der Ausflüge in den Wald ist sein Vater ums Leben gekommen. Oder stimmt die Geschichte gar nicht?

„Nach und nach hat dieses Wesen in ihrem Bauch ihr Leben verändert. Es breitet sich aus, lässt kaum noch Platz für Amira, die immer geglaubt hat, dass sie sich genau das wünscht.“

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Der Quell der Hoffnung – „Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen“ von Janine Adomeit

Der mondäne Kurort Villrath mit seinem schicken Kurhaus, dem gepflegten Park und dem weitläufigen Boulevard war über Jahrzehnte ein gefragter Urlaubs- und Erholungsort. Eine sprudelnde Heilquelle spülte Touristen in den Ort, versprach den Gästen Linderung diverser Leiden und Villrath volle Kassen. Davon ist nichts mehr übrig geblieben. Ein Erdbeben hat vor fast zwanzig Jahren die wertvolle Quelle zum Versiegen gebracht und mit dem Wasser blieben bald auch die Besucher aus. Nun dämmert der Ort trostlos vor sich hin, die Schaufenster ehemals exklusiver Boutiquen sind vernagelt und mit Graffiti besprüht. Auch Vera leidet unter der Situation. Früher hat sie eleganten Damen die Haare frisiert, nun betreibt sie das „Stübchen“ wo sie Mittagstisch und Feierabend-Bier verkauft, das eigene Elend in Jägermeister ertränkt und ihrem Traum vom eigenen Friseur-Salon nachtrauert.

Doch unerwartet gibt es Hoffnung: Als im nahen Wald eine neue Bahntrasse gebaut werden soll, fängt die Quelle nach einer Sprengung plötzlich wieder an, zu sprudeln. Wie ein fetter, silberner Aal ergießt sich ein neuer Quell der Hoffnung in Richtung Villrath. Alle sind ganz aus dem Häuschen und machen große Zukunftspläne, als die Realität ihnen einen harten Dämpfer verpasst. Die Bahn ist gerne bereit, woanders zu bauen, aber nur, wenn die Stadt Villrath die Mehrkosten trägt. Und das ist ganz unmöglich, leer wie die Gemeindekasse mittlerweile ist. Aber so schnell gibt Vera nicht auf. Damit sie endlich dem verhassten Stübchen Lebewohl sagen kann, legt Vera sich richtig ins Zeug.

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