Geheimnisse unter Geschwistern – „My Sister the Serial Killer“ von Oyinkan Braithwaite

Korede, Krankenschwester aus Lagos, nimmt es ernst mit der Sauberkeit. Und das nicht nur in der Klinik, wo sie den Hausmeister ständig zu gründlicherer Arbeit antreiben muss, sondern auch als Tatortreinigerin. Letzteres übt sie selbstverständlich höchst diskret und privat aus, allerdings auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Denn ihre Schwester Ayoola ist eine Serienmörderin, zumindest wenn man „Serie“ als mindestens drei definiert. Man lernt die beiden Schwestern kennen im Badezimmer von Femi, dem letzten Freund von Ayoola. Femi lebt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, und die beiden Schwestern haben alle Hände voll zu tun, sowohl seine Leiche als auch jede Spur des blutigen Verbrechens zu beseitigen.

„I bet you didn’t know that bleach masks the smell of blood.“

Trotz der routinierten Reinigungsarbeit sind die nächtlichen Einsätze für Korede nicht leicht. Besonders die Beseitigung von Femis sterblichen Überresten fällt ihr schwer, obwohl oder gerade weil sie ihn nie kennengelernt hat. Ayoola und er waren erst seit kurzem ein Paar. Ihrer Schwester erzählt Ayoola, sie habe sich von ihm bedroht gefühlt und in Gegenwehr zugestochen. Das erzählt sie nun schon zum dritten Mal. Korede fällt auf, dass die Stiche in den Rücken gingen, was eine unmittelbare Abwehrhandlung ausschließt, aber sie hat keine Lust, das zu diskutieren. Für Korede wird die Sache aber schnell richtig ernst, als Tade, Arzt und Kollege, sich in Ayoola verguckt. Auf Tade hat sie nämlich schon lange ein Auge geworfen und hat überhaupt keine Lust, seine Leiche eines Nachts über ein Brückengeländer zu werfen.

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Pestilenz und Phantasie – „Gemeinschaft der Aussätzigen“ von Julia Blackburn

1410 wird in einem kleinen Küstenort in England eine Meerjungfrau angespült. Ihr Finder glaubt sie tot und will sie beerdigen, doch als er mit Spaten und Hilfe zurückkehrt, ist von der sagenhaften Gestalt nur noch eine schwarze Locke übrig. Dennoch hebt man ein Grab am Strand aus und setzt die Haarsträhne bei. Von da an passieren wunderliche Dinge im Dorf. Ein Kind mit einem Fischkopf wird geboren, Blinde können wieder sehen und einige Einwohner haben plötzlich die Vision, nach Jerusalem reisen zu müssen.

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Erzählt wird das alles von einer Reflektorfigur, die von den Handelnden selbst gar nicht gesehen oder gehört wird. Nur eine Katze nimmt sie hin und wieder wahr. Diese Person lebt in der Gegenwart und nutzt das Dorf als Rückzugsort, wenn sie aus ihrem Leben fliehen will und es anders nicht kann. Es bleibt unklar, ob sie das Dorf als Ziel einer Phantasiereise nutzt, ob sie sich in Halluzinationen tatsächlich im tiefsten Mittelalter wähnt, oder ob die Reise in die Vergangenheit sogar eine Art Rückführung ist.

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Mörderjagd am Mississippi – „The Little Friend“ von Donna Tartt

Harriet ist erst wenige Monate alt, als ihr neunjähriger Bruder Robin im Garten der Familie ums Leben kommt. Es sieht nach einem Unfall aus, doch schnell werden die ersten Stimmen laut, die überzeugt sind, dass es sich um einen Mord handelt. Die Ermittlungen laufen ins Nichts und irgendwann wird der Fall zu den Akten gelegt. Zwölf Jahre später ist Harriet ein mutiges, kluges, belesenes und starrköpfiges Mädchen geworden und setzt es sich in den Kopf, in ihren Sommerferien aufzuklären, wer ihren Bruder auf dem Gewissen hat. Das ist gar nicht so leicht, denn in ihrer Familie gilt der Tod des Jungen als Tabu.

„Harriet’s house was a sleepy house – for everybody but Harriet, who was wakeful and alert by nature.“

Zusammen mit ihrem besten Freund Haley hat sie aber schnell einen ersten Verdächtigen ausgemacht: Danny Ratliff, der mit ihrem Bruder in eine Klasse ging und am Tag seines Todes in der Nähe gesehen wurde. Mittlerweile lebt er mit seinen drei Brüdern und seiner Großmutter in einem Trailer, ist drogenabhängig und in diverse halbseidene Geschäfte verwickelt. Welche Kettenreaktion ihre Ermittlungen auslösen werden, ahnt Harriet nicht, als sie anfängt, die Ratliffs auszuspionieren.

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Die alltägliche Brutalität des Nordirland-Konflikts – „One By One in the Darkness“ von Deirdre Madden

Kurz bevor 1994 endlich ein dauerhafter Waffenstillstand in Nordirland erreicht werden kann, reist Cate von London in ihre Heimat nahe Belfast. Normalerweise macht sie das nur einmal im Jahr, immer im Spätsommer, doch nun ist sie schwanger und möchte diese Neuigkeit persönlich überbringen. Sie ahnt, dass die frohen Nachrichten nicht so richtig gut ankommen werden, denn mit dem Vater des Kindes hat sie aktuell keine Beziehung und will auch zukünftig keine haben. Ihrer Mutter Emily wird das nicht gefallen.

Deirdre Madden - One By One in The Darkness

Cates Mutter und ihre Schwestern Helen und Sally sind in Nordirland geblieben. Sally ist jetzt Lehrerin an der Grundschule im Heimatdorf der Familie, Helen verteidigt als Anwältin in Belfast gerade einen katholischen Jungen, der einen protestantischen Taxifahrer erschossen hat. Der Vater der Familie ist selbst Opfer des Konflikts geworden. Er und seine Brüder haben sich immer auf die Seiten der Republikaner geschlagen, waren dabei aber sehr unterschiedlich radikal in ihren Forderungen. Mit seinem Tod gilt es vielen als bewiesen, dass der Vater der Mädchen ein Terrorist war, der es nicht anders verdient hatte.

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Zwei unglückliche Schwestern – „Easter Parade“ von Richard Yates

Die Schwestern Sarah und Emily Grimes haben keine Chance, glücklich zu werden, das stellt der Autor gleich im ersten Satz fest. Mit ihrer Mutter Pookie ziehen nach der Scheidung der Eltern von Randbezirk zu Vorstadt, immer um New York kreisend. Ihre Kindheit ist eine Abfolge neuer Häuser, neuer Schulen und neuer Freundinnen – wenn es denn gut läuft. Verzweifelt buhlen die beiden um die Gunst des Vaters, der in New York geblieben ist und bei einer wichtigen Zeitung arbeitet. Dass er da einen völlig öden und unglamourösen Job hat, blenden beide erfolgreich aus.

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Dabei sollen die beiden Töchter es eigentlich besser haben, so das erklärte Ziel von Pookie. Und zumindest bei Sarah scheint das auch ganz gut zu klappen. Sie heiratet den attraktiven Spross der aus England stammenden Familie Wilson. Sehr vornehm und sogar mit Landbesitz auf Long Island. Emily studiert immerhin, schafft es aber leider nicht, sich anständig zu verloben. Dafür legt sie in New York eine ganz anständige Karriere hin. Doch wie angekündigt ist das Glück den beiden Frauen nicht hold. Der Landsitz der Familie Wilson entpuppt sich als gammelige Bude und der vornehme Gatte als Tyrann. Sarah hält tapfer mit Alkohol dagegen. Emily leidet derweil unter einem wenig erfüllenden Job und immer wieder zerbrechenden Beziehungen. Der soziale Aufstieg, den Mutter Pookie so sehr erhofft hatte, hält nur kurz, was er verspricht.

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Die verstoßene Kreatur – „Frankenstein“ von Mary Wollstonecraft Shelley

1818 erstmals veröffentlicht, hat Frankenstein zweihundert Jahre später den Ruf, ein Meilenstein der Literaturgeschichte zu sein und eines der ersten Werke des Genres, das man heute als Science Fiction bezeichnet. Die Geschichte ist zu einem Inbegriff für Selbstüberschätzung und fehlende Verantwortung in der Wissenschaft geworden.

Erzählt wird der Roman von einem Kapitän, der mit seinem Schiff unweit des Nordpols von Eis eingeschlossen festsitzt. Eines Tages entdeckt die Mannschaft ein merkwürdiges, hünenhaftes Wesen, das auf einem Schlitten über das Eis rast, hunderte Kilometer von jeder Siedlung entfernt. Nur wenig später gabeln die Matrosen einen weiteren Mann auf, der in verzweifelter Lage auf einer Eisscholle dahin treibt. Er kommt, völlig am Ende seiner Kräfte, an Bord und berichtet, wie er in die missliche Lage kommen konnte.

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Das Leben nach der Bombe – „Burnt Shadows“ von Kamila Shamsie

Hiroko Tanaka hat sich gerade mit dem deutschen Immigranten Konrad Weiss verlobt, als die Bombe über Nagasaki abgeworfen wird. Die drei Kraniche, die auf dem Rücken ihres Kimonos eingestickt waren, brennen sich als ewige Erinnerung an diesen Tag in ihre Haut. Konrad stirbt nur wenige hundert Meter von ihr entfernt. Zwei Jahre später packt Hiroko die Sehnsucht nach der weiten Welt und sie reist nach Indien, wo Konrads Schwester lebt, die den Briten James Burton geheiratet hat. Ursprünglich wollte sie dort nur kurz vorbeischauen, doch dann bleibt sie über Monate, wird eine enge Freundin von Konrads Schwester und verliebt sich in Sajjad Ashraf, einen Angestellten des Ehepaars. Sie schlägt alle Warnungen in den Wind und entschließt sich, ihn zu heiraten.

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Es ist und bleibt Hirokos Schicksal, von den Unwägbarkeiten der Geschichte und den Verstrickungen der Politik hin und her geworfen zu werden. Der Mann, in den sie sich verliebt, ist Moslem und kann nach der Spaltung von Indien und Pakistan nicht mehr in seiner Heimatstadt Delhi leben. Die beiden starten ein neues Leben in Karachi. Einmal von der Macht der Bombe in die Welt hinaus geschleudert, scheint Hiroko nichts mehr schrecken und halten zu können. Sie leidet auch nur wenig darunter, dass sie in der neuen Nachbarschaft immer als fremd gilt und ob ihrer mangelnden Religiosität mit großem Argwohn beäugt wird. Ihrem Sohn Reza macht es viel mehr zu schaffen, dass er aufgrund seines Aussehens als fremd erkannt wird.

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Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2020

Gute sechs Wochen nach der Bekanntgabe der Longlist des 25. Women’s Prize for Fiction wurde heute die Shortlist bekanntgegeben. Statt im Rahmen der sonst üblichen Feier konnte die Bekanntgabe in diesem Jahr aus bekannten Umständen nur online stattfinden.

In der Hoffnung, dass später im Jahr wieder Veranstaltungen möglich sein werden, wurde die Preisverleihung von Juni auf September verlegt. Aber hier ist erstmal die Shortlist:

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Ein englischer Zauberberg – „The Dark Circle“ von Linda Grant

Leonard Lynskey steht die Welt offen. Er lebt in der Metropole London, die Jahre nach dem Weltkrieg sind voller Entbehrungen, aber auch voller Möglichkeiten. Lenny ist entschlossen, sie zu nutzen. Er ist jung, gewitzt und hat einen Onkel, der Einfluss genug hat, seinen Neffen quasi überall unterzubringen. Bei einer Tauglichkeitsuntersuchung aber bekommt er einen jähen Dämpfer: bei ihm wird Tuberkulose diagnostiziert. Seine Schwester Miriam hat er bereits angesteckt. Nur wenig später sind die beiden auf dem Weg nach Kent, wo sie in einem Sanatorium behandelt werden sollen.

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Diesen vergleichsweise luxuriösen Aufenthalt haben sie dem neu gegründeten National Health Service zu verdanken. Die Geschwister aus dem East End gehören zu den ersten Patienten, die den Aufenthalt nicht aus eigener Tasche zahlen. Das übrige Klientel der Einrichtung ist nicht nur krank, sondern auch wohlhabend und kultiviert und auch hinreichend skurril um Leben in den Roman zu bringen. Das Sanatorium ist ein noch leidlich schicker, langgezogener Bau auf einer Anhöhe, alle Zimmer mit Balkonen, die ein bewaldetes Tal und das darin liegende Dorf überblicken. Miriam, die sich nur für Klatschzeitschriften, Make-Up und Frisuren interessiert, landet auf einem Zimmer mit der leidenden Literaturstudentin Valerie, während Lenny sich Zeit und Unterkunft mit Automobilverkäufer Colin teilt. Die Behandlungsmethoden im Sanatorium sind ineffizient, brutal oder beides. Miriam liegt tagelang neben Valerie auf dem Balkon und atmet vor sich hin, während man bei Lenny einen Lungenflügel künstlich kollabieren lässt in der Hoffnung, er möge sich dadurch erholen. Bei einigen werden gleich ganze Teile des Brustkorbs entfernt. Mögliche Hilfe verspricht das neue Antibiotikum Streptomycin, doch davon kann der NHS vorerst nur fünf Dosen auftreiben.

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Furchtlos dank Blutegel – „Angstfresser“ von Grit Poppe

Kyra, eine junge Frau, die in Berlin lebt, kriegt ihre Angstzustände einfach nicht in den Griff. Ein normales Leben ist für sie nicht möglich, solange sie nicht das Trauma aufarbeitet, das tief in ihr steckt. Nach Jahren mehr oder weniger erfolgloser Therapien trifft sie zufällig auf eine Frau, die verspricht, ihr mit Traditioneller Chinesischer Medizin helfen zu können. Sie hat einen Angstfresser, einen Hirudo Timor, der sich an Menschen fest- und ihre Angst aussaugt. Ein bisschen skeptisch aber bereitwillig lässt Kyra sich auf einen Therapieversuch ein, nicht ahnend, in welche Verstrickungen sie sich damit begibt.

Poppe - Angstfresser

Parallel zu ihrer wird die Geschichte von Hans erzählt, der 1986 aus der DDR geflohen ist. Er nutzte das Vertrauen der Tochter eines Freundes, die ihm half, die Mauer zu überwinden. Kaum auf der anderen Seite angekommen, trifft er eine Frau, in die er sich verliebt und mit der er einige Jahre zusammenlebt. Der Fall der Mauer jedoch und seine Unfähigkeit, damit umzugehen, setzen der Beziehung ein Ende.

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