Der feine Unterschied zwischen tot und begraben – „Sing, Unburied, Sing“ von Jesmyn Ward

Es ist ein ungewöhnlicher Roadtrip, zu dem Leonie mit ihren Kindern Jojo und Kyla aufbricht. Endlich soll Michael, ihr Freund und Vater der Kinder, aus dem Gefängnis entlassen werden. Mit Leonies Freundin Misty im Schlepptau macht die Familie sich auf den Weg in den Norden Mississippis, um ihn in der Freiheit willkommen zu heißen.

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Die Beziehung zwischen Leonie und ihren Kindern ist zumindest angespannt. Seit Michael im Gefängnis ist, leben die drei bei Leonies Eltern, die für Jojo und Kyla zu Ersatzeltern geworden sind. Unterstützung von Michaels Eltern können sie nicht erwarten. Leonie ist schwarz, Michael ist es nicht, und dieser Umstand reicht, um die Beziehung und die daraus entstandenen Kinder von vornherein nicht zu akzeptieren. Ohnehin ist die Situation zwischen den beiden Familien deutlich angespannt, seit Michaels Cousin vor etlichen Jahren Leonies Bruder Given erschossen hat. Trotz anderslautenden Zeugenaussagen wurde die Tat damals als tragischer Jagdunfall zu den Akten gelegt.

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2019

Am sehr frühen 04. März wurde die diesjährige Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht. Wie immer waren meine Tipps rar und dann auch noch falsch. Einzig bei Madeline Miller und Sally Rooney hatte ich auf’s richtige Pferd gesetzte. Letztere aber auch nicht, weil ich wüsste, was sie so macht, sondern weil dieses Jahr kein Preisweg der englischsprachigen Welt an ihr vorbei führt. Erst am 29.04. wird die Shortlist bekannt gegeben. Bis dahin ist das Rennen zwischen diesen Titeln unentschieden:

Barker, Pat: The Silence of the Girls.
Nachdem nun schon Madeline Miller wieder auf der Liste steht, darf Achilles nicht fehlen. In diesem Roman erzählt Barker die Geschichte von der Belagerung Trojas aus der Sicht von Briseis, die alle Miller-Leserinnen natürlich schon kennen. Für alle anderen: Briseis wurde von Achilles geraubt, lebte als seine Sklavin und wurde zum Pfand in einem Streit von Achilles und Agamemnon. In diesem Roman darf sie auch mal was sagen.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Battle-Felton, Yvonne: Remembered.
Spring sitzt im Krankenhaus am Totenbett ihres Sohnes – der letzte Ort an dem sie sein will, heimgesucht von ihren und fremden Geistern. Ihr Sohn hatte einen schweren Unfall, einige vermuten, dass es sogar ein Attentat war. So oder so bleibt ihr nicht mehr viel Zeit, um ihrem Sohn ihre Geschichte zu erzählen und ihm zu erklären, warum sie wurde, wer sie ist.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

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Essen aus Büchern: Cornish Pasties aus Hilary Mantels „Beyond Black“

Cornish Pasties gab man, als Bergbau in Cornwall noch ein großes Thema war, den Bergbauarbeitern mit in den Stollen. Daher kommt auch der Witz, dass der Teig eines Cornish Pastys so stabil sein muss, dass er einen Sturz in den Minenschacht unbeschadet übersteht. Der Rand wird ziemlich breit geformt und soll als „Halterung“ dienen – wenn man sich vor dem Essen nicht die Hände waschen kann, kann man die Pasties daran festhalten und den Rand am Ende einfach wegwerfen. Außerhalb von Cornwall gefertigte Pasties dürfen heute gar nicht mehr Cornish heißen – meine Pasties sind also auch eher kornischer Art. Unabhängig vom Namen aber erfreut sich dieses gefüllte Gebäck in ganz Großbritannien großer Beliebtheit als praktisches Take Away. So auch in Hilary Mantels Beyond Black:

„In lay-bys they ate leaking seafood sandwiches, and when spring came, in the pedestrial zones of small Thameside towns they sat on benches with warm Cornish pasties, nibbling deintily around the frills.“

„They“ sind Alison, landesweit tätig als spiritistisches Medium, und ihre Assistentin Colette. Beide futtern sich auf ein paar Seiten quer durchs Land, als müsse man Reserven für den Winter anlegen. Schuld daran ist, wie an so vielem, Morris, der persönliche Geist von Alison, der sie überallhin verfolgt und ihr sagt, was und wann sie essen muss. Viel und oft nämlich.

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Coming of Age auf Irisch – Éilís Ní Dhuibhnes „The Dancers Dancing“

Im Sommer 1972 fährt ein Bus von Dublin in den äußersten Norden Irlands, ans östliche Ende von Donegal. An Bord sind Schülerinnen und Schüler, die in den Sommerferien im „Irish College“ ihre eigene Kultur besser (kennen)lernen sollen. Morgens gibt es Irisch-Unterricht, am Nachmittag Ausflüge an den Strand und abends werden traditionelle irische Tänze unterrichtet. Mit dabei ist Orla, die mit ihren Freundinnen Aisling und Sandra reist. Was als unterhaltsamer Schulausflug beginnt, wird für Orla zu einer entscheidenden Entwicklungsphase.

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Ihren Mitschülerinnen gegenüber fühlt Orla sich oft benachteiligt oder sogar minderwertig. Ihr Vater ist Maurer und kein Journalist wie Aislings Vater. Er verdient so wenig, dass ihre Mutter angefangen hat, Zimmer im Haus an junge Männer zu vermieten, die eine billige Unterkunft in der Stadt brauchen. Wenn die Zimmervermietung gut läuft, müssen Orla und ihr Bruder bei den Eltern im Schlafzimmer übernachten und manchmal steht sogar im Treppenhaus noch ein zusätzliches Bett. Freundinnen kann man da natürlich nicht einladen. Außerdem ist ihre Mutter häufig müde und überanstrengt und leidet unter Kopfschmerzen. Orlas Aufgabe ist es dann, ihr im Haushalt zu helfen und die Einkäufe für sie zu tragen. Dass sie das in den nächsten Wochen nicht wird tun können, bereitet ihr ein schlechtes Gewissen. Überhaupt empfindet Orla ihre Familie als peinliche Belastung. Es bereitet ihr beinahe physische Schmerzen, dass sie einen Tag ihre Tante Annie besuchen soll. Was, wenn eine ihrer Freundinnen die schräge Tante sieht, die immer ein Bein nachzieht und in diesem peinlich heruntergekommenen Häuschen wohnt?

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Barbara Kingsolver: The Lacuna

Harrison Shepherd wird als Sohn eines US-Bürgers und einer Mexikanerin in Washington D. C. geboren. 1929 kehrt seine Mutter mit ihm im Schlepptau nach Mexiko zurück, wo sie auf der Hacienda ihres neuen Partners leben. Morgens erwacht er zu den furchteinflößenden Schreien der Brüllaffen, seine Tage verbringt er einsam lesend in seinem Zimmer oder tauchend in er Bucht bei der Hacienda. Dort entdeckt er einen Tunnel, der ihn in eine andere Welt zu bringen scheint – seine Lakune. Seinen einzigen Freund findet er in Koch Leandro. Von ihm lernt er Rezepte, die ihm später noch viel weiter helfen werden. Das alles hält er in seinen Notizbüchern fest, die ein unentbehrlicher Anker für ihn werden und die er sein ganzes Leben lang weiterführen wird.

„You had better write all this in your notebook, she said, the story of what happened to us in Mexico. So when nothing is left of us but bones, someone will know where we went.“

Nach einer erneuten Trennung seiner Mutter kann für Harrison keine gute Schule bezahlt werden und er sucht sich stattdessen Gelegenheitsarbeiten. So kommt er erstmals in das Umfeld des berühmten Malers Diego Rivera, für dessen großes Wandbild in Mexiko City er den Putz anrührt. Später arbeitet er auch für seine noch berühmtere Frau Frida Kahlo, mit der ihn bald eine enge Freundschaft verbindet. Als das Haus der beiden zum Asyl für Leo Trotzki wird, arbeitet er auch als dessen Sekretär. Später lebt er als Schriftsteller in den USA und kriegt größere Probleme mit den Fragebögen zu „unamerikanischen Umtrieben“.

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Ann Patchett: Bel Canto

In einem nicht näher benannten südamerikanischen Land wird der Geburtstag des japanischen Unternehmers Hosokawa groß gefeiert. Man hofft, dass seine Firma im Land investieren wird und hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um einen großen Empfang zu organisieren. Sogar die von ihm vergötterte Opernsängerin Roxanne Coss hat man zu einem kostspieligen Auftritt überreden können. Die Villa des Vizepräsidenten, in der die Feier stattfinden soll, ist auf Hochglanz poliert. Alles läuft wie am Schnürchen, nur Präsident Masuda sagt wegen nicht aufschiebbarer anderer Verpflichtungen ab. Was alle wissen und keiner wissen soll: die unaufschiebbare Verpflichtung ist die wöchentliche Zusammenfassung seiner Lieblings-Telenovela. Das enttäuscht besonders die Terroristen, die nach dem letzten Ton aus Coss Kehle in den Salon stürmen, um den Präsidenten zu entführen. Als sie sein Fehlen bemerken, setzen sie die gesamte Gesellschaft als Geiseln fest.

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Als Patchetts Roman 2001 erschien, war die Erinnerung an die Geiselnahme in der japanischen Botschaft in Lima noch recht frisch. 1996 waren dort bei einem Empfang 480 Menschen festgesetzt worden. Einen Großteil ließ man bald frei, doch 120 der Geiseln wurden über vier Monate in der Botschaft festgehalten, während die Verhandlungen auf der Stelle traten.

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Madeline Miller: The Song of Achilles

Griechische Mythologie hat mich noch nie gekriegt, das muss ich zugeben. Früher hatte ich mal ein Buch mit griechischen Sagen, von dem ich noch weiß, dass irgendjemand mit einem glühenden Pflock einer Kreaturen die Augen ausgebrannt hat – ich glaube, es war Odysseus und das Opfer ein Zyklop, womit er nur ein Auge hätte ausbrennen müssen, aber auch das war schockierend genug, so dass ich danach lieber wieder die Pferde-Internat-Sammelbände aus dem Club Bertelsmann gelesen habe. Ungefähr auf dem Level bin ich geblieben, außerdem kann ich mir die ganzen Namen immer nicht merken und gerate durcheinander und, ich glaube das habe ich schon mal gesagt, ich bin schlecht mit Schlachten. Das ist nun wirklich eine denkbar schlechte Voraussetzung für griechische Heldensagen.

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Nun, dank Women’s Prize for Fiction-Sieg landete nun The Song of Achilles auf meiner Leseliste. Ich hatte noch die Hoffnung, das hätte irgendeine metaphorische Bedeutung, aber nein. Es geht wirklich um Troja, um Achilles und um seinen Gefährten Patroclus. Die Beziehung der beiden ist je nach Quelle unterschiedlicher Natur – in einigen Versionen (Homer) verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, in anderen eine Liebesbeziehung (Aischylos). Miller hat sich in ihrer Variante für letzteres entschieden. Also auf geht’s – verwirrende Namen und Speerwerferei.

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Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

An einem Abend im Frühling treffen sich die beiden Schriftsteller Berlioz und Besdomny an den Moskauer Patriarchenteichen, wo sie ein wenig spazieren gehen und sich über Literatur unterhalten. Dort treffen sie auf den Ausländer Voland, der sich sehr merkwürdig benimmt, nur kryptisch auf Fragen zu seiner Person antwortet und Berlioz einen frühen Tod voraussagt, verursacht durch das Abtrennen seines Kopfes. Nur Minuten später kommt es tatsächlich zu einer unschönen Begegnung des Autors mit einer Straßenbahn. Und das ist erst der Beginn einer Reihe höchst seltsamer Vorkommnisse in der Stadt.

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Gemeinsam mit seinen Begleitern, unter anderem einem riesigen Kater namens Behemoth, bezieht der mysteriöse Ausländer Quartier in der Sadowaja 302b, Wohnung 50. Von dort aus verdingt er sich als Künstler vor ausverkauftem Haus, stiftet allerhand Verwirrung und sorgt dafür, dass die Nervenheilanstalt der Stadt einige Patienten mehr bekommt. Dass der geheimnisvolle Fremde nichts Gutes im Schilde führt, ist schnell klar. Dass er der Teufel höchstselbst ist, will aber niemand wahrhaben, obwohl viele, die ihm begegnet sind, genau das beschwören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht man, die Geschehnisse um den dunklen Magier mit Massenhypnose zu erklären. Volands Methoden sind hinterhältig und grausam, scheinen aber so treffsicher immer die Richtigen zu erwischen, dass man kaum an seinen Taten zweifeln kann.

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Austen im Funkloch – Val McDermids „Northanger Abbey“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Austen-Zitate sich größter Beliebtheit erfreuen, gerne auch als ganzer Roman. Pride and Prejudice and Zombies habe ich vor einiger Zeit mit großer Freude gelesen und mich nun auch an einen Teil des Austen-Projekts gewagt. Im Rahmen dieses Projekts wurden Austens Romane neu erzählt und dabei auch in die moderne Zeit verlegt. Ich habe bisher keines der Bücher gelesen, weil ich sehr skeptisch war – wenn man aus Austen die Empire-Kleider, die komplexen gesellschaftlichen Regeln und jedes „most ardently“, „ever so slightly“ und „oh but you must forgive me“ streicht, was bleibt denn dann? Im besten Fall „Clueless“, im schlimmsten Fall eine ziemlich dünne Story.

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Nun gab es aber beim von mir abonnierten Streaming-Dienst die Hörbuch-Version von Val McDermids Nacherzählung von Northanger Abbey. Vor mir lag eine lange und langweilige Zugfahrt und da erschien mir diese Geschichte, die ich als ganz witzig und spannend in Erinnerung hatte, als gute Option. Und die Krimiautorin Val McDermid konnte ich mir auch als gute Neuerzählerin vorstellen.

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Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

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