Der Glanz vergangener Zeiten – „Brideshead Revisited“ von Evelyn Waugh

Mitten im Zweiten Weltkrieg sieht Hauptmann Charles Ryder sich plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert: er und seine Kompanie sollen im herrschaftlichen Landsitz Brideshead einquartiert werden. Vor etlichen Jahren war dieses Haus fast seine zweite Heimat und sein Leben eng mit dem der Besitzer des Hauses, der Familie Flyte, verbunden.

Charles, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, lernt Sebastian Flyte wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg am College in Oxford kennen. Unverkennbar hat der junge Mann Probleme mit seiner Familie und bezeichnet Brideshead nicht als sein zu Hause, sondern als das Haus, in dem seine Familie lebt. Dennoch bringt er den Studienfreund mehrfach mit nach Brideshead und Charles lernt nach und nach die mehr oder weniger exzentrischen Mitglieder des Haushalts kennen. Brideshead ist, als Charles es das erste mal betritt, schon fast ein Relikt einer vergangenen Zeit. Die Familie Flyte hängt an ihren alten Privilegien, Ansprüchen und Ritualen, kein Hauch von Modernität stört die Atmosphäre in den protzigen Räumen. Obwohl Sebastian sich nicht scheut, seine Privilegien zu nutzen, leidet er unter den Ansprüchen seiner Familie und verfällt zusehends dem Alkohol. Charles kann dem Freund nicht helfen und muss mit ansehen, wie er sich immer weiter von ihm entfernt.

„But as I drove away and turned back in the car to take what promised to be my last view of the house, I felt that I was leaving part of myself behind, and that wherever I went afterwards I should feel the lack of it, and search for it hopelessly, as ghosts are said to do, frequenting the spots where they buried material treasures without which they cannot pay their way to the nether world.“

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Nicht blöd, nur langsam – „Lottery“ von Patricia Wood

Perry L. Crandall ist nicht blöd, er ist nur langsam. Er kann 76 IQ-Punkte vorweisen, darauf ist er stolz und es ist sein Beweis, dass er nicht blöd ist. Wenn man ihm Aufgaben zeigt, dann macht er sie auch ordentlich. Nur manchmal dauert es halt ein kleines bisschen länger. Seine Mutter war mit seiner Erziehung überfordert, deshalb ist er bei seinen Großeltern aufgewachsen. Mittlerweile ist er 32 Jahre alt, arbeitet im Hafen bei einem Schiffsausstatter, ist verliebt in Cherry, die er aus dem Supermarkt kennt und sein bester Freund ist Keith, mit dem er arbeitet und in der freien Zeit segeln geht.

„Retarded. Idiot. These are words I know. They mean foolish or stupid. I am not foolish. I am not stupid. I am not retarded. I am slow.“

Das alles läuft wunderbar, bis sein Leben zwei ganz entscheidende Wendungen nimmt. Erst stirbt seine Großmutter. Perry zieht das den Boden unter den Füßen weg. Sie war nicht nur seine wichtigste Bezugsperson, sie hat ihm auch geholfen einzuschätzen, was richtig oder falsch ist, wer es gut mit ihm meint und wer gemein zu ihm ist. Und dann, in einer zweiten entscheidenden Wendung, gewinnt er 12.000.000 Dollar in der Staatslotterie. Auf einmal ist er reich und berühmt wird er kurz danach. Doch mit dem Reichtum kommen – natürlich – auch die Neider und Geier. Seine Brüder, mit denen er über Jahre keinen Kontakt mehr hatte, erinnern sich plötzlich an ihn. Auch seine Mutter taucht aus der Versenkung auf. Perry schreibt Scheck um Scheck. Allerdings nie über mehr als 500 Dollar – denn mehr als zwei Nullen passen in seiner sorgfältigen aber ungelenken Schrift nicht auf das Stück Papier.

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Ein Mord und viel Wahn -„Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow

Die Rückkehr des Buddha beginnt mit einer Traumsequenz. Der Protagonist und Ich-Erzähler träumt von einem Sturz von einer Felswand, der mit seinem Tod endet. Der Protagonist wird noch mehrere Episoden in diesem Roman erleben, bei denen nicht ganz klar ist, in welchem geistigen Zustand er sich gerade befindet, ob es ein Traum ist oder in irgendeinem Zusammenhang mit der Wirklichkeit steht. Er selbst berichtet, er leide unter einer Geisteskrankheit, die Wahnvorstellungen auslöse. Die Krankheit ist so ausgeprägt, dass ihn deshalb sogar seine ehemalige Freundin und einzige große Liebe verlassen hat.

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Nun lebt der Protagonist als Student in Paris. Ursprünglich stammt er aus Russland und hat im Bürgerkrieg gekämpft, eine Episode, die ihn ebenfalls nachhaltig beeindruckt hat. In einer Wahnvorstellung glaubt er, Gefangener eines „Zentralstaats“ zu sein, von dessen Organen er wieder und wieder unsinnigen Verhören unterworfen wird. Es werden nicht die einzigen Verhöre bleiben.

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Essen aus Büchern: Bohnenmus-Brötchen aus Haruki Murakamis „Kafka am Strand“

Das japanische Bohnemus-Brötchen Anpan erfreut sich landesweit großer Beliebtheit und ist vor allem als Zwischenmahlzeit beliebt. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Wort Anko für Bohnenpaste und Pan, was über das portugiesische pão seinen Weg ins Land gefunden hat. Es soll das erste Brot sein, das jemals in Japan gebacken worden ist. Inzwischen haben sich sowohl bei Teig als auch Füllung zahlreiche Varianten entwickelt. Die traditionelle Füllung ist eine glatte oder pürierte Masse aus Adzuki-Bohnen, inzwischen gibt es aber auch sehr viele innovativere Füllungen.

Auch Nakata aus Murakamis Kafka am Strand gehört zu den Fans des süßen Brötchens. Als er Nakano das erste mal verlassen muss, landet er, völlig überfordert von den Zugverbindungen und nicht in der Lage, Schilder zu lesen, am Bahnhof Shinjuku. Ratlos setzt er sich vor dem Gebäude auf eine Bank. Bald füllt sich der Platz mit Menschen, die dort ihre Mittagspause verbringen.

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Alte Jungfern auf der Walz – „Spinsters“ von Pagan Kennedy

1968 ist ein ereignisreiches Jahr. Bobby Kennedy und Martin Luther King werden ermordet, in Memphis sorgt der „sanitation strike“ für Aufregung, überall in den USA formiert sich Widerstand gegen den Vietnam-Krieg und Frannies Vater stirbt. Letzteres ist der Nation herzlich egal, zieht Frannie aber den Boden unter den Füßen weg, denn ihr Vater nimmt ihre Identität mit ins Grab. Mit Mitte dreißig definiert Frannie sich ausschließlich als seine Tochter, die ihn nach dem frühen Tod der Mutter und durch eine langsame, grausame Krankheit hindurch gepflegt hat. Nach seinem Tod kann sie nur noch Frannie sein, hat aber keine Ahnung, wie man das macht, was man darf, was man trägt. Hilfe findet sie bei ihrer Schwester Doris, die, ebenfalls unverheiratet, auch noch im Haushalt des Vaters lebt. Gemeinsam folgen sie der Einladung einer Tante, einer weiteren „alten Jungfer“, die ohne Mann in Virginia lebt. Frannie freut sich. Von der Tante kann sie lernen, wie man so lebt als unverheiratete Frau, als „spinster“.

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Doch Doris hat andere Pläne. Sie will mehr sehen von diesem großen Land und hält es nicht lange aus im eintönigen Leben ihrer Tante. Wohl oder übel schließt Frannie sich ihr an und gemeinsam fahren sie im Plymouth Valiant quer durch die USA. Sie verbringen Stunde um Stunde auf dem Highway, kommen in Motels unter, essen in austauschbaren Diners, kaufen neue Kleider, reden, reden und streiten. Doris fängt an zu rauchen. Frannie lässt sich versehentlich eine neue Frisur verpassen. Vor allem für Frannie bedeutet die neue Freiheit aber auch Unsicherheit. Sie fürchtet ständig, dass Doris jemand anderen finden könnte, einen Mann, eine neue Freundin, irgendjemand, mit dem sie weiter zieht und Frannie alleine zurücklässt. Sie kann sich nicht vorstellen, ihr Leben mit irgendjemand anderem als ihrer Schwester zu verbringen. Für sie war immer klar, dass die Reise nur eine Unterbrechung ist und sie am Ende wieder nach New Hampshire fahren werden, wo sie weiter unverheiratet zusammenleben werden. Mit alten Kleidern und gewohnter Frisur. Doch die vielen Kilometer Asphalt, die die beiden Schwestern hinter sich lassen, werden langsam zum unsichtbaren Hindernis.

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Im Zeichen des Konditional – „Unless“ von Carol Shields

Reta Winters ist eine zufriedenstellend erfolgreiche Autorin und Übersetzerin und lebt mit Langzeit-Partner und drei gemeinsamen Töchtern in einem hübschen Haus in der Nähe von Toronto. Neben ihrem Beruf findet sie ausreichend Zeit, sich ehrenamtlich in der örtlichen Bücherei zu engagieren und regelmäßig ihre Freundinnen zu treffen. Alles läuft also in geregelten Bahnen, bis ihre älteste Tochter Norah die Wohnung verlässt, in der sie gemeinsam mit ihrem Freund gewohnt hat, und fortan auf dem Bürgersteig sitzt, ein Schild mit der Aufschrift „Goodness“ um den Hals. Nachvollziehen kann diesen Akt niemand so richtig und Norah erklärt ihn nicht. Sie sitzt einfach da, schläft nachts in einer Obdachlosenunterkunft, für die ihre dankbaren Eltern großzügig spenden, und gibt ihr erbetteltes Geld an andere auf der Straße weiter. Immerhin keine Drogen, das ist der einzige Trost, den die Eltern haben.

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Die Abwesenheit von Norah bestimmt das gesamte Leben der Erzählerin und ihrer Familie. Oft besuchen sie die abtrünnige Tochter und sitzen neben ihr auf dem Bordstein. Alle Versuche aber, sie zu einer Rückkehr zu bewegen, scheitern. Norah schweigt und bleibt, wo sie ist. Reta belastet das nachvollziehbar stark und es fällt ihr immer schwerer, an dem Nachfolger ihres bisher einzigen Romans, My Thyme Is Up, zu arbeiten. Der brachte ihr vor einigen Jahren einigen Ruhm und einen Preis für den „zugänglichsten Roman des Jahres“, was immer noch ein bisschen an ihr nagt.

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Der Fall einer Königin – „Bring Up the Bodies“ von Hilary Mantel

In der noch nicht vollendeten Cromwell-Trilogie widmet Hilary Mantel sich dem wenig beachteten und eher unbeliebten Thomas Cromwell, der als Berater und rechte Hand des Königs seine Finger bei ungefähr allem im Spiel hatte, was während der Regentschaft Henrys VIII von Bedeutung war. Für Henry selbst war vor allem eins von Bedeutung: er wollte um alles in der Welt einen männlichen Erben haben. In Wolf Hall , dem ersten Roman der Reihe, führte dies bereits zur Scheidung von seiner ersten Frau, der Gründung einer neuen Kirche und der Ehe mit der zweiten Frau Anne Boleyn. Das dies alles für reichlich Unruhe im Königreich sorgte, versteht sich von selbst. Vor allem Anne Boleyn hatte nicht nur Freunde im Land. Viele Herzen gehörten immer noch Katherine von Aragon und viele waren nicht bereit, „die Konkubine des Königs“ als neue Königin zu akzeptieren.

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Und nun hat auch noch der König genug von ihr. Das einzige Kind, das aus der Beziehung hervorgeht, ist schon wieder ein Mädchen und die einzige weitere Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. Henry hat schon wieder eine andere im Auge. Sein Herz schlägt nun für die bescheidene, fast unscheinbare Jane Seymour. Doch erstmal muss die jetzige Königin aus dem Weg geräumt werden, doch dafür braucht es handfeste Gründe. Und wer wäre besser qualifiziert, diese zu (er)finden als Thomas Cromwell?

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Essen aus Büchern: Boeuf Bourguignon aus Kate Atkinsons „Life After Life“

Kate Atkinsons Life After Life ist nicht nur ein sehr guter Roman, sondern auch eine Goldgrube für Essen aus Büchern. Besonders die Dichte britischer Klassiker ist enorm, doch auch für ein oder zwei Ausflüge in die französische Küche findet sich Zeit. Ein Gericht, das dabei eine besondere Rolle spielt, ist Boeuf Bourguignon. Anlässlich der Zubereitung des französischen Klassikers kauft die Protagonistin Ursula eine gute Flasche Wein, kann abends nicht widerstehen und trinkt das erste mal in ihrem Leben allein. Und trinkt und trinkt und trinkt.

Ursula knew how the drinking had started. Nothing dramatic, just something as small and domestic as a boeuf burguignon she had planned for Pamela when she came to stay for the weekend a few months ago.

Sie wechselt den Weinladen, als sie nicht mehr erklären kann, wie oft sie eigentlich Boeuf Bourguignon macht und kauft im Pub Bier mit der Behauptung, es sei für ihren Bruder. In den 50ern kann sie es sich als Dame natürlich nicht erlauben, allein im Pub zu trinken. Zum Glück ist dieses nur eines von vielen Leben das sie hat, da kommt es auf das ein oder andere Glas nicht an.

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Das lange Warten auf den Henker – „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent

1829 wird in Island die Magd Agnes Magnúsdóttir zum Tode verurteilt. Zusammen mit einer weiteren Hausangestellten und einem Nachbarn soll sie ihren Dienstherren Natan Ketilsson sowie einen Gast im Schlaf ermordet haben. Anschließend sollen sie gemeinschaftlich das Haus angezündet haben, um die Tat zu vertuschen. Als Motiv wird Habgier und Eifersucht angenommen. Statt sie zur Hinrichtung nach Reykjavik zu transportieren, soll das Urteil in dem Tal Islands vollstreckt werden, in dem Agnes fast ihr ganzes Leben verbracht hat. Da es dort keine Gefängnisse oder ähnliches gibt, wird sie bei einer Torfbauern-Familie untergebracht, die davon alles andere als begeistert ist und fürchtet, als nächstes von der kaltblütigen Mörderin gemeuchelt zu werden.

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Unbekannte Wesen aus einer anderen Zeit – „Remarkable Creatures“ von Tracy Chevalier

Mary Anning, vermutlich die erste und sicher wichtigste Fossiliensammlerin Englands, war vor gar nicht langer Zeit schon Thema auf diesem Blog. Während sie zu ihren Lebzeiten wenig öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung erfuhr, ist das Interesse an ihr in den letzen Jahren spürbar gewachsen. Neben diversen Biographien gibt es mit Remarkable Creatures auch einen Roman, der sich mit ihrem Leben und dem ihrer Freundin und Mit-Sammlerin Elizabeth Philpot beschäftigt. Die Damen betrachteten sich selbst allerdings eher als Jägerinnen und nicht als Sammlerinnen. Sie waren bei Wind und Wetter am Strand unterwegs um möglichst schöne und spektakuläre Fossilien zu finden, während die Sammler gemütlich darauf warteten, dass man ihnen die schönsten Funde auf dem Silbertablett präsentierte.

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