Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

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Carol Shields: Larry’s Party

Laurence Weller, genannt Larry, geboren 1952 als Sohn britischer Einwanderer, wächst im ruhigen Winnipeg auf. Er benimmt sich vernünftig, kleidet sich ordentlich und arbeitet als Florist. Florist ist er eher zufällig geworden, einer von nur zwei männlichen Schülern im entsprechenden Kurs am College. Als er Ende zwanzig ist, lernt er Dorrie kennen und heiratet sie noch bevor man die Schwangerschaft sieht. Die Hochzeitsreise allerdings, eine Gruppenreise durch England, stellt sein Leben auf den Kopf. Interessiert an Pflanzen aller Art ist er begeistert von der Vielzahl der Hecken, die es entlang der Route zu sehen gibt. Der Irrgarten in Hampton Court ist eine Offenbarung für ihn. Entgegen der Absprache mit der Gruppe trödelt er lange in den grünen Gängen herum, bekommt Ärger mit seiner jungen Frau, aber hat auch für alle Zeiten sein Herz an dieses Element der Gartenbaukunst verloren.

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Kaum ist die junge Familie Weller mit dem verdächtig bald geborenen Sohn in ihr kleines Heim in Winnipeg gezogen, beginnt Larry, das Haus in einem Irrgarten zu verstecken. Geld und Zeit investiert er sehr zum Ärger von Dorrie nicht in die Renovierung des Badezimmers, sondern in den stetigen Ausbau seines ersten Irrgartens. Ein später angestrebter Umzug in ein größeres, schöneres Haus scheitert daran, dass er sein Herzensprojekt nicht einfach umpflanzen kann. Nach wenigen Jahren wird Larrys erste Ehe geschieden und er beginnt ein neues Leben als Irrgarten-Bauer in Chicago. Als einer von wenigen Spezialisten weltweit bringt er es mit seiner Firma A/MAZING Inc. zu einigem Ruhm.

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Becky Chambers: The Long Way to a Small, Angry Planet

2014 stand Becky Chambers vor der Entscheidung: neuen Job suchen oder Roman schreiben? Mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion gelang es ihr, die joblose Zeit zu überbrücken und sich auf ihre schriftstellerische Tätigkeit zu konzentrieren. Das Ergebnis, die Geschichte der jungen Rosemary, die ihren ersten Job an Bord eines Raumschiffes bekommt, wurde zum Überraschungserfolg und wurde für jeden Preis in greifbarer Nähe nominiert. In diesem Sommer erscheint nun schon der dritte Roman von Chambers.

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Hier aber soll es um den ersten gehen, der an Bord des Raumschiffs Wayfarer spielt. Kapitän Ashby hat als Ergänzung für seiner chaotischen Crew die junge Rosemary angeheuert, deren undankbarer Job fortan die Organisation aller Bordangelegenheiten ist. Erst noch schüchtern taut sie doch schnell auf in Gesellschaft der sympathischen Crew, die aus den verschiedensten Ecken des Universums stammt. Längst nicht alle von ihnen sind humanoid und es braucht einiges diplomatisches Geschick und Geduld um so viele Bedürfnisse, Besonderheiten, Arme und Schuppen unter einen Hut zu bringen. Und gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass die Crew zusammenhält. Die Wayfarer ist ein Bohrschiff, das Wurmlöcher durchs Universum legt und so für schnelle und effiziente Verbindungen sorgt. Ashby hat nun einen besonders gut bezahlten, aber auch riskanten Job an Land gezogen: sie sollen einen neuen Tunnel bauen zum Planeten Hedra Ka, dem Hauptplaneten der aggressiven Toremi, die erst vor kurzem der Allianz der Galactic Common beigetreten sind. Der Weg ist lang und der Planet potentiell feindselig, aber die Wayfarer scheut die Herausforderung nicht.

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Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday

Wie es sich für einen Dubliner Roman gehört, spielt Molly Fox’s Birthday an einem einzigen Tag, dem 21.06. Diesen einen Tag verbringt eine namenlose Erzählerin, Theaterautorin, in Molly Fox’s Haus und versucht, an ihrem neuen Stück zu arbeiten. Molly Fox selbst taucht in diesem Roman ebenso wenig auf wie ihr Geburtstag, den die Schauspielerin lieber nicht feiert und stattdessen alleine in New York verbringt. Die Erzählerin fühlt sich trotzdem ständig von ihr umgeben, denn Mollys Haus ist randvoll mit Erinnerungen an Theatererfolge, Reisen und Freundschaften. Ständig in Gedanken bei der alten Freundin kommt die Erzählerin nicht dazu, auch nur einen Satz zu Papier zu bringen. Stattdessen hängt sie Erinnerungen an die gemeinsame Zeit nach, an die erste gemeinsame Produktion und die gemeinsamen Freunde. Vor allem Andrew, den sie seit Studienzeiten kennt, spielt eine große Rolle in ihren Erinnerungen, ebenso wie ihr Bruder Tom, der Priester geworden ist.

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Emma Henderson: Grace William Says it Loud

Grace wird 1946 als drittes Kind der Londoner Familie Williams geboren. Schnell wird ihrer Mutter klar, dass ihre jüngste Tochter sich anders und langsamer entwickelt als ihre älteren Geschwister. Sie wächst sehr langsam, lernt spät und nur mit Mühe laufen und kommt nie über Zwei-Wort-Sätze hinaus, die sie in die Welt schreit, trotz aller Therapiebemühungen kaum in der Lage, ihre Zunge zu beherrschen. In winzigen Schritten geht es voran, doch als Grace sechs Jahre alt ist erkrankt sie an Kinderlähmung. Nur knapp überlebt sie in einer Eisernen Lunge, einer ihrer Arme aber und ein Bein werden stark in Mitleidenschaft gezogen. Nelson nennt sie den jetzt beinahe nutzlosen Arm und hinkt fortan noch schiefer durchs Leben.

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Aussichtslos, sagt er Arzt. Grace werde niemals in der Lage sein, eine Schule zu besuchen oder ein eigenständiges Leben zu führen. Er empfiehlt, sie in eine spezielle Einrichtung zu schicken und so landet Grace im Alter von zehn Jahren in „The Briar“. Dem Zeitgeist entsprechend dient diese Einrichtung fast ausschließlich der Verwahrung von Menschen mit diversen Behinderungen. Sinnvolle Therapie- oder Beschäftigungsangebote gibt es kaum für die dort lebenden, dafür sind die Schikanen und Strafen des Personals umso ausgefeilter und brutaler. Ohne genau zu wissen warum, verbringt Grace Tage in dunklen „Strafräumen“, hungert und wird gezwungen, erniedrigende Arbeiten zu verrichten. Ihre einzige Stütze ist ihr Freund Daniel, Sohn eines halbseidenen aber angebeteten Antiquitätenhändlers, ein Epileptiker, der bei einem Unfall beide Arme verloren hat. Er zeigt Grace in den ersten Tagen alles nötige und wird später ihre erste und einzige große Liebe.

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Joolz Denby: Billie Morgan

Billie, eine auf die fünfzig zugehende Geschenkartikelladen-Besitzerin aus Bradford, lebt zurückgezogen in einem kleinen Häuschen, hat zwei Katzen und duscht mit Teebaumöl-Duschgel. Doch nicht immer verlief ihr Leben in so geordneten Bahnen. In ihrer Jugend ist sie Teil der Hippie-Bewegung, bis sie nach einem brutalen Vorfall ihren ehemaligen Freunden den Rücken kehrt und sich auf die Suche nach loyaleren Kreisen macht. Sie findet sie bei den „Devil’s Own“, einer Rockergang, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt, aber immerhin den Zusammenhalt groß schreibt. Dort lernt sie auch ihren späteren Mann Mickey kennen, mit dem zusammen sie eine furchtbare Gewalttat begeht. Der Mann, der dabei stirbt, ist ein kleinkrimineller Außenseiter, er ist aber auch der Freund von Jas, die von ihm schwanger ist, und die sich, nachdem sie jetzt alleine da steht, hilfesuchend an Billie klammert. Sie ahnt nicht, wen sie zur Patentante, zum Schutzengel für ihren Natty ernannt hat.

„It was just a fact, that violence was as much part of me as love, honour and pride. It had given me iron strength of will over the years, but sometimes it demanded a price for that daily control.“

Billie ist von Jas Hilflosigkeit und ihrer Drogenabhängigkeit oft genervt und überfordert, ihre Schuldgefühle erlauben es ihr aber nicht, der Freundin und ihrem Sohn den Rücken zu kehren. Manchmal wünscht sie sich, sie hätte sich damals einfach der Polizei gestellt, dann wäre ihre Strafe jetzt abgesessen und vergolten. So plagen sie auch nach Jahren noch schlimme Alpträume und auch ihre Ehe ist kurz nach der Tat in die Brüche gegangen. Zu allem Überfluss startet nun noch eine Tageszeitung eine Reihe über Vermisstenfälle die nie aufgeklärt wurden und die Mutter des Toten will noch einen letzten Versuch starten, ihren Sohn zu finden. Billie gerät in Panik. Was, wenn jetzt doch noch alles ans Licht kommt?

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T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

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Women’s Prize for Fiction für Kamila Shamsie

Der diesjährige Women’s Prize for Fiction geht an Kamila Shamsie für ihren Roman Home Fire. Nach Shortlist-Platzierungen 2009 (Burnt Shadows/Verglühte Schatten) und 2015 (A God in Every Stone/Die Straße der Geschichtenerzähler) ist es das erste mal, dass Shamsie den Preis gewinnt. In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte von Isma und ihren Geschwistern und der Untrennbarkeit von Privatem und Politischem. In den englischsprachigen Medien wurde der Roman in den höchsten Tönen gelobt, eine sehr lesenswerte deutschsprachige Besprechung gibt es beispielsweise bei letteratura.

In deutscher Übersetzung ist der Roman unter dem Titel Hausbrand beim Berlin Verlag  für September angekündigt.

Und wer nochmal wissen will, gegen wen Shamsie sich durchgesetzt hat – und die Konkurrenz war nicht ohne – kann einen Blick auf die Longlist und die Shortlist werfen.

Essen aus Büchern: Scones aus Jasper Ffordes „Shades of Grey“

Scones sind unbestritten einer der großen Klassiker der Britischen Küche und besonders zur Tea Time beliebt. In Shades of Grey ist es die Aufgabe von Haushälterin Jane, die Scones zu servieren. Eddie Russett, Protagonist des Romans, ist gerade in die Stadt gekommen und nun kommen die wichtigsten Bürger der Stadt vorbei, um ihn und seinen Vater willkommen zu heißen.

Jane hasst jeden einzelnen von ihnen. Sie ist gegen das System der Farbherrschaft und vor allem ist sie gegen ihre Zwangsverpflichtung als Haushälterin. Immerhin scheint sie Eddie zu mögen, denn sie schiebt ihm, als der Tee gerade serviert ist, noch schnell einen Zettel zu:

Don’t eat the scones!

Und so lehnt Eddie dankend ab, während die Präfekten sich über den leicht pikanten Geschmack wundern. Jane weigert sich später, Eddie zu sagen, was genau in ihren Scones war. Aber es überleben alle.

Die Scones, die ich gebacken habe, kommen ohne eklige Geheimzutat aus und sind im wesentlichen ein Rezept von Mary Berry. Und so geht’s:

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Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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