Große Stories und gekränkte Eitelkeit – „Eveless Eden“ von Marianne Wiggins

Es ist 1986, eine enorme CO2-Wolke aus dem Nyos-See hat gerade knapp 1.700 Menschen getötet, als sich Noah und Lilith das erste mal in einer Bar begegnen. Er ist nach Kamerun gekommen um im Auftrag seiner Zeitung über den Vorfall zu berichten, sie tingelt als freie Fotografin von Krisenherd zu Unglücksort. Noah bewundert ihre Arbeit schon lange, war aber immer davon ausgegangen, dass sich hinter ihrem Künstlernamen Divi ein Mann verbirgt. Welche Frau ist denn schon so mutig und reist in Kriegsgebiete und macht dann auch noch so gute Fotos? Er weiß noch nicht, wer sie ist, da nutzt er schon die erste sich bietende Gelegenheit, sie unter ihrem Regencape zu begrapschen. Ja, so ekelhaft ist Noah und so ekelhaft bleibt Noah. Dennoch findet er Lilith wenig später in seinem Hotelzimmer. Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, die ein jähes Ende findet, als Lilith vor einem Heiratsantrag flüchtet und vor ein Auto läuft.

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Das Auto wird gesteuert von Adam Pentrú, rumänischer Handelsminister. Das erfährt Noah aber erst später, als Lilith schon längst mit Adam durchgebrannt ist und er sich manisch in die Idee verbeißt, dass dieser Pentrú irgendwie Dreck am Stecken haben muss, dass es etwas geben muss, mit dem er ihn festnageln kann, aus dem Verkehr ziehen kann, kurz: Lilith zurückerobern kann. Da das nicht so schnell geht, vergewaltigt er Lilith stattdessen, als er sie im Kontext des Mauerfalls kurz im Berliner Tiergarten trifft.

Noah ist ein wirklich und vollkommen unerträglicher Protagonist. Der Roman wird aus seiner Sicht erzählt, Lilith bleibt begehrenswert aber unverständlich, charakterisiert ausschließlich über ihr attraktives Äußeres und ihren Haudegen-Mut. Darüberhinaus bleibt sie erschreckend platt und blass, es gibt nichts in ihrer Persönlichkeit, was erklären würde, warum Noah die halbe Welt auf den Kopf stellt, um sie zurückzuerobern. Am Ende waren es dann wohl doch die Brüste. Noah steht ihr ihm Haudegentum natürlich in nichts nach, er ist ein verwegener Macher und mutiger Überschreiter von Grenzen. Sprachlich äußert sich das vor allem darin, dass er sich immer ausdrückt als lehne er mit Zigarette im Mundwinkel und Cowboy-Stiefeln an den Füßen am Tresen einer Bahnhofskneipe. Ich störe mich wirklich nicht an Flucherei, aber wie oft dieser Mann „fuck“ sagt macht überhaupt keinen Sinn. „Fuck“ ist ein Interpunktionszeichen für Noah, er benutzt es inflationär und nahezu unbeeinflusst von seinem Gemütszustand. Das überdurchschnittliche Sprachgefühl das er, auf einen Pulitzer-Preis hoffend, für sich geltend macht, äußert sich allenfalls in der korrekten Verwendung von Fremdwörtern. Als es dann gegen Ende des Romans Anlass gibt, „fuck“ zu sagen, als er in Rumänien dann wirklich hinter die finsteren Geschäfte Adams steigt, da hört er interessanterweise auf. Im letzten Drittel hört das Buch auf, um das gekränkte Ego eines New Yorker Journalisten zu kreisen, der die Frau nicht haben kann, die er für sich beansprucht. Plötzlich ist Noah nicht mehr so cool und der Roman fast ein Polit-Thriller. Blöderweise wird dieser Paradigmen-Wechsel weder erklärt noch vom Roman und seinen Figuren getragen.

„When she was working, she became a different person than the one who shared a bed with me – when she was working she could dissapear like some women, passive bodies, can – and do – in sex.“

Marianne Wiggins hat ihrem Protagonisten einen „male gaze“ verpasst, der seinesgleichen sucht und so überzogen scheint, dass es schon fast parodistisch wirkt. Ich habe den halben Roman lang mit steigender Verzweiflung Anzeichen dafür gesucht, dass der Roman genau das sein soll, eine Parodie auf den guten alten Dreitagebart-Journalisten, der sich und der Leserschaft die Welt und ihre Krisen erklärt und das mit voller Deutungshoheit. Und dabei ganz nebenbei auch noch pampig wird wenn das Objekt seiner Begierde, und mehr als ein Objekt wird Lilith kaum, keine Lust mehr hat. Wenn es eine Satire sein soll, ist sie sehr gelungen. Leider finde ich weder im Text noch in der zeitgenössischen Rezeption irgendeinen Hinweis darauf, dass das Buch was anderes sein soll als ein todernster Thriller mit mittelviel Sex. Und dann ist das Buch leider unerträglich.


Marianne Wiggins: Eveless Eden. Flamingo 1996. Erstausgabe Harper Collins 1995. Eine deutsche Übersetzung ist 1997 unter dem Titel Das Paradies schwarzweiß bei Ullstein erschienen. Beide Ausgaben werden nicht mehr aufgelegt.

Das Zitat stammt von S. 79.

1996, im ersten Jahr seines Bestehens, war dieser Roman für den Orange Prize nominiert. Dieser Beitrag gehört zum Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

Gefallene Frauen und unversöhnliche Männer – „Paradise“ von Toni Morrison

Die Handlung von Paradise beginnt mit einer Gewalttat, einem Angriff auf ein Kloster. Es sind Männer aus dem nahen Dorf Ruby, die das Frauen-Refugium attackieren, bewaffnet mit Seilen und Gewehren.

Das Kloster hat den Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, wird aber immer noch von allen so genannt. Es ist lange her, dass es einem Orden gehörte und Nonnen dort lebten. Nun ist es eine Unterkunft für Frauen, die sonst keinen Ort finden, an dem sie leben können oder wollen. Mavis, deren Kinder in einem überhitzten Auto starben, Gigi, die ziellos und selbstbewusst durch die Staaten tingelt, Seneca, deren Mutter abgehauen ist und die in verschiedenen Pflegefamilien aufwuchs. Die Berührungspunkte mit dem Dorf sind gering und beschränken sich im wesentlichen auf den Verkauf von Produkten aus dem Gemüseanbau der Frauen. Doch wo die Frauen auftauchen sorgen sie für Unmut. Zu knapp ist ihre Kleidung, zu laut ihr Lachen, zu unverheiratet ihr Familienstand.

„Not women locked safely away from men; but worse, women who chose themselves for company, which is to say not a convent but a coven.“

Im nahen Ruby machen sie sich damit viele Feinde. Am meisten gefürchtet werden sie von den Männern, die mal Beziehungen zu einer der Frauen hatten und nun die Störung ihres Familienlebens fürchten. Ruby ist ein „black settlement“, gegründet von neun Familien, die den Ort aufbauten, nachdem sie aufgrund ihrer Hautfarbe an anderen Orten nicht geduldet und vertrieben wurden. Ruby kann nur funktionieren, wenn sich alle Familien an die ungeschriebenen Gesetze des Ortes halten und den Zusammenhalt hoch halten. Das wichtigste Gesetz in Ruby ist, sich keinen Ärger mit den weißen Gesetzen einzuhandeln. Das zweitwichtigste Gesetz ist Gottesfürchtigkeit. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, fernab der großen Straßen und Busverbindungen, in der Fremde mit Argwohn betrachtet werden.

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Der erste Satz in Paradise lautet „They shoot the white girl first“. Damit ist Hautfarbe schon als zentrales Thema des Romans gesetzt. Außerdem führt es dazu, dass man bei jeder der fünf Frauen, die nach und nach in dem Roman eingeführt werden, rätselt, ob sie das white girl sein könnte, das erste Opfer des Überfalls auf das Kloster. Morrison erwähnt es mit keiner Silbe. Nie erfährt man, wie die Frauen im Kloster aussehen, wie hell ihre Haut ist, wie dunkel ihre Haare. Man kann nur versuchen, die Hinweise im sozialen Verhalten zu finden, in den Reaktionen des Umfelds, in den Geschichten, die die Mädchen erzählen. Ebenso verhält es sich mit vielen anderen Charakteren im Buch. Obwohl die Hautfarbe eine ganz zentrale Rolle im Roman spielt, wird sie kaum erwähnt. Bei den Einwohner*innen von Ruby ist es sowieso klar: sie haben eine eigene Ideologie aufgebaut auf der Tatsache, dass sie so Schwarz sind, dass sogar andere black settlements sie nicht akzeptieren.

Paradise ist ein rauer, fordernder, dichter Roman. Es geht nicht so brutal weiter, wie man es nach dem blutigen Einstieg annehmen könnte. Morrisons Schreibweise aber erfordert den ganzen Roman über erhöhte Aufmerksamkeit. Vieles wird nur angedeutet, gerade was die Geschichten der Frauen im Kloster angeht. Grausamkeiten und Missbrauch spielen sich oft zwischen den Zeilen ab, die größten Ereignisse und Schicksalsschläge stecken in einem Halbsatz. Die Nuancen und Zwischentöne muss man wahrnehmen und behalten, damit man überhaupt eine Chance hat, am Ende alles zusammenzusetzen. Im Schnitt habe ich beim Lesen alle fünf Seiten ein Post-It verklebt, auf einigen Seiten gleich drei, um mir die Navigation im Roman ein bisschen zu erleichtern.

Auch wenn es fordernd ist – das Lesen von Paradise lohnt sich in jedem Fall. Patriarchale Strukturen, Rassismus und Misogynie bilden den Hintergrund für diesen düsteren  und beklemmenden Roman, dessen bedrückende Atmosphäre sich von der ersten bis zur letzten Seite zieht. Ein bisschen magischer Realismus zieht sich durch die Seiten, der die mysteriöse Stimmung unterstreicht. An einigen Stellen fand ich die Sprache vielleicht ein kleines bisschen zu sehr bildlich aufgeladen, das ändert aber nichts daran, dass ich Paradise uneingeschränkt empfehlen kann.


Toni Morrison: Paradise. Vintage 2014. 318 Seiten. Erstausgabe Alfred A. Knopf 1997. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Piltz ist unter dem Titel Paradies bei Rowohlt lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 276.

1999 war das Buch für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

Ein gebrochenes Herz und die beste Vinaigrette – „Heartburn“ von Nora Ephron

Rachel Samstat, geborene New Yorkerin, ist ihrem Mann Mark Feldmann zu Liebe nach Washington gezogen. Sie ist Autorin von Kochbüchern und hat seit einiger Zeit auch eine eigene Fernsehsendung. Mark ist ein erfolgreicher Journalist, das Ehepaar hat bereits ein Kind und Rachel ist schwanger mit dem zweiten. Mark und Rachel bewegen sich in Washingtons höchsten Kreisen, dinieren mit Promis und Diplomaten. Klatsch und Tratsch sind an der Tagesordnung und am heißesten wird gerade die Frage diskutiert, mit wem Freundin Thelma eine Affäre hat. Denn sie hat eine, das ist allen klar. Nach wochenlangem Rätselraten findet Rachel es heraus: es ist ihr Mann Mark. All die Tage, an denen er behauptete, Glühbirnen kaufen zu gehen und ohne zurückkam – er hat sie genutzt, um Thelma zu treffen. Tief verletzt steigt Rachel in den nächsten Flieger und setzt sich ab ins New Yorker Elternhaus. Sie ist am Boden zerstört und nicht bereit, zu verzeihen oder irgendwelche Kompromisse einzugehen. Sie macht so gute Vinaigrettes, wie kann Mark das alles aufs Spiel setzen?

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Heartburn ist eine sehr, sehr autobiographisch inspirierte Beziehungs- und Scheidungsgeschichte. Norah Ephron war Journalistin und Autorin etlicher Romane und Drehbücher, u. a. schrieb sie die Drehbücher für Harry und Sally und Schlaflos in Seattle. Der Mann, der im Roman Mark heißt, hieß in der Realität Carl Bernstein, war der Journalist, der die Watergate-Affäre auffliegen ließ und Ephrons zweiter Mann. Zusammen waren sie ein extrem erfolgreiches Paar, das einen festen Platz in der High Society von Washington hatte. Ephron hatte allerdings von Anfang an ihre Zweifel, da Bernstein sie schon vor der Hochzeit betrogen hatte und so hielt die Ehe dann auch nur knappe vier Jahre. Das Ende wurde eingeläutet von Bernsteins Affäre mit der späteren Labour-Politikerin Margaret Jay.

„In the end, what’s left is a social arrangement. You are a couple. You go places together. And then you break up, and the moving man tells you yours wasn’t so bad. But it was. Even when you end a marriage you want to end, it’s awful.“

Die letzten Monate der Beziehung von Rachel Samstat und Mark Feldman schildert Ephron sehr humorvoll und ohne Verbitterung in diesem Roman. Auch sich selbst gegenüber ist die Ich-Erzählerin recht schonungslos und überzeichnet einige ihrer Reaktionen und Emotionen. Dennoch bleibt spürbar, wie sehr sie der Vertrauensbruch von zwei Seiten verletzt hat. Ephron findet einen gelungenen Weg, diese Scheidung, die so sehr sichtbar die ihre ist, in der Öffentlichkeit zu sezieren, ohne dabei schmutzige Wäsche zu waschen oder beleidigend zu werden. Zwar gibt es keine großen Entwicklungen oder Überraschungen in dieser Geschichte, dennoch liest sie sich sehr charmant und unterhaltsam. Rachel, sonst Autorin von Kochbüchern, in denen sie viele Geschichten von Freundinnen und Familie erzählt, bricht auch in Heartburn nicht mit ihrem Stil und bringt jede Menge Foodwriting in ihrem Roman unter. Wie gelingsicher ihr Käsekuchen wirklich ist, werde ich möglicherweise an anderer Stelle berichten.


Nora Ephron: Heartburn. Virago Press 2018. Erstausgabe Alfred A. Knopf 1983. Eine deutsche Übersetzung von Ursula Gail ist 1991 unter dem Titel Sodbrennen bei Knaur erschienen, aber nicht mehr lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 84.

Wie erleuchtet darf ein Familienvater sein? – „Einmal Buddha und zurück“ von Anne Donovan

Jimmy, Maler und Tapezierer aus Glasgow, entdeckt mit Ende dreißig den Buddhismus für sich. Statt abends mit seinem Bruder in den Pub zu gehen, meditiert er in seinem Zimmer und verbringt Wochenenden in buddhistischen Seminarzentren. Seine zwölfjährige Tochter Anne Marie reagiert ungläubig aber neugierig, seine Frau Liz ist bald einfach nur noch genervt. Sie glaubt, dass das alles nur eine Phase ist, kocht vegetarische Mahlzeiten und hofft, dass ihm die Idee mit der Enthaltsamkeit bald selbst blöd vorkommt.

„Ich versuchte, geduldig zu sein und ihm zuzuhören, aber wenn er diesen Blick hatte, kam man nicht mehr an ihn ran, alle anderen waren ihm egal. Und wie er darüber redete – als ob das alles neu wäre, als ob er den Quatsch höchstpersönlich erfunden hätte.“

Doch Jimmys Weg zur Erleuchtung wird ihm immer ernster und schließlich zerkracht das Ehepaar sich so sehr, dass er auszieht und fortan im Meditationsraum des buddhistischen Zentrums übernachtet. Nach dem ersten Schrecken beginnt Liz sich zu fragen, ob das nicht auch ganz gut so ist. Mit ihren 33 Jahren entdeckt sie, dass es auch ein Leben jenseits gibt von Jimmy, mit dem sie jetzt schon seit 17 Jahren zusammen ist.

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Gute Katholiken – „Liars and Saints“ von Maile Meloy

Mitten im Krieg heiraten Yvette Grenier und Teddy Santerre in Santa Barbara. Yvettes Familie wird ihr nie verzeihen, dass sie Kanada verlässt, um einen Amerikaner zu heiraten. Beide stammen aus streng katholischen Familien, beide meinen es ernst mit Heim und Ehe. Als Teddy seine Karriere als Flieger bei der Armee endlich hinter sich gebracht hat, steht dem jungen Glück inklusive zweier Töchter nichts mehr im Weg.

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Außer vielleicht besagte Töchter. Obwohl ihre Eltern alles für das Seelenheil von Margot und Clarissa geben, werden die beiden doch von den wilden 60er-Jahren mitgerissen. Margot wird schwanger vom Tanzlehrer, Clarissa verliebt sich einen Hippie und hört auf, BHs zu tragen. Um zumindest größeren Schaden abzuwenden, zieht Yvette Margots Sohn Jamie als ihren auf und tut, als sei er eben ein Nachzügler. Dass Jamie nicht ihr Sohn ist, hält sie sogar vor ihrem Mann lange geheim. Natürlich stürzt das die Familie auf lange Sicht in größere Schwierigkeiten.

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Aufstieg und Stillstand – „NW“ von Zadie Smith

Leah und Keisha wachsen gemeinsam auf in Londons Nordwesten, in Wohnblöcken, die nach wichtigen Philosophen benannt sind: Bentham, Locke, Russel, Hobbes, Smithes heißen die Koordinaten ihrer Jugend. Dass sie dort nicht bleiben wollen, ist beiden schnell klar. Denn trotz der vielversprechenden Namen ist ihre Wohngegend so trost- wie chancenlos. Wer bleibt, endet oft genug in Drogenabhängigkeit und Kleinkriminalität. Leah und Keisha haben große Pläne, studieren und versuchen, das beste aus ihrer Herkunft zu machen. Keisha muss sich dabei immer mehr anstrengen als Leah. Als Schwarze kann sie sich die rebellischen Eskapaden ihrer rothaarigen Freundin nicht erlauben. Ihre Mutter war immer darauf bedacht, dass ihre Kinder unter dem Radar bleiben, nie auffallen, sich immer ein kleines bisschen besser benehmen, bloß nicht unangenehm auffallen. Schließlich ändert Keisha sogar ihren Namen und wird als Natalie eine erfolgreiche Anwältin. So erfolgreich, dass Leah, die es „nur“ zur Sachbearbeiterin beim Sozialamt gebracht hat, sich bei ihren Einladungen zwischen all den etablierten Jurist*innen oft fehl am Platz fühlt. Natalies Einladungen geben ihr, die immer noch im Nordwesten lebt, das Gefühl, nur noch Staffage aus alten Tagen zu sein.

„She had been asked to pass the entirety of herself through a hole that would accept only part.“

Die Freunde ihrer Kindheit und ihre Geschwister, die in den Wohnblocks bleiben, folgen dem Weg der ihnen qua Geburt vorherbestimmt scheint. Einige werden früh Eltern, viele werden drogenabhängig, ebenso viele halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser. Dabei machen sie auch vor Ihresgleichen nicht halt. Der Roman beginnt mit Shah, einer ehemaligen Schulkameradin Leahs, die ohne jede Skrupel mit einer rührseligen Geschichte 30 Pfund von Leah ergaunert. Und Nathan, in den Leah früher heimlich verschossen war, lebt mittlerweile auf der Straße. Felix, der ebenfalls im Viertel aufgewachsen ist, scheint es endlich geschafft zu haben, scheint einen Weg aus seiner Misere gefunden zu haben, als er überfallen und erstochen wird. Der Nordwesten lässt einen nicht so einfach gehen.

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Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

Arlington Park ist eine Vorstadtsiedlung, die ausnahmsweise nicht im US-amerikanischen Suburbia liegt, sondern im Dunstkreis von London. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere, die Männer arbeiten viel, die Kinder besuchen gute Schulen und die Frauen schmeißen den Haushalt. Der gesamte Roman spielt an nur einem einzigen regnerischen Tag und fokussiert sich dabei auf fünf Frauen, die unterschiedlich zufrieden sind mit dem Leben in der Vorstadt-Idylle.

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Es beginnt mit Juliet, die an diesem einen Tag, den der Roman ihr gibt, noch sauer ist auf den Vorabend, an dem ein Mann sie mal wieder nicht ernst genommen hat und sie sich nicht richtig gewehrt hat. Juliet ist im Grunde kreuzunglücklich in Arlington Park, wo sie mit ihrem Doktortitel an einer Schule unterrichtet, die sie einst mit großen Plänen verließ. Nun darf sie an einem Freitag im Monat den Literaturclub leiten und ihr Mann muss ausnahmsweise die Kinder von der Schule abholen. Eine logistische Meisterleitung, vor allem für Juliet. Sie ist sich sicher: Männer bringen Frauen in der Ehe um, Stück für Stück, Tag für Tag sterben die Frauen ein kleines bisschen mehr.

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Einsam in Shirley Falls – „Amy and Isabelle“ von Elizabeth Strout

Isabelle Goodrow lebt mit ihrer Tochter Amy in der Kleinstadt Shirley Falls. Vor Jahren ist sie dort hingekommen, in der Hoffnung, einen Ehemann zu finden, nachdem Amys Vater jung verstorben ist. Bisher hat sie keinen Erfolg. Trotzdem wohnt sie immer noch in dem kleinen Haus, das sie als erstes gemietet hat, und das nur eine Übergangslösung sein sollte, bis sie mit ihrem neuen Partner zusammenziehen würde. Sie verdient ihr Geld in der Verwaltung einer Schuhfabrik, die der größte Arbeitgeber in der Stadt ist und in der sie es inzwischen zur Chefsekretärin gebracht hat. In genau diesen Chef ist sie heimlich verliebt, er aber macht keinerlei Anstalten, seine Ehe zu beenden.

Elizabeth Strout - Amy and Isabelle

Mit Tochter Amy hat sie derweil eine Menge Ärger. Sie pubertiert, hat Freundinnen, die auf einmal schwanger sind und raucht heimlich im Wäldchen hinter der Schule. Und als wäre das nicht schlimm genug, verliebt sich auch noch in ihren Mathelehrer Mr. Robertson, der sie mit auswendig gelernten Gedichten um den Finger wickelt. Wenn das ans Licht kommt, ist Isabelles Status in Shirley Falls endgültig am Ende. Seit sie in der Stadt wohnt, ist sie verzweifelt bemüht, in die „besseren Kreise“ zu kommen, engagiert sich in der Kirche und versucht, durch angemessene Lektüre ihre Bildung zu verbessern. Sie träumt davon, eines Tages unterhaltsame Dinner-Parties geben zu können, statt alleine auf dem Sofa zu sitzen. Auf ihre Kolleginnen im Büro, die zuviel essen, zuviel rauchen, und überhaupt keinen Sinn für Kultur haben, schaut sie ein wenig herab, würde das aber niemals offen zeigen. Zum Glück, denn nach und nach zeigt sich, dass gerade in diesen Frauen eine Menge Charakter steckt.

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Gebrochene Herzen in der Landverschickung – „The Very Thought of You“ von Rosie Alison

1939 ist London von der Angst vor deutschen Bombenangriffen erfüllt. Eltern wird geraten, ihre Kinder auf dem Land in Sicherheit bringen. Und so entschließt sich auch Roberta schweren Herzens dazu, ihre achtjährige Tochter Anna auf eine Schule in Yorkshire zu schicken. Anna spielt im Rest des Romans nur noch die Rolle der kindlich-unschuldigen Beobachterin, eine Entwicklung über den Alterungsprozess hinaus gibt es nicht, deshalb muss sie nicht weiter erwähnt werden.

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Die Schule in Yorkshire befindet sich im noblen Herrenhaus Ashton Park, das vom Ehepaar Elizabeth und Thomas Ashton großzügigerweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurde. Elizabeth macht das allerdings nur, weil sie selbst gerne ein Kind hätte und einfach nicht schwanger wird, mit wie vielen Männern sie auch schläft. Die Eröffnung der Schule ist ein verzweifelter Versuch, diese große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Ihr Mann Thomas sitzt seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl und hat jede Hoffnung auf wahre Liebe aufgegeben, bis die junge Lehrerin Ruth in Ashton Park auftaucht und sich als herzensgute Frau mit tiefen Augen entpuppt.

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Der Tod kommt durch den Schornstein – „Hogfather“ von Terry Pratchett

Auch in Pratchetts Scheibenwelt ist Weihnachten ein ganz besonderer Tag – nur heißt er Hogswatch und die Geschenke werden vom Hogfather gebracht. Zumindest sonst ist das immer so und es muss auch so sein, denn sonst geht am nächsten Tag die Sonne nicht auf. Leider ist der Hogfather in diesem Jahr verhindert. Die Auditors of Reality haben beschlossen, etwas gegen den unsinnigen Glauben an ihn zu unternehmen und haben den Assassinen Teatime (sprich: Te – a – ti – me) auf ihn angesetzt. Damit der Glaube in dieser Nacht nicht schwindet, ist schnelles und entschlossenes Handeln gefragt. Mit beherztem Ho Ho Ho und künstlichem Bart kraxelt nun der Tod persönlich die Schornsteine der Scheibenwelt herunter, um die Geschenke zu bringen. Auch seine Enkelin Susanne hängt schneller in der Sache drin, als ihr lieb ist und muss ihren Teil dazu beitragen, den Glauben an Zahnfeen, Monster unter dem Bett und ähnliche Kreaturen am Leben zu erhalten.

„‚AND YOU MEAN THAT BECAUSE OF THIS THE POOR GET POOR THINGS AND THE RICH GET RICH THINGS?‘
’s right,‘ said Albert. That’s the meaning of Hogswatch.‘

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