Nothing is free in America – „Dominicana“ von Angie Cruz

Ana ist gerade 13 Jahre alt, als der mehr als doppelt so alte Juan beschließt, dass sie seine Frau werden soll. Das Angebot kann sie nicht ausschlagen. Er ist einer der Ruiz-Brüder, die es in New York zu Wohlstand gebracht haben und vorteilhafte Geschäfte für ihre Familie versprechen. Anders als ihre Schwestern und Freundinnen hat Ana nie von einem Leben in den USA geträumt. Aber es ist der Traum ihrer Generation und ihrer Familie und irgendjemand muss ihn eben leben. Pech für Ana, dass es gerade sie trifft. Als sie 15 ist, holt ihr Bräutigam sie ab. Die Hochzeitszeremonie besteht darin, dass Juan gefälschte Papiere besorgt, nach denen sie erstens 19 und zweitens seine Frau ist und am nächsten Morgen landet sie schon in New York.

Ana träumt davon, zur Schule zu gehen, Englisch zu lernen, vielleicht sogar zu studieren. Sie will ein eigenes Unternehmen gründen und ein eigenes Auto fahren, schöne Kleider tragen und ein selbstständiges Leben führen. Nichts davon erwartet sie in New York. Die riesige Stadt überfordert sie, aber Juan lässt sie ohnehin nicht alleine aus der Wohnung. Während er arbeiten ist, hütet sie das Haus, putzt und kocht und verkauft Bekannten ihres Mannes Anzüge, die vom Lastwagen gefallen sind. Von Schule und Ausbildung ist keine Rede mehr. Sie solle fordern, hatte ihre Mutter ihr geraten: Kleider, Geld, Schmuck. Doch wenn sie fordert, sagt Juan nur nein, er könne es sich nicht leisten. Zu allem Überfluss hat Juan auch noch eine Beziehung zu einer anderen Frau, und das schon seit Jahren. Ana bleibt nichts, als es zu akzeptieren. Heimlich legt sie Dollar für Dollar zur Seite und hofft, davon bald einen Flug nach Hause zahlen zu können, denn New York wird niemals ihr zu Hause sein, das weiß sie sofort. Einen Lichtblick in dieser hoffnungslosen Situation gibt es erst, als Juan für mehrere Wochen verreist. In der Dominikanischen Republik ist ein Krieg ausgebrochen, Juan muss dort nach dem Rechten und seinem Besitz sehen. Ana bleibt alleine in New York zurück und kann endlich die Freiheit erleben, die sie sich von den USA erhofft hatte.

„I feel like our cicken back home. Let in and out, at their owner’s will.“

Cruz erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die Teil einer der ersten Einwanderungsbewegungen aus ihrem Land ist. Es gibt kaum andere Menschen aus der Dominikanischen Republik, sie fühlt sich fremd und unverstanden, allein in einer fremden Kultur. Die fehlenden Sprachkenntnisse isolieren sie zusätzlich, nicht einmal zum Smalltalk mit den Nachbar*innen reicht ihr Englisch. Juan ist ihr keine Hilfe bei der Eingewöhnung. Auch er hat praktisch nur Kontakte innerhalb der winzigen Gemeinschaft von Dominikaner*innen. Ana und ihre Familie träumen davon, dass New York einmal die Heimat vieler Dominikaner*innen sein wird, dass ihre Musik in den Clubs läuft und ihr Essen an jeder Straßenecke verkauft wird. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Durch das Fenster ihrer Wohnung, ihr einziges zur amerikanischen Kultur, beobachtet Ana, wie Malcolm X nach dem Anschlag auf ihn aus dem Audubon Ballroom getragen wird. Sie beobachtet die Menschen auf der Straße, ihren Alltag, ihre Proteste, ihre Energie. Sie wünscht sich, Teil davon zu sein, weiß aber nicht, wo und wie sie anfangen soll. Ohne es zu wollen, verliert Ana sich im amerikanischen Traum: heute noch verkauft sie auf einem Parkplatz Pasteten an hungrige Fabrikarbeiter, aber morgen schon wird ihr eine ganze Restaurantkette gehören. So zumindest ist der Plan.

Die Geschichte gerät sehr persönlich und nahbar, ohne dabei das Universelle der Migrationserfahrung zu verlieren. Nur gelegentliche historische Ankerpunkte erinnern daran, wann die Geschichte spielt. Ana könnte heute ebenso verloren sein wie 1965. Mit ihr schafft Cruz eine unwiderstehliche Protagonistin: Ana ist tough, erfinderisch, smart und viel widerstandsfähiger, als man zunächst glaubt. Bei all dem bleibt sie aber unschuldig und manchmal fast kindlich. Eben genau so, wie Juan sich sein Mädchen vom Land gewünscht hat. Ob aus ihr noch ein Big City Girl werden kann, scheint manchmal ein wenig fraglich, aber Ana kann sich durchbeißen, das lernt man in der Dominikanischen Republik auch auf dem Land. Und man wünscht ihr auf jeden Fall sehr, dass ihre Version des amerikanischen Traums Wirklichkeit werden kann.


tl;dr: Dominicana erzählt auf anrührende und authentische Art die Geschichte der 15-jährigen Ana, die mit großen Träumen nach New York kommt und alle ihre Hoffnungen enttäuscht sieht. Mit einem Mann, der sie nicht schätzt und ihr kaum Freiheiten gibt, muss sie selbst ihren Weg finden in dieser überfordernden, angsteinflößenden Stadt.


Angie Cruz: Dominicana. Hodder and Stoughton 2020. 336 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt worden.

Das Zitat stammt von S. 79.

2020 war Cruz mit diesem Roman auf der Shortlist für den Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Riskantes Mietverhältnis – „The Paying Guests“ von Sarah Waters

Kurz nach Ende des Krieges ist die Lage von Frances Wray und ihrer Mutter verzweifelt. Beide Söhne der Familie sind gefallen, der Vater ist ebenfalls verstorben, noch dazu mit einem Berg Schulden. Das große Stadthaus in einem Londoner Vorort ist teuer und zeitaufwendig im Unterhalt, an eine Dienerschaft ist gar nicht mehr zu denken. Schließlich entschließen die beiden Frauen sich, einige Räume an das junge Ehepaar Lilian und Leonard Baber zu vermieten, um ihre Schulden abtragen zu können. Das soziale Umfeld, ohnehin schon entrüstet, weil bei Wrays selber geputzt wird, bezeichnet die Untermieter lieber als „zahlende Gäste“, das riecht weniger nach sozialem Abstieg.

„One good thing about them being so young: they’ve only his parents to compare us with. They don’t know that we really haven’t a clue what we’re doing. So long as we act the part of the landladies with enough gusto, then landladies is what we we’ll be.“

Zu Beginn tun die Wrays sich schwer mit den neuen Mitbewohnern. Frances ist brüskiert von Leonards jovialer Art, während ihre Mutter entrüstet bemerkt, wie lange Lilian schläft und wie oft sie badet. Zunächst bleiben die beiden auf Distanz, nur gelegentliche Blicke ins Wohnzimmer und das Zusammentreffen in der Küche geben einen Eindruck vom Leben der anderen. Und diese Leben könnten auf den ersten Blick verschiedener kaum sein: während Frances sich mit Ende 20 schon zum alten Eisen zählt und sich mit ihrer Rolle als Haushälterin abgefunden hat, wirkt Lilian viel unbeschwerter und jünger, obwohl sie es in Jahren kaum ist. Einzig ihre Ehe mit Leonard scheint nicht immer einfach zu sein. Das verrät sie Frances schnell, nachdem zarte Freundschafts-Bande zwischen den beiden entstehen.

Schnell wird mehr daraus. Nach einem unbedachten Kuss entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen der verheirateten Lilian und ihrer Vermieterin. Doch wie soll es für die beiden weitergehen? Die konservative Gesellschaft der 1920er-Jahre lässt kaum Raum für eine gleichgeschlechtliche Beziehung, das hat Frances in jüngeren Jahren bereits leidvoll erfahren müssen. Sie weiß, dass ihre Mutter ihr einen weiteren Ausbruch aus der Norm nicht verzeihen würde. Und für Lilian kommt eine Scheidung kaum in Frage. Zwar träumen beide immer mal davon, gemeinsam durchzubrennen und eine glückliches, freies Leben zu führen, doch im Grunde wissen sie beide, dass sie weder den Mut, noch die finanziellen Mittel dafür haben. Doch dann zwingt sie ein völlig unerwarteter Zwischenfall zum Handeln und bringt ihren Lebensweg in eine neue, völlig unerwartete und nicht sehr willkommene Richtung.

Sarah Waters lässt sich Zeit für die Entwicklung der Figuren und ihrer Geschichte. Ein bisschen viel Zeit. Besonders die erste Hälfte des Romans hätte die ein oder andere Raffung durchaus vertragen. Waters verliert sich mitunter in noch mehr Bildern und noch mehr Vergleichen, noch mehr Erröten und hastigem Richten von Frisuren und Glätten von Kleidung. Der Roman ist in dieser ersten Hälfte so sehr auf Frances und Lilian und ihre aufkeimende Liebe fixiert, dass man Waters einzig zugute halten kann, dass das besondere an dieser Liebe eben ihre Unmöglichkeit ist. Ohne das wäre es eine unfassbar langatmige und fast banale Liebesgeschichte. Anders als in anderen Romanen von Waters tritt die Außenwelt massiv hinter der Liebe der Hauptcharaktere zurück, die sich ja auch nur hinter den verschlossenen Türen des Stadthauses abspielen darf. Die Zeitgeschichte liefert den Rahmen, aber beinahe keine Handlung. In der zweiten Hälfte des Romans geht es dann ein wenig mehr zur Sache, es kommt mehr Personal und Bewegung in die Geschichte, aber noch immer verlieren sich Szenen in Details und Bildern und werden unnötig in die Länge gezogen.

Die Grundhandlung des Romans ist überhaupt nicht schlecht, der Aufbau ist smart und funktioniert gut. Der sehr romantische und leidenschaftliche Teil ist ein guter Gegenpart zu dem viele sachlicheren zweiten Teil, in dem eine Liebe, die bisher nur im Schlafzimmer existieren konnte, sich plötzlich in einer sehr harschen und bedrohlichen Realität beweisen muss. Und das, ohne dabei als solche erkannt zu werden. Waters hat ausreichend Erfahrung im Schreiben lesbischer Liebesgeschichten vor 1945, das kriegt sie also alles gut hin. Die Geschichte hätte allerdings gut auf mindestens ein Viertel ihrer Seiten verzichten können.


tl;dr: Waters erzählt die Geschichte zweier Frauen, die sich Hals über Kopf ineinander verlieben. Ihre Liebe ist eine Unmöglichkeit im England der 1920er-Jahre und sie verharren in Ratlosigkeit, bis ein plötzlicher Zwischenfall eine dramatische Wende herbeiführt. Gute Geschichte, gut komponiert, aber auch mit langen, langen Längen.


Sarah Waters: The Paying Guests. Riverhead Books 2015. 638 Seiten. Erstausgabe ebd. 2014. Eine deutsche Übersetzung von Ute Leibmann ist unter dem Titel Fremde Gäste bei Lübbe erschienen.

Das Zitat stammt von S. 10.

Mit diesem Roman stand Waters 2015 auf der Shortlist für den Baileys Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction. Weitere Roman von Waters, die im Rahmen des Leseprojekts vorgestellt wurden sind Fingersmith und The Night Watch.

Toxische Beziehungen – „First Love“ von Gwendoline Riley

Neves Ehe ist am Ende. Aus Liebe zum deutlich älteren Edwyn ist sie vor einigen Jahren aus dem Norden Englands nach London gezogen und scheint dort nun festzusitzen. Aus der einst zärtlichen, verspielten Liebe ist ein Kampf geworden, in dem es darum geht, wer die andere Person besser verletzen kann. Meistens gewinnt Edwyn. Er leidet an einer Krankheit, die ihm permanente Schmerzen verursacht, wird wehleidig und selbstgerecht. Mehrere Monate, nachdem Neve sich an einem Abend zu sehr betrunken hat, wirft er ihr noch immer diesen peinlichen Zwischenfall vor und lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu erwähnen. Ihr Verhalten ist ihm zu ruppig, ihre Ansichten zu naiv, überhaupt ihre ganze Art zeugt von einem Intellekt, der seinem deutlich unterlegen ist. Es ist überzeugt, dass Neves ganzes Verhalten darauf ausgerichtet ist, ihn zu belasten und zu ärgern.

Neve hat dem wenig entgegenzusetzen. Eine Zeitlang versucht sie noch, es ihm recht zu machen, doch dann beobachtet sie seine Ausbrüche nur noch mit distanzierter Belustigung. Sie hat gelernt, dass er zwar bellt, aber nicht mehr beißen wird. Stattdessen denkt sie nach über die Beziehungen in ihrem Leben, und was man aus Liebe erträgt.

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Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

Die Kunstwissenschaftler Monty Kipps und Howard Belsey sind Erzrivalen. Sie haben nicht nur völlig verschiedene Ansichten zu Rembrandt, sondern auch dazu, wie Universitäten und Bildung aussehen sollten und eigentlich zur Welt an sich. Ihr aktueller Kleinkrieg ist an einem Selbstporträt Rembrandts entbrannt und noch weit davon, beigelegt zu werden, als Monty als Gastdozent ausgerechnet an Howards College im beschaulichen Wellington unterrichten soll. In der Kleinstadt und erst recht am kleinen College ist es völlig unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Dabei hat Howard auch ohne Monty schon genug Ärger: Nach dreißig Jahren Ehe hat er seine Frau betrogen, die gar nicht daran denkt, ihm zu verzeihen.

On Beauty konzentriert sich vor allem auf die Familie Belsey, bestehend aus Howard, seiner Frau Kiki und den Kindern Levi, Jerome und Zora. Mit ihnen und ihrem konservativen Gegenpart, der Kipps-Familie, bringt Zadie Smith eine enorme Fülle von Themen und Konflikten in den Roman, ohne, dass es konstruiert wirkt. Eines der vorherrschenden Themen des Romans ist Rassismus, der den Figuren in unterschiedlichem Ausmaß begegnet und der sie auf verschiedene Arten beschäftigt. Kiki Belseys ist Schwarz und sowohl sie als auch ihre Kinder werden im weißen Wellington gelegentlich mit Argwohn betrachtet, besonders Levi, der auch durch seine Kleidung negativ auffällt. Er selbst definiert sich mehr als alle anderen Familienmitglieder als Teil einer diskriminierten Minderheit, sucht einen Ausweg aus der behüteten Mittelschicht und wird mit seinem Engagement für Haiti politisch aktiv. Damit bildet er einen Gegenpol zu seinem Vater, der sein Leben und ein Forschen ausschließlich der Ästhetik verschrieben hat und das so sehr, dass ihm der Bezug zur Realität vor lauter Schönheit manchmal fast abhanden kommt: Während sein gesamtes Kollegium schon lange auf Powerpoint umgestellt hat, kritzelt Howard immer noch auf Overhead-Folien herum.

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Familiäre Erwartungshaltung – „Stay With Me“ von Ayòbámi Adébáyò

Als Akin und Yejide sich das erste mal im Kino begegnen, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Wenige Jahre später sind sie verheiratet und eigentlich glücklich. Zum perfekten Glück fehlt den beiden allerdings ein Kind, das findet vor allem Akins Familie und seine Mutter. Ihr Sohn muss einen Nachkommen zeugen, komme was wolle. Nachdem man bei diversen Untersuchungen kein Problem feststellen kann, schleppt Akins Mutter Yejide von Wunderheiler zu Wunderheiler, damit ihre Stieftochter bloß endlich schwanger wird. Als das nichts hilft, greift sie zu einer pragmatischen Lösung: Akin braucht einfach eine Zweitfrau, die mit der jungen Funmi auch schnell gefunden ist.

Yejide ist schockiert. Sie selbst ist die Tochter einer ersten Ehefrau und wurde von den weiteren Frauen ihres Vaters immer so schlecht behandelt, dass für sie nie etwas anderes in Frage kam, als eine monogame Ehe. Und nun ist da Funmi. Nach der Wut kommt bald die Angst. Was, wenn Funmi vor ihr schwanger wird? In einem letzten Versuch besucht Yejide einen weiteren Wunderheiler, der ihr verspricht, dass sie wenigen Tagen schwanger sein wird. Doch obwohl Yejides Bauch dicker und dicker wird und sie sogar die Tritte des Kindes spürt, ist beim Ultraschall nichts zu sehen. Akins vorsichtige Andeutungen, dass sie vielleicht wirklich nicht schwanger sein könnte, strapazieren die ohnehin unter Druck stehende Ehe noch weiter.

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Fordernde Sommerfrische – „To the Lighthouse“ von Virginia Woolf

To the Lighthouse zählt zweifelsohne zu den bekanntesten Romanen Woolfs und vermutlich auch der Literaturgeschichte. Doch was den Leuchtturm angeht, beginnt er mit einer Enttäuschung: Aufgrund des rauen Wetters ist ein Besuch gar nicht möglich. Damit entspinnt sich schon der erste Konflikt der Familie Ramsay, die im Roman die zentrale Rolle einnimmt. Mrs. Ramsay ist darum bemüht, ihrem enttäuschten Sohn ein Wunder in Aussicht zu stellen, während ihr Mann überzeugt ist, dass der Ausflug keinesfalls stattfinden kann und man dem Jungen keine unnötige Hoffnung machen sollen.

„They came to her naturally, since she was a woman, all day long with this and that; one wanting this, another that; the children were growing up; she often felt she was nothing but a sponge sopped full of human emotions.“

Die Familie Ramsay, angeführt vom angesehen Philosophen Mr. Ramsay als Familienoberhaupt, verbringt im ersten Teil des Romans (The Window) wie in jedem Jahr ihren Sommer auf der Isle of Skye. Die Ramsays leben in dieser Zeit mit ihre acht Kindern (acht! Und das mit einem Philosophengehalt!) in einem Haus ganz nah am Meer, hinter dem ein kleiner Garten sanft in Richtung Küste abfällt. Das sommerliche Idyll teilen die Ramsays mit einigen Gästen, darunter die Malerin Lily Briscoe und der Dichter Augustus Carmichael. Der Roman ist besonders auf das Innenleben seiner Figuren konzentriert: der Fokus springt von Person zu Person und erlaubt so unterschiedliche Sichtweisen, nicht so sehr auf das äußere Geschehen, als auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen und auf die inneren Konflikte der Personen. Viel Handlung enthält der erste Teil indessen nicht. Vor allem geht es darum, ob der geplante Ausflug nun stattfinden kann oder nicht (kann er nicht), um Spaziergänge in die Stadt und an den Strand und um ein Abendessen. Es ist die ganze träge Ereignislosigkeit eines freien Sommertages. Diese Trägheit ist natürlich nur oberflächlich, denn wie eben schon gesagt, ist der wahre Reichtum des Romans ja nicht in der Handlung zu suchen.

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Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

Die Brüder Harold und George Silver waren sich noch nie grün. Verwandte erinnern sich an Schlägereien bei Familienfesten und Harold ist sich sicher, dass George ihn töten wollte. Als Erwachsene haben sie ein zivilisierteres, wenn auch nicht unbedingt besseres Verhältnis. Bis zu der Nacht, in der George in die Psychiatrie kommt, nachdem er einen Unfall mit mehreren Toten verursacht und vielleicht sogar provoziert hat. Harold und Georges Frau Jane beginnen eine Affäre, von der George trotz seiner Abwesenheit bald Wind bekommt. Er entkommt aus der Psychiatrie und tötet Jane.

„You grow up thinking your family is normal enough, and then, all of a sudden, something happens and it is so not normal, and you have no idea how it got that way, and there’s really nowhere to go from here – it will never be anywhere near normal again.“

Die gemeinsamen Kinder des Ehepaares sind nun Harolds Verantwortung, der völlig überfordert ist mit jedem Aspekt der Situation. Die Umstände sind ausgesprochen tragisch, Homes gelingt es aber überraschend gut, das Absurde daran hervorzuheben ohne jemals pietätlos zu sein. Harold gerät in eine völlig neue Welt. Als Historiker mit Spezialisierung auf Nixon kommt er eher schlecht als recht über die Runden, während George erfolgreich in der Unterhaltungsindustrie war und beide Kinder an teuren Privatschulen untergebracht hat. Harold weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht, er weiß nicht, wie man mit viel Geld umgeht und er weiß auch noch nicht so richtig, wie man mit dem Internet umgeht. Das führt skurrilen Bekanntschaften auf Dating-Plattformen, die mehr oder wenig explizit geschildert werden. Homes Humor reicht von knochentrocken bis burlesk und ist manchmal fast ein bisschen überdreht.

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Selbstsuche in der Kleinstadt – „The Short History of a Prince“ von Jane Hamilton

Walters Zeit als Prinz währt kurz. Als Teenager ist er ein nicht sehr vielversprechendes Ballett-Talent. Für eine Nebenrolle im „Nussknacker“ in seiner Heimatstadt Chicago reicht es nicht, dafür darf er in einem Provinz-Theater gleich die Rolle des Prinzen tanzen. Die Inszenierung ist so schlecht, dass es ihm sogar peinlich ist, dass seine Familie zur Aufführung kommen will. Seine bescheidene Ballett-Karriere kriegt mit dieser Blamage eine deutliche Bruchstelle. Ohnehin ist es eine schwierige Zeit für ihn und seine Familie. Sein Bruder Daniel ist an Krebs erkrankt, der sich langsam als unheilbar entpuppt und Walter ist verwirrt angesichts seiner Gefühle für Ballett-Freund Mitch. Trost und Ruhe findet die Familie im Anwesen an Lake Margaret, das seit Generationen in Familienbesitz und mittlerweile ein Vermögen wert ist. Es ist der Anlaufpunkt für alle Familienfeiern, lange Sommerwochen und Ruhepol für alle, die einen brauchen.

Knapp 25 Jahre später steht die Zukunft des Hauses auf dem Spiel: Tante Sue, Mehrheitseignerin des Anwesens, will verkaufen. Ihr ist es egal, ob an ein Familienmitglied oder irgendeinen Fremden, oder zumindest behauptet sie das. Walter kann da nicht helfen, als Lehrer in einer Kleinstadt verdient er gerade genug, um die Miete für ein karg möbliertes Appartement aufzubringen. Das ist auch nicht sein einziges Problem. Mitte der 90er-Jahre sieht er kaum eine Möglichkeit, in eben dieser Kleinstadt offen homosexuell zu leben, von seiner mangelnden Beziehungsfähigkeit mal ganz abgesehen. Auch an seiner Befähigung als Lehrer zweifelt er fortwährend, da er sich außer Stande sieht, jedes Jahr eine andere Klasse voll schwerfälliger Teenager für die Feinheiten und Möglichkeiten der Literatur zu begeistern.

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Was auf den Überlebenden lastet – „Fugitive Pieces“ von Anne Michaels

Jakob Beer, Kind polnischer Juden, ist im Alter von sieben noch so klein und schmächtig, dass er sich problemlos in einem Schrank verstecken kann. Von dort aus wird er Zeuge, wie seine Eltern von Wehrmachts-Soldaten ermordet werden und seine ältere Schwester Bella verschleppt wird. Tagelang stolpert er durch den Wald, bis er Athos in die Arme läuft, einem griechischen Archäologen, der das prähistorische Dorf Biskupin ausgräbt. Er wird sein Retter und Ziehvater. Jakob wächst bei Athos auf der Insel Zakynthos auf, lernt Griechisch, Englisch und die Grundlagen der Geographie und hofft Jahr um Jahr, irgendwo eine Spur seiner Schwester zu finden, die vielleicht doch überlebt haben könnte.

„While I was living with Athos on Zakynthos, learning Greek and English, learning geology, geography, and poetry, Jews were filling the corners and crakcs of Europe, every available space. They buried themselves in strange graves, any space that would fir their bodies, absorbing more room than war allotted them in the world.“

Auch in späteren Jahren, bis weit in sein Erwachsenenalter hinein, will Jakob sich kaum an die Jahre seiner Kindheit erinnern, an die Fassungslosigkeit und die Verzweiflung seiner Eltern. Lieber stürzt er sich in die Geschichte, befasst sich mit lange verschwunden Kulturen, als die eigene Vergangenheit anzurühren. Er findet Ausdruck und Trost in der Poesie und wird ein anerkannter und bekannter Lyriker. Doch seine Vergangenheit kommt ihm immer wieder dazwischen, die nicht bewältigbare Trauer um seine verlorene Schwester zerstört sogar eine langjährige Beziehung.

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Women’s Prize for Fiction – Shortlist 2021

Zum 26. mal wird nun der Women’s Prize for Fiction verliehen. Nach der Bekanntgabe der Longlist vor wenigen Wochen sah die Jury um Autorin Bernadine Evaristo sich mit Angriff konfrontiert, weil der Roman einer trans Frau nominiert worden war. Die Autorin Torrey Peters, mit ihrem Roman Detransition, Baby Kandidatin für den Preis, berichtete in Interviews von Angriffen auf ihre Person, die nach der Nominierung vor allem über Soziale Medien erfolgten. Der „Wild Women Writing Club“ warf Peters in einem offenen Brief vor, ihr Roman habe keine weibliche Perspektive. Unterzeichnet war der Brief auch von prominenten und leider toten Autorinnen wie Currer Bell und Daphne DuMaurier. Die Organisator*innen entgegneten, der Preis sei offen für alle, „who [are] legally defined as a woman“. Eben diese Formulierung sorgt vor zwei Jahren schon für größeren Ärger, als Akwaeke Emezi nominiert war. Emezi definiert sich als nicht binär und betrachtete die Pflicht, sich für den Preis als Frau ausweisen zu müssen, als Affront.

Geändert hat sich nach Emezis Weigerung, weiterhin Bücher für den Preis einzureichen, erstmal nichts. Ob die erneute Diskussion in diesem Jahr zu einem Umdenken in der Organisation führt, wird sich zeigen müssen. Auf die Shortlist hat Peters es in diesem Jahr nicht gebracht. Dafür dürfen diese sechs Frauen weiter auf den Preis hoffen:

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