Aus dem belagerten Leningrad – „The Siege“ von Helen Dunmore

Anna Michailovna liebt es, den Sommer in ihrem Garten vor den Toren Leningrads zu verbringen. Dort pflegt sie die Rosen ihrer Mutter, sät und erntet und schläft in warmen Nächten im Gartenhaus. Immer dabei ist ihr kleiner Bruder Kolya, dem sie langsam beibringt, ihr beim Gärtnern zu helfen. Seit ihre Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, ist es an Anna, sich um den kleinen Bruder zu kümmern und um ihren Vater, einen Schriftsteller, der sich gründlich und nachhaltig mit der Sowjet-Regierung überworfen hat. Zum Ende des Sommers 1941, Anna denkt schon an die Ernte der Kartoffeln, machen beunruhigende Gerüchte die Runde: Die deutsche Wehrmacht rückt immer näher, im Leningrader Umland wird es gefährlich. Wie auch der Rest der Nachbarschaft packt Anna hastig ihre Sachen und kehrt in die Wohnung der Familie in Leningrad zurück, in die schützenden Grenzen der Stadt. Doch die vermeintliche Rettung wird zur Falle. Im Herbst 1941 beginnt die Blockade Leningrads, die über zwei Jahre dauern wird.

Dunmore schildert das Leben von Annas Familie, die zunächst noch tapfer versucht, sich den Deutschen in den Weg zu stellen. Der Vater, völlig ungeeignet für den Wehrdienst, kämpft an der Front, während Anna Verteidigungsgräben aushebt und hilft, Kinder aus der bedrohten Stadt zu evakuieren. Mitten in dem ganzen Chaos steht auch noch Marina vor der Tür, ehemals eine berühmte Schauspielerin und Ex-Geliebte ihres Vaters. Nur wenige Tage will sie bleiben, die Freundin, bei der sie eigentlich unterkommen wollte, ist gerade erkrankt. Man ahnt es schon: Sie wird nicht mehr gehen. Doch immerhin bringt sie Vorräte aus ihrem Garten mit. Das ist eine sehr willkommene Gabe, denn schon nach kurzer Zeit gehen die knappen Reserven der Stadt zur Neige. Leningrad ist angewiesen auf die Versorgung durch die Landwirtschaft im Umland, doch die Transporte können die deutschen Linien nicht mehr passieren. Wo es überhaupt noch etwas zu kaufen gibt, steigen die Preise ins Unermessliche.

„Suddenly and sharply, it’s obvious that cities only exist because everyone agrees to let them exist. It’s crazy when you think of it, for millions of mouths to pack themselves into a couple of hundred square kilometres, without a pig or potato patch between them.“

In der erst beklemmenden, dann existenzbedrohenden Lage des ersten Winters der Belagerung Leningrads spielt The Siege. Dunmore erzählt von den Überlebenskämpfen der Bevölkerung, von knapper werdenden Rationen und immer längeren Schlangen vor der Bäckerei, von unerträglicher Kälte und von Toten, die in ihren Betten liegen bleiben, weil niemand mehr da ist, der die Kraft hat, sie unter die gefrorene Erde zu bringen. Gelegentlich wechselt der Fokus von Anna auf die Funktionäre, die für die Bevölkerung unsichtbar und unvorhersehbar die Rationen ändern und eine Versorgung über den hoffentlich bald gefrorenen Ladoga-See planen. Hin und wieder sind Passagen eingestreut, die mit keiner der handelnden Personen in Zusammenhang stehen und von denen man nur mutmaßen kann, dass Dunmore diese Geschichten bei ihrer Recherche gefunden hat und sie so beeindruckend fand, dass sie ihnen unbedingt einen Platz in ihrem Roman schaffen wollte.

Dunmore gelingt es, die Verzweiflung einer gesamten Stadt am Schicksal einer Familie deutlich werden zu lassen. Exemplarisch geht Anna durch alle Höllen Leningrads. Im Gegensatz zu vielen anderen gelingt es ihr aber, ihre Moral zu behalten. Sie stiehlt nicht, sie wird nicht gewalttätig und sie hilft ihrer verzweifelten Nachbarin selbst in ihrer größten Not. Diese Perspektive führt aber auch dazu, dass der Roman manchmal etwas begrenzt zu sein scheint. Anna verlässt das Haus nur noch, wenn es sein muss. Zu kalt und gefährlich sind die dunklen Straßen Leningrads geworden. Ihre gesamte Welt beschränkt sich auf den einen beheizten Raum ihrer Wohnung, die Schlange vor der Bäckerei und Wege dazwischen. Und damit eben auch die Sicht derer, die sie lesend begleiten. Dennoch gelingt es dem Text, das Leid und Elend, die aussichtslose Situation jener Tage darzustellen. Und das, trotz eingebauter Liebesgeschichte, ohne Durchhalte-Kitsch.


tl;dr: The Siege erzählt geradlinig und nahbar vom Elend der Bevölkerung Leningrads unter der deutschen Blockade im Winter 1941. Grundlegend gelungen, hat der Roman jedoch einige Längen.

Gilian Slovo hat 2004 mit Ice Road ebenfalls einen Roman über die Belagerung Leningrads veröffentlicht.


Helen Dunmore: The Siege. Penguin 2002. 291 Seiten. Erstausgabe Viking 2001. In deutscher Übersetzung von Edda Petri ist das Buch unter dem Titel Die tausend Tage der Anna Michailovna bei Bastei Lübbe erschienen.

Das Zitat stammt von S. 146.

Dieser Roman war 2002 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Verborgen vor der Welt – „Room“ von Emma Donoghue

Für den fünfjährigen Jack ist „Room“ die ganze Welt. Für seine Mutter ist es ein Gefängnis, in dem sie seit sieben Jahren ausharren muss, ein winziges Verlies, in dem ihr Entführer sie gefangen hält. Sie spricht beinahe nicht über ihren Peiniger, aber wenn sie muss, nennt sie ihn Old Nick. Als sie Anfang zwanzig war hat er sie auf einem Parkplatz unter einem Vorwand in seinen Van gelockt und in einen fluchtsicher und schalldicht ausgebauten Gartenschuppen gesperrt.

Die Erzählung erinnert stark an den Fall Fritzl und ist sicher nichts für schwache Nerven. Old Nick kommt an fast jedem Abend in das Gefängnis, um seine Gefangene zu vergewaltigen. Auch Jack ist das Ergebnis einer Vergewaltigung. Obwohl Old Nick Jack und seine Mutter gefangen hält, lässt er keine Gelegenheit aus, sie spüren zu lassen, dass sie ihm eine Last sind. Allein das Geld, das er für ihre Lebensmittel ausgeben muss, für Strom und Wasser, für Zahnpasta und Seife, für Annehmlichkeiten wie Bücher oder eine Topfpflanze. Unbezahlbar das Ganze! Von seinen Gefangenen erwartet er stille Dankbarkeit. Widerspruch und Aufruhr bestraft er, indem er tagelang den Strom abstellt oder den beiden auf andere Art das Leben noch unerträglicher macht. Früher hat Jacks Mutter mehrfach versucht zu fliehen, doch seit ihr Sohn da ist, wagt sie es nicht mehr aus Angst vor Old Nicks Rache bei einem weiteren misslungenen Versuch.

Donoghue lässt die gesamte Geschichte von Jack erzählen. Durch diesen erzählerischen Kniff nimmt sie der Geschichte einiges an Grausamkeit. Denn für Jack ist das Leben im schalldichten Schuppen völlig normal. Er kennt den Rest der Welt nur aus dem Fernsehen. Seine Mutter hat ihm erzählt, dass das alles Fantasie ist. Er sehnt sich nicht nach der Freiheit, er vermisst weder Freunde noch Familie und er ahnt nicht, wie begrenzt sein ganzes bisheriges Leben in Wirklichkeit ist. Seiner Mutter gelingt es, ihn vor Old Nick zu schützen. Nachts, wenn Old Nick in den Schuppen kommt, versteckt sie ihren Sohn im Schrank. Old Nick soll ihn nicht einmal zu Gesicht bekommen. So begreift Jack ihn zwar als Gefahr, erfährt aber keine direkte Gewalt durch ihn.

„I don’t want there to be bad stories and me not know them.“

Diese Zentrierung auf Jack funktioniert erzählerisch sehr gut und nimmt der Geschichte vor allem das Reißerische. Allerdings ist die Erzählweise besonders zu Beginn aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Mit Jacks sehr limitierter Welt muss man erstmal zurecht kommen und versuchen zu ergründen, was jenseits seines Verständnisses liegt. Er hat sich angewöhnt, die Gegenstände in Room als Individuen zu betrachten, die Namen und eine Art Identität haben. Teppich, Löffel und Fernbedienung betrachtet er fast eher als Haustiere denn als Gegenstände. Auch das ist zu Beginn sehr irritierend und die Geschichte braucht einige Zeit, um überhaupt in Fahrt zu kommen. Das liegt auch daran, dass natürlich in Room ein Tag exakt dem anderen gleicht. Erst, als Jacks Mutter anfängt, einen riskanten Fluchtplan zu schmieden und vor allem nachdem Jack die Welt draußen kennenlernen kann, erweitert sich sein Blickfeld und die bis dahin etwas träge Erzählweise nimmt Fahrt auf.

Allerdings gelingt es Donoghue mit eben dieser Sichtweise und diesem Stil, dieses sehr schwierige Thema feinfühlig und ohne Sensationsgier zu behandeln. Mit Jack als emotionalem Stoßdämpfer bleibt der Roman in einem Rahmen, der relativ leicht zu ertragen ist. Er begegnet den Umständen mit argloser Neugier, nicht mit der verzweifelten Angst seiner Mutter, die durch die Geschehnisse schwer traumatisiert ist. Donoghues Roman fußt zwar auf bekannten Fällen, die in der Presse breitgetreten wurden, man hat aber an keiner Stelle das Gefühl, dass sie sich einfach an diesen bedient, um einen möglichst aufmerksamkeitserregenden Roman zu schreiben. Room ist eine ungewöhnlich zurückhaltende Schilderung unvorstellbarer Grausamkeiten, was die ein oder andere stilistische Unebenheit wieder ausbügelt. Dranbleiben lohnt sich in diesem Fall.


tl;dr: Schwacher Start, stärkeres Finish: Room erzählt die Geschichte einer Frau, die sieben Jahre in einem umgebauten Schuppen gefangen gehalten wird. Berichtet wird von ihrem fünfjährigen Sohn Jack, was die Grausamkeiten gut abdämpft, manchmal aber auch ganz schön mühsam ist.


Emma Donoghue: Room. Back Bay Books 2011. 361 Seiten. Erstausgabe Harper Collins 2010. Eine deutsche Übersetzung von Armin Gontermann ist unter dem Titel Raum bei Piper erschienen. Der Roman wurde mit Brie Larson und Jacob Tremblay in den Hauptrollen verfilmt.

Das Zitat stammt von S. 248.

2011 war Donoghue mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

In den Trümmern des Empire – „The Inheritance of Loss“ von Kiran Desai

In Kalimpong, einer Stadt in der indischen Peripherie am Fuße des mächtigen Himalaya, wird die junge Sai eines Tages bei ihrem Großvater abgeliefert, bei dem sie von nun an leben soll. Sie ist Waisin und bisher in einem Internat großgeworden. Der Großvater, ehemals Richter im indischen Kolonialstaat und in Cambridge ausgebildet, ist völlig desillusioniert von der Welt im allgemeinen und vom englischen Empire im besonderen. Einst hielt er viel von den eleganten Briten. Doch seitdem er versucht hat, Teil ihrer Gesellschaft zu werden und nur verlacht wurde, empfindet er nur noch Groll gegen sie und ihre überhebliche Art.

Die beiden teilen sich das einst herrschaftliche Haus mit dem namenlosen Koch, der sein ganzes Talent dafür aufbringt, den Hausstand beisammenzuhalten und all seine Hoffnung in seinen Sohn steckt, der es endlich nach New York geschafft hat. Seine Generation sieht die Zukunft nicht mehr in einer englischen Universität, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie so viele Migranten erkennt er vor Ort schnell, dass seine Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Als illegalisierter Einwanderer arbeitet er für einen Hungerlohn in einer schäbigen Restaurantküche, schläft in überfüllten Appartements oder gleich auf dem Küchenboden. Seinem Vater gegenüber muss er das alles natürlich als große Erfolgsgeschichte verkaufen.

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Im Schatten des Barden – „Hamnet“ von Maggie O’Farrell

Hamnet ist uns, dem Namen nach zumindest, allen wohlbekannt. Als Prinz von Dänemark hat sein Vater ihm einen ewigen Platz in der Literaturgeschichte geschaffen. Der berühmte Vater aber spielt in diesem Roman kaum eine Rolle. Zu Beginn und als junger Mann ist er noch präsent, aber dann werden seine Aufenthalte in London länger und länger, die Besuche in Stratford immer seltener. Viel mehr ist es seine Frau, im Nachlass ihres Vater als Agnes Hathaway benannt, die ausnahmsweise mal im Scheinwerferlicht steht. Ihr weltberühmter Mann wird nicht einmal namentlich erwähnt. 26 Jahre alt ist Agnes, schön, geheimnisvoll und mit beinahe magischen Fähigkeiten beschenkt, als sie sich in den gerade achtzehnjährigen Lateinlehrer ihrer Halbbrüder verliebt. Für den Vater des Lateinlehrers, einen in finanzielle Schieflage geratenen Handschuhmacher, kommt sie gerade recht. Immerhin bringt sie ein nicht unansehnliches Erbe mit. Was mit hinter ihrem Rücken über sie sagt, ist da erstmal zweitrangig, ebenso wie ihr für eine erste Ehe ziemlich hohes Alter.

„What a way out it would be for the boy, she heard a woman at the market whisper, behind her back. You can see why he’d want to marry into money and get away from the father.“

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Das Ende ist nah – „Weather“ von Jenny Offill

Lizzies Leben ist aufreibend. Sie hat nicht nur Mann und Kind, sondern auch eine Mutter, deren Glaube langsam ans Fanatische grenzt und einen drogenabhängigen Bruder, der sich wochenlang bei ihr einquartiert. Ihr Berufsleben als Bibliothekarin ist da nicht ganz so turbulent. Dann allerdings wendet sich Sylvia, eine ehemalige Dozentin an sie. Sie ist eine Art populäre Intellektuelle, die landesweit Vorträge hält und mit ihrem Podcast „Hell and High Weather“ ein riesiges Publikum erreicht. Ihr Hauptthema: der Klimawandel, die Zerstörung der Welt und wie uns das alle ruinieren wird. Aus ihrer Zuhörerschaft erreichen sie inzwischen so viele Mails, dass sie jemanden braucht, der sie beantwortet. Und das wird nun eine weitere Aufgabe für Lizzie.

„I swear the hippie letters are a hundred times more boring than the end-timer ones. They are all about composting toilets and water conversation and electric cars and how to live lightly on the earth while thinking ahead for seven generations.“

Lizzie liest Mails und noch mehr Mails, von besorgten Eltern, selbstgerechten Hippies und paranoiden Preppern. Sie hört jede Folge des Podcasts und liest Tonnen von Büchern zu dem Thema. Es dauert nicht lange, bis auch sie vom nahenden Ende der Welt überzeugt ist. Macht das alles noch Sinn? Gibt es irgendwo auf dieser Welt noch eine sicheren Ort? Wird es ihn auch in dreißig Jahren noch geben? Das sind die Fragen, die sie bewegen, während sie ihrem Sohn beim Spielen zuschaut. Sie sieht eine Katastrophe auf sich zurollen, deren Ausmaß sie noch nicht abschätzen kann. Zur Entspannung besucht sie einen Meditationskurs, aber die sehr pragmatische Einstellung ihrer Lehrerin macht eigentlich alles nur noch schlimmer. Ihr Gefühl vergleicht die New Yorkerin Lizzie mit der Zeit nach 9/11, als eine spürbare Anspannung in der Luft lag und alle über das gleiche Thema sprachen und die gleiche Angst hatten.

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Der Herzschlag des Dschungels – „State of Wonder“ von Ann Patchett

Die erschütternde Nachricht erreicht Marina Singh auf einem hauchdünnen Bogen Luftpost-Papier: ihr Laborkollege Anders Eckman, der im Auftrag des gemeinsamen Arbeitgebers im brasilianischen Urwald unterwegs war, ist dort an einer nicht näher definierten Krankheit verstorben. Oder ist er gar nicht tot? Anders Frau und die Firma, für die er gearbeitet hat, wollen Gewissheit haben. So wird es Marinas Mission, sich auf seinen Spuren ebenfalls ins Dschungel-Abenteuer zu stürzen.

Dort forscht an einem Nebenarm des Rio Negro Annick Swenson seit Jahren an einem sensationellen Medikament: sie hat entdeckt, dass die Frauen der dort lebenden Lakashi bis ins hohe Alter gebärfähig bleiben und glaubt, dem Grund auf der Spur zu sein. Ihr Arbeitgeber wittert ungeahnte Möglichkeiten – die ewige Fruchtbarkeit würden sich viele Frauen in den USA sicher einiges kosten lassen. Marinas Verhältnis zu Annick Swenson ist ausgesprochen angespannt. Als Medizinstudentin hat sie unter Swensons Aufsicht einen folgenschweren Fehler begangen und danach der praktizierenden Medizin für immer abgeschworen. Sie hat sich diesen Fehler nie verziehen und ist sich sicher, dass auch Swenson noch immer voller Vorwürfe sein wird. Doch schon bald nach ihrer chaotischen Ankunft in Manaus beginnt sie zu ahnen, dass Swenson mit ihrem vorherigen Leben nicht mehr viel zu tun haben wird und wahrscheinlich auch von ihrem Arbeitgeber und Geldgeber gar nicht so viel wissen will. Marina fürchtet bald, dass es Dr. Swenson bei ihrem Projekt gar nicht um ewige Fruchtbarkeit in Pillenform geht.

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Nothing is free in America – „Dominicana“ von Angie Cruz

Ana ist gerade 13 Jahre alt, als der mehr als doppelt so alte Juan beschließt, dass sie seine Frau werden soll. Das Angebot kann sie nicht ausschlagen. Er ist einer der Ruiz-Brüder, die es in New York zu Wohlstand gebracht haben und vorteilhafte Geschäfte für ihre Familie versprechen. Anders als ihre Schwestern und Freundinnen hat Ana nie von einem Leben in den USA geträumt. Aber es ist der Traum ihrer Generation und ihrer Familie und irgendjemand muss ihn eben leben. Pech für Ana, dass es gerade sie trifft. Als sie 15 ist, holt ihr Bräutigam sie ab. Die Hochzeitszeremonie besteht darin, dass Juan gefälschte Papiere besorgt, nach denen sie erstens 19 und zweitens seine Frau ist und am nächsten Morgen landet sie schon in New York.

Ana träumt davon, zur Schule zu gehen, Englisch zu lernen, vielleicht sogar zu studieren. Sie will ein eigenes Unternehmen gründen und ein eigenes Auto fahren, schöne Kleider tragen und ein selbstständiges Leben führen. Nichts davon erwartet sie in New York. Die riesige Stadt überfordert sie, aber Juan lässt sie ohnehin nicht alleine aus der Wohnung. Während er arbeiten ist, hütet sie das Haus, putzt und kocht und verkauft Bekannten ihres Mannes Anzüge, die vom Lastwagen gefallen sind. Von Schule und Ausbildung ist keine Rede mehr. Sie solle fordern, hatte ihre Mutter ihr geraten: Kleider, Geld, Schmuck. Doch wenn sie fordert, sagt Juan nur nein, er könne es sich nicht leisten. Zu allem Überfluss hat Juan auch noch eine Beziehung zu einer anderen Frau, und das schon seit Jahren. Ana bleibt nichts, als es zu akzeptieren. Heimlich legt sie Dollar für Dollar zur Seite und hofft, davon bald einen Flug nach Hause zahlen zu können, denn New York wird niemals ihr zu Hause sein, das weiß sie sofort. Einen Lichtblick in dieser hoffnungslosen Situation gibt es erst, als Juan für mehrere Wochen verreist. In der Dominikanischen Republik ist ein Krieg ausgebrochen, Juan muss dort nach dem Rechten und seinem Besitz sehen. Ana bleibt alleine in New York zurück und kann endlich die Freiheit erleben, die sie sich von den USA erhofft hatte.

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Riskantes Mietverhältnis – „The Paying Guests“ von Sarah Waters

Kurz nach Ende des Krieges ist die Lage von Frances Wray und ihrer Mutter verzweifelt. Beide Söhne der Familie sind gefallen, der Vater ist ebenfalls verstorben, noch dazu mit einem Berg Schulden. Das große Stadthaus in einem Londoner Vorort ist teuer und zeitaufwendig im Unterhalt, an eine Dienerschaft ist gar nicht mehr zu denken. Schließlich entschließen die beiden Frauen sich, einige Räume an das junge Ehepaar Lilian und Leonard Baber zu vermieten, um ihre Schulden abtragen zu können. Das soziale Umfeld, ohnehin schon entrüstet, weil bei Wrays selber geputzt wird, bezeichnet die Untermieter lieber als „zahlende Gäste“, das riecht weniger nach sozialem Abstieg.

„One good thing about them being so young: they’ve only his parents to compare us with. They don’t know that we really haven’t a clue what we’re doing. So long as we act the part of the landladies with enough gusto, then landladies is what we we’ll be.“

Zu Beginn tun die Wrays sich schwer mit den neuen Mitbewohnern. Frances ist brüskiert von Leonards jovialer Art, während ihre Mutter entrüstet bemerkt, wie lange Lilian schläft und wie oft sie badet. Zunächst bleiben die beiden auf Distanz, nur gelegentliche Blicke ins Wohnzimmer und das Zusammentreffen in der Küche geben einen Eindruck vom Leben der anderen. Und diese Leben könnten auf den ersten Blick verschiedener kaum sein: während Frances sich mit Ende 20 schon zum alten Eisen zählt und sich mit ihrer Rolle als Haushälterin abgefunden hat, wirkt Lilian viel unbeschwerter und jünger, obwohl sie es in Jahren kaum ist. Einzig ihre Ehe mit Leonard scheint nicht immer einfach zu sein. Das verrät sie Frances schnell, nachdem zarte Freundschafts-Bande zwischen den beiden entstehen.

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Toxische Beziehungen – „First Love“ von Gwendoline Riley

Neves Ehe ist am Ende. Aus Liebe zum deutlich älteren Edwyn ist sie vor einigen Jahren aus dem Norden Englands nach London gezogen und scheint dort nun festzusitzen. Aus der einst zärtlichen, verspielten Liebe ist ein Kampf geworden, in dem es darum geht, wer die andere Person besser verletzen kann. Meistens gewinnt Edwyn. Er leidet an einer Krankheit, die ihm permanente Schmerzen verursacht, wird wehleidig und selbstgerecht. Mehrere Monate, nachdem Neve sich an einem Abend zu sehr betrunken hat, wirft er ihr noch immer diesen peinlichen Zwischenfall vor und lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu erwähnen. Ihr Verhalten ist ihm zu ruppig, ihre Ansichten zu naiv, überhaupt ihre ganze Art zeugt von einem Intellekt, der seinem deutlich unterlegen ist. Es ist überzeugt, dass Neves ganzes Verhalten darauf ausgerichtet ist, ihn zu belasten und zu ärgern.

Neve hat dem wenig entgegenzusetzen. Eine Zeitlang versucht sie noch, es ihm recht zu machen, doch dann beobachtet sie seine Ausbrüche nur noch mit distanzierter Belustigung. Sie hat gelernt, dass er zwar bellt, aber nicht mehr beißen wird. Stattdessen denkt sie nach über die Beziehungen in ihrem Leben, und was man aus Liebe erträgt.

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Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

Die Kunstwissenschaftler Monty Kipps und Howard Belsey sind Erzrivalen. Sie haben nicht nur völlig verschiedene Ansichten zu Rembrandt, sondern auch dazu, wie Universitäten und Bildung aussehen sollten und eigentlich zur Welt an sich. Ihr aktueller Kleinkrieg ist an einem Selbstporträt Rembrandts entbrannt und noch weit davon, beigelegt zu werden, als Monty als Gastdozent ausgerechnet an Howards College im beschaulichen Wellington unterrichten soll. In der Kleinstadt und erst recht am kleinen College ist es völlig unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Dabei hat Howard auch ohne Monty schon genug Ärger: Nach dreißig Jahren Ehe hat er seine Frau betrogen, die gar nicht daran denkt, ihm zu verzeihen.

On Beauty konzentriert sich vor allem auf die Familie Belsey, bestehend aus Howard, seiner Frau Kiki und den Kindern Levi, Jerome und Zora. Mit ihnen und ihrem konservativen Gegenpart, der Kipps-Familie, bringt Zadie Smith eine enorme Fülle von Themen und Konflikten in den Roman, ohne, dass es konstruiert wirkt. Eines der vorherrschenden Themen des Romans ist Rassismus, der den Figuren in unterschiedlichem Ausmaß begegnet und der sie auf verschiedene Arten beschäftigt. Kiki Belseys ist Schwarz und sowohl sie als auch ihre Kinder werden im weißen Wellington gelegentlich mit Argwohn betrachtet, besonders Levi, der auch durch seine Kleidung negativ auffällt. Er selbst definiert sich mehr als alle anderen Familienmitglieder als Teil einer diskriminierten Minderheit, sucht einen Ausweg aus der behüteten Mittelschicht und wird mit seinem Engagement für Haiti politisch aktiv. Damit bildet er einen Gegenpol zu seinem Vater, der sein Leben und ein Forschen ausschließlich der Ästhetik verschrieben hat und das so sehr, dass ihm der Bezug zur Realität vor lauter Schönheit manchmal fast abhanden kommt: Während sein gesamtes Kollegium schon lange auf Powerpoint umgestellt hat, kritzelt Howard immer noch auf Overhead-Folien herum.

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