Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Als kleines Kind hatte Juri einen schweren Verkehrsunfall. Erst wurde er vom Milchwagen erwischt, direkt danach von einer Straßenbahn. Auch vom Blitz wurde getroffen. Er ist wieder ganz gut hergestellt, aber sein Hirn ist immer noch ein bisschen kaputt. Manchmal fehlen ihm die richtigen Wörter, dann kommen zu viele. Dafür hat er ein offenes Gesicht das dazu führt, dass wildfremde Menschen ihm ihre Geheimnisse und Gefühle anvertrauen. Er lebt in der Hauptstadt mit seinem Vater, dem Zoo-Veterinär. Seine Mutter ist in einem Arbeitslager in Kolyma, kommt aber sicher bald zurück. Im Flur stehen immer zwei gepackte Koffer. Einer für seinen Vater, einer für ihn. Sie stehen nicht nebeneinander, denn eine gemeinsame Abreise ist unwahrscheinlich. Wenn der Vater abgeholt wird, soll Juri schnell seinen kleinen Koffer schnappen und bei einer Tante unterkommen.

20180914_140706-1.jpg

Doch dann werden tatsächlich beide zusammen abgeholt. Eines Tages stehen Männer vor der Tür und sagen dem Vater, er müsse mitkommen zu einem wichtigen Patienten. Ob Maus oder Elefant erfährt er nicht. Wenig später stehen die beiden vorm größten Elefanten überhaupt: Der Stählerne, der geliebte Onkel, der Architekt der Freude, Genosse Generalsekretär Josef Petrowitsch. Er sieht nicht gut aus und viel älter, als auf den Bildern, die man von ihm kennt. Die Diagnose des Vaters gefällt ihm dann auch gar nicht, er lässt ihn abführen, doch Juris freundliches Gesicht erfreut auch das Herz des Stählernen. Er darf bleiben und wird sein Vorkoster und Hüter allergrößter Geheimnisse. Dass ihn das selbst ihn Gefahr bringt, steht außer Frage.

„Was fangen wir nur mit dir an? Du siehst alles, aber du verstehst nichts.“

Juri wird gemeinhin als Trottel angesehen und akzeptiert. Selbst die Feinde des Stählernen sehen ihn nicht als ernste Bedrohung und versuchen, ihn mit kleinen Geschenken auf ihre Seite zu ziehen. Dadurch gewinnt er Einblicke in Intrigen und Machtstrukturen, die vor anderen verheimlicht werden. Der Blick des „nützlichen Vollidioten“ ist ebenso unvollständig wie entlarvend, zumindest für die Leser, denn Juri selbst versteht nicht viel von den Dingen, die um ihn herum passieren. Noch dazu ist er auch extrem gutgläubig und nimmt alles für bare Münze, was andere ihm versprechen. Beinahe schlafwandlerisch torkelt er durch die Zentrale der sowjetischen Macht, nimmt Dinge wahr und mit und merkt kaum, dass er mitten in den allerschönsten Putsch-Versuch geraten ist. Die Intriganten wiederum bemerken kaum, dass er weitaus mehr versteht, als er zugibt.

In der Schilderung der Ereignisse bleibt Wilson sehr nah an dem, was in den letzten Wochen in Stalins Leben geschehen ist. Alle Namen sind mehr oder weniger verändert, einige Orte bleiben zumindest vage, aber im Grunde folgt er den historischen Ereignissen. Auch die „Ärzteverschwörung“ wird thematisiert sowie etliche der Grausamkeiten, die Stalins Widersacher erfahren mussten. Auch einige Verschwörungstheorien baut er dabei ein, wie etwa die, dass nicht Stalins Leiche bei der öffentlichen Aufbahrung zu sehen war sondern eigens ein besser aussehender Doppelgänger umgebracht wurde. In einigen Rezensionen wurde Wilson deshalb für seine gute Recherche gelobt, aber seien wir ehrlich – das steht alles im wikipedia-Artikel. Und wo wir gerade schon ehrlich sind, so richtig umgehauen hat das Buch mich nicht. Es ist sehr unterhaltsam zu lesen, ich habe mich nicht gelangweilt, aber der Roman schwankt auch sehr in seiner Art der Erzählung. Mal ist es eine total harmlose  bis witzige Geschichte, dann gibt es wieder sehr brutale Folterszenen. Beeindruckend ist allerdings, mit welchem Gleichmut zumindest der Protagonist eben diese Folter zur Kenntnis nimmt.

Guten Morgen, Genosse Elefant ist ein unterhaltsamer Roman, der zumindest dann Spaß macht, wenn man wenigstens ein bisschen was über Stalins Leben und Sterben weiß. Ich bin nicht sicher, wie viel Sinn und Spaß dieser Roman macht, wenn das nicht gegeben ist. Besonderen Tiefgang oder ein Leseerlebnis das einen tiefen und bleibenden Endruck hinterlässt, sollte man so oder so aber nicht erwarten.


Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant. Übersetzt von Bernhard Robben. Kiepenheuer & Witsch 2018. Titel der Originalausgabe: The Zoo.

Das Zitat stammt von S. 192

Das Buch habe ich vom Verlag unverlangt und ohne Bedingungen vom Verlag erhalten. Danke dafür.

Sarah Bakewell: At the Existentialist Café

Existentialisten sind blasse, magere Gestalten, die den Tag in Cafés verbringen und kettenrauchend über das Dasein philosophieren. So zumindest die popkulturelle Darstellung. Tatsächlich haben viele der heute bekannten PhilosophInnen, die im Allgemeinen dieser Strömung zugerechnet werden, größere Teile ihrer Zeit in Cafés verbracht, darunter auch Sartre, Beauvoir und der weit weniger bekannte Raymond Aron, die Bakewell zusammen an einen Tisch setzt und Aprikosencocktails trinken lässt. Das dürfte in dieser Konstellation auch wirklich häufiger passiert sein, auch noch bevor der Begriff des Existentialismus geprägt wurde und alle noch von der Phänomenologie sprachen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland für akademisches Aufsehen sorgte.

Bakewell_Cafe

Weiterlesen

Jane Mendelsohn: Himmelstochter

Amelia Earhart, in Deutschland weit weniger bekannt als in den USA, war eine Flugpionierin und Frauenrechtlerin. 1927 überquerte sie als erste Frau den Atlantik in einem Flugzeug, da allerdings noch als Passagierin. 1929 war sie Teilnehmerin des Women’s Air Derby, das in der Presse spöttisch als „Powder Puff Derby“, als „Puderquastenrennen“ bezeichnet wurde. Wütend berief Earhart eine Versammlung von Pilotinnen ein, die den Luftfahrt-Club „Ninety-Nines“ gründeten, um Frauen in der Luftfahrt zu fördern. 1930 wurde sie die erste Präsidentin der Vereinigung, die bis heute besteht. 1937 wollte sie im Flugzeug die Welt umrunden, verscholl aber im Pazifik östlich von Papua-Neuguinea. Dass weder das Wrack ihres Flugzeugs noch sterbliche Überreste der Pilotin gefunden oder eindeutig identifiziert werden konnten, lässt viel Raum für Spekulationen.

Mendelsohn_Himmelstochter

Weiterlesen

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Im Alter von vier Jahren zieht Xifan Yang mit ihrer Mutter nach Deutschland. Sie folgen dem Vater, der schon einige Jahre zuvor für ein Studium ausgewandert ist. Für die chinesische Familie ist Europa ein Wunderland ungeahnter Möglichkeiten und Freiheiten. Die Eltern arbeiten hart, um ihrer Tochter eine leichtere Zukunft zu ermöglichen. Xifan lebt sich in Deutschland schnell ein und lernt die Sprache mühelos. China gilt da noch als rückständiges Land der Hundeesser und oft schämt sie sich für ihre Herkunft. Der von der Mutter aufgezwungene Chinesischunterricht ist eine lästige Pflichtübung, die Xifan ohne jede Begeisterung erledigt.

AlsDieKarpfenFliegenLernten.jpg

Weiterlesen

Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

Zander_RudolfSteiner

Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

Weiterlesen

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Arbeit und Struktur ist der Blog Wolfgang Herrndorfs, in dem er vor allem von seiner Erkrankung berichtet. 2010 wird bei ihm ein Gehirntumor, ein Glioblastom diagnostiziert. Mit Chemo und OPs überlebt er unerwartet lange. Am 26.08.2013 erschießt er sich am Landwehrkanal. Nach seinem Tod wurde der Blog in Buchform veröffentlicht, ist bis heute aber auch online verfügbar.

„Oft denke ich eine halbe Stunde oder länger nicht an den Tod.“

2016-11-01-13.52.54.jpg.jpgDass Arbeit und Struktur kein einfaches Buch sein würde, war mir klar, schließlich handelt es vom Tod eines Menschen. Aber, so dachte ich, würde es mir auch nicht sehr nahe gehen, schließlich kannte ich Herrndorf nicht und sein Tod wäre also für mich nichts anderes als der einer fiktiven Figur oder einer historischen Person. Ich habe am Ende fast vier Wochen gebraucht für dieses Buch, weil ich es immer wieder weglegen musste, weil Herrndorf mich immer wieder völlig kalt erwischt hat mit einem einzigen Satz, mit einem blöden Halbsatz. Herrndorf konnte außergewöhnlich gut schreiben und seine Worte haben eine ungeheure Wucht. Weiterlesen

Virginia Woolf: Orlando

Am Cover meiner Ausgabe lässt der Titel sich nicht mehr erkennen. Es war ein großer rosa Aufkleber drauf, den musste ich natürlich abknibbeln und sehen, was drunter ist. Eine sehr suggestive Blume, aber kein Titel mehr.

„she was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each.“

woolf_orlando

Orlando wird als Sohn eines reichen englischen Adeligen geboren, als noch Elizabeth I regiert. Er ist ein außergewöhnlich schöner, eleganter und talentierter Junge und weckt so das Interesse der Königin. Sie ruft ihn an den Hof, verleiht ihm Titel und Ämter und liebt ihn, doch als er ein junges Mädchen küsst, ist es vorbei mit der guten Beziehung.

Im Winter des Großen Frosts lebt er wieder am Hof, nun unter James I, und lernt dort Sasha kennen, eine junge Russin, von der er sofort verzaubert ist und mit der in Russland leben will. Doch sie bricht sein Herz. Noch dazu macht sich ein anerkannter und von ihm bewunderter Dichter über seine Lyrik lustig und als ihm eine gänzlich unattraktive Erzherzogin nachstellt, reicht es ihm endgültig und er lässt sich, mittlerweile von Charles II, als Botschafter in die Türkei senden.

Weiterlesen

Mark Twain: Meine geheime Autobiographie

„In dieser Autobiographie ist es meine Absicht, abzuschweifen, wann immer mir danach zumute ist, und wieder zurückzukehren, wenn ich so weit bin.“

Abschweifen kann Mark Twain tatsächlich wie fast kein Zweiter. Mehr als einmal musste ich beim Lesen seiner Biographie an Abe Simpson denken.

Weiterlesen

Deutschlands schwierigstes Buch

„Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies“. So harmlos beginnt das umstrittenste Buch Deutschlands. Seit 08.01. ist Mein Kampf in einer kommentierten Ausgabe wieder im Handel. Theoretisch zumindest. Von der 4.000 Exemplare großen Startauflage wurden 15.000 vorbestellt – wer jetzt noch keins hat, muss auf einen Nachdruck warten.

meinkampf.jpg

Die Reaktionen darauf sind erwartbar kontrovers. Die großen Filialisten Thalia und Hugendubel meldeten, sie wollten das Buch nicht in ihren Läden vorrätig haben, auf Nachfrage aber bestellen. So verfahren wohl die meisten Buchhandlungen. Währenddessen ist (ebenso erwartbar) eine Debatte darum entbrannt, ob man das Buch überhaupt verlegen darf und ob man es dann auch lesen darf. Die Stimmen, die eindeutig dagegen sind, sind allerdings rar. Charlotte Knobloch hält für unabsehbar, was der Text bewirken wird und sieht die neue Edition eher kritisch. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, hält die Entscheidung dagegen für richtig – er verspricht sich davon, dass der Mythos um das Buch endlich aufgelöst wird. Und dieser Ansicht scheinen auch viele andere zu sein. „Wer hat Angst vor einem Buch?“ fragt Nils Makward in der Zeit und auch Timur Vermes, Autor von Er ist wieder da spricht sich dafür aus, dass das Buch wieder verlegt und auch gelesen werden sollte.

Tatsächlich ist um das Buch in den letzten Jahrzehnten ein gewaltiger Mythos gewachsen. Ich besitze, wie viele wahrscheinlich, die früher mal gängige Ausgabe in blau mit Reichsadler vorne drauf aus Omas Haushaltsauflösung. Ich wollte die auch eigentlich lesen, bevor genau diese Debatte losgeht, von der ich hier gerade schreibe. Aber ich bin nach nicht ganz einem Viertel grandios gescheitert. Ich fand es mühsam zu lesen und wirr geschrieben und erschwerend hinzu kam, dass ich Personen nicht kannte und Bezüge nicht verstand und irgendwann keine Lust mehr hatte, mehr wikipedia als eigentlichen Text zu lesen. In der Zeit aber, in der ich versuchte, das Buch zu lesen, lag es auf meinem Küchentisch. An diesen setzte sich ein Gast in der Absicht, an eben dieser Stelle seinen Kaffee abzustellen. Und weigerte sich, das Buch anzufassen. Ein stinknormales Buch, ein bisschen Papier, ziemlich angegilbt, Bindung nicht mehr ganz frisch, Stockflecken. Als könnte alles Böse, das darin steht, durch Berührung auf ihn übergehen. Ich musste es für ihn wegräumen. Das ist halt großer Quatsch.

Auch die Kundschaft war in den letzten beiden Tagen ziemlich unentspannt mit diesem Buch. „Es gibt da ja jetzt diese kommentierte Ausgabe… Sie wissen schon….“ Gute Frau, da müssen sie schon etwas deutlicher werden. Brauchen Sie den Palandt? Hab ich natürlich nicht gesagt. Hätte ich aber gerne nach dem 30. Mal. „Das war ja jetzt 70 Jahre verboten!“ war der andere Satz, den ich gestern wahrscheinlich noch häufiger gehört habe als „Wie lange haben Sie denn heute auf?“. 16 Uhr und nein, war es nicht. Der Freistaat Bayern hatte das Urheberrecht und sich entschieden, Mein Kampf nicht zu drucken. Das dürfen nämlich die Inhaber von Urheberrechten und sonst keiner. Deswegen darf ich auch nicht einfach Lindgren, Mann oder Tolkien drucken und verkaufen. Also ja, es war mir und vielen anderen Personen nicht erlaubt, das Buch zu drucken, aber so ist das eben mit diesem ärgerlichen Urheberrecht.

Jetzt allerdings darf man es tatsächlich auch nicht einfach unkommentiert nachdrucken, der Freistaat Bayern sieht das Werk als volksverhetzend an, räumt aber auch ein, dass das Buch eine historisch relevante Quelle ist und dementsprechend Interessierten zugänglich gemacht werden sollte. Und seien wir mal realistisch – wer Mein Kampf haben wollte, hat es doch sowieso schon. Entweder gebraucht oder als Nachdruck aus einem Land mit weniger langen Urheberrechtslaufzeiten. Oder aus einem illegalen Nachdruck. Überraschenderweise halten sich nämlich gar nicht alle an alle Gesetze. Wer nicht im Ausland bestellen will oder nahe genug an der Grenze wohnt, kann es sich auch einfach runterladen. Und dann steht es auch in einigen Bibliotheken. Ich glaube nicht, dass eine Horde Hitler-Fans sehnlichst auf diese Veröffentlichung gewartet hat um endlich lesen zu können, was drin steht. Die kommentierte Ausgabe ist interessant für alle mit historischem Interesse – ob sie gut ist, weiß ich nicht und werde ich auch nicht beurteilen können. Lesen konnte man Mein Kampf auch schon in den letzten siebzig Jahren und wer an Hitlers unkommentierten Ansichten interessiert ist, kann sich wahrscheinlich jede relevante Rede und einiges mehr bei youtube angucken.

Bleibt die Frage: Darf man mit Mein Kampf Geld verdienen? Das IfZ wird damit sowieso erstmal nicht so irre viel verdienen. Ein nicht ganz kleines Team hat über Jahre an dieser Ausgabe gearbeitet – billig war das sicher nicht. Und eine Förderung durch das Land Bayern wurde schon vor einiger Zeit eingestellt. Irgendwo habe ich gelesen, dass amazon die Einnahmen aus dem Verkauf spenden will. Leider habe ich vergessen wo und finde bei amazon selbst keinen Hinweis darauf. Die Frage, ob man mit historischer Quellenarbeit Geld verdienen darf ist ja eigentlich hinfällig. Aber darf man mit Hitler Geld verdienen? Profitiert man damit nicht irgendwie von ihm, wenn auch sehr indirekt? Die Frage gebe ich ab an Guido Knopp.

Steven Galloway: Der Illusionist

illusionistMartin Strauss erhält zu Beginn des Buchs die Diagnose von seinem Arzt, dass er langsam aber sicher verrückt werden wird und es zum Teil sogar schon ist. Er vergisst Erlebnisse aus seiner Vergangenheit und ersetzt diese durch völlig erfundene Geschichten, von denen er aber glaubt, sie seien wahr – er konfabuliert. Da ein guter Teil der Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, kann man sich niemals völlig sicher sein, was wahr ist und was seiner Phantasie entspringt, wenn er, auf einer Bank vor dem Krankenhaus sitzend, sein Leben Revue passieren lässt.

Zweimal in seinem Leben trifft Martin Strauss, selbst Zauberer, auf den großen Harry Houdini. Und beide Male bringt er ihn um. Um von diesen beiden Begegnungen zu berichten, wird die Biographie Houdinis erzählt. Sein Aufstieg von einem zweitklassigen Zirkuszauberer, der mit billigen Tricks vorgibt, die Gedanken des Publikums lesen zu können zum größten Magier und Entfesselungskünstler seiner Zeit. Seine Verbindungen zu Geheimdiensten, zum russischen Zarenhaus, seine Bekanntschaft mit Arthur Conan Doyle und sein erbitterter Kampf gegen betrügerische Spiritisten, die zu seiner Lebenszeit ein Vermögen mit den Ängsten anderer Menschen machten und großen Einfluss auf wichtige Politiker nahmen – das alles nimmt ein Ende, als Houdini 1926 auf Martin Strauss trifft, der einen seiner Auftritte in Montreal besucht und ihn tötet, ohne es zu beabsichtigen. Aber wie tot ist der Meister der Illusion wirklich?

Weiterlesen