Geboren um zu graben – „Der Mann, der Troja erfand: Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann“ von Leoni Hellmayr

Wenige Archäologen haben es zu so nachhaltigem und zugleich zweifelhaftem Ruhm gebracht wie Heinrich Schliemann. Das hängt sicher auch mit dem legendären Grabungsort zusammen, den er auserkoren hatte: Als glühender Anhänger Homers und seiner Schriften war er besessen davon, das sagenumwobene Troja zu finden und seine legendären Schätze zu bergen.

Seine Grabungsmethoden waren dabei so unkonventionell wie sein ganzer Lebensweg. Geboren und aufgewachsen in recht einfachen Verhältnissen in Mecklenburg-Vorpommern zog es ihn bald hinaus in die Welt, wo er mit großem Lernwillen und einem Geschick für Sprachen schnell sein Glück machte. Schliemann hatte ein Händchen dafür, dort zu sein, wo man gerade Geld machen konnte. Niederlande, Russland, Ägypten, USA – er scheute weder Gefahren noch Distanzen und profitierte von guten Handelsbeziehungen ebenso wie vom amerikanischen Goldrausch. Innerhalb weniger Jahre sammelte Schliemann ein ganz beachtliches Vermögen an. Seine eigentliche Liebe galt aber nicht dem Handel, sondern Homer.

„… denn ich habe nicht anderes im Sinn, als das Problem zu lösen, wo Troja liegt.“

Das Altertum faszinierte Schliemann und besonders die Sage um Troja. Er war sich so sicher, den Ort der Stadt beim heute in der Türkei liegenden Hügel Hissarlik gefunden zu haben, dass er begeistert mit Grabungen begann, ohne sich um Details wie Grabungsgenehmigungen zu kümmern. Die holte er sich später zwar noch ein, schreckte aber nicht davor zurück, diverse Funde verschwinden zu lassen, bevor sie den zuständigen Autoritäten in die Hände fielen. Schliemanns Homer-Verehrung fand aber beim Graben noch nicht ihr Ende. Seine beiden Kinder aus zweiter Ehe benannte er nach Andromache und Agamemnon und sprach Altgriechisch mit ihnen. Auch alle Hausangestellten im Schliemann’schen Haushalt im pompösen Palais Iliou Melathron bekamen Namen aus Homers Erzählungen verpasst.

Seine unkonventionelle und zuweilen verbissene Art brachte ihm schon zu Lebzeiten viel Kritik und Gegenwind ein. Auch seine großspurige Art, die im Bau eines palastartigen Familiensitzes in Athen gipfelte, fand viel Spott. Mit einigen Kritikern lieferte Schliemann sich jahrelange Kleinkriege. Denn einige bezweifelten schnell, dass Schliemanns Leben und Grabungserfolge so sauber und gradlinig waren, wie er es der interessierten Öffentlichkeit verkaufen wollte. Viele aber bewunderten ihn auch und er fand zahlreiche Unterstützer bis in die obersten Schichten Europas.

Leoni Hellmayr konstruiert aus diesen Aufzeichnungen und aus Schliemanns eigenen Schriften, Briefen und Tagebüchern die komplexe Biographie eines Mannes, der er es verstand, seine Ziele zu erreichen. Schliemann erfand sich selber und schuf seinen Mythos, setzte sich sogar selbst ein Denkmal, das noch immer über Athen blickt. Ob er sich auf diesem Weg beliebt machte oder Freundschaften ruinierte, war ihm oft genug egal. Sein Leben gehörte Homer, nicht irgendwelchen Kleinigkeiten. Schliemanns Lebensweg ordnet Hellmayr in einen zeitgeschichtlichen Kontext ein, der vieles klarer werden lässt und die Bedeutung einzelner Aspekte hervorhebt. Die von ihr erzählte Biographie liest sich flüssig und lebendig und lässt ein detailliertes, differenziertes Bild eines abenteuerlichen Archäologen entstehen, dessen Leben und Wirken bis heute die Gemüter bewegt.


tl;dr: Sehr gut lesbare und differenzierte Biographie eines Mannes, der beinahe so legendär geworden ist, wie der Gegenstand seiner Grabungen.


Leonie Hellmayr: Der Mann, der Troja erfand. Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann. wbg 2021, 288 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 155.

4 Gedanken zu “Geboren um zu graben – „Der Mann, der Troja erfand: Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann“ von Leoni Hellmayr

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