Kindheit zwischen den Fronten – „No Bones“ von Anna Burns

Amelia Boyd Lovett wächst in Belfast auf. Als 1969 die bürgerkriegsähnlichen Unruhen beginnen, ist sie gerade fünf Jahre alt. In einer der ersten Szenen kauert sie unter einem Tisch, hinter vernagelten Fenstern, während draußen eine verfeindete Gruppe versucht, die Haustür aufzubrechen. Was passieren wird, wenn es ihnen gelingt, stellt Amelia sich gar nicht erst vor. Am nächsten Tag kratzt sie die Schrapnell-Reste aus der Haustür und legt sie zu ihrer Sammlung. Ihre Familie lebt in Ardoyne, einem Teil der Stadt, der traurige Berühmtheit für die besonders hohe Zahl tödlicher Zwischenfälle erlangte. Ihre gesamte Kindheit und Jugend über wird Gewalt für sie der Normalzustand sein. Die Angst, der gegnerischen Partei in die Arme zu laufen ist allgegenwärtig und in jeder Familie, in jeder Klasse gibt es jemanden, der bei einer Schießerei stirbt, plötzlich verschwindet oder von einer Autobombe getötet wird. Auch zu Hause kann Amelia nicht auf Ruhe und Frieden hoffen. In ihrer Familie werden Konflikte entweder gar nicht oder mit brutalen Auseinandersetzungen gelöst.

„It wasn’t that she’d anything against peace. It was just that she didn’t have anyting for it. What did she know? Who could she ask? Nobody. Nobody she knew knew anything about peace.“

Der Roman folgt Amelia weit über die Jugend hinaus, bis in den Sommer 1994. Sie schafft es, Nordirland und die alte Nachbarschaft hinter sich zu lassen. Doch die Erinnerungen ihrer Jugend verfolgen sie bis ins Erwachsenenalter hinein. In ihren Träumen tauchen Freundinnen von früher auf und fragen, wie sie tanzen gehen konnte, nachdem sie von ihrem Tod erfahren hat. Sie versucht, dagegen anzukommen, indem sie die Nahrung verweigert und zu viel trinkt. Dass das auf Dauer keine Lösung sein kann, versteht sich von selbst.

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No Bones ist kein leicht zu lesender Roman. Das liegt zum einen natürlich an der Schwere der Themen. Amelia erfährt beinahe jede Art von Gewalt, entweder am eigenen Körper oder als Zeugin. Diese Gewaltszenen sind allerdings weitaus weniger brutal dargestellt als sie es hätten sein können. Burns bleibt ziemlich zurückhaltend und spart sich jeden Voyeurismus. Dafür experimentiert sie mit dem Stil. Der Roman setzt sich zusammen aus verschiedenen Episoden, die in sich abgeschlossen sind und schlaglichtartig jeweils ein Fragment aus Amelias Leben darstellen, ungefähr eine Szene pro Jahr. Nicht immer wird sofort klar, inwiefern die Episoden mit Amelia zusammenhängen. Manchmal braucht es drei oder vier weitere Episoden, drei oder vier weitere Jahre, bevor klar wird, warum diese oder jene Geschichte Einfluss auf sie hat. Einige der Szenen sind schwer einzuordnen, denn einige der Reflektorfiguren haben mehr oder weniger starke psychische Probleme und es ist beinahe unmöglich herauszufinden, welche ihrer Erlebnisse real sind. Erschwerend hinzu kommt, dass zwischen den rivalisierenden Parteien Nordirlands ein großes Interesse daran besteht, die jeweils andere Partei zu diskreditieren. Zuverlässige Erzählstimmen sind also rar in diesem Roman.

Amelias Leben steht beispielhaft für ein nationales Trauma. Um sie herum gibt es niemanden, dessen Leben von Normalität und Ruhe bestimmt wäre. Die meisten ihrer Mitschülerinnen schließen sich irgendwann der IRA oder einer anderen bewaffneten Gruppierung an. Alle wissen, wie eine Bombe aussieht, viele auch, wie man sie baut. Der ständige Alarmzustand, in dem Amelia und ihre Freundinnen aufwachsen, lässt sie niemals los. No Bones ist nicht unbedingt ein Roman, in dem man mehr über den Nordirlandkonflikt lernt. Eigentlich muss man fast alles schon wissen, denn der Roman erklärt einem nichts. Es ist eine Einsicht in die Leben, die hinter den Ereignissen stehen, ein Blick in eine ganze Generation, deren Kindheit und Jugend von Hass und Angst geprägt war. Anna Burns selbst wurde Anfang der 60er-Jahre in Belfast geboren und weiß, wie es ist, Teil davon zu sein. Inwieweit ihr Roman autobiographisch ist, ist ja erstmal egal, authentisch ist er aber jedenfalls. Wer ungern von Gewalt liest, sollte vorsichtig sein mit diesem Roman. Der Nordirlandkonflikt fordert seine Opfer, direkt wie indirekt und am Ende kommt absolut niemand ungeschoren davon.


Anna Burns: No Bones. 4th Estate 2018. Originalausgabe Flamingo 2001. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

Das Zitat stammt von S. 35

2002 war Anna Burns mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction. Eine völlig andere Sicht auf den gleichen Konflikt findet man übrigens in The Dancers Dancing, das zur gleichen Zeit und ebenfalls in Nordirland spielt.

4 Gedanken zu “Kindheit zwischen den Fronten – „No Bones“ von Anna Burns

  1. soerenheim 16. April 2019 / 13:45

    klingt gut & auch als könnten Formales Experiment & Thema hier sogar zueinander passen…
    (sieht auch kurz aus? – was Romanen ja doch oft auch formal zu Gute kommt)

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    • Marion 17. April 2019 / 7:43

      Ich fand das hier auch ganz passend. Irgendwo ab der Mitte wird es mal ziemlich abgedreht mit Szenen, die aus Sicht eines Menschen in der Psychatrie (?) geschrieben sind. Da hab ich ein paar Seiten gebraucht, bis ich wieder drin war, weil der Bruch schon recht drastisch war.
      Sehr lang ist der Roman auch nicht. So 350 Seiten ungefähr.

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  2. elizzy91 16. April 2019 / 16:23

    Klingt nach einem interessanten, wenn auch sehr aufwühlendem Buch. Danke für die passende Rezension und die Hinweise!

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