Im Zeichen des Konditional – „Unless“ von Carol Shields

Reta Winters ist eine zufriedenstellend erfolgreiche Autorin und Übersetzerin und lebt mit Langzeit-Partner und drei gemeinsamen Töchtern in einem hübschen Haus in der Nähe von Toronto. Neben ihrem Beruf findet sie ausreichend Zeit, sich ehrenamtlich in der örtlichen Bücherei zu engagieren und regelmäßig ihre Freundinnen zu treffen. Alles läuft also in geregelten Bahnen, bis ihre älteste Tochter Norah die Wohnung verlässt, in der sie gemeinsam mit ihrem Freund gewohnt hat, und fortan auf dem Bürgersteig sitzt, ein Schild mit der Aufschrift „Goodness“ um den Hals. Nachvollziehen kann diesen Akt niemand so richtig und Norah erklärt ihn nicht. Sie sitzt einfach da, schläft nachts in einer Obdachlosenunterkunft, für die ihre dankbaren Eltern großzügig spenden, und gibt ihr erbetteltes Geld an andere auf der Straße weiter. Immerhin keine Drogen, das ist der einzige Trost, den die Eltern haben.

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Die Abwesenheit von Norah bestimmt das gesamte Leben der Erzählerin und ihrer Familie. Oft besuchen sie die abtrünnige Tochter und sitzen neben ihr auf dem Bordstein. Alle Versuche aber, sie zu einer Rückkehr zu bewegen, scheitern. Norah schweigt und bleibt, wo sie ist. Reta belastet das nachvollziehbar stark und es fällt ihr immer schwerer, an dem Nachfolger ihres bisher einzigen Romans, My Thyme Is Up, zu arbeiten. Der brachte ihr vor einigen Jahren einigen Ruhm und einen Preis für den „zugänglichsten Roman des Jahres“, was immer noch ein bisschen an ihr nagt.

Unless provides you with a trapdoor, a tunnel into the light, the reverse side of not enough. Unless keeps you from drowning in the presiding arrangements.“

Fast alle Kapitelüberschriften des Romans sind, wie auch der Titel selbst, Konjunktionen und Präpositionen. Instead, Throughout, Since. Sie geben den Ton an der Überlegungen, Verteidigungen und Begründungen, in denen die Erzählerin sich ergeht. Unless ist kein Roman, der durch Handlung besticht. Denn die eine große Handlung bleibt wo sie ist: auf einem Stück Bordstein in Toronto. Reta führt kein besonders ereignisreiches Leben, stellt aber viel Überlegungen an, besonders über ihre Rolle als Frau und Mutter und über die Rolle der Frau generell, besonders ihre Repräsentation in Wissenschaft und Kunst. Letzteres macht sie oft wütend. Sie schreibt mehrere Briefe an Männer, die in Texten oder Interviews keine einzige Frau nennen, die sie inspiriert hätte, oder die kulturgeschichtlich von Bedeutung war. Allerdings schickt sie keinen davon ab. Ihr philosophisches Interesse gilt derweil vor allem dem Begriff „Goodness“. Sie versucht herauszufinden, was ihre Tochter damit meint, warum ihr dieses Konzept wichtig genug ist, um alles dafür aufzugeben und ihre gesamte Zeit, alle ihre Kapazitäten unter dieses Motto zu stellen und danach zu leben.

Als Autorin setzt die Erzählerin sich zudem viel mit der Bedeutung von Fiktion auseinander, mit der Frage, wie die von ihr geschaffenen Figuren funktionieren und wie viel von ihr selbst darin steckt. Die Protagonistin ihres aktuellen Romans arbeitet als Redakteurin und Reta kommt es sehr seltsam vor, über eine Frau zu schreiben, die schreibt. Zur Ablenkung macht sie sich Gedanken über die Vorbesitzerin ihres Hauses, ob sie dort glücklich war und ob sie sich wohl Mühe gegeben hat, die Bohnen für das Abendessen in gleich große Stücke zu schneiden.

Unless beginnt zeitgleich mit der Episode in ihrem Leben, in dem Norah Winters sich entschließt, den ganzen Tag auf der Straße zu sitzen, und endet auch zeitgleich mit dieser Episode. Der Roman ist nicht sehr lang, nur knapp 300 Seiten bei einem großzügig bemessenen Schriftbild. Ich hatte allerdings Schwierigkeiten, einen Zugang zu finden – trotz des Preises für zugängliche Literatur, den Reta Winters bekommen hat. In größeren Teilen liest der Text sich fast wie eine Sammlung von Essays, geschrieben vor dem Hintergrund der „Goodness-Krise“. Interessant sind diese Überlegungen zweifellos, auch vor dem Hintergrund der immer noch aktuellen Unterrepräsentation von Frauen in der kanonisierten Kulturgeschichte sowie in aktuellen Diskursen. Dennoch fiel es mir nicht immer leicht, bei der Stange zu bleiben. Den auf der Stelle tretenden Konflikt mit der Tochter, bei dem sich über weite Strecken wirklich überhaupt nichts tut, muss man aushalten können. Den Preis, den Reta Winters bekommt, bekommen nur Romane, die einen Beginn, einen Hauptteil und einen Schluss haben. Wenn man sich von diesen Anforderungen frei macht, kann man Unless durchaus mit Gewinn lesen.


Carol Shields: Unless. 4th Estate 2003. 320 Seiten. Originalausgabe 4th Estate 2002. Das Buch ist beim gleichen Verlag noch lieferbar. Eine deutsche Übersetzung von Margarete Längsfeld ist unter dem Titel Die Geschichte der Reta Winters bei Piper erschienen.

Das Zitat stammt von S. 224.

Nachdem Carol Shields mit Larry’s Party 1998 den Orange Prize for Fiction gewonnen hatte, war dies 2003 ihre zweite Shortlist-Platzierung. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

2 Gedanken zu “Im Zeichen des Konditional – „Unless“ von Carol Shields

  1. the lost art of keeping secrets 23. April 2019 / 16:16

    Ich habe den Roman vor längerer Zeit gelesen, weil er bei den Gilmore Girls erwähnt wird. Aber ich merke jetzt, dass es kein Roman ist, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Ohne deine Beschreibung, hätte ich nicht mehr gewusst, worum es ging… Liebe Grüße

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    • Marion 23. April 2019 / 16:28

      Ach cool, von der Rory Gilmore-Leseliste? Das wusste ich gar nicht. Mir geht es wie dir – ich fürchte, in spätestens einem Jahr werde ich nicht mehr genau sagen können, worum es in diesem Roman ging.

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