Von der Liebe zum Leuchtturm – Ray Bradburys Dinosaur Tales

Der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury, bekannt vor allem für seinen dystopischen Roman Fahrenheit 451, war ein begeisterter Dinosaurier-Fan. Einer Anekdote zufolge, die er auch selbst im Vorwort erwähnt, hielt er Dinosaurier sogar für das spannendste Thema der Weltgeschichte. Er hat nicht nur über Dinosaurier geschrieben, sondern auch am Film The Beast From 20.000 Fathoms mitgearbeitet, der sehr lose auf einer seiner Kurzgeschichten basiert.

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Der Sammelband Dinosaur Tales beinhaltet alle Dinosaurier-Texte von Bradbury, die ursprünglich in verschiedenen Sammlungen erschienen sind. Sieben Texte sind es, zwei davon Gedichte, alle illustriert von bekannten Zeichnern wie William Stout, David Wiesner und Moebius. Alle Texte haben sehr viele Bilder, ohne wäre das Buch sicher noch viel schmaler. Optisch macht das aber eine Menge her. Zudem sind die Texte eine gelungene Mischung. Es kommt eine Zeitreise inklusive Dinosaurier-Jagd darin vor, eine Geschichte über einen Mann, der an einem Trickfilm-T-Rex verzweifelt und natürlich die Geschichte eines Jungen, der sich nichts mehr wünscht, als dass es wirklich Dinos gäbe auf der Welt. Mein Favorit war allerdings die Geschichte eines Tiefsee-Sauriers, der sich in das einsame Rufen eines Nebelhorns verliebt und nicht verstehen kann, warum der Leuchtturm seine Gefühle nicht erwidert.

„I’ll make me a sound and an apparatus and they’ll call it a Fog Horn and whoever hears it will know the sadness of eternity and the briefness of life.“

Dinosaur Tales versammelt sicher nicht Bradburys beste und tiefschürfendste Prosa. Aber das ist ja auch gar nicht der Punkt. Dinosaur Tales versammelt Bradburys Prosa über Dinosaurier und das ist ein sehr sympathisches Thema für eine Kurzgeschichtensammlung. Bradburys Geschichten lesen sich, als habe das Staunen des Autors über die riesigen Echsen niemals aufgehört. Und wie sollte es auch?


Ray Bradbury: Dinosaur Tales. ibooks 2003. 144 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 102.

Esi Edugyan: Half Blood Blues

Hieronimus Falk, genannt Hiero, ein Musiker deutsch-sengalesischer Herkunft, ist gerade zwanzig, als er 1940 in Paris ohne Papiere aufgegriffen und verhaftet wird. Sein Ruf als bester Jazz-Trompeter seiner Zeit ist da aber schon legendär. Seine Freunde Sid und Chip, die mit ihm in einer Band waren, erfahren nur, dass er in Mauthausen inhaftiert gewesen sein soll und kurz nach seiner Entlassung verstorben ist. Viele Jahre nach seinem Tod stehen seine wenigen Aufnahmen wieder hoch im Kurs und 1992 wird ein Festival zu seinen Ehren veranstaltet. Dazu sind auch Sid und Chip, beide mittlerweile jenseits der 80, eingeladen. Kurz vor der Abreise erhält Chip einen Brief aus Stettin, dessen Absender niemand geringerer sein soll als Hiero Falk. Er bittet um einen Besuch.

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Also reisen die beiden nach Europa, erst nach Berlin zum Festival, und dann nach Polen. Und hier hängt es leider gewaltig. Erstmal fliegen die beiden von Berlin nach Stettin. Das sind so runde 150 km. Jetzt spielt das 1992 und ich bin mit den damaligen Reisemodalitäten nur bedingt vertraut, aber ein Direktflug von Berlin nach Stettin erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Vor allem schlagen die beiden spontan am Flughafen auf und nehmen dann den nächsten Flug, den es halt gibt. In der Zeit hätte man wahrscheinlich nach Stettin radeln können. In Stettin müssen sie einen Bus nehmen, der sie in 12 Stunden ans Ziel bringen wird. 12 Stunden! Freunde, wo wollt ihr hin? So groß ist doch ganz Polen nicht! Und wenn euer Ziel so maximal weit von Stettin entfernt ist, sagen wir, ihr wolltet eigentlich an die slowakische Grenze, warum fliegt ihr dann ausgerechnet nach Stettin, um alles in der Welt? Ja okay, die Busreise wird für ein Gespräch gebraucht, aber so viel quatschen die beiden auch nicht, dass es die sinnloseste Reiseverbindung aller Zeiten rechtfertigen würde. Sie sind auch alt und schlafen viel. Ich fürchte, da hat die Kanadierin Edugyan unterschätzt, wie klein Europa ist.

Ansonsten ist Half Blood Blues wirklich ein gutes Buch. Es handelt von der Situation schwarzer Jazz-Musiker im zunehmend gefährlich werdenden Europa der 30er Jahre. Wie der Titel des Buchs schon andeutet, geht es hier vor allem um Menschen gemischter Herkunft. Sid beispielsweise ist so hellhäutig, dass ihn auf den ersten Blick kaum jemand als nicht-Weiß identifiziert. Nach den Gesetzen der Zeit und auch in seiner eigenen Definition von sich selbst ist er aber Schwarz. Hiero hingegen, Sohn einer Deutschen und eines Sengalesen, ist sehr dunkelhäutig und im Alltag offensichtlicher und häufiger Diskriminierung ausgesetzt. Seine Freunde haben immerhin amerikanische Pässe und sind in Europa relativ sicher, Hiero aber ist Deutscher, als Bastard definiert und damit in ständiger Gefahr. Die Flucht nach Frankreich mit gefälschten Papieren kann nur eine Notlösung für einige Monate sein.

Ain’t no man can outrun his fate. Sometimes when I looked out through the curtains, staring into the emptiness of Rue de Veron, I’d seen our Berlin, I’d see that night when all the glass on our street shattered.

Jazz ist die Musik der Zeit. In London, Berlin und Paris beherrscht er die Bühnen und Cafés, der Swing füllt die Tanzlokale. Vor allem amerikanische Musiker sind in Europa gefragt, verleihen sie doch einer Jazz-Combo erst die nötige Authentizität. Für die deutschen Musiker, die Jazzaufnahmen vom Band transkribieren und dann vom Blatt spielen, haben sie nur ein müdes Lächeln übrig. Jazz ist nicht einfach nur eine Musik, es ist ein ganzer Lifestyle. Diese Atmosphäre fängt Edugyan gut ein. Schwieriger nachzuvollziehen fand ich manchmal die Handlungsweisen der Charaktere, die nicht immer logisch waren. Also jetzt mal abgesehen von dieser völlig irren Polenreise fand ich die Freundschaft zwischen Sid und Chip nicht immer nachvollziehbar, nachdem sich vor allem Chip an etlichen Stellen wie ein ziemliches Arschloch verhält. Auch Hiero bleibt, obwohl Held des Romans, ziemlich platt und farblos. Er ist das verschüchterte Wunderkind und das sehr überzeugend, aber mehr Charakterzüge sind an ihm nur selten erkennbar. Auch die schöne Delilah, die die Männer erst nach Paris geholt hat, erfüllt ihre Rolle als gefährliche Schönheit sehr gut, bleibt darüber hinaus aber doch recht platt.

Der Roman springt zwischen den Zeitebenen und spielt abwechselnd in den späten 1930er-Jahren und den frühen 1990er-Jahren. Das komplette Bild von Hieros Verhaftung, der Geschichte der Band und der Aufnahme des legendären „Half Blood Blues“ setzt sich erst nach und nach zusammen. Einige Passagen, wie die ersten Tage der Besetzung Paris, fand ich ein wenig langatmig, durch den ständigen Wechseln zwischen den Zeiten bleibt das Buch aber trotzdem spannend. Der Roman wird aus der Sicht von Sid erzählt und das auch in seiner Sprache. Auf den ersten Seiten fand ich das beinahe abschreckend. Er spricht mitunter einen relativ starken Slang und mit einigen Ausdrücken, besonders aus dem musikalischen Kontext, hatte ich echt zu kämpfen. Man gewöhnt sich aber recht schnell daran und merkt es nach ein paar Seiten kaum noch.

Half Blood Blues hat zweifellos einige Schwächen, nicht nur die Routenplanung betreffend. Dennoch fand ich den Roman sehr gelungen und gut lesbar. Nicht zuletzt fand ich auch das Thema interessant, dem Edugyan sich hier widmet und das sonst eher selten in der Literatur zu finden ist.


Esi Edugyan: Half Blood Blues. Serpent’s Tail 2011. Eine deutsche Übersetzung von Peter Knecht ist unter dem Titel Spiel’s noch einmal bei insel taschenbuch erschienen, ist aber nur noch antiquarisch oder als eBook zu kriegen.

Das Zitat stammt von S. 10.

2012 war Edugyan mit diese Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Madeline Miller: The Song of Achilles

Griechische Mythologie hat mich noch nie gekriegt, das muss ich zugeben. Früher hatte ich mal ein Buch mit griechischen Sagen, von dem ich noch weiß, dass irgendjemand mit einem glühenden Pflock einer Kreaturen die Augen ausgebrannt hat – ich glaube, es war Odysseus und das Opfer ein Zyklop, womit er nur ein Auge hätte ausbrennen müssen, aber auch das war schockierend genug, so dass ich danach lieber wieder die Pferde-Internat-Sammelbände aus dem Club Bertelsmann gelesen habe. Ungefähr auf dem Level bin ich geblieben, außerdem kann ich mir die ganzen Namen immer nicht merken und gerate durcheinander und, ich glaube das habe ich schon mal gesagt, ich bin schlecht mit Schlachten. Das ist nun wirklich eine denkbar schlechte Voraussetzung für griechische Heldensagen.

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Nun, dank Women’s Prize for Fiction-Sieg landete nun The Song of Achilles auf meiner Leseliste. Ich hatte noch die Hoffnung, das hätte irgendeine metaphorische Bedeutung, aber nein. Es geht wirklich um Troja, um Achilles und um seinen Gefährten Patroclus. Die Beziehung der beiden ist je nach Quelle unterschiedlicher Natur – in einigen Versionen (Homer) verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, in anderen eine Liebesbeziehung (Aischylos). Miller hat sich in ihrer Variante für letzteres entschieden. Also auf geht’s – verwirrende Namen und Speerwerferei.

Achilles wächst als Prinz auf, er ist der Sohn des Königs Peleus und der Meernymphe Thetis, und der beste aller Griechen. Schon von Kindheit an hat er unglaubliche Fähigkeiten in ungefähr allem, was er anfasst. Vor allem ist er ein herausragender Kämpfer. Zeitgleich mit ihm wächst in einem anderen Königreich Patroclus auf, der seinen Vater in allem enttäuscht und schließlich versehentlich einen anderen Jungen umbringt. Die Strafe lautet Exil und so landet er als Zögling ebenfalls am Hof des Peleus, wo er zur Verwunderung aller der Favorit und engster Gefährte von Achilles wird. Von da an verbindet die beiden eine tiefe Liebe. Vor allem für Patroclus, der die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, ist ein Leben ohne Achilles bald undenkbar. Wenn die Prophezeiung sich erfüllt und Achilles in der Schlacht stirbt, wird auch Patroclus nicht mehr weiterleben können.

„The sorrow was so large it threatened to tear through my skin. When he died, all things swift and beautiful and bright would be buried with him.“

Miller bleibt in ihrer Erzählung der Geschichte eng an der klassischen Vorlage,  deswegen gibt es für die Plotline keine Punkte. Sie konzentriert sich in ihrer Version aber sehr auf die Beziehung der beiden Männer, die beide nicht besonders aufregend charakterisiert werden. Während Achilles der unangefochtene und strahlende Held ist, bleibt Patroclus seltsam farblos und ist mir in seiner unbedingten Anhänglichkeit manchmal schon auf die Nerven gegangen. Er tut sich vor allem dadurch hervor, dass er in jeder Disziplin der gemeinsamen Ausbildung (Kämpfen, Reiten, Lyra spielen) signifikant schlechter ist als Achilles. Einzig die Heilkunde liegt ihm. Als die beiden schließlich doch in die Schlacht um Troja ziehen, bleibt Patroclus meistens im Lager, kruscht im Zelt herum und kommt um vor Sorge, bis Achilles endlich wieder da ist. Über lange Strecken ist er ein nervöser Hausmann, der ohne Achilles nicht weiß, was werden soll. Es ist mir das ganze Buch über sehr schwergefallen zu sehen, was Achilles an Patroclus so anziehend fand und offenbar auch über lange Zeit anziehend findet. Es ist ja nicht, als hätte der größte aller Griechen keine anderen Angebote. Vor allem seine Mutter Thetis ist ständig bemüht, den in ihren Augen unwürdigen Exilanten durch was besseres zu ersetzen. Aber von außen sind Beziehungen ja oft nur schwer zu beurteilen.

Mein Eindruck des Romans war sehr durchwachsen. Einige Episoden habe ich gerne gelesen, andere fand ich wirklich schleppend. Manchmal ist es fast rührend, wie Patroclus glaubt, nicht mehr ohne Achilles leben zu können, an anderen Stellen ist es nur ermüdend, wie er die Schönheit seines Gefährten ein weiteres Mal bewundert und den goldenen Glanz seiner Haare lobt. Es ist eben nicht das ideale Buch, wenn man weder auf griechische Mythologie noch Liebesgeschichten steht, das muss ich auch zugeben. Wenn man das aber tut, ist man hier ganz gut bedient, denn zumindest stilistisch ist The Song of Achilles solide gemacht und gut lesbar. Und bei den Schlachten kann man auch mal quer lesen, man weiß ja, wie es mit Troja endet.


Madeline Miller: The Song of Achilles. Bloomsbury 2012. 352 Seiten. Originalausgabe beim gleichen Verlag 2011. Der Roman wurde durch Michael Windgassen übersetzt und ist unter dem Titel Das Lied des Achill beim Berlin Verlag lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 158.

2012 wurde dieser Roman mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Sokrates im Gulag – Lewan Berdsenischwilis „Heiliges Dunkel“

Drei Jahre lang, von 1984 bis 1987, war der Georgier Lewan Berdsenischwili im Gulag inhaftiert, verurteilt wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda. Er hatte in Georgien eine republikanische Partei mitbegründet. Der Zeit seiner Inhaftierung widmet er den Roman Heiliges Dunkel – Die letzten Tage des Gulag. Anders als man das aus anderen Gulag-Romanen kennt, schildert er diese Zeit allerdings nicht als schreckliches Erlebnis, sondern konzentriert sich ausschließlich auf die Menschen, die er dort kennen lernte und mit denen er auch lange Jahre nach der gemeinsamen Haft in Kontakt stand.

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Seine Haftbedingungen waren relativ erträglich, was mit am späten Zeitpunkt seiner Festnahme lag. Zu den Zeiten von Glasnost und Perestroika waren die Strafgefangenenlager schon lange nicht mehr das, was man sich, mit Iwan Denissowitsch im Hinterkopf, unter einem Gulag vorstellt. Zwar berichtet Berdsenischwili von willkürlichen Schikanen durch die Angestellten und Wärter, im Großen und Ganzen geht es aber ganz zivilisiert zu in der Zone der politischen Gefangenen. Mit Grauen erzählt man sich dort, unter der intellektuellen Elite der Sowjetunion, wie furchtbar es zugehen muss in den anderen Zonen, wo Mörder und Diebe ihre Haftstrafe verbüßen. Unter den politischen Gefangenen hat man es ganz nett. Man trifft viele Gleichgesinnte und kann über Literatur, Musik und Sprache reden, Schach spielen oder sich zur Scharade treffen. Zwischendrin müssen Handschuhe genäht werden, eine Arbeit, die eintönig aber körperlich nicht besonders schwer ist. Traumatisierend ist die Erfahrung für Berdsenischwili trotzdem, daran lässt er nie einen Zweifel. Vor allem die Trennung von seiner Frau und seiner Tochter fällt ihm sehr schwer.

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Essen aus Büchern: Lamington-Kuchenwürfel aus Carrie Tiffanys „Fortschrittlich leben für jedermann“

In Fortschrittlich leben für jedermann geht es um ein Ehepaar, beide Angestellte des australischen Landwirtschaftsministeriums. Die beiden sind so beflügelt von der Idee des technischen Fortschritts, dass sie unter streng wissenschaftlichen Kriterien eine prosperierende Farm im unwirtlichen Outback aufbauen wollen. Bald müssen sie erkennen, dass Theorie und Praxis weit auseinander liegen und führen ein äußerst entbehrungsreiches Leben. Umso größer die Freude wenn es anlässlich einer Feier doch mal was besonderes gibt:

„Es gibt Vanilleteilchen mit so dicker Puddingfüllung, dass der Deckel fast abrutscht und Lamington-Kuchenwürfel mächtig wie Backsteine.“

Um die Lamington-Würfel rankt sich übrigens eine Legende, die garantiert falsch ist und besagt, dass die Haushälterin von Lord Lamington, Governor of Queensland, einen Kuchenwürfel versehentlich in Schokoladensoße hat fallen lassen und ihn daraufhin, damit man ihn wenigstens anfassen konnte, in ebenfalls herumstehende Kokosraspeln geworfen hat. Der just in diesem Moment eintretende Lord Lamington war entzückt von der Idee. Und so sind der Legende nach die Lamingtons entstanden. Möglich ist es allerdings, dass der Kuchen tatsächlich aus seinem Umfeld stammt. Europäische Gäste waren zu dieser Zeit noch sehr leicht mit Kokos zu begeistern.

Wer den angeblichen Küchenunfall nachbauen will, so geht’s:

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Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

An einem Abend im Frühling treffen sich die beiden Schriftsteller Berlioz und Besdomny an den Moskauer Patriarchenteichen, wo sie ein wenig spazieren gehen und sich über Literatur unterhalten. Dort treffen sie auf den Ausländer Voland, der sich sehr merkwürdig benimmt, nur kryptisch auf Fragen zu seiner Person antwortet und Berlioz einen frühen Tod voraussagt, verursacht durch das Abtrennen seines Kopfes. Nur Minuten später kommt es tatsächlich zu einer unschönen Begegnung des Autors mit einer Straßenbahn. Und das ist erst der Beginn einer Reihe höchst seltsamer Vorkommnisse in der Stadt.

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Gemeinsam mit seinen Begleitern, unter anderem einem riesigen Kater namens Behemoth, bezieht der mysteriöse Ausländer Quartier in der Sadowaja 302b, Wohnung 50. Von dort aus verdingt er sich als Künstler vor ausverkauftem Haus, stiftet allerhand Verwirrung und sorgt dafür, dass die Nervenheilanstalt der Stadt einige Patienten mehr bekommt. Dass der geheimnisvolle Fremde nichts Gutes im Schilde führt, ist schnell klar. Dass er der Teufel höchstselbst ist, will aber niemand wahrhaben, obwohl viele, die ihm begegnet sind, genau das beschwören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht man, die Geschehnisse um den dunklen Magier mit Massenhypnose zu erklären. Volands Methoden sind hinterhältig und grausam, scheinen aber so treffsicher immer die Richtigen zu erwischen, dass man kaum an seinen Taten zweifeln kann.

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Liebe in Zeiten des Umbruchs – Kathleen Collins „Nur einmal“

Als die Filmemacherin Kathleen Collins 1988 starb, fand ihre Tochter im Nachlass etliche handschriftlich verfasste Texte. Sie war nicht in der Lage, sich damit näher zu befassen, nahm die Texte aber mit und verstaute sie in einer Truhe, die erst als Couchtisch diente und dann im Keller verschwand. Erst rund 20 Jahre nach dem Tod von Kathleen Collins sichtete ihre Tochter den Fund genauer und entdeckte neben einigen Theaterstücken eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in den 60er-Jahren entstanden waren. Kathleen Collins war damals sehr aktiv in der Bürgerrechtsbewegung und kämpfte für eine gerechtere Gesellschaft. Dieser Geist schwingt in allen ihren Texten mit.

Diese Zeit verlangt nach einer bildgewaltigen Metapher, denn wir tauchen hinab in die legendären Abgründe Amerikas… dort, wo man sich die Nase am groben Sand der Illusion aufschürt und blutend wieder auftaucht.

Die Kurzgeschichten sind aber nicht in erster Linie politischen Inhalts, wenn auch die Bürgerrechtsbewegung immer eine Rolle spielt. Wie der Originaltitel der Sammlung Whatever Happened to Interracial Love? ahnen lässt, geht es in ihren Texten aber vor allem um zwischenmenschliche (Liebes)Beziehungen. Sie beschreibt eine Zeit und eine Atmosphäre, in der gesellschaftliche Grenzen (zumindest scheinbar) mit ungeheurer Geschwindigkeit erweitert wurden. Dabei steht immer die Frage im Raum, wie sehr die gesellschaftlichen und politischen Umstände bis in die tiefste Privatsphäre dringen können, ob man das verhindern kann und ob man das will. Eine ihrer Protagonistinnen lässt sie mit großer Begeisterung erkennen, dass es nun plötzlich nicht mehr nur möglich ist, einen schwarzen Arzt oder Anwalt zu heiraten, sondern auch einen Lastwagenfahrer oder – ein Gedankenexperiment ungeheurer Brisanz – sogar einen Weißen. Doch trotz aller Aufbruchstimmung ist die Hautfarbe in allen Geschichten noch immer die eine große Determinante. Sie ist nicht aus der Welt zu schaffen, trotz aller Bemühungen und Fortschritte bleibt sie ein für alle sichtbarer Faktor, der tiefe Gräben zieht. Der Kampf um Gleichberechtigung bringt einige von Collins Figuren in Gefahr und lässt viele verzweifeln. Zu groß und zu weit entfernt scheint das Ziel zu sein.

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Austen im Funkloch – Val McDermids „Northanger Abbey“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Austen-Zitate sich größter Beliebtheit erfreuen, gerne auch als ganzer Roman. Pride and Prejudice and Zombies habe ich vor einiger Zeit mit großer Freude gelesen und mich nun auch an einen Teil des Austen-Projekts gewagt. Im Rahmen dieses Projekts wurden Austens Romane neu erzählt und dabei auch in die moderne Zeit verlegt. Ich habe bisher keines der Bücher gelesen, weil ich sehr skeptisch war – wenn man aus Austen die Empire-Kleider, die komplexen gesellschaftlichen Regeln und jedes „most ardently“, „ever so slightly“ und „oh but you must forgive me“ streicht, was bleibt denn dann? Im besten Fall „Clueless“, im schlimmsten Fall eine ziemlich dünne Story.

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Nun gab es aber beim von mir abonnierten Streaming-Dienst die Hörbuch-Version von Val McDermids Nacherzählung von Northanger Abbey. Vor mir lag eine lange und langweilige Zugfahrt und da erschien mir diese Geschichte, die ich als ganz witzig und spannend in Erinnerung hatte, als gute Option. Und die Krimiautorin Val McDermid konnte ich mir auch als gute Neuerzählerin vorstellen.

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Patricia Pierce: Jurassic Mary

Mary Anning wurde 1799 als Tochter eines Tischlers in Lyme Regis an der Küste von Dorset geboren. Heute ist der Küstenabschnitt auch wegen des Namens „Jurassic Coast“ allen Fossilien-Fans bekannt. Zu Annings Lebenszeiten aber steckte die Paläontologie noch nicht mal in den Kinderschuhen und jeder Fund war ein großes Wunder. Wenn die Auftragslage schlecht war, sammelte Marys Vater Fossilien, vor allem Ammoniten, Belemniten und andere kleinere Tiere wie Muscheln, und verkaufte sie an die damals noch raren Touristen in der Stadt. Mary war dabei seit sie vier Jahre alt war und entwickelte schnell einen Blick dafür, wo sich große Fossilien verbargen. Als der Vater an Tuberkulose starb, übernahmen sie und ihr Bruder das Fossiliengeschäft. In den nächsten Jahren entwickelte sich Mary Anning zu einer der besten und erfolgreichsten Fossiliensammlerinnen des Landes. Sie entdeckte unter anderem den ersten vollständigen Ichthyosaurier, den ersten Pterodaktylus auf englischem Boden und diverse Plesiosaurier. Dennoch war ihr Name nur wenigen bekannt, denn sie verkaufte die Fossilien an Forscher, die sie wiederum beschrieben und an Museen weitergaben.

„One must have, at the very least, a grudging admiration for this unusual and independent woman born into a strictly stratified society, into which she did not fit.“

Zwar schätzten viele von ihnen ihre Expertise und fragten sie häufig nach Rat, der Zugang zur Geological Society oder auch nur ihren Treffen blieb ihr als Frau aber verwehrt. Ihre großen Funde sind heute mit anderen Namen assoziiert. Zeit ihres Lebens litt Anning darunter, dass es keine Möglichkeit gab, ihrer gesellschaftlichen Stellung zu entkommen. Sie konnte nicht erwarten, jemals die Würdigung zu erfahren, die ihr zugestanden hätte, ein Umstand, der sie über die Jahre immer mehr verbitterte.

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Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

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