Was man alles überleben kann – „Ruby“ von Cynthia Bond

Ruby Bell wächst Ende der 1940er Jahre in Ost-Texas auf. Ihre Mutter ist ohne sie nach New York gegangen und sobald sie alt genug ist, folgt Ruby ihr. Liberty, die Kleinstadt, aus der die Familie stammt, ist ein trostloses, abgelegenes Nest und Ruby hat allen Grund, von dort fortzugehen. Besonders die Tatsache, dass sie schwarz ist, macht das Leben dort schwer für sie. Erst ein Trauerfall bringt sie viele Jahre später wieder zurück. Die Stadtbewohner machen sich lustig über die feine Dame, die mit Handschuhen und Stöckelschuhen aus dem Greyhound-Bus steigt. Doch vielen ist sie auch unheimlich. Ruby bewohnt ein Haus draußen am See, von wo man nachts gruselige Schreie hört und sie scheint auch immer merkwürdiger und verwahrloster zu werden. Nur einer hält ihr seit Jahrzehnten die Treue: Ephram, Sohn eines fanatischen Predigers, der von seiner Schwester großgezogen wurde und Ruby nicht vergessen konnte, seit er sie als Achtjähriger das erste Mal gesehen hat.

wp-1577270745417.jpg

Liberty ist eine erzkonservative Kleinstadt in Texas. Ein sehr offen gelebter Rassismus bedeutet für die schwarzen EinwohnerInnen eine ständige Gefahr. In fast jeder Familie fällt mindestens ein Mensch dem Ku Klux Klan zum Opfer. Das strikt geregelte Sozialleben innerhalb der Gemeinschaft geht über alles und wer aus der Reihe tanzt, wird schnell zum gemiedenen Außenseiter. Umso mehr ist Ephrams Schwester Celia besorgt, als ihr Bruder sich plötzlich wieder so brennend für Ruby interessiert. Mit seinem Ruf steht natürlich auch ihrer auf der Kippe.

Soweit das Kleinstadtleben, das mit seiner abgeschiedenen Lage mitten im Wald schon genug unheimliche Kulisse bietet. Was aber in diesem Buch und insbesondere mit Ruby passiert, ist ein Albtraum für sich. Erst nach und nach kommt heraus, was vor Rubys Flucht nach New York alles passiert ist und es ist ein reines Horrorkabinett. Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Mord, archaische Rituale nebst plastisch geschilderten Tieropfern – Cynthia Bond erspart ihren LeserInnen absolut nichts. Je weiter man im Roman kommt, desto tiefer versinkt man in diesem Morast aus Grausamkeit. Als Ruby wieder nach Liberty zurückkehrt, ist ihr Körper ihr herzlich egal geworden. Sie hat schon lange aufgegeben, um körperliche Unversehrtheit zu kämpfen. Nur ihre Seele – auf die legt sie Wert. Und auf die Seelen „ihrer Kinder“. Nachts im Wald hört und sieht sie Geister ermordeter Kinder und sieht es als ihre Pflicht an, ihnen zu helfen. Denn dort ist auch der Dyboù unterwegs, ein böser Geist, der in Menschen fahren kann und so Ruby und den kleinen Geistern ohne Unterlass nachstellt. Und dies sind nur einige der phantastischen Elemente, die Cynthia Bond in ihrem Roman unterbringt. Die Erzählung ist durchwachsen von magischem Realismus, angefangen bei der Voodoo-Zauberin Ma Tante bis hin zu Haaren, die Erinnerungen festhalten und weitergeben können.

„Ain’t nobody ever gone answer your cries. You can fill a well with tears, and all you gonna get is drowned.“

Ruby ist der Debüt-Roman von Cynthia Bond und wurde ein schlagartiger Erfolg. Die Autorin scheint ihre Stil auf Anhieb gefunden zu haben. Es gelingt ihr, die düstere Atmosphäre in jeder Hinsicht einzufangen. Die Grausamkeiten, die geschildert werden, sind zum Teil an Blutrünstigkeit und Perversion nicht mehr zu überbieten, erwecken aber nicht den Eindruck, als reine Sensation in den Roman geschrieben worden zu sein. Das hat der Roman auch überhaupt nicht nötig. Und Bond selber auch nicht. Vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus der eigenen Familiengeschichte oder aus ihrer Arbeit im sozialen Bereich. Das macht die Geschichte nun aber wirklich nicht leichter verdaulich. Ruby beschreibt den finsteren Sumpf aus Rassismus, Sexismus und Misogynie, der für viele Alltag war und ist und macht deutlich, mit welcher Kraftanstrengung es verbunden ist, dem zu entkommen. Bond hat einen sehr mutigen und ambitionierten Debüt-Roman geschrieben, der gut und stimmig komponiert ist, aber durchaus seine Ecken und Kanten hat. Angst vor der Dunkelheit, besonders der der menschlichen Seele, sollte man allerdings nicht haben.


Cynthia Bond: Ruby. Two Roads 2015. Originalausgabe Hogarth 2014. Eine deutsche Übersetzung konnte ich leider nicht finden.

Das Zitat stammt von S. 51.

Bond war mit diesem Roman auf der Shortlist des Baileys Women’s Prize for Fiction 2016. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

Erzwungene Männlichkeit – „Annabel“ von Kathleen Winter

Das erste Kind von Jacinta und Treadway, einem Ehepaar, das in einer abgeschiedenen Kleinstadt in Labrador lebt, wird ohne eindeutiges Geschlecht geboren. Treadway ist bei der Geburt nicht dabei, zunächst wissen nur Jacinta und ihre Freundin und Geburtshelferin Thomasina davon. Jacinta ist erst überfordert, dann träumt sie von ungeahnten Möglichkeiten: männliche und weibliche Qualitäten, Mut und Warmherzigkeit, Jagdgeschick und Instinkt vereint in einer Person. Doch sie weiß, dass die Realität auf den Schulhöfen des ländlichen Kanada anders aussehen wird. Diese Belastung will sie ihrem Kind ungern zumuten. Also wird es halt ein Mädchen, beschließen Jacinta und Thomasina. Ein Junge, entscheiden Treadway und Dr. Ho mit seinem Phallometer. Das Kind wird auf den Namen Wayne getauft und künftig als Junge großgezogen. Treadway, der als Trapper den Lebensunterhalt der Familie bestreitet, nimmt Wayne besonders früh mit auf die Jagd und hat ein scharfes Auge darauf, dass alle weiblichen Tendenzen möglichst früh unterbunden werden.

I mean we try to make the baby comfortable as a male in his own mind, and in the minds of other people who are in his life now or will be in the future.

Anders ist es bei Thomasina: Sie nennt Wayne Annabel, nach ihrer jung verstorbenen Tochter und bleibt dabei. Wayne versteht den Namen lange als „Ambel“ und hält es für einen unsinnigen Kosenamen. Die beiden haben eine innige Bindung und Thomasina, nach wie vor als einzige eingeweiht, unterstützt jede Entwicklung von Wayne, ob sie nun eher als männlich oder weiblich angesehen wird. Waynes Eltern erzählen ihrem Kind nicht, welche Entscheidung sie getroffen haben. Sie erklären nicht, wogegen oder wofür die verschiedenen Pillen sind, die Wayne jeden Tag nehmen muss. Mit fortschreitender Pubertät aber haben die beiden die ganzen Angelegenheit immer weniger im Griff. Die Hormone sind schwieriger einzustellen, Wayne hat deutlich weniger Bartwuchs als die anderen in der Klasse, ist zu schlank gebaut, die Gesichtszüge bleiben zu weich und ein kleiner, aber sichtbarer Brustansatz sorgt für blöde Kommentare. Aber erst als es zu einem medizinischen Zwischenfall kommt, setzt Thomasina den Eltern die Pistole auf die Brust: sie müssen Wayne die Wahrheit sagen, sonst macht sie das. Besonders für den Männlichkeitsverfechter Treadway wird das zu einer extrem belastenden Situation.

Kathleen Winter Annabel

Annabel spielt in den 1970er Jahren in Labrador. Die Lage der Kleinstadt ist weit ab vom Schuss und die Lebensweise der Menschen scheint sich über Jahrhunderte kaum verändert zu haben. Die Männer leben als Trapper, sind monatelang in den dichten Wäldern unterwegs und schlafen in einfachen Hütten. Zu ihren Häusern in der Stadt und zu ihren Familien kehren sie nur für wenige Monate im Sommer zurück. Für die daheimgebliebenen Frauen können die Winter lang und einsam werden. Die Rollen, die Frauen und Männern zugeschrieben und zugestanden werden, sind hier sehr klar definiert. Für Waynes Kampf und die eigene Identität bildet diese Gesellschaft den idealen Hintergrund. Wayne wächst damit auf, dass es nur „sie“ oder „er“ geben kann und dass die einmal angetretene Position dann auch mit Inbrunst ausgefüllt werden muss. Die Stimmen, die dem widersprechen, sind selten und leise.

Kathleen Winter hat einen überzeugenden Roman über Intersexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit geschrieben. An den Stellen, an denen es um medizinische Eingriffe oder sexuelle Erfahrungen geht, ist der Romane sehr, sehr zurückhaltend. Das schont das Schamgefühl der Leserschaft, ist aber nicht immer gut für den Text.  Manchmal siegt auch die symbolhafte Funktion eines Erzählstrangs über die Glaubhaftigkeit. Dass ein umherfliegender Glassplitter eine Stimmbandverletzung hervorruft, die fast zum Stimmverlust führt, fand ich beispielsweise nicht ganz plausibel. Andere Erzählstränge geraten über lange Zeit in Vergessenheit, bis sie an unerwarteter Stille wieder aufgenommen und dann sofort abgerissen werden. Nichts davon stört allerdings die zugrundeliegende Struktur des Romans. Annabel ist zurückhaltend, aber mit sicherem Stil erzählt und entwickelt dabei einen ruhigen und stetigen Fluss.


Kathleen Winter: Annabel. Jonathan Cape 2011. 461 Seiten. Eine Taschenbuch-Ausgabe ist derzeit bei Vintage lieferbar. Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht ausfindig machen.

Das Zitat stammt von S. 49

Kathleen Winter war mit diesem Roman 2011 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Die Frauen von 2019 – Mein Beitrag zur Frauenleserin-Blogparade

Ende Dezember drängt er sich geradezu auf, der Jahresrückblick. Wie auch im letzten Jahr ruft deshalb Frauenleserin Kerstin Herbert zur Blogparade auf. Das Ziel dieser Parade: Mal durchzählen, wie viele Bücher von Frauen man im letzten Jahr eigentlich gelesen hat. Im letzen Jahr fiel die Zählung meiner Lektüre mit 42 : 18 eindeutig zu Gunsten der Autorinnen aus. Und wie sieht’s dieses Jahr aus? Um das herauszufinden, stellt Kerstin wieder die gleichen Fragen wie beim letzten mal und ich beantworte sie auch in diesem Jahr sehr gerne:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich 2019 mit Ach und Krach wieder 60 Bücher. 18 Bücher davon wurden von Männern geschrieben, ein Buch war eine Anthologie, die ich als „neutral“ gewertet habe. Ohne es darauf angelegt zu haben, ist meine Quote also fast wieder exakt wie im letzten Jahr – 41 : 18. 28 der Bücher von Autorinnen entfallen dabei allerdings auf das Women’s Prize for Fiction-Projekt. Wer weiß, wie’s ohne das aussähe.

Rezensiert habe ich fast alle dieser 60 Bücher. Nichts geschrieben habe ich zu einer Emmanuel Levinas-Einführung, weil ich das Gefühl hatte, mich da doch sehr weit aus dem Fenster zu lehnen. Ebenso nichts geschrieben habe ich über Peichls Wie man Dinge repariert, so ratlos hat es mich zurückgelassen. Es müssten also 58 Rezensionen sein, 41 davon zu Büchern von Frauen. Die Rezensionen zu Büchern aus den letzten Tagen des alten Jahres erscheinen zum Teil auch erst jetzt im Januar, nachgezählt habe ich das alles aber nicht.

Welches Buch einer Autorin ist Dein Lesehighlight in 2019? (Warum?)

Eines meiner Highlights im letzten Jahr war sicher A Girl is a Half-formed Thing von Eimear McBride, das mich stilistisch sehr begeistert hat. Betrachtet man nur die Geschichte, hat mir aber auch Hannah Kents Seelenhaus sehr gefallen. Sie beschreibt darin die Geschichte einer wegen Mordes verurteilten Frau, die in einem finsteren isländischen Winter auf ihre Hinrichtung wartet.

Welche Autorin hast Du in 2019 für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Neben der bereits erwähnten Eimear McBride hat es mir Meena Kandasamy mit When I Hit You in diesem Jahr besonders angetan. Ihre Schilderung einer gewalttätigen Ehe, die im März übrigens auch auf Deutsch erscheint, war sowohl sprachlich als auch in der Darstellung der häuslichen Gewalt extrem beeindruckend. Ich bin sicher, dass das nicht das letzte Buch war, das ich von ihr gelesen habe.

Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich besonders beeindruckt (und warum?)

Ich habe es mal wieder geschafft, fast Biographie-frei aus diesem Jahr zu gehen. Einzig eine über Mentona Moser habe ich gelesen, die fand ich aber nicht sehr gelungen, obwohl Mosers Geschichte durchaus außergewöhnlich ist. Wenn ich es also an meiner Lektüre festmachen müsste, hat mich wohl die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir, festgehalten in Seelenhaus, am nachhaltigsten beeindruckt. Magnúsdóttir war die letzte Person, die 1830 auf Island hingerichtet wurde. Das ist sicher kein sehr schöner Grund, in die Geschichte einzugehen, aber als Person kommt sie in diesem Roman doch sehr gut weg und man kann sich sehr gut vorstellen, dass vieles davon wahr ist.

Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2020 unbedingt lesen?

Jede Menge. Griffbereit liegen hinter unter anderem Frankkissstein von Winterson, Paradise von Toni Morrison und A Conspiracy of Stars von Olivia A. Cole, von der ich ja aber auch immer noch hoffe, dass sie endlich mal den dritten Teil ihrer Tasha-Trilogie veröffentlicht. Und dann läuft ja auch nach wie vor das wpf-Projekt – dort stehen noch fast 60 Bücher auf der to-read-Liste. Da kommt sicher wieder einiges zusammen!

Einsam in der Arbeitsmigration – „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann

Waclaw, oft genannt Wenzel, ist ein moderner Wanderarbeiter. Er arbeitet für eine Firma, die Ölbohrungen durchführt, war mal in Mexiko, ist jetzt vor der Küste Marokkos. Die Bezahlung ist gut, die Entbehrungen hart und die Gefahr groß. Als Waclaws Kollege und Freund Mátyás nach einem Sturm nicht mehr in die gemeinsame Kabine zurückkehrt, bricht seine Welt zusammen.

wp-1577057299113.jpg

Er verlässt die Plattform ohne zu wissen, wo er hin soll. Seine Ehe ist schon vor Jahren zerbrochen, Freunde an Land gibt es keine mehr. Also macht er sich auf den Weg in das ungarische Dorf, aus dem Mátyás kam und in dem seine Schwester noch lebt. Seine Reise wird zu einer ziel- und haltlosen Odyssee durch Europa, während er versucht, den schmerzhaften Verlust zu verarbeiten. Dass Mátyás und er weit mehr waren als Freunde und Kollegen, wird recht schnell deutlich, wenn auch nie ausgesprochen.

Weiterlesen

Das Debüt 2019 – meine Punktevergabe

Rund zwei Monate sind vergangen seit der Bekanntgabe der Shortlist von „Das Debüt“. Zwei Monate, in denen wir von der Jury Zeit hatten, uns durch die fünf nominierten Romane zu lesen, zu überlegen und zu diskutieren. Das war der angenehme Teil. Nun aber müssen wir Punkte vergeben für die fünf Romane, und das fällt mir zumindest deutlich weniger leicht. Aber es hilft ja alles nichts. Im folgenden also die kurzen Begründungen, wer warum wie viele Punkte hat. Meine ausführlichere Meinung ist unter den jeweiligen Links zu finden. Ich vergebe…

…. 5 Punkte für Nadine Schneiders Drei Kilometer. Während und direkt nach der Lektüre dieses sehr schmalen Romans war ich gar nicht so ganz begeistert von diesem Roman. Mit etwas Abstand stelle ich aber fest, dass Schneiders sehr ruhige und dichte Erzählung  von den fünf Nominierten den größten Eindruck bei mir hinterlassen hat. Ihr Roman über drei Freunden, deren Traum von der Freiheit fast sichtbar und doch unerreichbar ist, erzählt auf wenigen Seiten eine komplexe Geschichte.

3 Punkte für Angela Lehners Vater unser. Dieser Roman war der lauteste und direkteste auf der Shortlist. Angela Lehner spielt gekonnt mit einer Erzählerin, der man kein Wort glauben kann. Mit ihrer Rotzigkeit und ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis nervt die junge Protagonistin oft genug, hinterlässt aber auch einen bleibenden, wenngleich verwirrenden Eindruck.

1 Punkt für Katharina Mevissens Ich kann dich hören. Über weite Strecken hat mich Mevissens Betrachtung der Themen „Hören“ und „Gehört werden“ überzeugt. An einigen Stellen hat der Roman auch seine Schwächen, vor allem in der Wiederholung einiger Episoden. Gelungen fand ich allerdings den Wechsel im Sprachduktus besonders des Protagonisten aber auch in dem seiner Tante, die in der Rückkehr zur fast vergessenen Muttersprache ihre eigene Sprache wiederfindet.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Lancashire Hotpot aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party handelt von einem recht durchschnittlichen Mann mit einem außergewöhnlichen Beruf: Larry Weller ist Irrgartenplaner. Der Weg dorthin war selbst ein Labyrinth und hat ihn über etliche Umwege, andere Berufe und eine verkorkste Ehe ans Ziel gebracht.

Solange er keine Partnerin hat – und das sind etliche Jahre – feiert Larry seine Geburtstage feiert mit seiner Mutter Dot, einer ruhigen, angepassten, nervösen Frau, die den Umzug von England nach Kanada nie gänzlich verkraftet hat. Selbstverständlich hängt sie auch noch an den Rezepten, die sie aus ihrer Kindheit kennt. Eines davon ist Lancashire hotpot, glücklicherweise auch ein Lieblingsgericht ihres Sohnes:

„Larry’s crazy about Lancashire hotpot, or at least he pretends he is, for the sake of his sad and perpetually grieving and remembering mother.“

Das Rezept, das im Roman beschrieben wird, klingt wenig attraktiv. Dot schichtet Lammfleisch, Karotten und Kartoffeln abwechselnd in eine Auflaufform, gießt eine ordentliche Menge Brühe darüber und lässt das ganze im Ofen schmoren. Die Rezepte, die ich gefunden habe, verlangen zumindest, dass das Fleisch angebraten wird und dass die Kartoffeln obenauf gebräunt werden. Aus offensichtlichen Gründen habe ich mich für die zweite Variante entschieden, ohne Dot, die ein wirklich herzzerreißender Charakter ist, zu nahe treten zu wollen.

Weiterlesen

Gebrochene Herzen in der Landverschickung – „The Very Thought of You“ von Rosie Alison

1939 ist London von der Angst vor deutschen Bombenangriffen erfüllt. Eltern wird geraten, ihre Kinder auf dem Land in Sicherheit bringen. Und so entschließt sich auch Roberta schweren Herzens dazu, ihre achtjährige Tochter Anna auf eine Schule in Yorkshire zu schicken. Anna spielt im Rest des Romans nur noch die Rolle der kindlich-unschuldigen Beobachterin, eine Entwicklung über den Alterungsprozess hinaus gibt es nicht, deshalb muss sie nicht weiter erwähnt werden.

Alison_TheVeryThoughtOfYou.jpg

Die Schule in Yorkshire befindet sich im noblen Herrenhaus Ashton Park, das vom Ehepaar Elizabeth und Thomas Ashton großzügigerweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurde. Elizabeth macht das allerdings nur, weil sie selbst gerne ein Kind hätte und einfach nicht schwanger wird, mit wie vielen Männern sie auch schläft. Die Eröffnung der Schule ist ein verzweifelter Versuch, diese große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Ihr Mann Thomas sitzt seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl und hat jede Hoffnung auf wahre Liebe aufgegeben, bis die junge Lehrerin Ruth in Ashton Park auftaucht und sich als herzensgute Frau mit tiefen Augen entpuppt.

Weiterlesen

Worte über das Essen – „Eating Words – A Norton Anthology of Food Writing“

Während die Eloquenz beim Essen bei einigen bei „ja, kann man essen“ endet, gibt es andere, die ihre komplette berufliche Laufbahn dem Essen, dem Kochen und vor allem dem darüber Schreiben widmen und gewidmet haben. Einige davon finden Platz in dieser Anthologie mit dem Titel Eating Words, wobei die Betonung vorne auf dem Titel liegt – es geht nicht um das Essen von Wörtern, sondern um Essens-Wörter, bzw. Wörter über das Essen.

20190811_162610.jpg

Die HerausgeberInnen Sandra M. Gilbert und Roger J. Porter nähern sich dem Thema auf verschiedenen Themen und in ganz verschiedenen Epochen. Das erste Kapitel schafft einen historischen Überblick: dort finden sich Texte aus der Bibel ebenso wie Sinclairs Reportagen aus dem Schlachthaus und – natürlich – Prousts Kontemplationen über die Madeleine. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Bedeutung von Essen und Küchentraditionen bei der Schaffung von Erinnerungen und Identitäten. Und so geht es das ganze Buch hindurch. Essen, und vor allem das Schreiben darüber, wird aus jeder erdenklichen Perspektive betrachtet, von sehr persönlichen Erinnerungen an das gemeinsame Essen in der Familie bis zu weit abstrakteren Betrachtungen und, im letzten Kapitel, auch einigen Texten zur Politik des Essens. Dort finden sich sowohl Auszüge aus „Consider the Lobster“, eine kritische Schrift, die David Foster Wallace nach einem Besuch auf einem Hummerfestival in Maine verfasste, sowie Statements von PETA, in denen erläutert wird, warum der Mensch sowieso ein Pflanzenfresser sei. Die Frage, warum Menschen abends im Bett Kochbücher lesen, wird ebenso untersucht wie das achtsame Essen einer Zwiebel.

Weiterlesen

Der Tod kommt durch den Schornstein – „Hogfather“ von Terry Pratchett

Auch in Pratchetts Scheibenwelt ist Weihnachten ein ganz besonderer Tag – nur heißt er Hogswatch und die Geschenke werden vom Hogfather gebracht. Zumindest sonst ist das immer so und es muss auch so sein, denn sonst geht am nächsten Tag die Sonne nicht auf. Leider ist der Hogfather in diesem Jahr verhindert. Die Auditors of Reality haben beschlossen, etwas gegen den unsinnigen Glauben an ihn zu unternehmen und haben den Assassinen Teatime (sprich: Te – a – ti – me) auf ihn angesetzt. Damit der Glaube in dieser Nacht nicht schwindet, ist schnelles und entschlossenes Handeln gefragt. Mit beherztem Ho Ho Ho und künstlichem Bart kraxelt nun der Tod persönlich die Schornsteine der Scheibenwelt herunter, um die Geschenke zu bringen. Auch seine Enkelin Susanne hängt schneller in der Sache drin, als ihr lieb ist und muss ihren Teil dazu beitragen, den Glauben an Zahnfeen, Monster unter dem Bett und ähnliche Kreaturen am Leben zu erhalten.

„‚AND YOU MEAN THAT BECAUSE OF THIS THE POOR GET POOR THINGS AND THE RICH GET RICH THINGS?‘
’s right,‘ said Albert. That’s the meaning of Hogswatch.‘

Weiterlesen

Lipitsch, der Misanthrop -„Der Kreis des Weberknechts“ von Ana Marwan

Karl Lipitsch, seinen Vornamen erfährt man erst spät und nebenbei, denn Lipitsch siezt gerne, lebt ein zurückgezogenes Leben. Er hat sich ein Jahr Auszeit genommen, um an seiner philosophischen Schrift zu arbeiten. Gestört werden will er dabei nicht und überhaupt schätzt er den Umgang mit anderen Menschen nicht. Er bezeichnet sich selbst als Misanthrop und hält vor allem Frauen für eine ärgerliche Ablenkung.

„Allein zu leben, hingegen, bedeutete für Lipitsch das höchste Glück. Er lebte seit einem halben Jahr in einer Art Einsamkeit, die er vollkommen nannte.“

Blöd für ihn, dass ihn eines Tages, er kehrt gerade von einer Reise zurück, seine Nachbarin Mathilde anspricht. Er ist gezwungen, gemeinsam mit ihr in der Bahn zu sitzen und gepflegten Smalltalk zu betreiben, bis sich ihre Wege vor der Haustür endlich trennen. Das allerdings nur vorübergehend. In den nächsten Tagen spricht Mathilde ihn immer wieder über den Gartenzaun an, bringt Kuchen, kommt schließlich zum Kaffee vorbei. Ehe er sich versieht, ist Lipitsch ihr ins Netz gegangen und verstrickt sich mit jedem Fluchtversuch nur noch mehr in den klebrigen Fäden.

Weiterlesen