Der Teufel trägt pink – „A Short History of Tractors in Ukrainian“ von Marina Lewycka

Lange bevor der Hundertjährige aus dem Fenster stieg und unsinnig lange Titel zum Erfolgsgarant wurden, landete Marina Lewycka mit Einer kurzen Geschichte des Traktors auf Ukrainisch schon einen Überraschungserfolg auf dem deutschen wie internationalen Markt. Die Mischung aus skurrilen aber liebenswerten Charakteren, einer nicht allzu komplexen Story und einer positiven Message funktioniert halt fast immer.

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Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau schlägt das Herz von Nikolai, dem 84-jährigen Vater von Vera und Nadezhda wieder höher: er hat Valentina kennengelernt, eine attraktive und lebensfrohe Ukrainerin, die so gerne in England leben und seinen Lebensabend versüßen will. Obwohl Vera und Nadia hektisch versuchen zu intervenieren, läuten bald die Hochzeitsglocken und Valentina und ihr angeblich hochbegabter Sohn Stanislav werden Teil der Familie Mayevskyj. Und schon geht genau das Drama los, das die Töchter befürchtet hatten: Valentina ist eine aufgetakelte, egomanische, aggressive Hexe in pinken Minikleidern. Sie will einen neuen Ofen, einen neuen Staubsauger, ein neues Auto, ein neueres, schickeres Auto und noch so dies und das. Ihrem neuen Mann gegenüber verhält sie sich kaltherzig, mitunter sogar gewalttätig. Da lässt selbst die überzeugte Feministin Nadia alle schwesterliche Solidarität fahren und überdenkt auch noch schnell ihre liberale Meinung zum Asylrecht. Die pinke Hexe muss zurück wo sie herkommt, und das so schnell es geht. Aber lässt sich der verliebte Vater so einfach zu einer Scheidung überreden?

„I have a feeling that something terrible is going on, but I can see that my father is alive and excited for the first time since my mother died.“

Die Geschichte der zweiten Ehe des Herrn Mayevskyj ist natürlich nicht alles. Vater Mayevskyj schreibt nebenbei sein Opus magnum, die titelgebende Geschichte des Traktors auf Ukrainisch. Von Haus ist er nämlich Ingenieur und im Herzen immer noch seinem Vaterland verbunden. Aus dieser für Laien nicht sehr interessanten Geschichte der Landmaschine wird großzügig zitiert, was im Buch schon alle Charaktere langweilt und auf Außenstehende die gleiche Wirkung hat. Außerdem entdeckt Nadia im Laufe der Geschichte das ein oder andere Familiengeheimnis. Die Familie ist nämlich vor vielen Jahren aus der Ukraine geflohen, hat einen Krieg überstanden und in einem Flüchtlingslager gelebt. Das alles aber war vor Nadias Geburt, die von all dem nur wenig weiß. Nun, da sie durch die familiäre Krise eine engere Bindung zu ihrer älteren Schwester aufbaut, traut sie sich endlich die Fragen zu stellen, die sie schon seit Jahren beschäftigen.

Das alles zusammen wirkt leider ziemlich wacklig konstruiert. Die Geschichte der Scheidung an sich ist nämlich so spannend wie eine Scheidung nun mal ist. Anwaltstermin hier, Verhandlung da, böses Blut überall. Ohne den familiengeschichtlichen Unterbau hätte der Roman fast keine Daseinsberechtigung, die primäre Erzählung taugt nämlich höchstens als amüsante Kurzgeschichte. Aber auch daran hapert es, denn so amüsant ist das alles gar nicht, vor allem wenn man die körperliche und seelische Gewalt in Betracht zieht, die von Valentina ausgeht. Die Traktor-Geschichte wirkt, als sei sie nur da um ein absurdes Element zu bieten, sie ist nämlich weder interessant, noch trägt sie nennenswert zur Handlung bei. Höchstens einen groben Einblick in die ukrainische Geschichte kann man ihr anrechnen. Aber schade um den Titel wäre es natürlich gewesen. Und dann kommt noch die Holzhammer-Moral dazu, die das verbindende Element aller Lewycka-Romane zu sein scheint. Irgendwann nämlich, auf einer Autofahrt zurück nach Hause, denkt Nadia dann darüber nach, dass ja auch Valentina ein Opfer ist. Dass sie nicht in Frieden in ihrer Heimat leben kann und sich im fremden England mit mies bezahlten Jobs über Wasser halten muss und ja eigentlich nur das beste für ihren Sohn will. Nicht zu vergessen das Systemkritik-Allgemeinplatz-Symposium, das in irgendeiner Küche stattfinden muss und ohne das kein Lewycka-Roman komplett ist.

A Short History of Tractors in Ukrainian wirkt auf allen Ebenen bemüht. Bemüht witzig, bemüht kritisch, bemüht skurril. Am Ende bleibt eine leidlich unterhaltsame Geschichte, die man sicher ganz gut zwischendrin lesen kann, vorausgesetzt, man lässt sich nicht zu sehr von stereotypen Charakteren stören.


Marina Lewycka: A Short History of Tractors in Ukrainian. Penguin 2006. Originalausgabe Viking 2004. Eine deutsche Übersetzung von Elfi Hartenstein ist unter dem Titel Eine kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch bei dtv lieferbar.

Zitat: S. 26

Dieser Roman war 2005 auf der Shortlist für den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Das Ölgemälde als Jungbrunnen – „The Picture of Dorian Gray“ von Oscar Wilde

„Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“ (Oscar Wilde)

Die Regel ist einfach: keine Zitatsammlung ohne Oscar Wilde, der scheinbar zu allem was zu sagen hatte. Selbstverständlich sind 99,8% davon nichts, was Wilde selbst gesagt hätte, sondern Sätze, die er Figuren aus seinen Werken in den Mund gelegt hat. Einer, der besonders viel zitatsammlung-würdiges zu sagen hat, ist Lord Henry Wotton, eine der wichtigsten Figuren in The Picture of Dorian Gray. Wenn man dieses Buch zu spät in seinem Leben liest (sagen wir mit 34) ist das wirklich ermüdend, weil man nahezu alles, was Wotton sagt (und er sagt viel) schon 700 mal gehört und gelesen hat. Das kann man nun nicht Wilde vorwerfen, wohl aber den Menschen, die permanent Wilde-Zitate ungefähr allem voranstellen. Hört auf damit! zitatezumnachdenken.com (hab ich mir nicht ausgedacht) ist keine gute Quelle für tiefsinnige Zitate sondern für ausgelutschten Quatsch ohne brauchbare Quellenangabe. So. Nun aber zum Buch.

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The Picture of Dorian Gray ist wohl Wildes bekanntestes Werk und sein einziger Roman. Der junge, sehr gut aussehende und sehr reiche Dorian Gray wird darin von dem Maler Basil Hallmark porträtiert, der in ihm seine neue Muse gefunden hat. Basil ist ganz hin und weg von dem jungen Mann und schwärmt, er habe seine Kunst revolutioniert und in unbekannte Höhen gehoben. Ein ganz besonders gelungenes Porträt schenkt er dem jungen Mann. Es soll ihm zum Verhängnis werden.

„If it were I who was to be always young, and the picture that was to grow old!“

Denn Basils Freund Henry hat Dorian, während das Portrait gemalt wurde, davon überzeugt, dass seine Jugend und Schönheit sein größtes Kapital seien. Ohne, dass er vorher jemals darüber nachgedacht hätte, spürt er nun eine unerträgliche Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Sein Wunsch, dass statt seiner das Porträt altern möge, wird ihm, wie wir alle wissen, gewährt. Gut versteckt in einer Ecke seines Hauses wird das Bildnis des Dorian Gray älter und älter, während Dorian selbst unverändert attraktiv in der Gesellschaft brilliert. Doch nicht nur das – das Porträt spiegelt auch alle Grausamkeiten und Fiesheiten, die Dorian in seinem Leben begeht. Und das sind einige. Dorian selbst ist derweil wenig beeindruckt von den Herzen die er bricht und Leben, die er zerstört. Der selbstsüchtige, zynische und snobistische Henry, den andere Menschen nur interessieren, solange sie ihn amüsieren, trägt seinen Teil dazu bei, dass Dorian immer gewissenloser agiert. Das einzige was ihn bedrückt, ist die Sorge, dass jemand sein Geheimnis entdecken könnte. Diese Angst macht ihn sogar zum Mörder.

In The Picture of Dorian Gray behandelt Oscar Wilde auch seine Auffassung von Kunst und Moral, was ihm später einigen Ärger einbrachte. Er war der Ansicht, Kunst an sich könne nicht unmoralisch sein, sondern dass alles Verwerfliche allein von den Betrachtenden in das Werk projiziert würde. Mit dieser Kunstauffassung setzt er sich an mehreren Stellen des Romans auseinander. Auch die mehr oder weniger deutlichen homoerotischen Beziehungen in seinem Roman brachten ihm nicht gerade Pluspunkte in einer Zeit, in der homosexuelle Beziehungen in Irland illegal waren. Wegen „Unzucht“ wurde Wilde in späteren Jahren zu einer Zuchthaus-Strafe verurteilt.

Mit seiner Kritik an der Oberflächlichkeit der Gesellschaft und dem verbissenen Streben nach Jugend und Schönheit ist The Picture of Dorian Gray unverändert aktuell. Über Jahrzehnte gelingt es Dorian sein wahres und grausames Gesicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Wenn auch einige munkeln, er sei einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, so schadet das doch im Großen und Ganzen nicht seinem Ansehen in der Gesellschaft. Mit allen Grausamkeiten kommt er durch, solange er nur schön und charmant bleibt. Vielleicht könnte man es mittlerweile umdrehen und einen Roman schreiben über einen Mann mit furchtbarem Verhalten und grausamen Gesichtszügen, der aber mit allem durchkommt, weil seine Insta-Stories makellos sind. Und weil er immer so tiefgründige Dinge zu seinen Bildern schreibt:

„Be yourself. Everyone else is already taken.“ (Oscar Wilde)


Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray. Gelesen in der Ausgabe ekz.bibliotheksservice. 173 Seiten. Erstausgabe Lippincott’s Monthly Magazine 1890. Es sind verschiedene deutsche Übersetzungen erschienen, in der Regel unter dem Titel Das Bildnis des Dorian Gray.

Das Zitat stammt von S. 22/173.

Essen aus Büchern: Jam Roly-Poly and Custard aus Kate Atkinsons „Life After Life“

Kate Atkinsons Life After Life ist, wie ich angelegentlich schon bemerkt habe, randvoll mit Essen. Einer der englischen Klassiker, die Erwähnung finden, ist jam roly-poly, eine Teigrolle mit Marmeladenfüllung. In englischen Schulküchen war das zur Zeit des Romans ein beliebtes Gericht, und auch im Haus der Protagonistin Ursula ist es ein gerne gesehener Nachtisch. Ursula kann Nachtisch an dieser Stelle auch gut gebrauchen, denn zum Mittagessen gab es Henrietta, ihr Lieblingshuhn.

„For pudding they had jam roly-poly and custard, the jam from the summer’s raspberries. The summer was a dream now, Sylvie said.“

Der Nachtisch wiederum wird davon überschattet, dass der Bruder der Protagonistin erzählt, in der Schule würden sie dieses Gericht „Dead Baby“ nennen. Weiterhin erzählt er, dass die Deutschen Babys essen, aber nur belgische.  Tatsächlich wird roly-poly oft „Dead Baby“ genannt oder auch „Dead Man’s Arm“, weil es früher in alten zugebundenen Hemdärmeln gebacken wurde und die rote Marmelade an Blut erinnert.

Hier übrigens habe ich einen entscheidenden Fehler gemacht: ich habe versehentlich Brombeer- und nicht Himbeerkonfitüre genommen, obwohl der Text ausdrücklich nach letzterem verlangt. Tja. Nun ist es zu spät und das roly-poly gegessen. Denkt euch die Bilder einfach ein bisschen pinker.

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Jam Roly-Poly mit Custard

für etwa 10 kleine oder 5 größere Portionen

Jam Roly-Poly:

  • 30 g Butter
  • 170 g Mehl + etwas mehr zum Ausrollen
  • 1 gehäufter TL Backpulver
  • 25 g Zucker
  • 100 g Shredded Suet (Rindernierenfett) *
  • 75 ml kalte Milch
  • ca. 100 g Himbeer-Konfitüre (oder andere)
  • außerdem Wasser, Backpapier, Alufolie und eine Fettpfanne

* man muss das nicht zwingend mit Rindernierenfett machen. Wenn man ein bisschen googlet, findet man gute Alternativen.

Etwa 1,5 l Wasser zum Kochen bringen. Eine Fettpfanne in den Ofen schieben und direkt darüber ein Backrost, auf dem später die Teigrolle gebacken wird. Den Ofen auf 160°C Umluft heizen. Das kochende Wasser in die Fettpfanne gießen und die Ofentür schließen.

In einer Rührschüssel Mehl, Backpulver, Zucker und Shredded Suet mit einem Messer vermengen, bis das Fett gleichmäßig verteilt ist. Dann die kalte Milch zugeben und alles zu einem glatten Teig verarbeiten.

In einem kleinen Topf (oder der Mikrowelle) bei niedriger Temperatur die Butter schmelzen.

Die Arbeitsplatte mit Mehl bestäuben. Den Teig gleichmäßig ausrollen, bis er etwa die Größe eines A4-Blatts hat. Wer es gerne ordentlich hat, kann die Ränder glatt abschneiden. Ein Stück Alufolie auf der Arbeitsfläche ausbreiten, das etwas größer ist als der Teig. Dann ein Stück Backpapier darauf legen, das ebenfalls größer sein muss als der Teig. Das Backpapier mit der zerlassenen Butter bestreichen und die Teigplatte darauf legen. Die Marmelade gleichmäßig darauf verteilen. Dabei an den Längsseiten einen Rand von etwa 1 cm frei lassen, an den kurzen Seiten von etwa 0,5 cm. Anschließend muss der Teig von den langen Seiten her aufgerollt werden. Am leichtesten geht das, wenn man die erste „Umdrehung“ fest von Hand wickelt und dann das Backpapier langsam anhebt. Dadurch rollt der Teig sich fast von selbst auf. Die Nahtstelle etwas andrücken und die Enden zusammendrücken, damit keine Marmelade herauslaufen kann. Mit der Nahtstelle nach unten auf das Backpapier legen.

Alufolie und Backpapier oben und an den Seiten zusammendrücken, so dass die Hülle fest verschlossen ist. Allerdings sollte man das Paket nicht zu eng packen, da die Teigrolle beim Backen noch etwas aufgeht. Anschließend das eingepackte roly-poly auf den Rost im Ofen legen und etwa 90 Minuten backen.

In der Zwischenzeit ist Zeit für Custard. Custard ist weniger aufwändig als man befürchtet, wenn ihr trotzdem keine Lust darauf habt, kauft einfach Vanillesoße, da kann man auch mal schummeln. Die Menge hier reicht locker um das komplette roly-poly darin zu ertränken, ihr könnt also auch weniger machen.

Custard:

  • 200 ml Sahne
  • 50 ml Milch
  • 3 Eigelb
  • 25 g Zucker
  • 1/2 TL Vanilleextrakt
  • 1 TL Speisestärke (Maisstärke)

In einem Topf Sahne und Milch erhitzen, bis sie kurz vorm Kochen sind. Den Herd auf niedrige Temperatur reduzieren. In einer Schüssel die Eigelbe mit Zucker, Vanileextrakt und Speisestärke aufschlagen. Das heiße Sahne-Milch-Gemisch langsam und unter ständigem Rühren in die Eimasse geben. Die fertige Mischung wieder in den Topf schütten und zurück auf den Herd stellen. Auf kleiner Hitze vorsichtig eindicken lassen, bis die Masse nicht mehr schaumig und deutlich dickflüssiger ist. Dabei unbedingt rühren, der Custard setzt schnell an und neigt auch dazu, klumpig zu werden.

Die fertige Sauce könnt ihr warm oder kalt servieren. Zum Abkühlen am besten in eine Schüssel umfüllen und die Oberfläche direkt mit Frischhaltefolie bedecken, damit sich keine Haut bildet. Die Sauce kann jederzeit wieder aufgewärmt werden, hält sich aufgrund der Eier aber nicht sehr lange.

Wieder zurück zum roly-poly: nach Ende der Backzeit aus dem Ofen nehmen. Dabei ein bisschen vorsichtig sein, die fertig gebackene Rolle ist nicht sehr stabil. Vor dem Anschneiden noch etwa 10 Minuten ruhen lassen. Dann in etwa 2 cm dicke Scheiben schneiden und mit dem Custard servieren.

Bei der Recherche zu diesem Rezept bin ich darauf gestoßen, dass roly-poly ein klassisches Schul-Dessert ist, was mich sehr, sehr skeptisch gemacht hat. Ohne jemals in den Genuss von Schulessen gekommen zu sein, habe ich da fundierte Vorurteile. Zu Unrecht. Denn roly-poly ist wirklich ziemlich gut und mit meiner ersten selbstgemachten Vanillesauce war ich auch sehr zufrieden.


Das Zitat stammt von S. 93 der Ausgabe Black Swan 2014.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Der Traum vom Platz an der Sonne – „Wir Herrenmenschen“ von Bartholomäus Grill

Deutschlands koloniale Vergangenheit spielt heute für viele kaum noch eine Rolle. Kolonialismus verbindet man mit Indien und England, vielleicht noch den Franzosen und schickem Kolonial-Stil. Wie wenig stilvoll deutscher Kolonialismus war, legt Bartholomäus Grill in seinem Buch Wir Herrenmenschen dar. Sechs koloniale „Schutzgebiete“ konnte der Kaiser einst sein Eigen nennen, mit dem Frieden von Versaille war damit Schluss. Die größten und wichtigsten Gebiete lagen auf dem afrikanischen Kontinent: Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika, dessen Unabhängigkeit nicht zuletzt Heino schlecht verkraftet hat. Das chinesische Kiautschou und Kaiser-Wilhelmsland im heutigen Papua-Neuguinea konnten mit diesen exportstarken Schwergewichten nie mithalten. Zum Glück für die dortige Bevölkerung.

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In den afrikanischen Kolonien setzten die neuen Herren den unterworfenen Einwohner*innen grausam zu. Ihrem Image in der deutschen Heimat schadete das kaum. Bis heute werden die kolonialen Spuren in Deutschland von vielen kaum hinterfragt. In Bremen beispielsweise, sowieso als Hansestadt eine ehemals große Kolonial-Freundin, erinnern bis heute viele Straßennamen an Menschen, die Karriere machten, indem sie rücksichtslose Geschäfte betrieben und Leute umbrachten. Carl Peters, stationiert in Deutsch-Ostafrika, und dort ob seines harten Durchgreifens als Hänge-Peters bekannt, hat noch immer seine Straße im Stadtteil Walle. Sie schreibt sich jetzt Karl Peters und ist, nachdem eine Umbenennung scheiterte, in einem Akt der Verzweiflung nun einem gleichnamigen Strafrechtsreformer gewidmet, den keine Sau kennt. Nachtigal, Vogelsang und natürlich Lüderitz bleiben sowieso unbehelligt. Und wer am Bremer Hauptbahnhof mal 15 Minuten Umsteigezeit hat, kann in die Bahnhofsvorhalle gehen. Dort gibt es einen Rossmann mit sehenswertem Publikum und ein riesiges Wandbild, das darstellt, wie super einfach es ist, Kunstschätze und anderes aus den Kolonien zu exportieren. Wer noch mehr Umsteigezeit hat, kann den Bahnhof verlassen und ist drei Minuten später im Überseemuseum, das besagte Kunstschätze gesammelt hat, sich mittlerweile aber immerhin um Provinienzforschung kümmert und auch das ein oder andere definitiv geraubte Objekt bereits zurückgegeben hat.

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Familiendrama in Zuckerwatte – „Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood“ von Rebecca Wells

Als die gefeierte New Yorker Theaterregisseurin Siddallee in einem Interview mit der nationalen Presse erzählt, dass ihre Mutter Vivi sie als Kind geschlagen hat, ist die Hölle los. Tief verletzt bricht Vivi den Kontakt ab. Sidda stürzt das in eine Krise, in der sie sogar in Frage stellt, ob sie fähig ist zu lieben und ihre geplante Hochzeit erstmal auf Eis legt. Als sie dann aber Regie führen soll bei einem Stück, das von Frauenfreundschaften handelt, kann sie ohne die Hilfe ihrer Mutter nicht mehr auskommen. Als Teil der legendären „Ya-Ya-Schwestern“ ist Vivi nämlich die Freundschafts-Expertin schlechthin.

„They smoke and curse and flaunt themselves and have no shame. And the public high school treats them like pagan princesses. These girls put their friendship before their love for God the Father.“

Seit ihrer Kindheit sind Vivi, Teensy, Caro und Necie unzertrennlich. Ihre für immer währende Freundschaft haben die vier bei einem geheimen Ritual nachts im Wald mit Blut besiegelt. Seitdem ist klar, dass jede jederzeit für die anderen einsteht. Die Ya-Yas sind alles für sie. Es ist der Goldstandard ihres Lebens, es sind Göttinnen, es ist oft genug ihr einziger Halt. Was gut ist, ist ya-ya, was blöd ist, ist ya-ya-no. Klingt albern, ist es im Kern natürlich auch. Die vier stammen durchgehend aus ziemlich wohlhabenden Familien in Louisiana, teils mit Pflanzer-Hintergrund, alle mit Dienstmädchen und Ammen. Die Jahrzehnte ihrer Freundschaft hat Vivi in einem Sammelalbum dokumentiert, das sie ihrer Tochter nun, trotz aller Uneinigkeit, als Materialsammlung schickt. Sidda zieht sich damit in die Abgeschiedenheit einer Waldhütte zurück und entdeckt Seite um Seite die Höhen und Tiefen im Leben ihrer Mutter. Und Seite um Seite scheint eine Annäherung der beiden möglicher zu werden, denn Sidda erkennt, dass ihre glänzende, glamouröse Mutter es bei weitem nicht immer so leicht hatte, wie ihre schillernde Fassade glauben lässt.

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Buchhändlerin? Das wäre ich auch gerne!

Obwohl ich seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr als Buchhändlerin arbeite, führt mein Ausbildungsberuf immer wieder zu Begeisterungsstürmen. So ein schöner Beruf! Tatsächlich ist es ein schöner Beruf, das gebe ich unumwunden zu. Allerdings fällt mir in diesen Gesprächen auch immer wieder auf, dass viele Leute geradezu wildromantische Vorstellungen vom Beruf der Buchhändlerin haben. Und so viel Spaß der Job mir auch gemacht hat – reines Gold ist er halt nicht.

„Da würde ich den ganzen Tag lesen!“

Nein, würdest du nicht. Du würdest 8 Stunden arbeiten und nach Feierabend lesen. Wie in sehr vielen anderen Berufen auch. Wenn es gut läuft, hast du in diesen 8 Stunden eine Menge interessante Gespräche über Bücher geführt, wenn es schlecht läuft sagst du einfach nur 480 mal „9,99 €, wird es bei Ihnen als Geschenk eingepackt, ja der Preis ist abgeklebt, möchten Sie ein Lesezeichen dazu haben? Einen schönen Tag noch!“. Wenn es richtig schlecht läuft, musst du auch noch Schokoladentäfelchen oder irgendeinen anderen Quatsch up-sellen. Wenn es richtig super schlecht läuft sagen mehr als zehn Leute „Da steht ja gar kein Preis drauf, dann kostet es wohl nichts, hahahahaha!“ und man darf sie nicht boxen. Und wenn es super, super schlecht läuft, kotzt auch noch ein Hund auf den Teppichboden und der dicke Wels im Aquarium hinter der Kasse stirbt publikumswirksam. Alles schon dagewesen.

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Brutalität, Fragilität und ein sehr eigenwilliger Stil – „A Girl is a Half-formed Thing“ von Eimear McBride

Eimear McBride macht in ihrem Debüt-Roman keine halben Sache. Der gesamte Roman ist in einem einzigen stream of consciousness geschrieben. Nachdem ich auf den ersten drei Seiten nichts verstanden hatte, außer dass es jemandem nicht sehr gut geht und jemand anders deswegen traurig ist, dachte ich noch, das sei nicht so wild. Niemand, also wirklich absolut niemand, schreibt einen 200 Seiten langen Bewusstseinsstrom und sagt dann „seht her, mein Roman“. An irgendeinem Punkt würde das aufhören. Würden. Ganze Sätze kommen. Und weniger. Die Sprünge weniger. Aber nein, das passiert nicht. Dennoch hat McBride es geschafft, mich ab Kapitel 2 völlig mitzunehmen. Da hatte ich aufgegeben. Wer in Kapitel 2 auch noch  stream of consciousness schreibt, wird bei Kapitel 3 nicht aufhören. Also Augen zu, noch einmal tief Luft holen und fallen lassen in das dahinströmende Bewusstsein der Protagonistin.

„We don’t know the world but want and want and on the very tip of the tongue I’d fly away if I could. With her. It is our love affair. How we’d be. Who we think we are beneath royal blue jerseys and pleated skirts. Icon in the making me someone new tell every single one at school to go to fuckung hell.“

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Vom Besitz und seinen Folgen – „The Empire of Things“ von Frank Trentmann

Wer hin und wieder einen Blick auf die Seitenleiste dieses Blogs wirft, wird festgestellt haben, dass unter „Was ich gerade lese“ seit drei Monaten unbeweglich ein Bild klebte. The Empire of Things ist ein Monumentalwerk über die Geschichte des Konsums, des materiellen Besitzes, seiner Entwicklung und seiner jetzigen Ausprägung. Trentmann hat sieben Jahre lang gearbeitet an dieser Abhandlung von der Ming-Dynastie bis heute. Rund 600 Jahre Konsumgeschichte deckt er damit ab. Ein sehr umfangreiches Quellenverzeichnis belegt, dass er sich gründlich mit dieser Thematik befasst hat. Die Entwicklung des privaten Besitzes legt er dar mit Inventarlisten aus Haushaltsauflösungen, mit Wirtschaftsstatistiken und den Ergebnissen soziologischer Studien. Dabei geht es im nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu kritisieren, dass ein Konsum heutiger Größenordnung auf Dauer nicht tragbar sein kann. Dabei könnte man das gerade hinter dem Titel der deutschen Übersetzung Die Herrschaft der Dinge vermuten. Detailliert legt Trentmann dar, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen das Konsumverhalten in aller Welt über die Jahrhunderte geformt und verändert haben.

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Sechs der statistisch 10.000 Dinge ich besitze.

Dass Konsum nicht gleich Konsum ist, wird wenig überraschen. Interessant sind aber die Hintergründe, die Trentmann darlegt und erklärt. Auch mit einigen Mythen räumt er dabei auf. Viele Erklärungsmodelle stellt Trentmann als vereinfachend dar, liefert selbst aber nicht an allen Stellen eine befriedigendere Erklärung. Interessant sind seine Betrachtungen der Hintergründe von Konsum, die oft außer Acht gelassen werden. Zahlreiche Faktoren verändern Konsum, ohne dass das primäre Ziel gewesen wäre. Vor allem eine verbesserte Infrastruktur, die erstmal nur um ihrer Selbst willen existiert, kann mitunter enorme Auswirkungen haben. Trentmanns Fokus liegt vor allem auf den anglophonen Ländern sowie Deutschland, Frankreich, Skandinavien China und Japan. Andere Nationen werden weit weniger detailliert betrachtet, was aber mag der vorhandenen Datenlage geschuldet sein mag.

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Essen aus Büchern: Olele aus Aminatta Fornas „The Memory of Love“

Dass Olele gerade aus einem Aminatta Fornas The Memory of Love seinen Weg in diese Reihe findet, ist reiner Zufall. Unter dem Namen Moin Moin wird es geneigten Lesenden auch schon bei Adichie begegnet sein und es hat seinen Platz in großen Teilen der westafrikanischen Literatur. Ich bin also das erste mal schon vor Jahren darüber gestolpert und seitdem immer wieder, dachte aber immer, dass das irgendwie komisch klingt. Das Gericht besteht aus Bohnen, die zusammen mit Fisch, Zwiebeln und Tomatenmark püriert werden und anschließend in einer Folie oder einem Bananenblatt gedämpft werden. Zumindest ist das eine von sehr, sehr vielen Möglichkeiten der Zubereitung. Gegart werden kann auch im Ofen, man kann den Fisch weglassen, man kann ihn durch Fleisch ersetzen… Basis ist und bleibt das Bohnenpüree. Nun also habe ich mich durchgerungen, dem ganzen eine Chance zu geben.

In The Memory of Love wird Olele bei einer Feier serviert, die der Ausgangspunkt diverser und anhaltender Konflikte sein wird. Das weiß da natürlich noch keiner, aber zumindest der Erzähler ist angespannt genug, dass er keinen Bissen anrührt und nur zu viel trinkt:

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Die letzten Tage Nikola Teslas – „The Invention of Everything Else“ von Samantha Hunt

Völlig verarmt und enttäuscht von der Welt und seinen ehemaligen Wegbegleitern lebt Nikola Tesla am Ende seiner Tage in einem New Yorker Hotel, das er nicht bezahlen kann. Freundschaften pflegt er schon lange nicht mehr, Besucher empfängt er nie, bis eines Tages das Zimmermädchen Louisa Interesse an ihm und seinen unvollendeten Ideen findet. An verrückte Erfinder ist Louisa von Kindesbeinen an gewöhnt. Gerade erst ist ihr Nennonkel Azor nach zweijähriger unerklärlicher Abwesenheit wieder aufgetaucht und ist sich sicher, eine Zeitmaschine gebaut zu haben. Louisas Vater Walter ist ganz begeistert von der Idee und der verheißungsvollen Chance, seine geliebte, jung verstorbene Frau Freddie noch einmal sehen zu dürfen.

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Das New York, in dem Louisa lebt, ist trotz ihrer teils widrigen Lebensumstände geprägt von Schönheit, Möglichkeiten und Magie. Ihren Vater sieht sie nur wenig, weil er als Nachtwächter in der New Yorker Bibliothek arbeitet. Aber das gibt ihr zugleich die Chance, diesen ungeheuren Reichtum von Büchern und Gedanken fast für sich allein zu haben, wenn sie ihn bei seinen nächtlichen Wachgängen besucht. Auch ihre Arbeit als Zimmermädchen scheint sie nicht anstrengend zu finden. 18 Handtücher pro Tag für Herr Tesla? Kein Problem für Louisa. Zwischen all den Zimmern, die sie auf Etage 33 zu reinigen hat, bleibt auch immer noch Zeit für lange Gespräche und Spaziergänge in den Park. Warum Louisa nicht schon lange die erste Abmahnung von der Hotelleitung in der Post hatte, ist wohl nur mit dem gleichen magischen Realismus erklärbar, der auch Zeitreisen möglich macht.

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