Auf der Suche nach der Schöpfungsformel – „Die Sprache des Lichts“ von Katharina Kramer

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ So einfach kann Schöpfung sein – wenn man die richtige Sprache spricht. Davon waren die Menschen lange überzeugt. Wenn man Gottes Sprache finden und sprechen könnte, dann könnte man damit alles erschaffen, was man braucht. Licht, Gold, Macht, alles aus Worten geschöpft. Die aufgeregte Suche nach eben dieser Sprache legt Katharina Kramer ihrem Roman zu Grunde, den sie Ende des 16. Jahrhunderts spielen lässt.

Jacob Greve, in Ungnade gefallener Lateinlehrer auf Wanderschaft, trifft darin auf den Gauner Edward Kelley, der in ihm die Chance sieht, an richtig viel Geld zu kommen. Denn Jacob ist nicht nur Sprachlehrer, er ist ein wahres Sprachgenie. Sprache ist alles in seinem Leben, er kann sie in bunten Formen sehen, er kann jeden Dialekt erlernen und fast jeden sprachlichen Code dechiffrieren. Sein Sprachgefühl ist so fein, dass ihm schon der kleinste Fehler seiner Schüler fast körperliche Pein beschert. Wenn einer Gottes eigene Sprache rekonstruieren kann, dann Jacob Greve, da ist Edward sich sicher. Doch er ist nicht der einzige, der auf der Jagd nach dieser Sprache ist. Im Béarn, heute an der Spanisch-Französischen Grenze gelegen, arbeitet die junge Margarète Labé ebenfalls an der Entschlüsselung von Sprachen. Sie arbeitet für die Katholische Liga, die verbissen gegen die Calvinisten kämpft. Ob die Pfeifsprache, die von den Hirten im Béarn benutzt wird, ein erster Hinweis auf Gottes eigene Worte sein kann?

„Diamanten gab es überall, die Sprache Gottes nirgends. Jedenfalls nicht für ihn, einen sächsischen Sprachenstammler.“

Kramers Roman ist in erster Linie ein Roman über Sprache. Neben den Lautsprachen, häufigen, seltenen und inzwischen toten, geht es auch um Sprachen, die sich anderer Techniken bedienen. Im Béarn pfeifen die Hirten zur Kommunikation. Das trägt über weite Distanzen und schließt ganz einfach alle aus, die das System nicht kennen. Egal, wie viele Lautsprachen man spricht – das Pfeifen der Hirten ist selbst für Jacob Greve nicht ganz einfach zu entschlüsseln. Obwohl die Laute zunächst so begrenzt zu sein scheinen, lässt sich auch mit Pfiffen vieles kommunizieren, vom besten Weideplatz bis zum Vaterunser. Im letzten Teil des Romans lässt Kramer Margarète zudem ein Gebärdensprachsystem entwickeln. Zunächst aus der Not geboren und auf einige Gesten beschränkt, entwickelt sich auch aus dieser rudimentären Sprache ein komplexes System mit eigener Grammatik, das der heutigen Gebärdensprache in vielem ähnelt.

In zweiter Linie ist Die Sprache des Lichts natürlich ein historischer Roman. Besonders die Religionskriege des ausgehenden 16. Jahrhunderts spielen eine wesentliche Rolle, ebenso wie die Auswirkungen der Konflikte auf das gesamte gesellschaftliche Leben. Die Autorin versucht, möglichst wenige historische Fakten zu erzählen und legt diese Infos stattdessen ihren Figuren in Mund und Gedanken. Das erspart einem langatmige Exkurse, wirkt aber hin und wieder auch etwas steif und gestelzt. Manche Dialoge werden durch Fakten so überfrachtet, dass sie ihre Dynamik verlieren.

In meiner Wahrnehmung ist das etwas, das historischen Romane ganz oft passiert, und deshalb lese ich sie nicht gerne und nur sehr selten. Diesem Roman liegt eine sehr fundierte Recherche zugrunde, das merkt man und es macht die ganze Geschichte glaubhaft. Nur zum Ende hin fügen sich einige Sachen dann doch zu gut, was an der Schlüssigkeit der Handlung nagt. Das Sprachenwirrwarr als zentrales Element der Geschichte bringt einen außergewöhnlichen Fokus in den Roman und die Suche nach einer Sprache der Schöpfung ist (zumindest aus heutiger Sicht) skurril genug, um sie zu tragen.

Die Sprache des Lichts ist ein außergewöhnlicher historischer Roman, der ein seltenes Thema in den Fokus rückt. Die Beleuchtung von Sprache aus allen möglichen Gesichtspunkten ist ein spannendes Unterfangen. Abzüge gibt es für einige formale Schwächen und das Ende, das sich doch länger hinzieht, als es hätte müssen. Dennoch ist Katharina Kramer ein kurzweiliger und schlüssiger Debüt-Roman gelungen.


tl;dr: Ein Roman über die Suche nach der Sprache der Schöpfung und über die Religionskriege des 16. Jahrhunderts- Katharina Kramers Debüt hat noch einige formale Schwächen, ist aber dennoch ein kurzweiliger historischer Roman.


Katharina Kramer: Die Sprache des Lichts. Droemer Knaur 2021. 496 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 271.

Ich danke dem Verlag und der Autorin für das Leseexemplar.

Dem Vater auf der Spur – „In diesen Sommern“ von Janina Hecht

Blumen pflanzen auf dem Balkon, Urlaub auf dem Bauernhof, ein Sommer in Italien: In solchen Schlaglichtern beleuchtet Teresa die Tage ihrer Kindheit. Das Glück ist dabei höchst fragil. Teresas Vater ist Alkoholiker, seine Launen unberechenbar und die nächste Eskalation nie weit. Auf Zehenspitzen schleichen Teresa, ihr Bruder und ihre Mutter umher, immer darauf bedacht, den Patriarchen nicht zu verärgern. Dabei kann er auch anders sein, bemüht und interessiert. Dann bringt er Teresa das Fahrradfahren bei und kümmert sich um einen Surfkurs für sie. Doch gerade im Urlaub, wenn die Familie den ganzen Tag gemeinsam verbringt, ist die Stimmung fast durchweg angespannt. Selten lässt der Vater seine Wut an den Kindern aus, zumindest, solange sie noch klein sind. Es ist vor allem seine Frau, die seinen ungezügelten Zorn zu spüren bekommt. Doch auch das entgeht den Kindern natürlich nicht. Je älter sie wird, umso mehr geht das Verhalten Teresa gegen den Strich. Sie beginnt, den Vater absichtlich zu provozieren, die Situation auf die Spitze zu treiben.

Teresas Erinnerungen sind sehr knapp und skizzenhaft, dabei aber stark genug, um das äußerst schwierige Verhältnis zum Vater mit aller Wucht zu schildern. Ihre Hilflosigkeit, ihre Wut und ihre Angst stechen in all den kurzen Sequenzen scharf hervor. Im Rückblick versucht die Erzählerin, ihre Erinnerungen zu sortieren, aus lauter Bruchstücken ein komplettes Bild des Vaters zusammenzusetzen, zu dem sie nie Nähe aufbauen konnte. Denn so sehr sie in fürchtet, hassen kann sie ihn nicht, aufgeben will sie ihn nicht. Auch als erwachsene Frau hält sie den Kontakt aufrecht, stellt ihm ihre Freunde vor, sorgt sich um ihn, dessen Alkoholproblem immer schlimmer wird. Die Mutter ist da schon längst gegangen, der alternde Patriarch allein im Familienheim zurückgeblieben.

„Ich versuche, die Situationen zu ordnen, sie zusammenzuhalten, in ihnen etwas zu finden, was über den konkreten Moment hinausweist.“

In diesen Sommern ist Janina Hechts Debütroman. Sie erzählt ihn linear, lässt aber die einzelnen Szenen recht unverbunden nebeneinander stehen, jede für sich wirken. Was die Geschichte zusammenhält sind die Menschen, die im Leben der Erzählerin immer wieder auftauchen und für eine Kontinuität sorgen. Mit dieser Erzählweise rücken die biographischen Details in den Hintergrund und im Fokus steht das Erleben der Protagonistin, das umso stärker wirkt. Vorsichtig lotet Teresa aus, wie weit sie in ihren Erinnerungen gehen kann, wieviel Hässliches sie auslassen kann, bevor sie eine Lüge werden. Hecht verzichtet in ihrem Roman fast gänzlich auf brutale Darstellung der Gewalterfahrungen und konzentriert sich auf das, was sie auslösen, wie sie den Weg ihrer Erzählerin beeinflussen. Vor allem aber gelingt es Hecht, den inneren Konflikt Teresas dazustellen: Wie es ihr nicht gelingt, den gewalttätigen Mann zu verurteilen oder gar zu hassen, sondern immer versucht, in ihm einen Vater zu finden. Ein beeindruckender erster Roman!


Janina Hecht: In diesen Sommern. C.H. Beck 2021. 175 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 25.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

In den Trümmern des Empire – „The Inheritance of Loss“ von Kiran Desai

In Kalimpong, einer Stadt in der indischen Peripherie am Fuße des mächtigen Himalaya, wird die junge Sai eines Tages bei ihrem Großvater abgeliefert, bei dem sie von nun an leben soll. Sie ist Waisin und bisher in einem Internat großgeworden. Der Großvater, ehemals Richter im indischen Kolonialstaat und in Cambridge ausgebildet, ist völlig desillusioniert von der Welt im allgemeinen und vom englischen Empire im besonderen. Einst hielt er viel von den eleganten Briten. Doch seitdem er versucht hat, Teil ihrer Gesellschaft zu werden und nur verlacht wurde, empfindet er nur noch Groll gegen sie und ihre überhebliche Art.

Die beiden teilen sich das einst herrschaftliche Haus mit dem namenlosen Koch, der sein ganzes Talent dafür aufbringt, den Hausstand beisammenzuhalten und all seine Hoffnung in seinen Sohn steckt, der es endlich nach New York geschafft hat. Seine Generation sieht die Zukunft nicht mehr in einer englischen Universität, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie so viele Migranten erkennt er vor Ort schnell, dass seine Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Als illegalisierter Einwanderer arbeitet er für einen Hungerlohn in einer schäbigen Restaurantküche, schläft in überfüllten Appartements oder gleich auf dem Küchenboden. Seinem Vater gegenüber muss er das alles natürlich als große Erfolgsgeschichte verkaufen.

„Still a world, my friend, where one side travels to be a servant, and the other side travels to be treated like a king.“

Kiran Desai befasst sich in ihrem Roman mit der Frage, was die Briten in Indien bei ihrem Rückzug hinterlassen haben. Sai erbt den titelgebenden Verlust auf sehr direkte Weise: Ihre beiden Eltern sind tot, und das Erbe, das ihr Großvater ihr hinterlassen könnte, ist denkbar freudlos. Das soziale Umfeld, in dem sie sich bewegt, ist in einer nostalgischen Erinnerung ans Empire hängengeblieben. Das größte Glück liegt für die meisten im Ausland, sei es nun England oder die USA, in Indien selbst sieht kaum jemand eine leuchtende Zukunft für sich oder seine Kinder. Dabei ist das Leben in Darjeeling für die wenigen Familien, die im Empire ihr Glück gefunden hatten, noch immer recht komfortabel. Großzügige Anwesen und Bedienstete gehören für viele zum ganz normalen Lebensstandard. Das ändert sich plötzlich, als in den 80er-Jahren der Ghorka-Aufstand losbricht: von Seiten nepalesischer Nationalisten werden Forderungen nach einem eigenen Land, Ghorkaland, laut. Viele von ihnen haben als Söldner in der britischen und indischen Armee gedient, sind gut ausgebildet und kampfbereit und vor allem sind sie wütend. Sie haben keine Lust mehr zuzusehen, wie sie und ihre Landsleute in Armut leben, wie auf ihre Kosten Profite gemacht werden. Die Oberschicht Darjeelings hat nicht mehr viel zu Lachen. Sai trifft das ganz besonders hart: ihr Hauslehrer Gyan, in den sie gar nicht so heimlich verliebt ist, schließt sich der Bewegung an und meidet seine ehemalige Schülerin. Nach einem Überfall fürchtet sie sogar, er könne sie an die Rebellen verraten haben.

The Inheritance of Loss zeichnet ein buntes, aber nicht verkitschtes Bild Indiens, erzählt von der majestätischen Schönheit Darjeelings, ohne die Berge zur reinen Kulisse zu machen. Der Roman ist lose und abwechslungsreich gestrickt aus Briefen, Rückblenden und verschiedenen Perspektiven, und doch stringent erzählt. Desai konstruiert ganz verschiedene Blickweisen auf die Situation, doch allen Charakteren ist gemein, dass das britische Weltreich sie enttäuscht zurückgelassen hat. Diese Perspektive wird erweitert um die der modernen Migration, den Erwartungen und Enttäuschungen, die sich zwischen den Kontinenten spannen. Mit nur wenigen Figuren wirft Desai einen umfassenden und sehr kritischen Blick auf den Postkolonialismus, stellt dabei aber immer das Erzählen in den Vordergrund.


tl;dr: Desai schildert in The Inheritance of Loss die Folgen des Kolonialismus in Indien und konstruiert überzeugende Perspektiven auf den Postkolonialismus und neue Migrationsbewegungen. Dabei vergisst sie aber nie, das Erzählen und Unterhalten in den Vordergrund zu stellen.


Kiran Desai: The Inheritance of Loss. Hamilton 2006. 336 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Robin Detje ist unter dem Titel Erbin des verlorenen Landes beim Berlin Verlag erschienen.

Das Zitat stammt von S. 269.

2007 war Desai mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Essen aus Büchern: Potage sicilienne aus Gabriele Tergits „Effingers“

In den Effingers schildert Tergit das Schicksal gleich mehrerer Familien, besonders aber natürlich das der titelgebenden Effingers. Bevor es mit denen aber so richtig losgeht, müssen sie erst bei Oppners einheiraten, so wie es einst Bankiers-Tochter Selma Goldschmidt getan hat. Damit das geschieht, müssen aber erstmal Karl Effinger und Annette Oppner beim Essen nebeneinander sitzen. Und wo ginge das besser, als bei der großen Einweihungsfeier von Oppners neuem Haus in der noblen Tiergartenstraße? Nun fällt leider „Selma das Besorgen großer Gesellschaften so schwer“ und Schwägerin Eugenie, Gesellschaftsdame von Welt, schaltet sich hilfreich ein. Sie hat quasi immer Gäste und versteht sich bestens mit Trottke, den man heute wohl als Caterer bezeichnen würde.

Das Gespräch von Eugenie Goldschmidt und dem treuen Trottke ist ein Musterbeispiel an Standesdünkel, der sich in der Wahl der Speisen manifestiert. Während Eugenie noch ganz dem Kaviar verhaftet ist, gelingt es Trottke mit viel Überredungskunst und hohen Referenzen doch, sie von einer Suppe zu überzeugen:

„Nehmen Sie Suppe, gnädige Frau, Suppe regt an. Potage sicilienne, vorzüglich, wir haben Potage sicilienne erst gestern zum Grafen Schwerin geliefert, wo sie viel Anklang fand.“
„Nein“, sagte Eugenie, „Ich kenne meinen Schwager, er wird doch Kaviar im Eisblock wollen. Potage ist ein bisschen plebejisch.“
„Plebejisch?“ sagte Trottke empört. „Gnädige Frau, bei der Gräfin Zetwitz wurde mit Potage angefangen.“

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Im Schatten des Barden – „Hamnet“ von Maggie O’Farrell

Hamnet ist uns, dem Namen nach zumindest, allen wohlbekannt. Als Prinz von Dänemark hat sein Vater ihm einen ewigen Platz in der Literaturgeschichte geschaffen. Der berühmte Vater aber spielt in diesem Roman kaum eine Rolle. Zu Beginn und als junger Mann ist er noch präsent, aber dann werden seine Aufenthalte in London länger und länger, die Besuche in Stratford immer seltener. Viel mehr ist es seine Frau, im Nachlass ihres Vater als Agnes Hathaway benannt, die ausnahmsweise mal im Scheinwerferlicht steht. Ihr weltberühmter Mann wird nicht einmal namentlich erwähnt. 26 Jahre alt ist Agnes, schön, geheimnisvoll und mit beinahe magischen Fähigkeiten beschenkt, als sie sich in den gerade achtzehnjährigen Lateinlehrer ihrer Halbbrüder verliebt. Für den Vater des Lateinlehrers, einen in finanzielle Schieflage geratenen Handschuhmacher, kommt sie gerade recht. Immerhin bringt sie ein nicht unansehnliches Erbe mit. Was mit hinter ihrem Rücken über sie sagt, ist da erstmal zweitrangig, ebenso wie ihr für eine erste Ehe ziemlich hohes Alter.

„What a way out it would be for the boy, she heard a woman at the market whisper, behind her back. You can see why he’d want to marry into money and get away from the father.“

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Das Ende ist nah – „Weather“ von Jenny Offill

Lizzies Leben ist aufreibend. Sie hat nicht nur Mann und Kind, sondern auch eine Mutter, deren Glaube langsam ans Fanatische grenzt und einen drogenabhängigen Bruder, der sich wochenlang bei ihr einquartiert. Ihr Berufsleben als Bibliothekarin ist da nicht ganz so turbulent. Dann allerdings wendet sich Sylvia, eine ehemalige Dozentin an sie. Sie ist eine Art populäre Intellektuelle, die landesweit Vorträge hält und mit ihrem Podcast „Hell and High Weather“ ein riesiges Publikum erreicht. Ihr Hauptthema: der Klimawandel, die Zerstörung der Welt und wie uns das alle ruinieren wird. Aus ihrer Zuhörerschaft erreichen sie inzwischen so viele Mails, dass sie jemanden braucht, der sie beantwortet. Und das wird nun eine weitere Aufgabe für Lizzie.

„I swear the hippie letters are a hundred times more boring than the end-timer ones. They are all about composting toilets and water conversation and electric cars and how to live lightly on the earth while thinking ahead for seven generations.“

Lizzie liest Mails und noch mehr Mails, von besorgten Eltern, selbstgerechten Hippies und paranoiden Preppern. Sie hört jede Folge des Podcasts und liest Tonnen von Büchern zu dem Thema. Es dauert nicht lange, bis auch sie vom nahenden Ende der Welt überzeugt ist. Macht das alles noch Sinn? Gibt es irgendwo auf dieser Welt noch eine sicheren Ort? Wird es ihn auch in dreißig Jahren noch geben? Das sind die Fragen, die sie bewegen, während sie ihrem Sohn beim Spielen zuschaut. Sie sieht eine Katastrophe auf sich zurollen, deren Ausmaß sie noch nicht abschätzen kann. Zur Entspannung besucht sie einen Meditationskurs, aber die sehr pragmatische Einstellung ihrer Lehrerin macht eigentlich alles nur noch schlimmer. Ihr Gefühl vergleicht die New Yorkerin Lizzie mit der Zeit nach 9/11, als eine spürbare Anspannung in der Luft lag und alle über das gleiche Thema sprachen und die gleiche Angst hatten.

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Come to the Cabaret – „Alles ist Jazz“ von Lili Grün

Mal wieder ist die junge Schauspielerin Elli ohne Engagement. Damit ist sie nicht alleine im Berlin der späten 20er. Die Vermieterin will ihre 40 Mark Zimmermiete und auf dem Tisch stehen seit Tagen nur mehr Würstchen mit Salat. Da ist schon eine Linsensuppe ein echter Lichtblick. Der viel größere Lichtblick aber ist Kollege und Freund Hullo: auch er hat die ewige Beschäftigungslosigkeit satt und beschließt, ein eigenes Kabarett zu gründen. Jazz soll es heißen, Sinnbild und Rhythmus einer neuen, einer modernen Zeit. Verrucht, aber nicht mondän. Und selbstverständlich gibt es dort auch eine Rolle für die talentierte Elli. Mit der neuen Möglichkeit, wieder tätig und kreativ zu werden, blüht sie auf. Sogar den Ärger mit Roland kann sie darüber vergessen. Roland ist ihr Freund, hat aber auch kein Geld und kann sie nur Mittwochs und Samstags sehen, weil er an den anderen Tagen studieren muss. Bald aber verbringt Elli sowieso jeden Tag bei den Leuten von Jazz um Nummern zu erfinden, einzustudieren und Texte zu lernen.

„Hauptsache ist, man spielt, Hauptsache ist, man lebt!“

Elli ist, trotz ihrer prekären Lage, eine hinreißend sorglose Hauptfigur, die darin an einige Figuren von Irmgard Keun erinnert. Sie überzeugt mit einer Mischung aus Unschuld, Eitelkeit und Abgebrühtheit. Elli weiß, wohin sie will und ist bereit, dafür einiges zu opfern. Ihre Prinzipien hat sie dennoch: sie bleibt bei keinem Mann, der nicht gut ist zu ihr, so viele Vorteile er sonst auch haben mag. Da isst sie lieber wieder Würstchen mit Salat.

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Der Herzschlag des Dschungels – „State of Wonder“ von Ann Patchett

Die erschütternde Nachricht erreicht Marina Singh auf einem hauchdünnen Bogen Luftpost-Papier: ihr Laborkollege Anders Eckman, der im Auftrag des gemeinsamen Arbeitgebers im brasilianischen Urwald unterwegs war, ist dort an einer nicht näher definierten Krankheit verstorben. Oder ist er gar nicht tot? Anders Frau und die Firma, für die er gearbeitet hat, wollen Gewissheit haben. So wird es Marinas Mission, sich auf seinen Spuren ebenfalls ins Dschungel-Abenteuer zu stürzen.

Dort forscht an einem Nebenarm des Rio Negro Annick Swenson seit Jahren an einem sensationellen Medikament: sie hat entdeckt, dass die Frauen der dort lebenden Lakashi bis ins hohe Alter gebärfähig bleiben und glaubt, dem Grund auf der Spur zu sein. Ihr Arbeitgeber wittert ungeahnte Möglichkeiten – die ewige Fruchtbarkeit würden sich viele Frauen in den USA sicher einiges kosten lassen. Marinas Verhältnis zu Annick Swenson ist ausgesprochen angespannt. Als Medizinstudentin hat sie unter Swensons Aufsicht einen folgenschweren Fehler begangen und danach der praktizierenden Medizin für immer abgeschworen. Sie hat sich diesen Fehler nie verziehen und ist sich sicher, dass auch Swenson noch immer voller Vorwürfe sein wird. Doch schon bald nach ihrer chaotischen Ankunft in Manaus beginnt sie zu ahnen, dass Swenson mit ihrem vorherigen Leben nicht mehr viel zu tun haben wird und wahrscheinlich auch von ihrem Arbeitgeber und Geldgeber gar nicht so viel wissen will. Marina fürchtet bald, dass es Dr. Swenson bei ihrem Projekt gar nicht um ewige Fruchtbarkeit in Pillenform geht.

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Essen aus Büchern: Rogan Josh aus Arundathi Roys „The Ministry of Utmost Happiness“

Arundathi Roys zweiter Roman The Ministry of Utmost Happiness wurde fast 20 Jahre lang sehnsüchtig erwartet. Als er endlich erschien, merkte man ihm deutlich an, womit die Autorin sich in den beiden Jahrzehnten beschäftigt hatte: Der Roman ist sehr politisch geworden und besonders der Kampf um Kaschmir spielt eine ganz zentrale Rolle. Dieser Kampf ist eines der großen Themen im Roman, an ihm zerbrechen Freundschaften und Menschen opfern ihm ihre Leben, sowohl metaphorisch, als auch ganz real. Bei so viel Kaschmir darf natürlich Rogan Josh nicht fehlen, eines der klassischen Gerichte Kaschmirs, das einigen sogar als Nationalgericht gilt.

Im Roman ist es sowohl Teil eines großen Festessens, das die legendäre Anjum ausrichtet, als auch eine Art Versöhnung zwischen zwei ehemaligen Freunden, die sich über den Kaschmir-Konflikt zerstritten haben. Es sind Biplab und Musa, die an der Universität gute Freunde waren. Doch als Biplab eine Laufbahn in der Regierung einschlägt und Musa sich dem bewaffneten Untergrund anschließt, ist das Geschichte. Als bindendes Glied bleibt Tilo, Mieterin einer von Biplabs Wohnungen und Freundin Musas. Für Musa versteckt sie Papiere und Waffen im Tiefkühler, die er eines Tages dort abholen will. Zu seiner Überraschung trifft er aber nicht auf Mieterin Tilo, sondern auf Vermieter Biplab. Um irgendwie an den Tiefkühler zu kommen, schlägt er großmütig vor, ein Abendessen zu kochen. Zu seiner Enttäuschung findet er aber nur ein Kilo Hammel und keinen der ersehnten Gegenstände. Aber immerhin lässt sich daraus Rogan Josh machen. Doch selbst beim Kochen können die beiden den Konflikt nicht ruhen lassen:

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Aus dem Leben eines Kindskopfs – „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta

Aus einer ganz einfachen Familie kommt er, der Protagonist in Kaleytas Debüt-Roman. Er wächst auf in Nordrhein-Westfalen, die Eltern arbeiten in der Fabrik, er kann das Gymnasium besuchen, das Abitur machen, etwas werden im Leben. Und das hat er auch verdient, so ist seine Überzeugung. Womit, das ist nicht klar. Alles in seinem Leben ist bequem eingerichtet. Darum ist er auch ganz fassungslos, als Kohl 1998 plötzlich nicht mehr Kanzler ist. Es war doch alles gut! Wer will denn an solchen Umständen etwas ändern? Und weil das alles so gut ist, macht er sich auch wenig Gedanken über die Zukunft. Spontan entscheidet er sich nach der Schule für ein Studium, das aber auch nur, weil er sich in der Rolle des Studenten gefällt. Medizin soll es sein, kann es aber aufgrund des NCs nicht werden, also schreibt er sich für die zulassungsfreien Fächer Germanistik und Soziologie ein. Was er damit mal machen will, ist ja völlig egal.

Und so geht es weiter in seinem Leben. Er schummelt sich mal hier durch und mal da, landet mit viel Glück und keinerlei Verstand einen musikalischen Hit, kommt per Studienkredit nach Madrid und schnorrt sich ansonsten erfolgreich bei seinem reichen Freund, dem Kieferorthopäden-Sohn Sebastian durch. Nebenbei absolviert er zwei Studiengänge mit sehr guten Ergebnissen, das aber eben leider in den Geisteswissenschaften. Eine Sackgasse für jemanden, dem die guten Dinge sonst nur so in den Schoß fallen. In der freien Wirtschaft sieht er keine Chancen und das Leben als wissenschaftlicher Mitarbeiter erscheint ihm unerträglich langweilig. Vielleicht muss er doch dem guten Rat eines ehemaligen Professors folgen und reich heiraten?

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