Die Kindheit in Protokollen – „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel

21 Monate verbrachte der namenlose Erzähler in Mischa Mangels Debüt Ein Spalt Luft allein mit seiner Mutter. Fast zwei Jahre, von seinem zweiten bis zu seinem vierten Lebensjahr, zu denen ihm niemand etwas sagen kann.

Kurz nach seiner Geburt entwickelte seine Mutter eine endogene Psychose, wie er aus Gutachten später rekonstruieren wird. Sie bricht alle Kontakte ab und verkriecht sich mit ihrem Sohn in ihrer Wohnung. Derweil kämpft der Vater um das alleinige Sorgerecht. Er ist besorgt um den Sohn, nicht nur um seine Sicherheit, sondern auch um seine Entwicklung. Er soll bei ihm und seiner neuen Partnerin aufwachsen.

Es gelingt und der Erzähler wächst, von gelegentlichen Wochenendbesuchen abgesehen, komplett beim Vater auf. Später bricht er den Kontakt zur Mutter ganz ab, sieht sie über Jahre nicht mehr. Dass sie Kontakt gesucht hat, um Bilder von ihm gebeten hat, das alles erfährt er erst, als er fast zwanzig Jahre alt ist. Als er volljährig wird, bietet sein Vater ihm an, ihm die Unterlagen von damals zu zeigen. Medizinische Gutachten, Gerichtsurteile, Protokolle des Jugendamts. Zwischen den amtlichen Schriftstücken finden sich aber auch die Bänder eines Anrufbeantworters, auf denen die Mutter den Vater wüst und wirr beschimpft.

„Frau ______ hält sich für gesund, ihr Verhalten für normal und wird ihr Leben weiterhin in dieser Form gestalten.“

Daraus setzt die Spurensuche des Erzählers sich zusammen. Nüchterne Feststellungen über den Zustand seiner Mutter, Protokolle darüber, wie ungeschickt sie mit ihm umgeht. Dazwischen immer wieder fragmentarische Erinnerungen an die Kindheit und Äußerungen des Vaters, der versucht, von der Entwicklung der Situation zu berichten, ohne seinen Sohn zu verletzen. Der Versuch, von anderen Familienmitgliedern mehr zu erfahren, erweist sich als ebenso schwer, wie den Kontakt zur Mutter zu stabilisieren. Die Gespräche zwischen den beiden scheinen sich in BAföG-Angelegenheiten zu erschöpfen.

Mangel bietet keine Lösung, keine einfache Rekonstruktion des Geschehen. Er nimmt einen mit auf eine vorsichtige Spurensuche, die so aufschlussreich wie frustrierend sein kann. Man folgt dem Erzähler, wie er sich langsam vortastet, Bruchstücke zusammensetzt, eigene Gedanken zu den Fakten findet, alte Erinnerungen ausgräbt und plötzliche Erkenntnisse gewinnt. Dabei ist der Stil durchaus experimentell und sehr fragmentarisch. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, wer spricht, wovon eine Szene handelt und ob sie überhaupt real ist. Wer hofft, in den Gerichtsakten eine definitive Antwort zu finden, wird enttäuscht werden. Den Erzähler allerdings scheint das nicht im Geringsten zu stören.


tl;dr: Mangel schickt seinen Erzähler auf eine so sensible wie harte Spurensuche nach fast zwei Jahren in seiner frühsten Kindheit, die möglicherweise für immer verloren sind. Ein experimentelles und sehr überzeugendes Debüt.


Mischa Mangel: Ein Spalt Luft. Suhrkamp 2021, 271 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 128.

Der ewige Traum vom Falken – „Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm“ von Felicitas Hoppe

Ze Wormez bî dem Rîne gibt es nicht so besonders viel, womit man überregional von sich reden machen könnte. Was es allerdings gibt, und was dann auch kulturell ausgeschlachtet wird, sind die Nibelungen, die dort einst gelebt haben sollen. Seit beinahe zwanzig Jahren gedenkt man dieser Tatsache mit den im Sommer stattfindenden Nibelungenfestspielen. Auf deren Bühne, gelegen direkt vor der Kulisse des Wormser Doms, lässt Felicitas Hoppe die sagenumwobenen Gestalten der politisch vorbelasteten Dichtung ihre Intrigen spinnen.

Sie bringt alle auf die Bühne, die in den Nibelungen Rang und Namen haben: Kriemhild und Brunhild, Siegfried, Gernot, Gunter und Giselher, Ute und Hagen. Und sie ergänzt das Personal um einige zusätzliche Rollen, unter anderem um einen Laien aus Worms, der den Tod geben muss, einen kommentierenden Zeugen im Ruderboot und um den Schatz, der es sonst nie auf die Bühne bringt, obwohl er ein so tragendes Element ist. Ähnlich einer beleidigten Fee darf er nun als Goldene Dreizehn auf einen Platz an der Festtafel hoffen, statt am Grunde des Rheins als Konfliktstoff vor sich hin zu rosten. Hoppe belässt es nicht bei einer Nacherzählung des Stoffes, sondern setzt ihn im Grunde schon voraus, geht darüber hinaus und spielt mit den Charakteren und den ideologischen Schatten, die ihnen folgen. Wer nicht zumindest in Grundzügen mit der Handlung vertraut ist, wird Schwierigkeiten haben, zu folgen, den stringent erzählt wird nicht. Hoppe erzählt viel mehr in szenischen Schilderungen, orientiert an einer modernen Inszenierung des Stoffs und eingeleitet jeweils durch eine an Stummfilme erinnernde Texttafel.

An dieser Stelle bin ich natürlich mit dem Heimvorteil gesegnet, das erste Mal schon in der Grundschule davon gelesen zu haben, wie Siegfried im Drachenblut badet und davon, dass selbst die vermeintlich Unverwundbaren tödlich getroffen werden können. Die Domtür, an der Kriemhild und Brunhild sich um den Vortritt zanken, die Stelle, an der Hagen den Schatz versenkt hat – man kriegt in Worms gar keinen Schulabschluss, wenn man sich das nicht mal bei einem Wandertag angeguckt hat. Und auch sonst hat man bei der Lektüre dieses Romans sehr klare Vorteile, wenn man mit den Größen der Stadt Worms zumindest in Grundzügen vertraut ist. Ich weiß wirklich nicht, wie viel Freude man an der wiederholten Erwähnung des Wormser Woolworths hat, wenn man nicht um die Bedeutung jenes Stützpfeilers der Wormser Nahversorgung weiß.

„Frage: Und was bekommt es zu sehen? Antwort: Einen Stummfilm, der seine Darsteller davon befreit, sagen zu müssen, worum es hier geht. Kein einziger von uns kann Ihnen sagen, worum es in diesem Stück wirklich geht, aber wir lieben es alle.“

Natürlich geht es aber nicht nur um die Wormser Nibelungen, sondern auch um ihre nicht immer ganz einfache Rezeptions- und Produktionsgeschichte. Die beginnt schon bei den Festspielen an sich – denn die sind keine Idee von 2002, sondern von 1937. Aber auch der von Hitler geschätzte Stummfilm von Fritz Lang spielt natürlich eine große Rolle, allein schon im Titel, aber auch in Gestalt von Regisseurin Kettelhut, einer Namensvetterin des Stummfilm-Bühnenmalers Erich Kettelhut. Immer wieder steht die Frage im Raum, wie man die Nibelungen überhaupt noch inszenieren kann, ob und wie man die dicke Schicht aus Kitsch und Ideologie abschütteln kann und ob man jemals wieder eine blond bezopfte Kriemhild auf die Bühne stellen kann. Und nicht zuletzt, ob es diesen Stoff denn überhaupt noch braucht oder man besser gleich was anderes spielt. Dazu bedient sich Hoppe vor allem Pausengesprächen, in denen eine fragende Instanz die Schauspieler*innen in ihren Garderoben aufsucht und sie zu ihren Rollen befragt. Die Darstellenden antworten und das durchaus informiert und reflektiert und eröffnen interessante Perspektiven auf die von ihnen verkörperten Figuren. Doch auch jenseits der sich stetig drehenden, immer sich wandelnden Bühne passiert so einiges. Hoppe kommentiert mit dem Roman nicht nur den Stoff an sich und seine Rezeption, sondern auch gleich den ganzen Theaterbetrieb. Das Publikum fiebert mit, fordert Blut und kommentiert ungeniert. Zudem ist die halbe Stadt involviert: der Ruderclub Blau-Weiß, die Pfeddersheimer Liedertafel, Schülerinnen des Rudi-Stephan-Gymnasiums – sie alle tragen den Trubel der jährlichen Inszenierung mit. Ohne das und die unterbezahlte Statisterie gäbe es das ganze Spektakel um Kriemhild schon lange nicht mehr.

Hoppes Herangehensweise an den legendären Stoff ist mutig und speziell. Vielen zu speziell, wie man aus etlichen enttäuschten Rezensionen herauslesen kann. Wer auf eine Modernisierung des Stoffes in Form einer Nacherzählung hofft, wird von diesem Buch zwangsläufig enttäuscht sein. Die Nibelungen ist allerdings eine kluge und fundierte Auseinandersetzung mit einem schwierigen Stoff, ein Nachdenken über die Rezeptionsgeschichte und das Theater an sich ein und manchmal ein fast bissiger Kommentar über ein Spektakel, das jährlich das Publikum unterhält und eine verschlafene Stadt am Rhein in helle Aufregung versetzt – positiv wie negativ möchte ich mal abseits des Romans bemerken.


tl;dr: Keine einfache Nacherzählung, sondern ein listiger, hintergründiger Blick auf eine uralte Geschichte, die die Deutschen einfach nicht loslässt. Grundkenntnisse der Handlung werden vorausgesetzt.


Felicitas Hoppe: Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm. S. Fischer 2021. 256 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 84.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Aus dem belagerten Leningrad – „The Siege“ von Helen Dunmore

Anna Michailovna liebt es, den Sommer in ihrem Garten vor den Toren Leningrads zu verbringen. Dort pflegt sie die Rosen ihrer Mutter, sät und erntet und schläft in warmen Nächten im Gartenhaus. Immer dabei ist ihr kleiner Bruder Kolya, dem sie langsam beibringt, ihr beim Gärtnern zu helfen. Seit ihre Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, ist es an Anna, sich um den kleinen Bruder zu kümmern und um ihren Vater, einen Schriftsteller, der sich gründlich und nachhaltig mit der Sowjet-Regierung überworfen hat. Zum Ende des Sommers 1941, Anna denkt schon an die Ernte der Kartoffeln, machen beunruhigende Gerüchte die Runde: Die deutsche Wehrmacht rückt immer näher, im Leningrader Umland wird es gefährlich. Wie auch der Rest der Nachbarschaft packt Anna hastig ihre Sachen und kehrt in die Wohnung der Familie in Leningrad zurück, in die schützenden Grenzen der Stadt. Doch die vermeintliche Rettung wird zur Falle. Im Herbst 1941 beginnt die Blockade Leningrads, die über zwei Jahre dauern wird.

Dunmore schildert das Leben von Annas Familie, die zunächst noch tapfer versucht, sich den Deutschen in den Weg zu stellen. Der Vater, völlig ungeeignet für den Wehrdienst, kämpft an der Front, während Anna Verteidigungsgräben aushebt und hilft, Kinder aus der bedrohten Stadt zu evakuieren. Mitten in dem ganzen Chaos steht auch noch Marina vor der Tür, ehemals eine berühmte Schauspielerin und Ex-Geliebte ihres Vaters. Nur wenige Tage will sie bleiben, die Freundin, bei der sie eigentlich unterkommen wollte, ist gerade erkrankt. Man ahnt es schon: Sie wird nicht mehr gehen. Doch immerhin bringt sie Vorräte aus ihrem Garten mit. Das ist eine sehr willkommene Gabe, denn schon nach kurzer Zeit gehen die knappen Reserven der Stadt zur Neige. Leningrad ist angewiesen auf die Versorgung durch die Landwirtschaft im Umland, doch die Transporte können die deutschen Linien nicht mehr passieren. Wo es überhaupt noch etwas zu kaufen gibt, steigen die Preise ins Unermessliche.

„Suddenly and sharply, it’s obvious that cities only exist because everyone agrees to let them exist. It’s crazy when you think of it, for millions of mouths to pack themselves into a couple of hundred square kilometres, without a pig or potato patch between them.“

In der erst beklemmenden, dann existenzbedrohenden Lage des ersten Winters der Belagerung Leningrads spielt The Siege. Dunmore erzählt von den Überlebenskämpfen der Bevölkerung, von knapper werdenden Rationen und immer längeren Schlangen vor der Bäckerei, von unerträglicher Kälte und von Toten, die in ihren Betten liegen bleiben, weil niemand mehr da ist, der die Kraft hat, sie unter die gefrorene Erde zu bringen. Gelegentlich wechselt der Fokus von Anna auf die Funktionäre, die für die Bevölkerung unsichtbar und unvorhersehbar die Rationen ändern und eine Versorgung über den hoffentlich bald gefrorenen Ladoga-See planen. Hin und wieder sind Passagen eingestreut, die mit keiner der handelnden Personen in Zusammenhang stehen und von denen man nur mutmaßen kann, dass Dunmore diese Geschichten bei ihrer Recherche gefunden hat und sie so beeindruckend fand, dass sie ihnen unbedingt einen Platz in ihrem Roman schaffen wollte.

Dunmore gelingt es, die Verzweiflung einer gesamten Stadt am Schicksal einer Familie deutlich werden zu lassen. Exemplarisch geht Anna durch alle Höllen Leningrads. Im Gegensatz zu vielen anderen gelingt es ihr aber, ihre Moral zu behalten. Sie stiehlt nicht, sie wird nicht gewalttätig und sie hilft ihrer verzweifelten Nachbarin selbst in ihrer größten Not. Diese Perspektive führt aber auch dazu, dass der Roman manchmal etwas begrenzt zu sein scheint. Anna verlässt das Haus nur noch, wenn es sein muss. Zu kalt und gefährlich sind die dunklen Straßen Leningrads geworden. Ihre gesamte Welt beschränkt sich auf den einen beheizten Raum ihrer Wohnung, die Schlange vor der Bäckerei und Wege dazwischen. Und damit eben auch die Sicht derer, die sie lesend begleiten. Dennoch gelingt es dem Text, das Leid und Elend, die aussichtslose Situation jener Tage darzustellen. Und das, trotz eingebauter Liebesgeschichte, ohne Durchhalte-Kitsch.


tl;dr: The Siege erzählt geradlinig und nahbar vom Elend der Bevölkerung Leningrads unter der deutschen Blockade im Winter 1941. Grundlegend gelungen, hat der Roman jedoch einige Längen.

Gilian Slovo hat 2004 mit Ice Road ebenfalls einen Roman über die Belagerung Leningrads veröffentlicht.


Helen Dunmore: The Siege. Penguin 2002. 291 Seiten. Erstausgabe Viking 2001. In deutscher Übersetzung von Edda Petri ist das Buch unter dem Titel Die tausend Tage der Anna Michailovna bei Bastei Lübbe erschienen.

Das Zitat stammt von S. 146.

Dieser Roman war 2002 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Verborgen vor der Welt – „Room“ von Emma Donoghue

Für den fünfjährigen Jack ist „Room“ die ganze Welt. Für seine Mutter ist es ein Gefängnis, in dem sie seit sieben Jahren ausharren muss, ein winziges Verlies, in dem ihr Entführer sie gefangen hält. Sie spricht beinahe nicht über ihren Peiniger, aber wenn sie muss, nennt sie ihn Old Nick. Als sie Anfang zwanzig war hat er sie auf einem Parkplatz unter einem Vorwand in seinen Van gelockt und in einen fluchtsicher und schalldicht ausgebauten Gartenschuppen gesperrt.

Die Erzählung erinnert stark an den Fall Fritzl und ist sicher nichts für schwache Nerven. Old Nick kommt an fast jedem Abend in das Gefängnis, um seine Gefangene zu vergewaltigen. Auch Jack ist das Ergebnis einer Vergewaltigung. Obwohl Old Nick Jack und seine Mutter gefangen hält, lässt er keine Gelegenheit aus, sie spüren zu lassen, dass sie ihm eine Last sind. Allein das Geld, das er für ihre Lebensmittel ausgeben muss, für Strom und Wasser, für Zahnpasta und Seife, für Annehmlichkeiten wie Bücher oder eine Topfpflanze. Unbezahlbar das Ganze! Von seinen Gefangenen erwartet er stille Dankbarkeit. Widerspruch und Aufruhr bestraft er, indem er tagelang den Strom abstellt oder den beiden auf andere Art das Leben noch unerträglicher macht. Früher hat Jacks Mutter mehrfach versucht zu fliehen, doch seit ihr Sohn da ist, wagt sie es nicht mehr aus Angst vor Old Nicks Rache bei einem weiteren misslungenen Versuch.

Donoghue lässt die gesamte Geschichte von Jack erzählen. Durch diesen erzählerischen Kniff nimmt sie der Geschichte einiges an Grausamkeit. Denn für Jack ist das Leben im schalldichten Schuppen völlig normal. Er kennt den Rest der Welt nur aus dem Fernsehen. Seine Mutter hat ihm erzählt, dass das alles Fantasie ist. Er sehnt sich nicht nach der Freiheit, er vermisst weder Freunde noch Familie und er ahnt nicht, wie begrenzt sein ganzes bisheriges Leben in Wirklichkeit ist. Seiner Mutter gelingt es, ihn vor Old Nick zu schützen. Nachts, wenn Old Nick in den Schuppen kommt, versteckt sie ihren Sohn im Schrank. Old Nick soll ihn nicht einmal zu Gesicht bekommen. So begreift Jack ihn zwar als Gefahr, erfährt aber keine direkte Gewalt durch ihn.

„I don’t want there to be bad stories and me not know them.“

Diese Zentrierung auf Jack funktioniert erzählerisch sehr gut und nimmt der Geschichte vor allem das Reißerische. Allerdings ist die Erzählweise besonders zu Beginn aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Mit Jacks sehr limitierter Welt muss man erstmal zurecht kommen und versuchen zu ergründen, was jenseits seines Verständnisses liegt. Er hat sich angewöhnt, die Gegenstände in Room als Individuen zu betrachten, die Namen und eine Art Identität haben. Teppich, Löffel und Fernbedienung betrachtet er fast eher als Haustiere denn als Gegenstände. Auch das ist zu Beginn sehr irritierend und die Geschichte braucht einige Zeit, um überhaupt in Fahrt zu kommen. Das liegt auch daran, dass natürlich in Room ein Tag exakt dem anderen gleicht. Erst, als Jacks Mutter anfängt, einen riskanten Fluchtplan zu schmieden und vor allem nachdem Jack die Welt draußen kennenlernen kann, erweitert sich sein Blickfeld und die bis dahin etwas träge Erzählweise nimmt Fahrt auf.

Allerdings gelingt es Donoghue mit eben dieser Sichtweise und diesem Stil, dieses sehr schwierige Thema feinfühlig und ohne Sensationsgier zu behandeln. Mit Jack als emotionalem Stoßdämpfer bleibt der Roman in einem Rahmen, der relativ leicht zu ertragen ist. Er begegnet den Umständen mit argloser Neugier, nicht mit der verzweifelten Angst seiner Mutter, die durch die Geschehnisse schwer traumatisiert ist. Donoghues Roman fußt zwar auf bekannten Fällen, die in der Presse breitgetreten wurden, man hat aber an keiner Stelle das Gefühl, dass sie sich einfach an diesen bedient, um einen möglichst aufmerksamkeitserregenden Roman zu schreiben. Room ist eine ungewöhnlich zurückhaltende Schilderung unvorstellbarer Grausamkeiten, was die ein oder andere stilistische Unebenheit wieder ausbügelt. Dranbleiben lohnt sich in diesem Fall.


tl;dr: Schwacher Start, stärkeres Finish: Room erzählt die Geschichte einer Frau, die sieben Jahre in einem umgebauten Schuppen gefangen gehalten wird. Berichtet wird von ihrem fünfjährigen Sohn Jack, was die Grausamkeiten gut abdämpft, manchmal aber auch ganz schön mühsam ist.


Emma Donoghue: Room. Back Bay Books 2011. 361 Seiten. Erstausgabe Harper Collins 2010. Eine deutsche Übersetzung von Armin Gontermann ist unter dem Titel Raum bei Piper erschienen. Der Roman wurde mit Brie Larson und Jacob Tremblay in den Hauptrollen verfilmt.

Das Zitat stammt von S. 248.

2011 war Donoghue mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Essen aus Büchern: Chicken à la King aus Richard Yates „Easter Parade“

Sarah und Emily Grimes, die jungen Protagonistinnen in Easter Parade, sind stolz auf ihren Vater. Er lebt in New York und schreibt für die New York Sun, die wichtigste Zeitung der Stadt, die Überschriften, was die wichtigste Stelle in der ganzen Redaktion ist. Da sind sich Sarah und Emily sicher und es ist das, was sie den anderen Kindern sagen, wenn sie fragen, warum er nicht mehr nach Hause nach New Jersey kommt. Weil er eben in New York unabkömmlich ist.

Der Besuch beim Vater gerät dann allerdings zur Enttäuschung. Die New York Sun ist, das findet sogar der Vater selbst, keine besonders gute Zeitung und er hat nicht mal einen eigenen Schreibtisch. Am Rande eines großen Tisches sitzt er und korrigiert Artikel. „Wenn ich sehr talentiert wäre, würde ich vermutlich woanders hingehen, aber ich bin nur – ihr wißt schon – ich bin nur ein Mann am Redaktionstisch, ein Korrektor“, gesteht er seinen Töchtern beim Mittagessen, zu dem er sich einen großzügigen Aperitif gönnt:

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Scotland My Mountain Hame – „Chrystal Croftangrys Geschichte“ von Sir Walter Scott

Die Geschichte von Chrystal Croftangry ist, wie das meiste aus Scotts Werk, in Deutschland kaum bekannt. Es handelt sich bei diesem Buch um eine Sammlung von Geschichten, die Scott schrieb, während er hochverschuldet seinen Broterwerb mit dem Verfassen einer umfassenden Napoleon-Biographie bestritt. Sein Protagonist ist ihm in vielem ähnlich: wie auch Scott ist Croftangry hochverschuldet, wenn auch aus anderen Gründen. Er ist ein auf Abwege geratener Sohn einer reichen Familie, der nach Jahren in der Fremde in seine schottische Heimat zurückkehrt und in Edinburgh wieder sein Glück machen will.

„Sie ließen sich nichts zuschulden kommen gegenüber Gott und den Menschen, die Croftangrys, und wie ich schon gesagt habe: Wenn sie auch nicht viel Gutes taten, so taten die doch auch nicht viel Schlechtes.“

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Auf der Suche nach der Schöpfungsformel – „Die Sprache des Lichts“ von Katharina Kramer

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ So einfach kann Schöpfung sein – wenn man die richtige Sprache spricht. Davon waren die Menschen lange überzeugt. Wenn man Gottes Sprache finden und sprechen könnte, dann könnte man damit alles erschaffen, was man braucht. Licht, Gold, Macht, alles aus Worten geschöpft. Die aufgeregte Suche nach eben dieser Sprache legt Katharina Kramer ihrem Roman zu Grunde, den sie Ende des 16. Jahrhunderts spielen lässt.

Jacob Greve, in Ungnade gefallener Lateinlehrer auf Wanderschaft, trifft darin auf den Gauner Edward Kelley, der in ihm die Chance sieht, an richtig viel Geld zu kommen. Denn Jacob ist nicht nur Sprachlehrer, er ist ein wahres Sprachgenie. Sprache ist alles in seinem Leben, er kann sie in bunten Formen sehen, er kann jeden Dialekt erlernen und fast jeden sprachlichen Code dechiffrieren. Sein Sprachgefühl ist so fein, dass ihm schon der kleinste Fehler seiner Schüler fast körperliche Pein beschert. Wenn einer Gottes eigene Sprache rekonstruieren kann, dann Jacob Greve, da ist Edward sich sicher. Doch er ist nicht der einzige, der auf der Jagd nach dieser Sprache ist. Im Béarn, heute an der Spanisch-Französischen Grenze gelegen, arbeitet die junge Margarète Labé ebenfalls an der Entschlüsselung von Sprachen. Sie arbeitet für die Katholische Liga, die verbissen gegen die Calvinisten kämpft. Ob die Pfeifsprache, die von den Hirten im Béarn benutzt wird, ein erster Hinweis auf Gottes eigene Worte sein kann?

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Dem Vater auf der Spur – „In diesen Sommern“ von Janina Hecht

Blumen pflanzen auf dem Balkon, Urlaub auf dem Bauernhof, ein Sommer in Italien: In solchen Schlaglichtern beleuchtet Teresa die Tage ihrer Kindheit. Das Glück ist dabei höchst fragil. Teresas Vater ist Alkoholiker, seine Launen unberechenbar und die nächste Eskalation nie weit. Auf Zehenspitzen schleichen Teresa, ihr Bruder und ihre Mutter umher, immer darauf bedacht, den Patriarchen nicht zu verärgern. Dabei kann er auch anders sein, bemüht und interessiert. Dann bringt er Teresa das Fahrradfahren bei und kümmert sich um einen Surfkurs für sie. Doch gerade im Urlaub, wenn die Familie den ganzen Tag gemeinsam verbringt, ist die Stimmung fast durchweg angespannt. Selten lässt der Vater seine Wut an den Kindern aus, zumindest, solange sie noch klein sind. Es ist vor allem seine Frau, die seinen ungezügelten Zorn zu spüren bekommt. Doch auch das entgeht den Kindern natürlich nicht. Je älter sie wird, umso mehr geht das Verhalten Teresa gegen den Strich. Sie beginnt, den Vater absichtlich zu provozieren, die Situation auf die Spitze zu treiben.

Teresas Erinnerungen sind sehr knapp und skizzenhaft, dabei aber stark genug, um das äußerst schwierige Verhältnis zum Vater mit aller Wucht zu schildern. Ihre Hilflosigkeit, ihre Wut und ihre Angst stechen in all den kurzen Sequenzen scharf hervor. Im Rückblick versucht die Erzählerin, ihre Erinnerungen zu sortieren, aus lauter Bruchstücken ein komplettes Bild des Vaters zusammenzusetzen, zu dem sie nie Nähe aufbauen konnte. Denn so sehr sie in fürchtet, hassen kann sie ihn nicht, aufgeben will sie ihn nicht. Auch als erwachsene Frau hält sie den Kontakt aufrecht, stellt ihm ihre Freunde vor, sorgt sich um ihn, dessen Alkoholproblem immer schlimmer wird. Die Mutter ist da schon längst gegangen, der alternde Patriarch allein im Familienheim zurückgeblieben.

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In den Trümmern des Empire – „The Inheritance of Loss“ von Kiran Desai

In Kalimpong, einer Stadt in der indischen Peripherie am Fuße des mächtigen Himalaya, wird die junge Sai eines Tages bei ihrem Großvater abgeliefert, bei dem sie von nun an leben soll. Sie ist Waisin und bisher in einem Internat großgeworden. Der Großvater, ehemals Richter im indischen Kolonialstaat und in Cambridge ausgebildet, ist völlig desillusioniert von der Welt im allgemeinen und vom englischen Empire im besonderen. Einst hielt er viel von den eleganten Briten. Doch seitdem er versucht hat, Teil ihrer Gesellschaft zu werden und nur verlacht wurde, empfindet er nur noch Groll gegen sie und ihre überhebliche Art.

Die beiden teilen sich das einst herrschaftliche Haus mit dem namenlosen Koch, der sein ganzes Talent dafür aufbringt, den Hausstand beisammenzuhalten und all seine Hoffnung in seinen Sohn steckt, der es endlich nach New York geschafft hat. Seine Generation sieht die Zukunft nicht mehr in einer englischen Universität, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie so viele Migranten erkennt er vor Ort schnell, dass seine Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Als illegalisierter Einwanderer arbeitet er für einen Hungerlohn in einer schäbigen Restaurantküche, schläft in überfüllten Appartements oder gleich auf dem Küchenboden. Seinem Vater gegenüber muss er das alles natürlich als große Erfolgsgeschichte verkaufen.

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Essen aus Büchern: Potage sicilienne aus Gabriele Tergits „Effingers“

In den Effingers schildert Tergit das Schicksal gleich mehrerer Familien, besonders aber natürlich das der titelgebenden Effingers. Bevor es mit denen aber so richtig losgeht, müssen sie erst bei Oppners einheiraten, so wie es einst Bankiers-Tochter Selma Goldschmidt getan hat. Damit das geschieht, müssen aber erstmal Karl Effinger und Annette Oppner beim Essen nebeneinander sitzen. Und wo ginge das besser, als bei der großen Einweihungsfeier von Oppners neuem Haus in der noblen Tiergartenstraße? Nun fällt leider „Selma das Besorgen großer Gesellschaften so schwer“ und Schwägerin Eugenie, Gesellschaftsdame von Welt, schaltet sich hilfreich ein. Sie hat quasi immer Gäste und versteht sich bestens mit Trottke, den man heute wohl als Caterer bezeichnen würde.

Das Gespräch von Eugenie Goldschmidt und dem treuen Trottke ist ein Musterbeispiel an Standesdünkel, der sich in der Wahl der Speisen manifestiert. Während Eugenie noch ganz dem Kaviar verhaftet ist, gelingt es Trottke mit viel Überredungskunst und hohen Referenzen doch, sie von einer Suppe zu überzeugen:

„Nehmen Sie Suppe, gnädige Frau, Suppe regt an. Potage sicilienne, vorzüglich, wir haben Potage sicilienne erst gestern zum Grafen Schwerin geliefert, wo sie viel Anklang fand.“
„Nein“, sagte Eugenie, „Ich kenne meinen Schwager, er wird doch Kaviar im Eisblock wollen. Potage ist ein bisschen plebejisch.“
„Plebejisch?“ sagte Trottke empört. „Gnädige Frau, bei der Gräfin Zetwitz wurde mit Potage angefangen.“

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