Revolution geht durch den Magen – „Die rote Köchin“

Die Geschichte der roten Köchin Hannah R. ist eine höchst rätselhafte. Ihr Familienname wird nie ganz genannt, ihre Herkunft ist genauso ungewiss wie ihr Verbleib nach Ende ihrer Aufzeichnungen. Dass wir sie überhaupt zu hören kriegen, verdanken wir einer anonym bleibenden Person, die in Ascona im Auftrag eines Freunds ein Bild von Paul Klee erwirbt. Die verkaufende Galeristin trennt sich nicht ohne Geschichte von diesem Bild, denn Klee persönlich hat es einst ihrer Großmutter geschenkt, eben dieser Hannah R.

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Hannah R. war am Weimarer Bauhaus eingeschrieben, wo sie unter Gropius, Klee, Kandinsky und anderen Größen der modernen Kunst studierte. Sie war aber auch Köchin und Mitglied einer spartakistischen Zelle, die organisiert und militant gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus vorging. Als Spartakistin machte sie Schießübungen und organisierte die Arbeiterschaft, als Köchin verdiente sie Geld an den zahlungskräftigen Restaurant-Besucher*innen, finanzierte davon die Aktivitäten der Gruppe und verköstigte in Volksküchen die werktätige Bevölkerung. So zumindest will es die Legende, denn keine Person in diesem autobiographisch erscheinenden Roman wird beim vollen Namen genannt und so ist auch nichts nachprüfbar. Dass Hannah und ihre spartakistische Zelle in keinem Bauhaus-Archiv zu finden sind, wird plausibel erklärt. Einziger Anhaltspunkt bleibt die Freundschaft mit Klee und ein von Hannah entworfenes Feuerzeug. Der im Buch abgedruckte Ausweis von Hannah jedenfalls lässt sich problemlos als der einer anderen identifizieren.

Aber das ist ja auch völlig egal und macht die Geschichte von Hannah und ihrer spartakistischen Zelle nicht weniger spannend. Getreu ihrem Beruf hat Hannah also ihre Aufzeichnungen in die Kategorien Vorspeise, Hauptgerichte und Dessert eingeteilt, in denen jeweils etliche Kapitel von nur wenigen Seiten zu finden sind. Jedes einzelne davon endet in einem Rezept, das in irgendeiner Form zum Inhalt des Kapitel passt. So gibt es eine Kaltschale, nachdem Klee Teetassen ohne Henkel entworfen hat und Hasenrücken nach Art des Jagdzirkels, dem man gerade die Waffen gestohlen hat. Ein flüchtiger Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt das Buch als vollkommen harmloses Kochbuch erscheinen, niemand würde dahinter brisante Aufzeichnungen vermuten.

„Das alles ist ziemlich literatenhaft, ich weiß, aber wir leben in einer tragischen Zeit, in der wir nichts unser Eigenes nennen können als die Revolte!“

Zu Beginn folgen die Aufzeichnungen keiner Chronologie, und so ist es erst ein wenig mühsam, sich zurechtzufinden. Dann aber entwickelt sich zwischen den Rezepten die Geschichte einer Jugendbewegung, die verzweifelt versuchte, Widerstand zu leisten gegen den erstarkenden Nationalismus. Hannah und ihre Freunde nehmen erhebliche persönliche Repressionen und Gefahren in Kauf, immer in der Hoffnung, dass ihr kleiner Beitrag zu einer erfolgreichen Revolution führen kann. Sich fügen kommt für sie nicht in Frage. Mehrfach werden sie verhaftet, verhört, gefoltert und zumindest Hannah hat oft Bauchschmerzen, wenn die Aktionen der Gruppe Tote und Verletzte fordern. Die Künstler am Bauhaus hoffen derweil, dass es irgendwie weiter gehen kann, trotz fortgesetzter Angriffe auf die Schule durch rechte Gruppierungen. Hannahs jüdischstämmige Familie plant derweil schon die Emigration.

Hannahs persönliche Betroffenheit, ihre Wut, ihre Angst und Verzweiflung scheinen so realistisch, dass man kaum glauben kann, dass sich das alles jemand ausgedacht haben soll. Vielleicht ist ja doch alles wahr. Und wenn nicht, dann ist es eben sehr, sehr gut ausgedacht.


tl;dr: Dies ist die angebliche Lebensgeschichte von Hannah R., Bauhausstudentin, militante Kämpferin und Köchin. Es ist auch ein Kochbuch. Es ist großartig.


Anonym: Die rote Köchin. Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar. Ventil Verlag 2013. 222 Seiten. Originalausgabe: La cuoca rossa. Storia di una cellula spartachista al Bauhaus di Weimar. Con un ricattario di cucina tedesca. DeriveApprodi 2003.

Das Zitat stammt von S. 114.

Rassismus und Familienbande – „The White Family“ von Maggie Gee

Alfred White ist Parkaufseher in London Hillesden. Früher hatte er noch fünf Kollegen, doch nach etlichen Sparmaßnahmen ist er der letzte, der dort noch weit nach Renteneintrittsalter treu seine Runden dreht. Nicht einen Tag hat er gefehlt. Umso schockierter sind alle, als er während des Dienstes bewusstlos zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

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Der plötzliche Fall des Vaters bringt die gesamte Familie am Krankenbett zusammen. Seine Frau May steht ihm ohnehin zur Seite, ebenso sein Sohn Dirk, der auch im Erwachsenenalter noch zu Hause wohnt. Aber auch Tochter Shirley, die sich mit dem Vater vor Jahren zerstritten hat und sogar Darren, der als erfolgreicher Journalist in den USA lebt und für Familie nur wenig Zeit findet.

Bei den Whites ist der Familienname Programm: sie alle sind weiß und zumindest Alfred und Dirk sind auch noch lupenreine Rassisten. Vater und Sohn sehen überall lauter nicht-Weiße, die im Park Regeln übertreten und die englischen Geschäfte mittels Billig-Konkurrenz zugrunde richten wollen. Das führte auch zum Bruch mit Shirley, deren erster Mann Ghanaer war und die nun mit einem Jamaicaner zusammenlebt, statt sich einen netten englischen Mann zu suchen. Während Alfreds Rassismus sich in Wut und Schimpftiraden erschöpft, wird Dirk zum gewaltbereiten Skinhead mit ganz klassischem Werdegang: weil er als Nesthäkchen immer zurückstecken musste und zu Hause auch noch Gewalt erfahren hat, wendet er sich in seiner Wut nun gegen andere, die in der Hackordnung noch weiter unten stehen als er armes Würstchen. Das driftet ganz schön oft in mittelharte Klischees ab.

„why did Shirley have to go the whole hog? Did she have to choose one as black as that?“

Auch die anderen Figuren kommen oft nicht über Stereotype hinaus. Besonders Darrens dritte Frau trifft es hart. Sie ist zwar Psychologin und nicht ganz doof, darf aber fast nur in Pink und Parfümwolke durchs Bild stöckeln. Im Kern ist The White Family ein ganz solider und klassisch konstruierter Familienroman. Der gefallene Patriarch hat noch einmal Gelegenheit, mit all den Fehlern aufzuräumen, die ihm als Ehemann und Vater so passiert sind und auch seine Kinder können noch einmal ihre Kindheit und Jugend Revue passieren lassen. Der aufbrausende, sture und stolze Alfred kommt dabei selten gut weg. Der Ton ist trotzdem versöhnlich – was will man denn auch machen, wenn sich herausstellt, dass der brutale Familien-Despot das Krankenhaus vermutlich nicht mehr verlassen wird. Vor allem in der Schilderung der Beziehung von Alfred und May finden sich dabei einige sehr gelungene und berührende Szenen, wie auch in den gemeinsamen Erinnerungen der Geschwister.

Im Großen und Ganzen aber ist die Geschichte recht vorhersehbar. Selbst Dirks schnell fortschreitende Radikalisierung birgt wenige Überraschungen. Reichlich kitschig und überzogen gerät auch das Ende, das nicht nur die Familienmitglieder, sondern auch die Weißen und Schwarzen Bewohner des Londoner Vororts Hillesden in ihrer Menschlichkeit und ihrem Schmerz vereint und versöhnt. Gut vorstellbar, dass The White Family bei Erscheinen eine seltene und überraschende Thematisierung von Rassismus in der englischen Mittelschicht war. Diese Thematik aber hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so weit fortbewegt, dass sie diesen Roman inzwischen hinter sich gelassen hat und ihn heute überholt und beinahe naiv erscheinen lässt.


tl;dr: The White Family ist ein Roman über dysfunktionale Familienstrukturen und Rassismus in der englischen Mittelschicht. Während ersteres für alle Zeiten gleich zu bleiben scheint, hat sich letzteres in den fast zwei Jahrzehnten seit Erscheinen so weit gewandelt, dass die Geschichte an diesen Punkten klischeehaft wirkt.


Maggie Gee: The White Family. Telegram 2008. 414 Seiten. Erstausgabe Saqi 2002. Eine deutsche Übersetzung ist nicht erschienen.

Das Zitat stammt von S. 74.

Maggie Gee war 2002 mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Macht am Abgrund – Shakespeares und Jo Nesbøs „Macbeth“

Für die Reihe Hogarth Shakespare hat Nesbø Macbeth neu interpretiert und sich damit eines der blutrünstigsten Stücke von Shakespeare ausgesucht. Dass am Ende alle sterben, erwartet man beim Großen Barden ja fast schon, dass aber das ganze Stück über gemordet wird, ist doch eher selten. Im Zentrum der Macht und der blutigen Intrigen steht Macbeth, der es innerhalb kürzester Zeit vom einfachen Heeresführer zum König bringt, das aber nur über eine Menge Leichen. Treibende Kraft dahinter ist seine Frau Lady Macbeth, die nicht einsehen will, dass sie weniger sein soll, als Königin.

Mit am bekanntesten dürfte das Shakespeare-Stück sicher wegen der drei Hexen sein („when shall we three meet again“) und wegen der doch etwas angespannten Lady Macbeth. Im Zentrum des Dramas steht allerdings die skrupellose Machtgier der Handelnden.

William Shakespeare: Macbeth

Macbeth hat sich in einer Schlacht gegen die Norweger hervorragend geschlagen. Duncan, König von Schottland, ist davon so beeindruckt, dass er ihm den Titel „Thane of Cawdor“ verleihen will, vor allem da der aktuelle Thane of Cawdor sich als Verräter entpuppt hat. (Der Titel „Thane“ ist fast nur in Schottland gebräuchlich und rangiert knapp unter einem Grafen.) Macbeth weiß noch nichts von seinem Glück, als er mit seinem Freund Banquo von der ruhmreichen Schlacht auf dem Heimweg ist. Dort treffen sie das erste mal auf die drei Hexen, die Macbeth prophezeien, dass er bald Thane of Cawdor sein wird und bald darauf auch König. Banquo, ein bisschen beleidigt, dass Macbeth alle Titel kriegt, bekommt wenigstens das Versprechen, Vater künftiger Könige zu sein. Keiner von beiden glaubt der Wahrsagung der drei merkwürdigen Frauen.

Kurz darauf wird Macbeth aber tatsächlich Thane und berichtet seiner Frau begeistert davon und von der merkwürdigen Prophezeiung. Die beschließt sofort, dass er dann auch direkt König sein könne (Manntje, Manntje, Timpe Te…, man kennt das Motiv) und schlägt vor, König Duncan beim anstehenden Besuch zu ermorden und das Verbrechen seiner Leibwache in die Schuhe zu schieben.

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Hier beginnt das Drama: Macbeth und Banquo treffen das erste Mal auf die Hexen. Gemälde von Théodore Chassériau, Musée d’Orsay.

Auch wenn Macbeth nicht so begeistert ist von dem Plan, beugt er sich dem Willen seiner Frau. Die Leiche wird von Macduff gefunden und Macbeth bringt noch schnell die Leibwächter um, damit die nicht aussagen können. So richtig überzeugend ist seine Version der Geschichte aber nicht und Duncans Söhne Donalbain und Malcolm fliehen sicherheitshalber nach England, bevor es ihnen auch noch an den Kragen geht. Bahn frei für Macbeth; damit steht niemand mehr zwischen ihm und dem Thron. Bleibt nur noch Banquo und sein Sohn Fleance, der laut Prophezeiung der Hexen neuer König werden soll. Macbeth ordnet an, beide zu töten. Die Attentäter erwischen aber nur Banquo, während Fleance fliehen kann.

Der neuen Königin Lady Macbeth geht es in der neuen Lebenssituation aber doch nicht so gut, wie gedacht. Eine alte traumatische Erinnerung kommt wieder hoch, sie schlafwandelt und wäscht sich permanent die Hände, weil sie glaubt, es klebe Blut daran. Macbeth verkraftet auch alles eher schlecht und wird ständig von Geistern der von ihm Ermordeten heimgesucht. Ein Zurück aber gibt es an dieser Stelle schon lange nicht mehr.

I am in blood stepp’d in so far that, should I wade no more, returning were as tedious as go o’er.

In einer weiteren Prophezeiung warnen die Hexen Macbeth noch vor Macduff, einem Mann, der nicht von einer Frau geboren wurde und einem laufenden Wald. Die letzten beiden Punkte erscheinen Macbeth wenig einleuchtend, vor Macduff aber hat er jetzt ein bisschen Angst und da er seiner nicht habhaft werden kann, bringt er als Warnschuss seine Familie um. Macduff ist da schon zusammen mit Malcolm in England unterwegs, wo sie den dortigen König Edward the Confessor dazu bringen wollen, den brutalen König Schottlands zu überfallen. Mit Erfolg. Das englische Heer zieht gen Schottland und am Ende ist es wirklich Macduff, der Macbeth im Zweikampf tötet – er ist nicht geboren worden, sondern per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen (was eine ganz, ganz merkwürdige Definition von „Geburt“ ist). Duncans Sohn Malcolm kann den Thron besteigen und seinem Land ein besserer Herrscher sein. Bei allem Blutvergießen wird also doch wieder ein kleines bisschen Gerechtigkeit hergestellt.

Jo Nesbø: Macbeth

Nesbø bleibt mit seiner Version des machtbesessenen Herrschers sehr, sehr nah am Original, näher als alle anderen Romane aus der Reihe. Vieles davon ist sehr gut gelöst, einiges aber auch ein wenig überstrapaziert.

Er belässt die Handlung in Schottland, in einer Stadt, die unter dem Niedergang der Industrie enorm gelitten hat und nun mit Massenarbeitslosigkeit, Drogenkriminalität und Dauerregen zu kämpfen hat. Alles sehr noir. In dieser Stadt ist Macbeth einer der wenigen Aufrechten und bei der Polizei Leiter des SWAT-Teams. Bei einem Einsatz gegen die Rockerbande Norse Riders fährt er einen spektakulären Sieg ein und wird nur wenig später zum Leiter der Abteilung „Organisierte Kriminalität“ ernannt. Für ihn, einen Waisenjungen der lange auf der Straße gelebt hat, ein ungeheurer Karrieresprung. Das verschafft ihm natürlich auch Neider, die den Posten auch gerne gehabt hätten.

Seine Partnerin Lady, Besitzerin des glamourösen Casinos Inverness, findet die Beförderung ganz gut, sieht da aber mehr Potenzial. Warum nicht Chief Commisioner, Leiter der Polizei? Und warum, wenn wir gerade dabei sind, nicht auch Bürgermeister? Natürlich nicht mit Kandidatur und Wahlkampf, das dauert ja Jahre.

„Don’t you want to be in charge? Aren’t you a man who wants to be at the top? Are you happy to lick the boots of others?“

Man sieht schon, wo es hingeht. In einem ersten Schritt tötet Macbeth Chief Comissioner Duncan, als dieser nach einer Feier im Hotel des Casinos übernachtet. Und einmal losgetreten, lässt die Lawine der Machtbesessenheit sich nicht mehr aufhalten. Immer mehr Menschen werden Opfer von Macbeths Machtbesessenheit, auch solche, die ihm nahe stehen. Macbeths Umfeld aber wird immer misstrauischer und einige trachten danach, dem stetig Aufsteigenden das Handwerk zu legen.

Nesbø ist als geübter Krimi-Autor natürlich Meister der blutigen Szenen. Während bei Shakespeare zumindest die großen Kämpfe nicht auf der Bühne ausgetragen werden, und nur Boten in knappster Form über die Schlachten berichten, werden sie in diesem Roman in aller Breite erzählt. Maschinenpistolen, Degen, spritzendes Blut, gebrochene Knochen – die erste Schlacht braucht schon 60 Seiten. Und so geht es weiter. Nesbø hat keine falsche Scheu vor dem historischen Original und suhlt sich in Blut und Brutalität. Für Fans dunkler Krimis genau das richtige. Auch die Flucht- und Rachepläne der Abtrünnigen werden bis ins Kleinste ausgearbeitet. Auch da hat Nesbø eindeutige Stärken. Einiges gerät aber auch etwas plakativ. So kochen die Hexen, die im Original eklige Zaubertränke brauen, in diesem Roman eine synthetische Droge, von der Macbeth bald abhängig wird. Ihr wenig subtiler Name lautet Power. Die Drogen aber erklären immerhin Macbeths Geistererscheinungen und andere Visionen, die im Original keine Erklärung erfahren. Nesbø gelingt es so, die Handlung des Dramas glaubhaft in die Neuzeit zu transportieren, ohne dass das erzwungen oder gekünstelt erscheint.

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Mit knapp über 600 Seiten ist Nesbøs Krimi recht umfangreich. Er bleibt dem Original so treu, dass er keine Person und keinen Handlungsstrang auslässt. Das ist ein edles Unterfangen, führt aber auch dazu, dass die Handlung manchmal doch sehr ausgebremst wird, weil noch eben ein Seitenstrang und noch eben eine Intrige in die Geschichte muss. Bei aller Begeisterung für Detailverliebtheit – das ein oder andere hätte man da auch verlustfrei streichen können. Dabei muss man Nesbø aber zugute halten, dass seine Charaktere durchaus gewinnen und, allesamt ausgestattet mit Hintergrundgeschichten, glaubhaft und plastisch werden.

Macbeth ist eine gelungene Adaption, die an der ein oder anderen Stelle als Roman schwächelt, das aber immer zugunsten der Vorlage. Die Idee der Hogarth-Reihe, die ja nun Shakespeares Texte in die Gegenwart transportieren will, hat Nesbø auf jeden Fall hervorragend umgesetzt. Um das voll und ganz würdigen zu können, muss man allerdings ein solides Faible für düstere Krimis mitbringen.


tl;dr: Macbeth ist als Krimi zu sehr mit Nebenhandlungen beschäftigt, bleibt dabei aber so nahe und glaubhaft an der Vorlage, dass es zugleich eine hervorragende Adaption ist.


William Shakespeare: Macbeth. Gelesen in der Ausgabe Cambridge UP 1984. pp. 810-831.

Jo Nesbø: Macbeth. Vintage 2018. 611 Seiten. Erstausgabe Hogarth 2018. Deutsche Übersetzung von André Mumot unter dem Titel Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt lieferbar bei Penguin Deutschland.

Das Shakespeare-Zitat stammt aus Akt 3, Szene 4, das Zitat aus dem Roman von S. 126.

Vom Kaiser bis zum Fußvolk – „SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms“ von Mary Beard

Mit ihrer umfassenden Geschichte der tausend Jahre Roms beginnt Mary Beard im 8. Jahrhundert v. Chr. mit der sagenumwobenen Gründung der Stadt durch die Brüder Romulus und Remus. Sie endet im Jahre 212 mit einem Erlass Kaiser Caracallas, der allen Einwohner*innen des bis dahin beachtlich gewachsenen Imperiums Bürgerrechte verlieh.

Mary Beard - SPQR

Beard berichtet von Kaisern, ihren Familien, öffentlichen und persönlichen Dramen, Kriegen und Triumphzügen, aber auch vom Alltagsleben in der römischen Hauptstadt und in den fernen Provinzen. Letzteres ist ein ungleich schwereres Unterfangen, da über das Leben der einfachen Bürger*innen kaum berichtet wurde. Dennoch lassen sich etliche Rückschlüsse darauf ziehen, besonders durch archäologische Funde fernab der marmornen Pracht der Regierungs- und Repräsentationsbauten der Herrschenden. Beard bezieht dabei viele Quellen mit ein und weist auch oft daraufhin, dass viele Funde und Legenden unterschiedlich gedeutet werden können und es auf viele Fragen noch lange keine eindeutige Antwort gibt. Das liegt auch mit daran, dass die meisten Geschichtsschreiber der Epoche durchaus ihre eigenen Interessen hatten, als sie ihre Berichte verfassten und vieles entsprechend eingefärbt ist.

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Blasse Welt N’Terra – „A Conspiracy of Stars“ von Olivia A. Cole

Olivia English wächst auf in N’Terra, einer menschlichen Kolonie auf dem Planeten Faloiv. Das Leben dort ist noch sehr beschwerlich, es ist aber auch erst 40 Jahre her, dass Olivias Eltern und Großeltern mit der Vagantur vom „alten Planeten“ kamen, von dem man mutmaßen kann, dass damit die Erde gemeint ist. Die Menschen bewegen sich fast nur unter riesigen Glaskuppeln, tragen spezielle Anzüge und versuchen, die Tiere und Pflanzen der neuen Heimat zu erforschen und sich so besser an ihre neue Umgebung anzupassen. Die gesellschaftliche Elite bilden folgerichtig die „whitecoats“, die hochdekorierten Wissenschaftler*innen, die an der Erforschung der faloivschen Flora und Fauna beteiligt sind. Olivias Eltern gehören dazu und es ist klar, dass auch Olivia in ihre Fußstapfen treten soll.

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Noch aber ist sie ein „greencoat“, eine Wissenschaftlerin in Ausbildung. Über ein neues Praktikumsprogramm allerdings kommt sie schneller in den Genuss praktischer Erfahrung, als ihr lieb ist. Obwohl sie keine Säugetiere erforschen will, landet sie unter der Obhut ihrer Eltern in der entsprechenden Abteilung. Zusammen mit Freundin Alma und Instant-Crush Rondo schnüffelt sie in den Laboren herum und stellt schnell fest, dass hinter der blitzsauberen Oberfläche einiges im Argen liegt. Vor allem der Regierungsvorsitzende Dr. Albatur scheint eine Menge Dreck am Stecken zu haben. Doch auch Olivias eigener Vater weiß offenbar mehr, als er zugeben möchte und wird für seine eigene Tochter zur Gefahr.

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Essen aus Büchern: Waldorf salad aus Margaret Atwoods „The Blind Assassin“

Waldorf Salad, ein Klassiker aus dem gleichnamigen Hotel, war über viele Jahre ein wahnsinnig schickes Essen – kein Wunder bei der Herkunft. Im Waldorf Astoria wird er noch immer serviert, heute mit Trüffel. Sellerie und Apfel sind nämlich nicht sehr schick.

In The Blind Assassin heiratet die Protagonistin Iris einen bedeutend älteren Mann und lernt zuvor ihre zukünftige Schwägerin kennen, stilecht beim Lunch im noblen Arcadian Court. Winifred, die baldige Schwägerin, segelt gerne, möchte Freddie genannt werden und trägt Lippenstift in der Farbe shrimp. Iris ist überfordert und unsicher und dankbar, dass Winifred ihr die Entscheidung abnimmt, was sie essen soll:

„She called me „dear“, and said that the Waldorf salad was marvellous. I said that would be fine.“

Marvellous! Das finde ich wirklich ein großes Wort für Waldorf Salad. Lecker ist er trotzdem, so unspektakulär er sein mag.

Ausgesucht habe ich dieses Essen aus Büchern offensichtlich weil das Zitat so schön ist und nicht, weil Waldorf Salad ein so komplexes Rezept wäre. Hier kommt trotzdem eins:

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Das Schönste in ganz Pennsylvania – „Das Holländerhaus“ von Ann Patchett

Cyril Conway steht gerade erst am Anfang seiner Immobilien-Karriere, da entdeckt er schon das schönste Haus in ganz Pennsylvania. Es ist der aufgegebene Besitz der niederländisch-stämmigen Familie VanHoebeek, die ihr Vermögen mit Zigaretten aufgebaut hat und nun komplett von der Bildfläche verschwunden ist. Es bleibt eine beeindruckende Villa mit Ballsaal, tiefen Fensterbänken und Delfter Kacheln am Kamin. Das Haus ist ein Vermögen wert und weit über dem, was Cyril sich eigentlich leisten kann. Dennoch schenkt er es seiner Frau und wohnt bald mit Köchin, Kindermädchen und den Kindern Danny und Maeve in dem prachtvollen Bau. Seine Frau allerdings bleibt nicht mehr lange. Sie fühlt sich schlecht in dem ganzen Luxus und beschließt, die Familie zu verlassen, um den Armen in Indien zu helfen.

Ihre Kinder leiden sehr unter dem plötzlichen Verlust der Mutter und auch die innige Beziehung zum Hauspersonal kann das natürlich nicht wett machen. Der Vater bleibt indessen distanziert und fremd, mit Danny verbringt er fast nur Zeit, wenn die beiden am Samstag zusammen ihre Runden drehen, um die Miete aus Cyrils Wohnungen zu kassieren. An all das erinnert sich Danny jetzt, mehrere Jahrzehnte später, während er von seiner Kindheit und Jugend erzählt, die durchgehend vom prächtigen Heim der Familie geprägt bleibt.

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Weltliteratur auf dem Teller – „Frisch auf den Tisch“ von Hildegard Keller und Christof Burkhard

Über das Essen und einen Teil des schriftstellerischen Werks erfahrbar zu machen und das Leseerlebnis ins Hier und Jetzt zu transportieren, ist der nicht geringe Anspruch von Hildegard Keller und Christof Burkard. Das Schweizer Ehepaar veröffentlicht seine Kolumne regelmäßig in der Schweizer Zeitschrift „Literarischer Monat“ und gesammelt auch in Büchern, von denen Frisch auf den Tisch – Weltliteratur in Leckerbissen schon das zweite ist.

Hildegard Keller ist Literaturwissenschaftlerin und dürfte vielen unter anderem aus der Jury des Bachmannpreises bekannt sein. Ihre Aufgabe bei diesem Projekt ist es, im Werk von Autor*innen geeignete Stellen und kulinarische Assoziationen zu finden und zudem zu illustrieren. Christof Burkard, Jurist, Kulinariker und Rezepte-Erfinder, kümmert sich um die praktische Umsetzung der vielversprechenden Fundstellen.

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Das Ergebnis sind phantasie- und einfallsreiche Zusammenstellungen, die im aufwendig gestalteten Buch gut zur Geltung kommen. Etliche der elf vertreten Schreibenden, unter ihnen beispielsweise Herman Melville, Hannah Arendt oder Max Frisch sind sehr bekannt, andere wie Alfonsina Storni sind sicher in weniger Bücherregalen vertreten. Sie alle werden in einem kurzen Porträt ihrer selbst und ihres Werks vorgestellt und in freigestellten Zitaten und Illustrationen ausgeschmückt.

„Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

Keller und Burkard kochen nicht nur nach, was in Texten serviert wird, sondern betrachten ganze Werke und ihre Urheber*innen. So gibt es einen herzhaften Kuchen mit Schweizer Zutaten für Schweiz-Fan Rosa Luxemburg, die so sehr an der gerechten Verteilung desselben interessiert war und Ravioli, „Architektur für den Teller“ für Max Frisch.  Alle diese Gerichte machen Lust auf’s Ausprobieren (Malfatti! Warum habe ich die noch nie gemacht?), sind allerdings nicht in gewohnter Rezeptbuch-Manier geschrieben, so dass ein Nachkochen für Anfänger*innen mitunter schwer werden könnte. Eine gewisse Grundkenntnis und Erfahrung sollte man schon mitbringen. Doch auch bei fehlender Koch-Ambition liest sich der kleine Band sehr unterhaltsam und interessant.


Hildegard Keller und Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden 2020. 139 Seiten.

Einige der Texte sind auch auf der Website der Herausgeber zu finden: maulhelden.ch.

Das Zitat stammt von S. 37.

Ich danke der Autorin und Herausgeberin für das Leseexemplar.

Wissenschaft außer Kontrolle – „Oryx & Crake“ von Margaret Atwood

Jimmy und Crake wachsen auf in einer dystopischen Welt, die völlig denkbar erscheint. Diese Welt wird nicht mehr von Regierungen kontrolliert sondern von einigen wenigen Großkonzernen, die an der stetigen Verbesserung der Welt und der Nutzbarkeit der Erde arbeiten. Es werden Tierhybriden gezüchtet, die das beste aus zwei Rassen vereinen sollen, Schweine, in deren Körper Ersatz-Organe heranwachsen und Hühner, die nur noch aus Brustfilet bestehen. Dieser Einsatz ist dringend nötig, denn seit es nicht mehr regnet und die Winter nicht mehr existieren, ist Nahrung knapp geworden. Echte Nahrungsmittel gibt es nur noch für die Elite, der Rest gibt sich mit Imitaten zufrieden. Jimmy und Crake haben das Glück, dass ihre Eltern in der Forschung arbeiten und somit das Recht (und die Pflicht) haben, in einer der hochgeföhnten Siedlungen zu leben, die den Systemrelevanten vorbehalten bleibt. Der Rest der Menschheit lebt im Pleeblands genannten Umland, wo es erst recht keine echte Nahrung, keine Schulen und kaum medizinische Versorgung gibt.

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Doch auch die gruseligste Dystopie ist mal vorbei und so treffen wir Snowman, wie Jimmy jetzt heißt, in einem verwüsteten Niemandsland, wo er, in ein altes Laken gehüllt, auf einem Baum lebt. In seiner Nähe leben Craker, genetisch perfekt aufgestellte Menschen, denen jede Argwohn fehlt und Crake als ihren Gott anbeten. Jimmy finden sie seltsam, aber seit er behauptet, es sei Crakes Gebot, dass sie für ihn einen Fisch pro Woche fangen, bekommt er wenigstens etwas Eiweiß.

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Es kriecht und krabbelt zwischen den Seiten – der Bücherwurm und seine hungrigen Geschwister

Als Bücherwürmer werden ja gemeinhin die Menschen bezeichnet, die sich hartnäckig und systematisch durch ein Buch nach dem anderen fräsen. In zahlreichen Cartoons wird der Bücherwurm als possierliches, bebrilltes Kerlchen dargestellt, fröhlich winkend aus dem gerade zerstörten Werk. Aber gibt es das wirklich? Schädlinge, die sich durch ganze Regalmeter fressen, eine tunnelförmige Spur der Verwüstung hinterlassend? Einen hochspezialisierten Bücherwurm findet man nicht in der Welt der mitunter lästigen Kleintiere, dafür aber diverse andere Tiere, die durchaus Interesse an gepresster Zellulose, Leim und Leder haben. Niedlich sind sie meistens nicht und der angerichtete Schaden reicht von lästig bis immens, besonders bei größeren und nicht ersetzbaren Bücherbeständen.

Der Bücherwurm

Wie schon gesagt – einen hochspezialisierten Bücherwurm hat die Evolution in der recht kurzen Zeit seit Erfindung des Buchdrucks und der massenhaften Verbreitung von Druckwerken nicht hervorgebracht. Dennoch lassen sich mitunter wurmförmige Lebewesen zwischen den Seiten eines Buches finden. Dabei handelt es sich meist um Larven von Klopfkäfern. In Deutschland besonders häufig anzutreffen ist der 3 mm große Brotkäfer Stegobium paniceum. Der ist sonst auf trockene Lebensmittel und pulverartige Substanzen spezialisiert und im englischen als „drug store beetle“ bekannt.

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