Naturschutz im Kleinen: „Wildbienenhelfer“ von Anja Eder

„Jeder kann zum Wildbienen-Helfer werden und damit zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen“, so lautet das Versprechen auf dem Cover dieses Buches, das Bestimmungshilfe, Gartenratgeber und Bildband in einem ist. Die Grafik-Designerin Anja Eder hat aus ihrer Liebe zu den Hautflüglern ein ehrgeiziges Projekt gemacht. Mit Beobachtungen im eigenen Garten fing die Leidenschaft für Wildbienen an. Im Vorwort erzählt die Autorin, wie sie selbst zuerst zu Hause feststellte, dass mit den Insekten etwas nicht stimmte. Besonders schockierte sie, wie Bienen auf eine neu gesetzte Pflanze reagierten, die aus dem Großmarkt kam und offenbar mit aggressiven Schutzmitteln behandelt worden war. Sie beschloss, etwas zu ändern, und auch andere zu ermutigen, es ihr gleichzutun.

Die Ursachen für das allgemein bekannte Insektensterben liegen oft in der Landwirtschaft. Durch Pestizideinsatz, Monokulturen und fehlende Randstrukturen wie Blühstreifen fehlt es Insekten an Nahrungs- und Lebensräumen. Doch auch in privaten Gärten, die ja zusammengenommen eine gewaltige Fläche ausmachen, steckt oft viel ungenutztes Potenzial. Nicht nur die vielgeschmähten Schottergärten sind Nahrungswüsten für Insekten, sondern auch Gärten mit ungeeigneten Pflanzen und ohne Nistmöglichkeiten geben den Tieren keine Chance. Exotische Pflanzen oder Züchtungen mit gefüllten Blüten können von den Insekten nicht genutzt werden.

Anja Eder hat ihr Buch nach Monaten aufgebaut. So kann man sowohl schnell nach den Bienen suchen, die man in der jeweiligen Jahreszeit erwarten kann, als auch nach Pflanzen, die in diesen Monaten blühen. Zu jeder Pflanze ist aufgeführt, wieviel Pollen und Nektar sie enthält und auch, welchen Bienen sie besonders hilft. Denn neben den unspezialisierten Arten, wie beispielsweisen den bekannten Rostroten Mauerbienen, gibt es einige, die auf sehr spezifische Pflanzen angewiesen sind. So fliegen beispielsweise die Reseden-Maskenbiene oder die Zaunrüben-Sandbiene nur ganz bestimmte Pflanzen an. Wo es diese nicht gibt, kann man auch nicht auf die Insekten hoffen. So unterschiedlich wie ihre Nahrungspräferenzen sind auch die Lebensräume der Bienen: Viele Mauerbienen akzeptieren dankend Insektenhotels, während andere ihre Brutgänge in den Boden graben oder ausschließlich Schneckenhäuser beziehen. Mehr als 40 in Deutschland vorkommende Arten werden in diesem Buch auf jeweils zwei Seiten mit großen Bildern und kurzem Text porträtiert. In Vor- und Nachwort liefert die Autorin allgemeine Infos und Hinweise zu guten und gut gemeinten Nisthilfen.

Wer das Buch einmal von Anfang bis Ende durchblättert, merkt, dass das Versprechen auf dem Cover tatsächlich stimmt: Mit nur wenig Aufwand und Planung lassen sich selbst in kleinsten Gärten oder auf dem Balkon Lebensräume schaffen, die in der Stadt wie auf dem Land rar geworden sind. Besonders hilfreich fand ich dabei die Auflistung von Pflanzen nach dem Monat ihrer Blüte. Wenn es von Februar bis Oktober blüht, haben ja schließlich nicht nur die Insekten was davon.


Anja Eder: Wildbienenhelfer. TiPP 4 2018. 248 Seiten.

Auf der Seite des Projekts ist ein Video zu finden, das einen guten Einblick in Aufbau und Gestaltung des Buchs gibt.

Selbstsuche in der Kleinstadt – „The Short History of a Prince“ von Jane Hamilton

Walters Zeit als Prinz währt kurz. Als Teenager ist er ein nicht sehr vielversprechendes Ballett-Talent. Für eine Nebenrolle im „Nussknacker“ in seiner Heimatstadt Chicago reicht es nicht, dafür darf er in einem Provinz-Theater gleich die Rolle des Prinzen tanzen. Die Inszenierung ist so schlecht, dass es ihm sogar peinlich ist, dass seine Familie zur Aufführung kommen will. Seine bescheidene Ballett-Karriere kriegt mit dieser Blamage eine deutliche Bruchstelle. Ohnehin ist es eine schwierige Zeit für ihn und seine Familie. Sein Bruder Daniel ist an Krebs erkrankt, der sich langsam als unheilbar entpuppt und Walter ist verwirrt angesichts seiner Gefühle für Ballett-Freund Mitch. Trost und Ruhe findet die Familie im Anwesen an Lake Margaret, das seit Generationen in Familienbesitz und mittlerweile ein Vermögen wert ist. Es ist der Anlaufpunkt für alle Familienfeiern, lange Sommerwochen und Ruhepol für alle, die einen brauchen.

Knapp 25 Jahre später steht die Zukunft des Hauses auf dem Spiel: Tante Sue, Mehrheitseignerin des Anwesens, will verkaufen. Ihr ist es egal, ob an ein Familienmitglied oder irgendeinen Fremden, oder zumindest behauptet sie das. Walter kann da nicht helfen, als Lehrer in einer Kleinstadt verdient er gerade genug, um die Miete für ein karg möbliertes Appartement aufzubringen. Das ist auch nicht sein einziges Problem. Mitte der 90er-Jahre sieht er kaum eine Möglichkeit, in eben dieser Kleinstadt offen homosexuell zu leben, von seiner mangelnden Beziehungsfähigkeit mal ganz abgesehen. Auch an seiner Befähigung als Lehrer zweifelt er fortwährend, da er sich außer Stande sieht, jedes Jahr eine andere Klasse voll schwerfälliger Teenager für die Feinheiten und Möglichkeiten der Literatur zu begeistern.

„He had struggled to find his way as a teenager and as a college student. It was humbling to be in the future, in the time that should have been filled with satisfying labors and triumphs.“

Mit der drohenden Vertreibung aus ihrem Zentrum, dem Sommerhaus, gerät das gesamte Familiengebilde ins Wanken. Plötzlich sind alle bemüht, Verbindungen enger werden zu lassen und Nähe zu finden, wo es bisher keine gab. Das gilt auch für Walter. Der lange verdrängte Tod des Bruders bewegt ihn auf einmal, er stellt seinen Eltern Fragen und spricht mit einer alten Freundin das erste mal über Daniels langsamen Tod. Mit den Erinnerungen daran kommen auch die Begleitumstände wieder hoch: die Zeit beim Ballett, seine ersten sexuellen Erfahrungen mit Mitch und vor allem der erste Tag, an dem er wegen seiner Homosexualität gedemütigt wurde. The Short History of a Prince springt zwischen Walters Jugend in den 1970er-Jahren und seiner Gegenwart in den 1990ern. Hamilton bleibt nah an ihrem Protagonisten und erzählt sehr langsam, aber nicht langatmig, von seinem unbeholfenen Weg ins und durch das Erwachsenenleben. Walter hat ein ungeheures Talent, sich nicht zugehörig zu fühlen und eben auch keinen rechten Zugang zu finden, in welchem Personenkreis auch immer er sich gerade bewegt. Die meisten von Walters Erinnerungen sind schmerzhaft und Hamilton reizt das aus, ohne pathetisch zu werden. Überhaupt hat sie über weiter Strecken einen wirklich humorvollen Ton, der seine Basis in Walters trockener Art findet.

The Short History of a Prince ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die nicht besonders außergewöhnlich ist, aber sehr charmant von einem liebenswürdigen Charakter erzählt. Walter und alle um ihn herum sind so alltäglich wie schrullig, ihre Konflikte nur selten existenziell und so tragen sie glaubhaft und unaufgeregt den Roman. Übrigens ist Walter trotz seines Versagens auf diesem Gebiet ein großer Fan von Ballett und klassischer Musik. Wer diese Begeisterung teilt, wird noch mehr Freude an diesem Roman haben.


tl;dr: The Short History of a Prince erzählt mit viele trockenem Humor die Coming-of-Age-Geschichte des sehr liebenswürdigen Walter, der in den 70ern in der Nähe von Chicago aufwächst, das Ballett und seinen besten Freund Mitch liebt. Und eigentlich endet diese Coming-of-Age-Geschichte nie, denn auch 25 Jahre später ist Walter noch lange nicht der Mensch, der er sein kann.


Jane Hamilton: The Short History of a Prince. Black Swan 1998. 431 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Die kurze Geschichte eines Prinzen bei Rowohlt erschienen.

Das Zitat stammt von S. 47.

Dieser Roman war 1999 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

Essen aus Büchern: Rhubarb Pie aus Toni Morrisons „Paradise“

Die Hauptfiguren von Morrisons Paradise leben an einem recht besonderen Ort: Sie haben sich zusammengefunden in einem ehemaligen Kloster, das später als Schule genutzt wurde und nun seit einigen Jahren ohne kirchlichen Anschluss von ihnen bewohnt und verwaltet wird. Eigentlich wollen sie nichts, als dort in Ruhe leben und wirtschaften, doch ihre Wahl des Zusammenlebens erzeugt Ablehnung und Hass in Ruby, dem nächstgelegen Ort. Frauen, die ohne Not in einer Gemeinschaft ohne Männer leben – was soll das sein? Einer der wenigen friedlichen Anknüpfungspunkte zwischen dem ehemaligen Kloster und der Dorfgemeinschaft ist der Lebensmittelverkauf der Frauen. Als das Kloster noch von Nonnen bewohnt wurde, haben diese einen ansehnlichen und ertragreichen Garten angelegt, der von den heutigen Bewohnerinnen noch immer gepflegt wird. Vor einigen Jahren waren die Erzeugnisse so gut, dass sich sogar die Einwohner*innen von Ruby gelegentlich dazu herabgelassen haben, sie zu kaufen. Über die Stadtgrenzen hinaus aber haben die Frauen sich einen sensationellen Ruf erworben:

„Most of their customers in 1955 drove trucks between Arkansas and Texas. Ruby citizens seldom stopped to buy anything other than pepers, since they were supreme cooks themselves and made or gew what they wanted. Only in the sixties, when times were fat, did they join the truckers and look upon what they called Convent-bred chickens as superior enough to their own to be worth a journey. Then they would also try a little jalapeño jelly, or acorn relish. Pecan saplings planted in the forties were strong in 1960. The Convent sold the nuts, an when pies from the harvest were made, they went as soon as posted. They made rhubarb pie so delicious it made customers babble, and the barbecue sauce got a haevenly reputation based on the hellfire peppers.“

Aber auch Jahre später ist der Rhubarb Pie weit bekannt. Gigi, eine der späteren Bewohnerinnen des Convents, lernt im Zug einen Mann namens Dice kennen. Das erste, was ihm zu Ruby einfällt, ist der legendäre Kuchen:

„Ruby. Ruby, Oklahoma. Way out in the middle of nowhere.“
„You been there?“
„Not yet. But I plan to check it out. Say they got the best rhubarb pie in the nation.“
„I hate rhubarb.“
„Hate it? Girl, you ain’t lived. You ain’t lived at all.“

Wenig später landet dann auch Gigi in Ruby, und ist ziemlich enttäuscht von dem trostlosen Kaff, das sie vorfindet. Und der sensationelle Kuchen ist auch nicht in Aussicht:

„She had stopped five minutes ago in a so-called drugstore, bought cigarettes and learned that the boys at the barbecue grill were telling the tuth: there was no motel. And if there was any pie it wasn’t served at a restaurant because there wasn’t one of those either.“

Wo man keinen rhubarb pie kaufen kann, muss man ihn wohl selber machen. Und das geht beispielsweise so:

Rhubarb Pie

Für den Teig:

  • 270 g Mehl
  • 1/2 TL Salz
  • 2 TL Zucker
  • 125 g Backmargarine + etwas mehr für die Form
  • ca. 6 EL kaltes Wasser

Für die Füllung:

  • 500 g Rhabarber
  • 250 g Zucker
  • 5 EL Speisestärke
  • 1/4 TL Zimt
  • 1 Msp. gemahlene Vanille
  • 2 EL Butter *

außerdem:

  • 1 Ei *
  • Puderzucker zum Ausrollen und Bestäuben des fertigen Kuchens

* dieser Kuchen kann problemlos vegan abgeändert werden. Hinweise dazu am Ende des Rezeptes.

Für den Teig in einer Schüssel erst die trockenen Zutaten Mehl, Salz und Zucker vermengen. Dann nach und nach das Pflanzenfett untermengen, bis die Masse die Textur von nassem Sand hat. Jetzt das Wasser löffelweise zugeben, 6 EL oder etwas mehr. Der Teig muss stabil und gut formbar werden. Im Zweifel ist ein zu feuchter Teig besser als ein zu trockener. Den Teig luftdicht verpacken (ich lege ihn immer zwischen zwei kleine Schüsseln) und in den Kühlschrank legen. Der Teig sollte mindestens eine Stunde ruhen.

Während der Teig rastet, die Füllung vorbereiten. Den Rhabarber waschen, Blätter und Enden entfernen. Die Rhabarber-Stangen schälen und anschließend in Scheiben von etwa 3 – 5 mm schneiden. Den Zucker für die Füllung abwiegen. Den Rhabarber mit 3 EL davon vermischen und zum Abtropfen in ein großes Sieb geben. Mindestens 30 Minuten zum Abtropfen geben. Rhabarber ist sehr wasserhaltig und das Entziehen von etwas Flüssigkeit hilft, den Pie insgesamt trockener werden zu lassen – es ist immer noch auf jeden Fall genug für ein saftiges Ergebnis da. Mein erster Pie-Versuch endete mit Rhabarber-Kaltschale in der Teighülle, deshalb reite ich da jetzt so drauf rum.

Nach der Ruhezeit des Teiges den Ofen auf 220° C (Ober-/Unterhitze) vorheizen. Eine Pie- oder kleine Springform (ca. 18 cm) mit Margarine fetten. Den Teig in zwei Portionen von etwa 2/3 und 1/3 teilen. Den kleineren Teil wieder luftdicht verpackt in den Kühlschrank legen. Die Arbeitsfläche mit Puderzucker bestreuen. Es geht auch Mehl, das verändert allerdings die Konsistenz des Teiges und macht ihn zäher. Den Teig zu einer Kugel formen und anschließend gleichmäßig dick zu einem Kreis ausrollen. Der Kreis muss so groß sein, dass man damit die Form auskleiden kann und noch ein kleiner Rand über den Rahmen steht. Damit werden später Boden und Deckel verbunden. Den Teig vorsichtig in die Form geben. Zu sehr überstehende Ränder können abgeschnitten werden. Die Form samt Teig wieder in den Kühlschrank stellen. In einer großen Schüssel den Zucker mit der Speisestärke vermischen. Einen gut gehäuften EL davon abnehmen und zur Seite stellen. Anschließend Zimt und Vanille untermengen. Den abgetropften Rhabarber in die Schüssel geben und alles gut vermischen.

Den Pie-Boden aus dem Kühlschrank holen. Die eben zur Seite gestellte Zucker-Stärke-Mischung auf dem Boden verteilen. Diese Schicht fängt Flüssigkeit auf und hilft zu verhindern, dass der Boden durchweicht. Den Rhabarber auf dem so vorbereiteten Boden verteilen. Wenn sich beim Mischen viel Flüssigkeit bildet, diese in der Schüssel zurückbehalten und nicht mit in den Pie geben. Darauf achten, das nicht über den Rand der Form hinaus steht. Die Butter in kleine Flöckchen auf dem Rhabarber verteilen. Und dann alles wieder in den Kühlschrank.

Das Ei in einer Tasse verrühren. Die kleinere Teigportion aus dem Kühlschrank nehmen. Die Arbeitsfläche wieder mit Puderzucker vorbereiten, eine Kugel formen und diese zu einem gleichmäßigen Kreis ausrollen. Die Ränder mit Ei bestreichen. Den Unterteil des Pies aus dem Kühlschrank holen, den Deckel auflegen und zu sehr überstehendes abschneiden. Die Ränder von Boden und Deckel sorgfältig zusammendrücken oder einschlagen. Den Deckel mit Ei bepinseln. Mit einem kleinen, scharfen Messer Schlitze in den Deckel stechen, durch die der Dampf entweichen kann, der bei Backen entsteht. Und dann kann der Pie in den Ofen.

Bei 220° C etwa 15 Minuten backen. Dann die Temperatur auf 180° C reduzieren und weitere ca. 40 Minuten backen, bis man es bei den Lüftungsschlitzen blubbern sieht. Dann den Pie aus dem Ofen nehmen. Auskühlen lassen, bevor er aus der Form genommen und angeschnitten wird.

Es ist gar nicht so leicht, einen schönen und stabilen Pie hinzubekommen, schon gar nicht beim ersten Anlauf. Im Zweifel geht Stabilität vor und wenn der Deckel nicht schön wird, streut man einfach Puderzucker drauf. Mein erster Pie war schön, dass Innenleben aber eine Katastrophe, beim zweiten ist der Deckel leider eingesackt. Dafür war er innen gut gelungen: für meinen Geschmack war er fast ein bisschen süß, beim nächsten Mal würde ich vielleicht ein bisschen weniger Zucker nehmen. Aber die Speisestärke hat hervorragend dafür gesorgt, dass die Flüssigkeit gebunden wurde und die Füllung selbst nach dem Anschneiden stabil geblieben ist. Was die Gewürze angeht, kann man natürlich auch variieren, und z. B. Kardamom verwenden. Das Ziel ist ja nicht weniger als der beste Rhabarberkuchen im ganzen Land, da darf man kreativ werden.

Hinweise zur veganen Zubereitung: Beim Einkauf darauf achten, dass die Margarine als vegan deklariert ist. Alternativ gibt es reines Pflanzenfett verschiedener Hersteller in einer „soft“-Variante, die man auch benutzen kann. Die Butter, die auf den Rhabarber kommt, kann man natürlich auch durch Margarine ersetzen. Das Ei erleichtert das Zusammenkleben von Boden und Deckel und sorgt für gleichmäßigere Bräunung beim Backen. Beides kann auch Pflanzenmilch leisten.


Alle Zitate aus: Toni Morrison: Paradise. Vintage International 2014.

Das Zitat, in dem Verkauf und Produktion beschrieben werden, ist auf S. 241/242 zu finden. Die Zugszene kann man auf S. 66/67 nachlesen, Gigis Ankunft in Ruby auf S. 67.

Das Rezept ist in wesentlichen Teilen aus der New York Times. Ich habe einige Abwandlungen vorgenommen.

Dieses und mehr Essen aus Büchern gibt es auch auf schiefgegessen.

Was auf den Überlebenden lastet – „Fugitive Pieces“ von Anne Michaels

Jakob Beer, Kind polnischer Juden, ist im Alter von sieben noch so klein und schmächtig, dass er sich problemlos in einem Schrank verstecken kann. Von dort aus wird er Zeuge, wie seine Eltern von Wehrmachts-Soldaten ermordet werden und seine ältere Schwester Bella verschleppt wird. Tagelang stolpert er durch den Wald, bis er Athos in die Arme läuft, einem griechischen Archäologen, der das prähistorische Dorf Biskupin ausgräbt. Er wird sein Retter und Ziehvater. Jakob wächst bei Athos auf der Insel Zakynthos auf, lernt Griechisch, Englisch und die Grundlagen der Geographie und hofft Jahr um Jahr, irgendwo eine Spur seiner Schwester zu finden, die vielleicht doch überlebt haben könnte.

„While I was living with Athos on Zakynthos, learning Greek and English, learning geology, geography, and poetry, Jews were filling the corners and crakcs of Europe, every available space. They buried themselves in strange graves, any space that would fir their bodies, absorbing more room than war allotted them in the world.“

Auch in späteren Jahren, bis weit in sein Erwachsenenalter hinein, will Jakob sich kaum an die Jahre seiner Kindheit erinnern, an die Fassungslosigkeit und die Verzweiflung seiner Eltern. Lieber stürzt er sich in die Geschichte, befasst sich mit lange verschwunden Kulturen, als die eigene Vergangenheit anzurühren. Er findet Ausdruck und Trost in der Poesie und wird ein anerkannter und bekannter Lyriker. Doch seine Vergangenheit kommt ihm immer wieder dazwischen, die nicht bewältigbare Trauer um seine verlorene Schwester zerstört sogar eine langjährige Beziehung.

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Women’s Prize for Fiction – Shortlist 2021

Zum 26. mal wird nun der Women’s Prize for Fiction verliehen. Nach der Bekanntgabe der Longlist vor wenigen Wochen sah die Jury um Autorin Bernadine Evaristo sich mit Angriff konfrontiert, weil der Roman einer trans Frau nominiert worden war. Die Autorin Torrey Peters, mit ihrem Roman Detransition, Baby Kandidatin für den Preis, berichtete in Interviews von Angriffen auf ihre Person, die nach der Nominierung vor allem über Soziale Medien erfolgten. Der „Wild Women Writing Club“ warf Peters in einem offenen Brief vor, ihr Roman habe keine weibliche Perspektive. Unterzeichnet war der Brief auch von prominenten und leider toten Autorinnen wie Currer Bell und Daphne DuMaurier. Die Organisator*innen entgegneten, der Preis sei offen für alle, „who [are] legally defined as a woman“. Eben diese Formulierung sorgt vor zwei Jahren schon für größeren Ärger, als Akwaeke Emezi nominiert war. Emezi definiert sich als nicht binär und betrachtete die Pflicht, sich für den Preis als Frau ausweisen zu müssen, als Affront.

Geändert hat sich nach Emezis Weigerung, weiterhin Bücher für den Preis einzureichen, erstmal nichts. Ob die erneute Diskussion in diesem Jahr zu einem Umdenken in der Organisation führt, wird sich zeigen müssen. Auf die Shortlist hat Peters es in diesem Jahr nicht gebracht. Dafür dürfen diese sechs Frauen weiter auf den Preis hoffen:

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Wohin die Magnete uns führen – „Visible Worlds“ von Marilyn Bowering

Albrecht und Gerhard, Söhne einer deutschen Mutter und eines kanadischen Vaters, wachsen in Kanada auf, bis die Familie beschließt, dass Gerhard nach Deutschland gehen soll, um die musikalische Ausbildung des begabten Sohnes auszubauen. Die Zeit ist denkbar schlecht gewählt – Gerhard kommt in den späten 30er-Jahren nach Deutschland, der für ihn vorgesehene Lehrer wird als Kommunist verhaftet und Gerhard landet in der Hitlerjugend. Währenddessen bleibt Albrecht zu Hause beim Vater und hadert mit seinem Schicksal, der weniger geliebte und begabte Sohn zu sein. Der Vater ist Mitglied des Ordens der Odd Fellows und widmet gesamte Zeit der Erforschung des „persönlichen Magnetismus“. Er ist überzeugt, dass Menschen stark vom Magnetismus beeinflusst sind und dass dies der wahre Grund ist, warum man sich zu Menschen und Orten angezogen fühlt oder eben nicht.

We are all part of magnetism’s great net, says my father, attracted and repelled to and from each other according to our inborn polarities.

S. 210

Auch sonst ist der Roman, der von Albrecht erzählt wird, reich an skurrilen Charakteren: die Nachbarin der Familie ist ein Medium, Freund Nathan hört die Stimme seiner toten Schwester als unsichtbare Ratgeberin, Nathans Vater tourt als Bärendompteur durch die Welt und verliert dabei seinen Arm. Außerdem gibt es eine vergessene Tochter, ein ausgesetztes Kind und eine Frau auf großer Polar-Expedition. Diese ganzen Erzählstränge versucht Bowering in ihrem Roman zu verweben. Sie wählt dafür eine ganz interessante, aber auch leicht verwirrende Erzählart mit großen und abrupten Zeitsprüngen. Eben war man noch im Kriegsgefangenenlager, jetzt auf einer Hochzeit und alles, was dazwischen passiert ist, wird in drei Sätzen skizziert und den Rest muss man sich dann eben denken. Menschen verschwinden und tauchen wieder auf, es gibt Trennungen, Versöhnungen und Todesfälle und vieles davon zwischen den Kapiteln, off-stage gewissermaßen. Das, was man von den Visible Worlds bei Bowering zu sehen kriegt ist also viel weniger als das, was man eben nicht zu sehen kriegt und schemenhaft unter der Oberfläche liegt.

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Die Königin muss Federn lassen – „Ameisenmonarchie“ von Romina Pleschko

Magdalena hat ihr Refugium gefunden, in der obersten Etage eines Wieners Hauses. Seit Jahren hat sie die Wohnung nicht verlassen, an manchen Tagen nicht einmal das Bett. An guten Tagen schwebt sie in ihrem federbesetzten Morgenmantel (sehr teuer, aus England) durch die Wohnung und frönt ihrer einzigen Leidenschaft, der Salami. Sie ernährt sich von praktisch nichts anderem. Doch seit neustem wird ihr Leben unbequem. Ständig pieksen sie Federn ihres Morgenmantels und zudem muss sie entdecken, dass ihr Gatte Herb Senior seit Jahren heimlich Beruhigungsmittel in ihre geliebte Salami mischt. Erst ist sie entrüstet, dann aber auch wieder ganz froh. Ohne Beruhigungsmittel kann sie ihren öden Mann kaum ertragen. Dabei hatte sie mal große Pläne, war begeisterte Malerin und studierte Architektur. Und nun? Endstation Arztgattin.

Magdalena war davon überzeugt, ein Aneurysma im Gehirn zu haben, das sofort platzen würde, sollte sie jemals einen Gedanken wirklich zu Ende denken.

S. 135

Herb Senior hat derweil mit seinem Sohn Herb Junior zu kämpfen, der die gynäkologische Praxis des Vaters übernehmen soll, aber weder am Beruf noch an Vaginen irgendein Interesse hat. Generell interessieren Frauen ihn wenig, ihre Weichheit irritiert ihn. Er ist gerade viel zu beschäftigt mit einem Nationalratsabgeordneten der eigentlich unwählbaren Partei, den er im Fahrstuhl kennengelernt hat. Die beiden leben im gleichen Haus wie Herb Senior und Magdalena, komplettiert wird das Personen-Ensemble durch eine Kosmetik-Verkäuferin mit großen Ambitionen und einen Ex-Fotografen mit Verunsicherungs-Fetisch.

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Mörderische Geheimnisse – „Heilige und andere Tote“ von Jess Kidd

Cathal Flood macht es sich und anderen nicht leicht. Ein Mann von beeindruckender Statur und – wenn er will – charmantem Auftreten war er einst ein begnadeter Künstler. Nun lebt er alleine in seinem großzügigen Anwesen Bridlemere im Westen Londons, das vor lauter Krempel aus allen Nähten platzt. Im Garten stapelt sich der Schrott, im Erdgeschoss kann man kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen und das Obergeschoss kann man gar nicht erst betreten, weil eine gigantische Wand alter National Geographic-Ausgaben den Zugang blockiert.

In dieses Chaos marschiert nun Maud. Sie ist damit beauftragt, den alten Mann und sein Haus auf Vordermann zu bringen. Keine ungefährliche Aufgabe – den letzten, der das versucht hat, hat Cathal mit einem Hurling-Schläger in die Flucht geschlagen. Doch Maud ist nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Und sie hat sich Unterstützung mitgebracht: Maud weiß sich in der Gesellschaft von Heiligen. Sie warten auf sie an der Bushaltestelle, sitzen mit am Küchentisch, haben immer die besten Ratschläge parat und warnen, wenn Gefahr droht. Maud kennt sie alle und hat so Unterstützung in jeder denkbaren Lebenslage. Und wo die Heiligen nicht helfen können, gibt es ihre Nachbarin und Freundin Renata. Die hat zwar seit etlichen Jahren das Haus nicht mehr verlassen, weiß sich und Maud aber trotzdem aus jeder Patsche zu helfen und hat dank jahrelangem Krimi-Konsum eine ausgeprägte Spürnase. Die wird sie auch brauchen, denn Maud beginnt schnell zu ahnen, dass sich hinter Cathals schroffer Fassade nicht etwa ein weicher Kern, sondern ein kaltblütiger Mörder verbirgt. Sie hat ihn im Verdacht, nicht nur seine Frau umgebracht zu haben, sondern auch ein Mädchen, das vor Jahrzehnten vermisst gemeldet wurde und nie wieder aufgetaucht ist.

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Zum Schweigen gebracht – „Do Not Say We Have Nothing“ von Madeleine Thien

Li-ling, Tochter chinesischer Einwanderer, lebt mit ihrer Mutter in Vancouver. Ihr Vater hat sich 1989 bei einer Reise nach Hongkong vom Dach eines Hauses gestürzt. Den Schmerz kann Li-ling ihm nicht verzeihen. Nur wenig später taucht Ai-Ming in Vancouver auf. Sie ist die Tochter einer Familie, mit der Li-lings Vater eine lange Verbindung hatte und muss China wegen ihrer Beteiligung an Protesten auf dem Tiananmen-Patz verlassen. Während Li-ling fast völlig ahnungslos ist, warum ihre Eltern China verlassen haben, weiß Ai-Ming eine Menge darüber und erzählt ihr eine lange Geschichte über tiefe Freundschaften, die Liebe zur Musik und die Folgen der Kulturrevolution.

Die Verbindung von Ai-Ming und Li-ling besteht vor allem über ihre Väter, die in Shanghai gemeinsam am Konservatorium gearbeitet und studiert haben, bis die Kulturrevolution die Karriere der beiden beendete. Ai-Mings Vater Sparrow, einen Komponisten, traf es dabei härter. Er konnte sich mit der neuen Linie nicht anfreunden, wollte nicht abrücken von seinen großen Vorbildern in der klassischen Musik zugunsten einer volksnäheren Musik. Statt an seinen Kompositionen zu arbeiten, endet er in einer Fabrik, in der er die Einzelteile von Radios verlötet. Und damit kommt er noch glimpflich davon – etliche in seiner Familie landen als Rechtsabweichler in Arbeitslagern und kommen gar nicht oder als gebrochene Menschen zurück.

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Essen aus Büchern: Hühnerbuletten de Volaille aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“

Es ist ein merkwürdiger Mann, dem die Schriftsteller Berlioz und Besdomny in Bulgakows Klassiker Meister und Margarita begegnen. Er ist seltsam gekleidet und spricht zwar fließend Russisch, das aber mit deutlichem Akzent. Ein Ausländer muss er sein, beschließen die beiden bald. Er redet allerlei Merkwürdiges und Verschrobenes und prophezeit dem ungläubigen Berlioz, er würde bald von der Tram überfahren werden. Der glaubt natürlich kein Wort, verliert aber wirklich nur wenige Minuten später den Kopf, als eine Straßenbahn über ihn fährt.

Da ist er gerade auf dem Weg zur Sitzung der Schriftstellervereinigung MASSOLIT, deren Vorsitzender er ist. Die mehr oder weniger illustren Damen und Herren treffen sich um zehn Uhr abends im Gribojedowhaus, dessen obere Räume als Clubraum dienen und das im unteren Bereich über ein Restaurant verfügt, das sich nicht nur bei den MASSOLIT-Mitgliedern größter Beliebtheit erfreut. Verstimmt wartet man auf den inzwischen kopflosen Berlioz, über dessen Ableben seine Kollegen noch nicht informiert wurden. Um zwölf schließlich beschließt man, dass er wohl nicht mehr kommt und geht hinunter zum Essen, wo man aufgrund der vorgerückten Stunde keinen Platz mehr auf der Terrasse bekommt. Das sorgt zunächst für weitere Verstimmung, die aber bald vergessen ist, als der Abend sich zu einem rauschenden Fest entwickelt. Der Stimmung tut dann auch die Nachricht von Berlioz Tod keinen Abbruch mehr. Zwar überlegt man kurz, ein Telegramm zu verfassen, aber was sollte das denn Berlioz nun noch nützen? Tot ist eben tot.

„‚Ja, er ist tot, er ist tot… Aber wir leben noch!‘
Ja, eine Weile schlug die Trauer hoch, doch sie hielt sich nur kurz und sank wieder in sich zusammen, schon kehrten die ersten an ihren Tisch zurück, kippten, zunächst verstohlen, dann ganz offen einen Schnaps und aßen nach. Wirklich, wozu sollen die Hühnerbuletten de Volaille umkommen? Wie können wir Michail Alexandrowitsch helfen? Dadurch, daß wir hungrig bleiben? Wir leben doch!“

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