Ein Sommer im Tessin, ein Leben fürs Schreiben – „Was wir scheinen“ von Hildegard Keller

In den letzten Monaten ihres Lebens, im Sommer 1975, reiste Hannah Arendt noch einmal ins Tessin. Diesen Sommer verbrachte sie in Tegna, besuchte von dort aus Freunde und selbstverständlich schrieb sie auch. Diese Reise nimmt Hildegard Keller als Ausgangspunkt, um die große politische Theoretikerin auf ihr Leben zurückblicken zu lassen, auf ihre Flucht in die USA, ihr Freundschaften mit den intellektuellen Größen ihrer Zeit und den Eichmann-Prozess, der ihr nicht immer willkommenen Ruhm einbrachte.

Keller wagt sich mit Was wir scheinen an eine der Großen des 20. Jahrhunderts und an eine Frau, die mit ihrem Werk und ihren Aussagen sehr polarisiert hat. Besonders ihr bekanntestes Werk Eichmann in Jerusalem sorgte für lang anhaltende Kontroversen und führt noch immer dazu. Bis heute werden immer wieder kritische Stimmen laut, die sich nicht selten auch am Untertitel Ein Bericht von der Banalität des Bösen stoßen. Von der Kritik blieb auch Arendts Privatleben nicht unberührt, aber auch ihr weiteres Schreiben nahm eine andere Wendung. Einige Freundschaften zerbrachen, oder wurden zumindest arg strapaziert. Zugleich aber bedeutete der Eichmann-Prozess großen Ruhm für die Theoretikerin, die sich einige Zeit vor Interview-Anfragen kaum retten konnte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Gespräch mit Günter Gaus, aus dem im Roman großzügig zitiert wird. Aber auch darüber hinaus kann Keller sich in ihrer Charakterisierung Arendts auf einen großen Fundus stützen. 

„Briefe, und eben ganz besonders Schreibebriefe, in denen erinnert und nachgedacht und gefühlt wird, die waren nach `33 ihr Leben gewesen. Ohne Übertreibung ihr Leben.“

Arendt schrieb für ihr Leben gerne und täglich, sei es nun politische Theorie oder eben ihre mit Begeisterung geführte Korrespondenz mit Freunden und Freundinnen auf der ganzen Welt, mit Bekannten und Studierenden. Vieles, was Arendt im Roman in den Mund und in die Feder gelegt wird, entstammt eben jenen Quellen. Historisch akkurat ist der Roman dabei allerdings nicht und will es auch gar nicht sein. Was wir scheinen zeigt Hannah Arendt nicht primär in ihrer öffentlichen Rolle, sondern legt den Fokus auf ihr Privatleben und ihr übriges schriftstellerisches Werk. 

Die Worte, die Hildegard Keller ihrer Protagonistin zuschreibt, sind geprägt von ihrer Geburt in Hannover, ihrer Kindheit in Königsberg und auch von langen Jahren in den USA. Hannah Arendt war es stets wichtig, ihre Muttersprache nicht zu verlieren und beharrte darauf, die Sprache sei ja nicht das, was verrückt geworden sei in Deutschland. Dennoch blieb sie natürlich nicht unbeeinflusst von ihrer sprachlichen Umgebung und verwendete englische Begriffe und Redewendungen, im Roman wie in Interviews. Trotz aller Verankerung in der Realität aber ist Hannah Arendt in diesem Roman eine Figur, die bewusst nicht strikt den Pfad ihrer Biographie entlang schreitet. Es ist eben trotz aller Fakten und fundierter Recherche keine Biographie, kein Nacherzählen von Leben und Werk, sondern der Versuch, darzustellen, was nach dem legendären Eichmann-Buch mit Arendt, mit ihrem Leben und nicht zuletzt mit ihrem Werk passierte. Ihre späteren Veröffentlichungen waren von Philosophie und politischer Theorie geprägt. Dass Arendt auch Dichterin war und sich an einer Fabel versuchte, die auch in diesen Roman eingebunden ist, ist weit weniger bekannt. Mit dem Bild vor Augen, dass man im allgemeinen von ihr hat, wundert es einen auch fast.

Die Protagonistin wirkt authentisch, ihre Worte und Taten begründet, auch wenn es etliche künstlerische Freiheiten gibt in diesem Roman. Arendt fällt doch nie aus der Rolle. Am Frühstückstisch in Tegna sitzend kann sie auf ein bewegtes Leben und ein beeindruckendes Werk zurückblickend. Ihr dabei zu folgen eröffnet nicht nur eine interessante Sichtweise auf Arendt als Person, sondern gibt auch Einblicke in ihr Schreiben und Denken, die es sich zu entdecken lohnt. 


tl;dr: Was wir scheinen schildert Hannah Arendts Rückblick auf ihr Leben. Der Roman geht ins Private, ohne indiskret zu werden und lässt die große Denkerin nahbar werden. Bei aller künstlerischen Freiheit wirkt die Charakterisierung authentisch.


Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Eichborn 2021, 568 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 549.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar. 

Schwer zu tragen – „Reisen mit leichtem Gepäck“ von Tove Jansson

Die Schriftstellerin und Grafikerin Tove Jansson ist in Deutschland und der Welt vor allem wegen ihrer Mumins bekannt und beliebt. Doch auch jenseits der Grenzen des Mumintals hinterließ sie ein abwechslungsreiches schriftstellerisches Werk, das vor allem Erzählungen umfasst. Einige davon finden sich in deutscher Übersetzung im Band Reisen mit leichtem Gepäck.

Um das Reisen an sich geht es dabei nur in wenigen Texten. In der titelgebenden Erzählung trifft man auf einen Reisenden, der seinen Alltag hinter sich gelassen hat, keinerlei Erinnerungen mit sich nimmt und davon träumt, unbeschwert durch die Welt zu treiben. Seine Mitreisenden aber, die auch fern der Heimat verzweifelt an ihren Erinnerungen hängen, machen ihm da einen gehörigen Strich durch die Rechnung. 

„vor den Familienkleinodien hatte ich nicht gezögert und auch nicht vor diesem liebenswerten Kleinkram, der voller Erinnerung an…. ja, an emotionale Episoden des eigenen Lebens steckt – nein, davor am allerwenigsten! Die Tasche wurde so leicht wie mein leichtsinniges Herz und enthielt lediglich das, was man für eine alltägliche Übernachtung im Hotel benötigte.“

Andere Texte sind weniger leichtfüßig, wie beispielweise die Erzählung um den frühen Tod eines Sportlehrers, der sich das Leben nimmt. Während die meisten Eltern seiner Schüler davon wenig berührt werden, schließlich kannte man sich kaum, wird eine Mutter völlig aus der Bahn geworfen und macht sich schreckliche Vorwürfe, sein Unglück nicht bemerkt zu haben. Zwei Erzählungen siedelt Jansson auf beinahe menschenleeren Inseln an, wo sie selbst so gerne ihre Sommer verbrachte. In „Die Möwen“ versucht ein zerstrittenes Paar, in der Einsamkeit ihre Beziehung zu retten, scheitert jedoch an den unterschiedlichen Allianzen mit den Seevögeln auf der Insel. Beinahe hasserfüllt beobachtet der Mann, wie seine Frau jeden Tag eine Möwe füttert, die es eindeutig auf die Eiderentenküken abgesehen hat, die unter seinem persönlichen Schutz stehen. Nur in einer Gewalttat sieht er noch einen Ausweg. In „Das Ferienkind“ verzweifelt eine Familie an ihrem Feriengast, den sie mit dem Leben auf der Insel etwas Gutes tun wollte. Doch der Junge entpuppt sich bald als mäkeliger Besserwisser und droht der gesamten Familie den Sommer zu ruinieren. 

Die insgesamt zwölf Erzählungen sind inhaltlich sehr unterschiedlich. Alltägliches steht neben Surrealem, Humorvolles neben Tragischem. Allen Texten gemein ist Janssons einfacher, schnörkelloser und direkter Stil. Hinter ihrem unkomplizierten Ton stecken tiefe Weisheiten und hintergründige Erzählungen, die ungeahnte Tiefen und Abgründe der menschlichen Seele aufdecken. Daran liegt es wohl auch, dass Janssons Figuren bei aller Leichtfüßigkeit doch einiges zu schleppen haben, so leicht ihre Koffer auch sein mögen. 


tl;dr: Reisen mit leichtem Gepäck enthält zwölf sehr unterschiedliche Erzählungen, in denen schnörkellos und humorvoll die Unwägbarkeiten des Lebens und die Abgründe der Seele aufgedeckt werden.


Tove Jansson: Reisen mit leichtem Gepäck. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Urachhaus 2016, 188 Seiten. Originalausgabe unter dem Titel Resa med lätt bagage 1987 bei Schildts Förlags Ab, Helsinki.

Das Zitat stammt von S. 74.

Kosmischer Inzest – „The Ventriloquist’s Tale“ von Pauline Melville

Der Bauchredner in Pauline Melvilles Roman erzählt eine Geschichte, die in südamerikanischen Volksmythen eine häufige ist: Mond und Sonne sind Geschwister, der Mond der Bruder, die Sonne die Schwester. Tag für Tag jagen sie einander über den Himmel, bis sie bei einer Sonnenfinsternis in einem inzestuösen Akt vereint werden. Diesen Mythos nimmt Melville als Ausgangspunkt, um die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie zu schildern. 

In Guyana siedelt sie die Familie McKinnon an, die ihren Namen von einem schottischen „Freidenker“ hat, der sich in der Rupununi-Savanne angesiedelt und eine Familie gegründet hat. Über drei Generationen hinweg wird die Geschichte dieser Wapisiana-Familie erzählt, deren Untergang mit der Liebesbeziehung zwischen den Geschwistern Beatrice und Danny beginnt, den Kindern des Schotten. Zur Zeit der Sonnenfinster 1919 beschließen die beiden, fortan als Mann und Frau zu leben und tauchen unter in den Weiten des Hinterlandes von Guyana. Noch viele Jahre später leidet ihre Schwester Wifreda an den Folgen dieser Beziehung, die sie als Verrat empfindet. Im hohen Alter reist Wifreda noch einmal in die Hauptstad Georgetown, wo sie sich einer Operation unterziehen muss. Begleitet wird sie von ihrem Neffen Chofy, der prompt seine Familie vergisst und ebenfalls eine gefährliche Affäre beginnt. Er verliebt sich in Rosa, die nach Guyana gekommen ist, um auf den Spuren Evelyn Waughs zu wandeln.

Rosa Mendelson preferred a degree of orderliness and rationality in her life. Soon after her arrival in Guyana she was warned by other guests to prepare for life without either.

Die Autorin selbst entstammt einer guyanischen Familie mit indigen und europäischen Wurzeln. In ihrem ersten Roman lässt sie die beiden Welt ungebremst aufeinander prallen. Die Wapisiana schildert sie als zurückgezogen und autark lebendes Volk, das allerdings durch europäische und US-amerikanische Einflüsse stetig bedroht ist, sowohl in seiner Kultur als auch durch den Verlust des Lebensraums. Father Napier kommt die undankbare Aufgabe zu, als Missionar in schwarzer Kutte durch die glühend heiße Savanne zu streifen und Heiden zu bekehrend. Für jeden kulturellen Unterschied ist er blind. Während er allerdings immerhin noch um das Seelenheil seiner desinteressierten Schäfchen besorgt ist, rücken internationale Firmen nur um des Profites Willen immer weiter in das Gebiet der Wapisiana vor. In der Gegend soll es Öl und Erdgas geben. Das ist Grund genug für Probesprengungen, die Teile des Siedlungsgebietes zu zerstören drohen. Auch die junge Liebe zwischen Rosa und Chofy ist durch das internationale Ungleichgewicht belastet. Trotz Sozialisation an der englischen Privatschule scheint es völlig undenkbar, dass der Mann aus der Savanne ein Leben in England führen kann.

Die Atmosphäre des Romans ist drückend und unheilschwanger. Über allem scheint ein Schatten zu schweben, düstere Vorahnungen begleiten jeden Schritt der Figuren. Melville spielt dabei auch bewusst und gekonnt mit Klischees über die mysteriösen Tropen und ihre undurchschaubaren Bewohner. Gekonnt verwebt sie diese mit mystischen Elementen und Erzählungen aus der Folklore der indigenen Bevölkerung. Dass nichts in diesem Roman der Wahrheit entsprechen muss, macht schon der Einstieg deutlich: Bevor es losgeht, lernt man einen begabten Bauchredner kennen, der sich als Erzähler der Geschichte zu erkennen gibt. Er berichtet, in welch großer Tradition er steht und wie wichtig ihm und seiner Familie die mündliche Weitergabe von Geschichten stets war. Unumwunden gibt er allerdings zu, dass Variation ihm mehr bedeutet als die Wahrheit. Das allerdings war dann auch schon der größte Auftritt des titelgebenden Künstlers – den Rest des Romans über kann man ihn fast vergessen und nur am Ende bekommt er noch eine Chance, sich zu verabschieden. 

Melville schildert Natur und Umgebung des Romans bildreich und in Teilen poetisch bis beinahe märchenhaft. In all der Mystik verläuft der Roman sich zuweilen allerdings etwas. Die Familientragödie ist dann doch nicht tragisch genug, um die Geschichte die ganze Zeit zu tragen auf ihrem beschwerlichen Weg quer durch die Savanne, den Fluss hinab und bis nach Georgetown. Mitunter verliert sie sich und es bleibt immer eine Distanz zu den Figuren. Besonders die älteren Generationen scheinen eher die Rollen zu füllen, die das Universum ihnen zugedacht hat, als ihren eigenen Weg zu gehen. Vielleicht ist das dann doch dem listigen Bauchredner geschuldet, der die Geschichte seinem Publikum vor allem als unterhaltsame Legende verkaufen will. 


tl;dr: In The Ventriloquist’s Tale arbeitet Melville mit einem Motiv, das in der südamerikanischen Folklore häufig ist: der Inzucht zwischen Schwester und Bruder, die ihr Abbild in der Sonnenfinsternis findet. Darauf aufbauend schildert sie das Leben einer Wapisiana-Familie über drei Generationen. Der Roman ist gelungen komponiert, verläuft sich aber manchmal ein wenig in der eigenen Mystik.


Pauline Melville: The Ventriloquist’s Tale. Bloomsbury 1998. 368 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Der Bauchredner bei Kindler erschienen. 

Das Zitat stammt von S. 43.

Mit diesem Roman war Melville 1998 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Für die Frau von heute – „Cuca“ von Alfonsina Storni

Die Schriftstellerin Alfonsina Storni, die im Tessin geboren wurde und den größten Teil ihres Lebens in Argentinien verbrachte, ist im deutschsprachigen Raum so gut wie unbekannt. Das zu ändern hat sich Hildegard Keller nun mit ihrer „Edition Maulhelden“ zur Aufgabe gemacht. Für diese Edition übersetzt sie seit einiger Zeit Texte aus dem sehr abwechslungsreichen Werk Stornis. In Lateinamerika ist Storni vor allem für ihre Lyrik bekannt, sie schrieb aber auch für Zeitschriften. Literaturkritik gehörte dabei ebenso zu ihrem Repertoire wie Reisereportagen und Kurzgeschichten.

Cuca enthält eine Auswahl all dieser Gattungen. Den Beginn bilden einige sehr unterschiedliche Erzählungen. Storni verarbeitet darin sowohl ihre Erfahrungen als Lehrerin, als auch Reiseeindrücke wie die tiefe Freundschaft zu einer Vogelspinne namens Catalina, die im Hotelzimmer der Erzählerin lebt. Ein wiederkehrendes Thema ist auch die gehobene und eigentlich schon abgehobene „bessere Gesellschaft“ von Buenos Aires. Storni beweist darin eine genaue Beobachtungsgabe und einen kritischen, reflektierten Blick.  Andere Texte wie der über die titelgebende Dame namens Cuca sind surreal und phantastisch. In ihren „Zugfensterheften“ notierte Storni Eindrücke einer Reise, die sie von Buenos Aires an der Ostküste bis nach Traful an der Grenze zu Chile unternahm. „Die Distanzen: Das ist Argentiniens Feind“ konstatierte die Autorin irgendwo auf der letzten Etappe hinter Bariloche. Aber immerhin bescherte die lange Reise ihr Einblicke in das Land und seine Leute von der öden Pampa bis zum mondänen Badeort an den Ufern des Correntoso-Sees, dessen Reiz auch Storni sich nicht entziehen konnte: „Eiskaltes Wasser, strahlende Sonne, das Paradies.“

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Essen aus Büchern: Brioche aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

Es ist ein deprimierendes Café, in dem Antoine Roquentin, Erzähler von Sartres Der Ekel an einem nebligen Morgen landet. Der Kellner im Café Mably weist ihm missmutig einen Tisch in einer dunklen Ecke zu, die einzigen anderen Gäste sind ein merkwürdiges Paar, zwei Künstler, die ihr Engagement in der Stadt beendet haben. Die Künstlerin ist ausgesprochen nervös, ihr Begleiter so schweigsam, dass es dem Erzähler unangenehm ist, in der Stille auch nur ein Streichholz anzureißen:

„Sie war mit einem großen Blonden zusammen, der eine Brioche aß, ohne einen Ton von sich zu geben.“

Roquentin selbst hätte gerne ein Hörnchen zu seinem Kaffee gegessen, der Kellner stellt ihm aber nur schweigend den Korb mit den Resten der Künstler auf den Tisch. Bald darauf löscht er auch die Lampe im Gastraum, denn zwei Lampen für einen einzigen Gast, das sieht der Chef nicht gerne. Der Chef, Herr Fasquelle, ist um diese Zeit sonst schon im Café und Roquentin vertreibt sich die Zeit damit, sich vorzustellen, wie er tot in seiner Wohnung über dem Café liegt. Ein Herzschlag, mutmaßt er. Ob es so ist, erfährt man aber nicht mehr, der Erzähler verlässt das Café auf der Suche nach Licht.

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Auf dem Weg zu einer neuen Menschheit – „Maddaddam“ von Margaret Atwood

Mit Maddaddam beendet Margaret Atwood ihre dystopische Trilogie, die sich mit den Folgen einer verheerenden Seuche befasst, die fast die gesamte Menschheit ausgerottet hat. Dieser Band konzentriert sich auf Toby, Zeb und einige andere ehemalige Gardener, denen es vor allem dank kluger Vorratshaltung und strikter Hygienregeln gelungen ist, einigermaßen unbeschadet durch die Seuche zu kommen. An den Rändern einer zerstörten Stadt haben sie nun Zuflucht gefunden in einem verlassenen Haus und versuchen, ihr Überleben auch weiterhin mit Gemüseanbau und Waffengewalt zu sichern.

Dabei haben sie Gesellschaft von einer Gruppe Craker, jenen perfekten Menschen, die Crake geschaffen hat, um die Welt nach der Seuche neu zu bevölkern. Sie sind zwar überirdisch schön, allerdings auch von begrenztem Verstand und grenzenlos naiv, was ihre Mitbewohner einiges an Nerven kostet. Erschwerend hinzu kommt, dass irgendwo in den Wäldern noch Reste der fiesen Killer-Brigade lauern, mit denen Toby und ihre Wegbegleiterinnen schon im Vorgängerband zu tun hatte. Der unerbittliche Überlebenskampf nach der „wasserlosen Flut“ geht also weiter.

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Kurze Runde

Heute gibt es eine kurze Runde durch drei Bücher: in Dismatria schildert die Autorin Igiaba Scego ihre Rassismus-Erfahrungen in Italien, Jonathan Lethem erzählt in Alan, der Glückspilz von Alltäglichem wie Absurdem und Dilek Güngör befasst sich in Ich bin Özlem mit den Identitäts-Fragen einer Tochter türkischer Eltern.

Entwurzelt

Dismatria und weitere Texte von Igiaba Scego

Die Autorin Igiaba Scego ist in Italien als Journalistin, Schriftstellerin und Rednerin bekannt. Dabei  gilt ihr Interesse vor allem dem Kolonialismus und dem Rassismus. Scego wurde in Italien geboren, ihre Eltern stammen allerdings aus Somalia. Somalia ist für sie vor allem das Land ihrer Mutter, das ihr ewig verschlossen bleibt, ausgedrückt in dem von ihr geprägten Begriff „Dismatria“. Für Scego selbst ist ein Leben in Somalia keine Option, zugleich aber fällt es ihr schwer, in Italien Heimat zu finden. Im Freiburger nonsolo Verlag sind nun drei ihrer Texte in deutscher Übersetzung erschienen, ergänzt durch ein ausführliches Vorwort der Romanistin Martha Kleinhans. Einen wenig beachteten Blickwinkel bietet dabei vor allem der Text „Als die Italiener keine Weißen waren“, der sich mit Ressentiments gegenüber italienischen Einwander*innen in den USA befasst und erneut verdeutlicht, wie subjektiv und bar jeder objektiven Grundlage rassistische Konstrukte sind.

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Der lange Atem Leningrads – „Ice Road“ von Gillian Slovo

Slovos Roman über Leningrad und seine bewegte Geschichte findet seinen Anfang im ewigen Eis. Dorthin hat es Irina Davydovna verschlagen als Teil einer Expedition an Bord der Cheliuskin, die im driftenden Eis zerquetscht wird. Irina gehört zu den Überlebenden und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Leningrad, von wo aus sie den Rest der Geschichte erzählt. 

This is my city: the city that I love. In my lifetime I have left its borders only twice, the first time into peril and the second to Moscow and deception. Twice is enough for me. I have lived through Leningrad’s darkest times. I have seen its pain and I have also seen its heroism. I am part of it.

An der Seite ihrer Freundin Natascha, Tochter des hochrangigen Partei-Funktionärs Boris Aleksandrovich, erlebt sie Leningrad in seiner Schönheit und seinem Elend. Die Stadt ist gerade im Umbruch, als Irina von ihrer Arktis-Expedition zurückkehrt. Die Revolution ist geglückt, nun ist es an den ehemaligen Revolutionären zu Funktionären zu werden und den Erhalt ihrer Macht zu sichern. Und das mit allen Mitteln. Irina hat zwar nie hohe Funktionen inne, ist bei ihrer Tätigkeit als Reinigungskraft und Haushälterin den Großen und Mächtigen aber oft ganz nah. Ihre Erzählung beginnt 1934, umfasst die Stalinschen Säuberungen, in denen Natascha ihren geliebten Ehemann verliert, und endet während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Die titelgebende Ice Road spielt dabei nur über eine relativ kurze Zeit eine Rolle. Die auch als „Straße des Lebens“ bekannte Route führte ab dem Winter 1941 über den zugefrorenen Ladogasee und wurde von der Roten Armee genutzt, um die Belagerten mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Die Lage Leningrads war dennoch prekär. Im Roman spielt diese titelgebende Versorgungsstraße natürlich ihre Rolle als Lebensader für die Belagerten, findet aber kaum Erwähnung.

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Mit den Augen einer Außerirdischen – „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata

Natsuki hat einen großen Auftrag auf dieser Erde. Von ihrem Freund Pyut, der für alle anderen wie ein normales Stofftier wirkt, weiß sie, dass sie von einem fremden Planeten namens Pohapipinpopopia stammt und als „Magical Girl“ die Erde retten muss. Der einzige, der ihr Anliegen versteht, ist ihr Cousin Yu, ebenfalls ein Außerirdischer. Leider sehen die beiden sich aber nur einmal jährlich, wenn sie zum Ahnenfest Obon bei der Großmutter sind. Doch dort schließen sie einen Pakt: in einer Art Eheversprechen geloben sie einander, immer bis zum nächsten Jahr zu überleben. Das allein hält Natsuki am Leben.

„Der Eid, den Yu und ich uns geschworen hatten, hatte sich mir tief eingeprägt. Ich musste so lange wie möglich überleben. Ob wir irgendwann einfach sein könnten, ohne immerzu ums Überleben zu kämpfen?“

Denn zu Hause hat sie es alles andere als leicht. Von ihrer Familie wird sie abgelehnt, und insbesondere von ihrer Mutter und Schwester erfährt sie körperliche wie psychische Gewalt. Freundliche Zuwendung findet sie fast ausschließlich bei einem Lehrer, doch die Aufmerksamkeit wird ihr schnell unangenehm, als sie immer mehr zu ungewollter körperlicher Nähe wird. Als Natsuki allen Mut zusammennimmt und sich ihrer Mutter offenbart, glaubt sie ihr nicht. Schließlich vergewaltigt der Lehrer Natsuki, deren Körper darauf mit dem völligen Verlust ihres Geschmackssinns reagiert.

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Das Debüt 2020 – Meine Entscheidung

Wer hier regelmäßig liest, wird mitbekommen haben, dass meine Lektüre in den letzten Wochen maßgeblich geprägt war von den fünf Finalist*innen von Das Debüt 2020. Heute morgen ist nun die Siegerin des Wettbewerbs gekürt worden: Deniz Ohde hat mit Streulicht den für die Jury besten Debüt-Roman des Jahres 2020 geschrieben. Wie es mit den übrigen Plätzen aussieht, erfahrt ihr im Beitrag von Das Debüt.

Für mich war Streulicht auch ein starker Roman, aber ganz knapp nicht mein Favorit. Meine Punkte habe ich wie folgt vergeben:

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