Gute Katholiken – „Liars and Saints“ von Maile Meloy

Mitten im Krieg heiraten Yvette Grenier und Teddy Santerre in Santa Barbara. Yvettes Familie wird ihr nie verzeihen, dass sie Kanada verlässt, um einen Amerikaner zu heiraten. Beide stammen aus streng katholischen Familien, beide meinen es ernst mit Heim und Ehe. Als Teddy seine Karriere als Flieger bei der Armee endlich hinter sich gebracht hat, steht dem jungen Glück inklusive zweier Töchter nichts mehr im Weg.

wp-1578484022062.jpg

Außer vielleicht besagte Töchter. Obwohl ihre Eltern alles für das Seelenheil von Margot und Clarissa geben, werden die beiden doch von den wilden 60er-Jahren mitgerissen. Margot wird schwanger vom Tanzlehrer, Clarissa verliebt sich einen Hippie und hört auf, BHs zu tragen. Um zumindest größeren Schaden abzuwenden, zieht Yvette Margots Sohn Jamie als ihren auf und tut, als sei er eben ein Nachzügler. Dass Jamie nicht ihr Sohn ist, hält sie sogar vor ihrem Mann lange geheim. Natürlich stürzt das die Familie auf lange Sicht in größere Schwierigkeiten.

Die Geschichte der Familie Santerre kreist um die Bedeutung von Moral und Schuld. Der Katholizismus spielt für fast alle in der Familie eine Rolle, ob sie nun so ernsthafte Kirchgängerinnen sind wie Mutter Yvette oder nicht. Das Erbe lässt sie nicht los. Die Schuld, die viele auf sich laden oder auf sich zu laden meinen, die Fehler die sie machen, geschehen in aller Regel nicht aus Rücksichtslosigkeit und Eigennutz, sondern im verzweifelten Bemühen, den moralischen Ansprüchen von Familie und Kirche gerecht zu werden. Die Geheimnisse der Familie verkomplizieren das alles immens, denn im moralischen Koordinatensystem sind wesentliche Punkte vertauscht, vor allem, wenn es um Verwandtschaftsgrade geht.

„She talked to her Lord, and told Him everything, and He listened, as He always did, and kept her in His love.“

Liars and Saints folgt der Familie Santerre-Grenier über drei Generationen. Die Themen, die diese Generationen umtreiben, wiederholen sich mit Variationen. Verbotene Liebe, vermeintlich verbotene Liebe, Ärger mit der Familie. Die Figuren sind rund und treffend charakterisiert, ihre Begegnungen und Konflikte werden überzeugend erzählt. Auffallend ist allerdings die Fruchtbarkeit der Frauen der Familie. Wer Sex hat, wird unweigerlich schwanger. Außer die arme Margot, die muss ihre Jugendsünde mit Kinderlosigkeit in der Ehe zahlen. Über die Familie hinaus wird der Roman aber nur an wenigen Stellen bedeutsam. Es gibt Ansätze, die Schicksale in der Familie mit den strikten Moralvorstellungen der Kirche in Verbindung zu bringen, konsequent umgesetzt wird das aber nicht. An vielen Stellen wird allerdings deutlich, dass es besser wäre, die Familienmitglieder würden ihre Ängste und Fehler einander und nicht im beim Priester beichten. Liars and Saints ist ein solide erzählter Familienroman, der meistens aber da aufhört, wo die Familie endet und selten Ambitionen zeigt, das Geschehen in einen größeren Kontext zu bringen.


Maile Meloy: Liars and Saints. John Murray 2004. 260 Seiten. Originalausgabe Scribner 2003. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Lügner und Heilige bei Kein & Aber erschienen.

Das Zitat stammt von S. 138.

2005 war Meloy mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize. Dieser Beirag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

 

Aufstieg und Stillstand – „NW“ von Zadie Smith

Leah und Keisha wachsen gemeinsam auf in Londons Nordwesten, in Wohnblöcken, die nach wichtigen Philosophen benannt sind: Bentham, Locke, Russel, Hobbes, Smithes heißen die Koordinaten ihrer Jugend. Dass sie dort nicht bleiben wollen, ist beiden schnell klar. Denn trotz der vielversprechenden Namen ist ihre Wohngegend so trost- wie chancenlos. Wer bleibt, endet oft genug in Drogenabhängigkeit und Kleinkriminalität. Leah und Keisha haben große Pläne, studieren und versuchen, das beste aus ihrer Herkunft zu machen. Keisha muss sich dabei immer mehr anstrengen als Leah. Als Schwarze kann sie sich die rebellischen Eskapaden ihrer rothaarigen Freundin nicht erlauben. Ihre Mutter war immer darauf bedacht, dass ihre Kinder unter dem Radar bleiben, nie auffallen, sich immer ein kleines bisschen besser benehmen, bloß nicht unangenehm auffallen. Schließlich ändert Keisha sogar ihren Namen und wird als Natalie eine erfolgreiche Anwältin. So erfolgreich, dass Leah, die es „nur“ zur Sachbearbeiterin beim Sozialamt gebracht hat, sich bei ihren Einladungen zwischen all den etablierten Jurist*innen oft fehl am Platz fühlt. Natalies Einladungen geben ihr, die immer noch im Nordwesten lebt, das Gefühl, nur noch Staffage aus alten Tagen zu sein.

„She had been asked to pass the entirety of herself through a hole that would accept only part.“

Die Freunde ihrer Kindheit und ihre Geschwister, die in den Wohnblocks bleiben, folgen dem Weg der ihnen qua Geburt vorherbestimmt scheint. Einige werden früh Eltern, viele werden drogenabhängig, ebenso viele halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser. Dabei machen sie auch vor Ihresgleichen nicht halt. Der Roman beginnt mit Shah, einer ehemaligen Schulkameradin Leahs, die ohne jede Skrupel mit einer rührseligen Geschichte 30 Pfund von Leah ergaunert. Und Nathan, in den Leah früher heimlich verschossen war, lebt mittlerweile auf der Straße. Felix, der ebenfalls im Viertel aufgewachsen ist, scheint es endlich geschafft zu haben, scheint einen Weg aus seiner Misere gefunden zu haben, als er überfallen und erstochen wird. Der Nordwesten lässt einen nicht so einfach gehen.

wp-1578850312311.jpg

Wie auch in The Autograph Man und White Teeth dreht sich der Roman im Kern um die lebenslange Freundschaft zweier Menschen in London. Auch im Milieu lassen sich Parallelen zu Smiths ersten Romanen feststellen, besonders zu White Teeth: Die Einwanderungsgeschichte von Keishas Familie spielt eine große Rolle, ebenso wie die Vorurteile zwischen den verschiedenen Gruppen, die gezwungen sind, in den Randbezirken der Stadt gemeinsam in trostlosen Blocks zu leben. Allerdings ist NW deutlich experimenteller aufgebaut und erzählt als die beiden anderen Romane. Natalies Werdegang beispielsweise wird in über 180 kürzesten Kapiteln erzählt, die zum Teil nur aus zwei oder drei Sätzen bestehen und Überschriften tragen, die sich nicht immer sofort erschließen. An anderen Stellen formen die Worte Bilder, die fast an konkrete Poesie erinnern.

Was im Roman passiert, wird oft mehr angedeutet denn erzählt und viele Leerstellen müssen selbst geschlossen werden. Man muss aufmerksam bleiben beim Lesen, sonst ist man schnell raus aus der Nummer. Einige Passagen werden sehr klassisch und stringent erzählt, andere sind fast schon ein Bewusstseinsstrom. Einige Seiten sind ein einziger Block, auf anderen stehen nur wenige Worte. Nicht immer ist sofort klar, wer spricht oder um wen es geht, auf welchen Wegen eine Kommunikation stattfindet. Man muss die Fetzen, die man über die Charaktere an dieser und jener Stelle aufschnappt, selbst zusammensetzen, um zu verstehen, wer die Menschen sind, von denen dieser Roman handelt. NW ist ein London-Roman, der mit Referenzen auf reale Orte nicht geizt, ein Führer durch das London, aus dem es kaum ein Entkommen zu geben scheint und das man als Touristin wahrscheinlich nie sehen wird. Dabei kann man, so der praktische Hinweis der selbst aus der Gegend stammenden Autorin, an der Bushaltestelle vor dem Poundland in Kilburn die besten Unterhaltungen der Stadt hören.


Zadie Smith: NW. Hamish Hamilton 2012. 295 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Tanja Handels ist unter dem Titel London NW bei Kiepenheuer & Witsch (TB bei Goldmann) erschienen.

Das Zitat stammt von S. 186.

2013 war Zadie Smith mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

 

Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

Arlington Park ist eine Vorstadtsiedlung, die ausnahmsweise nicht im US-amerikanischen Suburbia liegt, sondern im Dunstkreis von London. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere, die Männer arbeiten viel, die Kinder besuchen gute Schulen und die Frauen schmeißen den Haushalt. Der gesamte Roman spielt an nur einem einzigen regnerischen Tag und fokussiert sich dabei auf fünf Frauen, die unterschiedlich zufrieden sind mit dem Leben in der Vorstadt-Idylle.

wp-1578000066796.jpg

Es beginnt mit Juliet, die an diesem einen Tag, den der Roman ihr gibt, noch sauer ist auf den Vorabend, an dem ein Mann sie mal wieder nicht ernst genommen hat und sie sich nicht richtig gewehrt hat. Juliet ist im Grunde kreuzunglücklich in Arlington Park, wo sie mit ihrem Doktortitel an einer Schule unterrichtet, die sie einst mit großen Plänen verließ. Nun darf sie an einem Freitag im Monat den Literaturclub leiten und ihr Mann muss ausnahmsweise die Kinder von der Schule abholen. Eine logistische Meisterleitung, vor allem für Juliet. Sie ist sich sicher: Männer bringen Frauen in der Ehe um, Stück für Stück, Tag für Tag sterben die Frauen ein kleines bisschen mehr.

Juliet findet keinen Zugang zu den anderen Frauen in Arlington Park, deren ewiger Kampf um Statuserhalt sie ermüdet und anwidert. Maisie, Stephanie und Christine nutzen derweil den Tag für einen Ausflug ins Einkaufscenter. Der nimmt eine recht prominente Rolle im Roman ein und zeigt an diesen drei Frauen genau das, was Juliet schon scharfzüngig vermutet hatte: die Vorstadt ist vor allem ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Klassenerhalt ist alles, was als fremd wahrgenommen wird ist entweder schick oder eine Bedrohung. Meistens ist es letzteres. Besonders Christine ist mit ihrer Abneigung gegenüber allem, was fremd erscheint, das Paradebeispiel der engstirnigen Mittelschicht. So unterschiedlich die Frauen aber auch sind, sie alle sind mit ihrer Situation unzufrieden. Fast jede von ihnen hat im Laufe des Tages Streit mit ihrem Mann, fast immer geht es darum, wer wem zu wenig Unterstützung bietet.

„She didn’t want to be knocking up bloody dinner for eight and then serving it. She didn’t want to be passing the butter, and clearing away the starters. She wanted to be living – living!“

Cusks Schreibstil ist bitterböse, aber auch humorvoll und smart. Die Unzufriedenheit, die sie schildert ist allgegenwärtig, die Atmosphäre des regnerischen, ungemütlichen Tages kratzt an den Nerven. Sicher ist die Charakterisierung der Frauen und besonders ihre Unzufriedenheit manchmal überhöht und grenzt mitunter fast an eine Karikatur. Die Männer bleiben derweil austauschbare Schatten, deren wahre Leben nicht in Arlington Park stattfinden, sondern in den Städten, in denen sie arbeiten, in London und Reading. Arlington Park ist ein Bericht aus der Vorstadthölle, aus dem Leben von Frauen, denen eigentlich nichts fehlt und die auf den ersten Blick zufrieden sein müssten. Das aber können sie nicht sein im Londoner Speckgürtel, dem sie nicht entrinnen können und der so begrenzt und eng ist, wie sie sich ihr Leben niemals vorgestellt hatten. Der Roman ist dabei ernster und tiefergehend, als die humorvolle Schilderung es zuerst vermuten lässt. Cusk zeigt Verständnis für die vertrackte Situation der Frauen, rechnet aber auch mit der Borniertheit dieser Gesellschaft ab und liefert mit Arlington Park ein pointiertes Porträt der Vorstadt.


Rachel Cusk: Arlington Park. Faber and Faber 2007. 240 Seiten. Erstausgabe ebd. 2006. Weiterhin beim gleichen Verlag lieferbar. Eine deutsche Übersetzung von Sabine Hedinger ist ebenfalls unter dem Titel Arlington Park bei Rowohlt erschienen, aber nur noch antiquarisch zu kriegen.

Das Zitat stammt von S. 232.

2007 war Rachel Cusk mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Essen aus Büchern: Kümmelkuchen aus Charlotte Brontës „Jane Eyre“

Der englische Name dieses Kuchens, „seed-cake“, weckte in mir die Hoffnung, es könnte sich um einen Kuchen mit verschiedenen Saaten darin handeln, sagen wir Mohn oder Sesam. Aber nein, die Samen sind ausschließlich die des Kümmels. Und ich hasse Kümmel. Ich finde, es passt ganz gut zum Bild von Jane, dass sie vom Leben so wenig erwartet und erhofft, dass sie sich selbst über Kümmelkuchen freut.

„Having invited Helen and me to approach the table, and placed before each of us a cup of tea with one delicious but thin morsel of toast, she got up, unlocked a drawer, and taking from it a parcel wrapped in paper, disclosed presently to our eyes a good-sized seed-cake.“

Die Szene ist übrigens relativ früh im Buch, als Jane noch in Lowood lebt. Die freigiebige Dame in dieser Szene ist die Schulleiterin Miss Temple, zu der Jane vertrauen gefasst hat. Spät am Abend sucht Jane sie mit ihrer Freundin Helen auf und bekommt noch eine Kleinigkeit serviert, die im Vergleich zu dem, was man sonst auf Lowood bekommt, beinahe eine Festmahl ist. Und damit wir alle was anzubieten haben, wenn mal zwei verarmte Waisenmädchen vor der Tür steht, kommt hier das Rezept für Kümmelkuchen:

Weiterlesen

Willkommen im gelobten Land – „Digging to America“ von Anne Tyler

Als Jin-Ho und Sooki im August 1997 das erste mal amerikanischen Boden betreten, werden sie von einer großen Gesellschaft in Empfang genommen. Bitsy und Brad Donaldson haben monatelang darum gekämpft, ein Kind aus Korea adoptieren zu können und haben die gesamte Familie samt Camcorder an den Flughafen verfrachtet, um den Moment der Ankunft von Jin-Ho erleben zu können. Bescheidener geht es zu bei Familie Yazdan, die fast unbemerkt Sookie in Empfang nimmt. Aber eben nur fast unbemerkt. Als die Donaldsons feststellen, dass eine andere Familie ihr Schicksal teilt, erklären sie die Yazdans fast schon zu ihren neuen besten Freunden.

Anne Tyler Digging to America

Über die Jahre entwickelt sich tatsächlich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Familien, auch wenn die Donaldsons es gelegentlich übertreiben. Vor allem Bitsy glaubt am weltbesten über Kindererziehung Bescheid zu wissen und verurteilt die Familie Yazdan dafür, dass Sooki jetzt Susan heißt und nicht in koreanischen Kleidern herumläuft. Jin-Ho würden sie nie auf diese Art ihres Erbes berauben. Jedes Jahr treffen die beiden Familien sich und feiern den „Tag der Ankunft“, jedes mal singen alle gemeinsam „She’ll be coming round the mountain“ und sehen das Video an, das die Familie Donaldson am Flughafen aufgenommen hat.

Weiterlesen

Do Judge A Book By Its Cover – Deutschlands schönste Cover-Klischees

Es ist noch nicht so lange her, da demonstrierte @leesteffens auf twitter, dass es nur 10 Arten von Filmen gibt. Ohne wirklich viel Ahnung von Filmen zu haben – ich glaube, er hat recht. Wenn wir aber ehrlich sind, sieht es bei den Büchern nicht viel besser aus. Vor allem in meiner Zeit im Buchhandel ist mir immer wieder aufgefallen, wie viele Klischee-Cover es da draußen gibt, vor allem bei großen Publikumsverlagen. Also habe ich vor etwa zwei Wochen ebenfalls einen Thread veröffentlicht, der unerwartet viel Aufmerksamkeit fand. Viele Leser*innen hatten viel Spaß an diesem Thread und viele haben mich auf noch mehr ähnliche Cover hingewiesen, oft auch abseits der Genres, von denen ich irgendeine Ahnung habe. Grund genug, nochmal ein bisschen tiefer in die Materie zu waten. Heute kommen also ein paar der schönsten Klischee-Cover, die der deutsche Buchmarkt gerade so her gibt. Für keine der Sammlungen musste ich mir besonders viel Mühe geben, einmal quer durch ein paar Publikumsverlage klicken hat völlig gereicht, um ein paar wahre Schönheiten zu finden.

So einfallslos die ewig gleichen Cover auf den ersten Blick wirken – Zufall und Faulheit ist das alles sicher nicht. Die allererste Aufgabe eines Covers ist es ja nun, Aufmerksamkeit zu erregen. Zwischen den Neuheiten im Buchladen, auf der Bestsellerliste und auf dem Werbeplakat muss ein Cover hervorstechen und die begrenzte Aufmerksamkeit potentieller Käufer*innen auf sich ziehen. Dafür bleibt nur der kurze Moment im Vorbeigehen oder -scrollen. Dabei funktionieren nicht nur auffallende Farben und Muster, sondern auch Dinge, die man kennt und mag. Sie haben einen Wiedererkennungseffekt, der eine Einordnung des unbekannten Titels in bekannte Raster ermöglicht. Ähnliche Cover erleichtern die Orientierung im Bücherladen oder im Internet. Was man einmal mochte, mag man sicher nochmal.

Weiterlesen

An Bord der Nautilus – „Heligoland“ von Shena Mackay

Viele Jahrzehnte ist es her, dass Celeste Zylberstein und ihr Mann Arkadi den Traum von einem ganz besonderen Haus hatten. Der kreative Mittelpunkt der Nachbarschaft sollte es sein, Herberge und Atelier für Kreative und Schaffende. Im Süden Londons errichteten sie gemeinsam das „Nautilus“, ein architektonisch gewagtes Gebäude, das tatsächlich lange Zeit Ort legendärer Partys und Heimat großer Künstler war. Arkadi ist schon vor langer Zeit verstorben und Celeste und der Dichter Francis sind die einzigen beiden Bewohner, die sich noch an die großen Zeiten erinnern können. Nur Guss Crabs findet derzeit noch Unterschlupf bei ihnen. Der ist allerdings eher Antiquitätenhändler denn Künstler und kürzlich bei seiner Frau rausgeflogen. Auch am Gebäude sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen und die ein oder andere Renovierung ist dringend nötig. Erste Hilfe naht in Form von Rowena Snow, die ab sofort als Haushälterin mit im Haus lebt und zumindest für grundlegende Ordnung sorgt.

wp-1577570436004.jpg

Rowena, Kind einer pakistanischen Mutter und eines britischen Vaters, ist größtenteils ohne ihre Eltern im Internat aufgewachsen. So richtig Fuß fassen konnte sie danach nie. Ihre neue Stelle klingt für sie, die Lyrik immer geliebt hat, ausgesprochen verheißungsvoll. Immerhin lebt auch ein Dichter im Haus, in dessen Zirkel sie nun Zugang zu finden hofft.

Weiterlesen

Einsam in Shirley Falls – „Amy and Isabelle“ von Elizabeth Strout

Isabelle Goodrow lebt mit ihrer Tochter Amy in der Kleinstadt Shirley Falls. Vor Jahren ist sie dort hingekommen, in der Hoffnung, einen Ehemann zu finden, nachdem Amys Vater jung verstorben ist. Bisher hat sie keinen Erfolg. Trotzdem wohnt sie immer noch in dem kleinen Haus, das sie als erstes gemietet hat, und das nur eine Übergangslösung sein sollte, bis sie mit ihrem neuen Partner zusammenziehen würde. Sie verdient ihr Geld in der Verwaltung einer Schuhfabrik, die der größte Arbeitgeber in der Stadt ist und in der sie es inzwischen zur Chefsekretärin gebracht hat. In genau diesen Chef ist sie heimlich verliebt, er aber macht keinerlei Anstalten, seine Ehe zu beenden.

Elizabeth Strout - Amy and Isabelle

Mit Tochter Amy hat sie derweil eine Menge Ärger. Sie pubertiert, hat Freundinnen, die auf einmal schwanger sind und raucht heimlich im Wäldchen hinter der Schule. Und als wäre das nicht schlimm genug, verliebt sich auch noch in ihren Mathelehrer Mr. Robertson, der sie mit auswendig gelernten Gedichten um den Finger wickelt. Wenn das ans Licht kommt, ist Isabelles Status in Shirley Falls endgültig am Ende. Seit sie in der Stadt wohnt, ist sie verzweifelt bemüht, in die „besseren Kreise“ zu kommen, engagiert sich in der Kirche und versucht, durch angemessene Lektüre ihre Bildung zu verbessern. Sie träumt davon, eines Tages unterhaltsame Dinner-Parties geben zu können, statt alleine auf dem Sofa zu sitzen. Auf ihre Kolleginnen im Büro, die zuviel essen, zuviel rauchen, und überhaupt keinen Sinn für Kultur haben, schaut sie ein wenig herab, würde das aber niemals offen zeigen. Zum Glück, denn nach und nach zeigt sich, dass gerade in diesen Frauen eine Menge Charakter steckt.

Weiterlesen

Mein Sohn, der Amokläufer – „We Need to Talk About Kevin“ von Lionel Shriver

Eva und Franklin sind glücklich liiert und leben in New York. Er ist Location-Scout, sie führt erfolgreich einen Verlag, der Reiseführer für Backpacker verlegt. Eva liebt das Reisen und sie liebt das Leben in New York. Für sie gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Doch dann beschließen die beiden, ein Kind zu bekommen. Ein Entschluss den Eva nicht zu Ende gedacht hat, wie sie bald feststellen muss. Als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt, fällt sie vor Entsetzen fast in Ohnmacht. Mit der Geburt von Kevin ändert sich alles und nichts davon zum Guten.

wp-1577116938584.jpg

Eva erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht in langen Briefen an ihren Mann. Sie beginnt am 8. November 2000 und erzählt ihm, wie es ist, ihren Sohn jeden Samstag im Jugendgefängnis zu besuchen. Dort sitzt er, seit er im April 1999, wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag, sieben Mitschüler*innen, eine Lehrerin und einen Mitarbeiter der Schulmensa erschossen hat. Sie schreibt bis zum 8. April 2001, dem zweiten Jahrestag seiner Tat. Eva nutzt die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzulegen und zu erklären, was für ein Horror es war, mit Kevin und Franklin zu leben. Dass sie jetzt auch noch auf Schmerzensgeld verklagt wird, kann sie nicht mehr schrecken.

Weiterlesen

Was man alles überleben kann – „Ruby“ von Cynthia Bond

Ruby Bell wächst Ende der 1940er Jahre in Ost-Texas auf. Ihre Mutter ist ohne sie nach New York gegangen und sobald sie alt genug ist, folgt Ruby ihr. Liberty, die Kleinstadt, aus der die Familie stammt, ist ein trostloses, abgelegenes Nest und Ruby hat allen Grund, von dort fortzugehen. Besonders die Tatsache, dass sie schwarz ist, macht das Leben dort schwer für sie. Erst ein Trauerfall bringt sie viele Jahre später wieder zurück. Die Stadtbewohner machen sich lustig über die feine Dame, die mit Handschuhen und Stöckelschuhen aus dem Greyhound-Bus steigt. Doch vielen ist sie auch unheimlich. Ruby bewohnt ein Haus draußen am See, von wo man nachts gruselige Schreie hört und sie scheint auch immer merkwürdiger und verwahrloster zu werden. Nur einer hält ihr seit Jahrzehnten die Treue: Ephram, Sohn eines fanatischen Predigers, der von seiner Schwester großgezogen wurde und Ruby nicht vergessen konnte, seit er sie als Achtjähriger das erste Mal gesehen hat.

wp-1577270745417.jpg

Liberty ist eine erzkonservative Kleinstadt in Texas. Ein sehr offen gelebter Rassismus bedeutet für die schwarzen EinwohnerInnen eine ständige Gefahr. In fast jeder Familie fällt mindestens ein Mensch dem Ku Klux Klan zum Opfer. Das strikt geregelte Sozialleben innerhalb der Gemeinschaft geht über alles und wer aus der Reihe tanzt, wird schnell zum gemiedenen Außenseiter. Umso mehr ist Ephrams Schwester Celia besorgt, als ihr Bruder sich plötzlich wieder so brennend für Ruby interessiert. Mit seinem Ruf steht natürlich auch ihrer auf der Kippe.

Weiterlesen