Große Stories und gekränkte Eitelkeit – „Eveless Eden“ von Marianne Wiggins

Es ist 1986, eine enorme CO2-Wolke aus dem Nyos-See hat gerade knapp 1.700 Menschen getötet, als sich Noah und Lilith das erste mal in einer Bar begegnen. Er ist nach Kamerun gekommen um im Auftrag seiner Zeitung über den Vorfall zu berichten, sie tingelt als freie Fotografin von Krisenherd zu Unglücksort. Noah bewundert ihre Arbeit schon lange, war aber immer davon ausgegangen, dass sich hinter ihrem Künstlernamen Divi ein Mann verbirgt. Welche Frau ist denn schon so mutig und reist in Kriegsgebiete und macht dann auch noch so gute Fotos? Er weiß noch nicht, wer sie ist, da nutzt er schon die erste sich bietende Gelegenheit, sie unter ihrem Regencape zu begrapschen. Ja, so ekelhaft ist Noah und so ekelhaft bleibt Noah. Dennoch findet er Lilith wenig später in seinem Hotelzimmer. Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, die ein jähes Ende findet, als Lilith vor einem Heiratsantrag flüchtet und vor ein Auto läuft.

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Das Auto wird gesteuert von Adam Pentrú, rumänischer Handelsminister. Das erfährt Noah aber erst später, als Lilith schon längst mit Adam durchgebrannt ist und er sich manisch in die Idee verbeißt, dass dieser Pentrú irgendwie Dreck am Stecken haben muss, dass es etwas geben muss, mit dem er ihn festnageln kann, aus dem Verkehr ziehen kann, kurz: Lilith zurückerobern kann. Da das nicht so schnell geht, vergewaltigt er Lilith stattdessen, als er sie im Kontext des Mauerfalls kurz im Berliner Tiergarten trifft.

Noah ist ein wirklich und vollkommen unerträglicher Protagonist. Der Roman wird aus seiner Sicht erzählt, Lilith bleibt begehrenswert aber unverständlich, charakterisiert ausschließlich über ihr attraktives Äußeres und ihren Haudegen-Mut. Darüberhinaus bleibt sie erschreckend platt und blass, es gibt nichts in ihrer Persönlichkeit, was erklären würde, warum Noah die halbe Welt auf den Kopf stellt, um sie zurückzuerobern. Am Ende waren es dann wohl doch die Brüste. Noah steht ihr ihm Haudegentum natürlich in nichts nach, er ist ein verwegener Macher und mutiger Überschreiter von Grenzen. Sprachlich äußert sich das vor allem darin, dass er sich immer ausdrückt als lehne er mit Zigarette im Mundwinkel und Cowboy-Stiefeln an den Füßen am Tresen einer Bahnhofskneipe. Ich störe mich wirklich nicht an Flucherei, aber wie oft dieser Mann „fuck“ sagt macht überhaupt keinen Sinn. „Fuck“ ist ein Interpunktionszeichen für Noah, er benutzt es inflationär und nahezu unbeeinflusst von seinem Gemütszustand. Das überdurchschnittliche Sprachgefühl das er, auf einen Pulitzer-Preis hoffend, für sich geltend macht, äußert sich allenfalls in der korrekten Verwendung von Fremdwörtern. Als es dann gegen Ende des Romans Anlass gibt, „fuck“ zu sagen, als er in Rumänien dann wirklich hinter die finsteren Geschäfte Adams steigt, da hört er interessanterweise auf. Im letzten Drittel hört das Buch auf, um das gekränkte Ego eines New Yorker Journalisten zu kreisen, der die Frau nicht haben kann, die er für sich beansprucht. Plötzlich ist Noah nicht mehr so cool und der Roman fast ein Polit-Thriller. Blöderweise wird dieser Paradigmen-Wechsel weder erklärt noch vom Roman und seinen Figuren getragen.

„When she was working, she became a different person than the one who shared a bed with me – when she was working she could dissapear like some women, passive bodies, can – and do – in sex.“

Marianne Wiggins hat ihrem Protagonisten einen „male gaze“ verpasst, der seinesgleichen sucht und so überzogen scheint, dass es schon fast parodistisch wirkt. Ich habe den halben Roman lang mit steigender Verzweiflung Anzeichen dafür gesucht, dass der Roman genau das sein soll, eine Parodie auf den guten alten Dreitagebart-Journalisten, der sich und der Leserschaft die Welt und ihre Krisen erklärt und das mit voller Deutungshoheit. Und dabei ganz nebenbei auch noch pampig wird wenn das Objekt seiner Begierde, und mehr als ein Objekt wird Lilith kaum, keine Lust mehr hat. Wenn es eine Satire sein soll, ist sie sehr gelungen. Leider finde ich weder im Text noch in der zeitgenössischen Rezeption irgendeinen Hinweis darauf, dass das Buch was anderes sein soll als ein todernster Thriller mit mittelviel Sex. Und dann ist das Buch leider unerträglich.


Marianne Wiggins: Eveless Eden. Flamingo 1996. Erstausgabe Harper Collins 1995. Eine deutsche Übersetzung ist 1997 unter dem Titel Das Paradies schwarzweiß bei Ullstein erschienen. Beide Ausgaben werden nicht mehr aufgelegt.

Das Zitat stammt von S. 79.

1996, im ersten Jahr seines Bestehens, war dieser Roman für den Orange Prize nominiert. Dieser Beitrag gehört zum Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

Furchtlos dank Blutegel – „Angstfresser“ von Grit Poppe

Kyra, eine junge Frau, die in Berlin lebt, kriegt ihre Angstzustände einfach nicht in den Griff. Ein normales Leben ist für sie nicht möglich, solange sie nicht das Trauma aufarbeitet, das tief in ihr steckt. Nach Jahren mehr oder weniger erfolgloser Therapien trifft sie zufällig auf eine Frau, die verspricht, ihr mit Traditioneller Chinesischer Medizin helfen zu können. Sie hat einen Angstfresser, einen Hirudo Timor, der sich an Menschen fest- und ihre Angst aussaugt. Ein bisschen skeptisch aber bereitwillig lässt Kyra sich auf einen Therapieversuch ein, nicht ahnend, in welche Verstrickungen sie sich damit begibt.

Poppe - Angstfresser

Parallel zu ihrer wird die Geschichte von Hans erzählt, der 1986 aus der DDR geflohen ist. Er nutzte das Vertrauen der Tochter eines Freundes, die ihm half, die Mauer zu überwinden. Kaum auf der anderen Seite angekommen, trifft er eine Frau, in die er sich verliebt und mit der er einige Jahre zusammenlebt. Der Fall der Mauer jedoch und seine Unfähigkeit, damit umzugehen, setzen der Beziehung ein Ende.

Kyras Trauma-Verarbeitung gerät bald fast zum Thriller. Bei einem Besuch findet sie die Wohnung der Heilerin verwüstet, die Frau selbst ist samt Töchtern spurlos verschwunden. Kyra bleibt mit ihrem Angstfresser hilflos zurück. Hans, der ebenfalls mal einen Angstfresser mit sich herumgetragen hat, weiß zwar keinen guten Rat, aber immerhin, dass die Heilerin Feinde hat, die es auf den Hirudo Timor abgesehen haben. Denn der kann wirklich alle Angst fressen. Und furchtlose Menschen sind gefährliche Menschen. Das hat man in der Heimat der Heilerin schon lange erkannt.

Die Idee des Angstfressers ist ein bisschen gruselig, aber praktisch. Das Tier sitzt am Bauch, dort wo man die Angst oft als erstes spürt, und saugt sie einfach weg. Kurz leidet Kyra unter den Nebenwirkungen. Albträume und Halluzinationen machen ihr zu Schaffen und die Tatsache, dass sie unter ihrem Shirt ein stetig wachsendes Tier mit fünf Augenpaaren verbirgt, stört ihr Liebesleben ganz empfindlich.

„Ich bin allein. Allein mit dem Hirudo Timor. Mit dem Angstfresser, der Tag und Nacht an mir klebt. Was wird aus ihm, wenn er mit mir fertig ist? Was wird aus mir?“

Die Grundidee des Romans ist gelungen, die phantastischen Elemente gut eingebunden. An vielen Stellen kann man sich ein paar Zeilen lang nicht sicher sein, ob das Geschilderte real ist oder der Phantasie der Protagonistin entspringt. Die Unsicherheit  und Haltlosigkeit Kyras wird damit gut dargestellt. Woher ihr Trauma und ihre Ängste kommen, wird erst sehr langsam klar.

Ganz rund ist der Roman aber trotzdem nicht. Gerade Kyras Trauma, das ja nun zentral für das Buch ist, bleibt hinter Andeutungen zurück und bleibt ein wenig unscharf, auch wenn man sich vieles erschließen kann. Ihre Angst und die von Hans sind die Hauptthemen des Romans. Die thriller-hafte Verfolgung der Heilerin gerät dabei manchmal so sehr in den Vordergrund, dass sie diese Handlungsstränge zur Seite drängt und den Roman ins Schleudern bringt. Stilistisch merkt man dem Roman auch an, dass die Autorin sonst vor allem Jugendbücher schreibt, wobei man ihr keine mangelnde Komplexität vorwerfen kann. Außerdem gibt es für ein Jugendbuch viel zu viel Sex. Die Stärke von Angstfresser ist vor allem die originelle Idee des kleinen Monsters, das sich von Furcht und Sorgen ernährt. Der phantastische Blutegel schafft es sogar, trotz einiger Schwächen einen ganzen Roman zu tragen.


Grit Poppe: Angstfresser. Mitteldeutscher Verlag 2020. 351 Seiten, € 20,-.

Das Zitat stammt von S. 84.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar, das mir zur Verfügung gestellt wurde.

Gefallene Frauen und unversöhnliche Männer – „Paradise“ von Toni Morrison

Die Handlung von Paradise beginnt mit einer Gewalttat, einem Angriff auf ein Kloster. Es sind Männer aus dem nahen Dorf Ruby, die das Frauen-Refugium attackieren, bewaffnet mit Seilen und Gewehren.

Das Kloster hat den Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, wird aber immer noch von allen so genannt. Es ist lange her, dass es einem Orden gehörte und Nonnen dort lebten. Nun ist es eine Unterkunft für Frauen, die sonst keinen Ort finden, an dem sie leben können oder wollen. Mavis, deren Kinder in einem überhitzten Auto starben, Gigi, die ziellos und selbstbewusst durch die Staaten tingelt, Seneca, deren Mutter abgehauen ist und die in verschiedenen Pflegefamilien aufwuchs. Die Berührungspunkte mit dem Dorf sind gering und beschränken sich im wesentlichen auf den Verkauf von Produkten aus dem Gemüseanbau der Frauen. Doch wo die Frauen auftauchen sorgen sie für Unmut. Zu knapp ist ihre Kleidung, zu laut ihr Lachen, zu unverheiratet ihr Familienstand.

„Not women locked safely away from men; but worse, women who chose themselves for company, which is to say not a convent but a coven.“

Im nahen Ruby machen sie sich damit viele Feinde. Am meisten gefürchtet werden sie von den Männern, die mal Beziehungen zu einer der Frauen hatten und nun die Störung ihres Familienlebens fürchten. Ruby ist ein „black settlement“, gegründet von neun Familien, die den Ort aufbauten, nachdem sie aufgrund ihrer Hautfarbe an anderen Orten nicht geduldet und vertrieben wurden. Ruby kann nur funktionieren, wenn sich alle Familien an die ungeschriebenen Gesetze des Ortes halten und den Zusammenhalt hoch halten. Das wichtigste Gesetz in Ruby ist, sich keinen Ärger mit den weißen Gesetzen einzuhandeln. Das zweitwichtigste Gesetz ist Gottesfürchtigkeit. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, fernab der großen Straßen und Busverbindungen, in der Fremde mit Argwohn betrachtet werden.

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Der erste Satz in Paradise lautet „They shoot the white girl first“. Damit ist Hautfarbe schon als zentrales Thema des Romans gesetzt. Außerdem führt es dazu, dass man bei jeder der fünf Frauen, die nach und nach in dem Roman eingeführt werden, rätselt, ob sie das white girl sein könnte, das erste Opfer des Überfalls auf das Kloster. Morrison erwähnt es mit keiner Silbe. Nie erfährt man, wie die Frauen im Kloster aussehen, wie hell ihre Haut ist, wie dunkel ihre Haare. Man kann nur versuchen, die Hinweise im sozialen Verhalten zu finden, in den Reaktionen des Umfelds, in den Geschichten, die die Mädchen erzählen. Ebenso verhält es sich mit vielen anderen Charakteren im Buch. Obwohl die Hautfarbe eine ganz zentrale Rolle im Roman spielt, wird sie kaum erwähnt. Bei den Einwohner*innen von Ruby ist es sowieso klar: sie haben eine eigene Ideologie aufgebaut auf der Tatsache, dass sie so Schwarz sind, dass sogar andere black settlements sie nicht akzeptieren.

Paradise ist ein rauer, fordernder, dichter Roman. Es geht nicht so brutal weiter, wie man es nach dem blutigen Einstieg annehmen könnte. Morrisons Schreibweise aber erfordert den ganzen Roman über erhöhte Aufmerksamkeit. Vieles wird nur angedeutet, gerade was die Geschichten der Frauen im Kloster angeht. Grausamkeiten und Missbrauch spielen sich oft zwischen den Zeilen ab, die größten Ereignisse und Schicksalsschläge stecken in einem Halbsatz. Die Nuancen und Zwischentöne muss man wahrnehmen und behalten, damit man überhaupt eine Chance hat, am Ende alles zusammenzusetzen. Im Schnitt habe ich beim Lesen alle fünf Seiten ein Post-It verklebt, auf einigen Seiten gleich drei, um mir die Navigation im Roman ein bisschen zu erleichtern.

Auch wenn es fordernd ist – das Lesen von Paradise lohnt sich in jedem Fall. Patriarchale Strukturen, Rassismus und Misogynie bilden den Hintergrund für diesen düsteren  und beklemmenden Roman, dessen bedrückende Atmosphäre sich von der ersten bis zur letzten Seite zieht. Ein bisschen magischer Realismus zieht sich durch die Seiten, der die mysteriöse Stimmung unterstreicht. An einigen Stellen fand ich die Sprache vielleicht ein kleines bisschen zu sehr bildlich aufgeladen, das ändert aber nichts daran, dass ich Paradise uneingeschränkt empfehlen kann.


Toni Morrison: Paradise. Vintage 2014. 318 Seiten. Erstausgabe Alfred A. Knopf 1997. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Piltz ist unter dem Titel Paradies bei Rowohlt lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 276.

1999 war das Buch für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

Ein gebrochenes Herz und die beste Vinaigrette – „Heartburn“ von Nora Ephron

Rachel Samstat, geborene New Yorkerin, ist ihrem Mann Mark Feldmann zu Liebe nach Washington gezogen. Sie ist Autorin von Kochbüchern und hat seit einiger Zeit auch eine eigene Fernsehsendung. Mark ist ein erfolgreicher Journalist, das Ehepaar hat bereits ein Kind und Rachel ist schwanger mit dem zweiten. Mark und Rachel bewegen sich in Washingtons höchsten Kreisen, dinieren mit Promis und Diplomaten. Klatsch und Tratsch sind an der Tagesordnung und am heißesten wird gerade die Frage diskutiert, mit wem Freundin Thelma eine Affäre hat. Denn sie hat eine, das ist allen klar. Nach wochenlangem Rätselraten findet Rachel es heraus: es ist ihr Mann Mark. All die Tage, an denen er behauptete, Glühbirnen kaufen zu gehen und ohne zurückkam – er hat sie genutzt, um Thelma zu treffen. Tief verletzt steigt Rachel in den nächsten Flieger und setzt sich ab ins New Yorker Elternhaus. Sie ist am Boden zerstört und nicht bereit, zu verzeihen oder irgendwelche Kompromisse einzugehen. Sie macht so gute Vinaigrettes, wie kann Mark das alles aufs Spiel setzen?

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Heartburn ist eine sehr, sehr autobiographisch inspirierte Beziehungs- und Scheidungsgeschichte. Norah Ephron war Journalistin und Autorin etlicher Romane und Drehbücher, u. a. schrieb sie die Drehbücher für Harry und Sally und Schlaflos in Seattle. Der Mann, der im Roman Mark heißt, hieß in der Realität Carl Bernstein, war der Journalist, der die Watergate-Affäre auffliegen ließ und Ephrons zweiter Mann. Zusammen waren sie ein extrem erfolgreiches Paar, das einen festen Platz in der High Society von Washington hatte. Ephron hatte allerdings von Anfang an ihre Zweifel, da Bernstein sie schon vor der Hochzeit betrogen hatte und so hielt die Ehe dann auch nur knappe vier Jahre. Das Ende wurde eingeläutet von Bernsteins Affäre mit der späteren Labour-Politikerin Margaret Jay.

„In the end, what’s left is a social arrangement. You are a couple. You go places together. And then you break up, and the moving man tells you yours wasn’t so bad. But it was. Even when you end a marriage you want to end, it’s awful.“

Die letzten Monate der Beziehung von Rachel Samstat und Mark Feldman schildert Ephron sehr humorvoll und ohne Verbitterung in diesem Roman. Auch sich selbst gegenüber ist die Ich-Erzählerin recht schonungslos und überzeichnet einige ihrer Reaktionen und Emotionen. Dennoch bleibt spürbar, wie sehr sie der Vertrauensbruch von zwei Seiten verletzt hat. Ephron findet einen gelungenen Weg, diese Scheidung, die so sehr sichtbar die ihre ist, in der Öffentlichkeit zu sezieren, ohne dabei schmutzige Wäsche zu waschen oder beleidigend zu werden. Zwar gibt es keine großen Entwicklungen oder Überraschungen in dieser Geschichte, dennoch liest sie sich sehr charmant und unterhaltsam. Rachel, sonst Autorin von Kochbüchern, in denen sie viele Geschichten von Freundinnen und Familie erzählt, bricht auch in Heartburn nicht mit ihrem Stil und bringt jede Menge Foodwriting in ihrem Roman unter. Wie gelingsicher ihr Käsekuchen wirklich ist, werde ich möglicherweise an anderer Stelle berichten.


Nora Ephron: Heartburn. Virago Press 2018. Erstausgabe Alfred A. Knopf 1983. Eine deutsche Übersetzung von Ursula Gail ist 1991 unter dem Titel Sodbrennen bei Knaur erschienen, aber nicht mehr lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 84.

Das unheilverkündende Okapi – „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Selma hat hellseherische Kräfte. Träumt sie nachts von einem Okapi, stirbt jemand in den nächsten 24 Stunden. Zum Glück passiert das nicht oft, das kleine Dorf im Westerwald, in dem sie und ihre Enkelin Luise leben, wäre sonst bald entvölkert. Außer den beiden leben dort Luises bester Freund und sein Vater Palm, Luises Mutter, die ihren Mann verlassen will und Luises Vater, der das Dorf verlassen will, der Optiker, der gar nicht so heimlich in Selma verliebt ist, die abergläubische Elsbeth und die ewig mies gelaunte Marlies. Der große, graue Hund Alaska und der buddhistische Mönch Frederik komplettieren Luises Welt.

„Ein Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhanglos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren.“

Selmas Träume lösen im Dorf jedes mal großes Unbehagen und Emsigkeit aus. Da niemand weiß, wen das Okapi meint, fürchten alle, den nächsten Tag nicht mehr zu sehen, beichten alle Geheimnisse und schreiben Briefe mit bislang unausgesprochenen Wahrheiten darin. Letztere erbetteln sie sich am nächsten Tag vom Briefträger wieder zurück. Die Welt von Was man von hier aus sehen kann ist äußerst überschaubar. Tatsächlich umfasst sie nicht viel mehr, als das, was man vom höchsten Punkt des Dorfes aus sehen kann. Luises Vater fordert zwar fortwährend, man solle mehr Welt hereinlassen, sie hält dann aber doch nur Einzug in Form von Bildbänden, die er seiner Mutter zum Geburtstag schenkt. Er immerhin begibt sich auf Rat seines Therapeuten auf Weltreise während seine Frau eine Affäre mit dem örtlichen Eiscafé-Betreiber beginnt.

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Essen aus Büchern: Kassavakuchen aus Jean Rhys „Die weite Sargassosee“

Direkt nach dem Rezept für Seed Cake aus Jane Eyre kommt hier eines aus dem postkolonialen Antwortschreiben Die weite Sargassosee. Ein nicht benannter Mann, der sich recht einfach als Rochester erkennen lässt, trifft und heiratet darin eine Frau, die sich recht einfach als Bertha erkennen lässt. Schon in den Flitterwochen beginnt die Ehe zu kriseln. Der frisch gebackene Ehemann kann mit dem Leben seiner Frau auf den karibischen Inseln nichts anfangen, die Menschen dort stoßen ihn ab, er verträgt weder Wetter noch Essen. Bertha endet als „mad woman in the attic“. Am ersten Morgen aber ist noch alles in Ordnung, als die ihm schon kurz darauf verhasste Bedienstete Christophine das Frühstück serviert:

„Sie wünschte uns lächelnd einen guten Morgen und stellte das Tablett mit Kaffee, Kassavakuchen und Guavengelee auf den runden Tisch.“

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es auch bei diesem Rezept ungezählte Varianten gibt, die auch im gesamten karibischen Raum variieren. Bei diesem Rezept musste ich zudem leider Abstriche bei der Authentizität machen. Es war mir nicht möglich, ein Rezept zu finden, das ohne Vanille- und Mandelaroma bzw. -extrakt arbeitet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das im Roman gegessene Gericht das nicht beinhaltet. Da das hier aber meine erste Maniok-Erfahrung überhaupt ist, wollte ich auch keine großen Experimente starten. So also geht’s:

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2020

25th-anniversary-logoHeute morgen wurde die Longlist des 25. Women’s Prize for Fiction (Ex Orange Prize) veröffentlicht. In der Jury sind in diesem Jahr Martha Lane Fox, Scarlett Curtis (Autorin und Gründerin von The Pink Protest), Melanie Eusebe (Mitgründerin des Black British Business Award), Viv Groskop (Comedian und Journalistin) und Paula Hawkins, am bekanntesten sicher durch Girl on the Train. Und das hier sind die 16 Titel, die aus 152 Einreichungen ausgewählt wurden:

Deepa Anappara: Djinn Patrol on the Purple Line

Die „Djinn Patrol“ besteht aus drei neunjährigen Kindern. Sie gründen die Gruppe, als ein Junge aus ihrer Schule scheinbar spurlos verschwindet und die Autoritäten sich hilflos zeigen. Sie beginnen auf dem Basar der Stadt und weiten ihre Suche immer weiter aus, bis es auch für sie gefährlich wird. Anappara thematisiert vor diesem Hintergrund die aktuellen Bewegungen und Schwierigkeiten der indischen Gesellschaft.

deutsche Übersetzung: Die Detektive vom Bhoot-Basar. Rowohlt, März 2020.

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Der Fluch der undankbaren Töchter – Shakespeares „King Lear“ und „Dunbar“ von Edward St Aubyn

Shakespeares Tragödie um den König Lear ist vermutlich um etwa 1605 entstanden und gehört bis heute zu seinen meistgespielten Werken. Sie basiert auf dem sagenumwobenen König Lier, der in vorrömischer Zeit in England regiert haben soll und zu Shakespeares Zeit dank diverser Überlieferungen sehr bekannt und auch gerade sehr en vogue war.

Für die Reihe „The Hogarth Shakespeare“ hat Edward St Aubyn diese Tragödie in die Gegenwart übertragen. Statt eines Königsreichs vererbt der Patriarch in der Neuerzählung ein Medien-Imperium.

King Lear

Der alternde König Lear möchte abdanken und plant, sein Reich unter seinen drei Töchter Goneril, Regan und Cordelia aufzuteilen. Doch wer soll wieviel kriegen? Das will er davon abhängig machen, wer ihn am meisten liebt. Diese Frage also richtet er an seine drei Töchter. Während Goneril und Regan sich in Liebes- und Ehrfurchtsbekundungen überschlagen, sagt Cordelia nur, ihre Liebe kenne keine Worte. Sie liebe ihn eben so, wie eine Tochter ihren Vater liebt. Lear ist wenig beeindruckt von dieser Aussage, enterbt die ehrliche Cordelia und teilt sein Reich unter den Schleimerinnen Goneril und Regan auf. Während die beiden sich nebst ihren Gatten an ihre jeweiligen Höfe zurückziehen, geht Cordelia mit dem König von Frankreich von dannen, der sie auch ohne Erbteil heiraten will.

Der zweite Familienkonflikt, der sich in der Tragödie ereignet, ist der zwischen Gloucester und seinen beiden Söhnen, dem illegitimen Edmund und dem legitimen Edgar (nicht verwechseln!). Der intrigante Edmund behauptet Gloucester gegenüber, dass Edgar ihn töten will. Gloucester glaubt das und hat es nun seinerseits auf Edgar abgesehen. Edmund erzählt wiederum Edgar, dass Gloucester ihn (warum auch immer!) töten will und rät ihm zur Flucht. Edgar flieht in die Heide, wo er bald auf Lear treffen soll.

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Wie erleuchtet darf ein Familienvater sein? – „Einmal Buddha und zurück“ von Anne Donovan

Jimmy, Maler und Tapezierer aus Glasgow, entdeckt mit Ende dreißig den Buddhismus für sich. Statt abends mit seinem Bruder in den Pub zu gehen, meditiert er in seinem Zimmer und verbringt Wochenenden in buddhistischen Seminarzentren. Seine zwölfjährige Tochter Anne Marie reagiert ungläubig aber neugierig, seine Frau Liz ist bald einfach nur noch genervt. Sie glaubt, dass das alles nur eine Phase ist, kocht vegetarische Mahlzeiten und hofft, dass ihm die Idee mit der Enthaltsamkeit bald selbst blöd vorkommt.

„Ich versuchte, geduldig zu sein und ihm zuzuhören, aber wenn er diesen Blick hatte, kam man nicht mehr an ihn ran, alle anderen waren ihm egal. Und wie er darüber redete – als ob das alles neu wäre, als ob er den Quatsch höchstpersönlich erfunden hätte.“

Doch Jimmys Weg zur Erleuchtung wird ihm immer ernster und schließlich zerkracht das Ehepaar sich so sehr, dass er auszieht und fortan im Meditationsraum des buddhistischen Zentrums übernachtet. Nach dem ersten Schrecken beginnt Liz sich zu fragen, ob das nicht auch ganz gut so ist. Mit ihren 33 Jahren entdeckt sie, dass es auch ein Leben jenseits gibt von Jimmy, mit dem sie jetzt schon seit 17 Jahren zusammen ist.

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Kopfüber ins Ungewisse – „Der Sprung“ von Simone Lappert

In Thalbach, einer recht verschlafenen Stadt in der Nähe von Freiburg, bahnt sich eines Sommertages ein Unglück an. Mitten im Zentrum steht eine junge Frau auf dem Dach eines Hauses. Die will springen, ist sich eine Anwohnerin sicher und verständigt die Polizei, die mit Aushilfs-Psychologe Felix und Verstärkung durch die Feuerwehr anrückt, um das Schlimmste zu verhindern. Schnell ist der Platz vor dem Haus dicht besiedelt von Schaulustigen, die Eis essen, Cola trinken, sich sonnen und neugierig abwarten, was wohl noch passieren wird.

Simone Lappert Der Sprung

Auch wenn sie nicht unbedingt zu den Gaffern gehören, sind doch etliche Menschen auf die eine oder andere Art von dem Ereignis betroffen. Felix, der nach nur einem Psychologie-Lehrgang die mögliche Suizidantin retten soll, Maren, die ihr Haus nicht betreten kann, weil eine Frau auf ihrem Dach steht, Winnie, die endlich eine Chance findet, in der Schule nicht mehr gemobbt zu werden. Sie und etliche andere werden von der Frau auf dem Dach berührt, werden an ihre Vergangenheit erinnert oder finden endlich den Mut, Dinge zu ändern. Während vor dem Haus alle gespannt abwarten, ob die junge Frau nun den einen entscheidenden Schritt in die Tiefe macht, sind am Boden einige schon viel weiter und stürzen sich – symbolisch – kopfüber ins Ungewisse.

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