Charlotte Brontë: Jane Eyre

Der folgende Text enthält ausnahmsweise Spoiler und verrät entscheidende Elemente der Handlung. Da Jane Eyre unbestreitbar ein Klassiker ist, werden viele den Inhalt so oder so schon kennen, zumindest in groben Zügen. Wer noch keine Ahnung hat und sich zu einem späteren Zeitpunkt überraschen lassen möchte, muss jetzt leider aussteigen. Zum Trost könnt ihr vielleicht das Quiz Welche Bronte-Schwester bist du? machen, oder auf andere Art eure Zeit vertrödeln. Ich danke für euer Verständnis.

Jane Eyre ist sicher eines der bekanntesten Waisenkinder der Literatur. Früh allein auf der Welt wächst sie bei einer Verwandten auf, die sie ohne jede Liebe behandelt, kommt von dort in ein unsinnig strenges Internat und schließlich als Gouvernante in den Haushalt von Mr. Edmund Fairfax Rochester. Dem Mr. Rochester, der bis heute als einer der romantischsten Charaktere der Literatur gilt. Klar, man kann da den unverstandenen, ungeliebten Mann sehen, der nur auf die richtige Frau wartet, die ihn versteht und liebt, wie er ist. So wie das Biest. Oder Norman Bates. Dass die kleine Adèle, die Jane erziehen soll, in ihrer Liebe zu Kleidern und Selbstinszenierung Honey Boo Boo Konkurrenz macht, ist da eigentlich schon Nebensache. Ob sie nun wirklich Rochesters Tochter ist, sei mal dahingestellt, immerhin kümmert er sich aber um ihre Erziehung.

Rochester wird oft als „unloveable“ charakterisiert, meistens weil er hässlich und aufbrausend ist. Jane Eyre kann natürlich, herzensgut wie sie ist, über diese Äußerlichkeiten hinweg und direkt in Rochesters großes Herz sehen, und will ihn heiraten. Sekunden vor dem entscheidenden „Ja“ aber erfährt sie, dass ihr Zukünftiger bereits verheiratet ist. Tja, naja, passiert wohl mal. Aber er ist eben nicht nur verheiratet, er hat die Dame auch auf dem Dachboden seines Anwesens versteckt, wo sie tobt und zündelt. Bertha heißt die Unglückliche übrigens. Affären mit verheirateten Männern sind die eine Sache, Männer die Ehe verschweigen, eine andere. Aber Jane, ich bitte dich, der Mann hat seine Ex nicht nur verschwiegen, sondern auf dem Dachboden eingesperrt! Das ist der Punkt, an dem man eigentlich sagt „okay, cool, danke für den Kaffee“ und rennt. Rennt, rennt, rennt, und dann die Polizei ruft.

Bronte_JaneEyre

Damit ist es ja aber noch nicht zu Ende. Rochester sagt nicht „ja, sorry, das war jetzt sicher nicht meine beste Idee, ich lass mir da was einfallen“, sondern er findet die Schuld bei allen außer sich selbst. Beim Vater, der den inzwischen verstorbenen Bruder bevorzugt hat, beim Bruder, der wusste, dass auch Berthas Mutter schon irre war, aber nichts gesagt hat. Bei Bertha, weil sie halt irre ist. Bei allen, weil niemand wirklich ihn liebt, sondern alle nur sein Geld und bei – und das ist vielleicht das beste – Jane, weil sie nicht bereit ist, über diesen klitzeminikleinen Fehler in seinem Lebenslauf hinwegzusehen, und ihn jetzt verlassen will. Mr. Rochester sperrt nicht nur Menschen auf dem Dachboden ein, er fühlt sich dabei auch völlig im Recht. Zu seiner Verteidigung kann ich einzig vorbringen, dass zur Zeit des Romans natürlich anders mit psychischen Erkrankungen umgegangen wurde als heute. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Mr. Rochester sehr daran interessiert ist, Jane vor den Altar zu zerren, bevor jemand auftaucht, der „jetzt sprechen oder für immer schweigen möge“. Sein dunkles Geheimnis will er verraten, wenn sie ein Jahr und einen Tag verheiratet sind. Mit seinem Schweigen lässt er Jane nicht nur völlig im Unklaren über seine Vergangenheit, er bringt sie auch in ernste Gefahr. Denn Bertha gelingt es mehrmals, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien. Einmal legt sie Feuer in Mr. Rochesters Schlafzimmer, bei einem anderen Ausflug verschafft sie sich Zutritt zu Janes Zimmer und zerreißt den Schleier, der für die Hochzeit schon bereitliegt. Dass Jane dabei nichts passiert, ist reines Glück. Als sie Mr. Rochester davon angsterfüllt berichtet, behauptet er, sie habe sich die gruselige Erscheinung eingebildet. Die Nerven, meine liebe, liebste Janet.

Aber jetzt nicht zaudern, reader, der Kotzbrockenexpress ist abfahrbereit. Weiter geht die wilde Fahrt mit einer kopflosen Flucht durch das englische Hinterland in den Haushalt des gottesfürchtigen St John Rivers. Er ist ohne jede Leidenschaft, rigide und rechthaberisch. Er erträgt die Enge der Heimat nicht mehr und will Missionar sein. Auch wenn er nicht glaubt, dass man bei den Wilden in Indien noch was retten kann. Er fragt Jane, ob sie mitkommen will, aber natürlich nicht als Freundin (oder entfernte Verwandte, die sie ist) sondern als seine Frau oder gar nicht. St John ist der klassische Friendzone-Jammerlappen. Nein, als Freunde will ich das nicht, wenn du mich nicht heiraten willst, bleib halt hier. Nein, dein aufrichtiges Interesse an und Hingabe für das Projekt interessiert mich nicht, toll, dass du jetzt schon Hindustani kannst, aber so wird das nichts. In der Langfassung dieser Diskussion ist er manipulativ genug, um Pick-up-Ratgeber-Autor zu sein, und kriegt Jane fast rum. In letzter Sekunde hört sie Rochesters Stimme im Wind nach ihr rufen, sagt nein, und reist ohne große Verzögerung ab. St John packt kurz darauf ebenfalls seine Sachen und reist in Richtung Mission. Der Tochter des reichen Unternehmers Mr. Olivers, die sehr verliebt war in den jungen Pfarrer, wünscht man alles Glück der Welt mit jemandem, der weniger bescheuert ist. Bei dem männlichen Personal, das sich in diesem Roman tummelt, vielleicht auch ein friedliches Leben allein.

„I am no bird; and no net ensnares me; I am a free human being with an independent will“

Jane also eilt zurück nach Thornfield, wo sie Rochester antrifft, der bei einem Hausbrand schwer verwundet wurde und sein Augenlicht verloren hat. Gelegt hat das Feuer natürlich seine Frau Bertha, die dabei ums Leben gekommen ist. Rochester ist entzückt, seinen Engel wieder bei sich zu haben und endlich steht einer Heirat der beiden nichts mehr im Wege. „Reader, I married him“ ist das große Zitat, das alle aus Jane Eyre kennen und man will ihr zurufen „oh please, Jane, please tell me you didn’t“.

Das ändert aber nichts daran, dass Jane eigentlich sehr smart ist und progressiv für ihre Zeit. Vermögen und Ansehen ist für sie kein Grund, eine Ehe einzugehen. Unter ewiger Liebe macht sie es nicht. Ein kleines Gehalt als Lehrerin, ein einfaches Cottage, das aber als unabhängige Frau, scheint ihr erstrebenswerter zu sein als ein bequemes Leben als Gattin. Immer wieder insistiert sie, dass Mädchen die gleichen Fähigkeiten haben wie ihre männlichen Altersgenossen, dass man ihnen aber eben auch eine Möglichkeit geben muss, diese auszubauen und zu nutzen. Für eine Zeit, in der die Autorin es für klüger hielt, unter männlichem Pseudonym zu publizieren, ist das schon erstaunlich progressiv.


Gehört als Hörbuch von Dreamscape Media, gelesen von Anna Bentinck. ca. 23 Stunden. Zitiert nach der Ausgabe Bantam 1981.

Das Zitat stammt von S. 240

Advertisements

Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

Locke_BlackWaterRising

In seiner Studentenzeit in den 60er Jahren war Jay ein engagierter Aktivist in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, was ihm zu dieser Zeit einigen Ärger und beinahe eine Haftstrafe eingebracht hat. Noch immer ist er misstrauisch gegenüber denen, die in der Stadt und in der Gesellschaft das Sagen haben, und mit ihrem Geld die Welt regieren. Das macht ihn zum idealen Anwalt in einem Streit der Dockarbeiter, die in der Ölstadt Houston einen bedeutenden Wirtschaftssektor bestreiken könnten, sollten sie sich nicht sehr bald einig werden. Für seine einzige zahlende Klientin, eine Prostituierte, die während der Arbeit ein Schleudertrauma erlitten hat, bleibt da kaum noch Zeit.

„Money, it turns out, is the new Jim Crow.“

Locke zeichnet in ihrem Roman ein düsteres Bild von Houston. Es ist immer und ständig zu heiß, die Stadt kann mit ihrem eigenen Wachstum nicht mithalten und viele Stadtviertel verkommen, werden zum tristen Heim derer, die nicht zum erfolgreichen Öl-Adel der Stadt gehören. Jay wollte Anwalt werden, weil er eben jenen helfen wollte, denen sonst niemand zuhört. Dass damit kein Geld zu machen ist, muss er nun ernüchtert feststellen. Ein Idealist bleibt er trotzdem, wenn er es sich denn gerade leisten kann. Dank seinem politischen Engagement wimmelt der Roman von Abkürzungen. OCAW vs. ILA, SNSS, SCLC, COBRA, BPP, BLA, HPD, AABL für- oder gegeneinander. Zumindest bei letzteren kann man die Details ignorieren, manchmal aber ist es, wenn man sich mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung nicht wenigstens grob auskennt, ein bisschen wie die Judäische Volksfront gegen die Volksfront von Judäa.

Zwischenzeitlich verzettelt der Plot sich dadurch auch etwas. Jays Vergangenheit in der Bürgerrechtsbewegung beispielsweise wird sehr ausführlich geschildert und es wird erst sehr spät klar, warum das relevant ist. Mit einigen anderen Handlungssträngen verhält es sich ähnlich. Zusammen mit Jay, der auf einmal mehr Detektiv als Anwalt sein muss, stochert man als Leserin erstmal im Dunkeln. Am Ende wird natürlich alles klar und die einzelnen Teilchen werden zu einem großen Gesamtbild – einem etwas sehr großen Gesamtbild vielleicht. Aus dem konkreten Fall am Anfang wird eine enorme, komplexe und dadurch auch recht abstrakte Geschichte. Der Spannungsbogen kommt da nicht immer hinterher. Dennoch ist Black Water Rising ein interessanter, lesbarer und vor allem sehr engagierter Roman, der sich für ein Debüt durchaus sehen lassen kann.


Attica Locke: Black Water Rising. Serpent’s Tail 2010. 434 Seiten, ca. € 10,-. Erstausgabe Harper 2009. Der Roman ist nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Das Zitat stammt von S. 75

Black Water Rising ist Lockes Roman-Debüt. Mit diesem Titel stand sie 2010 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist somit Teil des Leseprojekts Womens‘ Prize for Fiction.

Essen aus Büchern: Panthay Khowse aus John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Panthay Khowse ist nach Nga Sak Kin das zweite Gericht aus Gottes Werk und Teufels Beitrag, dass ich hier vorstelle und auch in diesem Fall hat die Irving’sche Schreibweise es mir nicht leichter gemacht, überhaupt was zu finden.

„Die Familien aßen draußen auf einer Veranda. Sie gaben ihm Reis, Tee und jede Menge Sachen mit Curry. Als sein Fieber fiel, aß Wally Panthay Khowse (Nudeln mit Huhn), und Nga Sak Kin, Fischbällchen mit Curry. Dies waren die ersten Wörter, die seine burmesischen Retter ihm beizubringen versuchten.“

Die Panthay sind eine aus China stammende muslimische Bevölkerungsgruppe in Myanmar und Panthay Khowse ist eine Variation eines beliebten Gerichts mit Nudeln und Huhn. Die häufigste Transkriptionsform ist Panthay Khauk-Swe, Kauk-Swe oder Kaukswe, das k wird allerdings nicht gesprochen, daher wohl auch die Transkription Khowse im Roman. Das Gericht ist relativ kleinteilig in der Zubereitung, und es erscheint mir unwahrscheinlich, dass Wallys Retter ihn in erster Linie damit versorgen. Ich habe den leisen Verdacht, dass Irving einfach die beiden Gerichte genommen hat, die er zufällig aus einem burmesischen Restaurant kannte, aber das ist eine Unterstellung. Auf jeden Fall gibt es andere Nudelgerichte mit Huhn in Myanmar, die weit weniger kompliziert sind und mir wahrscheinlicher erscheinen würden, wäre das ganze nicht ohnehin rein fiktiv. Ich kann mir aber die Klugscheißerei nicht verkneifen, anzumerken, dass keines der benannten Gerichte mit dem zubereitet wird, was man in Europa unter Curry versteht. Genug gemotzt, es gibt Essen.

Panthay Kaukswe besteht aus Huhn in einer Soße, die vor allem aus Kokosmilch hergestellt wird, und Nudeln. Außerdem, und da wird es kleinteilig, gibt es dazu eine Reihe Toppings, die nach Belieben von den Gästen hinzugefügt werden können.

PanthayKhowse

Für 4 Personen:

  • 600 g Hühnchenfleisch
  • 2 gehackte Knoblauchzehen
  • 2 gehackte Zwiebeln
  • 1 TL fein gehackter Ingwer
  • 3 EL Fischsauce*
  • 2 TL Erdnussöl
  • 1 TL Sesamöl
  • 1 TL Chilipulver
  • 1 Prise Salz
  • 150 ml Kokosmilch
  • 200 g Kokoscreme
  • 250 g Glasnudeln oder dünne Eiernudeln

*noch ein Wort zur Fischsauce: die kommt aus einem anderen Kaukswe-Rezept. In diesem hier wird eigentlich 1 TL Paste aus getrockneten Shrimps verwendet. Das ist möglicherweise sehr lecker, aber der Geruch stößt mich leider so ab, dass ich das nicht in meinem Essen haben wollte. Experimentierfreudigere finden die Paste im Asia-Laden.

serviert wird das Gericht mit verschiedenen Toppings, die alle einen unterschiedlichen Geschmack in das Essen bringen. Man kann nach Geschmack alle oder auch nur einige verwenden:

  • in Ringe geschnittene Frühlingszwiebeln
  • gehacktes Koriander-Grün
  • dünn geschnittene Zwiebel
  • frittierte Nudeln, in kleine Stücke gebrochen
  • geröstete Knoblauch-Scheiben
  • geröstete Zwiebel-Ringe
  • Zitronenspalten
  • gehackte getrocknete Chilis

Knoblauch, Zwiebeln, Ingwer und 1 TL des Erdnussöls mit dem Mixer zu einer glatten Paste verarbeiten. Das Fleisch in mundgerechte Stücke schneiden.

In einem Wok oder einer großen Pfanne das übrige Öl auf niedriger Temperatur erhitzen. Die Paste zugeben und 5 Minuten garen. Anschließend das Fleisch zugeben und von allen Seiten anbraten. Chilipulver, Salz, Fischsauce und Kokosmilch zugeben und das Fleisch ca. 40 Minuten auf kleiner Flamme köcheln lassen. Sollte die Soße in der Zeit zu sehr andicken, kann etwas Wasser angegossen werden.

Während der Kochzeit die gewünschten Toppings vorbereiten.

Die Kokoscreme mit ca. 80 ml heißem Wasser glatt verrühren. Das Wasser für die Nudeln aufsetzen.

Nach Ende der Kochzeit des Fleischs die angerührte Kokoscreme zugeben und aufkochen lassen, dabei gut rühren. Etwa 5 Minuten köcheln lassen. In dieser Zeit auch die Nudeln nach Packungsanweisung kochen.

Die Nudeln, Soße und Toppings werden getrennt serviert. Erst auf dem Teller wird die Soße über die Nudeln gegossen und jeder nimmt sich Toppings nach Belieben.

Auch wenn die Toppings die meiste Arbeit sind – an denen sollte man wirklich nicht sparen, weil sie dem Essen den letzten Schliff verleihen. Die Soße alleine hat außer Kokos eben nicht viel zu bieten. Aber in der Kombination ist das ein großartiges Gericht und sollte ich irgendwann  aufgrund unglücklicher Umstände in Myanmar abgeschossen werden, hätte ich das auch gerne.


Das Zitat stammt aus Teil 3, Kapitel 19 der audible-Fassung des Hörbuchs von John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Random House Audio 2015.

Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle

1956 kommen Sabine und George Harwood als jungvermähltes Ehepaar aus England nach Trinidad. Drei Jahre soll George in der dortigen Zweigstelle seines Unternehmens arbeiten, danach wollen sie wieder zurück nach England gehen. George ist begeistert von der neuen Heimat auf Zeit, liest alles über die Insel, liebt ihre Geräusche und Gerüche. Sabine ist verzweifelt. Als sie Trinidad das erste Mal sieht, noch bevor das Schiff überhaupt anlegt, hasst sie die Hitze und die wuselige Geschäftigkeit im Hafen. Während die Leinen festgemacht werden, versteckt sie sich in der Kabine und fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an. Doch sie will sich tapferer zeigen als die anderen verhätschelten Expat-Gattinnen und nicht nur jammern. Die drei Jahre werden wohl auszuhalten sein. Dass sie weit länger bleiben wird, ahnt sie da noch nicht.

WhiteWomanonTheGreenBicycle.jpg

Die Zeit, in der die Harwoods nach Trinidad kommen, ist denkbar ungünstig. Große Teile der Inselbevölkerung haben nun nicht gerade auf noch mehr Briten gewartet. Eric Williams ist der neue Stern am politischen Himmel, seinen Reden auf dem zentralen Woodford Square lauschen tausende begeisterte Anhänger. Mit den Worten „Massa day done“ fordert er den Abzug der weißen Ausländer, die erst mit Sklavenhaltung und nun mit einseitigen Machtstrukturen schon viel zu lange die Bevölkerung Trinidads unterdrücken. Sabine sieht sich mehr und mehr offenen Anfeindungen ausgesetzt, sie traut sich kaum noch in die Öffentlichkeit und erlebt ihr Dasein auf Trinidad als Zustand permanenter Bedrohung. Ihre wiederholte Bitte, die Insel endlich zu verlassen, nimmt George nicht ernst. Alleine traut Sabine sich aber auch nicht zurück nach England.

„This place. French Creole, British, master, slave. A tiny fickle inward world, more snobby than England.“

Sabine wird auf eine merkwürdige Art besessen von Eric Williams. Jahrzehnte später findet ihr Mann Schuhkartons voller Zeitungsausschnitte und Briefe an den Politiker, die seine Frau geschrieben aber nie abgeschickt hat. Sie hasst ihn und ist fasziniert von ihm. Und zugleich enttäuscht. Denn als er an der Macht ist, geht es den Ärmsten keinen Deut besser. Noch immer sind die ehemaligen Sklavensiedlungen ohne Wasser und Strom. Obwohl die Revolution gegen sie als Europäerin gerichtet ist, geht sie ihr nicht weit genug. Sie verlangt eine wahre Emanzipation der Bevölkerung und eine spürbare Verbesserung für alle. Die Ex-Kolonialgesellschaft hat sie da schon lange satt, die dekadenten Treffer derer, die es zu Hause zu nichts gebracht haben und die nun auf Kosten anderer auf Trinidad zur Hautevolee werden. Immer mehr hasst sie das Leben auf der Insel und auch ihre Ehe mit George geht, nicht zuletzt dank seiner Eskapaden, vor die Hunde. Erst als sie beide schon jenseits der siebzig sind und es immer noch nicht geschafft haben, Trinidad zu verlassen, startet er einen letzten großen Versuch, ihr seine Liebe zu zeigen.

Das erste Viertel des Romans spielt in den frühen 2000er Jahren, erst danach wird die Geschichte der Ankunft des Ehepaars geschildert. Diese ersten Seiten sind nicht der leichteste Einstieg. Es ist die schon zu oft gehörte Geschichte von zwei älteren Leuten, deren Ehe ruiniert ist, und die sich eben irgendwie zusammenraufen müssen. Den Lesespuren meines gebrauchten Buches nach zu urteilen haben die meisten da auch schon das Interesse verloren. Wer weiter liest, bekommt einen interessanten Einblick in die Geschichte Trinidads in Zeiten des Umbruchs. Vieles davon kommt dann aber doch ein bisschen sehr mit dem Holzhammer. Sabines Wandel von einer ahnungslosen Expat-Gattin zur verbissenen Fürsprecherin der Ärmsten der Armen ist zwar schön, aber auch nicht ganz glaubwürdig. Auch der Widerspruch, in dem sie ständig lebt, scheint ihr nie ganz bewusst zu werden oder doch zumindest egal zu sein. Zwar behandelt sie ihre Hausangestellten großzügig und als Freundinnen, es bleiben aber eben doch immer ihre Angestellten. Ein weiterer Kontakt wird nie möglich, ihre ‚richtigen‘ Freundschaften pflegt sie stets nur innerhalb der europäischstämmigen Bevölkerung der Insel. Sabine wird als eine starke Frau geschildert, die auf Konventionen pfeift, doch trotz großen persönlichen Leids schafft sie es nie, sich von ihrer Situation zu lösen und Trinidad (und ihren Mann, der sie permanent betrügt) zu verlassen. Auch diese Diskrepanz wird nie aufgelöst, obwohl ihr Wunsch, der Insel zu entkommen, packend und beinahe klaustrophobisch geschildert wird. An entscheidenden Punkten bleibt der Roman damit an der Oberfläche und zuweilen ist die Charakterisierung zumindest lückenhaft. The White Woman on the Green Bicycle ist ein gut geschriebener und interessanter, obwohl punktueller Einblick in die trinidadische Geschichte und Gesellschaft, der als Roman leider einige Schwächen hat.


Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle. Simon & Schuster Pocket Books 2010. 437 Seiten, ca. € 10,50. Erstausgabe Simon & Schuster 2009. Meines Wissens gibt es keine deutsche Übersetzung.

Das Zitat stammt von S. 270

Mit diesem Roman war Roffey 2010 auf der Shortlist für den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Women’s Prize for Fiction.

Women’s Prize for Fiction – der Stand nach einem Jahr

Vor einem Jahr habe ich voller Enthusiasmus ein Leseprojekt gestartet, das zumindest ehrgeizig ist, möglicherweise aber auch nur wahnsinnig. Wer es damals nicht mitbekommen hat – seit Januar 2017 lese ich mich durch alle Shortlists des Preises, der seit 1996 verliehen wird, erst Orange Prize for Fiction hieß, dann Bailey’s Prize for Fiction und jetzt, nach dem Wegfall des Großsponsors, unter Women’s Prize for Fiction firmiert. Der Preis wird, wie der aktuelle Name auch verrät, für ein fiktives Werk verliehen, das von einer Frau und auf englisch verfasst wurde. Als das Projekt im Januar gestartet ist, standen 126 Bücher auf der Liste, mit den Nominierten aus 2017 sind es nun also 132.

StatWPF

Weiterlesen

Julia Blackburn: The Book of Colour

Julia Blackburn war bereits als Sachbuchautorin bekannt, als sie diesen Roman veröffentlichte. The Book of Colour bleibt allerdings mit 180 Seiten und Erstleser-Schriftbild eher am unteren Rand dessen, was man noch als Roman durchwinken kann, und vielleicht eher an der Novelle kratzt.

Sie erzählt darin die Geschichte einer Familie, die es vor Generationen auf die Seychellen-Insel Praslin verschlagen hat. Der Urgroßvater der Erzählerin/des Erzählers (deutlich wird das nicht) arbeitete dort als Missionar und hat es sich zum Ziel gemacht, die „Hurerei“ auszurotten. Er selbst verstößt gegen alle guten Sitten, indem er eine Frau heiratet, in deren Familie „schwarzes Blut“ fließt – nach den kruden Ideen von Rasse dieser Zeit also beinahe jede Familie. Nun leidet er unter der dunklen Haut des gemeinsamen Sohnes und betupft sein Gesicht jede Nacht mit Peroxid in der verzweifelten Hoffnung, ihn ein kleines wenig heller zu machen.

„Blackness cannot be turned into whiteness. The sinner cannot escape his sin.“

Weiterlesen

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht.

Als Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht schrieb und veröffentlichte, war die öffentliche Debatte noch nicht bei der „Zweiten Welle“ angekommen. Entsprechend aufsehenerregend waren ihre Thesen. Den Frauen, so Beauvoir läge kein „Frausein“ inne, es seien nicht Gene oder Hormone, welche die Frau zu dem machten, was sie in der Gesellschaft sei, sondern gesellschaftliche und hierarchische Strukturen. Die Frau würde bewusst als „das Andere“ definiert und konstruiert, als Objekt, das in der subjektiven Welt der Männer seinen Platz nur über letztere definieren kann.

Beauvoir_Das_Andere_Geschlecht

Weiterlesen

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen

Fünf Männer verbringen das Wochenende auf einem Berg. Sie kennen sich seit Kindertagen, heute sind sie erfolgreiche Architekten, Anlageberater, P1-VIPs. Einmal im Jahr fahren sie zusammen auf eine Hütte in den Bergen und versuchen, an die glorreichen alten Zeiten anzuknüpfen. Dass sie nicht mehr so eng sind wie früher, weniger trinkfest, verkrampfter im Umgang miteinander, ist ihnen allen klar, aber sie fahren halt doch. Am letzten Morgen brennt das Dorf unter ihnen im Tal. Als sie unten sind stellen sie fest: nicht nur das Dorf brennt, sondern die ganze Welt. Zumindest der Teil, den sie überblicken können. Während sie oben waren, hat unten etwas oder jemand schrecklich gewütet. Ausgebrannte Autos, verendete Tiere, aufgedunsene Leichen am Seeufer.

Helle_EigentlichMuesstenWirTanzen-2.jpg

Der Roman ist nicht lang, aber so dicht und atmosphärisch, dass es in Teilen an Horror grenzt. Ich habe Albträume bekommen von diesem Buch. Die Männer quälen sich durch das verschneite Alpenvorland, ohne zu wissen, was passiert ist, ob auch eine Gefahr für sie besteht, vor allem aber ohne irgendeine Ahnung, ob die Zerstörung irgendwo endet, ob am Ende nicht die ganze Welt in Schutt und Asche liegt. Ob es nicht besser ist, sich einfach gleich umzubringen.

Weiterlesen

Kate Young: The Little Library Cookbook

Wir alle wissen, dass Essen aus Büchern meine erklärte Lieblings-Kategorie ist. Einige wissen auch, dass ich die Idee nur geklaut habe und zwar von der großartigen Kate Young. Kate Young ist eine Australierin, die seit fast einem Jahrzehnt in London lebt und unter anderem für den Guardian schreibt. Dort bin ich vor einigen Jahren auf ihre Kolumne „The Little Library Café“ gestoßen. Etwa alle vierzehn Tage erscheinen in dieser Reihe Rezepte aus und zu Romanen. Unter gleichem Namen betreibt Young einen Blog mit umwerfenden Fotos. Und nun ist endlich auch das Kochbuch zu dieser ganzen großartigen Geschichte erschienen.

KateYoung_LibraryCookbook

Auf 300 Seiten stellt Kate Young hundert Rezepte aus verschiedensten Romanen vor. Der Schwerpunkt liegt, wenig verwunderlich, sehr deutlich auf der angelsächsischen bzw. anglophonen Literatur. Die Ausnahmen kann man beinahe an einer Hand abzählen. Unterteilt sind die Rezepte nicht nach literarischen Gesichtspunkten (wie bei Yummy Books) sondern praxisbezogen nach den Tageszeiten before, around und after noon, dinner table, midnight feasts und celebrations, wobei bei letzteren Weihnachten nochmal ein ganz eigenes Kapitel bekommt. Wie auch in ihrem Blog sind die Bilder in diesem Buch wirklich toll, wenn auch nicht jedes Rezept eines bekommen hat. Sehr nützlich sind die Step-by-Step-Fotoanleitungen, welche die komplizierteren Rezepte bebildern.

Weiterlesen

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Im Alter von vier Jahren zieht Xifan Yang mit ihrer Mutter nach Deutschland. Sie folgen dem Vater, der schon einige Jahre zuvor für ein Studium ausgewandert ist. Für die chinesische Familie ist Europa ein Wunderland ungeahnter Möglichkeiten und Freiheiten. Die Eltern arbeiten hart, um ihrer Tochter eine leichtere Zukunft zu ermöglichen. Xifan lebt sich in Deutschland schnell ein und lernt die Sprache mühelos. China gilt da noch als rückständiges Land der Hundeesser und oft schämt sie sich für ihre Herkunft. Der von der Mutter aufgezwungene Chinesischunterricht ist eine lästige Pflichtübung, die Xifan ohne jede Begeisterung erledigt.

AlsDieKarpfenFliegenLernten.jpg

Weiterlesen