Die Jungfrau aus den Bergen – „Herida Duro“ von Michael Roes

Herida Duro wird im frühen 20. Jahrhundert in einem winzigen Dorf in den albanischen Bergen geboren. Ihre Mutter stirbt jung und ohne einen Sohn auf die Welt gebracht zu haben. Für ihre Familie gibt es nur eine Lösung: Herida muss ein Junge werden, denn als Frau darf sie nichts. Nichts erben, kein Land kaufen, nicht im Dorfrat sprechen. So will es der Kanun, das überlieferte Gewohnheitsrecht. Und so legt sie den Eid ab, als „Schwurjungfrau“ zu leben, als vergjinesha. Von da an heißt Herida Marijan, trägt Männerbekleidung, geht auf die Jagd, und erlangt eine Freiheit, die als Frau nie möglich gewesen wäre. Sexuellen Kontakten allerdings entsagt sie damit für immer. Als Marijan doch schwanger wird, der Eid gebrochen ist, ist ein Weiterleben im Dorf unmöglich.

„Die Frau, so heißt es im Kanun, ist nur ein Schlauch, in dem Besitz gelagert wird. Sie ist dazu bestimmt, die Kinder ihres Mannes zu tragen. Dem Blut nach aber gehört sie ihrem Vater und ihren Brüdern an.“

Zusammen mit dem besten Jugendfreund Gijon verschlägt es Marijan in die Hauptstadt Tirana, wo beide einen wenig erbaulichen Job im Schlachthaus finden und sich eine winzige, schäbige Wohnung teilen. Für Marijan ergibt sich nach einiger Zeit aber immerhin die Möglichkeit, einen lange gehegten Traum zu verwirklichen. Er kann als Beleuchter in den nach der Revolution neu gegründeten Kinostudios arbeiten. Schon bald macht er sich einen Namen als begnadeter Lichtkünstler und Kameramann, was ihm internationale Anerkennung verschafft und schließlich sogar die Möglichkeit zur Flucht aus dem verhassten Vaterland bietet.

Herida/Marijan wechselt den kompletten Roman hindurch Name, Titel und Pronomen. Menschen sprechen sie oder ihn als Signora oder Marijan an, glauben es mit einer Frau oder einem Mann zu tun zu haben und werden niemals korrigiert. Für Herida spielt es scheint das unwichtig zu sein, denn der eigentliche Status der „geschworenen Jungfrau“ ist mit der Revolution ohnehin untergegangen. Und nachdem weder „Mann“ noch „Frau“ zutreffende Kategorien sind und es keine andere gibt, spielt es einfach keine große Rolle mehr. Geehrt und gewürdigt wird Herida allerdings immer als Frau, auch wenn sie als Kameramann arbeitet.

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Parallel zu dieser Geschichte erzählt Roes von zwei verfeindeten Völkern, die in der Steinzeit leben. Zwei Jäger des einen Volkes entführen ein Mädchen aus dem anderen Volk und führen so, ohne es zu wollen, das erste mal einen kulturellen Austausch herbei. Wie diese Geschichte mit der von Herida/Marijan zusammenhängt, wird erst sehr, sehr spät deutlich. Über große Teile des Romans erscheint diese Geschichte als entbehrlich, wenn nicht sogar überflüssig.

Und eigentlich gibt es auch noch eine dritte Geschichte, nämlich ein Drehbuch über die Jugend Jesu, an dem Herida über Jahre arbeitet, das aber sehr lange niemand mit ihr umsetzen möchte.

Herida Duro klingt, als sei es vor allem ein Roman über Geschlechterrollen. Dankenswerterweise hängt der Autor sich aber nicht an der fast erwarteten Sensation einer geschworenen Jungfrau auf. Sein Roman ist ein Buch über europäische Geschichte, über Film und Beleuchtungskunst, über Fotografie und über die Bedeutung von Akt-Darstellungen in der Kunst und ihrer Rezeption. Außerdem über Homosexualität, Sexualität überhaupt, bigotte Moralvorstellungen, Freundschaft und Liebe und wo und wie die Grenzen dazwischen verschwimmen. Damit all das Platz hat, ist es auch ein sehr weitschweifiger und relativ umfangreicher Roman. Manchmal hätte er mich fast verloren in seiner Weitschweifigkeit. Roes hat die anstrengende Angewohnheit, einen immer wieder mitten ins Geschehen zu werfen und man erschrickt, und fragt sich, wo man den Beginn dieser Episode überlesen hat.  Hat man meistens gar nicht, man muss sich nur schnell neu zurechtfinden. Das ist wie gesagt anstrengend und herausfordernd, stilistisch aber auch sehr spannend. Und es rettet einen, wenn man vor lauter Weitschweifigkeit mal wieder ein bisschen mit den Gedanken abgedriftet ist. Manches, was scheinbar widersprüchlich ist, löst sich erst spät auf. Ich bin fast verzweifelt an der völlig unlogisch konstruierten Sprache der Steinzeitvölker, aber irgendwann, als ich fast schon den Spaß verloren hatte, wird auch das aufgeklärt. Vieles aber bleibt auch einfach im Raum stehen, vieles wird nur angedeutet.

Heridas Geschichte wimmelt von Exzentrikern, Künstlern, Ringern, Strichern, Kopfschlächtern. In ihrem Umfeld sammelt sich alles, nur kein Durchschnitt und nur höchst selten Langeweile. Das restriktive Klima, in dem die Geschichte spielt, die sozialistische Revolte in Albanien und der aufkommende Faschismus in Italien, tut sein übriges zu einem Roman voller Widersprüche, kritischer Situationen und Spannungsfeldern. Herida Duro ist sicher kein leichter Roman, interessant ist er aber auf jeden Fall.


Michael Roes: Herida Duro. Schoeffling 2019. 584 Seiten, € 28,-. Gelesen in der eBook-Ausgabe.

Das Zitat stammt von S. 31/484.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Porträt einer massakrierten Kultur – „There There“ von Tommy Orange

Kaum ein anderes Buch im englischsprachigen Raum wurde von Kritik und Medien im letzten Jahr so einhellig gefeiert wie Tommy Oranges Debütroman There There. Er beschreibt darin das Leben der Native Americans in Oakland, einer urbanen Minderheit, an die in Deutschland kaum jemand denkt, wenn es wieder mal um Rassismus in den USA geht. Dass es innerhalb dieser Gruppe massive Schwierigkeiten gibt, ist allerdings längst bekannt. Tommy Orange schreibt von Familien, die gezeichnet sind von Alkoholismus, Gewalt und enormen Suizidraten, denen die Behörden und Hilfseinrichtungen ratlos gegenüber stehen. Er erzählt von der strukturellen Gewalt, die seit der Ankunft der Pilgrim Fathers auf die bereits vorhandene Bevölkerung Nordamerikas ausgeübt wurde, von systematischen Massenmorden und der Einsicht, die bis heute fehlt. Der Titel There There bezieht sich auf ein Zitat von Gertrude Stein, die, gleich den Charakteren des Romans, ebenfalls eine Zeit ihres Lebens in Oakland verbrachte. Als sie nach Jahren der Abwesenheit zurückkehrte in die vermeintliche Heimat, fand sie ihr ehemaliges Wohnviertel völlig verändert vor und schrieb in ihrer Autobiographie, es gäbe kein „there there“ mehr für sie in dieser Stadt.

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In seinem Roman lässt Orange zwölf verschiedene Charaktere zu Wort kommen, die sehr verschieden mit ihrer Herkunft umgehen und ihre Stellung in der Gesellschaft unterschiedlich begreifen. Einige von ihnen sind sehr stolz auf ihr Erbe, anderen ist es kaum bewusst. Die Stimmen sind so unterschiedlich, dass der Roman zumindest im ersten Drittel eher wie eine Kurzgeschichtensammlung wirkt. Noch dazu wechseln auch die Erzählperspektiven permanent. Erste Person, zweite Person, dritte Person, auktorialer Erzähler – alles dabei. Erst nach und nach wird klar, dass die Personen mehr gemeinsam haben als ihre geographische Herkunft und dass sie alle an einem Punkt zuammentreffen werden: dem ersten großen Powwow in Oakland.

„We are Indians and Native Americans, American Indians and Native American Indians, North American Indians, Natives, NDNs and Ind’ins, Status Indians and Non-Status Indians, First Nation Indians and Indians so Indian we either think about the fact of it every single day or we never think about it at all.“

Die Personen, die Orange in seinem Roman einführt, stehen gleichberechtigt nebeneinander. Zwar tauchen einige Charaktere häufiger auf als andere, eine richtige Hauptfigur aber gibt es nicht. Dadurch, dass jede Figur erstmal nur ein paar Seiten bekommt, und fast alle ihrer Handlungen parallel ablaufen, ist es aber auch nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. Man braucht schon ein ziemlich gutes Namensgedächtnis, um am Ende noch durchzublicken, wer warum auf dem Powwow ist. Oder einen guten Spickzettel.

Das war für mich dann auch schon die größte Schwäche des Romans. Dass die vielen einzelnen Handlungen kein geschlossenes Bild ergeben, gehört aber durchaus zum Konzept des Romans, der die verschiedenen Geschichten ohne Wertung nebeneinander laufen lässt. Ähnliches macht übrigens auch eine der Romanfiguren. Der Künstler hat eine Förderung dafür bekommen, Geschichten aus der Community der Native Americans aufzuzeichnen. Ob es Geschichten geben wird und was er damit machen will, weiß er noch nicht. Erstmal lässt er nur die Kamera laufen und gibt jedem 200 $, der möglicherweise was zu erzählen hat.

Auch der Autor selbst hat was zu erzählen. In einem Vor- und einem Zwischenspiel erzählt er nüchtern und faktisch von kruden Rassentheorien, blutigen Massakern und einer Gruppe von Menschen, die extreme Ungerechtigkeit erdulden musste und heute am Rande einer Gesellschaft lebt, die ihre Probleme nicht erkennt. Für alle, die unbedarft an die Thematik herangehen, ist das eine sinnvolle Einführung um zu verstehen, warum Orange nicht eine einzige glatte Biographie in seinem Roman beschreibt.

Stilistisch legt Orange vor allem da los, wo es um das kulturelle Erbe der Native Americans geht und um junge Amerikaner, die das erste mal erkennen, dass das ihre Heimat sein könnte. Dadurch, dass einige Charaktere nur sehr kurze Auftritte haben, ist kaum eine Entwicklung oder Tiefe in ihnen erkennbar. Für Identifikationsleser*innen ist das Buch leider nichts. Stattdessen versucht Orange, möglichst jedem problembehafteten Aspekt gerecht zu werden, vom Fetalen Alkoholsyndrom bis zum Drogenhandel. Das ist verständlich, manchmal aber auch fast zu viel des Guten. Auch die nebeneinander laufenden Erzählstränge sind manchmal ein bisschen verwirrend. Es macht aber auch großen Spaß, sie beim Lesen nach und nach zu verbinden. There There ist ein nicht ganz eingängiges, dafür aber sehr breit aufgestelltes und spannendes Porträt einer Subkultur, die auch der Autor nicht zu retten vermag, nicht mal literarisch.


Tommy Orange: There There. Alfred A. Knopf 2018. 290 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Dort Dort für August bei Hanser angekündigt.

Das Zitat stammt von S. 136 der o. g. Ausgabe.

Sinnsuche zwischen Nadelbäumen: „Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann

Gilbert Silvester, aktuell Bartforscher in befristeter Anstellung, träumt eines Nachts, dass sein Frau ihn betrogen habe. Ohne weitere Klärung verlässt er am nächsten Morgen tief erschüttert die gemeinsame Wohnung und fährt zum Flughafen, wo er in das nächste Flugzeug steigt, das zu einem weit entfernten Ziel fliegt. So kommt er nach Tokyo. Freiwillig hätte er das nie gemacht, da er Tee-Kulturen meidet, weil sie, seiner Einschätzung nach, alles verkomplizieren und unter einem Schleier der Mystik verbergen. Dass er es nun doch tun muss lastet er klar seiner Frau an, die derweil zu Hause sitzt und sich fragt, wo ihr Mann abgeblieben ist.

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In Tokyo bleibt Gilbert nicht lang allein. Während er fasziniert das perfekt organisierte Treiben an einem Bahnhof beobachtet, trifft er auf Yosa Tamagotchi, den er mit völlig unbeherztem Eingreifen von einem Selbstmord eher ablenkt als abhält. Der Bahnsteig sei sowieso ein nur drittklassiger Ort für einen Selbstmord, erklärt Yosa und schließt sich Gilbert an, der den Plan entwickelt, auf den Spuren des Haiku-Dichters Bashō nach Matsushima, zu den Kieferninseln zu reisen. Überhaupt die Kiefern und die Wälder – sie spielen eine wichtige Rolle auf den japanischen Inseln und auch in diesem Roman. Gilbert erscheint es geradezu sinnlos, die Wuchsform der Bäume und die Form einzelner Äste zu bestaunen. Anders die Autorin. Sie begeistert sich für die Landschaften, durch die die beiden Männer reisen und beschreibt sie bis ins Detail.

„Kiefern, als sähe man sie zum ersten Mal. Kiefern in gleißendem Nachmittagslicht, nur eine Aussparung, ein vages Schwarz in unablässigem Blinzeln. Kiefern, ihr Schatten, langgestreckt über dem Weg.“

Die Kieferninseln leben von den Naturbeschreibungen und dem unaufdringlichen Humor. Gilbert verachtet die japanische Kultur nicht, steht ihr aber skeptisch gegenüber und kommentiert sie aus einer kritischen Distanz. Beleidigend wirkt dies nie, da seine Kommentare eher sein eigenes Unverständnis als tatsächliche Fehler der Kultur offenlegen. Aber wie soll ein Bartforscher auch eine Kultur verstehen, in der der Bart von so geringer Bedeutung ist? Vor allem, wenn er in Begleitung eines Mannes reist der, aus Ermangelung eines eigenen Bartwuchses, ein Set mit Aufklebe-Bärten bei sich führt. Doch bei all der Skepsis kann Gilbert sich der Faszination der fremden Kultur nicht entziehen. Besonders die Haiku-Dichtung hat es ihm angetan und er versucht sich auch einige Male selbst darin. Ein Heimspiel für die Autorin, die sich vor allem als Lyrikern einen Ruf erarbeitet hat. Den poetischen Ton legt Poschmann auch in diesem Roman nicht ab, was aber keinesfalls ein Nachteil ist.

Die Kieferninseln ist ein vielschichtiger Roman, in dem das Verhältnis von Tiefgründigkeit und Humor perfekt ausbalanciert ist. Dank des Stils der Autorin wird die Sinnsuche Gilberts zu einem plastischen Reisebericht über die japanischen Inseln. Auch die verhältnismäßige Kürze des Romans trägt dazu bei, dass dieser Roman wirklich ein kondensiertes Lesevergnügen ist.


Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp 2018. 164 Seiten, € 10,-. Originalausgabe 2017.

Das Zitat stammt von S. 101

Essen aus Büchern: Chicken Pot Pie aus Anne Tylers „Vinegar Girl“

Tyler scheint ein große Fan von Chicken Pot Pie zu sein. Er taucht auf in Ladder of Years (S. 106, als eines der Gerichte, das sich die Protagonistin im Diner leisten kann), in Vinegar Girl (dazu gleich mehr) und, soweit ich mich erinnere, auch in A Spool of Blue Thread, aber da kann ich die Seite nicht mehr finden. Ich bin auf Anne Tyler seit Ladder of Years nicht mehr sehr gut zu sprechen, weil das ein so unverzeihlich blödes Buch war, und das Ideal der immer zurücksteckenden und verzeihenden Mutter und Hausfrau so ekelhaft hochgehalten hat. In Vinegar Girl gibt es keine Mutter mehr und stattdessen muss die Haushältern Mrs Larkin das mütterliche Ideal vertreten und in der Küche für Begeisterung sorgen. 

Mrs Larkin used to make a wonderful chicken pot pie.“

Was genau so wonderful an Mrs Larkins Pie war, wird nicht ausgeführt. Grundsätzlich sei gesagt, dass es unzählige Varianten von Chicken Pot Pie gibt – mit Mürbeteig und Blätterteig, einfach als gedeckter Auflauf oder als „richtiger“ Pie. Letzteres scheint eher in Großbritannien verbreitet zu sein und da dieser Roman in den USA spielt, habe ich mich für die einfache gedeckte Variante entschieden. Dann habe ich mir ausgedacht, dass Mrs Larkin sicher gerne die Sendung von Julia Child gesehen hat und habe deshalb einen Chicken Pot Pie nach ihrem Rezept gemacht. Haltlose Mutmaßung. Mrs Larkins Pie könnte ein völlig anderer sein. Dieses Rezept hier reicht auf jeden Fall für eine mittelgroße Auflaufform und macht 4-6 Personen satt:

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Women’s Prize for Fiction für Tayari Jones

Gestern wurde der diesjährige Women’s Prize for Fiction an Tayari Jones für ihren Roman An American Marriage verliehen. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt: “This is an exquisitely intimate portrait of a marriage shattered by racial injustice. It is a story of love, loss and loyalty, the resilience of the human spirit painted on a big political canvas – that shines a light on today’s America. We all loved this brilliant book.”

Jones erzählt in ihrem Roman die Geschichte eines Paares, Roy und Celestial, die in den Südstaaten leben, und als Schwarze rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Dies gipfelt in der unrechtmäßigen Festnahme Roys. Wo vorher große Liebe war, sind nun große Zweifel und noch größere Hindernisse. Denn die Justiz von der Unschuld eines Schwarzen zu überzeugen, ist in den Südstaaten alles andere als leicht.

In deutscher Übersetzung ist der Roman unter dem Titel In guten wie in schlechten Tagen bei arche erschienen.

Mentona Moser, Menschenfreundin – „Tochter des Geldes“ von Eveline Hasler

Mentona Moser wird 1874 als Tochter des steinreichen Uhrenfabrikanten Heinrich Moser in Badenweiler geboren. Ihr Vater, deutlich älter als die Mutter, stirbt nur wenige Tage nach ihrer Geburt. Seiner Frau und seinen beiden Töchtern hinterlässt er ein beträchtliches Vermögen, das den drei Frauen ein komfortables Leben in einem Schloss am Zürichsee ermöglicht. Doch das Verhältnis der beiden Schwestern Fanny und Mentona zu ihrer Mutter ist hoch problematisch und von Konflikten geprägt. Mentona hält es nicht lange zu Hause aus, besucht erst verschiedene Internate und landet schließlich in England, wo sie das Leben in den Londoner Slums kennenlernt. Entsetzt von der Armut der Kinder beginnt sie, sich in der Sozialen Arbeit zu engagieren.

„Du willst die Welt retten, aber du hast keine Ahnung, was sie kostet.“

Der Traum von einer gerechteren Welt und besseren Zukunft für Kinder wird für Mentona zur Lebensaufgabe. Als sie zurück in die Heimat kehrt, ist es ihr größter Wunsch, auch in der Schweiz Hilfseinrichtungen nach englischem Vorbild aufzubauen. Sie tritt der sozialdemokratischen Partei bei und später, als ihr die Forderungen nicht mehr ausreichen, der kommunistischen Partei. Nach der Oktoberrevolution in Russland verliebt sie sich in die Idee eines neuen Landes und in Fritz Platten, der im „neuen Russland“ den Bauern helfen will, ihre eigenen Lebensumstände durch effektiveres Wirtschaften zu verbessern. Sie lernt Russisch und folgt ihm in eine kleine Siedlung in der Nähe von Moskau, wo sie endlich die Chance hat, ihren Traum vom Kinderheim zu verwirklichen.

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Der Glanz vergangener Zeiten – „Brideshead Revisited“ von Evelyn Waugh

Mitten im Zweiten Weltkrieg sieht Hauptmann Charles Ryder sich plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert: er und seine Kompanie sollen im herrschaftlichen Landsitz Brideshead einquartiert werden. Vor etlichen Jahren war dieses Haus fast seine zweite Heimat und sein Leben eng mit dem der Besitzer des Hauses, der Familie Flyte, verbunden.

Charles, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, lernt Sebastian Flyte wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg am College in Oxford kennen. Unverkennbar hat der junge Mann Probleme mit seiner Familie und bezeichnet Brideshead nicht als sein zu Hause, sondern als das Haus, in dem seine Familie lebt. Dennoch bringt er den Studienfreund mehrfach mit nach Brideshead und Charles lernt nach und nach die mehr oder weniger exzentrischen Mitglieder des Haushalts kennen. Brideshead ist, als Charles es das erste mal betritt, schon fast ein Relikt einer vergangenen Zeit. Die Familie Flyte hängt an ihren alten Privilegien, Ansprüchen und Ritualen, kein Hauch von Modernität stört die Atmosphäre in den protzigen Räumen. Obwohl Sebastian sich nicht scheut, seine Privilegien zu nutzen, leidet er unter den Ansprüchen seiner Familie und verfällt zusehends dem Alkohol. Charles kann dem Freund nicht helfen und muss mit ansehen, wie er sich immer weiter von ihm entfernt.

„But as I drove away and turned back in the car to take what promised to be my last view of the house, I felt that I was leaving part of myself behind, and that wherever I went afterwards I should feel the lack of it, and search for it hopelessly, as ghosts are said to do, frequenting the spots where they buried material treasures without which they cannot pay their way to the nether world.“

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Nicht blöd, nur langsam – „Lottery“ von Patricia Wood

Perry L. Crandall ist nicht blöd, er ist nur langsam. Er kann 76 IQ-Punkte vorweisen, darauf ist er stolz und es ist sein Beweis, dass er nicht blöd ist. Wenn man ihm Aufgaben zeigt, dann macht er sie auch ordentlich. Nur manchmal dauert es halt ein kleines bisschen länger. Seine Mutter war mit seiner Erziehung überfordert, deshalb ist er bei seinen Großeltern aufgewachsen. Mittlerweile ist er 32 Jahre alt, arbeitet im Hafen bei einem Schiffsausstatter, ist verliebt in Cherry, die er aus dem Supermarkt kennt und sein bester Freund ist Keith, mit dem er arbeitet und in der freien Zeit segeln geht.

„Retarded. Idiot. These are words I know. They mean foolish or stupid. I am not foolish. I am not stupid. I am not retarded. I am slow.“

Das alles läuft wunderbar, bis sein Leben zwei ganz entscheidende Wendungen nimmt. Erst stirbt seine Großmutter. Perry zieht das den Boden unter den Füßen weg. Sie war nicht nur seine wichtigste Bezugsperson, sie hat ihm auch geholfen einzuschätzen, was richtig oder falsch ist, wer es gut mit ihm meint und wer gemein zu ihm ist. Und dann, in einer zweiten entscheidenden Wendung, gewinnt er 12.000.000 Dollar in der Staatslotterie. Auf einmal ist er reich und berühmt wird er kurz danach. Doch mit dem Reichtum kommen – natürlich – auch die Neider und Geier. Seine Brüder, mit denen er über Jahre keinen Kontakt mehr hatte, erinnern sich plötzlich an ihn. Auch seine Mutter taucht aus der Versenkung auf. Perry schreibt Scheck um Scheck. Allerdings nie über mehr als 500 Dollar – denn mehr als zwei Nullen passen in seiner sorgfältigen aber ungelenken Schrift nicht auf das Stück Papier.

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Ein Mord und viel Wahn -„Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow

Die Rückkehr des Buddha beginnt mit einer Traumsequenz. Der Protagonist und Ich-Erzähler träumt von einem Sturz von einer Felswand, der mit seinem Tod endet. Der Protagonist wird noch mehrere Episoden in diesem Roman erleben, bei denen nicht ganz klar ist, in welchem geistigen Zustand er sich gerade befindet, ob es ein Traum ist oder in irgendeinem Zusammenhang mit der Wirklichkeit steht. Er selbst berichtet, er leide unter einer Geisteskrankheit, die Wahnvorstellungen auslöse. Die Krankheit ist so ausgeprägt, dass ihn deshalb sogar seine ehemalige Freundin und einzige große Liebe verlassen hat.

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Nun lebt der Protagonist als Student in Paris. Ursprünglich stammt er aus Russland und hat im Bürgerkrieg gekämpft, eine Episode, die ihn ebenfalls nachhaltig beeindruckt hat. In einer Wahnvorstellung glaubt er, Gefangener eines „Zentralstaats“ zu sein, von dessen Organen er wieder und wieder unsinnigen Verhören unterworfen wird. Es werden nicht die einzigen Verhöre bleiben.

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Mein Freund der Baum ist tot – ruinieren Bücher den Planeten?

Sind nun nach Plastiktüte, Inlandsflug und Dieselmotoren auch Bücher eine Gefahr für den Planeten? Sterben für unseren Lesegenuss mehrere Fußballfelder Regenwald pro Jahr?

So schlimm ist es nicht, das nehme ich mal vorweg. Aber als ich vor Jahren im Herstellungsunterricht mal gelernt habe, wie viele Rohstoffe es braucht, bis ein Buch fertig ist, habe ich schon ein bisschen an der Umweltfreundlichkeit meines Hobbies (und damals auch Berufs) gezweifelt. Klar schneidet Lesen besser ab als Stock Car Racing, Großwildjagd oder Kreuzfahrten. Aber Ressourcen braucht es halt schon und an denen lässt sich auch noch vergleichsweise einfach sparen. Also habe ich jetzt endlich mal einen Artikel von Anja auf ihrem Bücherblog zum Anlass genommen, mich genauer mit dem Thema auseinander zu setzen.

How much wood…

…would a woodchuck chuck if a woodchuck was actually a publisher?

(In diesem Absatz wird viel gerechnet, aber danach geht es ohne Zahlen weiter.)

Um Papier herzustellen, braucht es neben Energie vor allem Wasser und Holz. Und von letzterem eine ganze Menge, denn nicht alle Fasern im Baum eignen sich für die Papierherstellung. Auch das Rohgewicht von Bäumen schwankt erheblich, das heißt Bäume gleichen Volumens haben, abhängig von der Art, sehr unterschiedliche Gewichte. Nadelbäume beispielsweise sind oft leichter als ein gleich großer Laubbaum. Der Einfachheit halber nehme ich im Folgenden für die Papierausbeute einen Durchschnittswert an, nachdem der Faktor 2,2 ist – um 1 kg Papier zu produzieren, braucht man 2,2 kg Holz. Die komplette weitere Rechnung ist beispielhaft und bezieht sich auf Durchschnittswerte, die im Einzelfall natürlich erheblich abweichen können.

Sagen wir, ein Buch wiegt im Schnitt 400 g und wir lesen davon 50 pro Jahr, dann werden für die 20 kg Buch 44 kg Holz und 1130 Liter Wasser gebraucht. Das ist jetzt keine krasse Menge für jede_n von uns, aber wenn man sich die Buchproduktion an sich mal anguckt, kommt da schon einiges zusammen. Nehmen wir an, ein Buch verkauft sich 2.000.000 mal. Das ist eine Menge, aber Jojo Moyes hat das mit Ein ganzes halbes Jahr zum Beispiel schon geschafft. Ein Buch dieser Dicke wiegt ca. 470 g, macht also ca. 940.000 kg Papier, 2.068.000 kg Holz und ca. 53.110.000 Liter Wasser. Das alles auf der Grundlage, dass unser Beispiel-Bestseller nur aus neu gewonnenen Fasern entsteht.

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Nadelbäume sind besonders beliebte Rohstofflieferanten für die Papierindustrie. (Bild: Manfred Antranias Zimmer / pixabay)

Rechnen wir mit Fichte weiter. Alle unsere Fichten sind 25 Meter hoch und haben einen Durchmesser von 40 cm, was 3,14 m³ entspricht. Desweiteren haben die Fichten eine Rohdichte von 470 kg/m³. Aus jedem Baum dieser Größe ließen sich also 1.475,8 kg Holz bzw. 670,82 kg Papier gewinnen. Für unseren Bestseller brauchen wir demnach 1.402 Fichten. Um die genannte Größe erreichen zu können, brauchen diese Fichten einen Pflanzabstand von ca. 5 Metern, jeder Baum hat also einen Platzbedarf von 25 m². Macht einen Flächenbedarf von 35.050 m² bzw. 3,51 ha, bzw. beide Etagen der Halle 3 der Frankfurter Messe, um hier mal ne anständige Maßeinheit reinzubringen.

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