Coming of Age auf Irisch – Éilís Ní Dhuibhnes „The Dancers Dancing“

Im Sommer 1972 fährt ein Bus von Dublin in den äußersten Norden Irlands, ans östliche Ende von Donegal. An Bord sind Schülerinnen und Schüler, die in den Sommerferien im „Irish College“ ihre eigene Kultur besser (kennen)lernen sollen. Morgens gibt es Irisch-Unterricht, am Nachmittag Ausflüge an den Strand und abends werden traditionelle irische Tänze unterrichtet. Mit dabei ist Orla, die mit ihren Freundinnen Aisling und Sandra reist. Was als unterhaltsamer Schulausflug beginnt, wird für Orla zu einer entscheidenden Entwicklungsphase.

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Ihren Mitschülerinnen gegenüber fühlt Orla sich oft benachteiligt oder sogar minderwertig. Ihr Vater ist Maurer und kein Journalist wie Aislings Vater. Er verdient so wenig, dass ihre Mutter angefangen hat, Zimmer im Haus an junge Männer zu vermieten, die eine billige Unterkunft in der Stadt brauchen. Wenn die Zimmervermietung gut läuft, müssen Orla und ihr Bruder bei den Eltern im Schlafzimmer übernachten und manchmal steht sogar im Treppenhaus noch ein zusätzliches Bett. Freundinnen kann man da natürlich nicht einladen. Außerdem ist ihre Mutter häufig müde und überanstrengt und leidet unter Kopfschmerzen. Orlas Aufgabe ist es dann, ihr im Haushalt zu helfen und die Einkäufe für sie zu tragen. Dass sie das in den nächsten Wochen nicht wird tun können, bereitet ihr ein schlechtes Gewissen. Überhaupt empfindet Orla ihre Familie als peinliche Belastung. Es bereitet ihr beinahe physische Schmerzen, dass sie einen Tag ihre Tante Annie besuchen soll. Was, wenn eine ihrer Freundinnen die schräge Tante sieht, die immer ein Bein nachzieht und in diesem peinlich heruntergekommenen Häuschen wohnt?

Doch mit den Wochen gewinnt Orla an Selbstvertrauen. In der Gastfamilie und in der Schule sind alle gleich, gleicher zumindest als zu Hause in Dublin. Es ist nicht mehr so wichtig, in welchem Viertel man wohnt und was der Vater (natürlich der Vater) beruflich macht. Orla beginnt, zu sich selbst zu finden und wagt sogar, von einer Zukunft zu träumen, in der sie einen Führerschein und ein eigenes Auto hat. In Dublin sieht man das manchmal schon – fahrende Frauen.

„This is Gaeltacht, a land of the child. What matters is the length of your hair and your shirt, the sweetness of your smile and the voice and your Irish, the lightness of your step, your ability to make friends.“

Éilís Ní Dhuibhne gelingt es, die sehr besondere Atmosphäre des Sommerlagers einzufangen, wie sehr in diesen wenigen Wochen der Rest der Welt jede Bedeutung verliert und wie surreal das nahende Ende scheint. Orla nimmt diese Trennung vom alltäglichen Leben als besonders einschneidend wahr, weil sie in der gesamten Zeit nicht von ihrer Mutter oder einem anderen Familienmitglied hört. Sieh hat das Gefühl, das erste mal in ihrem Leben gänzlich auf sich gestellt zu sein und sich ohne Erwartungen anderer entwickeln zu können. Neben Orlas Entwicklung ist die irische Kultur das zweite große Thema des Romans. Offiziell ist es den SchülerInnen während ihrer Zeit am College verboten, Englisch zu sprechen, auch in der Freizeit. Der Kurs findet extra in einer Gegend statt, in der im Alltag kaum Englisch gesprochen wird, so dass auch der Kontakt mit der lokalen Bevölkerung und den Gastfamilien auf Irisch stattfinden kann. Einige Dialogpassagen und sich wiederholende Phrasen sind dann auch auf Irisch wiedergegeben, teilweise ohne dass sie übersetzt werden. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es übersetzt wäre, wäre es wirklich handlungsrelevant und ich habe auch nicht das Gefühl, was verpasst zu haben. Die Handlung an sich zeichnet sich ja nun auch nicht durch Komplexität aus. Der durchregulierte Alltag am College wiederholt sich von Montag bis Samstag (das Abendessen oft auch) und am Sonntag geht man in die Kirche.

Aufregende Verwicklungen und spannende Szenen darf man von The Dancers Dancing nicht erwarten. Der Fokus ist wirklich sehr auf der inneren Entwicklung der Personen, allen voran Orla. Ich muss auch zugeben, dass ich vom wahnsinnig hässlichen Cover wirklich abgeschreckt war. Was sind denn das für Schuhe? Warum tragen die Damen Nachthemden am Strand? Warum haben ihre Schuhe Schatten, sie selbst aber nicht? Muss ich einen Roman lesen, in dem schattenlose Mädchen in Nachthemden am Strand abhängen? Muss man nicht. Der Roman ist um Welten besser und komplexer als dieses Cover es erwarten lasst. The Dancers Dancing ist eine treffend und fast lyrisch erzählte Coming of Age-Geschichte, die sehr viel Charme und Subtilität hat und zum Teil wirklich herzergreifend ist. Ich freue mich sehr auf weitere Bücher von Ní Dhuibhne.

(Ich habe übrigens keine Ahnung, wie die Autorin ausgesprochen wird, mache es aber ziemlich sicher falsch. In solchen Fällen hoffe ich immer, dass ich ein Video finde, in dem jemand sie vorstellt, habe aber nur eines gefunden, in dem sie Irisch spricht. Auch nett.)


Éilís Ní Dhuibhne: The Dancers Dancing. Review 2001, 242 Seiten. Erstausgabe 1999 bei Blackstaff, dort ist der Roman in einer Neuauflage auch noch lieferbar. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

Das Zitat stammt von S. 136.

Dieser Roman war 2000 auf der Shortlist für den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil es Women’s Prize for Fiction-Leseprojekts.

4 Gedanken zu “Coming of Age auf Irisch – Éilís Ní Dhuibhnes „The Dancers Dancing“

  1. Buchperlenblog 26. Februar 2019 / 12:52

    Huhu!
    Das klingt nach einem schönen Buch für zwischendurch, vielleicht während der warmen Sommernächte. Manchmal sehne ich mich auch in diese Zeit zurück, als man noch zu sich selbst finden musste und alles sein konnte. Ich dneke, das Buch notiere ich mir 🙂

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    • Marion 26. Februar 2019 / 14:36

      Hallo Gabriela,

      schön, dass das Buch dein Interesse wecken konnte.
      Ich finde, die Autorin trifft die Atmosphäre und das Gefühl sehr gut, wie es ist, das erste mal ziemlich allein und aus der gewohnten Umgebung gerissen zu sein. Zu Hause, in der Familie oder in der Schule verhält man sich ja immer irgendwie gleich und oft kommt man erst auf die Idee anders sein zu können (oder sogar zu wollen), wenn dieser Rahmen fehlt. Weil niemand da ist, der eine bestimmte Verhaltensweise von einem erwartet. Das finde ich immer ganz spannend und gerade mitten in der Pubertät potenziert sich das ja nochmal 🙂

      Liebe Grüße,
      Marion

      Gefällt 1 Person

  2. andrea 26. Februar 2019 / 13:03

    Das geht mir auch häufig bei Namen so, die man so gar nicht einordnen kann… Obwohl ich sie so gerne richtig aussprechen würde. Mich nervt es nämlich gewaltig, wenn jemand meinen Namen nicht richtig ausspricht. 🙂

    Schön, dass du dich vom Cover nicht abschrecken hast lassen. Das ist wirklich scheußlich!

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    • Marion 26. Februar 2019 / 14:39

      Ja, an diesem Cover hätte man echt so ungefähr alles besser machen können.
      Ich habe einen eigentlich echt simplen Nachnamen mit mageren vier Buchstaben und das bringt einige schon ins Straucheln. Bei Namen sollte man sich wenigstens ehrliche Mühe geben, alles andere finde ich irgendwie unhöflich bis respektlos. Was nicht heißt, dass ich nicht garantiert oft genug Namen falsch ausspreche 🙂

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