Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

Enright_TheForgottenWaltz.jpg

Der deutsche Titel Anatomie einer Affäre deutet schon an, dass es hier um das genaue Erforschen, eigentlich das Sezieren dieser Beziehung geht. Das ganze Buch ist als eine Art Innerer Monolog von Gina geschrieben und sie gibt nicht auf, bis sie jeden entscheidenden Moment zwischen sich und Seán gefunden hat. Obwohl das alles schrecklich und nach großer Tragödie klingt, gelingt es Enright mit ihrem einzigartigen Stil eine ganze Menge Humor in den Roman zu bringen. Niemand geht an gebrochenen Herzen zugrunde in dieser Geschichte, aber, und das ist auch ein echter Schicksalsschlag mitten in einer Immobilienkrise, es müssen diverse Häuser verkauft werden. Dennoch ist der Prozess natürlich für keine der beteiligten Personen einfach. Der Pragmatismus, mit dem die Situation des Romans geschildert wird, ist bemerkenswert und selten in Texten, die sich mit dem Scheitern der Liebe befassen. Umso angenehmer fand ich es.

The Forgotten Waltz war nach Rosaleens Fest mein zweiter Roman von Enright und schon beim ersten Versuch war ich sehr angetan von ihrem Stil, den ich aber nur in der Übersetzung kannte. Es lohnt sich – trotz gelungener Übersetzung – Enright im Original zu lesen. Sie schreibt sehr humorvoll und manchmal fast derb, ohne dass es jemals bemüht oder albern wirkt. Und auch, wenn die Geschichte im Grunde sehr deprimierend ist, hat es Spaß gemacht, sie zu lesen. Das hier war sicher nicht mein letztes Buch der Autorin.


Anne Enright: The Forgotten Waltz. Vintage 2012. Erstausgabe Jonathan Cape 2011. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Anatomie einer Affäre u. a. bei btb erschienen (übersetzt durch Hans-Christian Oeser und Petra Kindler)

Das Zitat stammt von S. 203.

Mit diesem Roman stand Enright 2012 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

2 Gedanken zu “Anne Enright: The Forgotten Waltz

  1. letteratura 15. Januar 2019 / 21:05

    Ich bin mit dem Buch damals nicht warm geworden, aber es ist schon lange her, dass ich mich nicht mehr erinnere, warum 😉 ich meine, dass ich nicht verstanden habe, was sie an dem Typen eigentlich gefunden hat… 😀 aber ich mag mich irren. Und ich habe trotzdem danach wieder Anne Enright gelesen… viele Grüße!

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    • Marion 16. Januar 2019 / 7:26

      Was sie an ihm findet habe ich allerdings auch nicht verstanden. Er wird weder als körperlich besonders attraktiv noch als sehr sympathisch beschrieben. Das fand ich aber ganz spannend.

      Gefällt 1 Person

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