Anne Enright: Rosaleens Fest

Rosaleen Madigan hat ihr ganzes Leben in County Clare verbracht. Dort hat sie (unter ihrem Stand) geheiratet und ihre vier Kinder großgezogen. Hanna, Constance, Emmet und Dan. Die Kinder sind alle aus dem Haus, und bis auf die älteste Tochter Constance über die ganze Welt oder zumindest bis nach Dublin zerstreut. Rosaleen hat einige ihrer Kinder seit Jahren nicht gesehen und auch der Kontakt der Geschwister untereinander ist auf ein Minimum beschränkt. Vor einigen Jahren ist auch ihr Mann gestorben und das große Haus, in dem sie die Zimmer ihrer Kinder in einem musealen Zustand bewahrt, wird ihr langsam zu viel. Während Rosaleen in diesem Jahr die knappen Weihnachtskarten an ihren Nachwuchs formuliert, entscheidet sie sich für ein spontanes Postskriptum: sie verkauft das Haus, den alten Familiensitz, und wer noch einmal Weihnachten in Ardeevin feiern wolle, möge das dieses Jahr tun.

„Rosaleen hatte seit zwanzig Jahren keinen Pieps von sich gegeben. Sie hatte keine Gelegenheit gehabt. Sie führte ein Dasein größter Harmlosigkeit.“

Die Kinder folgen ihrem Ruf, wenn auch nicht mit großer Begeisterung. Der einst verstoßene Dan, der Priester werden wollte, Emmet, der als Entwicklungshelfer allen immer ein schlechtes Gewissen macht, die erfolglose Schauspielerin Hanna und Constance, die sich als einzige Madigan für ein gesetztes Leben mit Mann und Kindern entschieden hat. Dass das Weihnachtsfest unter diesen Voraussetzungen keine harmonische Familienfeier werden kann, steht außer Frage.

Im ersten Teil des Romans widmet Enright sich den Kindern der Familie, die sie nach und nach charakterisiert, ein Kind pro Kapitel. Diese Kapitel sind in sich so rund und schlüssig, dass jedes für sich selbst als Kurzgeschichte stehen könnte. Und tatsächlich stehen die Geschwister auch für sich, eine Verbindung zwischen ihnen gibt es kaum. Sie besuchen sich nie und haben selten Kontakt. Als Constance ein paar Tage bei Dan in New York verbringt, ist sie genervt von seiner Art, die sie als überzogen und exaltiert empfindet. Ihren Bruder sieht und beschreibt sie als einen Fremden, auf dessen Sofa sie ein paar Tage schläft. Doch auch, wenn die Geschichten so isoliert nebeneinander stehen, ist der rote Faden, der sie verbindet, doch deutlich. Im zweiten Teil versammelt die Familie sich dann tatsächlich, wie von Rosaleen erhofft, zu einem letzten Weihnachtsfest im Haus ihrer Kindheit. Nur am ersten Abend gelingt es allen, die Konflikte und Vorwürfe mühsam zu unterdrücken. Der erste Weihnachtstag aber gerät schon beinahe zur Katastrophe.

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Die Zusammenfassung des Romans lässt eine Familiengeschichte klassischen Aufbaus erwarten. Die Familienmitglieder sind sich fremd oder sogar zerstritten, vergessen im Angesicht eines schwierigen Umstands aber alle Animositäten und raufen sich zusammen, denn am Ende ist Blut doch dicker als Wasser. Das alles erspart Enright einem. Niemand muss  in diesem Roman besser oder versöhnlich werden, niemand geläutert die Feier verlassen. Besonders bei Romanen, die an Weihnachten spielen, ist das eine so seltene wie angenehme Ausnahme.

Die Übersetzung ist in weiten Teilen gelungen, einige wenige Wendungen und Begriffe aber wirken störend und hölzern. „Shopping Trip“ und „Smoothie“ beispielsweise sind auch einem deutschen Publikum durchaus zumutbar und im Zweifel besser als die bemüht klingende „Einkaufsreise“. Und „Fruchtsaft“ ist halt einfach keine präzise Übersetzung von „smoothie“. Ob Innocent als Smoothie-Marke hinreichend bekannt ist oder als „unschuldig“ übersetzt werden muss, sei mal dahingestellt, die Szenen aber in denen Hanna mit Wodka gemischten Fruchtsaft trinkt, auf dessen Flasche „unschuldig“ steht, waren im Deutschen dann schon sehr holprig.

Davon aber mal abgesehen ist dieser Roman auch in der Übersetzung sehr lesbar und unterhaltsam, allerdings ist Enrights Stil so speziell, dass ich sie beim nächsten mal (das es auf jeden Fall geben wird) wohl im Original lesen werde. Rosaleens Fest ist eine unbedingte Empfehlung und ich kann mir vorstellen, dass dieser Romane tatsächlich einen ziemlich breiten Geschmack treffen dürfte. Man darf eben keine schöne Familiengeschichte mit versöhnlichem Ausgang erwarten.


Anne Enright: Rosaleens Fest. Deutsche Übersetzung von Hans-Christian Oeser. DVA 2015. 384 Seiten, gelesen als eBook. € 8,99. Lieferbar auch im Taschenbuch bei Penguin. Originalausgabe: The Green Road. Jonathan Cape 2015.

Das Zitat stammt von S. 124/261 (eBook)

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mit diesem Roman war Anne Enright 2016 auf der Shortlist des Baileys Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Women’s Prize for Fiction-Leseprojekts.

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13 Gedanken zu “Anne Enright: Rosaleens Fest

  1. thehateyougive 28. November 2017 / 22:22

    Selbst Nah&Da hat Innocent Smoothies, ich glaube die sind in der Gesellschaft angekommen.

    Der Post gibt mir die Idee für eine eigene Lesechallenge: „Familienfeste gone wrong“.

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    • Marion 28. November 2017 / 22:31

      Ja, ne? Ich hatte auch immer den Eindruck, dass das eine etablierte Marke ist.

      Vergiss nicht die desaströse Hochzeit von David Sedaris‘ Schwester (?). Ich hab den Titel vergessen, aber es müsste in „Naked“ sein. Auf jeden Fall ist da „Dinah, the Christmas Whore“ drin, was meine liebste Weihnachtsgeschichte ist. Darin schreibt er, dass man Scheißviertel daran erkennt, dass man statt Gardinen Bettwäsche benutzt und was soll ich sagen – guck aus dem Fenster.

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      • thehateyougive 28. November 2017 / 23:13

        Ich kann die Bettwäsche-Gardinen nicht verurteilen. Ich verwende eine große Innocent Smoothie Flasche als Nudelholz.

        Ich bin sicher, dass „Naked“ sich in diesem Haushalt befindet, fragt sich nur wo?

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  2. Niamh O'Connor 29. November 2017 / 12:55

    Ich kenne den Roman als Audiobook im Original, gelesen von der Autorin. Damit sollte man auf der sicheren Seite sein, aber leider hat die Geschichte in mir nichts zum Klingen gebracht. Nach Deiner Rezension dämmert mir allerdings, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, dem Roman im Original & in gedruckter Form eine zweite Chance zu geben.

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    • Marion 29. November 2017 / 13:54

      So geht es mir oft mit Hörbüchern, die von den AutorInnen gelesen werden. Vielleicht fehlt da der Abstand. Obwohl viele es gut können.

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      • Niamh O'Connor 29. November 2017 / 16:40

        Stimmt, manche AutorInnen schaffen das ausgezeichnet. Am besten sind in dem Bereich Autobiographien, was entweder daran liegen könnte, dass die AutorInnen oft hauptberuflich Vortragende sind. Mein all-time-favourite: Barack Obama mit „Dreams from my Father“

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        • Marion 29. November 2017 / 21:12

          Das klingt wirklich gut! Kommt auf die Merkliste…
          Ich finde es oft spannend, eine Lesung von AutorInnen zu hören, wenn ich das Buch schon kenne, einige Stellen aber völlig anderes im Kopf hatte, als es dann vorgetragen wird.

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  3. Eva Wißkirchen 2. Dezember 2017 / 23:38

    Wenn dem Übersetzer Shopping Trip zu englisch war, wäre doch auch Einkaufstour gegangen. Ein Wort, das in der Ausgangssprache ganz geläufig ist, sollte man in der Zielsprache nicht mit einem Neologismus wiedergeben, womöglich noch in dem Glauben, man sei besonders korrekt. Schön auch das Beispiel mit dem Smoothie – da traut er dem Publikum einfach zu wenig zu.

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    • Marion 3. Dezember 2017 / 11:42

      Der hat mich auch richtig genervt. „Shopping Trip“ kann man ja jetzt noch als Wort blöd oder zu englisch finden, aber ein Smoothie ist halt ein bestimmtes Getränk. Dafür gibt es kein anderes Wort, auch wenn es schön wäre, im Buchhandel nicht dauernd Kundinnen an der Frage nach Green Fmoofies (o.ä.) scheitern zu sehen. Es ist kein freundliches Wort.

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      • Eva Wißkirchen 3. Dezember 2017 / 14:54

        😂 🤣 (Fmoofies)
        Es hat immer so was Verstocktes, wenn man krampfhaft versucht, für jedes etablierte Fremdwort (das so geläufig ist, dass es gar nicht als solches wahrgenommen wird, wie z.B. Smoothie) eine deutsche Entsprechung zu (er-)finden. Dann wird es entweder falsch (Fruchtsaft) oder ist nicht mehr wirkungsäquivalent, weil ein Alltagswort mit einem Neologismus übersetzt wird.
        Aber ich merkere nur mit schlechtem Gewissen an Übersetzungen herum, weil mir bewusst ist, wie schwer literarisches Übersetzen ist.

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        • Marion 3. Dezember 2017 / 19:34

          Ich war immer so schlecht im Übersetzen, dass ich eigentlich gar nichts sagen dürfte. Meine Übersetzungen sind weder schön noch treu, die können sich eigentlich gar nicht vor die Tür trauen.

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          • Niamh O'Connor 5. Dezember 2017 / 15:19

            Für mich wär’s traurig, wenn einem literarische Übersetzungen einfach zu zufliegen würden – ich habe 6 Jahre an der Uni damit verbracht, das Übersetzen so halbwegs zu erlernen, da konnte ich die Sprachen (Deutsch/Englisch/Französisch) aber schon einigermaßen …
            Wenn ihr mal eine richtig gute Übersetzung lesen wollt, kann ich euch Cannery Row von John Steinbeck in deutscher Übersetzung von Rudolf Frank empfehlen: Ich hab das Hörbuch, gelesen von Ulrich Mattes, gehört und dabei im englischen Original mitgelesen: atemberaubend!!! Eine Leseprobe dazu gibt’s auf meinem Blog.

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