Wolfgang Herrndorf: Sand

WolfgangHerrndorf_Sand„Aus Romanen wusste sie, dass die schönsten Frauen auch immer die unglücklichsten waren. Sie las viel.“

Sand ist, anders als ich es vermutet hätte, ein fast klassischer Agententhriller. Nur ist einem der Beteiligten in diesem Thriller nicht klar, ob er überhaupt Teil davon sein kann und soll, denn er hat nach einem Angriff sein Gedächtnis verloren und nicht den Hauch einer Ahnung, wer er ist. Wer vorhat, das Buch zu lesen, sollte übrigens unter überhaupt gar keinen Umständen den wikipedia-Artikel lesen, der erste Satz ist schon die Auflösung.

Die Geschichte spielt zu Beginn der 1970er in einer ehemals französischen Kolonie in Nordafrika, die nicht benannt wird, sich aber sehr marokkanisch liest. Dort werden die beiden französischen Polizisten Canisades und Polidorio mit einem Mordfall betraut. Eine Hippie-Kommune in einer Wüstenstadt wurde überfallen, vier Menschen getötet. Ein Schuldiger ist gefunden, die Indizien gegen ihn sind leider wenig überzeugend. Der Fall muss aber schnell aufgeklärt werden, schließlich waren die Opfer Europäer.

Nur wenig später erwacht in einer entlegenen Scheune ein Mann mit einer schweren Kopfverletzung und ohne Gedächtnis. Er erinnert sich, dass vier Männer hinter ihm her waren, dass einer von ihnen sagte, er habe ihn mit einem Wagenheber außer Gefecht gesetzt und dass ein gewisser Cetrois auf einem Moped verschwunden sei. Außerdem weiß er noch, dass es um eine Mine ging. Aber um was für eine Mine es geht, ob Bleistift, Gold oder Sprengstoff, das weiß er nicht. Er trägt sowohl einen Anzug als auch eine traditionelle Djellaba darüber, versteht und spricht sowohl Arabisch als auch Französisch. Bevor er seine Papiere zu Rate ziehen kann, werden ihm auch diese geraubt.

Der Zufall treibt ihn in die Arme von Helen Gliese, einer bezaubernd schönen Amerikanerin, die gerade erst seit ein paar Tagen im Land ist. Als Vertreterin eines großen Kosmetikkonzerns soll sie neue Märkte erschließen. Die Tatsache, dass sie nichts berufliches unternimmt, dafür aber sehr souverän Autos reparieren kann, wirft Fragen auf. Kurzentschlossen nimmt sie den Gedächtnislosen in ihren Bungalow mit. In seinem Anzug eingenäht findet sich der Name Carl Gross und obwohl klar ist, dass das nur der Hersteller ist, nennt Helen ihn ab sofort Carl. Carl weigert sich zunächt, einen Arzt aufzusuchen, weil er fürchtet, in ein Kapitalverbrechen verwickelt zu sein, ohne es noch zu wissen. Verzweifelt versucht er, in den Straßen Menschen zu finden, die ihn erkennen oder wenigstens jemand, der ihm sagen kann, wer der verschwundene Cetrois ist. Es findet sich aber keine Spur. Helen hilft ihm zwar, wo so sie kann, verliert aber auch zusehendes die Geduld mit dem Mann, dem so gar nichts zu seiner Herkunft oder der ominösen Mine einfallen will. Man fragt sich bald, ob ihr Hilfsangebot wirklich so altruistischer Natur ist.

Für die Lesenden aber ist gerade diese Unwissenheit das Spannende am ganzen Roman. Denn Carl ist über weite Strecken die Reflektorfigur, man teilt Wissen und Horizont mit ihm. Und so tappt man mit ihm immer weiter im Dunkeln, folgt falschen Fährten und verzweifelt immer mehr. Herrndorf konnte, wie ich finde, sehr bildhaft schreiben. Schon nachdem ich Tschick gelesen hatte, habe ich ein paar Tage später jemandem von einer Filmszene erzählt, die ich gesehen hatte, bis mir auffiel, dass ich von Tschick redete und es den Film noch nicht gab. So ähnlich ist es mir bei Sand ergangen, auch wenn es eher war, als würde man ein Adventure spielen. Das Setting hat mich an „Runaway“ erinnert (übrigens ein sehr gutes Spiel), nur dass man selbst ausnahmsweise nicht der Held ist, der die irrsinnig attraktive Frau retten muss, sondern die attraktive Frau die Drecks- und Denkarbeit übernimmt.

Neben den wichtigsten Figuren Carl und Helen gibt es noch etliche Nebenfiguren, die ihren Teil zu Handlung und Verwirrung beitragen, unter anderem die Kommunen-Bewohner Michelle und Ed, der schwedische Geheimdienstler Herrlichkoffer/Lundgren und etliche Jäger der geheimnisvollen Mine. Und dann gibt es noch das geheimnisvolle Ouz, ein Tier, das in der Wüste lebt, so klein sein kann wie eine Maus und so groß wie ein Lastwagen und dessen Bisse höllische Schmerzen verursachen. Brennen kann es auch. Welche Funktion dieses geheimnisvolle Tier in dem Roman übernimmt, ist mir nicht ganz klar geworden, wie ich zugeben muss. Das aber ist auch eigentlich schon mein einziger Kritikpunkt an diesem Roman, der irgendwas zwischen Spionageroman und Agententhriller ist. Obwohl der Stil für dieses Genre ziemlich komplex ist, liest er sich rasend schnell und spannend und die Geschichte zieht einen sofort in ihren Bann. Ganz großartig fand ich übrigens die Zitate, die Herrndorf jedem Kapitel vorangestellt hat und die immer ein Kommentar, oft ein ironischer, zum gleich Geschehenden sind.

Vor Jahren hatte ich das Buch schonmal angefangen und nach wenigen Seiten wieder abgebrochen, ich weiß nicht mehr warum. Ein zwischen den Seiten klemmender Bierdeckel legt die Vermutung nahe, dass eine zu spät kommende Verabredung mich abgelenkt hat und ich dann einfach nie wieder angefangen habe. Aber so hatte ich das Vergnügen eben jetzt.


Wolfgang Herrndorf: Sand. Rowohlt 2013. 474 Seiten, € 9,99. Originalausgabe Rowohlt 2011.

Das Zitat stammt von S. 34

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18 Gedanken zu “Wolfgang Herrndorf: Sand

  1. thomas 11. Oktober 2016 / 11:34

    (gerade eben erst deinen Blog entdeckt und schon das zweite Buch in Folge, dass ich auch sehr sehr mochte)
    Ich fand Sand auch unglaublich unterhaltsam, intelligent und witzig. Etwas tragisch fand ich den Zusammenhang zwischen dem Gedächtnisverlust des Hauptcharakters und der Krankheit des Autors. Eigentlich finde ich alle Bücher von Herrndorf super, auch wenn jedes wieder komplett anders ist.

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    • Marion 11. Oktober 2016 / 11:37

      Ja, da hast du recht, das hat wirklich was tragisches.
      Ich mochte „Tschick“ sehr gerne, „Bilder deiner großen Liebe“ hat mir nicht so gefallen, das liegt aber glaub ich daran, dass ich Isa nicht mochte. Gut geschrieben war auch das.
      Gerade gekauft habe ich mir „Arbeit und Struktur“, das ich mal angelesen habe und das mich schon auf den paar Seiten sehr beeindruckt hat.

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      • thomas 11. Oktober 2016 / 11:40

        „Arbeit und Struktur“ fand ich extrem gut. Vor allem da man das Ende (von Herrndorf) kennt, wollte ich eigentlich gar nicht, dass das Buch jemals zu Ende geht.

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      • Tobias Illing 11. Oktober 2016 / 16:39

        „Arbeit und Struktur“ solltest du auf jeden Fall zeitnah lesen. Allein wegen der vielen Kommentare Herrndorfs zu seinen Büchern! Aber auch ohne Kenntnis der anderen Texte ist „Arbeit und Struktur“ ein beeindruckendes und tief erschütterndes Werk.

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  2. comp_lit_se 11. Oktober 2016 / 12:12

    Der Bierdeckel passt ja farblich perfekt!
    Auch die Besprechung ist wieder mal sehr gelungen; ich kriege gleich Lust, Sand zu lesen; zumal die anderen Bücher, die ich von Herrndorf bereits kenne („Tschick“ und „In Plüschgewittern“) mir auch gut gefallen hatten.
    Aber leider habe ich noch so viele andere Bücher auf meinem Stapel … es ist immer dasselbe. Man müsste jeden Tag zehn Stunden extra haben, nur zum Lesen.

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    • Marion 11. Oktober 2016 / 12:34

      Ja, das wäre toll! Dann hätte ich vielleicht den Hauch einer Chance, jemals alles zu lesen, was ich lesen will.

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  3. dj7o9 11. Oktober 2016 / 12:28

    Ohhh das liegt hier bei mir rum und so einige wollten mich davon abbringen, weil sie meinten da steigt man nicht nur. Jetzt freue ich mich um so mehr darauf. Danke für die schöne Rezension 🙂

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  4. thursdaynext 11. Oktober 2016 / 16:29

    Witzig, hatte es auch begonnen und abgebrochen, Jetzt landet es dank dir wieder auf der Liste der bücher die gelesen werden wollen.

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    • Marion 11. Oktober 2016 / 18:56

      Ich glaube, dass ich den Anfang beim ersten Mal verwirrend fand und die beiden Polizisten nicht auseinander halten konnte 🙂 . Auch beim zweiten Mal hab ich ein bisschen gebraucht, um reinzukommen, aber es hat sich gelohnt.

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    • Scherbensammlerin 26. Oktober 2016 / 10:41

      Auf deinen Rat hin habe ich nicht bei Wiki nachgelesen, sondern mich gleich in den Roman vertieft. Und ich muss sagen, dass ich erst sehr spät auf den Plot gekommen bin, wenn überhaupt. Dass eine Martial-Arts-Frau nach dem Satz „Tschuldigung, ist das hier die Touristeninformation“ die harten Jungs ausschaltet, hat mir fast am meisten imponiert. Und die Verwendung der immer auftauchenden Gegenstände und Farben. Wie bei Hitchcock. Hast recht, er schreibt so bildhaft, dass ich mir auch sonst vorkam wie einem Kinosaal. Vielleicht kommt ja der Film noch. Guter Stoff ist es allemal.

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      • Marion 26. Oktober 2016 / 10:46

        Freut mich, dass es dir auch gefallen hat! Herrndorf hatte ein wahnsinniges Talent. Dieses „Filmgefühl“ habe ich nur ganz selten.

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