Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Arbeit und Struktur ist der Blog Wolfgang Herrndorfs, in dem er vor allem von seiner Erkrankung berichtet. 2010 wird bei ihm ein Gehirntumor, ein Glioblastom diagnostiziert. Mit Chemo und OPs überlebt er unerwartet lange. Am 26.08.2013 erschießt er sich am Landwehrkanal. Nach seinem Tod wurde der Blog in Buchform veröffentlicht, ist bis heute aber auch online verfügbar.

„Oft denke ich eine halbe Stunde oder länger nicht an den Tod.“

2016-11-01-13.52.54.jpg.jpgDass Arbeit und Struktur kein einfaches Buch sein würde, war mir klar, schließlich handelt es vom Tod eines Menschen. Aber, so dachte ich, würde es mir auch nicht sehr nahe gehen, schließlich kannte ich Herrndorf nicht und sein Tod wäre also für mich nichts anderes als der einer fiktiven Figur oder einer historischen Person. Ich habe am Ende fast vier Wochen gebraucht für dieses Buch, weil ich es immer wieder weglegen musste, weil Herrndorf mich immer wieder völlig kalt erwischt hat mit einem einzigen Satz, mit einem blöden Halbsatz. Herrndorf konnte außergewöhnlich gut schreiben und seine Worte haben eine ungeheure Wucht.

Während der Zeit, in der dieser Text entstanden ist, hat er Tschick veröffentlicht und Sand. Tschick war sein erster großer Erfolg, für Sand bekam er den Preis der Leipziger Buchmesse und war auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. (Wer letzteres noch lesen will, sollte es unbedingt vor diesem Buch lesen.) Kurz nach seiner Diagnose telefonierte er mit einem Mann, der ebenfalls an einem Hirntumor erkrankt war. Zehn Jahre nach seiner OP lebte er noch, eine absolute Ausnahmeerscheinung, und riet Herrndorf, Arbeit und Struktur seien das einzige, was in dieser Situation helfe. Herrndorf schrieb in den folgenden drei Jahren wie ein Wahnsinniger. Am Ende musste er einsehen, dass er weder mit dem Roman mit dem Arbeitstitel „Isa“ (später veröffentlicht als Bilder deiner großen Liebe) fertig werden würde, noch mit dem SciFi-Roman, den er begonnen hatte.

Herrndorf hadert nicht mit seinem Schicksal, zumindest nicht öffentlich. Er akzeptiert an einem sehr frühen Zeitpunkt der Erkrankung, dass sein Tod in wenigen Monaten extrem wahrscheinlich ist. Aber er ist nicht gewillt, dabei einfach zuzusehen. Er denkt über Selbstmord nach und beschließt, dass eine Schusswaffe für ihn der einzig mögliche Ausweg sein kann. Es macht ihn wütend, dass Sterbehilfe in Deutschland keine Option ist, dass man nicht einfach geeignete Tabletten bekommen kann, denn „tagelang durch verrauchte Neuköllner Hinterhofwohnungen laufen zu müssen und mit Leuten zu sprechen, die nicht sagen wollen, wie sie heißen, nur um Gewissheit zu haben – das ist eines zivilisierten mitteleuropäischen Staates nicht würdig“ (75). Die Waffe wird sein größter Halt, liegt neben ihm auf dem Schreibtisch wenn er arbeitet und abends nimmt er sie mit ins Bett. Der Selbstmord wird sein Anker im Leben.

Er nutzt die Monate, die er noch hat. Mit dem, was er an Tschick verdient, kann er sich endlich eine schöne Wohnung leisten, mit der Dachterrasse, die er immer haben wollte. Er fährt in Urlaub, liest viel, schwimmt viel, spielt Fußball solange es geht. Er läuft das letzte Mal durch Schnee und glaubt, das letzte Mal Johannisbeeren zu essen. Nein, da kommt noch ein Sommer, aber das weiß er nicht. Ich weiß nicht, ob es schlimmer ist, das zu wissen, wenn man Arbeit und Struktur liest oder ob es einfacher ist, weil man keine falsche Hoffnung hat.

Bewerten kann ich diesen Text nicht. Jemand berichtet von seinem langsamen Weg in den Tod – was soll man denn dazu sagen? Stilistisch war Herrndorf der Knaller, in jedem seiner Romane und auch in seinem Blog. Er legt eine unglaubliche Besonnenheit und Reflektiertheit an den Tag, auch wenn man merkt, dass er oft panisch und verzweifelt ist. Man weiß ja, wie das Buch ausgehen wird, man kann sich darauf gefasst machen. Dass ich derartige Mengen Rotz und Wasser heulen würde, damit hätte ich nicht gerechnet.


Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Rowohlt 2015. 444 Seiten, € 10,99. Erstausgabe: Rowohlt 2013.

Zitat: S. 120

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17 Gedanken zu “Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

  1. Bri 28. Februar 2017 / 12:52

    Großartig Marion – ich habe den Blog als solchen verfolgt und ja, Herrndorf war stilistisch ein Knaller. Wahre Worte. Er ist so authentisch, erwischt einen immer und das sprachlich auf höchstem Niveau. Eine Bewertung braucht es hier nicht, Du hast sehr gut ausgedrückt, was Herrndorf mit Arbeit & Struktur geschaffen und geleistet hat. Herzlichen Dank dafür. LG, Bri

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  2. fraggle99 28. Februar 2017 / 13:01

    Ich schätze, dieses Buch sollte ich meiner angeschlagenen Psyche gerade nicht zumuten! 😉 Andererseits relativiert sich das eigene Hadern mit dem Leben immer schlagartig, wenn man so etwas liest. Na, irgendwann wird’s auch mal wieder Sommer, bis dahin behalte ich das Buch mal im Hinterkopf. 🙂

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    • Marion 28. Februar 2017 / 20:20

      Das Buch ist absolut lesenswert, aber mit einer Psyche, die gerade nicht so völlig auf der Höhe ist, sollte man es vielleicht wirklich nicht lesen. Es zieht einen so auch schon ganz schön runter.

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    • Marion 28. Februar 2017 / 20:23

      Sand ist ein enorm gutes Buch. Es ist so eine Schande, dass der nicht nochmal so ein Buch schreiben kann. Ich hätte extrem gerne gesehen, was er aus dem SciFi-Genre macht.
      Der Narzissmus, den du auf deinem Blog ansprichst, ist mir manchmal auch ein bisschen auf die Nerven gegangen. Ich weiß nicht, ob er ein so ganz einfacher Mensch war… Muss man ja aber wohl auch nicht sein, wenn man trotzdem so einen hammer Freundeskreis um sich rum hat.

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      • Bri 1. März 2017 / 22:28

        Was den Narzissmus angeht – ich meine mich zu erinnern, gelesen zu haben, dass das eine Auswirkung der Krankheit, also des HIrntumors sein kann. Das Wesen ändert sich durch die veränderte Hirnchemie … und ich denke, der Freundeskreis kannte ihn ja auch vorher und wußte, wer er ist und war .

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        • Marion 1. März 2017 / 22:45

          Ja, ein Tumor kann die Persönlichkeit ganz schön verändern.
          Aber auch wenn er vorher schon nicht einfach war – das ändert ja nichts daran, dass er möglicherweise ein großartiger Freund und fantastischer Gesprächspartner war. Nicht unwesentliche Teile meines Freundeskreises sind nicht so sehr einfach und dennoch unverzichtbar.

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    • Marion 28. Februar 2017 / 20:24

      Ich weiß auch ehrlich nicht, ob ich es nochmal lesen würde. Wie gesagt – ich hatte das wahnsinnig unterschätzt.

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  3. thursdaynext 28. Februar 2017 / 17:47

    ich liebe Herrndorf drücke mich aber auch schon länger vor diesem Werk.

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    • Bri 1. März 2017 / 22:29

      Thurs, hier gilt drücken nicht – bei Matt Haig ja, hier nicht … 😉 Kannst ja den Blog lesen, der ist ja noch on und da kannst Du es einteilen. LG, Bri – *Daumenschraubenbereitleg*

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      • thursdaynext 2. März 2017 / 16:23

        Ayyyy, eiserene Jungfrau oder Streckbett hast du nicht im Angebot. Ich mach ja…irgendwann…nicht schubsen! 😉

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        • Bri 2. März 2017 / 16:57

          Bring the comfortable chair – and a glas of milk 😉 Nee,schubsen mag ich nicht. Aber hier würdest Du tatsächlich etwas verpassen.

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