Christopher Ecker: Fahlmann

Ein Werk ohne Widersprüche hat keinerlei Erkenntniswert. Nur im Paradoxon liegt Gewinnn.

ecker_fahlmannGeorg Fahlmann ist ein Mann um die dreißig, Student mit schriftstellerischen Ambitionen und Aushilfe im familieneigenen Bestattungsunternehmen. Er lebt im Saarland, was sich sehr zu meiner Freude durch gelegentliche dialektale Passagen bemerkbar macht, zusammen mit seiner Frau Susanne und seinem Sohn Jens. Die meiste Zeit verbringt er auf dem Dachboden, wo er nicht an seiner Hausarbeit über Personennamen bei Thomas Mann arbeitet und an seinem Roman Vom Herausgehen am Tage verzweifelt. Dieser handelt von Carl Bahlow, einem Entomologen, der als Außenagent einer ominösen Firma in die Tendaguru-Expedition eingeschleußt wird. Diese fand um 1910 in Deutsch-Ostafrika statt mit dem Ziel, die Fossilien von „Schreckensechsen“ zu finden und nach Deutschland zu verschiffen. Wer mal im Berliner Naturkundemuseum war, hat zumindest ein Fossil dieser Expedition, den Brachiosaurus in der Eingangshalle gesehen.

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Wolfgang Herrndorf: Sand

WolfgangHerrndorf_Sand„Aus Romanen wusste sie, dass die schönsten Frauen auch immer die unglücklichsten waren. Sie las viel.“

Sand ist, anders als ich es vermutet hätte, ein fast klassischer Agententhriller. Nur ist einem der Beteiligten in diesem Thriller nicht klar, ob er überhaupt Teil davon sein kann und soll, denn er hat nach einem Angriff sein Gedächtnis verloren und nicht den Hauch einer Ahnung, wer er ist. Wer vorhat, das Buch zu lesen, sollte übrigens unter überhaupt gar keinen Umständen den wikipedia-Artikel lesen, der erste Satz ist schon die Auflösung.

Die Geschichte spielt zu Beginn der 1970er in einer ehemals französischen Kolonie in Nordafrika, die nicht benannt wird, sich aber sehr marokkanisch liest. Dort werden die beiden französischen Polizisten Canisades und Polidorio mit einem Mordfall betraut. Eine Hippie-Kommune in einer Wüstenstadt wurde überfallen, vier Menschen getötet. Ein Schuldiger ist gefunden, die Indizien gegen ihn sind leider wenig überzeugend. Der Fall muss aber schnell aufgeklärt werden, schließlich waren die Opfer Europäer.

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Jan Kuhlbrodt: Das Modell

Kuhlbrodt_DasModell„Beide waren wir Schwemmgut in dieser Stadt und als Diener der Oberfläche geendet.“

Die Herbstvorschauen dieses Jahr haben mich nicht sehr fröhlich gestimmt und die Ausbeute war zumindest mager. Dann aber las ich bei Edition Nautilus, dass es einen Mann gibt, der Jan Kuhlbrodt heißt und dessen neues Buch Das Modell sich liest wie eine Mischung aus Genazino, Witzel und Kurzeck. Außerdem stand dort, man dürfe sich gerne eine Leseexemplar anfordern, was mich in hektischen Aktionismus versetzt hat.

Das Modell ist ein recht kurzer Roman, der größtenteils in Frankfurt spielt. Er handelt von Schroth, einem Akademiker, der seine Promotion mangels eines Stipendiums aufgeben musste. Nun arbeitet er als Fensterputzer. Aufgewachsen ist er in Karl-Marx-Stadt und vor Jahren mit seinem Freund Thilo nach Frankfurt gekommen. Thilo ist Künstler, er formt Skulpturen aus Metall und glänzendem Chrom und zu Beginn des Romans fällt eines seiner Kunstwerke auf ihn. Ob es ihn erschlägt, erfährt der Leser nicht, denn Schroth weiß es selber nicht oder redet sich zumindest erfolgreich ein, es nicht zu wissen. Er hat die Ausstellung besucht, hat den Unfall aus nächster Nähe erlebt und ihn vielleicht sogar selbst herbeigeführt, aber er konnte bei Thilos Abtransport nicht erkennen, ob er noch lebt. Er hat nur gesehen, wie Thilo unter seiner Skulptur lag, in einer unnatürlichen Haltung.

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Frank Witzel: Revolution und Heimarbeit

revolutionundheimarbeit„Oft ist es so, daß man das Schreckliche, das in einem selbst rumort, überhaupt nur äußern kann, wenn man es verkleidet, verändert, oder eben einer, oder mehreren Personen als deren Aussage unterschiebt.“

Ein deutscher Journalist reist nach Arlington in der Nähe von Washington, wo er ein Verbrechen aufklären will. Sein Schwager hat ihn auf diese Spur gebracht und hat auch den Kontakt zu seinem Bekannten Snake hergestellt, einem jungen Mann, der ursprünglich aus Deutschland stammt, nun aber schon seit vielen Jahren in den USA lebt. Der Journalist hat sein letztes Geld ausgegeben für den Flug in die USA und ein neues Aufnahmegerät, mit dessen Kopfhörern er aber schlecht zurechtkommt, was, wie er gleich zu Beginn anmerkt, zu Fehlern in seiner Arbeit geführt haben könnte. Nicht immer sei ihm gleich aufgefallen, wenn Aussagen seiner Interviewpartner merkwürdig oder undeutlich waren. Tatsächlich scheinen die Interviews, die er alle in seinen Bericht eingefügt hat, auf den ersten Blick oft nichts mit dem Kriminalfall zu tun zu haben. Überhaupt ist es schwer, herauszufinden, worum es bei diesem Verbrechen gehen soll.

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Steven Galloway: Der Illusionist

illusionistMartin Strauss erhält zu Beginn des Buchs die Diagnose von seinem Arzt, dass er langsam aber sicher verrückt werden wird und es zum Teil sogar schon ist. Er vergisst Erlebnisse aus seiner Vergangenheit und ersetzt diese durch völlig erfundene Geschichten, von denen er aber glaubt, sie seien wahr – er konfabuliert. Da ein guter Teil der Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, kann man sich niemals völlig sicher sein, was wahr ist und was seiner Phantasie entspringt, wenn er, auf einer Bank vor dem Krankenhaus sitzend, sein Leben Revue passieren lässt.

Zweimal in seinem Leben trifft Martin Strauss, selbst Zauberer, auf den großen Harry Houdini. Und beide Male bringt er ihn um. Um von diesen beiden Begegnungen zu berichten, wird die Biographie Houdinis erzählt. Sein Aufstieg von einem zweitklassigen Zirkuszauberer, der mit billigen Tricks vorgibt, die Gedanken des Publikums lesen zu können zum größten Magier und Entfesselungskünstler seiner Zeit. Seine Verbindungen zu Geheimdiensten, zum russischen Zarenhaus, seine Bekanntschaft mit Arthur Conan Doyle und sein erbitterter Kampf gegen betrügerische Spiritisten, die zu seiner Lebenszeit ein Vermögen mit den Ängsten anderer Menschen machten und großen Einfluss auf wichtige Politiker nahmen – das alles nimmt ein Ende, als Houdini 1926 auf Martin Strauss trifft, der einen seiner Auftritte in Montreal besucht und ihn tötet, ohne es zu beabsichtigen. Aber wie tot ist der Meister der Illusion wirklich?

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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

rafIch weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Lobeshymne. Ich habe Wochen gebraucht für dieses Buch. Das liegt daran, dass es sehr dick, anstrengend und gut ist. So gut, dass ich für manche Seiten sehr lange gebraucht habe, weil jeder einzelne Absatz so gut war, dass ich ihn nochmal und nochmal und vielleicht nochmal lesen musste. Und daran, dass es kein Buch für zwischendrin ist, das würde ihm einfach nicht gerecht werden.

Es ist lange her, dass ich ein so brillant konstruiertes Buch gelesen habe. Der Erzähler ist der titelgebende manisch-depressive Teenager, der in der jungen BRD aufwächst. Zusammen mit Claudia und Bernd gründet er die Rote Armee Fraktion als er gerade dreizehn Jahre alt ist. Alles andere muss man sich irgendwie zusammenreimen aus den Bruchstücken, die der Autor einem gibt. Dialoge, Monologe, ein Verhör, in dem man dem Erzähler Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft, ein Theaterstück, aufgeführt von der Schauspielgrupe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf, Erinnerungen an Spaziergänge mit seiner Geliebten Gernika, Beatles-Exegese, Rolling Stones-Negation, Gespräche mit dem Therapeuten Dr. Märklin.

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