Madeline Miller: The Song of Achilles

Griechische Mythologie hat mich noch nie gekriegt, das muss ich zugeben. Früher hatte ich mal ein Buch mit griechischen Sagen, von dem ich noch weiß, dass irgendjemand mit einem glühenden Pflock einer Kreaturen die Augen ausgebrannt hat – ich glaube, es war Odysseus und das Opfer ein Zyklop, womit er nur ein Auge hätte ausbrennen müssen, aber auch das war schockierend genug, so dass ich danach lieber wieder die Pferde-Internat-Sammelbände aus dem Club Bertelsmann gelesen habe. Ungefähr auf dem Level bin ich geblieben, außerdem kann ich mir die ganzen Namen immer nicht merken und gerate durcheinander und, ich glaube das habe ich schon mal gesagt, ich bin schlecht mit Schlachten. Das ist nun wirklich eine denkbar schlechte Voraussetzung für griechische Heldensagen.

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Nun, dank Women’s Prize for Fiction-Sieg landete nun The Song of Achilles auf meiner Leseliste. Ich hatte noch die Hoffnung, das hätte irgendeine metaphorische Bedeutung, aber nein. Es geht wirklich um Troja, um Achilles und um seinen Gefährten Patroclus. Die Beziehung der beiden ist je nach Quelle unterschiedlicher Natur – in einigen Versionen (Homer) verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, in anderen eine Liebesbeziehung (Aischylos). Miller hat sich in ihrer Variante für letzteres entschieden. Also auf geht’s – verwirrende Namen und Speerwerferei.

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Sokrates im Gulag – Lewan Berdsenischwilis „Heiliges Dunkel“

Drei Jahre lang, von 1984 bis 1987, war der Georgier Lewan Berdsenischwili im Gulag inhaftiert, verurteilt wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda. Er hatte in Georgien eine republikanische Partei mitbegründet. Der Zeit seiner Inhaftierung widmet er den Roman Heiliges Dunkel – Die letzten Tage des Gulag. Anders als man das aus anderen Gulag-Romanen kennt, schildert er diese Zeit allerdings nicht als schreckliches Erlebnis, sondern konzentriert sich ausschließlich auf die Menschen, die er dort kennen lernte und mit denen er auch lange Jahre nach der gemeinsamen Haft in Kontakt stand.

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Seine Haftbedingungen waren relativ erträglich, was mit am späten Zeitpunkt seiner Festnahme lag. Zu den Zeiten von Glasnost und Perestroika waren die Strafgefangenenlager schon lange nicht mehr das, was man sich, mit Iwan Denissowitsch im Hinterkopf, unter einem Gulag vorstellt. Zwar berichtet Berdsenischwili von willkürlichen Schikanen durch die Angestellten und Wärter, im Großen und Ganzen geht es aber ganz zivilisiert zu in der Zone der politischen Gefangenen. Mit Grauen erzählt man sich dort, unter der intellektuellen Elite der Sowjetunion, wie furchtbar es zugehen muss in den anderen Zonen, wo Mörder und Diebe ihre Haftstrafe verbüßen. Unter den politischen Gefangenen hat man es ganz nett. Man trifft viele Gleichgesinnte und kann über Literatur, Musik und Sprache reden, Schach spielen oder sich zur Scharade treffen. Zwischendrin müssen Handschuhe genäht werden, eine Arbeit, die eintönig aber körperlich nicht besonders schwer ist. Traumatisierend ist die Erfahrung für Berdsenischwili trotzdem, daran lässt er nie einen Zweifel. Vor allem die Trennung von seiner Frau und seiner Tochter fällt ihm sehr schwer.

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Essen aus Büchern: Lamington-Kuchenwürfel aus Carrie Tiffanys „Fortschrittlich leben für jedermann“

In Fortschrittlich leben für jedermann geht es um ein Ehepaar, beide Angestellte des australischen Landwirtschaftsministeriums. Die beiden sind so beflügelt von der Idee des technischen Fortschritts, dass sie unter streng wissenschaftlichen Kriterien eine prosperierende Farm im unwirtlichen Outback aufbauen wollen. Bald müssen sie erkennen, dass Theorie und Praxis weit auseinander liegen und führen ein äußerst entbehrungsreiches Leben. Umso größer die Freude wenn es anlässlich einer Feier doch mal was besonderes gibt:

„Es gibt Vanilleteilchen mit so dicker Puddingfüllung, dass der Deckel fast abrutscht und Lamington-Kuchenwürfel mächtig wie Backsteine.“

Um die Lamington-Würfel rankt sich übrigens eine Legende, die garantiert falsch ist und besagt, dass die Haushälterin von Lord Lamington, Governor of Queensland, einen Kuchenwürfel versehentlich in Schokoladensoße hat fallen lassen und ihn daraufhin, damit man ihn wenigstens anfassen konnte, in ebenfalls herumstehende Kokosraspeln geworfen hat. Der just in diesem Moment eintretende Lord Lamington war entzückt von der Idee. Und so sind der Legende nach die Lamingtons entstanden. Möglich ist es allerdings, dass der Kuchen tatsächlich aus seinem Umfeld stammt. Europäische Gäste waren zu dieser Zeit noch sehr leicht mit Kokos zu begeistern.

Wer den angeblichen Küchenunfall nachbauen will, so geht’s:

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Der stets das Böse will und stets das Gute schafft – Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

An einem Abend im Frühling treffen sich die beiden Schriftsteller Berlioz und Besdomny an den Moskauer Patriarchenteichen, wo sie ein wenig spazieren gehen und sich über Literatur unterhalten. Dort treffen sie auf den Ausländer Voland, der sich sehr merkwürdig benimmt, nur kryptisch auf Fragen zu seiner Person antwortet und Berlioz einen frühen Tod voraussagt, verursacht durch das Abtrennen seines Kopfes. Nur Minuten später kommt es tatsächlich zu einer unschönen Begegnung des Autors mit einer Straßenbahn. Und das ist erst der Beginn einer Reihe höchst seltsamer Vorkommnisse in der Stadt.

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Gemeinsam mit seinen Begleitern, unter anderem einem riesigen Kater namens Behemoth, bezieht der mysteriöse Ausländer Quartier in der Sadowaja 302b, Wohnung 50. Von dort aus verdingt er sich als Künstler vor ausverkauftem Haus, stiftet allerhand Verwirrung und sorgt dafür, dass die Nervenheilanstalt der Stadt einige Patienten mehr bekommt. Dass der geheimnisvolle Fremde nichts Gutes im Schilde führt, ist schnell klar. Dass er der Teufel höchstselbst ist, will aber niemand wahrhaben, obwohl viele, die ihm begegnet sind, genau das beschwören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht man, die Geschehnisse um den dunklen Magier mit Massenhypnose zu erklären. Volands Methoden sind hinterhältig und grausam, scheinen aber so treffsicher immer die Richtigen zu erwischen, dass man kaum an seinen Taten zweifeln kann.

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Liebe in Zeiten des Umbruchs – Kathleen Collins „Nur einmal“

Als die Filmemacherin Kathleen Collins 1988 starb, fand ihre Tochter im Nachlass etliche handschriftlich verfasste Texte. Sie war nicht in der Lage, sich damit näher zu befassen, nahm die Texte aber mit und verstaute sie in einer Truhe, die erst als Couchtisch diente und dann im Keller verschwand. Erst rund 20 Jahre nach dem Tod von Kathleen Collins sichtete ihre Tochter den Fund genauer und entdeckte neben einigen Theaterstücken eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in den 60er-Jahren entstanden waren. Kathleen Collins war damals sehr aktiv in der Bürgerrechtsbewegung und kämpfte für eine gerechtere Gesellschaft. Dieser Geist schwingt in allen ihren Texten mit.

Diese Zeit verlangt nach einer bildgewaltigen Metapher, denn wir tauchen hinab in die legendären Abgründe Amerikas… dort, wo man sich die Nase am groben Sand der Illusion aufschürt und blutend wieder auftaucht.

Die Kurzgeschichten sind aber nicht in erster Linie politischen Inhalts, wenn auch die Bürgerrechtsbewegung immer eine Rolle spielt. Wie der Originaltitel der Sammlung Whatever Happened to Interracial Love? ahnen lässt, geht es in ihren Texten aber vor allem um zwischenmenschliche (Liebes)Beziehungen. Sie beschreibt eine Zeit und eine Atmosphäre, in der gesellschaftliche Grenzen (zumindest scheinbar) mit ungeheurer Geschwindigkeit erweitert wurden. Dabei steht immer die Frage im Raum, wie sehr die gesellschaftlichen und politischen Umstände bis in die tiefste Privatsphäre dringen können, ob man das verhindern kann und ob man das will. Eine ihrer Protagonistinnen lässt sie mit großer Begeisterung erkennen, dass es nun plötzlich nicht mehr nur möglich ist, einen schwarzen Arzt oder Anwalt zu heiraten, sondern auch einen Lastwagenfahrer oder – ein Gedankenexperiment ungeheurer Brisanz – sogar einen Weißen. Doch trotz aller Aufbruchstimmung ist die Hautfarbe in allen Geschichten noch immer die eine große Determinante. Sie ist nicht aus der Welt zu schaffen, trotz aller Bemühungen und Fortschritte bleibt sie ein für alle sichtbarer Faktor, der tiefe Gräben zieht. Der Kampf um Gleichberechtigung bringt einige von Collins Figuren in Gefahr und lässt viele verzweifeln. Zu groß und zu weit entfernt scheint das Ziel zu sein.

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Austen im Funkloch – Val McDermids „Northanger Abbey“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Austen-Zitate sich größter Beliebtheit erfreuen, gerne auch als ganzer Roman. Pride and Prejudice and Zombies habe ich vor einiger Zeit mit großer Freude gelesen und mich nun auch an einen Teil des Austen-Projekts gewagt. Im Rahmen dieses Projekts wurden Austens Romane neu erzählt und dabei auch in die moderne Zeit verlegt. Ich habe bisher keines der Bücher gelesen, weil ich sehr skeptisch war – wenn man aus Austen die Empire-Kleider, die komplexen gesellschaftlichen Regeln und jedes „most ardently“, „ever so slightly“ und „oh but you must forgive me“ streicht, was bleibt denn dann? Im besten Fall „Clueless“, im schlimmsten Fall eine ziemlich dünne Story.

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Nun gab es aber beim von mir abonnierten Streaming-Dienst die Hörbuch-Version von Val McDermids Nacherzählung von Northanger Abbey. Vor mir lag eine lange und langweilige Zugfahrt und da erschien mir diese Geschichte, die ich als ganz witzig und spannend in Erinnerung hatte, als gute Option. Und die Krimiautorin Val McDermid konnte ich mir auch als gute Neuerzählerin vorstellen.

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Patricia Pierce: Jurassic Mary

Mary Anning wurde 1799 als Tochter eines Tischlers in Lyme Regis an der Küste von Dorset geboren. Heute ist der Küstenabschnitt auch wegen des Namens „Jurassic Coast“ allen Fossilien-Fans bekannt. Zu Annings Lebenszeiten aber steckte die Paläontologie noch nicht mal in den Kinderschuhen und jeder Fund war ein großes Wunder. Wenn die Auftragslage schlecht war, sammelte Marys Vater Fossilien, vor allem Ammoniten, Belemniten und andere kleinere Tiere wie Muscheln, und verkaufte sie an die damals noch raren Touristen in der Stadt. Mary war dabei seit sie vier Jahre alt war und entwickelte schnell einen Blick dafür, wo sich große Fossilien verbargen. Als der Vater an Tuberkulose starb, übernahmen sie und ihr Bruder das Fossiliengeschäft. In den nächsten Jahren entwickelte sich Mary Anning zu einer der besten und erfolgreichsten Fossiliensammlerinnen des Landes. Sie entdeckte unter anderem den ersten vollständigen Ichthyosaurier, den ersten Pterodaktylus auf englischem Boden und diverse Plesiosaurier. Dennoch war ihr Name nur wenigen bekannt, denn sie verkaufte die Fossilien an Forscher, die sie wiederum beschrieben und an Museen weitergaben.

„One must have, at the very least, a grudging admiration for this unusual and independent woman born into a strictly stratified society, into which she did not fit.“

Zwar schätzten viele von ihnen ihre Expertise und fragten sie häufig nach Rat, der Zugang zur Geological Society oder auch nur ihren Treffen blieb ihr als Frau aber verwehrt. Ihre großen Funde sind heute mit anderen Namen assoziiert. Zeit ihres Lebens litt Anning darunter, dass es keine Möglichkeit gab, ihrer gesellschaftlichen Stellung zu entkommen. Sie konnte nicht erwarten, jemals die Würdigung zu erfahren, die ihr zugestanden hätte, ein Umstand, der sie über die Jahre immer mehr verbitterte.

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Anne Enright: The Forgotten Waltz

Es ist auf einer Party im Garten ihrer Schwester, als Gina Seán das erste mal sieht. Sie unterhalten sich nicht, sie werden einander nicht einmal vorgestellt, und doch sieht Gina den Anfang ihrer Affäre in diesem Augenblick. Als sie sich Monate später auf einer Konferenz in der Schweiz wiedersehen, kennt Seán sie nur als „Fionas Schwester“. An diesem Wochenende beginnt ihre Affäre wirklich. Gina kann es sich nicht erklären, sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann erst vor kurzem ein Haus gekauft. Mehrfach versucht sie, das Verhältnis zu beenden, es gibt klärende Gespräche und große Abschiedsszenen, aber am Ende treffen die beiden sich doch wieder in irgendeinem Hotel. Auch als Gina ernste Zweifel kommen, ob sie die ganze Geschichte vielleicht ernster nimmt, als Seán sie meint, schafft sie es nicht, einen Schlussstrich zu ziehen.

„He loves me now. Or he loves me too.
Or.
I love him. And that is as much as any of us can know.“

Sie sehnt seine Anrufe herbei und verbringt fast eine ganze Nacht im Auto vor seinem Haus, um ihm so nah wie möglich zu sein, um dabei zu sein, wenn er das Licht löscht. Heimlich hofft Gina, dass Seán seine Frau für sie verlassen wird und redet sich ein, dass es nicht ihre Schuld sei. Seán hatte vor ihr schon so viele Affären, es wäre reiner Zufall, wenn sie nun die wäre, die seine Ehe zerstört. Aber eine muss es ja machen. Wenn da nicht das Kind wäre. Evie ist neun, als die Affäre beginnt, ein behütetes Kind, um das die Eltern sich oft und große Sorgen machen. Das Mädchen habe „Anfälle“, mehr kann Gina erstmal nicht in Erfahrung bringen.

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Sarah Waters: The Night Watch

London, 1947. Der Zweite Weltkrieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern auch viele der BewohnerInnen rat- und hilflos zurückgelassen. Fünf von ihnen stehen im Mittelpunkt dieses Romans von Sarah Waters. Viv, die seit Jahren eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat und ihr Bruder Duncan, der den gesamten Krieg im Gefängnis verbracht hat. Das Liebespaar Julia und Helen, oft an ihre Grenzen getrieben von Helens Eifersucht, und Kay, die alleine lebt und noch nicht verwunden hat, was sie im Krieg als Sanitäterin gesehen hat.

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Zadie Smith: The Autograph Man

Alex-Li Tandem, halb chinesischer, halb jüdischer Herkunft, wächst in einem Vorort in der Einflugschneise von Heathrow auf und entdeckt früh seine Liebe zu Autogrammen. Die Liebe ist so groß, dass er als Erwachsener vom Handel mit Autogrammen leben kann und ein ausgewiesener Experte ist, wenn es um die Authentizität der teuren Unterschriften geht. In seinem Privatleben geht es nicht sehr aufregend zu. Er ist immer in der gleichen Nachbarschaft wohnen geblieben und hat immer noch die Freunde aus Kindertagen. Auch in seiner Beziehung, ebenfalls noch aus der Schulzeit, läuft es eher so mittelprächtig. Alex ist gelegentlichem Drogenkonsum nicht abgeneigt, übertreibt es in einer Nacht aber völlig. Als er zwei Tage später wieder völlig zu sich kommt, ist sein Auto Schrott, seine Freundin spricht kein Wort mehr mit ihm und in seiner Wohnung liegt ein Autogramm von Kitty Alexander. Kitty Alexander! Der von ihm angebeteten Schauspielerin schreibt er seit seiner Jugend jede Woche einen Brief und bittet um ein Autogramm, bisher aber ohne Erfolg. In Alex-Li keimt ein furchtbarer Verdacht: hat er in seiner Verzweiflung im Drogenrausch das Autogramm gefälscht? Er kennt Kittys Unterschrift so gut, dass er es könnte. Aber wen soll er fragen, ohne sich wahnsinnig zu blamieren? Zum Glück hat er – ebenfalls im Drogenrausch – einen Flug zu einer Autogramm-Messe in New York gebucht, wo Mrs. Alexander wohnt.

„This is the description of a struggle. Judge it accordingly.“

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