Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Im Alter von vier Jahren zieht Xifan Yang mit ihrer Mutter nach Deutschland. Sie folgen dem Vater, der schon einige Jahre zuvor für ein Studium ausgewandert ist. Für die chinesische Familie ist Europa ein Wunderland ungeahnter Möglichkeiten und Freiheiten. Die Eltern arbeiten hart, um ihrer Tochter eine leichtere Zukunft zu ermöglichen. Xifan lebt sich in Deutschland schnell ein und lernt die Sprache mühelos. China gilt da noch als rückständiges Land der Hundeesser und oft schämt sie sich für ihre Herkunft. Der von der Mutter aufgezwungene Chinesischunterricht ist eine lästige Pflichtübung, die Xifan ohne jede Begeisterung erledigt.

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Fünf. Zwei. Vier. Neun.

Im letzten Jahr plante Jörg Mielczarek die Herausgabe einer Literaturzeitschrift, die Texte aus der 5249 Tage dauernden Zeit der der Weimarer Republik abdrucken sollte. Das Ziel der zugehörigen Crowdfunding-Kampagne konnte leider nicht erreicht werden, aber da die erste Ausgabe da schon fast fertig war, ist sie jetzt als Ausgabe 0 doch erschienen.

Mielczarek befasst sich seit Jahren mit Texten aus der Zeit der Weimarer Republik. Unter dem Titel Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften hat er auch ein Buch über diese Epoche veröffentlicht. Bei seinen Recherchen stieß er auf zahlreiche Texte, die heute interessierten LeserInnen nicht mehr so ohne weiteres zugänglich sind, bzw. mühsam zusammengesucht werden müssen. Zur Zeit der Weimarer Republik wurden beispielsweise viele Texte, durchaus auch längere, nur in Zeitschriften veröffentlicht. Darunter findet sich vieles, das heute auch noch lesenswert ist, wenn man denn weiß, wo man es findet.

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Annie Proulx: Accordion Crimes

Im späten 19. Jahrhundert baut ein Akkordeonbauer, einer der besten im Land, auf Sizilien ein grünes Akkordeon. Er lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen und die schwärmerischen Briefe eines ausgewanderten Cousins lassen ihn in immer mehr von einem besseren Leben in „La Merica“ träumen. Schließlich wagt er den Versuch, mit Sohn und grünem Akkordeon die große Reise anzutreten. Seine Frau soll später nachreisen, doch dazu kommt es nicht mehr. Nach nur wenigen Monaten in New Orleans wird er von einem (historisch verbrieften) Lynch-Mob ermordet.

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Sein Akkordeon, das die Grundlage seines neues Lebens werden sollte, macht sich ohne ihn auf die Reise und durchquert diverse Trödelläden, ein ganzes Jahrhundert und fast die kompletten USA. Dabei gerät es immer in die Hände von Einwanderern oder deren Nachkommen. Deutsche, Iren, Kanadier, Polen, Mexikaner – sie alle können mit diesem Instrument etwas anfangen. Dass die Besitzer oft ein schweres bis tödliches Schicksal ereilt, kann man dem Akkordeon kaum anlasten. Denn die meisten der porträtierten Einwanderer haben auch vor der Begegnung mit dem Instrument alles andere als ein leichtes Leben und schlagen sich geradeso durch. Es sind die „huddled masses yearning to breathe free“, die tatsächlich ihren Weg ins Land gefunden haben und den amerikanischen Traum längst ad acta gelegt haben.

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Aminatta Forna: The Memory of Love

Elias Cole liegt im Sterben. Nach einem langen und bewegten Leben lassen ihn nun seine Lungen im Stich. Doch vor seinem Tod muss er noch etwas loswerden. Die Geschichte seiner Liebe zu und Besessenheit von Saffia, die er in jungen Jahren als Frau seines Kollegen Julius kennengelernt hat. Da kommt ihm Adrian gerade recht. Adrian ist ein britischer Psychologe, der für eine Hilfsorganisation nach Sierra Leone gereist ist. Er soll Menschen helfen, die nach dem Bürgerkrieg teils schwer traumatisiert sind. Es gelingt ihm aber zunächst nicht, zu den Menschen durchzudringen und die meisten Therapieansätze enden nach der ersten Sitzung. So hat er eine Menge Zeit, Coles Beichte abzunehmen.

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Im Krankenhaus findet Adrian einen Freund in Kai. Der junge Chirurg stammt aus Sierra Leone und hat im Gegensatz zu vielen Kollegen das Land nicht verlassen, auch wenn er seit dem Krieg unter schweren Albträumen leidet und einige Teile der Stadt meidet, weil die Erinnerungen zu schrecklich sind. Die beiden werden Freunde, obwohl Kai Adrians Rolle immer kritisch sieht. Er ist, wie viele seiner Landsleute, genervt von den vielen Menschen, die über Hilfsorganisationen ins Land kommen, viel zu meckern haben, oft wenig helfen und doch ewigen Dank erwarten. Die internationale Gemeinschaft habe, findet er, so lange weggeschaut, dass man auch jetzt ohne sie zurechtkomme. Die obligatorische Vorstellungsfrage, mit welcher Agentur man im Land sei, wird im Laufe des Romans zum Running Gag. Die Menschen, die aus dem Ausland nach Sierra Leone kommen, wollen vor allem vor etwas fliehen, so Kais Beobachtung. Es dauert nicht lange, bis er herausfindet, dass dieses etwas in Adrians Fall eine völlig desolate Ehe ist.

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Kate Atkinson: Life After Life

Ursula Todd wird 1910 geboren, die Nabelschnur um ihren Hals, und schafft es nicht mal zum ersten Atemzug.

Ursula Todd wird 1910 geboren, der gerade rechtzeitig eintreffende Arzt kann ihr Leben retten, sie ertrinkt beim Baden mit der Schwester.

Ursula Todd wird 1910 geboren, wird am Strand von einem zufällig anwesenden Maler gerettet und rutscht, als sie versucht, ihre Puppe zu retten, vom Dach.

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Und so geht es immer weiter, denn Ursula kann vieles, nur nicht liegen bleiben. Ihr Leben beginnt immer wieder von neuem, immer wieder bekommt sie die Chance, Dinge zu ändern und zu sehen, wie ihre Zukunft davon beeinflusst wird. Zumindest glaubt Ursula das, ihre Mutter Sylvie hingegen ist besorgt um ihre Tochter und ihre starken Déjà-vus, die sie manchmal sogar gewalttätig werden lassen. Auch ihr Psychiater glaubt eher nicht an Ursulas ständige Wiedergeburt. Allerdings lässt auch Atkinson da eine kleine Hintertür offen. Ursula beginnt in jungen Jahren, an starken und häufigen Kopfschmerzen zu leiden, die mit den Jahren immer schlimmer werden, deren Ursache aber niemals abschließend geklärt werden kann. Auch Atkinson klärt nicht darüber auf, was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass es für Ursula Todd tatsächlich nur ein einziges Leben gab, begleitet von einer sich langsam entwickelnden Gehirnerkrankung, die starke Déjà-vus auslöst. Wobei diese Erklärung neue Logikfehler mit sich bringen würde, die man sich genauer ansehen müsste. Hab ich nicht gemacht, dazu kam mir die Idee zu spät.

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Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

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Virginia Woolf: Orlando

Am Cover meiner Ausgabe lässt der Titel sich nicht mehr erkennen. Es war ein großer rosa Aufkleber drauf, den musste ich natürlich abknibbeln und sehen, was drunter ist. Eine sehr suggestive Blume, aber kein Titel mehr.

„she was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each.“

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Orlando wird als Sohn eines reichen englischen Adeligen geboren, als noch Elizabeth I regiert. Er ist ein außergewöhnlich schöner, eleganter und talentierter Junge und weckt so das Interesse der Königin. Sie ruft ihn an den Hof, verleiht ihm Titel und Ämter und liebt ihn, doch als er ein junges Mädchen küsst, ist es vorbei mit der guten Beziehung.

Im Winter des Großen Frosts lebt er wieder am Hof, nun unter James I, und lernt dort Sasha kennen, eine junge Russin, von der er sofort verzaubert ist und mit der in Russland leben will. Doch sie bricht sein Herz. Noch dazu macht sich ein anerkannter und von ihm bewunderter Dichter über seine Lyrik lustig und als ihm eine gänzlich unattraktive Erzherzogin nachstellt, reicht es ihm endgültig und er lässt sich, mittlerweile von Charles II, als Botschafter in die Türkei senden.

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Friederike Habermann: Der unsichtbare Tropenhelm

Habermann_DerUnsichtbareTropenhelm„Wo keine Unterschiede bestehen, werden welche konstruiert – was sowohl ‚imaginiert‘ heißen kann als auch: ‚wahr gemacht‘. Vielmehr geht es um koloniales Denken, welches sich darum dreht, Privilegien sichern und legitimieren zu wollen.“

Ich hab es bereits mehrfach erwähnt – Kolonialliteratur kriegt mich immer. Es fällt mir schwer, zu sagen warum. Ich glaube, es ist die Absurdität des ganzen Konzepts und all der damit verbundenen Unterfangen. Die Faszination ist zweifellos eine morbide.

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Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet

schutzgebiet„Die Eingeborenen seien weitestgehend friedfertig gegenüber den Weißen eingestellt und kooperativ. So hieß es. Die Schutzherrschaft der Deutschen lasse sie in jeder Hinsicht profitieren, sei es in den Sachen der Hygiene, der Wirtschaft oder der Bildung.“

Schutzgebiet spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der fiktiven deutschen Kolonie Tola, genauer gesagt in der winzigen Festung Benēsi, wo die Bremer Kolonialgesellschaft versucht, einen Wald, natürlich einen deutschen, anzulegen. Irgendwann einmal soll hier ein wichtiges Handelszentrum entstehen. Verantwortlich dafür ist Ludwig Gerber, der zuvor bereits in seiner Heimat in Zwiesel und bei einem ersten kolonialen Versuch in Belgisch-Kongo gescheitert ist. Seine Unsicherheit aufgrund mangelnder Fremdsprachenkenntnisse versucht er durch besonders harsches Auftreten gegenüber den Arbeitern zu kaschieren. Auch seine Schwester Käthe lebt in Benēsi, nachdem sie in Deutschland nach einer Scheidung jede gesellschaftliche Anerkennung eingebüßt hat. Hinter den Kulissen ist sie die eigentliche Verwalterin des Projekts, überlässt das Rampenlicht aber ihrem Bruder. Ertragen kann sie das Leben in der Kolonie nur mit regelmäßigem, improvisiertem Drogenkonsum, eine Leidenschaft, die sie mit dem Arzt Brückner teilt. Auch er lebt nur in Tola, weil er in Deutschland endgültig gescheitert ist.

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Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

ortandemdiereiseendet„Der einzige… Krieg, den du kämpfst… ist der für das, was dir gehört. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen.“

Eine der zentralen Figuren des Romans, Odidi, wird in den Straßen Nairobis erschossen, so beginnt der Roman. Seine Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück um den Leichnam zusammen mit ihrem Vater Nyipir in ihre Heimat im Norden Kenias zu überführen. Ihre Mutter Akai kann den Schmerz nicht ertragen und verschwindet in der Wüste noch bevor das Grab für Odidi ausgehoben werden kann.

In diesem emotionalen Chaos taucht auch noch Isaiah Bolton auf, der mit Odidi im Haus der Familie verabredet war. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters Hugh, dem das Haus gehört haben soll. Ajany kennt den Namen nur zu gut – er steht auf der ersten Seite aller Bücher in der Bibliothek und ihre Fragen nach ihm, dem unbekannten Besitzer der Bücher, wurden nie beantwortet. Auch jetzt will Nyipir den britischen Störenfried am liebsten sofort vom Hof jagen, doch Ajany begrüßt ihn als Gast ihres Bruders.

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