Kate Atkinson: Life After Life

Ursula Todd wird 1910 geboren, die Nabelschnur um ihren Hals, und schafft es nicht mal zum ersten Atemzug.

Ursula Todd wird 1910 geboren, der gerade rechtzeitig eintreffende Arzt kann ihr Leben retten, sie ertrinkt beim Baden mit der Schwester.

Ursula Todd wird 1910 geboren, wird am Strand von einem zufällig anwesenden Maler gerettet und rutscht, als sie versucht, ihre Puppe zu retten, vom Dach.

Atkinson_LifeAfterLife

Und so geht es immer weiter, denn Ursula kann vieles, nur nicht liegen bleiben. Ihr Leben beginnt immer wieder von neuem, immer wieder bekommt sie die Chance, Dinge zu ändern und zu sehen, wie ihre Zukunft davon beeinflusst wird. Zumindest glaubt Ursula das, ihre Mutter Sylvie hingegen ist besorgt um ihre Tochter und ihre starken Déjà-vus, die sie manchmal sogar gewalttätig werden lassen. Auch ihr Psychiater glaubt eher nicht an Ursulas ständige Wiedergeburt. Allerdings lässt auch Atkinson da eine kleine Hintertür offen. Ursula beginnt in jungen Jahren, an starken und häufigen Kopfschmerzen zu leiden, die mit den Jahren immer schlimmer werden, deren Ursache aber niemals abschließend geklärt werden kann. Auch Atkinson klärt nicht darüber auf, was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass es für Ursula Todd tatsächlich nur ein einziges Leben gab, begleitet von einer sich langsam entwickelnden Gehirnerkrankung, die starke Déjà-vus auslöst. Wobei diese Erklärung neue Logikfehler mit sich bringen würde, die man sich genauer ansehen müsste. Hab ich nicht gemacht, dazu kam mir die Idee zu spät.

Weiterlesen

Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

2016-11-02-20.15.33.jpg.jpg
Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

Weiterlesen

Virginia Woolf: Orlando

Am Cover meiner Ausgabe lässt der Titel sich nicht mehr erkennen. Es war ein großer rosa Aufkleber drauf, den musste ich natürlich abknibbeln und sehen, was drunter ist. Eine sehr suggestive Blume, aber kein Titel mehr.

„she was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each.“

woolf_orlando

Orlando wird als Sohn eines reichen englischen Adeligen geboren, als noch Elizabeth I regiert. Er ist ein außergewöhnlich schöner, eleganter und talentierter Junge und weckt so das Interesse der Königin. Sie ruft ihn an den Hof, verleiht ihm Titel und Ämter und liebt ihn, doch als er ein junges Mädchen küsst, ist es vorbei mit der guten Beziehung.

Im Winter des Großen Frosts lebt er wieder am Hof, nun unter James I, und lernt dort Sasha kennen, eine junge Russin, von der er sofort verzaubert ist und mit der in Russland leben will. Doch sie bricht sein Herz. Noch dazu macht sich ein anerkannter und von ihm bewunderter Dichter über seine Lyrik lustig und als ihm eine gänzlich unattraktive Erzherzogin nachstellt, reicht es ihm endgültig und er lässt sich, mittlerweile von Charles II, als Botschafter in die Türkei senden.

Weiterlesen

Friederike Habermann: Der unsichtbare Tropenhelm

Habermann_DerUnsichtbareTropenhelm„Wo keine Unterschiede bestehen, werden welche konstruiert – was sowohl ‚imaginiert‘ heißen kann als auch: ‚wahr gemacht‘. Vielmehr geht es um koloniales Denken, welches sich darum dreht, Privilegien sichern und legitimieren zu wollen.“

Ich hab es bereits mehrfach erwähnt – Kolonialliteratur kriegt mich immer. Es fällt mir schwer, zu sagen warum. Ich glaube, es ist die Absurdität des ganzen Konzepts und all der damit verbundenen Unterfangen. Die Faszination ist zweifellos eine morbide.

Weiterlesen

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet

schutzgebiet„Die Eingeborenen seien weitestgehend friedfertig gegenüber den Weißen eingestellt und kooperativ. So hieß es. Die Schutzherrschaft der Deutschen lasse sie in jeder Hinsicht profitieren, sei es in den Sachen der Hygiene, der Wirtschaft oder der Bildung.“

Schutzgebiet spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der fiktiven deutschen Kolonie Tola, genauer gesagt in der winzigen Festung Benēsi, wo die Bremer Kolonialgesellschaft versucht, einen Wald, natürlich einen deutschen, anzulegen. Irgendwann einmal soll hier ein wichtiges Handelszentrum entstehen. Verantwortlich dafür ist Ludwig Gerber, der zuvor bereits in seiner Heimat in Zwiesel und bei einem ersten kolonialen Versuch in Belgisch-Kongo gescheitert ist. Seine Unsicherheit aufgrund mangelnder Fremdsprachenkenntnisse versucht er durch besonders harsches Auftreten gegenüber den Arbeitern zu kaschieren. Auch seine Schwester Käthe lebt in Benēsi, nachdem sie in Deutschland nach einer Scheidung jede gesellschaftliche Anerkennung eingebüßt hat. Hinter den Kulissen ist sie die eigentliche Verwalterin des Projekts, überlässt das Rampenlicht aber ihrem Bruder. Ertragen kann sie das Leben in der Kolonie nur mit regelmäßigem, improvisiertem Drogenkonsum, eine Leidenschaft, die sie mit dem Arzt Brückner teilt. Auch er lebt nur in Tola, weil er in Deutschland endgültig gescheitert ist.

Weiterlesen

Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

ortandemdiereiseendet„Der einzige… Krieg, den du kämpfst… ist der für das, was dir gehört. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen.“

Eine der zentralen Figuren des Romans, Odidi, wird in den Straßen Nairobis erschossen, so beginnt der Roman. Seine Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück um den Leichnam zusammen mit ihrem Vater Nyipir in ihre Heimat im Norden Kenias zu überführen. Ihre Mutter Akai kann den Schmerz nicht ertragen und verschwindet in der Wüste noch bevor das Grab für Odidi ausgehoben werden kann.

In diesem emotionalen Chaos taucht auch noch Isaiah Bolton auf, der mit Odidi im Haus der Familie verabredet war. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters Hugh, dem das Haus gehört haben soll. Ajany kennt den Namen nur zu gut – er steht auf der ersten Seite aller Bücher in der Bibliothek und ihre Fragen nach ihm, dem unbekannten Besitzer der Bücher, wurden nie beantwortet. Auch jetzt will Nyipir den britischen Störenfried am liebsten sofort vom Hof jagen, doch Ajany begrüßt ihn als Gast ihres Bruders.

Weiterlesen

Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht

dunkelfastnacht„So eine Art Schauerroman. Schloss Fürstenstein, Fürstin Daisy und andere Wałbrzycher Geschichten. Ein Teil spielt in der Kriegszeit, aber das meiste heute. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart.“

Ich hatte es ja schon befürchtet – meine Erwatungshaltung gegenüber Bators neuem Roman war fast unerreichbar hoch, nachdem ich Sandberg und Wolkenfern so geliebt hatte. Wie auch ihre anderen Romane spielt Dunkel, fast Nacht im polnischen Wałbrzych, rund 60 Kilometer von Wrocław gelegen. Wałbrzych hieß mal Waldenburg und die bewegte deutsch-polnische Vergangenheit sitzt der Stadt und ihren Einwohnern noch immer in den Knochen.

Alicja Tabor ist dort aufgewachsen, lebt aber seit Jahren als Journalistin in Warschau. Nach Wałbrzych zieht sie nichts mehr, ihre Eltern und ihre Schwester sind schon vor Jahren gestorben und ihr bleibt dort nichts als ein verfallendes Haus. Dorthin kehrt sie nun aber im Auftrag ihrer Zeitung zurück, denn drei Kinder sind spurlos verschwunden und sie soll mit den Angehörigen sprechen. Sobald sie in das Haus zurückkehrt, finden die Geister ihrer Kindheit sie wieder. Ihr Vater war Historiker und davon besessen, in Schloss Fürstenstein mit seinem riesigen, unterirdischen Gängesystem einen sagenumwobenen Schatz zu finden. Ihre Schwester Ewa, jung verstorben, glaubte an den Geist der letzten Fürstin Daisy, die ihr Lichtsignale aus dem Schloss sendet. Und durch den Boden des Badezimmers hört man nachts die Geister der Juden klopfen, die in Groß-Rosen ermordert wurden. Aber auch die erwachsene Alicja sieht sich Bedrohungen ausgesetzt. Jemand versteckt sich nachts in ihrem Garten und erhängt wenig subtil eine Katze im Apfelbaum.

Weiterlesen

Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel

spiegel„Aber auch wenn die Straßen das Reich der Gesetzlosen sind und Überfälle zum Alltag gehören, ist das normale Leben unvergänglich wie Unkraut.“

Der ferne Spiegel ist erstmals 1980 in Deutschland verlegt worden und war auch 2010 offenbar noch populär genug, um bei Pantheon erneut zu erscheinen – ein moderner Klassiker der populären Geschichtssschreibung. Die Autorin legt ein Gesamtbild des 14. Jahrhunderts vor mit Fokus auf das heutige Frankreich. Sie folgt dem Leben von Enguerrand de Coucy VII, einem Ritter aus der Picardie, der von 1339 bis 1397 lebte.

Das Jahrhundert, in dem er lebte, war ein sehr bewegtes. Neben dem Hundertjährigen Krieg tobte ein erbitterter Streit um die Frage, wer der legitime Papst sei, es wurden Kreuzzüge geführt und die Pest forderte in mehreren Wellen ihre Opfer. Und zwischen all dem gab es natürlich immer noch das ganz normale Leben der gemeinen Bevölkerung.

Weiterlesen

Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

1913Wie der Titel verspricht, geht es in diesem Buch nur und ausschließlich um das Jahr 1913, dem Jahr vor der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, ein Jahr, in dem scheinbar alles passieren konnte. Der erste Aldi wurde eröffnet, Tito war Testfahrer für Benz, Franz Marc malte blaue Pferde.

Das Buch ist hauptsächlich ein Konvolut von Anekdoten. Ein who is who dieses Jahres, es ist aber auch ein wer mit wem. Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, Oskar Kokoschka und Alma Mahler, Rainer Maria Rilke und Sidonie Nádherný. Wer betrog wen mit wem, wer hatte Ärger mit wem und weshalb, wer schrieb ängstliche Liebesbriefe und zögerliche Heiratsanträge? In diesem Buch erfährt man es alles. Illies versteht es, ein großes, lebendiges und spannendes Panorama dieses Jahres aufzuziehen. Man erfährt von Hauptschauplätzen und Randnotizen der Geschichte, die oft wenig bekannt sind. Illies versteht es vor allem, das enge Netz darzustellen, das zwischen den Größen des 20. Jahrhunderts bestand und viele Beziehungen und Entwicklungen deutlich macht.

Allerdings verrennt Illies sich zum Teil auch in Spekulationen. Saßen Else Lasker-Schüler und Thomas Mann nicht vielleicht im gleichen Zug, als sie zu Beginn des Jahres 1913 von Berlin in Richtung München fuhren? Ja, wäre ein witziger Zufall, wahrscheinlich aber einfach nicht, es gab eine Menge Züge in diese Richtung. Stalin und Hitler lebten zeitgleich in Wien und gingen gerne im Park von Schloss Schönbrunn spazieren, haben sie sich da nicht vielleicht mal gegrüßt? Ja vielleicht, tatsächlich ist das aber ein riesiger Park mit hunderten Leuten darin, die sich nicht alle ständig grüßen, es ist nun mal unwahrscheinlich. Aber ich sehe, was Illies damit sagen will – das ist alles in diesem einen Jahr passiert, auf so engem Raum!

Außerdem, aber das ist nun dem Aufbau und Anspruch des Buchs geschuldet, kommt einiges zu kurz. Immer wieder werden spannende Geschichten angerissen, die dann nicht zu Ende erzählt werden. Das können sie auf dem bisschen Raum natürlich auch nicht, man kann sie auch woanders weiterlesen, ich weiß, aber manchmal habe ich das als etwas frustrierend empfunden, ich bin aber durchaus bereit, das als mein persönliches Problem zu akzeptieren.

1913 ist ein sehr unterhaltsam Sachbuch, das vieles nur anreißt, bei vielem aber auch Lust auf mehr macht. Hinter manchen großen Namen entdeckt man eine spannende Biographie oder ein spannendes Werk, mit dem man sich in Zukunft vielleicht mal näher befassen möchte. Das Hörbuch ist gut gelesen, durch die vielen Sprünge zwischen Personen und Orten manchmal aber etwas verwirrend, das lässt sich gedruckt vielleicht besser nachvollziehen. Beides ist aber auch einfach unterhaltsam, gut geschrieben und ein solides Sachbuch für zwischendurch.


Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Originalausgabe S. Fischer 2012. 320 Seiten, € 19,99. Taschenbuch Fischer 2014. Hörbuch: Der Audio Verlag 2012. ca 6 Stunden, ca. € 10,90. Sprecher: Stephan Schad.

Francis Spufford: Red Plenty

redplentyWie nennt man Chruschtschows Frisur? – Ernte von 1963.

Spuffords Buch Red Plenty, auf Deutsch Rote Zukunft ist nicht nur eine Sammlung der lustigsten Witze der UdSSR sondern auch eine sehr interessante Mischung aus Sachbuch und Roman. Die Handlung ist angesiedelt zwischen den Jahren 1938 und 1970. In einleitenden Kapiteln erläutert Spufford die politische Lage und gesellschaftliche Situaton in der Sowjetunion zur jeweiligen Zeit, gefolgt von verschiedenen fiktiven Episoden mit zum Teil realen Personen. Einige davon erkennt und kennt man (Chruschtschow, Breschnew), bei anderen braucht man unter Umständen einen Hinweis (Leonid Vitaliyevich) und eine ganze Menge Personen sind natürlich auch einfach erfunden.

Die Form des Romans/Sachbuchs ist gewöhungsbedürftig, im englischen wird diese Form des Schreibens als Faction bezeichnet, ein bisschen Facts, ein bisschen Fiction. Hier sind die Facts zum Teil in den Einleitungen sehr deutlich abgetrennt, zum Teil aber auch mehr oder weniger geschickt in Gespräche und Handlungsstränge verpackt. „Weißt Du eigentlich, wie Preisgestaltung in der Planwirtschaft optimalerweise funktioniert? Nein? Das macht gar nichts, ich erkläre es Dir gerne, setz dich doch. Bitte stell zwischendrin ein paar blöde Fragen, damit ich weiter ausholen kann und der Leser auch versteht, was ich will.“

Dialoge bzw. Monologe dieser Art nerven irgendwann immer, allerdings ist diese Form des faktischen Erzählens hier ziemlich gut und erstaunlich wenig hölzern umgesetzt. Und wenn man gerne einen Roman schreiben will, der eigentlich ein Sachbuch ist, muss man eben Mittel und Wege finden.

Roman trifft es allerdings in diesem Fall auch nicht ganz, vielmehr geht es hier um einzelne Episoden mit verschiedenem Personal, manche trifft man später wieder, von manchen hört man nochmal, andere verschwinden nach ihrem Auftritt in der Versenkung der Geschichte. Eine durchgehende Handlung gibt es dementsprechend auch nicht, mal abgesehen von der Entwicklung der UdSSR und einiger ihrer Protagonisten.

Wie ernst es Spufford mit den Fakten ist, merkt man das ganze Buch hindurch. Im Anhang entschuldigt er sich fast, dieses Buch geschrieben zu haben, ohne Russisch zu sprechen und erklärt, dass er so natürlich auf übersetzte Quellen angewiesen war, was seine Perspektive möglicherweise verzerrt. Und die letzen gut 60 Seiten des Buchs entfallen auf Fußnoten, in denen er ergänzt und erläutert, was im Text nicht unterzubringen war. Das Quellenverzeichnis versteht sich fast von selbst. Noch mehr Infos, Videos und Bilder hat Spufford auf einer eigenen Website gesammelt.

Wer gerne ein bisschen mehr über die UdSSR und insbesondere ihre Planwirtschaft wissen möchte, aber kein trockenes Sachbuch lesen will, ist hiermit gut beraten. Das Buch bietet zumindest einen soliden und sauber recherchierten Einstieg. Wer einen unterhaltsamen Roman haben möchte, wird vor Langeweile sterben und sollte was anderes lesen.


Francis Spufford: Red Plenty. Gelesen in der Ausgabe Faber and Faber 2011. 434 Seiten. Originalausgabe Faber and Faber 2010. Deutsche Ausgabe: Rote Zukunft. Rowohlt 2012. 576 Seiten, €14,99. Übersetzt von Jan Valk.