Revolution geht durch den Magen – „Die rote Köchin“

Die Geschichte der roten Köchin Hannah R. ist eine höchst rätselhafte. Ihr Familienname wird nie ganz genannt, ihre Herkunft ist genauso ungewiss wie ihr Verbleib nach Ende ihrer Aufzeichnungen. Dass wir sie überhaupt zu hören kriegen, verdanken wir einer anonym bleibenden Person, die in Ascona im Auftrag eines Freunds ein Bild von Paul Klee erwirbt. Die verkaufende Galeristin trennt sich nicht ohne Geschichte von diesem Bild, denn Klee persönlich hat es einst ihrer Großmutter geschenkt, eben dieser Hannah R.

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Hannah R. war am Weimarer Bauhaus eingeschrieben, wo sie unter Gropius, Klee, Kandinsky und anderen Größen der modernen Kunst studierte. Sie war aber auch Köchin und Mitglied einer spartakistischen Zelle, die organisiert und militant gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus vorging. Als Spartakistin machte sie Schießübungen und organisierte die Arbeiterschaft, als Köchin verdiente sie Geld an den zahlungskräftigen Restaurant-Besucher*innen, finanzierte davon die Aktivitäten der Gruppe und verköstigte in Volksküchen die werktätige Bevölkerung. So zumindest will es die Legende, denn keine Person in diesem autobiographisch erscheinenden Roman wird beim vollen Namen genannt und so ist auch nichts nachprüfbar. Dass Hannah und ihre spartakistische Zelle in keinem Bauhaus-Archiv zu finden sind, wird plausibel erklärt. Einziger Anhaltspunkt bleibt die Freundschaft mit Klee und ein von Hannah entworfenes Feuerzeug. Der im Buch abgedruckte Ausweis von Hannah jedenfalls lässt sich problemlos als der einer anderen identifizieren.

Aber das ist ja auch völlig egal und macht die Geschichte von Hannah und ihrer spartakistischen Zelle nicht weniger spannend. Getreu ihrem Beruf hat Hannah also ihre Aufzeichnungen in die Kategorien Vorspeise, Hauptgerichte und Dessert eingeteilt, in denen jeweils etliche Kapitel von nur wenigen Seiten zu finden sind. Jedes einzelne davon endet in einem Rezept, das in irgendeiner Form zum Inhalt des Kapitel passt. So gibt es eine Kaltschale, nachdem Klee Teetassen ohne Henkel entworfen hat und Hasenrücken nach Art des Jagdzirkels, dem man gerade die Waffen gestohlen hat. Ein flüchtiger Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt das Buch als vollkommen harmloses Kochbuch erscheinen, niemand würde dahinter brisante Aufzeichnungen vermuten.

„Das alles ist ziemlich literatenhaft, ich weiß, aber wir leben in einer tragischen Zeit, in der wir nichts unser Eigenes nennen können als die Revolte!“

Zu Beginn folgen die Aufzeichnungen keiner Chronologie, und so ist es erst ein wenig mühsam, sich zurechtzufinden. Dann aber entwickelt sich zwischen den Rezepten die Geschichte einer Jugendbewegung, die verzweifelt versuchte, Widerstand zu leisten gegen den erstarkenden Nationalismus. Hannah und ihre Freunde nehmen erhebliche persönliche Repressionen und Gefahren in Kauf, immer in der Hoffnung, dass ihr kleiner Beitrag zu einer erfolgreichen Revolution führen kann. Sich fügen kommt für sie nicht in Frage. Mehrfach werden sie verhaftet, verhört, gefoltert und zumindest Hannah hat oft Bauchschmerzen, wenn die Aktionen der Gruppe Tote und Verletzte fordern. Die Künstler am Bauhaus hoffen derweil, dass es irgendwie weiter gehen kann, trotz fortgesetzter Angriffe auf die Schule durch rechte Gruppierungen. Hannahs jüdischstämmige Familie plant derweil schon die Emigration.

Hannahs persönliche Betroffenheit, ihre Wut, ihre Angst und Verzweiflung scheinen so realistisch, dass man kaum glauben kann, dass sich das alles jemand ausgedacht haben soll. Vielleicht ist ja doch alles wahr. Und wenn nicht, dann ist es eben sehr, sehr gut ausgedacht.


tl;dr: Dies ist die angebliche Lebensgeschichte von Hannah R., Bauhausstudentin, militante Kämpferin und Köchin. Es ist auch ein Kochbuch. Es ist großartig.


Anonym: Die rote Köchin. Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar. Ventil Verlag 2013. 222 Seiten. Originalausgabe: La cuoca rossa. Storia di una cellula spartachista al Bauhaus di Weimar. Con un ricattario di cucina tedesca. DeriveApprodi 2003.

Das Zitat stammt von S. 114.

Ein Gedanke zu “Revolution geht durch den Magen – „Die rote Köchin“

  1. Miss Booleana 6. September 2020 / 11:10

    Dein tl;dr: finde ich auch großartig! 🙂 (Obwohl ich den Rest natürlich auch gelesen habe.) So schön auf den Punkt.

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