Trojaner im Bücherregal

Als 1933 Hitler an die Macht kam, begann ein erbitterter Kampf um die Informationshoheit, wie ihn wohl jedes totalitäre Regime kennt. Die Bücherverbrennungen von Werken nicht mehr genehmer Autor*innen waren nur ein kleiner Teil des Versuchs, jede unliebsame oder gar gefährliche Schrift aus dem Verkehr zu ziehen und nur noch das zu verbreiten, was auf Regime-Linie war. Nicht genehmigte Schriften herzustellen oder zu verbreiten wurde mühsam und gefährlich. Die Verurteilung und Hinrichtung von Mitgliedern der Weißen Rose ist ein besonders prominentes Beispiel für die drakonischen Strafen, die zu erwarten waren. Fortan brauchte es neben Mut auch eine Menge Kreativität und gut vernetzte Akteur*innen, um verbotene Schriften unters deutsche Volk zu bringen.

Große Namen als Tarnmantel

Eine besonders einfallsreiche Methode hierfür stellten die sogenannten Tarnschriften dar. Auf den ersten Blick wirkten diese schmalen Bücher und Hefte völlig harmlos, auf den zweiten aber enthielten sie brisantes Material. So konnte man unter dem Titel Lohnender Futterrübenanbau den Text „Das Zentralkomitee der KP an die werktätigen Bauern Deutschlands“ lesen und unter dem Titel Ratgeber für den Haus-, Schreber- und Siedler-Garten verbarg sich Dimitrows Bericht „Arbeiterklasse gegen Faschismus“ vom 7. Weltkongress der Komintern. Zunächst dienten die Tarnschriften vor allem der Kommunistischen Partei bei der Verbreitung eigener Materialien wie Berichten von Treffen und bei der Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen den Faschismus. Weiterhin betrieb die KPD Lesezirkel, in denen Grundlagentexte gelesen und diskutiert wurden. Auch diese mussten so gestaltet werden, dass ihr Besitz und Transport unauffällig waren.  Bald schon aber ging man auch dazu über, sich an eine breitere Bevölkerung zu richten und alle erreichbaren Kräfte gegen den Faschismus zu aktivieren.

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Bei dieser Tarnschrift wurden die ersten und letzten Seiten des Heftes mit Texten zum Rundfunk bedruckt. Die Rückseite der Broschüre bewirbt weitere thematische passende Publikationen des vorgeblichen Verlags.

Die Aufmachung der Tarnschriften war optisch und begrifflich oft angelehnt an gängige Ratgeber oder bekannte Reihentitel. Vor allem die Bände des Reclam-Verlags waren dabei beliebt, da ihre Umschläge mit wenig Aufwand reproduzierbar und sehr weit bekannt waren. Auch in der Manteltasche oder im Regal fielen diese Bücher so schnell nicht auf. So dienten unter anderem die Namen von Edgar Allan Poe, Platon, Kant und Schopenhauer als Tarnmantel für verbotene Schriften. Auch große Markennamen fanden in Tarnschriften unerwünschte Verbreitung: Eine besonders bekannte Schrift war das Mondamin Kochbuch, das in originalgetreuer Covergestaltung „70 bewährte Rezepte“ versprach, aber „Das soziale und nationale Befreiungsprogramm der Werktätigen Deutschlands“ enthielt. Auch Nivea, Schwarzkopf, Maggi und Persil dienten neben vielen anderen mit biederen Titeln wie Ein Wort an die sparsame Hausfrau! oder Erfolg durch Nivea als gelungene Tarnung. Die Größe der Bücher war dabei in der Regel gering, oft wurde zugunsten von Transport- und Versandfähigkeit im Oktavformat produziert.

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Als „Handweiser“ getarnter Bericht vom Kongress der KomIntern. Nur erste und letzte Seite befassen sich tatsächlich mit den auf dem Titel versprochenen Pflanzen. Der Klappentext entsprach dem der übrigen Reihe, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

Kreativität ist gefragt

Nicht alle Hersteller*innen gaben sich mit einfachen Heften zufrieden und wurden auch darüber hinaus kreativ. Eine gewisse Berühmtheit haben beispielsweise die Teebeutel der Firma Lyon’s erlangt, die neben dem versprochenen Schwarztee auch zusammengefaltete Texte von Heinrich und Thomas Mann, Gustav Regler oder Paul Westheim enthielten. Auf ähnliche Art wurden auch die Verpackungen von Kodak-Filmen, Dr. Oetker Puddingpulver, Efka Zigarettenpapier und Tomatensamen genutzt. Entweder bestand bei diesen Verpackungen das Innere nur aus subversiven Texten oder die Texte ersetzten die sonst beiligenden Gebrauchsanweisungen.

Auch beim Transport und Verteilen war einige Kreativität gefragt. Die Herstellung im Inland war sehr risikobehaftet und konnte nur in kleinsten Zellen durchgeführt werden, wollte man nicht riskieren, dass der ganze Apparat aufgedeckt wurde. Die Organisation lag dabei vor allem in den Händen der Kommunistischen Partei, die schon vor 1933 aufgrund von Repressionen große Teile ihres Druckapparats aufgeteilt und in den Untergrund verlagert hatte. Auf die Herstellung und Verteilung illegaler Schriften stand zumindest eine Haftstrafe im Zuchthaus, oft aber auch KZ-Haft oder Todesurteile. Bald wurden Teile der Produktion ins Ausland verlagert, wo auch Schriften im Exil lebender Schriftsteller*innen einfacher verlegt werden konnte. Der Schmuggel über die Grenze war schwierig und gefährlich. Kleinere Mengen konnten zwischen anderer Fracht, unter doppelten Böden oder im Reserverad versteckt werden. Beim Transport über Wasser fanden die brisanten Schriften Platz in der Schiffshülle. Es gibt aber auch Berichte von Heften, die in Teerpappe eingepackt und mit Gras umwickelt in Grenzflüsse geworfen wurden, wo sie dann stromab von harmlosen Anglern aus dem Wasser geholt wurden.

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Unter dem Titel „50 Eintopfgerichte zum Gelingen der Winterhilfe“ wurden zwei Vorlesungen Lenins aus dem Jahr 1919 verbreitet. Auf den ersten beiden Seiten, in der Mitte und auf den letzten beiden Seiten finden sich jeweils Rezepte, um beim flüchtigen Blick in das Heft keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

Die Verteilung erfolgte unter anderem per direktem Postversand, auch an Mitglieder des Militärs, oder durch Verteilung auf der Straße. So wurden beispielsweise vorgebliche Programmhefte vor Kinos verteilt. Bevor die ersten Besucher*innen einen Blick hineingeworfen hatten, hatten sich die Verteilenden schon lange aus dem Staub gemacht. Auch bei großen Messen und Veranstaltungen im In- und Ausland wurden verbotene Schriften verteilt, getarnt oft als harmlose Reise- und Städteführer. Schon 1933 war der „Völkische Beobachter“ über die Problematik der Tarnschriften im Bilde und warnte: „Da bekommt man zum Beispiel eine kleine grüne Broschüre in die Hand mit dem harmlosen Titel ‚Reise nach Ostpreußen‘. Die beiden Umschlagseiten preisen das schöne Ostpreußen, im Innern jedoch finden wir eine rein kommunistische Hetzbroschüre gegen das neue Deutschland.“ (zitiert nach Gittig, S. 41)

Schwierige Datenlage

Geschätzt wurden in den Jahren 1933 – 1945 etwa 900 Tarnschriften mit antifaschistischem Inhalt verlegt. 585 davon konnte Heinz Gittig in der einzigen umfassenden Bibliographie zu diesem Thema sammeln und beschreiben. Einige der Schriften brachten es auf Auflagen von 10.000 Exemplaren. Federführend war hierbei die Kommunistische Partei und die Kommunistische Internationale nebst ihren Jugendverbänden, gefolgt von der Volksfront und, in geringem Ausmaß, der SPD. Auch die Allierten nutzten in späteren Jahren Tarnschriften mit unverfänglichen Titeln, in denen Soldaten beispielsweise Anleitungen fanden, wie sie erfolgreich Krankheiten simulieren konnten um frontuntauglich geschrieben zu werden. Von sowjetischer Seite wurden Tarnschriften politischen Inhalts gedruckt und verbreitet. Verlässliche Zahlen zu all dem sind allerdings schwer zu finden, da Herstellung und Vertrieb natürlich strengster Geheimhaltung unterlagen und nicht aufgezeichnet wurden. Auch die Angaben im Impressum, so überhaupt vorhanden, waren selbstverständlich gefälscht. Daten aus diesen Jahren lassen sich fast nur finden, wo die Arbeit der Gestapo erfolgreich war und Schriften beschlagnahmt wurden. Die übrigen Zahlen müssen sich auf Aussagen von Zeitzeug*innen stützen, die an Produktion oder Verteilung beteiligt waren.

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Nach 1945 ging die Notwendigkeit von Tarnschriften in Deutschland zu Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind nur noch wenige einzelne Fälle bekannt. So veröffentlichte beispielsweise 1971 Horst Mahler, damals in Haft und noch bei der RAF, das Buch Die neue Straßenverkehrsordnung, das den Text „Die Lücken der revolutionären Theorie schließen – Die Rote Armee aufbauen!“ enthielt. Spätestens mit dem Aufkommen des Internets und seiner Verbreitungsmöglichkeiten dürfte die Tarnschrift inzwischen völlig überholt sein.

Wer heute noch Tarnschriften lesen will, muss sich ein wenig bemühen. Die wenigen noch existierenden Exemplare historischer Schriften findet man heute vor allem in Archiven oder zu entsprechenden Preisen im Antiquariat. Mitunter hat man dort aber auch Glück und findet deutlich günstigere Faksimiles.

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Fünf Repliken von Tarnschriften der Jahre 1934/35 in Originalgröße. Aktuelles Hardcover zum Größenvergleich.

Quellen und weitere Infos:

Heinz Gittig: Illegale antifaschistische Tarnschriften 1933 – 1945. Röderberg Verlag Frankfurt a. M. 1971.

Beitrag auf den Seiten des Buch- und Schriftmuseums mit einigen Beispiel-Bildern: https://mediengeschichte.dnb.de//DBSMZBN/Content/DE/Zensur/06-tarnschriften.html

Tagesspiegel: „Getarnte Literatur„. Juni 2015.

ZK der SED: Tarnschriften der KPD aus dem antifaschistischen Widerstandskampf. Originalgetreue Reproduktionen von 12 Heften aus den Jahren 1935/1936. Dietz Verlag 1986.

11 Gedanken zu “Trojaner im Bücherregal

    • Marion 20. August 2020 / 19:34

      Lieber Andreas,

      immer gerne!

      Viele Grüße und einen schönen Abend,
      Marion

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    • Marion 20. August 2020 / 21:14

      Ich bin da ganz zufällig drüber gestolpert, fand es aber auch sofort sehr spannend. Schade, dass so wenige Originale erhalten geblieben sind!

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  1. Christoph 21. August 2020 / 17:24

    Ein toller Beitrag zu einem faszinierenden Thema!

    Die „Tarnschriften“ kannte ich in dieser Form bisher noch nicht. Aber etwas Brisantes in einem harmlos wirkenden Umschlag zu verstecken, hat sich doch durchaus bewährt. Ich erinnere mich da zum Beispiel an das im Schulbuch versteckte Comicheft oder das in einer unverfänglichen Zeitung zur Kiosk-Kasse transportierte Erotikheftchen.

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    • Marion 21. August 2020 / 17:31

      Ich glaube mich zu erinnern, dass es Harry Potter in einer Erwachsenen-Ausgabe gab. Die war inhaltlich identisch, hatte aber ein seriöses Cover. Und ich hatte mindestens eine Kundin, die ihre Vampir-Geschichten in neutrale Hüllen gepackt hat, wenn sie die im Zug gelesen hat.

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      • Christoph 22. August 2020 / 8:57

        …und „Shades of Grey“ wurde ja angeblich in der Öffentlichkeit auch bevorzugt als E-Book gelesen.

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        • Marion 22. August 2020 / 18:17

          Ich finde es sehr unhöflich, in der Öffentlichkeit eBooks zu lesen. Ich will sehen, was die Leute lesen. Vielleicht könnte man einen kleinen Einschub aus Folie auf die Rückseite der Reader kleben, in denen man Autor*in und Titel bekanntgibt.

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  2. dj7o9 22. August 2020 / 17:00

    Wow – echt spannend, danke für diesen informativen Artikel – ich hatte echt keine Ahnung, bzw habe nie über dieses Thema nachgedacht. Liebe Grüße, Sabine

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  3. Miss Booleana 6. September 2020 / 11:18

    Sehr cool – ich hatte schon mal von Tarnschriften gehört, aber der Detailblick ist faszinierend. Allein was für Kniffe man sich bedient hat. Krass. Vielen Dank für den Beitrag

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    • Marion 6. September 2020 / 11:24

      Ich kannte das tatsächlich gar nicht. Als ich „Die rote Köchin“ gelesen habe, hab ich jemandem davon erzählt und der sagte, das sei ja fast eine Tarnschrift. Nur so bin ich überhaupt auf das Thema gekommen.

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