Die Welt nach dem Virus – „The Year of the Flood“ von Margaret Atwood

Die „wasserlose Flut“ in Margaret Atwoods dystopischer Welt der Maddaddam-Trilogie wurde von vielen erwartet und doch hat sie kaum jemand überlebt. Die so bezeichnete Seuche und ihre verheerenden Folgen kennt man schon aus Oryx & Crake. Während es im ersten Teil noch so aussah, als sei Snowman der einzige Überlebende, lernt man in The Year of the Flood die Angehörigen einer religiösen Gruppe kennen, die sich „The Gardeners“ nennt. Schon lange vor der Flut haben diese Menschen zusammengefunden, um in einer Gemeinschaft zu leben, in der die als zerstörerisch empfundenen Praktiken ihrer Zeit abgelehnt und bekämpft werden. So essen sie kein Fleisch, nehmen keine Medizin, die von den großen Firmen produziert wird, kaufen keine neue Bekleidung und duschen nur sehr selten, um Wasser zu sparen. Und sie legen aufwändige Vorräte an, denn sie sind sicher, dass der Tag naht, an dem die Welt, wie man sie kennt, zusammenbrechen wird. Das wird zumindest einigen von ihnen noch das Leben retten.

„For the Waterless Flood is coming, in which all buying and selling will cease, and we will find ourselves thrown back upon our own resources, in the midst of God’s bounteous garden.“

Dass Protagonistin Toby zu ihnen findet, ist reiner Zufall. Sie interessiert sich weder besonders für Veganismus noch für Nachhaltigkeit und arbeitet in einem miesen Burgerladen, um sich über Wasser zu halten. Als sie aber vor ihrem Boss fliehen und untertauchen muss, sind die Gardeners ihre beste Möglichkeit. Schnell lernt sie die verschrobene Gemeinschaft schätzen, auch wenn sie etliche spirituelle Handlungen mit gehörigem Argwohn betrachtet. Die Gardener sind gottgläubige Umwelt-Verehrer. Jeder Tag in ihrem Kalender ist einem Menschen gewidmet, der sich in besonderer Weise für die Umwelt eingesetzt hat. Ihre Heiligen haben Menschenaffen erforscht, Insekten benannt und sich gegen Staudammprojekte gestellt. Der Roman ist durchsetzt von Gesängen der Gardeners zu Ehren der Elemente, Pflanzen und Tiere. Aufgeschrieben davon ist allerdings nicht, denn sie fürchten die Schrift und den Schaden, der entstehen kann, wenn Geschriebenes in die falschen Hände gerät. Alles was sie wissen, wird von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, besonders durch ihre spirituellen AnführerInnen, die sogenannten Adams und Eves.

Ebenfalls mit in der Gemeinschaft lebt Ren, die neben Toby die zweite Perspektive in den Roman bringt. Ihre Mutter hat sich vor Jahren Hals über Kopf in einen der Adams verliebt und ist samt Tochter in einer Nacht und Nebel-Aktion zu den Gardeners gezogen. Die Beziehung von Mutter und Tochter ist und bleibt angespannt und zum Zeitpunkt der Flut lebt Ren schon lange nicht mehr in der behüteten Gemeinschaft, sondern arbeitet in einem High-End Sexclub, in dem die Angestellten aufwendige Schuppenkostüme tragen. Auch sie ist alles andere als ein klassischer Gardener und sorgt schon während ihrer Zeit in der Gemeinschaft zusammen mit ihrer besten Freundin Amanda für einigen Ärger. Amanda ist es aber auch, die ihr nach der Flut das Leben retten kann.

Wie auch in Oryx & Crake gelingt Atwood eine überzeugende Dystopie, die erschreckend nahe an der Realität ist. Fast nichts wirkt so abgedreht, dass es nicht in wenigen Jahren bis Jahrzehnten Realität sein könnte. Selbst für die meisten der gruseligen Exeperimente existieren heute schon die wissenschaftlichen Grundlagen. Die mahnende Ansprache von Adam One, man möge sich regelmäßig die Hände waschen und jene meiden, die niesen, erscheint dabei besonders zeitgemäß. Die im Untergang begriffene Welt ist brutal und dreckig und wer die Regeln nicht ganz genau kennt und zum eigenen Vorteil nutzen kann, ist ganz schnell weg vom Fenster. Einige Szenen werden dabei besonders grausam geschildert, insbesondere auch, was sexualisierte Gewalt angeht. Es gibt weit mehr als eine explizite Vergewaltigung im Roman, was nicht zuletzt Rens beruflichem Werdegang geschuldet ist. Doch bei all der Brutalität verliert Atwood ihren Humor nicht. Viele Szenen sind so charmant und witzig, dass sie das raue Leben im Jahr der Flut erträglich erscheinen lassen. Daran hat aber auch die ungeheure Menschlichkeit der Charaktere einen großen Anteil. Auch die Gardener sind, so sehr sie auch entrückte Öko-Sekte sind, ein tröstliches Element in einer zerstörten Welt. Es ist allerdings empfehlenswert, zuerst Oryx & Crake zu lesen, das macht vieles verständlicher und außerdem greifen die beiden Teile so schön ineinander, dass es schade wäre, das zu verpassen.


Margaret Atwood: The Year of the Flood. Virago 2013. 518 Seiten. Erstausgabe McClelland & Stewart 2009. Eine deutsche Übersetzung von Monika Schmalz ist unter dem Titel Das Jahr der Flut bei Piper erschienen.

Das Zitat stammt von S. 151.

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