Großkatzen im Krisengebiet: Téa Obrehts „The Tiger’s Wife“

Natalia, eine junge Ärztin, ist auf Reisen, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Sie ist aufgewachsen in einem unbenannten Balkanstaat, von dem man ahnen kann, dass es Serbien ist. Nun reist sie in den ehemals verfeindeten Nachbarstaat, wo sie Waisenkinder medizinisch versorgen soll. Ihr Großvater ist vor wenigen Tagen ganz in der Nähe verstorben, in einem Dorf kurz hinter der Grenze. Von seiner Krebserkrankung wusste nur Natalia. Nun bekommt sie von der aufgebrachten Witwe den Auftrag, seine persönliche Habe aus dem fernen Krankenhaus zu holen, denn nur so kann seine Seele Frieden finden.

„The forty days of the soul begin on the morning after death. That first night, before the forty days begin, the soul lies still against sweated-on pillows and watches the living fold the hands and close the eyes, choke the room with smoke and silence to keep the new soul from the doors and the windows and the cracks in the floor so that it does not run out of the house like a river.“

Und das ist eigentlich auch schon die gesamte Rahmenhandlung des Romans. Obreht erzählt vor allem aber die Geschichte des Großvaters, die auch eine Geschichte Jugoslawiens und seiner Konflikte ist. Aufgewachsen ist der Großvater in einem kleinen Dorf am Rande eines Waldes, doch schon aus dieser Zeit kann er Geschichten erzählen, die man kaum glauben kann. Von einem Tiger, der eine Frau im Dorf gehabt haben soll und von einem Jäger, der selbst zum Bären wurde. Und auch einen engen Verwandten des Todes, den unsterblichen Gavran, hat der Großvater kennengelernt.

Natalia, ganz dem wissenschaftlichen Denken verpflichtet, kann Geschichten wie diese und den Aberglauben der ländlichen Bevölkerung nicht immer ernst nehmen. In ihrer Welt werden Krankheiten nicht durch Flüche, sondern durch Viren ausgelöst. So ganz entziehen kann sie sich der Magie der mythischen Geschichten aber dann doch nicht. Volksmythen und Sagen spielen eine ganz wesentliche Rolle in The Tiger’s Wife und das nicht nur als Schmuckelemente. Sie werden zu einem selbstverständlichen Teil der Handlung, den man als wahr und real akzeptieren muss. Man muss auch akzeptieren, dass die Handlung an etlichen Stellen ganz schön vor sich hin mäandert. Das kann kein Wunder sein in Anbetracht der Tatsache, dass die Rahmenhandlung etwa drei Tage lang ist, die Erzählung aber fast ein Jahrhundert umfasst. Dennoch muss man sich konzentrieren um die Verbindungen zwischen den Handlungssträngen zu finden, denn die Hinweise, die der Text einem gibt, sind oft winzig.

Obreht_TigersWife.jpg

The Tiger’s Wife ist auch eine Geschichte über Geschichten an sich. Der Großvater trägt bis zu seinem Tod immer eine völlig zerfledderte Ausgabe von Kiplings Dschungelbuch mit sich herum. Dieses Buch war ihm als Kind die einzige Brücke zur Frau des Tigers und sein erster Zugang zu fantastischen Erzählungen. Es bleibt für immer sein Anker und wertvollster Besitz. Erzählungen bestimmen auch das Leben vieler anderer Figuren in dem Roman, da sie als grundsätzlich wahr oder zumindest möglich angenommen werden. Keine Geschichte ist zu absurd, kein Mythos zu abwegig, als dass man nicht doch einen Funken Wahrheit darin vermuten und finden kann.

Doch wie es eben so ist mit den Mythen und Träumen – an einigen Stellen schrammt Obreht haarscharf am Kitsch vorbei. Aufgefangen und ausgeglichen wird das durch die sehr pragmatischen, einfachen Schilderungen von Orten und Menschen. Anders wäre es auch wohl unerträglich süß, das Dorf in der Abgeschiedenheit der Wälder und das Haus direkt am Meer und am Fuße der Weinberge. Die Länder und Gesellschaften, in denen Natalia sich bewegt, sind so lebendig geschildert und erscheinen so authentisch, dass man dem Roman keine Seite lang anmerkt, dass die Autorin den Balkan im Alter von sieben Jahren verlassen hat.

Für The Tiger’s Wife muss man bereit sein, sich nicht zu sehr auf eine Haupthandlung zu konzentrieren und man muss akzeptieren, dass nicht immer klar ist, warum jetzt gerade diese oder jene Geschichte erzählt wird. Manchmal müssen Geschichten eben einfach erzählt werden. Außerdem muss man eine ganze Menge magischen Realismus aushalten können und damit auch, dass die Grenzen zwischen Wahrheit und Mythos das ein oder andere mal verwischen. Wer daran Spaß hat, findet in The Tiger’s Wife einen lebhaften und vielschichtigen Roman, der eine spannende Geschichte der Balkan-Staaten und ihrer Kulturen erzählt.


Téa Obreht: The Tiger’s Wife. Random House New York 2011. 337 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Bettina Abarbanell ist unter dem Titel Die Tigerfrau bei rororo lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 7

2011 wurde Obreht für diesen Roman mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

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