Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

Cole_PantherInTheHive

Interessant umgesetzt ist auch die soziale Implikation der Katastrophe. Während die meisten Zombie-Apokalypsen recht wahllos alles mitnehmen, was gerade auf der Straße ist, werden von dieser Katastrophe nur einige Auserwählte betroffen – im Wesentlichen der Öffentliche Dienst und einige Großverdiener. Es sind „the few“, wie die Minker sich selbst stolz nennen. Der Chip ist ein Statussymbol, wer ihn tragen darf, markiert das gerne mit einem Tattoo über dem Implantat. Nun ist es an „the many“, den vielen Unterprivilegierten, die Stadt zu retten. Von der ebenfalls komplett gechippten Armee zumindest ist keine Hilfe zu erwarten. Dankbar war ich Cole neben vielen großartigen Ideen auch für ihre sehr entspannte Version der Zukunft. Es gibt natürlich neue Technologien, aber niemand schießt mit absurden Laser-Waffen, niemand trägt Kleidung aus Metall und alle fahren mit simplen Aufzügen, die dauernd stecken bleiben. Der verrückteste Gedanke ist vielleicht, dass möglichst kleine Autos als schickes Statussymbol gelten.

Ich lese so gut wie nie Science Fiction und schon gar keine Zombie-Apokalypsen. Meine Grusel-Grenze verläuft knapp oberhalb der Simpsons-Halloween-Folgen (und manchmal auch darunter). Trotzdem habe ich Panther in the Hive extrem gerne gelesen und hatte großen Spaß dabei. Es hat Stellen, die konstruiert wirken mögen, aber das sehe ich Apokalypsen auch nach, die leben von dramatischen Effekten. Erst als ich die bibliographischen Angaben für die vor ein paar Wochen erschienene „Women in SciFi„-Besprechung recherchiert habe, habe ich eine für mich sehr überraschende Entdeckung gemacht: Das Buch ist erschienen bei Fletchero, was ein Eigenverlag ist. Eigenverlag! An keinem einzigen Punkt dieses Romans wäre ich auf diese Idee gekommen, wenn man von der nicht immer schönen Herstellungsqualität mal absieht. Ich wünsche diesem Roman und den deutschen LeserInnen sehr, dass er es irgendwann mal in die Übersetzung schafft.

(Panther in the Hive ist der erste Teil einer Trilogie. Der zweite Teil mit dem Titel The Rooster’s Garden ist bereits erschienen und wird auf jeden Fall von mir gelesen!)


Olivia A. Cole: Panther in the Hive. Part 1 of the Tasha Trilogy. Fletchero 2016. 370 Seiten, ca. € 15,-.

8 Gedanken zu “Olivia A. Cole: Panther in the Hive

  1. thursdaynext 8. Mai 2018 / 20:30

    Ah, den Roamn hatte ich schon im Fokus und nu du auch noch und das als nie SciFi Zombie Apocalypse Leserin, der muss wohl her, mal sehen ob es den auf dt. gibt. Merci

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    • Marion 8. Mai 2018 / 20:39

      Blöderweise nicht. Da mache ich mir auch nur wenig Hoffnung, solange der nicht mal einen „richtigen“ US-Verlag hat. Aber vielleicht ist ihre neue (richtig verlegte) Reihe ja so super erfolgreich, dass das hier nachzieht… Ich hab ein Auge drauf und lasse dich wissen, wenn da was passier.t

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  2. thursdaynext 8. Mai 2018 / 21:33

    Monster Hunter International *hüstel* von Larry Coreira erschien auch im Eigenverlag und kam dann auf die Bestsellerliste et voilà , der fünfte Band auf dt. ist schon raus. Es gibt Hoffnung.

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    • Marion 8. Mai 2018 / 21:40

      Ach stimmt, das war ja so dein guilty pleasure, ne?
      Ihre zweite Reihe, beginnend mit „A Conspiracy of Stars“ ist immerhin bei einem Harper Collins-Imprint. Ich glaube, das ist mehr so Young Adult, aber vielleicht hilft es ja auch dem Panther weiter – auch das könnte man eigentlich als YA verkaufen. Ziemlich blutiges und brutales YA, aber die meisten achtjährigen können ja mehr ab als ich.

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      • thursdaynext 9. Mai 2018 / 18:01

        Oh weniger guilty als a littele bit ashamed. Ab und an brauch ich sowas. Nach dem Prinzip no brain no pain. Es funktioniert😉

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  3. thehateyougive 11. Mai 2018 / 19:52

    Ich fand’s mega! Und ich lese ja ganz gerne mal so post-apokalyptischen Kram oder Sci-Fi. Klar wird das Genre nicht neuerfunden, aber ihr Ansatz hat was sehr Frisches, was ich da schon ewig nicht mehr hatte. Gerade so im Gegensatz zu Alderman zum Beispiel.

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    • Marion 11. Mai 2018 / 22:35

      So viel vorbehaltlose Zustimmung von dir bin ich ja gar nicht gewohnt. Wenn wir beide es mochten, ist es vielleicht einfach ein objektiv gutes Buch.
      Und ja, The Power – das ist echt schade.

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