Petra Morsbach: Justizpalast

Thirza Zorniger wächst in zerrütteten Verhältnissen auf. Die Mutter steht kurz vor Abschluss ihres Jura-Studiums, als sie sich in den Schauspieler Carlos verliebt und schwanger wird. Das Studium wird hintenangestellt und dann nie wieder aufgenommen, einige Jahre später geht die Ehe in die Brüche. Thirza, das einzige Kind aus dieser Verbindung, landet beim Großvater und zwei Tanten in München Pasing. Auch der Großvater war Jurist, allerdings mit nicht vollständig aufgearbeiteter Rolle im NS-Staat. Als Thirza verkündet, Richterin werden zu wollen, kann er sie nicht ernst nehmen. Ein so hohes Amt traut er ihr nicht zu.

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Trotzig zieht Thirza aus, um ihm das Gegenteil zu beweisen – mit Erfolg. Verbissen und kompromisslos kämpft sie sich durchs Jura-Studium. Vor lauter Lernen bleibt wenig Zeit für ihr Privatleben, ein paar mal ist sie schüchtern verliebt, die einzige Beziehung dieser Zeit nimmt aber ein katastrophales Ende und verschreckt sie für viele Jahre. Als sie schließlich in den Münchner Justizpalast zieht, den Sitz des Bayerischen Staatsministeriums für Justiz, hat sie ihr Ziel endlich erreicht. Zumindest beruflich, denn in Thirzas Privatleben sieht es düster aus. Sie geht vollständig in der Arbeit auf und ist von morgens bis spät abends im Justizpalast. Ihr Privatleben besteht zunächst noch aus der Pflege der alternden Tanten, dann nur noch aus Treffen mit KollegInnen, mit denen auch nur über Juristerei gesprochen wird. Den Urlaub verbringt sie immer allein und immer am gleichen Ort. Zärtlichkeit findet Thirza allein in den Romanen von Hedwig Courths-Mahler, die sie heimlich und ein bisschen verschämt liest, wenn sie abends alleine im geerbten Pasinger Haus sitzt.

„Aus Gerichtsperspektive scheint jeder mit jedem zu streiten, das ganze reiche Land eine Horde von hereingelegten und hereinlegenden, erschrockenen und erbosten, beleidigten und wütenden Bürgern. Sie hatten mehr Recht denn je in ihrer Geschichte und mehr Rechte als fast alle Bürger sonst auf der Welt, und was taten sie? Sie litten und tobten.“

Petra Morsbach beruft sich in ihren Dankesworten auf 50 Juristen, die sie in der Arbeit an ihrem Buch unterstützt haben. Tatsächlich wirken die Fälle, an denen Thirza arbeitet, sehr authentisch. Zuweilen, vor allem während Thirzas Zeit im Kartellamt, sind sie auch schlicht zu dröge, als dass sie sich jemand freiwillig ausgedacht hätte. Diese Fälle, in denen es nicht um verletzte Gefühle sondern nur um schnöde Profitgier geht, braucht es aber auch als emotionales Gegengewicht. Denn zum einen befasst Thirza sich als Mediatorin auch durchaus noch mit sehr persönlichen und aufwühlenden Geschichten, zum anderen ist ihr Privatleben, so eingeschränkt es auch ist, nicht frei von Dramen. Morsbach schreibt reduziert und teilweise fast knapp, erspart einem damit aber keine Fiesheiten. Thirza wird als sehr sachliche Person charakterisiert, die immer sehr korrekt und mitunter kühl auftritt. Eine Identifikationsfigur ist sie nicht, man scheint ihr einfach nicht nahe zu komme. Doch der Eindruck trügt. Die Zurückgenommenheit, mit der Thirzas Leben geschildert wird, verstärkt nur die Wucht der emotionalen Keule, wenn sie einmal zuschlägt. Und sie schlägt zu, nicht nur mit Kraft, sondern auch mit ungeheurer Treffsicherheit.

Niemals hätte ich mir Justizpalast gekauft, dafür interessiert mich Jura nun wirklich nicht genug. Aber ich habe das Buch gewonnen und will nicht undankbar sein und das war ein großes Glück, denn ich hätte ein sehr, sehr gutes Buch verpasst. Die Fälle, die Thirza verhandelt und die Skandale, mit denen sie sich außerdem befasst, zeichnen ein umfassendes und authentisch wirkendes Bild des Alltags am Gericht und der Justiz in Deutschland. Nicht immer bekleckern die Damen und Herren in Robe sich dabei mit Ruhm, bei einigen tun sich gar Abgründe auf. Thirza setzt sich mit ihren Fällen oft sehr detailliert auseinander und verzweifelt zuweilen an den menschlichen Konsequenzen, die ihre Urteile haben. Manchmal hat das fast Schirach’sche Ausmaße (allerdings ohne die unangenehme Selbstdarstellung). Einige Verhandlungen habe ich als etwas langatmig empfunden, was aber dem Lesevergnügen insgesamt keinen Abbruch tut. Thirza, die man fast ihr ganzes Leben lang begleitet, wird einen auch noch ein paar Tage verfolgen, nachdem das Buch beendet hat. Trotz trocken wirkender Thematik ist Justizpalast ein höchst lesenswerter und im besten Sinne hoch emotionaler Roman, den ich sehr empfehlen kann.


Petra Morsbach: Justizpalast. Knaus 2017. 480 Seiten, € 25,-.

Das Zitat stammt von S. 295

3 Gedanken zu “Petra Morsbach: Justizpalast

  1. Wissenstagebuch 16. Mai 2018 / 11:24

    Interessant, wie du den Roman empfunden hast.
    Ich habe die Protagonistin als nicht untypische Juristin (gilt aber garantiert auch für die männlichen Vertreter) wahrgenommen. Einen solchen Lebenslauf in voller Gänze ausgebreitet zu bekommen, entbehrt aber auch nicht einer gewissen Melancholie. Über die Urteile und auch einige Szenen im Gerichtssaal konnte ich mich herrlich amüsieren. Das trockene Rechtsdeutsch in so schöner Art und Weise in Romanform wiederzufinden hat mir gleich noch mal einen Motivationsschub fürs Studium gegeben. 😉
    Viele Grüße
    Jana

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    • Marion 16. Mai 2018 / 16:13

      Hallo Jana,
      interessant auch, wie du es als „Insiderin“ gelesen hast. Viele Besprechungen haben lobend hervorgehoben, wie gut sie den Ton trifft, andere haben das genau Gegenteil behauptet.
      So oder so wird es sicher nicht mein letztes Buch von ihr gewesen sein.

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