Aminatta Forna: The Memory of Love

Elias Cole liegt im Sterben. Nach einem langen und bewegten Leben lassen ihn nun seine Lungen im Stich. Doch vor seinem Tod muss er noch etwas loswerden. Die Geschichte seiner Liebe zu und Besessenheit von Saffia, die er in jungen Jahren als Frau seines Kollegen Julius kennengelernt hat. Da kommt ihm Adrian gerade recht. Adrian ist ein britischer Psychologe, der für eine Hilfsorganisation nach Sierra Leone gereist ist. Er soll Menschen helfen, die nach dem Bürgerkrieg teils schwer traumatisiert sind. Es gelingt ihm aber zunächst nicht, zu den Menschen durchzudringen und die meisten Therapieansätze enden nach der ersten Sitzung. So hat er eine Menge Zeit, Coles Beichte abzunehmen.

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Im Krankenhaus findet Adrian einen Freund in Kai. Der junge Chirurg stammt aus Sierra Leone und hat im Gegensatz zu vielen Kollegen das Land nicht verlassen, auch wenn er seit dem Krieg unter schweren Albträumen leidet und einige Teile der Stadt meidet, weil die Erinnerungen zu schrecklich sind. Die beiden werden Freunde, obwohl Kai Adrians Rolle immer kritisch sieht. Er ist, wie viele seiner Landsleute, genervt von den vielen Menschen, die über Hilfsorganisationen ins Land kommen, viel zu meckern haben, oft wenig helfen und doch ewigen Dank erwarten. Die internationale Gemeinschaft habe, findet er, so lange weggeschaut, dass man auch jetzt ohne sie zurechtkomme. Die obligatorische Vorstellungsfrage, mit welcher Agentur man im Land sei, wird im Laufe des Romans zum Running Gag. Die Menschen, die aus dem Ausland nach Sierra Leone kommen, wollen vor allem vor etwas fliehen, so Kais Beobachtung. Es dauert nicht lange, bis er herausfindet, dass dieses etwas in Adrians Fall eine völlig desolate Ehe ist.

„You call it a disorder, my friend. We call it life.“

Forna hat mit The Memory of Love ein Porträt eines in Europa wenig beachteten Landes geschrieben. Ihre Schilderungen des Bürgerkriegs sind eindrücklich und teils sehr brutal. Die kritische Sicht auf internationale Hilfsorganisationen, die in diesem Buch artikuliert wird, ist unübersehbar. Ausländer, die ins Land kommen, so die Erfahrung vieler, machen das in erster Linie für sich selbst und nicht für andere. Sie selbst wollen Heldinnen und Retter werden, sie wollen Dankbarkeit und Bewunderung erfahren. Sie wollen sich Engagement und Abenteuer in den Lebenslauf schreiben. Viele Projekte sind für das Land und seine Bevölkerung keine echte Hilfe. Adrian gelingt es, nachdem er sich die Erlaubnis dazu erkämpft hat, einigen seiner Patienten das Leben immerhin ein kleines bisschen zu erleichtern. Doch ob diese Hilfe von langfristigem Nutzen ist, bleibt fraglich, denn nach seiner Abreise wird seine Arbeit nicht fortgeführt werden. Adrian bleibt fremd in diesem Land und es gelingt ihm nicht, seinen Patienten die wirklich wichtigen Antworten zu entlocken.

Die vordergründige Handlung dieses Romans ist eine Liebesgeschichte, aus der schnell drei werden. Schwülstig oder kitschig aber wird das Buch nicht, auch wenn diese Liebesgeschichten sehr emotional geschildert werden. Die Geschichte Sierra Leones, koloniale und postkoloniale Thematiken, werden damit eng zu einer eindrücklichen, smarten Erzählung verwoben. Man muss diesem Roman aber seine Zeit geben. Es dauert, bis klar wird, wie die einzelnen Erzählstränge verbunden sind. Fast die ganze erste Hälfte lang fragt man sich, was diese drei Männer eigentlich verbinden soll, warum ihre Geschichten zusammen erzählt werden müssen.

Aminatta Forna hat einen intelligenten, gut konstruierten Roman geschrieben, der sich allerdings manchmal etwas schleppend entwickelt. Auf jeden Fall aber ist The Memory of Love ein weit besseres und politischeres Buch, als der etwas schwülstige Titel erwarten lässt.


Aminatta Forna: The Memory of Love. Bloomsbury 2010. 445 Seiten, ca. € 10,-. Deutsche Ausgabe: Ein Lied aus der Vergangenheit. Übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini. Lieferbar bei btb. € 11,99.

Das Zitat stammt von S. 319.

Aminatta Forna war mit diesem Roman 2011 auf der Shortlist für den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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