Shakespeare: The Taming of the Shrew – Anne Tyler: Vinegar Girl

Anne Tyler hat mit Vinegar Girl den dritten Beitrag der Hogarth Shakespeare-Reihe geschrieben. Es basiert auf „The Taming of the Shrew“, einem der bekannteren Stücke von Shakespeare, das unter anderem mit „10 Dinge, die ich an Dir hasse“ adaptiert wurde. Und es ist auch eines der merkwürdigeren Stücke…

Anders als bei den anderen Hogarth Texten „Der Kaufmann von Venedig“ und „Das Wintermärchen“ habe ich es auch nicht noch mal komplett gelesen, zum einen, weil ich es mehrfach im Theater gesehen und in Seminaren durchgekaut habe, zum anderen weil es mir schlicht auf die Nerven ging.

The Taming of the Shrew

Das Stück spielt in Padua und handelt natürlich von „Der Widerspenstigen Zähmung“. Die Widerspenstige ist Katherine, Tochter aus reichem Haus. Ihre jüngere Schwester ist die bezaubernde Bianca, bei der die Verehrer Schlangestehen. Doch sie darf erst heiraten, wenn die ältere Kate unter der Haube ist. Was man halt so für Regeln hat.

Biancas Verehrer haben aber schnell einen Dummen gefunden, der bereit ist, sein Glück zu versuchen. Petruchio heißt er, traut sich zu, die Widerspenstige zu zähmen und ist vor allem scharf auf ihre Mitgift. Kate ist mit diesem Plan überhaupt nicht einverstanden, widerspricht aber auch nicht, und schon am Sonntag soll Hochzeit sein.

„We will have rings, and things, and fine array
And kiss me Kate, we will be married o’Sunday.“

Warum sie ihren deutlichen Widerstand so plötzlich aufgibt, ist völlig unklar – noch zehn Zeilen zuvor sagt sie, eher sähe sie Petruchio am Sonntag hängen als vor dem Altar. Aber nun gut.

Am Hochzeitstag allerdings ist Petruchio wie ausgewechselt. Er erscheint viel zu spät auf einem zotteligen Pferd und in verwahrloster Kleidung, beleidigt den Priester und weigert sich, zum Essen zu bleiben. Er und Kate reisen sofort in seine Heimat Venedig. Völlig ausgehungert kommt sie dort an, doch der ersehnte Braten wird ihr vom Teller gerissen – völlig verbrannt sei er, wirft Petruchio seinen Dienern vor, sowas könne man nicht essen. Auch Schlaf gönnt Petruchio seiner frisch Angetrauten nicht und hält sie die ganze Nacht wach. Das alles gehört natürlich zu seinem Plan, Kates Willen zu brechen und sie so gefügig zu machen.

TamingOfTheShrew
Kupferstich nach Francis Wheatley 1793. Das junge Glück auf dem Weg nach Venedig.

In Padua hat sich derweil jeder verkleidet und alle werben, in jeweils falschen Rollen versteht sich, um Bianca. Wo kämen wir denn sonst auch hin in einer Shakespeare-Komödie, wenn es nicht vierhundert Verwechslungen gäbe. Lucentio macht schließlich das Rennen und die beiden heiraten nur wenig später. Auch sein Konkurrent Hortensio heiratet eine ominöse reiche Witwe, die erstmal in der Warteposition war, bis Bianca ihm endgültig einen Korb gegeben hat.

Auf der Hochzeit gibt es einen Wettstreit zwischen den Ehepaaren, welcher Mann die unterwürfigste Frau erzogen hätte. Wenig überraschend gewinnt Petruchio, dessen ehemals widerspenstige Frau Kate ihm zu Füßen liegt und in einem abschließenden Monolog die Unterordnung der Frau lobt. Ja, im Ernst.

Was bei nahezu allen Adaptionen und auch einigen Inszenierungen komplett gestrichen wird, ist die Rahmenhandlung. „The Taming of the Shrew“ ist nämlich eigentlich nur eine Binnenerzählung. Das Stück wird dem Trinker Sly vorgespielt. Dieser hat in einem Gasthaus einen Lord getroffen, der sich einen Spaß daraus macht, dem betrunkenen Sly einzureden, er sei eigentlich ein Lord und zu seiner Belustigung solle nun ein Stück aufgeführt werden. Er sagt in Akt I, Szene 1 nochmal was, schläft dann ein, und torkelt ganz am Ende nach Hause. Nicht verwunderlich, dass diese Rahmenhandlung so wenig Beachtung findet.

Auch Anne Tyler hält sich nicht damit auf und präsentiert ihre Version der Geschichte wie folgt:

Vinegar Girl

Kate Battista ist genervt. Ihr Vater, ein brillanter Wissenschaftler, ist zu zerstreut um sich um den Haushalt und seine Töchter zu kümmern und ihre kleine Schwester Bernice, genannt Bunny, schleppt dauernd Jungs zu Hause an. Ihre Mutter ist kurz nach Bernices Geburt gestorben. Nun hängt alle Verantwortung an Kate, die noch dazu als Assistentin in einem Kindergarten arbeiten muss, was auch nicht gerade ihr Traumjob ist.

Und nun hat ihr Vater auf einmal die Idee, dass sie seinen Assistenten Pyotr heiraten sollte. Ohne ihn kann er nicht weiter forschen, doch das Visum läuft aus und die einzige Aussicht auf Verlängerung scheint die Hochzeit mit einer US-Bürgerin zu sein. Kate ist natürlich nicht im geringsten angetan von dieser Idee, lässt sich aber doch recht schnell breitschlagen. Denn eigentlich ist Pyotr gar nicht verkehrt und sie hat ein bisschen Mitleid mit ihm, der oft so verloren wirkt.

Tyler_VinegarGirl

Hätte man mir nicht gesagt, dass Vinegar Girl eine Adaption des Dramas sein soll, ich wäre niemals drauf gekommen. Und auch mit dem Wissen fällt es nicht leicht, Parallelen zu finden. Erstmal ist die Ausgangssituation eine völlig andere. Bunny darf zwar eigentlich keine Dates haben, aber von Heirat ist überhaupt keine Rede, sie ist auch erst fünfzehn. Ob Kate nun heiratet oder nicht, ist für sie ohne größere Konsequenzen. Bei Anne Tyler ist Kate außerdem total nett. Sie widerspricht gelegentlich und ist im Kindergarten nicht immer wahnsinnig nett zu allen Eltern, aber das war es auch schon. Sie stimmt sogar einer Hochzeit zu, nur um ihrem Vater einen Gefallen zu tun und einem fast Fremden zu helfen. Es ist vielleicht nicht ganz gesetzeskonform, ja. Aber Widerspenstigkeit sehe ich nicht so viel. Kate bei Shakespeare hingegen ist wirklich ein bisschen schwierig. Sie wird gewalttätig gegenüber mehreren Menschen, zerschlägt die Laute auf dem Kopf des Lehrers, zieht ihre Schwester an den Haaren und wird mehrfach sehr ausfallend und beleidigend. Nichts davon kann man Kate Battista nachsagen. Sie hadert einzig ein wenig mit ihrem Schicksal, einen Mann zu heiraten, den sie gar nicht heiraten will, und wer will ihr das vorwerfen? Gezwungen aber wird sie dazu nicht.

„I deserve a real romance, someone who loves me for myself an thinks I’m a treasure. Someone who showers me with flowers and handwritten poems and dreamcatchers.“

Auch Pyotr macht, im Gegensatz zu Petruchio, keine Anstalten, seine Frau zu ‚brechen‘. Er hält an einem relativ traditionellen Rollenbild fest, und sieht es beispielsweise als selbstverständlich an, dass er alle finanzielle Verantwortung trägt. Allerdings möchte er ihr aber auch gerne ermöglichen, ihr vor Jahren abgebrochenes Studium wieder aufzunehmen. Klingt jetzt nicht nach Tyrann. Es gibt Meinungsverschiedenheiten, in denen beide sich durchsetzen wollen, am Ende aber wird eine Einigung gefunden oder der Konflikt entpuppt sich als Missverständnis. Nichts davon ist in der Nähe des (beidseitigen) Terrors, der in Shakespeares Komödie stattfindet. Und auch das etwas kalte Willkommen durch Pyotr in der gemeinsamen und noch recht kargen Wohnung ist möglicherweise auf Gedankenlosigkeit, keinesfalls aber auf Boshaftigkeit zurückzuführen.

Eine erkennbare Nähe zu oder Auseinandersetzung mit „Der Widerspenstigen Zähmung“ konnte ich beim besten Willen nur in einigen Details erkennen. Die eigentliche Handlung  von Vinegar Girl ist eine Liebesgeschichte, die weder besonders originell noch spannend ist. Frau lernt Mann kennen, findet ihn blöd, dann aber doch besser als gedacht, irgendwann wird geheiratet. Charakterentwicklung findet kaum statt und ist, wo überhaupt vorhanden, größtenteils unmotiviert. Manchmal sind Szenen lustig, oft angestrengt humorvoll, ein mal hab ich gelacht. Könnte ein Sat1 FilmFilm sein.


William Shakespeare: „The Taming of the Shrew“. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. The Cambridge Text. Cambridge UP 1982.

Das Zitat stammt aus Akt II, Szene 1.

Anne Tyler: Vinegar Girl. Vintage 2017. 263 Seiten, ca. € 11.-. Erstausgabe Hogarth 2016. Deutsche Übersetzung: Die störrische Braut. Übersetzt von Sabine Schwenk. KNAUS 2016. 224 Seiten, € 19,99.

Das Zitat stammt von S. 173

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12 Gedanken zu “Shakespeare: The Taming of the Shrew – Anne Tyler: Vinegar Girl

  1. letteratura 8. Juli 2017 / 9:01

    Ich habe neulich Margaret Atwoods Beitrag zur Shakespeare-Serie gelesen. Da Du ja schon mehrere Bücher aus der Reihe gelesen hast, liegen die Probleme für Dich nicht im eigentlichen Konzept, lese ich heraus? Ich hatte nämlich bei der Lektüre das Gefühl, dass das Korsett einfach zu starr war, an das die Autorin sich halten musste und dass da so viel Entwicklung auch nicht möglich war. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ganze Konzept für so gut umsetzbar halte, obwohl ich es vorher eigentlich sehr spannend fand…

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    • Marion 8. Juli 2017 / 9:11

      Ich hatte mir auch deutlich mehr davon erwartet. Tyler war das dritte Buch, das ich aus der Reihe gelesen habe und am besten gefallen hat mir bisher die Idee von „Shylock“. Dann waren da halt viele bemühte Witze drin, was es wieder ein bisschen anstrengend gemacht hat.
      Atwood werde ich auf jeden Fall noch lesen, dann werde ich mal sehen, ob mich der Rest noch interessiert.

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      • letteratura 8. Juli 2017 / 10:23

        Ich finde es jetzt schon so schwierig, etwas zu dem Buch zu sagen, ich denke, erstmal werde ich keine weiteren Bücher aus der Reihe lesen. Und von Atwood eben anderes.

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  2. nettebuecherkiste 8. Juli 2017 / 14:37

    Wenn ich ehrlich bin, ich bin kein Fan des gesamten Projekts. Liegt teilweise sicher daran, dass ich ein Geschichtsfreak bin und es hasse, wenn historische Stoffe in die Gegenwart versetzt werden. 😉 Andererseits, bei Sherlock funktioniert es auch. Aber ich habe bisher noch keine Rezension zu einem der Bücher gelesen, die mich überzeugt hätte, eins davon zu lesen.

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    • letteratura 8. Juli 2017 / 16:28

      Stimmt, bei Sherlock funktioniert es… sehr gut, finde ich. Vielleicht ist es was Anderes, weil es eben eine Fernsehserie ist? Hmmm….

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      • Marion 8. Juli 2017 / 19:58

        Sherlock funktioniert so gut, weil man die Quintessenz der ganzen Story genommen hat – genialer Detektiv und sympathischer, weniger genialer Sidekick – und das ganze ein paar hundert Jahre nach hinten verlegt hat. Da die Gründe für Verbrechen zu Doyles Zeiten nicht anders waren als heute, lässt sich das alles ganz gut neu unterfüttern. Und weil Sherlock ohnehin gegen jede Konvention verstößt, ist es auch relativ egal, in welcher Gesellschaft er das tut. Es gibt ja auch einige andere Detektive, die ähnlich und sehr gut funktionieren, z.B. die Professor van Dusen-Reihe.
        Viel schwieriger ist das bei Gesellschaftsromanen – man könnte Dickens z.B. kaum glaubhaft ins 21. Jahrhundert versetzen. Da müsste man so viel verändern, dass man sich auch gleich was neues ausdenken könnte.
        Ich hatte gehofft, dass es bei Hogarth ähnlich wie bei Sherlock laufen würde. Denn die Motive, die Shakespeare in seinen Stücken hat, sind ja unverändert vorhanden und verfügbar. Liebe, Eifersucht, Rache, Habgier etc.
        Winterson hat die Eifersucht auch tatsächlich als zentrales Thema genommen, was gut funktioniert, hat aber der Adoption einen weit größeren Platz eingeräumt, als das im Stück der Fall war. Im Grunde aber funktioniert der Roman wie das Stück, die Personen handeln aus ähnlichen Motiven und deswegen ist es auch möglich, die Handlung zeitlich zu verlegen. Rasende Eifersucht funktioniert heute ja nicht anderes als 1600.
        Bei Shylock fand ich es ja wie gesagt auch ganz gut gelöst, Jacobson thematisiert den Antisemitismus im Stück und in der Gesellschaft, damals und heute. Wäre gut gewesen, wäre der Humor nicht so albern gewesen – aber das ist nun tatsächlich Geschmackssache.
        Tyler ist, finde ich, nur sehr am Rande auf die eigentlich zentrale Thematik eingegangen. Natürlich ist es auch kaum möglich, eine glaubhafte Geschichte zu schreiben, in der eine Frau mehr oder weniger in eine Ehe gezwungen wird, furchtbar behandelt wird, und am Ende eine Lobrede drauf hält. Das ist ja völlig bescheuert. Aber ich denke, da hätte es schon Wege gegeben, aus dem Thema was zu machen. Ist halt leider nicht passiert.
        Wie gesagt, Atwood lese ich jetzt noch weil Atwood, und dann sehe ich mal, wie es mit mir und der Reihe weitergeht.

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        • letteratura 8. Juli 2017 / 20:29

          Das klingt alles sehr schlüssig, Danke für diese interessanten Gedanken! Bin gespannt, wie Dir Atwood gefallen wird, meine Rezension kommt dann auch demnächst.

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  3. Bri 9. Juli 2017 / 11:01

    Anne Tyler ist an und für sich wirklich gut – das Projekt aber, bei dem auch Margaret Atwood in der Kritik nicht gut wegkam – ist denke ich das Problem. Du solltest ihr als Autorin noch eine Chance geben;) LG, Bri

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    • Marion 9. Juli 2017 / 12:53

      Ich habe ja „A Spool of Blue Thread“ echt als ganz okay in Erinnerung, aber die letzten beiden, die ich von ihr gelesen habe (dieses hier und „Ladder of Years“) fand ich echt nicht gut. Aber mindestens eines werde ich für das WPF-Projekt ja noch lesen – vielleicht versöhnt mich das ja wieder?

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      • Bri 10. Juli 2017 / 11:06

        Lies lieber die Reisen des Mr. Leary – großartig. Sie ist halt mittlerweile auch schon älter … Hast Du im Original gelesen? Also den Blauben Faden sicherlich, wenn Du schon den Originaltitel angibst. Und das Buch fand ich großartig. Diese unterschiedlichen Perspektiven, die sich ergeben sind toll. Ich mag sie sehr gern 😉 LG, Bri

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        • Marion 11. Juli 2017 / 22:32

          Ja, bisher hab ich alles im Original gelesen. Ich glaube, bis zum nächsten Versuch geb ich uns beiden mal ein bisschen Zeit.

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